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Freitag, 15. April 2011

Lampen


Heute vor 256 Jahren hat Dr. Johnson sein berühmtes Dictionary of the English Language veröffentlicht. Das wäre natürlich ein Grund darüber zu schreiben. Habe ich aber schon an seinem Todestag getan und deshalb schreibe ich mal eben über den Bremer Wilhelm Wagenfeld. Der wurde heute vor 111 Jahren geboren.

Seine Heimatstadt hat ihm ein eigenes Museum gewidmet. Eigentlich ist das ja die alte Ostertorwache schräg gegenüber von der Kunsthalle. Da wo Bremens Kultur ist: Kunsthalle, Theater am Goetheplatz, Gerhard Marcks Haus, Villa Ichon und das Wagenfeld Haus. Die Fuzzis von der touristischen Bremen Werbung reden da neuerdings von einer Kulturmeile. Das wäre früher niemandem eingefallen. Also damals, als ein Altnazi wie Dr Eberhard Lutze die Geschicke der  Kultur der Hansestadt lenkte. Als Hübner noch Theater machte und die linke Intelligenzija zwischen dem Kleinen Olymp und der Lila Eule oszillierte. Heute hat man keine pulsierende Kultur mehr, aber eine Kulturmeile.

Hinter dem Wagenfeld Haus wird das Viertel etwas gemischt, früher war es leicht anrüchig, weil da die Helenenstraße ist, Bremens Rotlichtbezirk. Heute hockt da die ganze linke Szene. Nein, nicht in der Helenenstrasse. Drum herum. Und so markiert das klassizistische Gebäude (genau genommen sind es zwei sich gegenüberstehende Gebäude mit spiegelgleicher Fassade) der Stadtwache den Übergang der Hochkultur zur Subkultur. Klassizismus ist immer gut zu erkennen, wenn man da einen Portikus mit ein paar Säulen und einen Dreiecksgiebel vor ein Gebäude klatscht, dann ist das immer klassisch. Das war ja auch das erste, womit die Architekten der Postmoderne ihr ironisches Spiel getrieben haben. Also, dieses kleine architektonische Zitat da oben auf dem potthässlichen Sony Hochhaus von Philip Johnson, das sollte witzig sein. Ich weiß nicht, ob Wilhelm Wagenfeld über sowas gelacht hätte. Ich weiß auch nicht, was Wilhelm Wagenfeld dazu gesagt hätte, wenn er es noch erlebt hätte, dass die Ostertorwache jetzt Wilhelm Wagenfeld Haus heißt.

Denn die äußere Postkartenschönheit des frisch renovierten klassizistischen Tempelchens verschleiert eine nicht so schöne Vergangenheit des Gebäudes. Es war als Stadtwachen- und Detentionshaus gebaut worden, also ein Gefängnis mit griechisch-römischer Vorderseite. Die erste Gefangene war die Giftmörderin Gesche Gottfried. Danach war es Gefängnis, ab 1933 sperrte die Gestapo ihre Gefangenen hier ein. In den achtziger und neunziger Jahren war es Abschiebeknast, bis 1996 ein Häftling seine Zelle anzündete und das Obergeschoss ausbrannte. Aber jetzt ist es frisch renoviert, die klassizistische Fassade strahlt in ungewohntem Glanz. Jetzt ist es Museum. Für einen Industriedesigner, der auf klare, reduzierte Formen aus war.

Der Industriedesigner und Bauhausschüler Wilhelm Wagenfeld ist berühmt geworden durch eine Lampe, die Wagenfeld Leuchte WG 24, deren cooles Design nicht zu überbieten ist. Der erste Entwurf, die WA 24 hatte einen Metallboden, die Version mit dem Glasboden von dem Schweizer Bauhaus-Mitarbeiter G. J. Jucker sieht aber viel schöner aus. Es gibt sie immer noch, eine Bremer Firma namens Tecnovolumen ist angeblich der alleinige Rechteinhaber des originalen Wagenfeld Designs, eine Replica aus Italien kostet aber nur der Hälfte von der Tecnovolumen Leuchte.

Die WG 24 wurde (und wird) von Yuppies gerne zusammen mit einer Corbusier Liege, Eileen Gray Tischchen und Alessi Küchengeräten gekauft. Weil es für Yuppies immer Design sein musste und einen Markennamen haben musste. Ohne das waren sie nicht glücklich. Wenn man bei Yuppies eingeladen war, musste man sich das regelmäßig anhören, was sie von den Werbebroschüren auswendig gelernt hatten. Da wurde ja keine Torte angeschnitten, ohne dass die Stücke mit einem von Philippe Starck für Alessi designten Tortenheber verteilt wurden. Der kugelige Alessi Wasserkessel wurde allerdings nie benutzt. Weil selbst die hartnäckigsten Alessi Verehrer erkannt hatten, dass die Tülle viel zu kurz ist. Wer heute eine Wagenfeld Lampe hat, hortet normale Glühbirnen. Denn die neuen Energiesparleuchten versauen den ganzen Lichteffekt, den die WG 24 ausstrahlt. Das sind echte Sorgen. Ich besitze keine Wagenfeld Leuchte, habe aber zwei wunderbare Harvey Guzzini Lampen. Die sind heute schon mehr wert, als vor vierzig Jahren. Und sind immer noch schön.

Wenn ich jetzt als Gedicht des Tages Keats' Endymion nehmen würde (A thing of beauty is a joy for ever: Its loveliness increases; it will never Pass into nothingness; but still we keep A bower quiet for us, and a sleep Full of sweet dreams, and health, and quiet breathing), dann wäre das ein wenig vermessen. Obgleich Keats vielleicht auch die ersten Industrial Design Produkte von Christopher Dresser schön gefunden hätte. Also kein Keats für die Wagenfeld Leuchte, es genügt ja, dass die Industrie ihre Produkte mit lyrischen Werbetexten versieht.

Aber ich habe ein schönes Gedicht von Robert Louis Stevenson, in dem er sich an seine Jugend und an Eerie, den Laternenanzünder, erinnert. Und als Bild gibt es dazu Atkinson Grimshaw aus Leeds. Denn niemand kann dieses Licht in der beginnenden Nacht so malen wie er. Er kann auch schönes Mondlicht (obgleich Aert van der Neer das noch schöner malte), weshalb man ihn auch als the painter of moonlight bezeichnet hat. So heißt auch die Ausstellung, die morgen in der Mercer Art Gallery in Harrogate eröffnet wird (geht noch bis zum 4. September 2011). Diese seltsame Stimmung zwischen Tag und Traum, die Grimshaw einfängt, fasziniert einen immer wieder. Ich habe bei YouTube ein nettes Video gefunden, wo jemand den Bildern von Grimshaw Beethovens Mondscheinsonate unterlegt hat. Iss'n büschen kitschig, lohnt aber das Reinschauen.

The Lamplighter

My tea is nearly ready and the sun has left the sky;
It’s time to take the window to see Leerie going by;
For every night at teatime and before you take your seat,
With lantern and with ladder he comes posting up the street.

Now Tom would be a driver and Maria go to sea,
And my papa’s a banker and as rich as he can be;
But I, when I am stronger and can choose what I’m to do,
O Leerie, I’ll go round at night and light the lamps with you!

For we are very lucky, with a lamp before the door,
And Leerie stops to light it as he lights so many more;
And O! before you hurry by with ladder and with light;
O Leerie, see a little child and nod to him to-night!

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