Heute vor 690 Jahren hat Francesco Petrarca seinen berühmten →Brief geschrieben, in dem er davon berichtet, wie er den Mont Ventoux erklommen hat: Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, ,den Windigen‘, nennt, habe ich am heutigen Tag bestiegen, allein vom Drang beseelt, diesen außergewöhnlich hohen Ort zu sehen. Das gilt heute als der Beginn des touristischen Bergsteigens, das aber erst im 18. Jahrhundert wirklich einsetzt. Jahrhunderte lang hatten die Berge niemanden interessiert, sie waren Warzen auf dem Gesicht der Erde gewesen, die Ästhetisierung der Bergwelt hatte noch nicht begonnen. Eher redeten Dichter von den Zickzackkämmen und widerwärtigen Felswänden. Wir wissen nicht, ob Petrarca wirklich oben auf dem Berg gewesen ist, oder ob dies nur eine imaginäre dichterische Kletterpartie war. Aber am 26. April ist die Geschichte immer wieder in diesem Blog gewesen, das geht nicht anders. Es gibt hier schon seit fünfzehn Jahren den sehr ausführlichen Post Mont Ventoux. Und dann sind da noch die Posts Fietsen, Liebestaumel, der windige Berg, Tanzseuche, und Weltlandschaften.
Der Franzose Pierre de Nolhac hat ein Gedicht mit dem Titel Écolier d’Avignon geschrieben, das 1931 in der Revue des deux mondes erschien. Hier erzählt uns ein fiktiver Schüler von Petrarca in acht →Episoden in Alexandrinern alles über das Leben des Meisters. Von der ersten Begegnung (La Rencontre) bis zum Abschied von seinem Lehrer (Le Départ). Und der weiß auch, wie sich Petrarca auf dem Gipfel des windigen Bergs gefühlt hat:
La solitude est bonne à l’âme et la féconde:
Je regarde à mes pieds fuir les plaines du monde;
Je devine au lointain les altières cités
Où sont tant de misère et tant de vanités,
Et le fleuve qui porte aux mers les pleurs des hommes
Je sens notre grandeur dans le peu que nous sommes;
Je pèse à leur néant les choses que j’aimais
Et je suis dans leur vol les aigles des sommets.
Le jour ainsi se passe où la pensée est reine;
Je redescends, le corps dispos, l’âme sereine,
Allégé par la paix que donne le haut lieu
Et les yeux éblouis des merveilles de Dieu
Die Einsamkeit tut der Seele gut und befruchtet sie:
Ich sehe, wie die Ebenen der Welt unter meinen Füßen entschwinden;
Ich erahne in der Ferne die hochmütigen Städte,
In denen so viel Elend und so viel Eitelkeit herrscht,
Und den Fluss, der die Tränen der Menschen zu den Meeren trägt.
Ich spüre unsere Größe in dem Wenigen, das wir sind;
Ich wäge die Dinge, die ich liebte, gegen ihr Nichts ab
Und folge in ihrem Flug den Adlern der Gipfel.
So vergeht der Tag, an dem der Gedanke König ist;
Ich steige wieder hinab, der Körper bereit, die Seele heiter,
Erleichtert durch den Frieden, den der hohe Ort schenkt
Und die Augen geblendet von den Wundern Gottes
Gut, dass wir das endlich mal wissen. Denn Petrarca erzählt uns wenig, wie er sich auf dem Gipfel gefühlt hat. Er hat nicht die Landschaft unter sich bewundert, er hat Augustinus gelesen. Die Bergbesteigung ist für ihn eher eine Allegorie des Lebensweges: Was du heute so oft bei Besteigung dieses Berges hast erfahren müssen, wisse, genau das tritt an dich und an viele heran, die da Zutritt suchen zum seligen Leben. Aber es wird deswegen nicht leicht von den Menschen richtig gewogen, weil die Bewegungen des Körpers zutage liegen, die der Seele jedoch unsichtbar sind und verborgen. Wohl aber liegt das Leben, das wir das selige nennen, auf hohem Gipfel, und ein schmaler Pfad, so sagt man, führt zu ihm empor. Es steigen auch viele Hügel zwischendurch auf, und von Tugend zu Tugend muß man weiterschreiten mit erhabenen Schritten. Auf dem Gipfel ist das Ende aller Dinge und des Weges Ziel, darauf unsere Pilgerfahrt gerichtet ist.
Their Purple figures rise
Without attempt—Exhaustion—
Assistance—or Applause—
In Their Eternal Faces
The Sun—with just delight
Looks long—and last—and golden—
For fellowship—at night—
Die Berge wachsen - unerkannt,
sie ragen purpurn auf
ganz ohne Müh’, nie ausgebrannt,
ohn’ Beistand und Applaus.
Auf ihr Gesicht, das ewig,
die Sonne nieder lacht
ausdauernd, golden, freudig,
Gefährtin für die Nacht.

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