Donnerstag, 16. Juni 2011

Dublin


Compile the budget for 16 June 1904.
DEBIT 1 Pork Kidney 1 Copy FREEMAN'S JOURNAL 1 Bath And Gratification Tramfare 1 In Memoriam Patrick Dignam 2 Banbury cakes 1 Lunch 1 Renewal fee for book 1 Packet Notepaper and Envelopes 1 Dinner and Gratification 1 Postal Order and Stamp Tramfare 1 Pig's Foot 1 Sheep's Trotter 1 Cake Fry's Plain Chocolate 1 Square Soda Bread 1 Coffee and Bun Loan (Stephen Dedalus) refunded

Eine nüchterne Bestandsaufnahme, die Leopold Bloom da am 16. Juni macht. Diesen Tag hat sich James Joyce für seinen Roman Ulysses ausgewählt, weil er an einem 16. Juni Nora Barnacle zum ersten Mal ausgeführt hat. Heute wird von den James Joyce Verehrern weltweit der Bloomsday gefeiert. Ich weiß nicht, ob es hier dafür besondere Zeremonien gibt, in Dublin schon. Aber ein grüner Schlips und ein Glas uisge beatha sind auf keinen Fall verkehrt. Und natürlich ein Häppchen Ulysses, obgleich es wohl niemand schaffen wird, die 24 Stunden aus dem Leben von Leopold Bloom in 24 Stunden zu lesen. Aber der Monolog von Molly am Schluss des Roman wäre ein guter Anfang. 

Yes because he never did a thing like that before as ask to get his breakfast in bed with a couple of eggs since the City Arms hotel when he used to be pretending to be laid up with a sick voice doing his highness to make himself interesting for that old faggot Mrs Riordan that he thought he had a great leg of and she never left us a farthing all for masses for herself and her soul greatest miser ever was actually afraid to lay out 4d for her methylated spirit telling me all her ailments she had too much old chat in her about politics and earthquakes and the end of the world let us have a bit of fun first God help the world if all the women were her sort down on bathingsuits and lownecks of course nobody wanted her to wear them I suppose she was pious because no man would look at her twice I hope Ill never be like her a wonder she didnt want us to cover our faces but she was a welleducated woman certainly and her gabby talk about Mr Riordan here and Mr Riordan there I suppose he was glad to get shut of her and her dog smelling my fur and always edging to get up under my petticoats especially then still I like that in him polite to old women like that and waiters and beggars too hes not proud out of nothing but not always if ever he got anything really serious the matter with him its much better for them to go into a hospital where everything is clean...

So fängt es an, Sie können hier weiterlesen, ein Satzzeichen werden Sie vergebens suchen. Es ist ein langer Roman. Viele Wörter. Angeblich 30.000 verschiedene. Shakespeare kommt in all seinen Stücken mit 20.000 aus. What do you read, my lord? fragt Polonius, Words, words, words antwortet Hamlet. Shakespeare und Joyce werden aber noch von einem Literaturnobelpreisträger geschlagen, der 40.000 verschiedene Wörter verwendet haben soll. Winston Churchill. Andere Politiker kommen mit weniger aus. Ich kann mich noch an eine köstliche Sendung des Westdeutschen Rundfunks vor einem halben Jahrhundert erinnern, die von Karl-Heinz Wocker gemacht worden war, und die Lernt Rheinisch mit dem Bundeskanzler hieß. Gab es hinterher auch als Platte. Wocker hatte Adenauer natürlich eine geschickt. Bekam dann auch einen Dankesbrief: Herzlichen Dank für Ihren Brief vom 14. Mai 1963, mit dem Sie mir die Schallplatte `Lernt Rheinisch mit Konrad Adenauer’ übersandt haben. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Vor einigen Jahren hat man das Ganze als Hörbuch wieder herausgebracht. Ulysses gibt es auch als Audiobook. Naxos bietet den ganzen Roman auf 22 CDs an. Hat aber auch eine Kurzfassung (4 Stunden 49 Minuten) auf vier CDs im Angebot.

Als ich Ulysses vor einem halben Jahrhundert zum ersten Mal las, war es in der Übersetzung von Georg Goyert, in der schönen Ausgabe des Rhein-Verlags. Diese Übersetzung ist von James Joyce selbst autorisiert worden, später aber in Verruf geraten. Arno Schmidt resümierte seine Kritik dreißig Jahre nach dem ersten Erscheinen der (damals dreibändigen) Ulysses Ausgabe folgendermaßen: Was uns im Augenblick als ‘Ulysses des James Joyce’ vorgesetzt wird, ist [...] genial übersetzt? : ein Bruchteil. handwerklich brauchbar (als Vorarbeit für den - hoffentlich - kommenden Besseren) : die Hälfte. der Rest? : eine Satire auf das grandiose Original! Wie hätte der Ulysses ausgesehen, wenn der große Besserwisser aus der Heide ihn übersetzt hätte?

