Die Anthologie Nichts ist versprochen: Liebesgedichte der Gegenwart erschien mit diesem Cover 2010 bei Reclam und erlebte zahlreiche Neuauflagen. Die Anthologie gliedert sich in acht Teile, nach Hinsichten, die sich aus dem Textmaterial selbst ergeben haben, nicht etwa nach Leithinsichten, die die Selektion der Gedichte vorab bestimmen. Die Motti drücken besser als etikettierende Begriffe den jeweiligen Aspekt aus; dennoch seien die Etiketten genannt: Liebe; Erotischer Moment; Partnerschaft und Emanzipation; Ehe; Liebe und Vergänglichkeit; Liebe und Gesellschaft; Schwierige Beziehungen; Träume. Die Erstausgabe war schon im Jahr des Mauerfalls erschienen, aber mit dem Buch waren Herausgeberin und Verlag offenbar nicht so glücklich. Die Ausgaben von 2010 und 2014 sind aktualisiert und wesentlich erweitert, es sind jetzt beinahe 300 Gedichte statt der 180 der Erstausgabe. Man kann das Buch antiquarisch noch preiswert finden, meine Hardcover Ausgabe hat 4,17 portofrei gekostet.
Das Design des Covers (hier die Erstausgabe von 1989) ist von der Grafikerin Eva Knoll, die für den Reclam Verlag eine Vielzahl von Büchern gestaltet hat. Sie hat hier ein Photo verwendet, das der Berliner Photograph Jochen Littkemann (der sich auf das Photographieren von Kunstwerken spezialisiert hat) von einem Bild in der Galerie Raab machte. Das Bild ist von dem Maler →Rainer Fetting, einem der sogenannten Jungen Wilden der Berliner Kunstszene der achtziger Jahre. Es hat den Titel Susanne mit Fernseher I. Leider ist das Bild nicht im Internet zu finden. Google dünnt das Netz aus, wahrscheinlich um Platz für den KI Müll zu schaffen. Wenn ich vor Jahren den Namen meines Blogs bei Google eingab, gab es hunderte von Bildern aus meinem Blog, jetzt sind es nur noch ein Dutzend. Und Googles KI sagte mir: Ihre Anfrage 'Susanne mit Fernseher I' konnte keinem eindeutig bekannten Kunstwerk, Buchtitel oder einer spezifischen Fernsehfolge zugeordnet werden.
Aber die Susanne auf dem Bild von ✺Rainer Fetting, die 1980 Modell und Muse für Fetting wurde, die hat es wirklich gegeben. Sie hieß Susanne Kuhnke und war ein Mitglied der Band →Malaria. Irgendetwas zwischen Neuer Deutscher Welle und Post Punk, der größte Hit der Band war damals ✺Kaltes klares Wasser. Die Sängerin dieses Underground Hits war Bettina Köster, die John Peel einmal the Queen of Noise genannt hat. Sie können Susanne Kuhnke in diesem Video am ✺Moog Synthesizer sehen. Die Heimat der →Band, die auch in London und New York auftrat, war der Berliner Punkrock Tempel →S.O.36, den der Maler →Martin Kippenberger mitbegründet hatte. Wenn Sie einen Eindruck von der Szene haben wollen, dann schauen Sie einmal in den Trailer von ✺B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989.
Der junge Maler war hin und weg von der Kunststudentin Susanne: Susanne lernte ich in Kippenbergers Musikhalle SO36 kennen und war völlig beeindruckt von ihr. Sie wohnte gleich um die Ecke in einer Fabriketage [...] und studierte Kunst bei Walter Stöhrer. Ich lud sie oft zum Essen und Trinken im 'Exil' ein, und irgendwann, ganz gut angetrunken, malten wir uns gegenseitig bei einer Session. [...] Susanne war auch am Synthesizer in der New Wave Gruppe der damals berühmten Frauenband 'Malaria'.
