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Freitag, 17. September 2010

Hermann Bausinger


An den Herrn gehen heute von dieser Stelle meine Geburtstagsgrüße. Der Professor Hermann Bausinger kennt mich nicht, aber ich kenne ihn, weil ich eine Vielzahl seiner Bücher gelesen habe und sein Wirken über die Jahre verfolgt habe. Er hat leider im Internet nur einen etwas kläglichen Wikipedia Artikel (hat der Mann keinen Fanclub, die ihm da was Besseres hinschreiben können?), und die Bundesrepublik hat es versäumt, ihm ein richtig großes Verdienstkreuz zu geben. Immerhin hat ihm das Land Baden-Würtemberg im letzten Jahr den Verdienstorden verliehen. Im letzten Jahr ist auch sein Assistent und langjähriger Weggefährte Utz Jeggle gestorben, der war erst 68 Jahre alt. Hermann Bausinger wird heute 84 Jahre alt, und ich hoffe, es geht ihm gut. Er hat ein ganzes Universitätsfach nach 1945 verändert, das können nicht so viele in Deutschland von sich sagen.

Das Fach hieß Volkskunde, es heißt heute Europäische Ethnologie oder auch Kulturanthropologie (und es gibt noch andere Namen). Es ist ein Fach, das sich immer noch mit der Definition schwer tut. Vor 1945 war in der Volkskunde alles klar, als man Begriffe wie Volksgemeinschaft, Volksleben und Volkskultur hatte und alles blond und germanisch war. Jahrzehnte später haben wir von dem ▹Germanentum nur noch den Cartoon Hägar der Schreckliche und mit so etwas beschäftigen sich in Amerika die Popular Cultural Studies, die sich mit der deutschen Volkskunde inhaltlich in vielem überschneiden.

Bausinger hat in Tübingen promoviert, hat sich dort 1959 habilitiert und wurde 1960 dort Professor. Seine Habilitationsschrift Volkskultur in der technischen Welt markiert die Neuorientierung des Faches, und mit Bausinger wurde Tübingen zum Zentrum der progressiven Forschung des Faches. Während man sich andernorts noch mit germanischen Gemmen und keltischen Hinkelsteinen beschäftigte, gab es in Tübingen schon 1969 eine Dissertation von Jens-Ulrich Davids Das Wildwest-Romanheft in der Bundesrepublik. Die war in ihrem amerikanistischen Teil etwas schwächlich, aber sonst wirklich originell, und sie erlebte auch eine zweite Auflage. In Amerika hätte Davids dafür an der Bowling Green University in Ohio, dem Zentrum der amerikanischen Popular Culture Studies, wohl auch einen Doktortitel bekommen, in Deutschland außer in Tübingen aber wohl nirgends.

Als Davids' Dissertation erschien, war das Fach (das ja nicht an allen deutschen Universitäten vertreten ist) gerade im einem Richtungsstreit, ob man sich mehr der Soziologie oder mehr der Ethnologie als als Leitwissenschaft zuwenden solle. Und so richtig wissen sie das wohl immer noch nicht, seit Albrecht Dieterich im Jahre 1902 Über Wesen und Ziele der Volkskunde schrieb. Der ist mehr als ein halbes Jahrhundert später für den Verfasser des Artikels Das Studium der Volkskunde in dem Hochschulführer, den die Christian Albrechts Universität zu Kiel zur 300-Jahr-Feier herausgab, noch immer eine Autorität, wenn hier von der Kultur seiner Stämme und Besiedlungslandschaften, insgesamt seiner Grundschicht als 'Mutterboden der Kulturnation' die Rede ist. Der ganze Artikel liest sich so, als ob er noch aus einer anderen Zeit käme, was natürlich an einer Universität, die einmal eine Vorzeigeuniversität der Nazis gewesen war und in den sechziger Jahren noch eine Vielzahl von Altnazis in ihrer Professorenschaft hatte, nicht so ganz verwundert.

Man kann den Beginn der Volkskunde im 18. Jahrhundert sehen (ich begebe mich jetzt auf ein etwas unsicheres Gebiet, aber wenn es dem Fach noch nicht einmal gelungen ist, sich vernünftig zu definieren, warum sollte das mir gelingen?), und das im doppelten Sinne. Zum einen ziehen Eroberungen und Entdeckungen Missionare nach sich, die häufig alles aufschreiben. Nun sind natürlich jesuitische Priester, die Native Americans zu bekehren versuchen, nicht unbedingt die besten Wissenschaftler. Und sie sind von Clifford Geertz' Methode der thick description meilenweit entfernt, aber dies ist der Beginn der Ethnologie. Das zweite Element ist etwas Vorromantisches, man beginnt alle Lieder und Eigentümlichkeiten des eigenen Volkes zu sammeln, um das Eigene, Völkische besser definieren zu können. Von Herder, bis zu Brentano und von Arnims Des Knaben Wunderhorn oder den Brüdern Grimm. Und dann bleibt man im 19. Jahrhundert erstmal beim Definieren von Volk, Kultur und Nation stecken (nicht nur ein Deutschland, wo wir jetzt einen Kulturnation sind). Also ungefähr da, wo der große Denker, der Doktor Sarrazin, dieser wiederauferstandene Alfred Tetzlaff, heute angekommen ist.

Die Auswege aus dem Beschreiben der eigenen nationalen Herrlichkeit bieten mit dem neuen Jahrhundert zum einen die Ethnologie und Anthropologie, die aus dem Beschreiben sehr fremder Völker jetzt neue Definitionen davon offeriert, was eine Kultur ausmacht. Und zum anderen macht sich, spätestens mit Max Weber, Ferdinand Tönnies und Georg Simmel eine neue Wissenschaftsrichtung bemerkbar, die Soziologie heißt. Es mag für nationalgestimmte Herzen schwer zu ertragen sein, dass diese neue Wissenschaft nicht von einem Germanen, sondern von einem Froschfresser namens Auguste Comte erfunden wurde, aber so ist es nun mal. Was seit Tacitus' Bestandsaufnahme in De Germania noch ein gutgepflegtes Vorurteil war, wird jetzt zur Wissenschaft.

