Dienstag, 28. Juni 2011

Eric Ambler


Nein, das ist natürlich nicht Eric Ambler. Aber Peter Paul Rubens hat heute auch Geburtstag. Über den hätte ich auch schreiben können, doch zu dem fällt mir nichts ein. Ich mag ihn nicht, obgleich ich weiß, dass er ein großer Maler ist. Das letzte Mal, als ich etwas zu Rubens gesagt habe, hat mich eine ganze Gruppe von Touristen feindselig angestarrt. Geht ihr schon mal vor zu den fetten Weibern, ich guck mir noch mal die kleinen Affen an, hab ich zu Carola und Jimmy im Dahlemer Museum gesagt. Ich wollte mir noch einmal die wunderbaren kleinen Äffchen von Brueghel anschauen und den Saal mit den voluminösen Schönheiten von Rubens vermeiden. Wenn Sie von mir etwas anderes als fette Weiber zu Rubens hören wollen, kann ich nur Simon Schamas hervorragendes Buch Rembrandt's Eyes empfehlen, das auch ein sehr gutes Kapitel über Rubens hat.

Eric Ambler, der heute vor 102 Jahren geboren wurde, gilt als einer der Begründer des englischen thriller. Für manche ist er der Erfinder dieser Gattung. Das ist nicht so ganz richtig, weil es vor ihm schon John Buchan gegeben hat, an dessen Roman The Thirty-Nine Steps man natürlich nicht vorbeikommt, wenn man sich mit dem Genre beschäftigt. Ambler übernimmt von Buchan die Figur des außenstehenden Jedermanns, der (wie Richard Hannay) plötzlich in internationale Intrigen hineingezogen wird. Und auch das Element von flight and pursuit, das wir aus The Thirty-Nine Steps kennen, setzt er zum Beispiel im letzten Drittel von Cause for Alarm effektiv ein. Anders als bei Buchan ist allerdings, dass seine Helden nicht mehr das spätviktorianische englische Empire in England oder Schottland retten, sondern sich in der Zeit des aufblühenden Faschismus in Europa bewähren müssen. Buchans Ideologie in den Richard Hannay Romanen war systemstabilisierend, so wie Richard Hannay der perfekte englische Gentleman war. Ambler schreibt politische Thriller gegen den Faschismus.

Eric Ambler ist allerdings der erste, der sich als Autor professionell mit dem Genre beschäftigt, alle anderen, die zuvor auch Spionageromane schrieben, waren Gentlemen, die das nebenbei betrieben. Ambler war auch einer der wenigen, der keinen Secret Service Background hatte. Denn die meisten englischen Autoren, die über die Welt der Spionage schrieben, waren für den Geheimdienst tätig gewesen: John Buchan, Compton Mackenzie, Graham Greene, Ian Fleming, John le Carré. Um das wettzumachen, legte Ambler sehr viel Wert auf genaueste Recherche. Aber er schrieb (wie Buchan) für den normalen Leser, seine literarischen Ambitionen waren nicht sehr hochgesteckt: In my writing, I'm not trying to reach for intelligent scholars but people who read books and people who go to the movies. Of course, most serious novels have some relevance in a social context.

Die besten Romane von Eric Ambler sind zweifellos seine ersten wie The Dark Frontier, Uncommon Danger, Cause for Alarm und The Mask of Dimitrios. Allerdings muss man ihm bescheinigen, dass er in seiner langen Karriere durchgehend ein hohes Niveau bewahrt hat. Ein Zeichen dafür ist auch, dass es seine Romane in deutscher Übersetzung nicht bei Goldmann sondern bei Diogenes gibt. Gerd Haffmanns, damals noch bei Diogenes, hat einmal einen interessanten Band Über Eric Ambler herausgebracht. Kann man heute ab 0,01 € bei Amazon Marketplace bekommen. Lohnt unbedingt. Und dann gibt es bei Diogenes neben einer Biographie von Stefan Howald noch die Autobiographie Ambler by Ambler, die im Original den doppeldeutigen Titel Here lies Eric Ambler hat.

