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Montag, 5. Dezember 2016

Camille in grün


Das Bild der 19-jährigen Pariserin (die viel älter aussieht) hängt in Bremen in der Kunsthalle, schon über hundert Jahre. Der Direktor Gustav Pauli (dessen Gattin den schönen Roman Sommer in Lesmona geschrieben hat) hat es für 50.000 Mark mit der finanziellen Hilfe des zwei Jahre zuvor gegründeten Galerievereins gekauft. 50.000 Reichsmark sind viel Geld im Jahre 1906. Es gab einige Kritik (weil jetzt die Franzosen überwiegen und weniger Worpsweder gekauft werden) an dem Ankauf des Bildes, das der erste Besitzer Arsène Houssaye einmal für 800 Francs gekauft hatte.

Er hatte es dem Pariser Musée du Luxembourg als Geschenk versprochen, aber sein Sohn hat sich nach dem Tod des Vaters nicht an das Versprechen gehalten. Ich hätte mir gewünscht, dass Gustav Pauli damals einen Manet gekauft hätte. Monet ist nicht so mein Ding, obgleich er in diesem Blog schon häufiger erwähnt worden ist, so ist es ja nicht. Wenn Sie alles über La Dame à la robe verte wissen wollen, kann ich heute mal den Wikipedia Artikel empfehlen. Manchmal gibt es in diesem Lexikon ja auch gute Lemmata.

Monet hat das Bild in vier Tagen gemalt (er musste sich Geld leihen, um die Farben zu kaufen), weil er das geplante gigantische Frühstück im Grünen nicht fertig bekam, um es rechtzeitig dem Salon zu präsentieren. Auf dem erhalten gebliebenen linken Teil des zerstörten Bildes können wir seine Geliebte Camille Doncieux (und seinen Freund Frédéric Bazille) sehen. Camille ist wieder in Rückenansicht zu sehen, die Damenkleider sind offensichtlich dafür konzipiert, dass man entschwindenden Frauen nachschaut. Wenig später kommt die Mode des cul de Paris, die den Po der Damen noch mehr betont, als es diese Röcke vermögen

Es gibt eine schöne kleine Geschichte über die Enstehung des Bildes. Gustave Courbet besucht Monet in seinem Studio und kritisiert das im Entstehen begriffene Déjeuner sur l'herbe, er schlägt Änderungen vor. Als Camille das Studio betritt, findet sie ihren Geliebten verzweifelt auf dem Boden hockend. Das Déjeuner sur l'herbe sollte eine Sensation im Salon werden, nun ist alles dahin. Camille hört sich das alles an, aber die Larmoyanz des Künstlers geht ihr auf den Keks, sie rauscht hinaus. Und das ist es, was Monet in diesem Augenblick sieht - das Hinausrauschen im knisternden Seidenkleid, diesen Augenblick der Bewegung. Eingefroren. Sofort malt er eine kleine Skizze (heute im Rumänischen Nationalmuseum in Bukarest).

Es ist eine schöne Geschichte, se non è vero, è ben trovato, aber wir leben nun mal von den guten Geschichten, wenn wir die wirklichen Ereignisse nicht kennen. Viele Interpreten haben dieses Hinausrauschen betont, aber wenn man in Bremen vor dem zwei Meter einunddreißig mal einseinundfünfzig großen Schinken mit dem fetten Goldrahmen steht, da bewegt sich nichts. Wenn man gut gemalte Kleider sehen will, dann muss man sich Bilder von Franz Xaver Winterhalter (Bild) anschauen, nicht Monets Camille.

La Dame à la robe verte bekam großen Zulauf und gute Kritiken. Ernest d'Hervilly schrieb in seinen Les poèmes du Salon ein kleines Gedicht:

Parisienne, ô reine! — O noble créature 
Qui force le satin splendide à se traîner 
Royalement au gré de ta désinvolture 
Sur les parquets jaloux qui veulent te faner; 

Parisienne, ô reine! — O femme triomphante!
Depuis ton chapeau fou, tulle, velours noir, or, 
Jusqu'à tes pieds mignons qu'envirait une infante, 
Te voilà peinte ici. Salut!

Es gibt da im Internet auch noch ein Gedicht von einem gewissen Christophe Fricker, der ein Meister der Selbstdarstellung ist. Das Gedicht, in dem der Maler zu seiner zwanzigjährigen Geliebten spricht, findet sich bei Christophe Fricker Online:

Das Weiß deines Blicks ist nicht echt, und die Farbe
der Haut deiner Hand, die du keinem reichst,
und die Farbe der Haut deines Halses sind auch nicht echt.
Nur so selten zeigst du dein Gesicht.
Du bist nur ein Kleid, das sich mir nicht stellt,
du bist eine Haltung, die mir nicht gefällt.