Natürlich habe ich wenig später eine englische Ausgabe gekauft, inzwischen habe ich sogar mehrere, sogar einen corrected text. Ich besitze auch die viel gerühmte Neuübersetzung von Hans Wollschläger, um die damals im Feuilleton viel Buhei gemacht wurde (ich gestehe, dass ich sogar sein magnum opus Herzgewächse subskribiert hatte - wie alle anderen Subskribenten warte ich immer noch auf den zweiten Band). Aber eigentlich habe ich nichts gegen die Goyert Übersetzung, zumal der Verlag dem Übersetzer nach dem Krieg die Möglichkeit gegeben hatte, offensichtliche Fehler auszumerzen. Und man muss natürlich auch bedenken, dass Wollschläger in den siebziger Jahren ganz andere Wörterbücher zur Verfügung standen als Goyert in den den zwanziger Jahren.

Ich habe mich damals vor Ulysses nicht gefürchtet. Man sollte sich niemals vor Romanen fürchten, auch wenn sie lang und schwer sind. Ich hatte schon Portrait of the Artist as a Young Man und die Dubliners gelesen. Ich habe auch bestimmt nicht alles verstanden. Aber jeder Leser liest seinen eigenen Text. Wir lesen immer nur uns selbst, sagt Marcel Proust. Ich habe einmal im Fernsehen den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke in einem Interview sagen hören, dass er immer über seinem Niveau gelesen habe und vieles nicht verstanden habe. Und nach einer kurzen Pause fügte er lächelnd hinzu: Man sollte immer über seinem Niveau lesen. Es bleibt immer irgend etwas hängen.

Ich war nicht der einzige in meiner Klasse, der damals Ulysses las. Wir lasen alle viel, aber nie das, was auf dem Stundenplan stand. Mein Freund Peter war, glaube ich, der erste von uns, der einen Stuart Gilbert hatte. Der war 1960, auch wieder in der Übersetzung von Goyert, unter dem Titel Das Rätsel Ulysses im Rhein Verlag Zürich erschienen. Und das ist ein Buch, das jeder Joyce Leser haben sollte. Es ist wie ein Baedeker für die Welt von Leopold Bloom. Heute gibt es natürlich im Internet nützliche Sachen wie ➱diese Seite hier. Ich dachte damals, dass ich an der Universität mehr über Joyce lernen würde, aber das war eine Täuschung. Wie Kurt Vonnegut es so nett gesagt hat: When you get to be our age, you all of a sudden realize that you are being ruled by people you went to high school with ... You all of a sudden catch on that life is nothing but high school. You make a fool of yourself in high school, then you go to college and learn how how you should have acted in high school, and then you get into real life and that turns out to be high school all over again - class officers, cheerleaders, and all.

Man lernt nicht viel an Universitäten, wenn man Glück hat, stößt man auf eine Handvoll Leute, die einen vorwärts bringen. Die Professoren in meinem Institut drückten sich darum, Vorlesungen oder Seminare über Joyce zu machen. Zu schwer. Wahrscheinlich hatten sie ihn auch nie gelesen. Außer der Baronin Gisela von Stoltzenberg (die ich ➱hier schon einmal erwähnt habe), bei der ich ein Seminar über die Dubliners besucht habe. Sie hängte als erstes eine Karte von Dublin auf, und ich dachte mir oh, Gott, Geographieunterricht. Aber es macht natürlich viel Sinn, eine Dublin Karte vor Augen zu haben, wenn man Joyce liest. Wenn Sie der Baronin und mir nicht glauben, dann wird Sie sicher Vladimir Nabokov überzeugen: Instead of perpetuating the pretentious nonsense of Homeric, chromatic, and visceral chapter headings, instructors should prepare maps of Dublin with Bloom’s and Stephen’s intertwining itineraries clearly traced. Das da oben ist Nabokovs Karte von Leopold Blooms Odyssee.

Die Baronin hatte Joyce (und Éamon de Valera) gekannt und hat mir einmal ein Photo von Joyce geschenkt, das ihn an einem Sommertag mit hellem Hut und Spazierstock zeigt. Ich habe es sehr gut weggepackt. Ich habe es so gut weggepackt, dass ich es bisher noch nie wiedergefunden habe. Aber die Werke von James Joyce sind natürlich griffbereit für den Bloomsday. Der Whiskey auch. Das hier oben ist übrigens Leopold Bloom so wie ihn Joyce gezeichnet hat.

Heute ist nicht nur Bloomsday, heute haben auch Heike und Inken Geburtstag, wozu ich herzlich gratuliere.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen