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Mittwoch, 31. August 2011

Caspar von Saldern


In Neumünster hat man am Wochenende den dreihundertsten Geburtstag von Caspar von Saldern gefeiert. Das Geburtstagskind war auch anwesend. Na ja, er wurde von einem Schauspieler gespielt. Saß in einer Kutsche mit Katharina der Großen (der Lieblingspolitikerin von Angela Merkel), auf deren Kleid man sehr viel mehr Aufmerksamkeit verwandt hatte als auf Caspar von Salderns Kostüm. Er ist in der Stadt, in der er einmal Kanzleirat war, noch sehr lebendig. Man findet ihn unter den Honoratioren des Schützenvereins wie beim Förderverein des Caspar von Saldern Hauses. Die sind in Neumünster ein wenig spät dran gewesen mit der Geburtstagsfeier, denn der Politiker und Diplomat hatte eigentlich schon am 11. Juli Geburtstag. Aber vielleicht hat man damals ja auf besseres Wetter gewartet, was allerdings in diesem Sommer ein vergebliches Unterfangen war. Sechs Monate Winter und sechs Monate kein Sommer - und das nennen die Deutschen Vaterland, soll Napoleon gesagt haben. Der wusste, wovon er redete.

In Neumünster gibt es ein Caspar von Saldern Haus, das für ihn gebaut worden ist. Weil er keine passende Wohnung als Amtsverwalter fand. Klagt er in einem Brief an den Durchlauchtigsten Cronprintz. Der ist zwar in Kiel geboren und ist Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf, aber er ist weit weg, weil er der russische Thronfolger ist. v. Saldern möchte eine mittelmäßige Wohnung mit Zubehör haben. Darunter stellt man sich in Adelskreisen damals etwas anderes vor als heute. v. Saldern muss sich aber mit 500 Reichsthalern an dem Bau beteiligen, lässt sich aber vertraglich zusichern, dass er bei einem Auszug die Öfen, Tapeten, Möbel und Schränke mitnehmen darf. Das Haus, das im Laufe der Jahrhunderte die verschiedensten Verwendungen hatte, steht noch heute. Die Anbauten links und rechts stammen von den Engländern, die es 1945 zu einem Offizierskasino umbauten. Vorher war die Parteizentrale der NSDAP da drin.

Caspar v. Saldern hat nicht lange in dem Haus residiert. Weil er sich mit dem Amtmann von Bordesholm, dem  Reichsgrafen Gerhard von Dernath, angelegt hatte. Einem machtbewussten Mann, ebenso wie er selbst. Caspar v. Saldern zieht aus und kauft sich 1751 das Gut Schierensee. Dann geht er nach St. Petersburg und wird ein mächtiger Mann, Minister unter Katharina. Man kann ihn vielleicht als einen Staatsmann bezeichnen. Manchmal nennt man ihn auch einen Diplomaten, obgleich er wohl in seinen Umgangsformen wenig diplomatisch war. So sagt der französische Dichter de Rulhière über ihn: Dépourvu de tout usage du monde, il joignit la grossièreté d'un paysan Holstenois à la pédanterie d'un professeur Allemand. Friedrich der Große findet ihn ein klein wenig größenwahnsinnig, so schreibt er in einen Erinnerungen: Saldern, dem es an äußeren Formen und Geschmeidigkeit fehlte, schlug den Ton eines römischen Diktators an. Und er beschließt seine Ausführungen über das Treffen mit von Saldern: Saldern war erbost, einen Fürsten angetroffen zu haben, der sich seinen Befehlen so wenig fügte, und reiste von Berlin nach Kopenhagen, wo er nach Herzenslust seinem Despotismus und seiner grenzenlosen Anmaßung freien Lauf ließ.

Das 18. Jahrhundert ist ein Jahrhundert, in dem die Mächtigen ihr Ego ausleben können. Es ist auch die Zeit der selfmade men, da ist von Saldern mit seinen Erfolgen dem Opiumhändler Seneca Inggersen oder dem Sklavenhändler Graf Schimmelmann ähnlich. So gut Caspar v. Saldern das mächtepolitische Monopoly beherrscht, irgendwann kommt er mit seinen machtpolitischen Intrigen und Winkelzügen zu Fall. Das ist der Augenblick, in dem Katharina ausruft man solle den Nichtswürdigen mit gebundenen Armen und Beinen zu ihr bringen!

Aber da ist er schon wieder in Schierensee und widmet sich dem Bau des Hauses und des Gartens. Geld genug hat er, denn er hat bei allen Parteien, mit denen er verhandelte, jahrelang abkassiert. Nicht nur Grafentitel und den Elephantenorden, da war auch schon Bares dabei. Nebenbei reformierte er auch die Christian Albrechts Universität, die knapp hundert Jahre nach ihrer Gründung in einem erbarmungswürdigen Zustand ist. Schlimmer als heute kann es nicht gewesen sein. Aber er lässt auch durch den Baumeister Ernst Georg Sonnin eine neue Universität bauen. Mit dem Bauen hat er es, der Caspar von Saldern. Das Haus in Neumünster, das ja weit mehr als eine mittelmäßige Wohnung mit Zubehör war, ein Stadthaus in der Flämischen Strasse in Kiel und dann das Gut Schierensee. Was er zu einem Kleinod macht, einschließlich eines aufwendigen Parks. Man hat das Gefühl, dass er es den adligen Nachbarn auf den Nachbargütern Ehmkendorf und Deutsch-Nienhof zeigen will, dass er es zu etwas gebracht hat. Ehmkendorf ist größer und ist eine Art Musensitz, Deutsch-Nienhof ist älter und man hat dort auch Kultur, Ehmkendorf ist das Monument eines neureichen Banausen. Non mihi sed posteris, hat von Saldern über das Eingangsportal schreiben lassen. Ja, das ist echte Bescheidenheit.

1968 hat Axel Cäsar Springer es gekauft, jetzt gehört es einem Herrn Fielmann, der mit Vornamen Brille heißt. Dem gehört auch schon das Plöner Schloß. Ich weiß jetzt nicht, wie ich von dem Satz mit dem neureichen Banausen auf Axel Springer und Brille Fielmann gekommen bin, aber für irgendwelche krausen Verbindungen in meinem Hirn schien das beim Schreiben einen Sinn zu machen. Das Land hat bei dem Verkauf von Schierensee an Axel Springer das Haus unter Denkmalschutz gestellt, und jeder Schritt der Bauarbeiten wurde von den Denkmalpflegern begleitet. Axel Springer war nichts zu teuer, der Schiefer für das neue Dach musste aus England importiert werden. Auch in solchen Dingen sind Hamburger angloman. Die Gemeinde bekam von Axel Springer als erstes ein neues Feuerwehrauto spendiert. Das war bestimmt sehr uneigennützig gedacht. Die acht Millionen Mark, die Axel Springer für das heruntergekommene Anwesen an das Land gezahlt hat, brachten dem Land nicht wirklich bares Geld. Denn durch eine Vielzahl geschickter Steuertricks und die Gründung einer Stiftung hat er das alles abschreiben können, letztlich hat es zu großen Teilen der Steuerzahler gezahlt. Manche Kritiker sprachen schon früh von einer neuen Form einer ausgeklügelten Geldwaschanlage.

Schierensee verwandelte sich von einem verschlafenen Gut, wo es keinen störte, wenn man auf den Gutshof fuhr oder im heruntergekommenen Park (der nichts mehr von der Parkanlage des 18. Jahrhunderts verriet) spazierenging, zu einem Hochsicherheitstrakt. Uniformierte Wachen, Rudel von scharfen Hunden und Scheinwerfer, mit denen man einen Fußballplatz hätte beleuchten können. In Großstädten und Unistädten spielt man 1968, Axel Springers Bild Zeitung heizt die nationale Hysterie erst an. In Kampen gibt es einen Brandanschlag auf Springers Haus, sein Chalet in der Schweiz brennt, aber hier auf dem platten Land bleibt alles ruhig. Hier kann der Pressezar sich seinen norddeutschen Wurzeln verhaftet fühlen, die englische Königin und Franz Josef Strauß empfangen.

Das 18. Jahrhundert, in dessen zweiter Hälfte mit Aufklärung und Klassik die ideellen Grundlagen auch unserer Zeit gelegt wurden, ist in Schleswig-Holstein nirgendwo so präsent und erlebbar wie auf Gut Schierensee – dank uneigennütziger Denkmalpflege in privater Hand. Und das macht, neben allem anderen, diesen Platz nun wirklich einzigartig. Steht in einer Firmenbroschüre von Fielmann, von einem Lohnschreiber verfasst. Über 30 Millionen Mark soll Fielmann bezahlt haben, wahrscheinlich auch steuerlich irgendwie abzuschreiben. Den kunsthistorischen Berater von Axel Springer, Dr. Henrik Lungagnini, hat Fielmann gleich mit übernommen. Der neue Gutsherr, der nur gute Werke (Non mihi sed posteris) tut, betreibt dort jetzt ökologische Landwirtschaft. Und plant auch, den Lustgarten auf dem Heeschenberg, der so viele Reisende der Romantik begeisterte, wieder anzulegen.

Über die schleswig-holsteinischen historischen Gärten unterrichtet am ausführlichsten das Buch von Adrian von Buttlar und Margita Marion Meyer Historische Gärten in Schleswig-Holstein. Die beste kunsthistorische Bestandsaufnahme von Schierensee ist Carl-Heinrich Seebachs Schierensee: Geschichte eines Gutes in Holstein. Das Herrenhaus kann nach Anmeldung bei der Gutsverwaltung besichtigt werden. Und am zweiten Adventssonntag gibt es einen Gottesdienst im Rinderstall, falls Sie für den 4. Dezember um 17 Uhr noch nichts vorhaben, tragen Sie das doch schon mal in Ihrem Terminkalender ein. Vielleicht knien da denn die Ochsen, wie in Thomas Hardys Gedicht.


Dienstag, 30. August 2011

John Peel


Also diesen John Peel meine ich jetzt nicht, über den es das berühmte Lied D'ye ken John Peel with his coat so grey? gibt. Unser Englischlehrer hat uns damals gezwungen, es auswendig zu lernen. Ich könnte es noch heute singen:

D'ye ken John Peel with his coat so grey?
D'ye ken John Peel at the break o' day?
D'ye ken John Peel when he's far, far a-way.
With his hounds and his horn in the morning?
(Chorus) For the sound of his horn brought me from my bed,
And the cry of his hounds which he oftime led,
Peel's "View, Halloo!" could awaken the dead,
Or the fox from his lair in the morning.


Ich will kein böses Wort über meinen Englischlehrer Dr Fritz Tröbs sagen (den wir nur James nannten, weil er immer den sächsischen Genetiv am Beispiel von James's book illustrierte). James hat uns außer englischen Liedern von The ash grove how graceful, how plainly 'tis speaking bis Pack Up Your Troubles in Your Old Kit-Bag die wirklichen Klassiker der englischen Literatur vermittelt. Gut, Shakespeare und so'n Zeuch auch, aber ich meine jetzt die wirklichen Klassiker. Nämlich P.G. Wodehouse. Und The Wind in the Willows und Winnie-the-Pooh. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar. Er hat uns auch gezwungen, jeden Tag zehn neue Vokabeln zu lernen und in ein Vokabelheft einzutragen. Was haben wir ihn verflucht. Hat aber viel genützt. Wahrscheinlich gibt es heute keine Englischlehrer mehr, die in der Sekundarstufe II P.G. Wodehouse, The Wind in the Willows und Winnie-the-Pooh lesen und einen jahrelangen Vokabeltrainingsterror durchziehen.

Der John Peel, um den es heute geht, hat mit dem John Peel des frühen 19. Jahrhunderts nur den Namen gemein. Er heißt eigentlich John Robert Parker Ravenscroft. Mit Pferden, Hunden und der Fuchsjagd hatte er nichts zu tun, mit Singen schon eher. Er war Englands berühmtester Radiomoderator für Popmusik, beinahe vierzig Jahre lang hat er bei BBC 1 seine Sendung gehabt, die schnell eine Kultsendung wurde. Egal, was er machte, die BBC hat ihm nie hineingeredet. Die Anfänge seiner Sendung lagen in einer Zeit, als das Radio noch wild war. Als es noch Piratensender gab und RTL Radio Luxemburg noch etwas Tolles sein konnte. Man kann von John Peels Sendungen noch viel im Internet sehen, und seit einigen Jahren feiert man weltweit den Tag seiner letzten Sendung im Oktober mit einem John Peel Day. John Peel, der heute Geburtstag gehabt hätte, ist im Jahre 2004 gestorben, aber für seine Fans lebt er immer noch. Seine Familie hat ihm seinen letzten Wunsch erfüllt, den er einmal in einem Interview geäußert hatte, dass auf seinem Grabstein Teenage dreams, so hard to beat stehen sollte. Das ist aus seinem Lieblingssong Teenage Kicks von der Gruppe The Undertones.

Man konnte seine Sendungen auch in Deutschland hören, also in Bremen und Niedersachsen, wo man BFBS hereinbekam. Hat mir manche Stunde im Stau auf der Autobahn Bremen-Hamburg versüsst. A balance between things that you know people will like and things that you think people will like. Bekanntes und Neues, schrill und übergangslos nebeneinander. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich mich auf diesem Gebiet auskenne oder dass das meine Lieblingsmusik ist. Ich hätte nie gewusst, dass es eine Gruppe namens The Hoax gibt. Aber mein Freund Ollie, der weiß das, und er hat über sie geschrieben. Ollie hat auch die erste CD von PJ Harvey produziert, da kannte die noch keiner. John Peel natürlich schon, der auch ihre weitere Karriere gefördert hat. Wenn Sie mal etwas wirklich Abgefahrenes über Engländer und ihre Liebe zur Pop- und Rockmusik lesen wollen, dann kann ich Oliver Grays Buch Volume: A Cautionary Tale of Rock and Roll Obsession unbedingt empfehlen. Ist auch sehr witzig. Könnte auch den Titel haben Rock'n Roll I gave you the best years of my life, wenn Kevin Johnson den nicht schon erfunden hätte.

Irgendwie bewundere ich die Engländer dafür, dass sie Leute John Peel und Ollie Gray (und wahrscheinlich noch tausend andere) haben, die einem zeigen, dass es jenseits von Robbie Williams noch lebendige Musik gibt. Sicherlich gibt es bei uns außer Dieter Bohlen und Heino auch noch irgendwo etwas musikalisch Originelles. Vor Jahrzehnten gab es bei NDR Klaus Wellershaus, aber dann war auch Schluss Kreativität und Intelligenz beim NDR. Obgleich sein Nachfolger Peter Urban sein Anglistikstudium in Hamburg ja mit einem originellen Buch Rollende Worte – Die Poesie des Rock abgeschlossen hatte, aber dann kam nicht mehr viel.

Ich bin Tobias Hochscherf und Christoph Laucht, die ihre Unikarriere als lecturers an englischen Universitäten starteten, dankbar, dass sie mir damals als Weihnachtsgeschenk John Peels Margrave of the Marshes aus England mitbrachten. John Peel hat seine Autobiographie (mit seiner erstaunlichen Handschrift) nicht zu Ende schreiben können, die zweite Hälfte stammt aus der Feder seiner Frau Sheila Ravenscroft. Als kleine Hommage an John Peel gibt es hier zum Schluss den Text seines Lieblingsliedes:

Are teenage dreams so hard to beat
Everytime she walks down the street
Another girl in the neighbourhood
Wish she was mine, she looks so good

I wanna hold her wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night

I'm gonna call her on the telephone
Have her over cos i'm all alone
I need excitement oh i need it bad
And its the best, i've ever had

I wanna hold her wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night

Are teenage dreams so hard to beat
Everytime she walks down the street
Another girl in the neighbourhood
Wish she was mine, she looks so good

I wanna hold her wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night

I'm gonna call her on the telephone
Have her over cos i'm all alone
I need excitement oh i need it bad
And its the best, i've ever had

I wanna hold her wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night

I wanna hold her wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night

Montag, 29. August 2011

Mr. Stringer


In seinem Essay The guilty vicarage: Notes on the detective story, by an addict erklärte der englische Dichter W.H. Auden den Detektivroman zu einer Art christlicher (oder existentialistischer?) Parabel. Ich weiß nicht so ganz, wie ernst das Ganze gemeint war, aber es lassen sich natürlich Analogien zu allem finden. Vor allem beim Schauplatz: The Milieu (Natural). In the detective story, as in its mirror image, the Quest for the Grail, maps (the ritual of space) and timetables (the ritual of time) are desirable. Nature should reflect its human inhabitants, i.e., it should be the Great Good Place; for the more Eden-like it is, the greater the contradiction of murder. The country is preferable to the town, a well-to-do neighborhood (but not too well-to-do-or there will be a suspicion of ill-gotten gains) better than a slum. The corpse must shock not only because it is a corpse but also because, even for a corpse, it is shockingly out of place, as when a dog makes a mess on a drawing room carpet.