Ich glaube nicht, dass das der Höhepunkt der neueren deutschen Lyrik ist. Da ist das Gedicht von Raisa Goldflowing über Effi Briest viel besser.

La Femme à la robe verte ist ein Bild, das in jedem französischen Modemagazin erschienen sein könnte, von diesen Modemagazinen sind zwischen 1830 und 1860 achtzig verschiedene Titel erschienen. Die Pariser Haute Couture, die von einem Engländer namens Charles Frederick Worth erfunden wurde, wird immer wichtiger für die Malerei. An dieser Stelle sollten Sie diesen schönen Blog anklicken und in diesem Blog den Post über die Haute Couture lesen. Ich möchte einmal betonen, dass in diesem Blog nicht nur immer Herrenmode, sondern durchaus auch Damenmode vorkommt. Klicken Sie doch mal eben den Post Damenmode an.

Ich nehme an, dass Edouard Manet das nicht ironisch gemeint hat, als er sagte: la dernière mode, voyez-vous, la dernière mode pour une peinture, c’est tout à fait nécessaire, c’est le principal. ➱Anders Zorn wusste das längst, der ließ sich von Otto Bobergh beraten (das grüne Kleid hier ist aus dem Hause Worth & Bobergh). Auch Emile Zola war von dem grünen Kleid Monets beeindruckt: Ich gestehe gern: das Bild, das mich am längsten festgehalten hat, ist die 'Camille' von Monet. Eine energische und lebendige Malerei. Ich war rasch durch die kalten und leeren Säle geeilt, müde, keinem neuen Talent begegnet zu sein, als ich diese junge Frau erblickte, wie sie ihr Kleid nachschleppen lässt und dabei in die Wand hineintaucht, als ob es da ein Loch gäbe. Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm es ist, einmal ein wenig bewundern zu können, wenn man davon erschöpft ist, dass man nur lachen oder die Achseln zucken musste. 

Ich kenne M. Monet nicht..., aber ich muss ein alter Freund von ihm sein, weil mir nämlich sein Bild eine ganze Geschichte von Energie und Wahrheit erzählt. - Wahrhaftig - hier ist ein Temperament, ein Mann in der Menge dieser Eunuchen... Hier ist mehr als ein Realist, hier ist ein feinfühliger und starker Interpret, der jedes Detail zu geben versteht, ohne dass er ins Trockene verfiele. - Dieses Kleid! Es ist geschmeidig und fest. Es schleppt weich hinterher, es lebt und sagt gerade heraus, wer diese Frau ist. Das ist nicht das Kleid einer Puppe, keiner von diesen Seidenchiffons, mit denen man Träume behängt; das ist gute Seide...

Die Frau im grünen Kleid sieht wie eine Dame der Bourgeoisie aus. Ja und nein, Camille Doncieux kommt zwar aus dem Kleinbürgertum - so wie ➱Brigitte Bardot aus der Bourgeoisie kommt - aber sie arbeitet längst als Modell für verschiedene Maler. Und wird Monets Geliebte. Alles weitere erzählt uns dieses Buch: Dämmerung setzt ein, als der Schein einer Schaufensterlampe den jungen, noch unbekannten Maler Claude Monet in eine Pariser Buchhandlung lockt. Dort lernt er Camille Doncieux, ein Mädchen aus reichem Hause, kennen und verfällt vom ersten Augenblick an ihrer Schönheit. Um ihre Liebe leben zu können, müssen sich die beiden gegen alle gesellschaftlichen Konventionen durchsetzen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass ihr Glück vielmehr von Monets maßloser Leidenschaft zur Malerei überschattet wird …

Das Bild von Monet zierte den Erweiterungsbau der Bremer Kunsthalle, der 1906 vollendet wurde. Für den, wie für den Ankauf des Monets, keinerlei öffentliche Mittel geflossen waren. Es sind private ➱Spender, die das Ganze finanzieren. Vierhundertausend Taler kommen von Carl Schütte, dreihunderttausend von Aitsch-aitsch Meier Junior.

Dass ihm Arsène Houssaye 1868 achthundert Francs für die grüne Camille bezahlt hat, war die Rettung für Monet. Er lebte mit Camille in bitterer Armut, seinen ein Jahr zuvor geborenen Sohn Jean hat er natürlich gleich gemalt. Aber das Bild täuscht nur ein Familienglück vor. Während der Schwangerschaft hatte er seine zwanzigjährige Geliebte sitzen lassen, um sich bei seinem Vater und seiner reichen Tante seinen Scheck zu sichern. Zur Geburt des Kindes ist er immerhin für einige Tage bei Camille. Drei Jahre nach der Geburt des Sohnes heiraten Monet und Camille endlich, Camille bekommt von ihren Eltern 1.200 Francs als Mitgift. Die aber so angelegt sind, dass Monets Gläubiger nicht an das Geld kommen.

