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Mittwoch, 11. März 2020

giftgrün


Das erste, was mir bei Torquato Tasso (der am 11. März 1544 geboren wurde) einfällt, ist das Wort giftgrün. Das kommt nun nicht in dem Epos La Gerusalemme liberata (Das befreite Jerusalem) des italienischen Dichters vor. Aber das giftgrün ist in meinem Kopf. Tassos Versgedicht Befreites Jerusalem verursacht mir immer ein leichtes Unbehagen, ein schlechtes Gewissen, weil ich es nie zuende gelesen habe. Allerdings habe ich Goethes Torquato Tasso gelesen. Und auf der Bühne gesehen. Dreimal. Das war Peter Steins Inszenierung im März 1969 in Bremen. Da war ich eigentlich nur wegen Jutta Lampe, für die ich damals schwärmte.

Ich ging damals ja sowieso nur wegen der Bühnenbilder von Wilfried Minks in die Zadek Aufführungen. Und natürlich wegen der schönen Jutta Lampe. Die Bildung, die man auf Umwegen erwirbt, ist sicher nicht die schlechteste. Goethes Kampagne in Frankreich habe ich auf der Ladefläche eines Bundeswehr MAN Fünftonners liegend gelesen, war irgendwie passend. Aber wenn die Bildung etwas mit schönen Frauen zu tun hat, ist das natürlich viel schöner. Ich hätte Jutta Lampe nach der Vorstellung mit Blumen auflauern sollen, habe ich in dem Schiller Post colossal geschrieben. Ich weiß allerdings nicht, was die Ingrid gesagt hätte, wenn ich ihr gestanden hätte, dass ich mal Jutta Lampe mit Blumen hätte auflauern wollen.

Was mich bei der Bremer Aufführung, die Ivan Nagel 1988 bei seiner Lobrede zur Verleihung des Goethepreises an Peter Stein ausführlich würdigte, am meisten beeindruckte, war der grüne Plastikrasen, den Wilfried Minks auf der Bühne drapiert hatte. Betreten ohne Vers-Füße verboten! Der giftgrüne Florteppich wird auch in dem Wikipedia Artikel zu Wilfried Minks erwähnt. Bei mir im Blog taucht er schon in den Posts Swinging London und cucumber sandwiches auf. Und ich kann ihn mir immer wieder anschauen, denn die DVD mit dem Mitschnitt von Peter Steins Torquato Tasso, mit Bruno Ganz als Tasso, Jutta Lampe als Prinzessin und Edith Clever als Leonore Sanvitale, die besitze ich. Das Bühnenbild von Wilfried Minks ist bei Googles Bilderflut nirgendwo zu sehen, aber einen Minks wollte ich heute gerne haben, deshalb präsentierte ich hier das Bühnenbild für Die Räuber, das 1966 auch Furore machte.

Bei diesem Tasso hier zwischen den beiden Leonoren ist die Pop Art noch nicht angekommen, das ist noch der Kitsch aus dem 19. Jahrhundert. Goethe war gerade tot, als das Bild gemalt wurde. Tasso hätte ja gerne die Prinzessin gewonnen. Die mag ihn auch: Ich mußt ihn lieben, weil mit ihm mein Leben Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt. Und Tasso, dem (so Peter Stein) in der konventionell formalisierten Feudalgesellschaft die Rolle des Emotionalclowns zufällt, sagt: Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu. Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen, So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin. Aber die Prinzessin wird ihn verstoßen, als er sie zu umarmen versucht. Der Dichter bleibt allein. Nichts mehr mit den schönen Frauen und dem Leben am Hof, vielleicht ist er auch geistig umnachtet:

Nein, alles ist dahin! – Nur eines bleibt:
Die Träne hat uns die Natur verliehen,
Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt
Es nicht mehr trägt – Und mir noch über alles –
Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,
Die tiefste Fülle meiner Not zu klagen:
Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.

Was für mich damals nur Jutta Lampe und der grüne Flokati war, war für die Kritiker und Literaturhistoriker eine legendäre und epochale Inszenierung. Für Botho Strauß war es die durchdachteste, aufregendste Inszenierung, die seit langem dem Theater hierzulande vergönnt war. Die chattering classes werfen ja gerne mit solchen Wörtern um sich, aber vielleicht war das alles wahr. Steins Tasso wurde damals als eine aufsehenerregend aktuelle und viel diskutierte Programm-Aufführung der 68er verstanden. Man kann das heute noch sehen, die bei der Edition Mnemosyne erschienene DVD kann man noch finden. Peter Stein kommentierte das Erscheinen der DVD mit den Sätzen: Kürzlich hat irgend so ein Arschloch eine CD von meinem alten, Bremer 'Torquato Tasso' gemacht. Da war ich erstaunt über die Präzision der Spracharbeit damals. Übrigens auch darüber, wie wunderschön diese jungen Menschen damals waren. Außer einigen dämlichen Kaspereien wurde sehr ernsthaft, direkt und realistisch gespielt. Von Gorkis 'Sommergästen' an hat sich meine Arbeit dann nicht mehr stark verändert. Ich habe keinen Stil und will auch keinen. Das ist nun klein und kleinlich, der Mann, für den er nur dieses A-Wort übrig hat, ist der Besitzer der Edition Mnemosyne und war mal sein Freund und Kollege in der Schaubühne am Halleschen Ufer. Veritas temporis filia est. 

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