Das kennen wir, das typische kleine Dorf. Midsomer, Nether Addlethorpe, Middle Fritham oder Mayhem Parva, wie immer es heißen mag. Skurrile Anwohner (The characters in a detective story should, therefore, be eccentric aesthetically [interesting individuals] and good [instinctively ethical]–good, that is, either in appearance, later shown to be false, or in reality, first concealed by an appearance of bad), so etwas kennen wir aus hunderten von Romanen und TV Serien. In diesen kleinen Orten gibt es neben dem Pub natürlich noch ein Post Office und manchmal eine Leihbibliothek. Das sind Orte, an denen wir allen Personen begegnen können, Verdächtigen, Mördern. Auf jeden Fall in den dreißiger Jahren, dem Golden Age of the Detective Novel. Heute sind in den kleinen englischen Dörfern die Postämter und die Leihbibliotheken verschwunden. Und auch Veterinäre wie Siegfried und Tristan Farnon wird man da vergeblich suchen. Und diese schönen Tweedanzüge, die man in der ganzen Serie All Creatures Great and Small sehen kann, findet man kaum noch. Das Schöne am englischen Detektivroman und all den englischen Fernsehserien, die draußen auf dem Land spielen, ist ja, dass sie eine längst vergangene Englishness konservieren.

Wenn ein Ort eine Bibliothek hat, stehen die Chancen natürlich neunundneunzig zu eins, dass da eine Bibliothekarin arbeitet. Die Literatur ist voller Bibliothekarinnen. Aber in unserem Ort, der St Mary Mead heißt und in dem eine gewisse Jane Marple wohnt, haben sie einen Bibliothekar namens Mr Stringer. Den sucht man in den Romanen von Agatha Christie vergeblich. Die Krimiautorin mochte auch zuerst Margaret Rutherford nicht (denn sie hat nicht viel mit der Miss Marple der Romane gemein), später haben die Damen sich dann angefreundet. Und Agatha Christie hat ihren Roman The Mirror Crack'd from Side to Side mit der Widmung To Margaret Rutherford, in admiration versehen. In den Filmen, in denen Margaret Rutherford die Hauptrolle spielt, da kann Miss Marple auf Mr Stringer nicht verzichten. Weil sie im wirklichen Leben ein wenig verloren wäre ohne ihren Mr Stringer (die Vielzahl ihrer psychischen Krisen und Sanatoriumsaufenthalte ist erst nach ihrem Tod bekannt geworden). Miss Marple und Mr Stringer sind im wirklichen Leben miteinander verheiratet. Sieht man ihnen das in dieser Szene nicht an? Dame Margaret ist im wirklichen Leben nicht so tough gewesen wie ihre Miss Marple, ihre schreckliche Kindheit ist hier schon einmal erwähnt worden.

Seit Edgar Allan Poe für seinen Detektiv einen sidekick erfunden hat, und seit Arthur Conan Doyle ihm diese Idee geklaut hat, haben viele Helden des Detektivromans jemanden, auf den sich immer verlassen können. Auch Agatha Christies Hercule Poirot hat seinen Captain Hastings. Da bietet es sich für den Film doch an, Margaret Rutherford diesen herrlich skurrilen James Buckley Stringer Davis an die Seite zu stellen. Denn was wären die Filme ohne ihn? Stringer Davis ist heute vor 38 Jahren gestorben, und ich nehme den Todestag mal zum Anlass, an all die Nebenfiguren zu denken, ohne die viele Filme nichts wären. Vielleicht unser Leben auch nicht.

W.H. Auden schliesst seinen Essay mit den Worten: The phantasy, then, which the detective story addict indulges is the phantasy of being restored to the Garden of Eden, to a state of innocence, where he may know love as love and not as the law. The driving force behind this daydream is the feeling of guilt, the cause of which is unknown to the dreamer. The phantasy of escape is the same, whether one explains the guilt in Christian, Freudian, or any other terms. One’s way of trying to face the reality, on the other hand, will, of course, depend very much on one’s creed. Das sind die Augenblicke, für die der Engländer diese wunderbare Formel quite so zur Hand hat. Ich möchte lieber mit einem Gedicht schliessen, das Auden ein Jahrzehnt vor The guilty vicarage schrieb. Es hat den schönen Titel Detective Story:

For who is ever quite without his landscape,
The straggling village street, the house in trees,
All near the church, or else the gloomy town house,
The one with the Corinthian pillars, or
The tiny workmanlike flat: in any case
A home, the centre where the three or four things
That happen to a man do happen? Yes,
Who cannot draw the map of his life, shade in
The little station where he meets his loves
And says good-bye continually, and mark the spot
Where the body of his happiness was first discovered?

An unknown tramp? A rich man? An enigma always
And with a buried past but when the truth,
The truth about our happiness comes out
How much it owed to blackmail and philandering.

The rest's traditional. All goes to plan:
The feud between the local common sense
And that exasperating brilliant intuition
That's always on the spot by chance before us;
All goes to plan, both lying and confession,
Down to the thrilling final chase, the kill.

Yet on the last page just a lingering doubt:
That verdict, was it just? The judge's nerves,
That clue, that protestation from the gallows,
And our own smile . . . why yes . . .
But time is always killed. Someone must pay for
Our loss of happiness, our happiness itself.


Und falls Sie im Raum Köln wohnen und nach London wollen, um Agatha Christies The Mousetrap zu sehen (sollte man besser Tourist Trap taufen), dann nehmen Sie für die Reise doch einfach Mr. Stringer.

Sonntag, 28. August 2011

John Betjeman


Heute vor 105 Jahren wurde John Betjeman geboren. Er hat das Studium in Oxford nicht so furchtbar ernst genommen. Er hat auch seinen Teddybär mit ins College gebracht. Falls Sie immer schon mal wissen wollten, weshalb auf diesem Photo aus dem Film Brideshead Revisited ein Teddybär zu sehen ist, hier ist die Antwort: Evelyn Waugh hatte nichts anderes zu tun, als John Betjemans Teddy (der den Namen Archibald Ormsby-Gore hatte) in den Roman Brideshead Revisited hineinzuschreiben. Dort heißt er allerdings Aloysius. Betjemans Teddy hat sogar einen Wikipedia Eintrag, das beruhigt mich nun sehr, dass das Internet Lexikon für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens wie Teddybären immer einen informativen Artikel hat. Betjeman hat in Oxford kein Examen abgelegt, weil er sich ebenso wie Lord Sebastian Flyte (der Besitzer von Aloysius) nicht so sehr mit seinen Studien beschäftigt hat (I cut tutorials with wild excuse, For life was luncheon, luncheons all the way). Aber Betjeman hat schon während des Studiums angefangen, Gedichte zu schreiben. Natürlich auch eins über Archibald.

The bear that sits above my bed
A doleful bear he is to see;
From out his drooping pear-shaped head
His woollen eyes look into me.
He has no mouth, but seems to say:
'They'll burn you on the Judgement Day.'

Those woollen eyes, the things they've seen
Those flannel ears, the things they've heard -
Among horse-chestnut fans of green,
The fluting of an April bird,
And quarrelling downstairs until
Doors slammed at Thirty One West Hill.

The dreaded evening keyhole scratch
Announcing some return below
The nursery landing's lifted latch,
The punishment to undergo
Still I could smooth those half-moon ears
And wet that forehead with my tears.

Whatever rush to catch a train,
Whatever joy there was to share
Of sounding sea-board, rainbowed rain,
Or seaweed-scented Cornish air,
Sharing the laughs, you still were there,
You ugly, unrepentant bear.

When nine, I hid you in a loft
And dared not let you share my bed;
More aged now he is to see,
His woollen eyes have thinner thread,
But still he seems to say to me,
In double-doom notes, like a knell:
'You're half a century nearer Hell.'

Self-pity shrouds me in a mist,
And drowns me in my self-esteem.
The freckled faces I have kissed
Float by me in a guilty dream.
The only constant, sitting there,
Patient and hairless, is a bear.

And if an analyst one day
Of school of Adler, Jung or Freud
Should take this aged bear away,
Then, oh my God, the dreadful void!
its draughty darkness could but be

Eternity, Eternity.

