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Samstag, 8. Februar 2020

Nordholm


Den Ort Nordholm gibt es nicht auf der Landkarte Schleswig Holsteins, den gibt es nur im ZDF. Offenbar schon seit 2015, ist aber glücklicherweise an mir vorbeigelaufen. Vor Wochen habe ich in der Zeitung gelesen, dass sich Zuschauer beschwerten, dass der Krimi Das Mädchen am Strand viel zu lang gewesen sei. Ich hatte vom zweiten Teil des Krimis eine halbe Stunde gesehen und kann die Klagen voll verstehen. Gut photographiert, aber inhaltsleer.

Die Handlung reichte vielleicht mal gerade für das Vorabendprogramm, im Notruf Hafenkante wäre man nach einer Dreiviertelstunde mit dem Thema durch gewesen. Aber dies hier quälte sich über 180 Minuten hin. Was kann ein Regisseur nicht alles aus 180 Minuten machen. Sergei Bondartschuk war nach zwei Stunden mit der Schlacht von Waterloo fertig, und in drei Stunden hatte er ein Drittel von Krieg und Frieden geschafft. Und das bietet mehr an Handlung als diese läppische Strandgeschichte, die in Lütjenburg und Umgebung gedreht wurde.

Kriminalfilme, bei denen Leichen am Strand gefunden werden, sind nicht unbedingt etwas Neues. Ich darf vielleicht an den schönen französischen Film Ertrinken Verboten erinnern, der hier einen ausführlichen Post hat. Ist keine drei Stunden, sondern nur 95 Minuten lang, aber keine Minute langweilig. Der Film hat eine ähnliche Struktur wie Das Mädchen am Strand: ein Küstenort, ein Mord, zwei Kommissare, die sich nicht ausstehen können, ermitteln. Einer kennt den Ort, der andere nicht. Der Film liefert auch, in der Art von Claude Chabrol, eine soziologische Bestandsaufnahme einer Kleinstadt, wo viele der Anwohner etwas zu verbergen haben.

Dass Krimis nicht nur von dem whodunit bestimmt werden, sondern im Hintergrund ein Psychogramm einer Gesellschaft zeigen, war ein Phänomen der sechziger Jahre. Seien es die Romane von Nicolas Freeling oder Janwillem van de Wetering, die uns ein verbrecherisches Holland hinter den Fenstern ohne Gardinen zeigten, oder seien es die Autoren des sogenannten Neuen Deutschen Kriminalromans wie H.J. Martin, Friedhelm Werremeier, -ky etc. , der Krimi wurde immer soziologischer.

Die Schweden Sjöwall und Wahlöö gaben ihren zehn Romanen einen Untertitel: roman om en forbrydelse. Die einzelnen Romane sollten nur die Teile eines dreitausend Seiten umfassenden Romans sein, der einen Längsschnitt durch die Gesellschaft legte und die Kriminalität als soziale Funktion analysierte. Aus all dem hat Thomas Berger, der bei dem Zweiteiler Das Mädchen am Strand wie schon bei Tod eines Mädchens und Die verschwundene Familie Regie führte (und die Drehbücher zu den beiden letzten Zweiteilern schrieb), nichts gelernt. In seiner Nordholm Saga bleibt das versuchte Psychogramm der Gesellschaft flach wie das Land.

Es kommt noch hinzu, dass die Nordholm Krimis überhaupt nicht Neues waren, der erste Teil war schlichtweg von der englischen Serie ✺Broadchurch abgekupfert. Die taz schrieb dazu: Womit wir bei der schlechten Nachricht wären. ''Tod eines Mädchens' war das für deutsche Verhältnisse überdurchschnittliche, mehr als nur leidlich spannende inoffizielle Remake (um nicht zu sagen: Plagiat) der herausragenden britischen Serie 'Broadchurch'. In 'Broadchurch' ging es um den Mord an dem elfjährigen Jungen Danny. Vor allem aber ging es darum, was so ein Mord mit einer Kleinstadtgemeinschaft macht, in der jeder jeden kennt. Dieses Psychogramm jenseits aller Krimi-Konventionen wurde in zwei weiteren Staffeln vertieft, deren jüngste das ZDF seinen Zuschauern bislang vorenthalten hat.