Das junge Ehepaar verbringt den Sommer in Trouville, wo Monet eine ganze Serie von Studien mit Camille am Strand malt. Lichtdurchflutet, nicht dieses fiese Grün und Braun auf dem Bremer Bild. Dies Bild besitzt die National Gallery of Art in Washington, ich glaube, die würden es nicht gegen das Bremer Bild tauschen. Wird sich Donald Trump, wenn er immer in Washington sein muss, jemals dieses Bild anschauen? Sein Verhältnis zur Kunst ist ja etwas zweischneidig. Es hat Monet immer wieder an die französische Kanalküste gezogen, was kein Wunder ist, schließlich hatte der kleine Oscar hier seine Jugend verlebt. An dieser Stelle sollten Sie mal eben den Post Eugène Boudin lesen.

Nach dem schönen Sommer in Trouville kommen schwere Zeiten, die deutsche Armee marschiert in Frankreich ein. Monet verläßt Frankreich und geht zusammen mit Pisarro nach London, er will nicht eingezogen werden. Seine Freunde Manet und Bazille sind da etwas patriotischer. Manet geht zur Nationalgarde (und dieser Wikipedia Artikel lohnt auch die Lektüre), Frédéric Bazille zu einer Zuaveneinheit, er fällt 1870.

Monet lernt in London die Bilder von William Turner kennen. Und er lernt den Kunsthändler Paul Durand-Ruel kennen. Ich weiß nicht, welches der beiden Ereignisse wichtiger für ihn gewesen ist. Hat er für seine Bilder der Londoner Themse Turner gebraucht? Aber den Paul Durand-Ruel, den wird er brauchen, der wird seine Bilder verkaufen. Die ist das einzige Bild, das Monet von Camille in London malen wird.

Dies Bild von Camille auf ihrem Totenbett malt er 1879. Da hat er längst eine andere Frau im Haus, die er irgendwann heiraten wird. Sie heißt Alice Hoschedé, und es gibt da jahrelang eine seltsame ménage a trois, was sicherlich auch zu dem frühen Tod von Camille beigetragen haben wird. Ich nehme an, dass das auch in dem Roman Die Frau im grünen Kleid von Stephanie Cowell vorkommt, weil man uns versichert: Dieser Roman ist ein Praliné für Liebhaber historischer Romane, aber auch für Kunstinteressierte, die sich anspruchsvoll unterhalten lassen möchten. Unter anspruchsvoller Unterhaltung verstehe ich etwas anders.

Das hier auf dem Bild von John Singer Sargent ist nicht Camille, das ist Alice Hoschedé, die neue Frau in Monets Leben. Sie hat dafür gesorgt, dass nichts, aber auch gar nichts, mehr im Haus ist, was an Camille erinnern könnte. Monet und seinen Kindern bleibt nur die Erinnerung. Sargent hat der Frau, die über ihren malenden Mann wacht, kein Gesicht gegeben. Wenn wir ihr Gesicht sehen wollen, müssen wir uns schon das Bild von Charles Emile Auguste Carolus-Duran anschauen.

Camille Monet liegt auf dem Kirchfriedhof von Vétheuil im Département Oise begraben. Es ist da nur eine bescheidene Steinplatte auf der steht: Camille Doncieux Epouse de Claude Monet 1847 – 1879. Mehr hatte er da nicht für sie übrig. Auch später nicht, als er richtig reich ist. Und Rolls Royces (lange vor Georges Braque) fuhr (mit Chauffeur versteht sich). Es ist eine traurige Geschichte.

Claude Monet ist heute vor neunzig Jahren gestorben. Die goldene Schrift auf seinem Grab in Giverny, wo er in seinen letzten Lebensjahren nur noch seinen Garten, aber keine Frauen mehr malte, erwähnt unsere Camille, la dame à la robe verte, mit keinem goldenen Buchstaben.

Wahrscheinlich steht alles, was ich hier geschrieben habe, auch in dem Buch Monet und Camille: Frauenportraits im Impressionismus, das der Direktor der Kunsthalle Bremen Wulf Herzogenrath zusammen mit seiner Stellvertreterin Dorothee Hansen 2005 veröffentlicht hat. Habe ich mir damals nicht gekauft, weil Monet - wie gesagt - nicht so mein Ding ist. Habe es mir jetzt aber bestellt, man kann es noch preiswert bekommen. Ist auch sicherlich besser als Stephanie Cowells Die Frau im grünen Kleid. Die beste Interpretation des Gemäldes von Monet findet sich in dem Buch Das Gesicht: Aufsätze zur Kunst des ehemaligen Bremer Kunsthallendirektors Günter Busch. Das Buch ist bei Amazon Marketplace ab einem Cent zu haben, lohnt sich unbedingt.


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