Es hat Betjeman immer geschmerzt, das geliebte Magdalen College in ➱Oxford verlassen zu müssen. Und jetzt auf der Straße zu stehen, How could I go by tram In suit from Savile Row and Charvet tie? Aber es war ihm schon klar, dass man mit der Einstellung For life was luncheon, luncheons all the way nicht unbedingt Professor in Oxford werden konnte. Auch wenn das Outfit für den exzentrischen Gentleman stimmte:

What was 'my own'? I partly liked to shock -
But strawberry-coloured trousers soon made way
For shirts by Hawes and Curtis, hats by Lock
And suits for which my father had to pay

Der nach England emigrierte deutsche Professor Pevsner, der den Amateurkunsthistoriker Betjeman hasste wie die Pest, sprach immer von Betjeman als dem Oxford undergraduate. Doch er hat die Engländer nie so richtig begriffen, deshalb geht auch seine Beleidigung mit dem Oxford undergraduate daneben. Denn auch wenn Betjeman von der Uni geflogen ist (die ihn Jahre später zum Ehrendoktor machte), ist doch seine Bedeutung für die englische Architektur und deren Erhalt ebenso groß wie die von Nikolaus Pevser mit seinen Buildings of Britain. Und damit meine ich nicht nur solch amüsante Bücher wie Ghastly Good Taste (1933) und seine Tätigkeit in der Redaktion vom Architectural Review. Betjeman hat es geschafft, die englische Nation dafür zu gewinnen, ihr architektonisches Erbe zu lieben. Selbst die viktorianischen Scheußlichkeiten in London. Wo der Professor aus Deutschland nur eine kalte Klassifizierungswut hat, hat Betjeman eine große Liebe zur englischen Architektur.

Und so kämpft er gegen den Abriß und den Verlust eines historischen Bewußtseins gegen the collapse of the fabrics of our old churches, the thieving of lead and objects from them, the commandeering and butchery of our scenery by the services, the despoiling of landscaped parks. Denn die Vision der neuen Welt der Moderne (für die der Professor Pevsner so energisch eingetreten ist, gefällt Betjeman überhaupt nicht: Oh prams on concrete balconies, what will your children see? Oh white and antiseptic life in school and home and clinic, oh soul-destroying job with handy pension, oh loveless life of safe monotony, why were you created?

Aber es ist nicht nur Betjemans Kampf für Englands kulturelles Erbe (der St Pancras vor dem Abriss bewahrte), der Betjeman berühmt gemacht hat, es sind auch seine Gedichte. Sie machen ihn zum beliebtesten englischen Dichter (und zum Poet Laureate), zu einem Dichter, der wirklich gelesen wird. Denn der Mann, der seinen Teddybären nach Magdalen College mitbrachte (als er starb, hielt er ihn im Arm), dichtet über die wirklichen Dinge des Lebens. Wie den Mann, der seinen Ärger mit seiner Frau auf der A 30 abreagiert:

Meditation on the A30

A man on his own in a car
Is revenging himself on his wife;
He opens the throttle and bubbles with dottle
and puffs at his pitiful life

She's losing her looks very fast,
she loses her temper all day;
that lorry won't let me get past,
this Mini is blocking my way.

"Why can't you step on it and shift her!
I can't go on crawling like this!
At breakfast she said that she wished I was dead-
Thank heavens we don't have to kiss.

"I'ld like a nice blonde on my knee
And one who won't argue or nag.
Who dares to come hooting at me?
I only give way to a Jag.

"You're barmy or plastered, I'll pass you, you bastard-
I will overtake you. I will!"
As he clenches his pipe, his moment is ripe
And the corner's accepting its kill.


Samstag, 27. August 2011

Margaret Bourke-White


The South has always been shoved around like a country cousin. It buys mill-ends and it wears hand-me-downs. It sits at second-table and is fed short-rations. It is the place where the ordinary will do, where the makeshift is good enough. It is that dogtown on the other side of the railroad tracks that smells so badly every time the wind changes. It is the Southern Extremity of America, the Empire of the Sun, the Cotton States; it is the Deep South, Down South; it is The South. So beginnt You Have Seen Their Faces, eine Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Schriftsteller Erskine Caldwell und der Photographin Margaret Bourke-White (die nach dieser gemeinsamen Arbeit auch noch heirateten). Diese Symbiose von Literatur und Photographie findet sich in der Great Depression noch mehrfach. Zum Beispiel in James Agees Let Us Now Praise Famous Men mit den Photographien von Walker Evans. Oder in Archibald MacLeishs Land of the Free, vom Dichter als the opposite of a book of poems illustrated by photographs. It is a book of photographs illustrated by a poem bezeichnet.

Die Photographie hat in den dreißiger Jahren eine neue Dimension bekommen. Zum einen durch eine Vielzahl von Magazinen, die voller Photographien sind. Von denen die Zeitschrift Life wohl das berühmteste Beispiel ist. Zum anderen durch die so genannte FSA Photographie, die von der Roosevelt Regierung geförderte Dokumentarphotographie. Die keine Propaganda produziert (obwohl die politischen Gegner ihr das vorwerfen), sondern eher Fragen stellt. So wie MacLeish in Land of the Free:

We wonder whether the great American dream
Was the singing of locusts out of the grass to the west and the
West is behind us now:
   The west wind's away from us
We wonder if the liberty is done:
The dreaming is finished

   We can't say
   We aren't sure


Dieser Ton der Unsicherheit findet sich auch in Agees Let Us Now Praise Famous MenWho are you who will read these words and study these photographs, and through what cause, by what chance and for what purpose, and by what right do you qualify to, and what will you do about it. Das ist es, die Frage, die hinter all den Photographien steht: what will you do about it?

Walker Evans' Photographien (links) sind zurückhaltender und ehrlicher als die von Margaret Bourke-White. Was auch daran liegt, dass er nichts arrangiert. Bourke-White arbeitet dagegen like a motion picture director, wie Erskine Caldwell es einmal formulierte, sie arrangiert kleine Spielfilmszenen. Und ich habe den Verdacht, dass sie bei ihrem Photo At the Time of the Louisville Flood (ganz oben) die Leute ganz sorgfältig arrangiert und vor das Billboard gestellt hat. Die vielbeschworene Wahrheit der Photographie ist auch nur eine Chimäre. Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber auch Bilder wollen richtig gelesen werden. James Curtis hat in seinem Buch Mind's Eye, Mind's Truth: FSA Photography Reconsidered argumentiert, dass auch der scheinbare objektive Realismus der FSA Photographen eine Illusion ist (➱hier gibt es einen Essay von James Curtis). Das revisionistische Buch hat eine erregte Debatte ausgelöst, von der man in dem siebenteiligen Artikel in dem ➱Opinionator Blog noch einiges spüren kann.

Der amerikanische Kulturhistoriker Alan Trachtenberg hat in seinem Buch Reading American Photographs: Images as History gesagt: Just as the meaning of the past is the prerogative of the present to invent and choose, the meaning of an image does not come intact and whole. Indeed, what empowers an image to represent history is not just what it shows but the struggle for meaning we undergo before it, a struggle analogous to the historian’s effort to shape an intelligible and usable past. Representing the past, photographs serve the present’s need to understand itself and measure its future. Their history lies finally in the political visions they may help us realize. Seit Van Wyck Brooks den Begriff a usable past in die Diskussion geworfen hat, lässt er die amerikanischen Historiker nicht los.

Ich habe ein halbes Dutzend Walker Evans Photobände und Kataloge. Ich habe kein Buch mit Photographien von Bourke-White, und ich weiß auch warum. Sie ist schnell berühmt geworden, sie hat Life mitbegründet. Sie hat sensationelle Photos geliefert, sie war immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sie ist arrogant, kalt und berechnend und karrieregeil. Die Menschen, die sie photographierte, haben sie nicht gekümmert. Als sie hörte, dass Gandhi ermordet worden war (den sie gerade zuvor interviewt) hatte, rast sie zurück. Angeblich, um die Familie zu trösten. In Wirklichkeit will sie nur das Exklusivphoto haben, das macht sie auch, sogar mit Blitzlicht. Die Familie schmeißt sie raus. Sie kommt wieder zurück.  Wo hört der Photojournalist auf, wo fängt der sensationsgeile Paparazzi an?

Und sie ist eine Weltmeisterin der Selbstvermarktung. Vicky Goldberg (die nun wirklich eine seriöse Kennerin der amerikanischen Photographie ist) kann in ihrer Biographie nicht wirklich Nettes an Margaret Bourke-White finden. Ich weiß, das wäre jetzt ziemlich fies, wenn ich sagen würde, dass sie Amerikas Äquivalent zu Leni Riefenstahl ist, aber an dem Gedanken ist etwas dran.