Ursprünglich war Ambler kein Diogenes Autor, seine Bücher sind nach dem Krieg in zum Teil sehr schlechten Übersetzungen bei einem halben Dutzend Verlage erschienen. Einer dieser Verlage war der heute vergessene Nest-Verlag in Nürnberg, bei dem im Rahmen der Krähen Bücher nach dem Krieg ein erstaunliches Programm von Krimis auf den Markt kam. Von Allingham und Ambler über Chandler bis Dorothy Sayers. Da waren Goldmann, Heyne und Ullstein eines Tages sehr dankbar, als dieser kleine Verlag aufgab. Wenn Sie Krimi Fan sind, sollte Sie dieses kurze ➱Verlagsporträt unbedingt lesen.

Der Verlagsgründer des Nest-Verlags Karl Anders (links) heißt in Wirklichkeit Kurt Wilhelm Naumann, er ist vor den Nazis nach England geflohen. Dank seiner Verbindungen zu englischen Verlegern kann er nach dem Kriege dieses qualitativ erstaunliche Krimiprogramm auflegen. Und so erscheint der Engländer, der Krimis gegen den Faschismus geschrieben hat, im Verlag eines deutschen Antifaschisten. Anders schreibt sogar über den Kriminalroman (in Bücherei und Bildung 5/6 [1952], S. 509-518), ein Beitrag, der in vielen Anthologien nachgedruckt wurde. Und er überredet den Münchener Anglisten Fritz Wölcken, seine Habilitationsschrift doch in seinem Verlag zu veröffentlichen. Wölcken (beinahe gleich alt wie Ambler) hatte einen ähnlich erstaunlichen Lebensweg wie Anders-Naumann.

In China als Sohn eines deutschen Kaufmanns geboren und aufgewachsen, hatte er dort ein vorzügliches Englisch gelernt. Was ihn zu einem Außenseiter unter deutschen Anglistikprofessoren machte (die waren zu Zeiten meines Studiums noch stolz darauf, dass sie die Sprache nicht wirklich sprechen konnten). Dann Abitur in Deutschland, aber erst kein Studium, sondern eine Verlagslehre. Später Studium und Promotion bei Friedrich Gundolf. Vielleicht ist er da Joseph Goebbels begegnet, der ja auch mal bei Gundolf promovieren wollte. Danach war Wölcken an der Odenwaldschule, das darf man ja heute gar nicht mehr erwähnen, aber damals galt das als der Gral der Reformpädagogik. Danach durch Empfehlung von Herbert Grierson Stellen in Edinburgh und Aberdeen, 1937 ein PhD an der Uni Edinburgh. Als er nach Deutschland zurückkommt, weiß er, dass er unter den Nazis keine Chance auf eine Unilaufbahn hat, und so arbeitete er wieder im Buchhandel. Nach Kriegsende arbeitet er in München für die amerikanische Militärverwaltung und bekommt schnell einen Lehrauftrag an der Uni München.

Und schreibt dann Der Literarische Mord: eine Untersuchung über die englische und amerikanische Detektivliteratur. Das war die zweite akademische Arbeit über den englischen Krimi in Deutschland in dem Jahrhundert. 1914 (ein Jahr bevor The Thirty-Nine Steps erscheint) hatte Fritz Depken seine Dissertation Sherlock Holmes, Raffles und ihre Vorbilder veröffentlicht. Wölckens Werk blieb lange Zeit ein Standardwerk, auch aus dem simplen Grund, weil es außer ihm lange Zeit kein deutscher Universitätsanglist gewagt hatte, seine Reputation durch ein Buch über den Krimi zu gefährden. Das galt in akademischen Kreisen damals als Igitt. Hat sich inzwischen geändert.

Diogenes Chef Daniel Keel war durch seinen Mitarbeiter Heinrich Stolz auf Ambler aufmerksam gemacht worden, der dem Verlag im gleichen Jahr (1967) als man Eric Ambler als Autor gewann auch noch Alfred Andersch zuführte. Man war bei Diogenes mit den Übersetzungen nie so recht glücklich gewesen und entschloss sich in den neunziger Jahren, die Übersetzungen radikal zu überarbeiten oder ganze Romane neu übersetzen zu lassen. Denn vieles was nach dem Krieg aus dem Englischen übersetzt worden ist, bedeutete für den jeweiligen Übersetzer Geld zum Überleben, auf literarische Qualitäten wurde nicht so geachtet. Wenn der Name des Übersetzers überhaupt im Buch auftauchte, wurde er sehr klein gedruckt. Häufig fragt man sich, was für Schicksale hinter diesen Übersetzungen stehen. Was bewegt eine klassische Philologin wie Dr. Helene Homeyer, 1947 für den Hera Verlag in Berlin Dorothy Sayers The Nine Tailors zu übersetzen? Diesen Nachkriegsverhältnissen verdanken wir ja auch einige sehr seltsame Moby-Dick Übersetzungen. Und auch in den Jahren darauf sind die Bedingungen für Übersetzer von englischen Krimis nicht gut. Verlage zahlen für Krimiübersetzungen sehr wenig, ich weiß das von Freunden, die während ihres Studiums Krimis übersetzt haben (meist unter einem Pseudonym).