Und jetzt sind sie alle dabei, das Volk und die völkische Kultur zu definieren. Die Germanistik sowieso, die war ja mit den Brüdern Grimm von Anfang an dabei. Die Anglistik erfindet vor hundert Jahren die Englandkunde, weil manche Professoren gemerkt haben, dass es ja wunderschön ist, wenn ihre Studenten Alt- und Mittelenglisch können. Nur blöd, dass ihr Alltagsenglisch so schlecht ist, dass sie auf einem Bahnhof nicht nach dem Zug fragen können. Und die Wesensart der Engländer sowieso nicht verstehen. Also gibt es jetzt auch die Englandkunde. Vielleicht hätte man so etwas allen Völkern Europas vor hundert Jahren empfehlen sollen. Allerdings muss man sagen, dass diese ganzen schönen Theorien der Soziologen und Anthropologen, die heute in jedem Cultural Studies Reader zitiert werden, nicht ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit dringen. Eher der aus der Biologie geklaute Begriff Rasse, der zur gleichen Zeit Konjunktur hat, als die Wissenschaft die Kultur neu definiert. Und wenn ein französischer Parlamentarier 1895 sagt Die höherwertigen Rassen haben Rechte über die minderwertigen Rassen, dann könnte das auch in Deutschland gesagt worden sein. Na ja, es wird ja heute beinahe wieder gesagt. Ja, und dann landet das Fach Volkskunde bei den Nazis, kaum ein anderes Universitätsfach hat sich so kompromittiert.

Lernen wir je etwas dazu? Nachdem dieser Herr mit dem fremdländischen sarazenischen Namen (klingt türkisch oder gar hebräisch. könnte auch klingonisch sein, steht so im Forum gutefrage) die Tore aufgestoßen hat und eine angeblich aus Polen Vertriebene als erste mit der Fackel zum Zündeln nach draußen gerannt ist, haben wir ja eine nationale Diskussion, die nur so strotzt vor Ressentiments. Hatte ich schon gesagt, dass ein solches Universitätsfach, das das eigene Volk, die eigene Region wissenschaftlich zu beschreiben sucht, ein gefährlich Ding ist? Ob es nun ein Theoriedefizit hat oder nicht. Sicher ist man ja nur, wenn man Feldforschung betreibt. Dann kann man auch über die ▹Bremer Kohl und Pinkelfahrten: Geschichte und Struktur einer Festzeit in Nordwestdeutschland promovieren. Und mir persönlich hat der Artikel Lebkuchen aus der Fabrik: Zur Geschichte der Firma Heinrich Schulze in Borgholzhausen in der Festschrift zum sechzigsten Geburtstag von Hermann Bausinger sehr gut gefallen. Die Produkte aus Borgholzhausen kennen Sie von jeder Kirmes oder jedem Jahrmarkt, diese Herzen Ich bin immer Dein, alles aus Borgholzhausen. Und eine kleine Papiertüte mit Borgholzhausener Pfefferküchlein war für mich, als ich klein war, das Schönste auf der Welt. Sowas nenne ich noch mal erdverbundene Wissenschaft, auch die Arbeit von dem Doktor Grünkohl. Und von hier ist es nicht weit bis zum Schlagwort Alltagskultur, das ist ja etwas, was die Volkskunde heute beschäftigt.

Und plötzlich merken wir, dass wir beinahe jedem Begriff das Wörtchen Kultur hinzufügen können, Sportreporter reden von Spielkultur (die meistens nicht vorhanden ist), die Politkommentatoren reden von politischer Kultur (überhaupt nicht vorhanden), Journalisten von Kneipenkultur (immer vorhanden). Der Begriff der Kultur hat heute leider eine Inflation, zumal auch noch alle möglichen Leute, die durch keinerlei Vorbildung dazu qualifiziert sind, heute cultural studies betreiben. Das ist ein klein wenig so, als wenn der kleine Adrian Mole in Sue Townsends wunderbarem Secret Diary of Adrian Mole über das neue Schuljahr sagt: But they do give you a choice of Cultural and Creative subjects. So I have chosen Media Studies (dead easy, just reading newspapers and watching telly)...Es wird nicht verwundern, dass in den Büchern, die von Literaturwissenschaftlern gemacht worden sind, die sich über Nacht nach dem Adrian Mole Prinzip in Kulturwissenschaftler verwandelt haben, die Ergebnisse des Faches Volkskunde oder der Name Hermann Bausinger nicht auftauchen. So zum Beispiel in den voluminösen Bänden des Metzler Verlages: Metzler Lexikon Kultur der Gegenwart, Konzepte der Kulturwissenschaften oder Handbuch Populäre Kultur.

Ich würde jetzt ja gerne einen Blick über den Ärmelkanal zu den Inselaffen werfen und über die Mass Observation von Tom Harrison und das Centre for Contemporary Cultural Studies in Birmingham reden, aber ich hebe mir das für ein anderes Mal auf. Wenn es in drei Metzler Lexika keine Volkskunde und keinen Hermann Bausinger gibt (und wenn man wie viele der neuen Generation cultural studies Spezialisten noch nie etwas von Raymond Williams, Richard Hoggart, Stuart Hall oder Dick Hebdige gehört hat), dann könnte man auf die Idee kommen, es handelt sich bei dem Ganzen um eine wissenschaftliche Chimäre.

Aber dem ist natürlich nicht so. Hermann Bausingers Typisch deutsch: Wie deutsch sind die Deutschen? hat mehrere Auflagen erlebt, und bei Amazon sind viele Bücher von Bausinger noch lieferbar. Leider nicht mehr lieferbar ist der 63. Band der Schriften des Tübinger Instituts Jeans: Beiträge zu Mode und Jugendkultur, der eigentlich das Zeug zu einem Bestseller hatte. Von einem Kollegen Bausingers, dem emeritierten Professor Rolf Wilhelm Brednich, stammen allerdings eine Vielzahl von Titeln, von denen jeder schon gehört hat. Wie Die Spinne in der Yucca-Palme. Sagenhafte Geschichten von heute (1990), Die Maus im Jumbo-Jet. Neue sagenhafte Geschichten von heute (1991), Das Huhn mit dem Gipsbein. Neueste sagenhafte Geschichten von heute (1993) und Die Ratte am Strohhalm. Allerneueste sagenhafte Geschichten von heute (1996). Auch diese urban folklore fällt unter das Forschungsinteresse des Faches. Das Fach hat sich, dank Hermann Bausinger, von einem kleinen Orchideenfach zu einem wichtigen Fach gewandelt, dessen Untersuchungsgegenstände so vielfältig sind wie die uns umgebenden Kulturen. Vielleicht sollte Thilo Sarrazin sich jetzt, wo er soviel Freizeit hat, mal am Ludwig Uhland Institut in Tübingen als Student immatrikulieren.

