Mittwoch, 1. Juni 2011

Wilfrid Israel


Heute vor 68 Jahren ist der englische Filmschauspieler Leslie Howard gestorben. Wir kennen ihn als Ashley Wilkes, die lebenslange Liebe von Scarlett O'Hara in Gone with the Wind. Engländer kennen ihn auch als den Helden von The Scarlet Pimpernel, jenen leicht vertrottelten Adeligen Sir Percy Blakeney, der in Wirklichkeit ein Held ist: They seek him here. They seek him there. Those Frenchies seek him everywhere. Is he in Heaven? Or is he in Hell? That damned, elusive, Pimpernel. Und drüben im revolutionären Frankreich bewahrt er Landsleute vor dem Tod unter der Guillotine. Ein Gang, den Dirk Bogarde als Sidney Carton in der Dickens-Verfilmung A Tale of Two Cities nicht vermeidet. Eine der großen ➱Szenen des englischen Kinos. Wenn Sie das auf YouTube anklicken, sollten Sie die Taschentücher bereithalten.

Leslie Howard ist nicht bei Dreharbeiten umgekommen oder im Bett gestorben. Das ➱Flugzeug, in dem er reiste, ist über der Biscaya von den Deutschen abgeschossen worden. Es gibt Theorien, wonach die Deutschen vermuteten, dass Churchill dieses Flugzeug für den Flug von Casablanca nach England benutzen würde. Es gibt aber auch Theorien, dass Goebbels persönlich den Abschussbefehl gegeben hätte, als er hörte, dass Leslie Howard in dem Flugzeug war.

Vor dem Flug hatte Leslie Howard zu einem Mitreisenden gesagt: You are the Scarlet Pimpernel that I have played only in film. Der Mitreisende, zu dem er das sagte, stand nur als Namenskürzel auf der Passagierliste, und lange Zeit hat man nicht gewusst, wer jener geheimnisvolle Passagier war. Dass Leslie Howard unter den Toten war, wusste man nicht nur in London, sondern auch in Berlin. Pimpernel Howards letzte Reise höhnte Goebbels' Zeitung Der Angriff. Goebbels hatte einen besonderen Hass auf Howard und hielt ihn für den gefährlichsten Mann der englischen Kriegspropaganda. Howard, der aus einer ungarisch-jüdischen Familie stammte, war im Ersten Weltkrieg Offizier in der englischen Armee gewesen. Die Propagandafilme, die Joseph Goebbels so aufregten, hatte er voller Überzeugung für die englische Sache gedreht. Einer davon war Pimpernel Smith (man kann ihn bei YouTube in vielen 10 Minuten Häppchen sehen), in dem der Stoff des Romans der Baroness Orczy ins Nazi Deutschland verlegt wird. Angeblich soll der Film den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg zu seinen ➱Rettungsaktionen ungarischer Juden inspiriert haben.

Der Mann, den Leslie Howard als den wahren Scarlet Pimpernel bezeichnet hatte, ist ein in London geborener Berliner (der aber einen britischen Pass besitzt) namens Wilfrid Israel. Die Londoner Times wird eine Woche später von einem British-born businessman with a prominent position among the Jews of Berlin, who had devoted himself, after leaving Germany just before the war, to the rescue of Jewish children from Nazi hands, and … who had placed at the disposal of the British government his deep and extensive knowledge of German affairs sprechen. Das klingt sehr geheimnisvoll, und es wird auch wohl ein Geheimnis bleiben, inwieweit Israel im offiziellen Auftrag des Foreign Office unterwegs war.

Ein anderes Schreiben aus jenen Tagen bedarf keiner Interpretation und keiner Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Lesens. Es ist ein Brief aus Amerika von Albert Einstein an die Mutter von Wilfrid Israel:

Princetown, N.J. VI. 14. `43.
Dear Mrs. Israel, A deep desire prompts me to write to you as I know your great anxiety regarding the fate of your son. Never in my life have I come in contact with a being so noble, so strong and as selfless as he was – in very truth a living work of art.
In these times of mass-misfortune, which so few are able to stand up to – one feels the presence of this “chosen one” as a Liberator from despair for mankind.
I dare yet to hope that through a miracle he has been spared to us. Yet it urges me, though so helpless, to assure you of my deepest sympathy in these most tragic hours.
With heartfelt wishes,
A. Einstein


Der Berliner Millionär und Dandy (links auf einem Photo aus dem Jahre 1942), der Mann, der hinter der Figur Bernhard Landauer in Christopher Isherwoods Roman Goodbye to Berlin steht, den Isherwood als the greatest man I ever met bezeichnete und der auch für Feuchtwangers Roman Die Geschwister Oppermann die Vorlage war, ist erstaunlich schnell in Vergessenheit geraten. Ein Stolperstein in Berlin, ein kleines Museum im Kibbutz Hazorea, eine ➱Internetseite und ein etwas kläglicher deutscher Wikipedia Artikel (der englische ist besser).