Es ist immer etwas Gefährliches in den Susanne Bildern. Ist sie half crazy, wie es in Leonard Cohens ✺Suzanne heißt? Dieses Bild von der beinahe lebensgroßen Susanne heißt Susanne mit Axt (es gibt von dem Bild noch eine →Variante). Da ist sie wieder, die Gefahr. Und auch bei dem Bild Susanne mit Fernseher ist die Gefahr da. Das ist nicht der Halbmond im Fernseher, aber die Smith & Wesson auf dem Teppich, die ist schon gefährlich. Fetting hat in einem Interview gesagt, dass er in den achtziger Jahren diese Vielzahl von Portraits gemalt habe, weil er mit Ihnen den Geist der Stadt und der Zeit einfangen wollte.
Als Susanne bei einem Konzert von der Bühne gestürzt war und das Bein in Gips hatte, musste Fetting sie unbedingt malen: Als ihr Bein eines Tages in Gips war, weil sie bei einem Auftritt von der Bühne geflogen war, kam ich auf die Idee Susanne auf Wendeltreppe zu malen. Die Wendeltreppe ging ich jeden Tag zu meinem Atelier hoch. Das Bild sollte wohl auch auf Marcel Duchamps 'Akt eine Treppe herabsteigend' anspielen, das auch Gerhard Richter in seinem Stil gemalt hatte. Das Bild Wendeltreppe Gelb (Susanne) hat bei Ketterer beinahe 120.000 Euro gebracht. Es gibt mehrere Varianten des Bildes, auch eine, bei der Susanne →bekleidet ist. Ich habe das Bild 1994 in der Ausstellung Neue Wilde aus Berlin: Die Sammlung Martin Sanders im Kloster Cismar gesehen. Bin dran vorbeigegangen wie die junge Dame auf dem Photo hier, habe keine Minute lang geguckt. Aber das Bild mit dem Fernseher, das finde ich scharf, daran würde ich nicht vorbeigehen.
Ich mag ein gut gemaltes Bild, nicht alle Susanne Bilder von Rainer Fetting, die Anfang der 1980er Jahre beinahe fabrikmäßig produziert wurden, sind wirklich gut. Dies hier, das Susanne als Infantin zeigt, ganz bestimmt nicht. Da würde mir das Gleiche passieren, was schon in Cismar (der Dependance des Landesmuseum Schleswig) passierte. Ein kurzer Blick und weitergehen, es kommt immer was Besseres. Wo es sich lohnt, stehen zu bleiben und lange zu gucken. Vielleicht bei dem nächsten Bild.
Dies ist ein Bild von Susanne ohne Messer, Äxte und Pistolen. Aber mit High Heels. Es heißt Susanne Nacht, könnte aber auch Susanne Nackt heißen. Es gibt davon verschiedene Größen und verschiedene Farben, kostet aber beinahe immer 40.000 Euro. Darunter gehen Ölbilder von dem post-expressionistischen ehemaligen Jungen Wilden nicht mehr. Aber auch wenn manche großformatige Bilder hunderttausend Euros kosten, die Preise von Neo Rauch erreicht Fetting nicht.
Mein Exemplar von Nichts ist versprochen habe ich gerade der Frau geschickt, die heute Geburtstag hat. Da kann sie das ganze Jahr Liebesgedichte lesen. Ich habe mir das Buch natürlich nachgekauft. Ich wollte die Susanne in Rot mit den High Heels unbedingt bei mir behalten. Und das Füllhorn voller guter Liebesgedichte natürlich auch.
Ein Gedicht daraus soll es zum Abschluss dieses Posts auch geben. Es ist von Christoph Meckel und heißt Leibhaftig. Es findet sich in der Anthologie unter dem Etikett Erotischer Moment. Ich habe das Gedicht gewählt, weil ich mit einem Aktportrait geendet habe, dann sollte in der ersten Strophe schon mal das Wort nackt vorkommen:
Willst du nicht nackt herumlaufen
Willst du nicht nackt herumlaufen
in den Sommertagen?
Helles Haus alle Sperrangeln offen
und ich umarme dich
wenn du ins Zimmer kommst;
willst du dich nicht anfassen lassen
hundertmal mehr von mir, vom Himmel?
Wenn es läutet gehst du im Bademantel
zur offenen Tür
unsre Gäste reden vom Geschäft
und halten uns für seltsame Vögel; willst du nicht schöner sein
als alle Fotografien von dir
schöner noch in der Sonne als in der Nacht
und du und ich leibhaftiger in der Freude
lebendig, restlos!



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