Sonntag, 3. September 2017

Heimatkunde


Sie erinnern sich an dieses Traumpaar? Sind beide weg vom Fenster. Meinen Post über die ➱Kultusministerin haben damals viele tausend Leser gelesen, ich bekam sogar Lob von einem ehemaligen Chefredakteur einer renommierten Zeitung. Frau Wende hätte die Heimatkunde ja glatt abgeschafft, aber dann wurde sie selbst abgeschafft. Und alle im Land atmeten auf. Man hatte sie schon völlig vergessen, aber jetzt in der silly season kann sich offensichtlich jeder zu Wort melden. Wara Wende sieht sich jetzt als Opfer einer Hexenjagd. Aber was will sie? Man hat sie ja nicht aufs Rad geschlagen, nicht gefoltert oder verbrannt für all den Unsinn, den sie angerichtet hat. Sie kriegt eine fette Pension für den Rest ihres Lebens, wozu die Aufregung? Wo ist die Hexenjad? Ihr ist doch nix passiert, nicht mal den Besen hat man ihr weggenommen.

Heimatkunde heißt heute nicht mehr Heimatkunde, es hat immer wieder Diskussionen um den Heimatkunde Unterricht gegeben. Wie auch über die ➱Volkskunde, eine Wissenschaft, die auch nicht unumstritten ist. Volkskunde heißt heute Europäische Ethnologie oder auch Kulturanthropologie (und es gibt noch andere Namen). Es ist ein Fach, das sich immer noch mit der Definition schwer tut.

Vor 1945 war in der Volkskunde alles klar, als man Begriffe wie Volksgemeinschaft, Volksleben und Volkskultur hatte und alles blond, arisch und germanisch war. Jahrzehnte später ist von dem ➱Germanentum nur noch der Cartoon Hägar der Schreckliche übrig. Und damit beschäftigen sich in Amerika die Popular Culture Studies, die sich mit der deutschen Volkskunde inhaltlich in vielem überschneiden.

Als ich zur ➱Volksschule ging, die ein majestätisches Gebäude war, das den Krieg ohne größere Schäden überstanden hatte, bedeutete die Heimatkunde noch etwas. Die Volksschule dauerte damals sechs Jahre, darauf bestanden die Amerikaner. Es hat aber niemandem geschadet. Und die Amerikaner bezahlten die Schulspeisung, ich nahm immer Kakao. Zu Hause gab es immer nur Milch. Und Lebertran. Unsere Welt sah etwas anders aus als heute. Eher so wie auf dem Photo im oberen Absatz. Die Volksschule wurde 1964 durch das Hamburger Abkommen abgeschafft. Da war ich längst weg von Volksschule und Gymnasium. Aber, wenn man so will, immer noch in der Schule: der Schule der Nation.

Zugegeben, wir lernen in der Volksschule mehr über die Franzosenzeit als über die Jahre zwischen 1933 und 1945. Damit wird sich die Schule, auch später das Gymnasium, schwer tun. Heimatkunde (das Fach wird in den Zeugnisheften eines Tages einen anderen Namen haben, Sachkunde heißen und entemotionalisiert werden) ist sicherlich ein Fach, das den Nationalsozialisten am Herzen gelegen hat. Aber die Kunde von unserer Heimat ist lange vor den Nazis aufgeschrieben, meistens in Frakturschrift. Vielleicht nicht ideologiefrei. Das ist Geschichte wohl nie. Truth is the daughter of time, heißt es im Englischen.

Aber es ist nichts Böses, alles über die Geschichte des Ortes zu wissen, zumal wenn der Ort durch Werften, Handel, ➱Fisch- und ➱Walfang mit der ganzen Welt verbunden ist. Und wir haben das Gefühl, in einem besonderen Ort zu leben. Unser ➱Ruderverein gewinnt eine Silbermedaille bei den ersten Olympischen Spielen nach dem Krieg, bei denen Deutschland wieder dabeisein darf. Und der Bundespräsident ➱Theodor Heuss besucht unseren Ort, um einen Rettungskreuzer der ➱DGzRS zu taufen.

1991 übersendet meine ehemalige Klassenlehrerin in der Volksschule, Lotte Zschernitz, meiner Mutter ein Heft, das sie nach vierzig Jahren beim Aufräumen zu Hause gefunden hat. Es ist ein blaues Heft, auf dem von mir selbst geschrieben steht: Heimatkunde - Jay - Klasse 3b. Mit mehrfarbigen eigenhändigen Illustrationen verziert, äußert sich der junge Verfasser hier zu allen Aspekten der bremischen Geschichte: ➱Schiffbau in Vegesack - Töpferei in Vegesack (es gab hier einmal eine Fayencemanufaktur) - Wie Bremen entstanden ist - Die Hunnen in Bremen (Die Hunnen eroberten Bremen zweymal, und jedesmal wurde die gute Stadt von ihnen geplündert, verbrannt und völlig zerstöhrt) - Gräfin Emma und der Krüppel - Der ➱Bremer Roland.

Wofür der Bremer Historiker Herbert Schwarzwälder fünf Bände brauchen wird, hier ist alles konzis in einem Heft. Es ist ein rührendes Zeugnis eines Heimatkundeunterrichts, der nach dem Krieg an der Schule einen großen Stellenwert hat. Auch wenn sich unser Klassenlehrer Gerhard Blume nicht auf der gleichen wissenschaftlichen Ebene bewegt wie die renommierten Lokalhistoriker Franz Buchenau, Lüder Halenbeck oder Diedrich Steilen (der Opa das Haus in der Weserstraße verkauft hat), hat er doch die Werke all seiner Kollegen gelesen. Und er gestaltet über Jahre einen guten Unterricht. Und baut mit uns ein Pappmodell des Ortes.

In langwieriger Arbeit, in Pappmachee. Die Mädchen schneiden Bäume aus Karton aus, bemalen sie und kleben sie in den Park von ➱Albrecht Roth ein. Ein paar Jahre später werden wir unter diesen Bäumen knutschen, wenn wir aus der ➱Tanzschule von Nico Arff kommen, die auf dem Parkgelände von Senator Fricke liegt. Da war man dem Dr Roth schon dankbar, dass er diesen schönen Park angelegt hatte. Goethe hätte den Botaniker gerne in Jena gesehen, so schreibt er an Dr Nikolaus Meyer: Nun haben wir, um den von Professor Batsch erlittenen Verlust zu ersetzen, die Augen auf Herrn Dr. Roth in Vegesack geworfen, dessen schöne Einsichten in die Botanik uns durch seine Schriften bekannt geworden sind. Der Briefwechsel des Dichters mit Albrecht Roth ist in unserem ➱Heimatmuseum. Das heißt noch Heimatmuseum, auch wenn die Heimatkunde nicht mehr Heimatkunde heißt.