Sie hat den amerikanischen Photojournalismus der dreißiger Jahre mit geprägt. Ja, gut, aber das hat Weegee auch getan. Und wenn man nun unbedingt die Leistung von photographierenden Frauen hervorheben will, wie das die neueren feministischen Margaret Bourke-White Hagiographien tun, dann gäbe es noch zahlreiche andere Frauen in Amerika. Wie Doris Ulmann, Berenice Abbott, Dorothea Lange. Und dann noch - etwas weniger bekannt - die Schriftstellerin Eudora Welty oder die immer unterschätzte Marion Post Wolcott. Deren Photo oben von dem Schwarzen, der den Hintereingang für das Kino in Belzoni (Mississippi) benutzen muss, ist still und unaufdringlich. Nicht so plakativ wie At the Time of the Louisville Flood. 

Walker Evans war einer der ersten amerikanischen Photographen, der alle Sorten Schilder photographiert hat, bei ihm war das noch eine zweckfreie Tätigkeit. Aber Roy Stryker, der Chef der FSA Photographieabteilung erkannte natürlich, welche verstärkte Symbolwirkung diese signs innerhalb eines Bildes haben konnten. Ich stelle das Photo von einer Tankstelle von Dorothea Lange mal eben süffisant hier hin. Als kleine Botschaft an die Firma Shell, die für die Benutzung der Druckluftgeräte neuerdings Geld kassieren will.

Margaret Bourke-White ist heute vor vierzig Jahren gestorben. Das oberste Photo ist von ihr, mehr Bilder von ihr findet man bei Google Bilder. Die anderen Photos sind Dorothea Lange, Walker Evans (2), Marion Post Wolcott (2), Dorothea Lange. Über die alle schreibe ich gerne ein anderes Mal etwas länger, vielleicht ist dies heute ein Appetitanreger. Für Sie und für mich. Alan Trachtenbergs Buch Reading American Photographs: Images as History aus dem Jahre 1990 ist noch lieferbar. Miles Orvells American Photography (in der vorzüglichen Reihe Oxford History of Art) ist als Paperback preislich unschlagbar. Abgesehen davon, dass das Buch eine hervorragende Einführung in die amerikanische Photographie bietet. Margaret Bourke-White spielt bei Orvell keine größere Rolle, das finde ich sehr beruhigend.

Und da ich die Zeitlosigkeit von Dorothea Langes Photo mit der kostenlosen Luft illustriert habe, möchte ich noch eins ihrer Tankstellenphotos zeigen. Hier zeigt ein Tankstellenpächter in Santa Fe (New Mexiko) im Jahre 1938 den vorüberfahrenden Autofahrern, wie sich der Benzinpreis zusammensetzt. Das hat sich wohl bis heute nicht wesentlich geändert. Aber es gibt kaum noch Angebote von Würmern für Angler an der Tankstelle.

Freitag, 26. August 2011

German German Overalls


Das, worüber der Bundespräsident Theodor Heuss vor Monaten mit dem verehrungswürdigen Dichter Rudolf Alexander Schröder sprach, hat sich ja nun gar nicht bei uns durchgesetzt. In seiner ➱Neujahrsansprache 1950 im Radio präsentierte Heuss das Echo dieses freundschaftlichen Männergespräches:

Land des Glaubens, deutsches Land,
Land der Väter und der Erben,
uns im Leben und im Sterben
Haus und Herberg, Trost und Pfand,
sei den Toten zum Gedächtnis,
den Lebend'gen zum Vermächtnis,
freudig vor der Welt bekannt,
Land des Glaubens, deutsches Land.

Land der Hoffnung, Heimatland,
ob die Wetter, ob die Wogen
über dich hinweggezogen,
ob die Feuer dich verbrannt,
du hast Hände, die da bauen,
du hast Herzen, die vertrauen,
Lieb und Treue halten stand,
Land der Hoffnung, Heimatland!

Land der Liebe, Vaterland,
heil'ger Grund, auf den sich gründet,
was in Lieb und Leid verbündet
Herz mit Herzen, Hand mit Hand.
Frei, wie wir dir angehören
und uns dir zu eigen schwören,
schling um uns dein Friedensband,
Land der Liebe, Vaterland!

Das sollte die Nationalhymne der jungen Republik werden. Aber nach langem Gezänk und einer hymnenlosen Zeit einigte man sich doch irgendwann auf die dritte Strophe eines Liedes, das heute vor 170 Jahren in einer ➱englischen Kolonie gedichtet wurde. Und das zu der Melodie der österreichischen Nationalhymne gesungen wurde. Es ist als Trinklied geschrieben worden, das kann man noch in der zweiten Strophe sehen (die wir heute leider nicht mehr singen), wenn die Rede ist von: Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang Sollen in der Welt behalten Ihren alten schönen Klang, Uns zu edler Tat begeistern  Unser ganzes Leben lang – Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang!

Der Dichter des Trinkliedes bietet seinem Hamburger Verleger Julius Campe das Lied bei einem Strandspaziergang zum Kauf an (Ich habe ein Lied gemacht, das kostet aber vier Louisd'or). Campe nimmt es mit nach Hamburg, und da ist es im Herbst 1841 auch zum ersten Mal gesungen worden. Auf dem Hamburger Jungfernstieg vor Streits Hotel, bei einem Fackelzug zu Ehren des badischen Professors Carl Theodor Welcker. Und in dem Augenblick bekommt es schon eine politische Dimension, einen touch von Vormärz, den es als Trinklied in Helgoland vielleicht nicht unbedingt hatte. Das Lied fällt dann auch beinahe überall der Zensur zum Opfer. Aber die Gedanken sind frei, auch ein Lied, an dem Hoffmann von Fallersleben nicht unschuldig ist. Es ist ein langer Weg, bis die dritte Strophe unsere Nationalhymne wird.

Viele Deutsche können sie nicht singen. Zum Beispiel diese Millionäre in den Trikots mit den preußischen Farben und dem schwäbischen Mercedesstern auf der Brust. Und die Frau mit dem englischen Namen aus Delmenhorst, die so hingebungsvoll Brüh' im Lichte dieses Glückes gesungen hatte. Und die deutschen Spitzenpolitiker, die beim Fall der Mauer das Lied der Deutschen gesungen haben, schienen auch nicht sehr textsicher. Manche Politiker singen aus Trotz nicht, gucken Sie sich mal die Linke an - wie die kleinen Kinder. Ätsch, wir singen aber die Hymne nicht. Nur die ➱Gesine Lötzsch, die singt brav mit. Und dann gibt es auch noch Augenblicke, wo unsere Hymne kein Schwein mehr interessiert.

Wenn man bei der Last Night of the Proms sieht, wie halb England Land of Hope and Glory, Jerusalem und ➱God Save the Queen singt, dann hat man schon das Gefühl. dass bei uns etwas verloren gegangen ist. Aber es ist mir letztlich egal, solange niemand nachguckt, wo Maas und Memel, Etsch und Belt auf der Landkarte liegen und von dem Deutschland, Deutschland über alles auf der Welt träumt. Was ja nicht bedeutete, dass Deutschland über alle Länder herrschen sollte. Sondern dass dem Dichter aus dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg im Jahre 1841 ein geeintes Deutschland - das es nicht gab - über alles ging.

Wir haben ein riesiges Repertoire von Liedern, die glücklicherweise in den Musikantenstadeln des Fernsehens nicht mehr vorkommen. In denen wir dem welschen Pack jenseits des Schicksalsflusses vorsangen: Sie sollen ihn nicht haben Den freien deutschen Rhein So lang dort kühne Knaben Um schlanke Dirnen freien So lang die Flossen hebet Ein Fisch auf seinem Grund So lang ein Lied noch lebet In seiner Sänger Mund. Denn wir wissen Lieb' Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein! Unsere nationale Identitätsgewinnung erfolgt immer wieder über das Singen: So weit die deutsche Zunge klingt, und Gott im Himmel Lieder singt, so soll es sein, das soll es sein, das, wack'rer Deutscher, nenne dein, das nenne dein! 

Vielleicht hätten wir doch das Lied von Rudolf Alexander Schröder nehmen sollen.

Donnerstag, 25. August 2011

George Stubbs


Das ist jetzt nicht von George Stubbs. Dies seltsame Bild - soll man sagen Naive Malerei oder Hyperrealismus? - stammt aus dem Jahre 1833. Über den Maler Robert Burnard weiß man nicht so viel, außer dass er 1840 mit Frau und sechs Kindern nach Australien ausgewandert ist. Man hatte das Bild zuvor - und jetzt komme ich auf einem Umweg doch zu George Stubbs, der heute Geburtstag hat - dem Schweizer Jacques-Laurent Agasse zugeschrieben. Der seit ungefähr 1800 in London ist und nach dem Tode von Stubbs 1806 dessen Platz als Englands berühmtester Tiermaler einnimmt. Sie können den gleich wieder vergessen, aber diese ➱tolle Giraffe sollten Sie sich eben noch ansehen.