Aber das wurde jetzt bei Diogenes alles anders. Wie es sich für einen Klassiker gehört, urteilte Paul Ingendaay in der Frankfurter Allgemeinen über die neuen Übersetzungen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass zur gleichen Zeit auf dem englischen Markt kein Buch von Ambler mehr lieferbar war. The Care of Time hatte er im Streit mit seinem Lektor zurückgezogen, weil der ohne ihn zu fragen am Manuskript herumgedoktert hatte. Auf die Frage eines Interviewers, ob er das nicht bereue, antwortete er trocken: In der Zwischenzeit bin ich offenbar in Deutschland ein großer Erfolg. Da war er auch längst mit seiner zweiten Frau Joan Harrison (der engsten Mitarbeiterin von Hitchcock) in die Schweiz gezogen. Vielleicht waren ihm seine Romane auch längst egal, ich glaube, dass er mehr Geld mit dem Schreiben von Drehbüchern verdient hat. Why do I write? Because I enjoy it--I don't really need the money, hat er in einem Interview gesagt.

Warum nicht den Thriller verändern, etwas Intelligentes, etwas Kulturelles daraus machen? hat Ambler einmal gesagt. Und das hat der Gentleman mit den guten Manieren getan, der alle Romane mit dem Füllfederhalter geschrieben hat, stets mit dreiteiligem Anzug bekleidet. Irgendwie merkt man das den Romanen an. Wenn man Klassiker des Genres schreibt, dann geht das nur mit dem Füllfederhalter und mit Anzug und Weste. Aber dieser Gentleman mit den guten Manieren ist immer wieder in der Lage, sich (und uns) in seine Romanfiguren hineinzuversetzen. Die nicht so gute Manieren haben: Ich hatte keine andere Wahl: Wenn mich die türkische Polizei nicht verhaftet hätte, so hätte mich die griechische hinter Schloss und Riegel gebracht. Ich musste tun, was Harper mir befahl. Dieser Harper war schuld an allem, was später geschah… Das ist der Anfang von The Light of Day. Wir kennen es als Topkapi, und wir haben den schwitzenden Peter Ustinov (den Ambler gut kannte) mit seinem angeschmuddelten Old Etonian Schlips vor Augen. Ambler ist ein Meister der Verstellung, der Gentleman mit den eleganten Anzügen und dem Füllfederhalter ist nur eine Maske des Meisters der Täuschung.

Zum hundertsten Todestag Amblers im Jahre 2009 hat Penguin die frühen Romane Journey into Fear, Uncommon Danger, Cause for Alarm, The Mask of Dimitrios und Epitaph for a Spy wieder auf den Markt gebracht. Wurde ja auch Zeit. Thrillers… really say more about the way people think and governments behave than many of the conventional novels, hat Ambler der The New York Times in einem Interview 1981 gesagt. A hundred years from now, if they last, these books may offer some clues to what was going on in our world. Für die frühen Ambler Romane gilt das unbedingt.

Ambler hat in einem Interview auf die Frage, ob man seine Romane nun als thrillers, intrigue oder suspense kategorisieren sollte, geäußert: I don't like the word suspense as an adjective. Any novel needs suspense. Graham Greene once labeled his thrillers "entertainments", as if to tell the reader they weren't as important as his novels. I remember talking with Graham about his invention of the word. He had wanted to write his thrillers under a pseudonym. Okay, his publisher told him, in that case I'll give you half the usual advance. Oh, Graham replied, and dropped the idea of using another name and created the word "entertainment" to differentiate them from his other books. It's interesting to note that in his collected edition, Graham took off that label. And, as a matter of fact, by now I can't tell which are "entertainments" and which are not--they're all Greene. Wie Graham Greene hat es Ambler in seinen besten Romanen geschafft, dass sich die klar gezeichneten Grenzen zwischen einem "seriösen" Roman und dem Thriller aufheben.

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