Die Familie von Wilfrid Israel ist schon lange in Berlin, seine Vorfahren sind als Schutzjuden zur Zeit von Friedrich dem Großen in die Stadt gekommen. Sie und andere jüdische Familien werden Berlin im 19. Jahrhundert zur Hochburg der Konfektion und sogar der Haute Couture machen. Wenn das internationale Publikum wegen des Deutsch-Französischen Krieges 70/71 Paris meidet, werden amerikanische Millionärsgattinen in den Salons von Berlin einkaufen. Jahrzehnte später werden die fetten Weiber der Nazigrößen auch in den feinen Berliner Salon kaufen, die dann aber nicht mehr ihren eigentlichen Besitzern gehören. Aber elegante Mode möchte man doch gerne haben, da interessieren die Folgen dessen, was man so schön Arisierung nennt, nicht so sehr. Uwe Westphal hat diesen ganzen beschämenden Komplex in seinem Buch Berliner Konfektion und Mode 1836-1939: Die Zerstörung einer Tradition behandelt. Und da wir gerade von Traditionen reden: wir haben da in Deutschland wirklich schöne Traditionen, auf die wir stolz sein können. Ich kann da das Internetforum namens Thiazi empfehlen, eine Germanische Weltnetzgemeinschaft, die eine schöne Diskussion über die schönsten Frauen im III. Reich auf ihren Seiten haben.

Wilfrid Israel ist Erbe des Kaufhauses Nathan Israel, eines der größten Kaufhäuser Europas, man vergleicht es manchmal mit Harrods. Die Arbeitsbedingungen bei Israel sind beispielhaft, von der Sozialversicherung über Kindergärten und Clubräume. In etwas kleinerem Stil finden wir solche sozialen Einrichtungen auch in meiner Heimatstadt bei Julius Bamberger wieder, dem das größte Kaufhaus von Bremen gehört. Bambüdel nennen es die Bremer liebevoll. Ich habe das schon am Rande erwähnt, als ich über den Kriegsverbrecher ➱Walter Többens aus meinem Heimatort geschrieben habe. Bei C&A Brenninkmeyer dagegen sieht es (vor allem in Bremen) etwas anders aus als bei Nathan Israel wie die Süddeutsche vor wenigen Wochen in ihrem Artikel Für Führer, Volk und Vaterland berichtete.

Wilfrid Israel paktiert nicht wie die Brenninkmeyers mit den Nazis, er kämpft einen langen Kampf gegen sie. An dessen Ende dann diese Herren vor der Tür des Kaufhauses stehen (deren geklonte Nachfahren wir heute bei der Germanischen Weltnetzgemeinschaft finden). Wenn er sich am 6. Februar 1939 von seinen Angestellten mit einem Dankesbrief verabschiedet, hat er längst dafür gesorgt, dass seine jüdischen Angestellten das Land verlassen konnten. Das Haus geht für einen Spottpreis an Emil Kösters DeFaKa.

Seit 1933 ist Wilfrid Israel immer wieder verhaftet worden, aber sein englischer Pass und seine englischen Freunde in hohen Positionen hatten Schlimmeres verhindert. Israel hatte klarsichtig all das kommen sehen, was kommen würde. Der Freund von Martin Buber, Albert Einstein und Chaim Weizmann wird eine prominente Rolle bei dem spielen, was man heute Kindertransport nennt, jene Rettungsaktion, der auch mein Freund ➱Peter Gutkind sein Leben verdankte. Zehntausende verdanken ihm sein Leben. Und so ist er wirklich zu dem geworden, wovon Leslie Howard sprach, als er sagte You are the Scarlet Pimpernel that I have played only in film. Auf dem Stolperstein in Berlin steht Kaufhauserbe Retter jüdischer Kinder. Mehr Denkmale als diesen Stolperstein gibt es für ihn in Deutschland nicht.

Naomi Shepherd hat 1984 mit Wilfrid Israel: German Jewry's Secret Ambassador (amerikanischer Titel: A Refuge from Darkness: Wilfried Israel and the Rescue of the Jews) eine Biographie Israels geschrieben. Das Buch erschien in deutscher Übersetzung 1985 als Wilfrid Israel im Siedler Verlag. Wenn man auf dieser ➱Seite The Book of Tributes to Wilfrid Israel anklickt, kann man die Beiträge der kleinen Festschrift lesen, die ihm seine Freunde 1944 gewidmet haben. Kurz vor seiner Reise nach Lissabon 1943 hatte Wilfrid Israel sein Testament gemacht. Er vermachte dem Kibbutz Hazorea, den er zuletzt 1940 besucht hatte, seine Kunstsammlung. Seit 1951 ist sie dort in einem Museum ausgestellt.

Ein Bewohner des Kibbutz wird in dem Testament besonders bedacht. 1936, als die ersten deutschen Emigranten hierher kamen, hatte Wilfried Israel gesehen, dass sich einer seine kleine Hütte als erstes mit einem aus einer Illustrierten ausgeschnittenen Bild geschmückt hatte. Jetzt erhält er als Erbschaft Bernardo Daddis Madonna mit dem Kind. Und so kommt ein Christusbild der italienischen Frührenaissance hierher zurück, wo alles angefangen hat, Judentum und Christentum. Und Hass und Verfolgung.

Postscriptum (1. Februar 2012). Ich habe hier noch einen Link zu einem ➱Film über Wilfrid Israel.

Lesen Sie auch: ➱Haute Couture

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