Über den Besitzer des Bildes von Burnard weiß man eine ganze Menge. Der war Pferdeliebhaber, zur Kunst ist er erst viel später in seinem Leben gekommen. Er war auch Millionär, genauer gesagt wohl Milliardär - was immer ganz nützlich ist, wenn man Rennpferde züchtet. Oder Kunst sammelt. 1936 kaufte er sich sein erstes Bild von Stubbs, er zahlte damals tausend Pfund dafür. Es war das Bild eines Rennpferdes namens Pumpkin, und irgendwie war dieses Bild für einen Amerikaner, der ein Leben wie ein englischer Aristokrat des 18. Jahrhunderts führte, auch der passende Einstieg in das Sammeln von englischer Kunst. Denn unser Millionär ist eigentlich insgeheim ein Engländer, ein Studium in Yale war ihm nicht genug, es musste auch noch ein Zweitstudium am Clare College Cambridge sein.

Unser anglophiler Amerikaner, der übrigens Paul Mellon heißt, kauft erst einmal keine weiteren Engländer. Er kauft Rennpferde und die Sorte Bilder, die sein Pappi gekauft hat: was teuer ist, was einen Namen hat und was man einem Museum schenken kann. Sein Vater Andrew Mellon hatte auch nicht soviel Ahnung von Kunst, aber er hatte einen Berater namens Joseph Duveen. Wenn Sie alles über diesen Mann wissen wollen, der den Ausverkauf europäischer Kunst an banausenhafte amerikanische Millionäre managt, dann besorgen Sie sich doch antiquarisch den alten Rowohlt Band Duveen und die Millionäre von S. N. Behrmann. Es ist eine wunderbare Lektüre.

Paul Mellon hat keinen Joseph Duveen zur Seite, aber das wird sich ändern, als er 1959 in London Basil Taylor kennenlernt, einen Kunsthistoriker, der am Royal College of Art unterrichtet. Und der Englands George Stubbs Spezialist ist (sein Buch über Stubbs, das im damals berühmtesten englischen Kunstverlag Phaidon erschienen ist, kann man heute noch sehr preiswert antiquarisch finden). Mellon war nach London gekommen, weil man ihn gebeten hatte, den Vorsitz in einem Komitee einer anglo-amerikanischen Ausstellung mit dem Titel Sport and the Horse zu übernehmen. Den Katalog zu der Ausstellung hatte Basil Taylor gemacht, so haben sich die beiden kennengelernt. Taylor erklärt Mellon beim Mittagessen that British art was needlessly neglected and undervalued, and that somebody ought to do something about it. Und Paul Mellon schreibt weiter: By the time we were drinking our coffee, it had been more or less agreed that I was going to collect British art and that Basil would be my adviser. Für diese Tätigkeit will Basil Taylor kein Geld haben, eine Kiste Rotwein zu Weihnachten ist genug. Drei Jahre später macht Mellon ihn zum ersten Direktor des ➱Paul Mellon Centre for Studies of British Art.

None of the other nations of Europe has so abject an inferiority complex about its own aesthetic capabilities as England, hatte ➱Nikolaus Pevsner 1956 geschrieben. Auch die Engländer sind kulturelle Banausen, die ihre eigene Kunst nicht schätzen. Paul Mellon merkt das beim Kauf seiner Bilder, vieles kriegt er für 'nen Appel und 'nen Ei. Einen ➱Richard Dadd kauft er für hundert Pfund, einen kleinen Stubbs für dreihundert. Für dieses bezaubernde Zebra von George Stubbs hat er allerdings 1960 zwanzigtausend Pfund auf den Tisch legen müssen. Es war das teuerste Stück eines jumble sale bei Harrods. Der Rest der Auktion waren alte Möbelstücke und Waschmaschinen.

Paul Mellon wird noch viele andere Bilder von George Stubbs kaufen (insgesamt dreißig), aber jetzt wandert nichts mehr ins Wohnzimmer, alles geht in sein ➱Paul Mellon Centre for Studies of British Art, eine einmalige Organisation. Die englische Königin hat seine Tätigkeit mit der Verleihung des Titel Knight Commander of the Order of the British Empire gewürdigt, wahrscheinlich haben sich die beiden nach der Verleihung über Pferde unterhalten. Hambledonian hier auf dem Bild ist beinahe lebensgroß, Whistlejacket ist nur unwesentlich kleiner, schauen Sie doch mal eine Minute ➱hier hinein. Hambledonian und Whistlejacket sind natürlich Rennpferde. Ich mache an dieser Stelle keine unpassenden Bemerkungen über Pferde, ich habe ja schon einmal gestanden, dass sie mich nicht mögen. Ich gestehe aber auch gerne, dass ich jahrelang ein Plakat von Gimcrack on Newmarket Heath (viertes Bild von oben) in meiner Studentenbude an der Wand hatte. Obgleich ich beinahe jeden Grashalm darauf kenne, bleibt es - wie so vieles bei Stubbs - für mich ein geheimnisvolles Bild. Es ist übrigens im letzten Monat bei Christies in London für 25 Millionen Euro verkauft worden. Damit hat der Pferdemaler aus Liverpool, den man jahrhundertelang nur als ein englisches Kuriosum betrachtete, sogar Rembrandt auf dem Kunstmarkt geschlagen.

Basil Taylors Buch von 1971 ist nach vierzig Jahren immer noch gut zu lesen. Vor seinem Buch gab es nur einen Essay von Geoffrey Grigson aus dem Jahre 1938, der wohl die George Stubbs Renaissance in England eingeläutet hat (den können Sie ➱hier lesen). War Basil Taylor die George Stubbs Kapazität nach dem Zweiten Weltkrieg, so ist das Judy Egerton heute. Sie hat die beiden Ausstellungen der Tate Gallery 1976 und 1984/85 betreut und vor wenigen Jahren bei der Yale UP (natürlich in Verbindung mit dem Mellon Centre) der ersten Catalogue Raisonné herausgebracht, 655 Seiten dick, 148,99 € bei Amazon. Wenn Sie nicht so viel anlegen wollen, kann ich Martin Myrones Buch in der Reihe Tate British Artists für 10,99 € sehr empfehlen.

Das Zebra war das erste exotische Tier, das Stubbs gemalt hat. Wenig später schleppt Sir Joseph Banks ein Känguru an, das man in Australien geschossen hatte (genauer gesagt brachte er nur das Fell, den Rest hatte man verspeist). Je weiter die Engländer im 18. Jahrhundert herumkommen, desto mehr bringen sie an exotischen Dingen mit nach Hause. Im 19. Jahrhundert wird das noch schlimmer, dann sehen viktorianische Wohnzimmer aus wie Rumpelkammern voller Andenken an die Kolonien. Was man jetzt an Exotischem mitbringt, will man dann auch auf die Leinwand gebannt haben. Dieses Tier hier hatte Sir George Pigot, der englische Gouverneur von Madras, dem König mitgebracht. Bevor er George III das Tier schenkte, hat er es noch von George Stubbs malen lassen. Das Bild war bis zum Jahre 1970 im Familienbesitz. Es ist mit eine Größe von 81 x 107 inches das größte von Stubbs' exotischen Tierbildern, doppelt so groß wie das Zebra (kommt aber nicht an die Größe von Whistlejacket heran)

Der König hat den Geparden gleich seinem Onkel, dem fetten ➱Herzog von Cumberland, geschenkt. Und der hatte nichts anderes zu tun, als zu testen, ob sich Geparden für die Hirschjagd eignen. In Indien macht man so was ja (der Bruder des Herzogs von Wellington hatte sich da auch einen Jagdgeparden malen lassen), aber im Park von Windsor? Wo bleibt da der englische Sportsgeist? Das fand im 19. Jahrhundert auch wohl jemand aus der Familie von Sir George Pigot und ließ den Hirschen einfach übermalen. Erst 1960 hat man die Übermalung wieder entfernt. Dabei ist der Hirsch der eigentliche Held auf dem Bild. Nachdem der Gepard zwei vergebliche Versuche gemacht hatte, dem Hirschen zu Leibe zu rücken, ging der Hirsch zum Angriff über und jagte den Geparden in den nächsten Wald.