Nach dem Tod von Dr Roth werden Teile des Parks an zwei Bremer Kaufleute verkauft, an den Weinhändler Albert Dietrich Finke (Bild) und den Senator Carl Wilhelm August Fritze. Die dort natürlich Villen errichten. Wenn man in Bremen reich ist, dann kauft man sich einen ➱Landsitz in Vegesack auf der ➱Geestkante. Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern, schreibt 1841 ein junger Mann, der in Bremen seine kaufmännische Ausbildung absolviert. Vier Jahre später wird er nicht mehr im Morgenblatt für gebildete Leser über die Dampferfahrt auf der Weser von Bremen nach Bremerhaven schreiben, da schreibt er Die Lage der arbeitenden Klasse in England.

Die Fritzes, die ihre Villa neben dem Finkenhof des Weinhändlers Dietrich Finke hatten, haben Ende des 19. Jahrhunderts ihre Villa abreißen und durch diesen scheußlichen ➱Neubau ersetzen lassen. Links war die Tanzschule von Nico Arff, rechts das Ortsamt. Heute ist das Ganze in Eigentumswohnungen zerteilt worden.

Dies Gemälde von Carl Justus Harmen Fedeler hing früher im Ortsamt, ich weiß nicht, ob man das heute bei einer Eigentumswohnung dazu bekommt. Von dem Finkenhof (der in der Familie Finke auch manchmal Kio heißt) ist auch nichts mehr übrig, er ist aber berühmter als die Villa der Nachbarn. Weil ein gewisser ➱Klaus Groth die Tochter des Weinhändlers heiratet und hier so manchen Sommerurlaub verbringen wird.

Unser Pappmodell zeigt die Geestkante und das Urstromtal, in dem die Weser fließt. Die Mündung der Aue in die Lesum, an der Vegesack entsteht. Zeigt den Hafen, der im frühen 17. Jahrhundert von holländischen Ingenieuren angelegt wird, der erste künstliche Hafen in Deutschland. Wir vergessen auch die kleine Drehbrücke zum Haven Hööv’t nicht. Papierschicht um Papierschicht wird auf das Modell geklebt.

Wir vergessen natürlich die Fähren nicht, die zwischen Vegesack und Lemwerder hin- und herpendeln. Und auch nicht die kleine Fähre (das war wieder eine Fummelarbeit), die Hol Ober hieß. Sie brachte uns immer zum ➱Schönebecker Sand zum Baden. Hier habe ich Schwimmen gelernt, der Bademeister Plebanski ruderte neben seinen Schülern durch die Weser. Ich habe Jahre später erfahren, dass Hermann Plebanski gar nicht schwimmen konnte. Die Fähre Hol Ober gibt es nicht mehr, auf der Halbinsel Schönebecker Sand kann man nicht mehr baden, und in der Weser würde heute auch wohl niemand mehr freiwillig schwimmen.

Meine Mutter träumte als junges Mädchen davon, über den Ärmelkanal zu schwimmen, wahrscheinlich war die ➱Rolex Reklame mit Mercedes Gleitze schuld daran. Meine Mutter nahm sich die Weser von Vegesack bis Bremerhaven als Trainingsstrecke. Als sie für den Ärmelkanal fit war, kam der Krieg. Das war das Ende ihrer Träume. Aber den Totenkopf trug sie noch in den fünfziger Jahren auf ihrem schwarzen Badeanzug. So etwas sieht man selten auf dem Schönebecker Sand. Meine Mutter ist, auch als sie achtzig war, noch jede Woche geschwommen.

Wie der historische Ort, so wächst unser Modell von den ersten Häusern um die Mündung der Aue, den Flecken Alt-Vegesack. Dann den Berg und die Geestkante hinauf bis Fähr und Lobbendorf. Oben in den Ort wird die Kirche gesetzt, die Jacob Ephraim Polzin 1832 für die gerade vereinigten Gemeinden von Lutheranern und Reformierten umgebaut hat, in einem streng klassizistischen Stil. Polzin hat bei dem berühmten dänischen Architekten Christian Frederik Hansen, dem Meister der klassizistischen Villa, gelernt. Und so wird unser Ort eine der wenigen klassizistischen ➱Kirchen Norddeutschlands erhalten. Im Kirchturm betreibt man noch bis 1851 einen optischen Telegraphen.

Und unten ans Ortsende das Krankenhaus Hartmannstift, das nach Wilhelm Hartmann benannt ist. Der war 1863 mit neunzehn Jahren nach England ausgewandert und hatte später seine Brüder in seine Firma nachgeholt. Er hatte einem gewissen John Rathjen die Zauberformel für einen neuartigen Schiffsanstrich abgekauft, dieses hochgiftige Antifouling Zeug gegen Rost und Algen. War mit seiner Firma Suter, Hartmann & Co. unermesslich reich geworden, hatte sich in Surrey einen Landsitz gekauft und war sogar Friedensrichter geworden.

Er gab sein Vermögen für gute Werke aus und bedachte auch seine Heimatstadt (zu der er bis zum Ersten Weltkrieg immer noch Kontakt wahrte) mit dem Krankenhaus und zahlreichen anderen Schenkungen. Hat es den Vegesackern aber nie verziehen, dass sie beim Kriegsausbruch 1914 das lebensgroße Portrait des nun feindlichen Engländers im Hartmannstift abgehängt haben. Von dem Geld, das beim Tode von William Hartmann noch da war (und das waren 450.000 Pfund Sterling), hat Vegesack keinen Pfennig gesehen.

Der Sedanplatz, der 1895 angelegt wurde, ist einfach herzustellen, wir lassen die Fläche frei und malen sie grau an. Aber die Eiche in der Mitte muss schon sein. Nicht aus nationalen Gründen, sondern weil wir sie beim ➱Fußball als Torpfosten brauchen. Es ist sicher eine Entweihung, aber ich glaube, 1950 weiß niemand mehr, dass die Eiche Bismarckeiche heißt und aus dem aus dem Sachsenwald stammt. Und wenn wir schon dabei sind, gibt es auch noch ein kleines Papphäuschen, das Scheffels Wurstbude darstellen soll. Wir wissen wenig von der Schlacht von Sedan, aber Scheffels Wurstbude kennen wir alle. Jemand macht den Vorschlag, Karussells und Buden auf den Platz zu stellen, aber das kommt nicht in Frage, der Vegesacker Markt, der beinahe so berühmt ist, wie der Bremer Freimarkt, findet nur einmal im Jahr statt. Als wir unbedingt ein Hertie Hochhaus brauchten, wurde unter den Sedanplatz eine Tiefgarage gebaut. Als da bei der Abnahme zum Test Polizei- und Krankenwagen hineinfuhren, stellte man fest, dass man die Höhe der Tiefgarage nicht richtig berechnet hatte. Wie beim Hallenbad, wo die 25-Meter Bahn auch nicht ganz 25 Meter lang war. Wir sind auch ein bisschen Schilda. Und Hertie ist längst pleite, das Haus steht leer.