Am Strand von Dorset gab es in Broadchurch Felsen. Die gibt es nun in den Orten der Dreharbeiten Lütjenburg, Hohwacht, Kellenhusen oder Schwedeneck nicht. Aber Felsen wollte man unbedingt haben, so wurden die Dreharbeiten für kurze Zeit auf die Insel Moen verlegt, wo es ja schöne Kreidefelsen gibt (zu den Kreidefelsen gibt es hier schon einen langen Post). Nordholm ist ein synthetisch zusammengesetzer Ort. Aber das Meer muss irgendwie sein. Eine Serie wie Der Kommissar und das Meer gibt es schon, und selbst Wilsberg war schon auf Norderney. Aber bleiben wir in Schleswig-Holstein, dem einzig echten Norden. Hier wird überall gemordet, und immer ist ein Fernsehteam dabei.

Ich kam vor Jahren mal zwei Tage nicht in meine Bank, weil in dem Haus ein Tatort gedreht wurde, ich musste eine andere Zweigstelle nehmen. Axel Milberg habe ich nicht gesehen, aber seine Assistentin, die vorher Pornodarstellerin war (und für die Joseph von Westphalen einen Miniroman geschrieben hat), fröstelte auf der Straße. Die Tatorte aus Kiel vermeide ich, wenn ich da mal hineingucke, kenne ich nichts von Kiel. Das Haus, in dem meine Bank ist, war auch nicht im Film zu sehen, weil man da nur oben im zweiten Stock in einem Wohnzimmer gedreht hat. Und dafür der ganze Aufwand mit einem riesigen Gerüst, das hätte man auch im Studio drehen können. Doch die Kosten interessieren die Produzenten nicht, das wird ja alles von den Gebührenzahlern getragen.

In Tod eines Mädchens war auch Hinnerk Schönemann zu sehen gewesen. Der gehört aber eigentlich nicht nach Nordholm, sondern nach Schwanitz, auch einem Ort, der nicht auf der Landkarte ist. Manche Serien, die hier im Lande gedreht wurden, sind inzwischen Geschichte. Die Vorabendserie Kripo Holstein wurde nach einem Jahr eingestellt, die Motoren der Küstenwache dieseln nicht mehr, das Duo aus Lübeck ermittelt nicht mehr. So haben wir hier nur noch den Kommissar Borowski, die Kollegen von Nord Nord Mord auf Sylt und seit 2014 die Krimireihe Nord bei Nordwest, die in besagtem Schwanitz spielt. Aber wie lange noch? Vorgestern ist die rothaarige Kommissarin in der Folge In eigener Sache den Filmtod gestorben. Bela Lugosi ist in seinem Leben sechsunddreißig Mal den Filmtod gestorben, das erwarten wir von Bela Lugosi. Aber von Henny Reents erwarten wir das nicht. Nicht einmal. Wie geht es weiter? Zwei Folgen mit den Arbeitstiteln Der Anschlag und Conny & Maik sind schon in Vorbereitung.

Die Formel der Serie war einfach: Schwanitz, ein hübsches kleines Dorf an der Ostsee, wo jeder jeden kennt. Ein Tierarzt, der eigentlich Kriminalkommissar ist, zwei rothaarige Schönheiten und ein bisschen Humor. Aber in dem letzten Film In eigener Sache gab es keinen Humor mehr und eine rothaarige Frau weniger. Das Formelgerüst war zerbrochen, die Filmmusik, die wie das Tonband eines Bestatttungsinstituts klang, sollte dem Ganzen ein bisschen Tiefe geben. Gab es nicht. Wenn nicht in letzter Minute der Vater der rothaarigen Kommissarin, ein ehemaliger Geheimagent, als deus ex machina ins Bild kommend, den Serienmörder erschossen hätte, wären alle tot gewesen.

So sehr wir den Verlust beklagen, wir sollten Verständnis dafür haben, wenn Schauspielerinnen wie Henny Reents oder Friederike Kempter (die Nadeshda Krusenstern aus dem Münsteraner Tatort) den Filmtod wählen, um aus der Serie auszusteigen. Vielleicht ist ihnen das einfach alles zu blöd, immer wieder dasselbe zu spielen.

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