Lesen Sie auch: Bildbeschreibung

Mittwoch, 24. August 2011

Jean Desailly


Als Jean Desailles vor drei Jahren starb, erhielt er einen Nachruf, in dem sein immense talent au service d’auteurs dont il savait sublimer les textes gefeiert wurde und gesagt wurde, dass er restera un modèle pour des générations de comédiens et d’acteurs. Gut, das kann man über einen 87-jährigen Schauspieler schreiben. Aber das kam nicht von einem Journalisten, das kam direkt aus dem Élysée Palast: Je tiens à saluer la mémoire de Jean Desailly qui a traversé la vie théâtrale du XXème siècle dans ses symboles les plus prestigieux, de la Comédie Française à la Compagnie Renaud-Barrault, avant de dominer la scène dans ses duos avec Simone Valère. C’est à elle que nous pensons aussi car ils formaient tous deux un couple indissociable et merveilleux au service du théâtre. Also, ich nehme mal man, dass Sarkozy da einen Ghostwriter hatte.

Jean Desailly wurde heute vor 91 Jahren geboren, damals lebte Proust noch. Desaillys Vater war der Privatsekretär von Prousts Freund Reynaldo Hahn gewesen. Jean Desailly ist im Theater groß geworden, mehr als sechzig Jahre hat er auf den Brettern gestanden, die die Welt bedeuten. Häufig auch zusammen mit Simone Valère, die er nach beinahe einem halben Jahrhundert des Zusammenlebens endlich geheiratet hat. Wie viele französische Schauspieler hat er auch gesungen, hier können Sie ihn zusammen mit Simone Valère auf der Bühne sehen.

Natürlich war er auch auf der Leinwand zu sehen, aber obgleich er in beinahe neunzig Filmen mitspielte, blieb er meistens irgendwo im Hintergrund. Bis auf zwei Filme, für die man ihn nicht vergessen wird. Der erste ist Le Doulos (Der Teufel mit der weißen Weste) von Jean-Pierre Melville, in dem er einen Kommissar namens Clain spielt. Jean Paul Belmondo spielt hier einen Gangster, der schon viele Ähnlichkeiten mit der Figur von Alain Delon in Le Samurai (Der Eiskalte Engel) hat. Wenn auch das Büro des Kommissars Clain eine Kopie eines Büros aus Rouben Mamoulians City Streets (1931) ist, hat doch Melvilles Kommissar nichts von einem New Yorker Polizisten an sich. Auch nichts von einem Kommissar, wie ihn Jean Gabin spielen würde.

Desaillys Clain ist ein eleganter Großbürger, der bourgeois als flic, intrigant und verlogen hinter einer Maske der Bonhomie. Das passt in die Welt von Melvilles Film, in der alle etwas anderes sind, als sie zu sein vorgeben. Le Doulos hat noch die Reste eine B-Picture film noir an sich, weist aber in seiner Erzählform und in seinen Bildern auf Melvilles spätere Meisterwerke hin. Den Film Le Doulos erhält man ohne Schwierigkeiten auf DVD - aber versuchen Sie mal eine DVD von La Deuxieme Souffle zu bekommen! Wovon man noch Reste bekommen kann, ist der Band 27 Jean-Pierre Melville von Hansers Reihe Film (Herausgeber Peter W. Jansen und Wolfram Schütte), das Buch sollten Jean-Pierre Melville Fans unbedingt besitzen.

In Truffauts La Peau Douce war Jean Desailly ein Jahr später ein ganz anderer. Ein berühmter französischer Literaturkritiker namens Pierre Lachenay, der in einer amour fou einer jungen Stewardess verfällt (obgleich er als Balzac Spezialist die comédie humaine eigentlich kennen müsste), die von Françoise Dorléac gespielt wird. Filmfans wissen natürlich, dass sie die Schwester von Catherine Deneuve ist. Und wenn wir sie für einen Augenblick wieder zum Leben erwecken wollen, dann schauen Sie doch einmal in diesen Clip hinein. Außer dass Françoise Dorléac durch Cannes geht, passiert hier gar nichts, aber das ist schon aufregend genug. In La Peau Douve passiert eigentlich auch nichts. Außer dass Pierre Lachenay am Ende von seiner Ehefrau erschossen wird. Da ist dann auch die schwermütige Musik von Georges Delerue wieder, die von der ersten Szene an signalisiert, dass die Chose nicht gut ausgehen wird. Der amerikanische Kritiker Bosley Crowther sagte im letzten Satz seiner Filmkritik: Music by Georges Lelerue is in the spirit. So are the English subtitles. Bosley Crowther war mit seinem Verriss nicht der einzige, La Peau Douce war ein Flop. Heute stimmen die Kritiker eher Richard Brody vom New Yorker (one of Truffaut's best and rarest films...a masterwork of erotic frenzy) und Jonathan Rosenbaum (The most neglected and underrated of Truffaut's early features) zu.

Eine Ehebruchsgeschichte, von der man schon zweitausend im Kino gesehen hat, geht nie gut aus. Und dennoch gelingt es Truffaut, etwas Neues auf die Leinwand zu bringen, auf alle Fälle etwas, das man so noch nicht im Kino gesehen hat. Der Film (der mehr Schnitte enthält als andere Truffaut Filme) lebt von den Bildern, von den vielen Szenen, in denen überhaupt nicht geredet wirddiese stummen Szenen, so beschloß ich, sollten so lange wir möglich dauern. 

Truffaut mochte Desailly nicht. Er hat später gesagt, daß ich mich mit dem Darsteller, Jean Desailly, nicht allzu gut verstand. Es gab zwar keine Feindseligkeiten, aber immerhin verspürte ich das Bedürfnis, ihn in einem etwas kritischen Licht darzustellen, ihn ein wenig sarkastisch zu behandeln. In einem Brief an Helen Scott schreibt er Ende 1963: Die Dreharbeiten zu diesem Film sind wesentlich weniger angenehm als die zu meinen anderen Filmen, es ist mühsam, zu hart, entmutigend. Jean Desailly, der von Anfang bis Ende auf der Leinwand zu sein wird, mag weder den Film noch die Figur noch den Stoff noch mich. Unsere Beziehung ist folglich feindselig und nicht offen.

Im nächsten Satz sagt er: Françoise Dorléac ist charmant, sehr talentiert. Er sagt aber nicht, dass er schwer verliebt in Françoise ist. Eigentlich steht hinter allen Liebesgeschichten, die Truffaut in Filme verwandelt, seine eigene Liebesgeschichte. Wir sollten ihm dankbar sein, dass er sich so häufig verliebt hat.

Sie können La peau douce hier sehen.

Dienstag, 23. August 2011

Meerjungfrauen + Waldnixen


Sieht das etwa wie die kleine Meerjungfrau aus? Die Dame passt doch eher in eine Inszenierung von Wagners Rheintöchtern. Sie ist von Vilhelm Pedersen, dem ersten Illustrator von Hans Christian Andersen. Wahrscheinlich bedeutet klein um 1849 in Dänemark etwas anderes als heute. Irgendwie kann Pedersen keine kleinen Mädchen zeichnen, das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern sieht aus wie eine Miniatur-Oma. Meistens sind ja die Bilder zu einem Text, den man gerade liest, eine Enttäuschung. Vor allem, wenn man klein ist und sich durch Andersens Märchen liest, ohne dass einem Erwachsene dabei helfen. Die Märchen leben davon, dass sie etwas Geheimnisvolles haben, was auch etwas Geheimnisvolles bleiben soll - und nicht durch platte Illustrationen seinen Reiz verlieren soll.

Dies hier, das ist wirklich geheimnisvoll. Heißt auch schon so: Waldgeheimnis. Ist von dem Dresdner Bildhauer Robert Diez. Der ist vielleicht ein wenig vergessen, aber sein berühmtester Schüler hat sich sehr positiv über ihn geäußert: Diez – nach meinem Urteil gibt es keinen besseren Lehrer – ist pflichteifrig, tolerant in geistiger Beziehung und dabei besonnen genug, ein wirklich gediegenes Können bei seinem Schülern zu erzwingen. … Diez [wies] mit dem Finger auf das kaum Merkliche im Verhalten der Natur hin und mit dem Nagel das Dürre und Fette, das Weiche, und Halbharte, das Versteckte und Verstohlene am studierten Modell beklopfte und umzirkelte, der immer eifrig die Kulturen seiner Schüler nach den verzagtesten Keimen von Eigenart absuchte und Hebammendienste bei jedem ehrlichen Vorhaben unserer Unreife leistete. Mir gönnte er manches väterlich ermunternde Wort. Der das in einem Brief schreibt, ist kein geringerer als Ernst Barlach. Diez hat noch andere Schüler gehabt, wie zum Beispiel Selmar Werner, der das Schillerdenkmal in Dresden und das Karl May Grabmal in Radebeul zu verantworten hat, aber das lasse ich jetzt mal weg.