Wenn unsere kleine Pappstadt fertig ist, wird sie liebevoll angemalt, die Weser in blau. Und dann ein Raddampfer in die Weser gesetzt, die Weser, der erste deutsche Raddampfer. Gebaut in Vegesack. Gebaut mit den technischen Kenntnissen von Ludwig Georg Treviranus, dem Bruder der beiden Botaniker, der 1816 in Soho beim Bau der Maschine des Schiffes durch James Watt zugeschaut hat.

Umrahmt wird der Ort von den Werften, Ulrichs’ Werft auf der rechten Seite (aus der der Bremer Vulkan erwachsen wird). Links die Janssen-Sagersche Werft (da wo später die ➱Strandlust ist) und ganz außen die Langesche Werft (Bild). Werften und Schiffe aus Papier zu basteln, ist eine knifflige Sache, so schenken wir es uns, auf die andere Weserseite in Lemwerder noch die Werften von Lürssen (wo die ➱Schnellboote gebaut wurden) und ➱Abeking & Rasmussen zu setzen. Gehört ja streng genommen auch nicht mehr zu Vegesack.

An den Utkiek kommen noch winzig kleine Walkiefer aus gebogenen Streichhölzern, als Zeichen dafür, dass hier auch der Walfang zuhause ist. Wir sind sozusagen das Nantucket von Bremen, ➱Herman Melville hätte sich hier zu Hause gefühlt. Die Walkiefer am Utkiek stehen noch über hundert Jahre, bis sie durch einen Bronzeabguss ersetzt werden; dafür wird mein Freund ➱Peter sorgen, als er beim Landesamt für Denkmalschutz ist (lesen Sie mehr in dem Post ➱Hafenstraße)

Mein Heimatkunde Heft enthält verhältnismäßig wenig zur politischen Zugehörigkeit des Fleckens Vegesack, das wird in der dritten Klasse noch nicht unterrichtet. Eher diese Teile, die in Bremen jeder kennt, die aber meistens in den Bereich der Sage gehören. Die Geschichte mit den Hunnen, die für Namen wie Marterburg und Wüstestette (die schmalste Straße von Bremen) verantwortlich gemacht werden, ist ebenso wenig wahr wie die Geschichte von Gräfin Emma und dem Krüppel  (den man am Fuß des Roland sehen kann) oder die von den Sieben Faulen. 

In einem bestimmten Alter sind Sagen und Märchen einfach schöner als die historische Wirklichkeit. Im Mittelalter sind die wenigen Häuser des Ortes unter der Jurisdiktion des Erzbischofs von Bremen, dem die Bremer aber im Laufe der Jahrhunderte (und darauf sind sie stolz) immer mehr von seiner Machtfülle nehmen werden. Nach dem Krieg mit Schweden im 17. Jahrhundert werden wir durch den Stader Vergleich 1654 schwedisch.

Dass die Bremer gegen die Schweden kämpfen, das steht schon in den Posts ➱Burger Schanze und ➱Lieutenant Lindhövel. Wenn man als Kind Trude Wehes Roman Vryheit do ik ju openbar: Roman aus dem alten Bremen verschlungen hat, dann kennt man den Leutnant Lindhövel. Danach sind wir mal dänisch geworden, aber die Dänen wissen, dass sie die Gegend nicht lange gegen die Schweden halten können. Und so treten sie das Land im Stockholmer Frieden von 1719 an den Kurfürsten von Hannover ab, der in Personalunion König von England ist. Jetzt sind wir englisch, davon träumen die anglophilen Bremer ja immer.

Unser ➱Georgian Age dauert beinahe ein Jahrhundert, bis der Bremer Bürgermeister Dr Georg Gröning (Bild) 1804 den Engländern den Flecken abhandelt. Die bremische Zeit währt allerdings nicht lange, die Franzosen stehen vor der Tür. Erst sind wir französisch, aber neutral, dann für einen Augenblick 1805 englisch. Danach wird Vegesack die Mairie Vegesack en canton Vegesack und gehört zum Département des Bouches du Weser. Die Franzosenzeit, in der Napoleon persönlich den bedeutendsten Bremer Wissenschaftler Dr Wilhelm Olbers zum Mitglied des corps législativ ernennt, ist in Bremen noch in vielen Erzählungen lebendig.

Auch der erste Widerstand, der sich in einer in Vegesack gefundenen Aufschrift an einer Tür Napoleon, de schinnerknecht, de is nech werth dat düütsche recht dokumentiert. Der Freiherr von Tettenborn, Generalmajor in russischen Diensten, wird in Bremen am 6. November 1813 für kurze Zeit die bremische Unabhängigkeit wiederherstellen. Man wird ihn zum Ehrenbürger Bremens machen und fortan den 5. November als Rolandstag feiern und jedes Jahr den Roland mit Blumen schmücken. Den letzten abziehenden Franzosen soll man gefangen und an ein Hoftor in der Hafenstraße genagelt haben. Allerdings wird diese Geschichte auch über einen Schweden im 17. Jahrhundert erzählt, wahrscheinlich ist sie sowieso nicht wahr. Was wir den Franzosen verdanken, sind Heerstraßen und Chausseen. Und eine Vielzahl von Wörtern, die man woanders nicht findet. Wie Muschepunt, süttjepöh (si je peux), schötteldör (j'ai l'honneur) und vrumsi (je vous remercie).

Den nächsten Befreier Bremens 132 Jahre später, den Lieutenant General ➱Brian Horrocks, werden die Bremer nicht feiern. Er wird auch nicht lange bleiben, weil er die Stadt den Amerikanern übergibt. Bremen nennt sich jetzt Vorstadt von New York. Die Amerikaner machen aus dem Rathaus ein Bierlokal, das GI Joe's Beer Bar heißt. Wenn die Amerikaner abziehen, werden im Bremer Ratskeller 400.000 Flaschen des edelsten Ratskellerweins fehlen. Und meine Mutter wird es den Amerikanern nicht verzeihen, dass sie das Meißener Porzellan und das ➱Klavier aus dem Fenster geworfen haben. Der Rahmen des Klaviers ist geschweißt worden, aber es hatte immer einen etwas seltsamen Klang, der den Klavierstimmer jedes Mal verzweifeln ließ.

