Samstag, 29. Dezember 2018

Lesedefizite


Und wieder Berge von Büchern zu Weihnachten, es hilft nichts, ich muss lesen. Ich lese zu wenig. Als ich in der Uniklinik war, habe ich anderthalbausend Seiten gelesen, das war schön. Doch wenn ich den halben Tag schreibe, komme ich nicht richtig zum Lesen. Natürlich lese ich die Bücher, über die ich schreibe. Als ich den Post Wellen schrieb, habe ich Keyserlings Roman gelesen. Als ich amour fou schrieb, las ich den Roman Brandig noch einmal. Aber das zählen wir nicht, es muss etwas Neues, Unbekanntes sein. Doch gibt es das? Hat nicht Proust recht, wenn er schreibt: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können. Dass der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selber erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches und umgekehrt.

Lesen macht glücklich. Sagte Elke Heidenreich, Ohne Lesen verblöden wir. Lesen macht glücklich, davon gehe ich aus. Oder auch nicht. Ulrich Greiner hielt dagegen: Erinnert sich jemand an Emma Bovary? Das Unglück dieser hübschen und selbstsüchtigen Frau in Flauberts Roman beginnt damit, dass sie andauernd Romane liest, die ihr Bild von der Wirklichkeit nachhaltig beschädigen. Auch der berühmte Ritter von der traurigen Gestalt, der Don Quijote des Cervantes, hat so viele Romane gelesen, dass er sich zum Gespött seiner Mitmenschen macht. Nun ist es sicherlich richtig, dass Frau Bovary und Herr Quijote nicht intelligent genug waren, um aus ihrer Lektüre die richtigen Schlüsse zu ziehen. Angenommen, sie wären dazu imstande gewesen: Es hätte ihnen nicht zum Glück verholfen. Und wir hätten zwei große Romane weniger.

Ich komme mit der Lektüre von der Strudlhofstiege nicht voran. In der Zeit, in der ich hundert Seiten von Heimito von Doderer lese, schaffe ich drei Romane von Joseph Roth. Manche Österreicher sind sperrig. Den Mann ohne Eigenschaften habe ich letztens noch einmal zu lesen versucht, ging nicht. Dagegen war Musils Tod des Vergil ein Klacks. Aber jetzt habe ich etwas Neues entdeckt: Walter Kappacher. Der ist in diesem Jahr achtzig geworden und schreibt seit beinah einem halben Jahrhundert. Ist an mir vorbeigelaufen, ist mir peinlich. Aber im neuen Jahr, da schreibe ich über ihn. Das habe ich mir fest vorgenommen.

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