Die bemalte Waldnixe mit den zwei (!) Fischschwänzen ist von dem Künstler selbst in Lindenholz geschnitzt und auf Silbergrund bemalt worden. Die Augen aus Bergkrystall eingesetzt, heißt es in einer älteren Beschreibung. Und Gold und Aluminium ist da auch noch auf dem Holz drauf, dieser Materialmix bereitete den Restauratoren vor Jahren bei der Arbeit einige Schwierigkeiten. Aber jetzt steht die Schönheit, frisch lasergereinigt, wieder im Dresdner Albertinum. Der Hamburger Karl Woermann, der Direktor der Dresdner Gemäldegalerie (der seinen Vornamen von Carl in Karl ändern musste, weil er nicht die väterliche Reederei Carl Woermann übernehmen wollte) schrieb über die Plastik: Wie die deutsche Waldromantik sich seinem Realismus fügt, zeigt sein kraus lebendiges, im Albcrtinum ausgestelltes „Waldgeheimnis", eine vom Meister selbst in Lindenholz geschnittene und auf Silbergrund bemalte Gruppe einer Nixe.

Der Gnom neben ihr flüstert ihr etwas ins Ohr, wir wollen mal hoffen, dass es nichts Unanständiges ist, so sexy wie sie dasitzt. Nein, im Ernst, er soll ihr angeblich die Geheimnisse aus dem Erdinneren zuflüstern, die die Waldnixe dann den Menschen weitererzählt. So entstehen unsere Märchen. Aber vielleicht ist es ja auch der böse Nöck Nickelmann? Man weiß es nicht genau, weil es ja ein Geheimnis ist. Wir besitzen in Sagen und Märchen ein geradezu unüberschaubares Repertoire von elbischen Wesen, werfen Sie doch einmal einen Blick auf diese Zusammenstellung des bayrischen Sagenforschers Friedrich Panzer.

Diez' geheimnisvolle Waldnixe taucht so ähnlich, aber in einem anderen Material auf dem Bechsteinbrunnen in Meiningen auf. Ist da aber lange nicht so schön und so geheimnisvoll. Für den Brunnen macht die volkstümliche Erklärung mit dem Zuflüstern der Geheimnisse aus dem Inneren der Erde natürlich einen Sinn. Als mir Astrid vor Monaten das Photo von dem Waldgeheimnis geschickt hatte, wusste ich überhaupt nicht, wer Robert Diez ist. Aber das Bild hat mich nicht losgelassen. Irgendwann schreibe ich vielleicht noch einmal mehr darüber, wenn ich mich durch die ganze freudlose feministische Sekundärliteratur zu Sirenen, Nixen Meerjungfrauen gequält habe. Oder ich lese einfach de la Motte Fouqués Undine noch einmal. Denn diese Geschichte hat auch Hans Christian Andersen beeinflusst. Robert Diez Waldgeheimnis ist aus dem Jahre 1894, damit liegt diese Waldnixe noch zwei Jahre vor Gerhart Hauptmanns Die Versunkene Glocke, wo wir auch eine Waldnixe namens Rautendelein haben. Waldnixen haben damals offensichtlich Konjunktur. Das Rautendelein gibt es dann auch als Illustration von Heinrich Vogeler, und irgendwie hat ihn das scheinbar nicht losgelassen. Denn jetzt taucht das Thema der fischschwänzigen Schönen immer wieder bei ihm auf, in der Melusine und in den Illustrationen zu Oscar Wildes Der Fischer und seine Seele (oben). Vogelers Melusine hat übrigens nicht den konventionellen Fischschwanz, den wir von Nymphen gewohnt sind, sondern hat an jedem Bein eine Flosse wie die Waldnixe von Diez.

Wie auch auf diesem doch leicht pornographischen Bild von einem gewissen Paul Hohmann. In der deutschen Romantik wären Waldnixen ja O.K., aber das massenhafte Auftauchen von Waldnixen zum Ende des 19. Jahrhunderts scheint doch eher pornographische Interessen eines ansonsten prüden Publikums zu befriedigen. Keine Abbildung habe ich leider von dem Gemälde Waldnixe aus dem Jahre 1862 eines gewissen Paul Victor Mohn, das aber Diez beeinflusst haben könnte. Denn Mohn war Professor in Dresden gewesen, Nachfolger seines Lehrers Ludwig Richter. Produzierte schlimmeren Kitsch als sein Lehrer. Ich weiß das, weil viele der Märchenbücher, mit denen ich aufwuchs, von Paul Mohn illustriert waren. Immer noch verbreitet ist Paul Mohns Illustration zu Sterntaler. Ich hatte das Bild Jahrzehnte nicht mehr gesehen, habe es aber sofort wiedererkannt. Ich nehme mal an, dass seine Waldnixe so ähnlich aussieht wie der ganze andere deutsche Waldeskitsch.

Dieser Kitsch ist künstlerisch nur graduell verschieden von der Kunst des Symbolismus und Jugendstils. Alle Sorten von Wassergeistern haben jetzt Konjunktur. Der Amerikaner Bram Dijkstra hat sie in seinem Buch Idols of Perversity: Fantasies of Feminine Evil in Fin-de-Siècle Culture sehr schön katalogisiert. Sie können so fröhlich und nett sein wie hier bei Arnold Böcklin. Die meisten sind es aber nicht. So sexy die Waldnixe von Robert Diez ist, überlegen Sie es sich zweimal, ob sie mit ihr in einem stillen Waldsee baden. Denn so hübsch diese Wesen sind, sie haben dunkle Geheimnisse.

Ich werde Dir einen Trank bereiten, mit dem mußt Du, bevor die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, Dich dort an das Ufer setzen und ihn trinken, dann schwindet Dein Schweif und schrumpft zu dem, was die Menschen niedliche Beine nennen, ein; aber das thut wehe, es ist, als ob ein scharfes Schwert Dich durchdränge. Alle, die Dich sehen, werden sagen, Du seiest das schönste Menschenkind, was sie gesehen haben! Du behältst Deinen schwebenden Gang, keine Tänzerin kann schweben wie Du, aber bei jedem Schritt, den Du machst, ist Dir, als ob Du auf scharfe Messer trätest, als ob Dein Blut fließen müßte. Willst Du alles dies leiden, so werde ich Dir helfen!«
   »Ja!« sagte die kleine Seejungfrau mit bebender Stimme, und gedachte des Prinzen und der unsterblichen Seele.
   »Aber bedenke,« sagte die Hexe, »hast Du erst menschliche Gestalt bekommen, so kannst Du nie wieder eine Seejungfrau werden! Du kannst nie durch das Wasser zu Deinen Schwestern und zum Schlosse Deines Vaters zurückkehren, und gewinnst Du des Prinzen Liebe nicht, sodaß er für Dich Vater und Mutter vergißt, an Dir mit Leib und Seele hängt und den Prediger Eure Hände in einander legen läßt, daß Ihr Mann und Frau werdet, so bekommst Du keine unsterbliche Seele! Am ersten Morgen, nachdem er mit einer andern verheiratet ist, da wird Dein Herz brechen, und Du wirst zu Schaum auf dem Wasser.«
   »Ich will es!« sagte die kleine Seejungfrau und ward bleich wie der Tod.

Und damit komme ich zum Anfang zurück, zu der kleinen MeerjungfrauWenn Ihr Euer fünfzehntes Jahr erreicht habt,« sagte die Großmutter, »dann sollt Ihr die Erlaubnis erhalten, aus dem Wasser empor zu tauchen, im Mondschein auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe, die vorbei segeln, zu sehen, Wälder und Städte werdet Ihr dann erblicken! Und so sitzt sie da auf der Klippe, nicht nur im Mondschein. Denn heute vor 98 Jahren wurde sie in Kopenhagen aufgestellt. Sie war ein Kompositum, der Kopf war der Ballerina Ellen Price nachgebildet, der Rest des Körpers war der Ehefrau des Bildhauers Edvard Eriksen nachgebildet. Bezahlt wurde das Kunstwerk vom Besitzer der Carlsberg Brauerei. Da kann man doch nur sagen: that calls for a Carlsberg.