In die Stadt Bremen eingemeindet wird unser Ort erst 1939. Bis dahin gehörten wir zu Hannover. Nicht mehr dem ➱Hannover des englischen Königs, das haben sich jetzt die Preußen angeeignet. Viele Vegesacker (wie meine in Vegesack geborene Mutter) haben dieses Bremen-Vegesack nicht so gerne. Für sie gilt nur der Ortsname Vegesack. Nach 1945 werden wir amerikanisch, und die Autos bekommen die Autonummer AE (für Amerikanische Enklave). Wenn die Autonummer mit 26 anfing, dann war das Bremen-Nord.

Die ganzen politischen Affiliationen (schwedisch, dänisch, französisch, englisch) gelten wohlgemerkt nur für Vegesack, auf der anderen Seite der Weser und jenseits von Straßen, die Grenzstraße oder Zollstraße heißen, sind die politischen Besitzverhältnisse anders. Was den Ort auch während der Kontinentalsperre und zur Zeit des Deutschen Zollvereins zu einem Paradies für Schmuggler werden lässt. Als Rest dieser historischen Zeit haben wir ein Schild vorm Haus, auf dem Zollgrenzbezirk steht (das gilt auch für die Feuerwehr um die Ecke). Der Zollfahnder ➱Kressin dürfte in unser Haus kommen, ohne einen Durchsuchungsbefehl zu haben.

Der englische Premierminister Lord Palmerston wird im 19. Jahrhundert über die schleswig-holsteinische Frage sagen, nur drei Männer in Europa hätten sie verstanden. Der erste sei der Prinzgemahl Albert, und der sei tot. Der zweite sei ein deutscher Professor, der sei wahnsinnig geworden. Und der dritte sei er, Lord Palmerston, aber er hätte alles darüber vergessen. Er hätte ähnliches über die Vegesacker Frage sagen können. Ist klar, dass man so etwas Kompliziertes nicht in der Klasse 3b unterrichten kann. Ein Interesse an Flora und Fauna wie Albrecht Roth werde ich für den Rest meines Lebens nicht mehr entwickeln, ein Interesse für die Geschichte des Ortes schon. Buch um Buch über Bremen wird in den nächsten Jahrzehnten meine Bücherregale füllen. Vieles auch Geschenke von Freunden, die in Bremen geblieben sind. Denn auch wenn man Butenbremer ist, bleibt man dem Ort, der zu einem Sehnsuchtsort geworden ist, verbunden, in Liebe oder Hass.

Die ➱Weser nach dem Krieg ist sicherlich ebenso spannend wie der Mississippi für den kleinen Huckleberry Finn. Man vergisst das nie, an diesem Fluss aufgewachsen zu sein. Ein ➱Schüler des Gymnasiums wird sich später geradezu poetisch an seine Jugend an der Weser erinnern (oder einer seiner Ghostwriter hat ihm das unter Benutzung von Ottjen Alldag aufgeschrieben): Unten an der Weser war es heiß. Das hatte seine Gefahren. Tiroler Landwein, Wermut oder gar schlimmere Drogen wie etwa Kosaken-Kaffee entfalteten so eine ganz tückische Wirkung. Aber auch dafür war der Stadtgarten ein angenehmer Ort. Man lag, statt in der Schule zu sein, einfach in der Sonne, die Weser plätscherte. 

Wenn man die Schule schwänzt und an der Weser liegt, dann werden die schulischen Leistungen darunter leiden. Mein Klassenlehrer ➱Gustav Renziehausen (links neben unserem ehemaligen Klassensprecher ➱Konny) hat mir erzählt, dass er diesem Schüler Nachhilfeunterricht in Mathematik gegeben hat. Sonst wäre der nicht versetzt worden. Und was wird aus dem Schüler? Natürlich Politiker. Er heißt Jürgen Trittin. Und dann muss man noch in der Presse lesen, dass mein Gymnasium als Tummelplatz "roter Rabauken" und als Hochburg linksradikaler Pennäler galt. Damit waren wahrscheinlich Hermann Rademann und der Krakeler und Randalierer Trittin gemeint. Oder war es die von Hermann Rademann und dem Studenten der Theologie Ingbert Lindemann unterschriebene ➱Anzeige, dass Gott tot sei?

Ich kann dazu nichts sagen, als ich die Schule verließ, habe ich nie zurückgeschaut, bin da nie wieder gewesen. Aber ich weiß, dass das Niveau der Lehrerschaft ganz gewaltig gesunken war. Es muss ja einen Grund haben, dass Bremen in den Bildungsstatistiken ganz weit unten rangiert (das Schleswig-Holstein der Wara Wende auch).
Unser Direktor Dr Johannes Schütze (der vierte von rechts in der ersten Reihe) war von der Todesanzeige für Gott wirklich nicht begeistert. Aber statt sich über solche Dinge zu ärgern, hätte er lieber dafür sorgen sollen, dass er einen guten Nachfolger bekam. Und nicht die Flasche, die das dann geworden ist.

Das Gymnasium, das in Teilen von ➱Ernst Becker-Sassenhof umgebaut war, ist 1977 aufgelöst worden. Das kleine Haus links ist von Becker-Sassenhof für unseren Hausmeister ➱Kalle Klemm gebaut worden. Und auf der Straße hier habe ich zusammen mit meiner Mutter 1948 gestanden, um das neue Geld abzuholen. Gegenüber der Schule war der Milchladen von Martin Bogaschinski, daneben ein Friseur. Zu dem mein Vater immer ging. Nicht, weil der besonders gut die Haare schneiden konnte, sondern weil er Kommunist war. Mit dem Kommunismus hatte mein Vater nichts am Hut, aber man wusste ja nach dem Krieg nicht, was kommen würde.

Die Kenntnis der Heimat fördert die Heimatliebe - und in dieser wurzelt die Vaterlandsliebe, schreibt Lüder Halenbeck 1874 in seinem Buch Zur Geschichte der Stadt Vegesack: Ein Beitrag zur Heimathkunde. Nach dem Krieg gegen Frankreich kann man so etwas schreiben. Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit, sagt Martin Walser 1968 in seinem Essay Heimatkunde. Der Unterricht in Heimatkunde bedeutete uns etwas, mir haben Bekannte erzählt, dass der Heimatkunde Unterricht das einzige sei, dass sie aus der Volksschule mitgenommen haben. Heimatkunde einte uns nach dem Krieg, nicht alle kamen aus dem Ort, weil sie Heimat-Vertriebene waren. Auch ich hatte eine ➱Zweite Heimat, bis die Amerikaner endlich unser Haus räumten. Heimat, Heimatliebe und Vaterlandsliebe sind heute Begriffe, die Herr ➱Gauland oder irgendwelche Reichsbürger verwenden würden. Wir sind weit weg von Eichendorffs Heimat hinter den Blitzen rot oder seinem Gedicht ➱Heimat für seinen Bruder.

