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Mittwoch, 1. April 2026

Goldgewölk


Ich nehme mir aus dem Post John Fowles mal zwei Dinge mit in den heutigen Tag. Das eine ist die Zahl 138.614, so viele Leser hatte ich noch nie im Monat. Das zweite ist ein Satz von John Fowles, den ich im Text stehen hatte, dann aber gestrichen habe. Der Satz lautet: We all write poems; it is simply that poets are the ones who write in words. Es ist ein schöner und vielzitierter Satz, man kann ihn immer für etwas gebrauchen. Mein Gedicht heute stammt von Martin Greif (der eigentlich Friedrich Hermann Frey hieß), der heute vor einhundertfünfzehn Jahren starb. Ich las mich durch seine Gedichte, aber es gab mir nichts. Bis etwas bei dem Gedicht Abend in meinem Gehirn klick machte, das Gedicht nahm ich:

Goldgewölk und Nachtgewölke,
Regenmüde still vereint:
Also lächelt eine welke
Seele, die sich satt geweint.

Doch die Sonne sinkt und ziehet
Nieder alle eitle Pracht,
Und das Goldgewölk verglühet
Und verbrüdert sich der Nacht.

Es ist ein schönes Gedicht, ohne Frage. Aber jetzt wollen Sie wahrscheinlich wissen, weshalb es in meinem Gehirn klick gemacht hat. Das hat mit dem Gold- und Nachtgewölk zu tun, und es steht schon in diesem Blog:

Sonne, Mond und Sterne. Als ich noch klein bin, gehen meine Eltern mit mir Laternelaufen. Eigentlich begleite ich sie nur auf ihrem normalen Abendspaziergang, jeder hier im Ort macht einen Abendspaziergang die Weser entlang. Wenn nicht das Laternelaufen wäre, wäre ich längst im Bett, so lange darf ich nur ganz selten aufbleiben. Als wir an die Weser kommen und den Stadtgartenberg hinuntergehen, kann ich mich nicht sattsehen. Der ganze Himmel auf der anderen Seite der Weser ist goldgelb, und unter diesem verschwenderisch dahingemalten Gold türmt sich ein blauschwarzes Gebirge auf, so wie der Kamm des Wiehengebirges hinter Tante Margrets Haus. Ich bin ganz still und gucke mir das Notturno in Blau und Gelb an. Whistler hätte es gefallen. Ein Gebirge auf der Oldenburger Seite der Weser habe ich noch nie gesehen. Am nächsten Morgen gehe ich zum Stadtgarten, aber das Gebirge ist weg. Man kann über die Weser bis Bookholzberg gucken. Ich wage meine Eltern nicht zu fragen, wo das Gebirge geblieben ist. Ich werde im Laufe der Jahre noch tausende von Sonnenuntergängen an der Weser sehen, aber keiner wird diesem magischen Moment gleichkommen. Der Himmelsmaler, der das Panoramabild auf der anderen Seite des Flusses malte, wiederholt sich nicht.

Wir alle schreiben Gedichte; nur dass es die Dichter sind, die sie in Worten schreiben.

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