Wenn man heute ein Pappmodell des Ortes bauen würde, es sähe ganz anders aus. Die Werft im Hintergrund ist pleite, der Strand hat nichts mehr von der idyllischen Strandstraße, wie sie ➱Willi Vogel gemalt hat. Der Strand ist weg, da ist heute eine Spundwand. Große Teile des Ortes sind abgerissen worden. Die Arbeitslosigkeit ist höher als irgendwo anders in Bremen. Und man kann im Internet lesen: Der Niedergang Vegesacks offenbart sich am Bilde seiner Schaufenster: viele Geschäfte sind nicht vermietet, auch im Haven Höövt stehen immer mehr Geschäftsräume leer. Was sich hält, sind Second-Hand-Textil- und Elektrogeräte - oder Möbel-Läden, billige 1-EUR-Shops, Spielhallen, Discounter, Döner und Imbisse und die immer nötiger werdenden Sozialstationen, und die Tafeln für jene, die sich den Kauf von Lebensmitteln nicht mehr leisten können. Bremen-Nord hat nach meiner Einschätzung ein massives Armuts- und Verelendungsproblem, ist wirtschaftlich wie sozial extrem schwach aufgestellt - beispielsweise gibt es kaum irgendwo in Deutschland einen so hohen Anteil minderjähriger Mütter wie in Bremen-Nord.

Man mag den Ort eigentlich gar nicht mehr besuchen. Aber in den Träumen kommt man immer wieder hierher.

Freitag, 24. Dezember 2010

Heiligabend



2:1
Soþlice on þam dagum wæs geworden gebod fram þam casere augusto. þæt eall ymbehwyrft wære tomearcod;
Forsoþe it is don, in þo daȝis a maundement wente out fro cesar august, þat al þe world shulde ben discriued,
And it came to passe in those dayes, that there went out a decree from Caesar Augustus, that all the world should be taxed.
2:2
þeos tomearcodnes wæs æryst geworden fram þam deman syrige cirino.
þis firste discriuyng was maad of ciryne iustise of cirie
(And this taxing was first made when Cyrenius was gouernor of Syria)
2:3
and ealle hig eodon. and syndrie ferdon on hyra ceastre;
& alle wenten þat þei shulden make professioun, eche bi hymself in to his cyte
And all went to bee taxed, euery one into his owne citie.
2:4
þa ferde iosep fram galilea of þære ceastre nazareþ: on iudeisce ceastre dauides. seo is genemned beþleem
soþli & Joseph steȝede vp fro galilee of þe cite of naȝareþ, in to Jude, in to a cite of dauid þat ys clepid beþlem,
And Ioseph also went vp from Galilee, out of the citie of Nazareth, into Iudaea, vnto the citie of Dauid, which is called Bethlehem


Es liegen einige hundert Jahre zwischen diesen drei Texten. Das erste ist ein altenglischer Text, die zweite Kolumne enthält Lukas 2 in der mittelenglischen Version von John Wycliff, und die dritte Kolumne bietet den Text der sogenannten King James Version of the Bible. Diese schöne Tabelle, die ich mir im Internet kopiert habe, lässt eine wichtige englische Übersetzung aus, nämlich die Übersetzung von William Tyndale. Die erste Übersetzung des Neuen Testaments, die durch den Druck verbreitet wurde, für viele ist es trotz der Popularität der King James Bible immer noch die schönste und sprachmächtigste englische Bibelübersetzung. Es ist auch die Bibelversion, die William Shakespeare gekannt und benutzt hat, und die über die Bibelzitate in seinem Werk weitergelebt hat. Die manchmal geäußerte Theorie, dass William Shakespeare von James I herbeigezogen wurde, damit die Bibel einen poetischen touch kriegte, ist völliger Unsinn. Eher ist es andersherum.

Der erste Text stammt aus den Wessex Gospels, die Sprache heißt Altenglisch, und wir sind vor dem Jahr 1000. Es ist eine germanische Sprache, in der hus Haus und mus Maus heißt. Es gibt auch eine Vielzahl von skandinavischen Wörtern: immer wenn Hägar der Schreckliche nach England kommt, plündert er nicht nur Burgen, sondern bringt auch Wörter mit. Von der Aussprache her klingt das Altenglische wie eine dänische Rachenkrankheit. Hören Sie einmal eine Minute in das altenglische Vaterunser hinein. In diesen Handschriften erscheinen die Bücher des Neuen Testaments zum ersten Mal in dem Englisch, das man vor der Eroberung durch die Normannen sprach - und das ohne den lateinischen Text als Beigabe.

Wenn Wilhelm der Eroberer 1066 nach England kommt, bringt er das Französische mit, und aus dem Altenglischen wird das Mittelenglische, ein langwieriger Vorgang. Es setzt sich beim Hofe und in der Verwaltung durch, nicht unbedingt auf den platten Land. Es ist auch, das muss dazu gesagt werden, nicht das ganz feine Französisch, sondern nur das Französisch, das damals in der Normandie gesprochen wurde. In Aquitanien rümpft man über diesen prolligen Akzent die Nase. In den hundert Jahren vor William Shakespeare hat sich der Sprachwandel vom Mittelenglischen zum Frühneuenglischen ungeheuer beschleunigt, und in diese hundert Jahre fallen auch die wichtigen Bibelübersetzungen, die dann letztendlich zu der Authorized Version von König James führen. Beginnend mit der Great Bible von 1539 (benannt nach ihrer Größe), die manchmal auch Cromwell Bible (nach Sir Thomas Cromwell, der die Entstehung überwachte) oder Coverdale Bible heißt (nach ihrem Übersetzer Myles Coverdale). Dann kam die so genannte Bishop's Bible von 1568, bis König James 1604 eine neue Bibelübersetzung anordnete. In den Religionskämpfen der Reformation, in der Zersplitterung der Protestanten in Calvinisten und Lutheraner (und in England der Anglican Church), kämpft man jetzt um jedes Wort. Glaubensinhalte werden in der Semantik festgemacht. For is the Kingdom of God become words and syllables? sagt Miles Smith in der Vorrede The Translators to the Reader der King James Bible. Aber da wird schon niemand mehr verfolgt, da redet er über die etwas zwanghafte Tendenz der Mitarbeiter, keinerlei latinisierte englische Wörter (die es in der Geneva Bible von 1557 massenhaft gab) mehr zuzulassen.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein: damals ist das für die Übersetzer und die Prediger noch Gottes Wort. Der Gedanke, dass die Bibel Literatur ist, und dass wir sie als ein sprachliches Kunstwerk bewundern, ist neueren Ursprungs. Findet sich erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein immens erfolgreiches Werk wie The Bible. Designed to be read as Literature von Ernest Sutherland Bates stammt aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Literaturwissenschaftler glauben gerne, dass die King James Version die gesamte Entwicklung der englischen Literatur beeinflusst hat. Der schöne Satz, dass Hemingways Stil die King James Version plus Western Union Telegrammstil sei, hat sicherlich seine Berechtigung. Sicher wird man englische Dichter in der Zeit zwischen 1550 und 1700 (man denke nur an Milton) nicht verstehen können, wenn man keinerlei Bibelkenntnisse hat. Aber man kann sie auch nicht verstehen, wenn man keine Kenntnisse der klassischen Literatur, sprich Vergil oder Ovid, hat und die griechische Mythologie nicht kennt. Die englischen Bibelübersetzungen sind nur einer der Faktoren, der jetzt im elisabethanischen Zeitalter Sprache und Literatur prägt. Sicherlich nicht der geringste.

William Tyndale ist von Henry VIII zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt worden und von seinen Häschern 1536 in der Nähe von Brüssel ermordet worden. Danach hat man seinen Körper noch verbrannt. Auch alle Tyndale Bibeln, deren man habhaft werden konnte. Aber Wörter kann man nicht verbrennen, und Tyndales Übersetzung des Neuen Testaments scheint noch in allen späteren Übersetzungen durch. Sie war Wycliffes Bibel überlegen, weil Tyndale auch griechische und hebräische Quellen einbezogen und nicht nicht auf die Vulgata verlassen hatte. Und er hatte hierbei auch für das Englische sprachliche Wendungen erfunden, die die Sprache vorher nicht besaß. the wings of the dove, zum Beispiel (und damit meine ich jetzt nicht den Romantitel von Henry James), das finden wir heute so selbstverständlich wie the fish of the sea oder the fowls of the air. Aber vor Tyndale hat es im Englischen diese [noun]+of+[noun] Kombination überhaupt nicht gegeben, und Tyndale übersetzt damit nur eine Sprachfigur, die es im Hebräischen gibt. Hunderte von Wendungen wird Tyndale prägen, von Am I my brother's keeper? bis zu the salt of the earth. Die nachfolgenden Übersetzungen werden sich nicht mehr dagegen wehren, weil seine Formulierungen längst Teil der Sprache geworden sind. Heinrich, der vom Papst den Titel defensor fidei bekommen hat (die englische Königin trägt ihn noch immer) und jetzt gerade eine neue Kirche organisiert, mag Tyndale töten, aber Tyndales Übersetzung wird weiterleben.

Matthäus VI,34 (da, wo steht, dass wir uns keine Gedanken um den morgigen Tag machen sollen) heißt in der King James Version Sufficient unto the day is the evil thereof. Bedenken wir einen Augenblick lang, dass dieser Satz für den griechischen Schreiber wahrscheinlich eine Plattitüde gewesen ist, ist das doch sehr geschraubt. Tyndale ist da einfacher: For the day present have ever enough of his own trouble. Luther, ein Zeitgenosse Tyndales, macht das natürlich noch genialer: Darum sorget nicht fur den andern morgen / Denn der morgend tag wird fur das seine sorgen. Es ist gnug/ das ein jglicher tag sein eigen Plage habe.

Wir haben heute neuere Übersetzungen, hunderterlei, niemand wagt offensichtlich mehr Tyndales oder Luthers Übersetzung zu nehmen. Und so verliert die Sprache ihre Originalität, ihre Geschichtlichkeit. Aber je mehr moderne Übersetzungen es gibt, desto weniger Menschen gehen in die Kirche, um diese Übersetzungen zu hören. Denn eine moderne englische Version von Lukas II sieht so aus: About that time Emperor Augustus gave orders for the names of all the people to be listed in record books. These first records were made when Quirinius was governor of Syria. Everyone had to go to their own hometown to be listed. So Joseph had to leave Nazareth in Galilee and go to Bethlehem in Judea. Long ago Bethlehem had been King David's hometown, and Joseph went there because he was from David's family. Ist wahrscheinlich für die PISA Generation, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und dem Verstehen von Texten hat.

Als ich klein war, wusste ich nicht, was ein Landpfleger ist. Aber wenn in der Weihnachtspredigt nicht Kyrenius Landpfleger in Syrien war, dann wäre kein Weihnachten gewesen. Wenn man einen Text nicht gleich versteht, weil er nicht in der Form eines easy readers daherkommt, dann erwächst der Wunsch, ihn verstehen zu wollen. Das Was ist das? Was ist das? bleibt die große Frage - auch wenn ihr nicht Je, den Düwel ook, c’est la question, ma tres chere demoiselle! nachgesetzt wird wie in Thomas Manns Buddenbrooks. Und deshalb gibt es heute, weil es so schön klingt, die Weihnachtsgeschichte in der Übersetzung von William Tyndale:

It followed in those days: that there went out a commandment from August the Emperor, that all the world should be valued. This taxing was first executed when Syrenus was leftenant in Syria. And every man went into his own shire town, there to be taxed. And Ioseph also ascended from Galilee, out of a city called Nazareth, into jewry: into the city of David, which is called Bethlehem, because he was of the house and lineage of David to be taxed with Mary his wedded wife, which was with child. And it fortuned while they were there, her time was come that she should be delivered. And she brought forth her first begotten son. And wrapped him in swaddling clothes, and laid him in a manger, because there was no room for them within, in the hostry. And there were in the same region shepherds abiding in the field, and watching their flock by night. And lo: the angel of the Lord stood hard by them, and the brightness of the Lord shone round about them, and they were sore afraid. And the angel said unto them: Be not afraid: Behold I bring you tidings of great joy, that shall come to all the people: for unto you is born this day in the city of David a saviour, which is Christ the Lord. And take this for a sign: ye shall find the child swaddled, and laid in a manger. And straight way there was with the angel a multitude of heavenly soldiers, lauding God, and saying: Glory to God on high, and peace on the earth: and unto men rejoicing. And it fortuned, as soon as the angels were gone away into heaven, the shepherds said one to another: let us go even unto Bethlehem, and see this thing that is happened, which the Lord hath shewed unto us. And they came with haste, and found Mary and Ioseph, and the babe laid in a manger. And when they had seen it, they published abroad the saying, which was told them of that child. And all that heard it wondered, at those things which were told them of the shepherds. But Mary kept all those sayings, and pondered them in her heart. And the shepherds returned, praising and lauding God for all that they had heard and seen, even as it was told unto them.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Weihnachtsfest.