Seiten

Samstag, 30. Juli 2022

Made in Italy: Lorenzini


Im Jahre 1995 feierte der Bremer Herrenausstatter Stiesing das hundertjährige Bestehen mit einer Festschrift. Komm in die Stadt, und werde Kaufmann: 100 Jahre Stiesing in Bremen wurde von zwei in Bremen bekannten Journalisten, Hermann Gutmann, Hermann und Günther Obitz geschrieben. Beide hatten schon zahlreiche Bücher veröffentlicht, von Obitz stammt auch ein Nachruf auf den Bremer Unternehmer Wolfgang Ritter, der einst Kokoschka beauftragte, den Bremer Rathausmarkt zu malen.

Das 126-seitige Buch, das sich noch antiquarisch finden lässt, ist reichhaltig illustriert. Eine Häfte des Buches handelt von Stiesing und Bremen, der Rest ist Werbung. Man kann das Buch als ein Who is Who der internationalen Mode lesen, alle berühmten Firmen der Konfektion sind hier vertreten. Manche Firmen, die 1995 noch groß waren, gibt es heute nicht mehr. Toni Gard ist inzwischen Modegeschichte, von DAKS hört man auch nicht mehr viel, und von Baldessarini existiert nur noch der Name, nicht mehr die Qualität. Die 1921 gegründete italienische Hemdenfirma Lorenzini aus Merate ist auch in dem Band vertreten.

Und das mit zwei Seiten, eine ganzseitige Anzeige und eine Seite Text, der uns informiert: In Italien gibt es sie noch immer, die kleinen, feinen Manufakturen, die auf das Erzeugen hoher Qualität spezialisiert, unbeirrt der Tradition folgen. Die Namen dieser Garanten des Außergewöhnlichen raunen sich Connaisseurs zu. Erlesenes - das weiß man- muß nicht jedermann bekannt sein. Es genügt, unter Kennern berühmt zu sein. Lorenzini ist es. Wer hier raunt, ist nicht das Autorengespann Gutmann und Opitz. Das ist ein anderer, der seinen Text mit Claus A. Froh signiert hat. Der Stiesing Kunde, der wie ich, den Band damals geschenkt bekam, hat mit dem Namen wahrscheinlich nicht viel anfangen können. Aber unter Kennern ist dieser Claus A. Froh berühmt, er ist, seinem Vorbild David Ogilvy folgend, zu einem der berühmtesten Männer der Werbung geworden. Von 1977 bis 1997 war er für die Lorenzini Werbung verantwortlich, die er weltweit zu schalten verstand. Seine Anzeigen finden sich schon 1978 im Spiegel und noch 1996 im New Yorker. Der Text aus der Stiesing Festschrift stand übrigens schon 1992 wortwörtlich im Spiegel. Claus A. Froh hat Lorenzini (und Aida Barni) zur Weltgeltung verholfen.

Stiesings Festschrift kam in einem Schuber, der in dunkelgrünem Tartanmuster gehalten war. Diesen Tartan hatte sich Stiesing extra bei Harrisons in Edinburgh entwerfen lassen. Die Anglomanie der Hansestädter treibt ja manchmal seltsame Blüten. Im Text von Claus A. Froh wird den Stiesing Kunden versichtert, dass nur wenige Geschäfte auserwählt seien, sich Deposito Lorenzini zu nennen, Stiesing gehöre dazu. Dabei waren die Hemden aus Merate damals keine Seltenheit, es gab sie überall. Bei Braun in Hamburg zum Beispiel, die wie Stiesing Mitglied im Masculin Modekreis waren. Es gab sie auch in Kiel, weil mein Freund Kelly, der mir mein erstes Lorenzini Hemd verkaufte, von Anfang an auf Italiener setzte. Es gab bei ihm Lorenzini, Truzzi, Orian und Guy Rover. Manche Marken blieben nicht lange, bei den Italienern gehörten immer Lieferschwierigkeiten zum Alltag. 

Mit diesem Angebot an Italienern war Kelly nicht allein. Eine neue Generation von Herrenausstattern setzte jetzt auf Italien. Da waren Dietmar Kirsch und Thomas Friese (Thomas-I-Punkt) in Hamburg und Uli Knecht bundesweit. Vor allem ist aber Dolf Selbach mit seinen Luxusläden in Düsseldorf, Berlin und Hamburg zu nennen, dem viele italienische Firmen wie zum Beispiel Aida Barni verdankten, dass man sie wahrnahm. Der Kunstsammler, den Andy Warhol portraitierte, kaufte nicht nur, was die Firmen ihm anboten, er ließ auch in Italien nach eigenen Entwürfen Kleidung herstellen. Manchmal auch in Deutschland, nicht alles, was ein Etikett Spezialanfertigung für Selbach trug, war erstklassig. Lorenzini hatte Selbach von Anfang an im Angebot, und Claus A. Froh textete im SpiegelDolf Selbach hat in Deutschland als erster bewiesen, daß Eleganz bequem sein kann ... Mag sein, daß er deshalb die Herren Hemden von Lorenzini so schätzt, führt und - wie man sieht - selber trägt. 1999 verkaufte Selbach sein Unternehmen an die Eduard Dressler Firmengruppe, was den langsamen Untergang von Dressler bedeutete. Sie hatten sich finanziell übernommen. Selbachs Kunstsammlung wurde nach seinem Tod in Berlin versteigert.

Lorenzini hatte damals ja schöne Anzeigen. Aber die Zusammenarbeit mit Claus A. Froh hörte 1997 auf, und niemand weiß wirklich, was mit Lorenzini dann geschah. Im Jahre 2008 mussten sie ihre Hemdenfabrik in Nembro (Bergamo) schliessen. Wenn Sie sehen wollen, wie die verlassene Lorenzini Fabrik aussieht, dann klicken Sie hier. Die Fabrik in Merate wurde 2015 geschlossen, sie beherbergt heute die Firma Permedica, die künstliche Hüftgelenke herstellt. Auf einer Anzeige im Internet aus dem Jahre 2017 kann man lesen, dass Lorenzini ab Januar 2018 wieder in den Geschäften vorrätig sein wird. Solche Botschaften hörte man damals auch als Philippe Brenninkmeijer Regent übernommen hatte. Wir wissen, was dann kam. Angeblich gibt es einen e-commerce, aber würde da jemand bestellen?

In Nembro hatte Massimo Pomari, der vierzehn Jahre bei Lorenzini gearbeitet hatte, vierzehn der sechsundsechzig arbeitslos gewordenen Näherinnen aus der Camiceria Lorenzini in seine kleine Firma Filo di fate srl übernommen. Die nähen jetzt bei ihm Herren- und Damenhemden, Pyjamas und Morgenmäntel. Die Hemden tragen den Namen Filo di fate, sind Made in Italy und sollen die gleiche Qualität wie Lorenzini Hemden haben. Man rechnet mit einer Produktion von 20.000 Artikeln pro Jahr. Die Firma ist bei Facebook präsent, ob ihre Hemden jemals in deutsche Läden kommen, weiß ich nicht. Aber mit Sätzen wie Lorenzini shirts have a distinct timelessness, and are renowned for their subtle elegance, as well as their unique and sophisticated details ist es vorbei. 

Es gibt noch eine andere Firmengeschichte von Lorenzini, und das sind die Jahre ihrer Zusammenarbeit mit Ralph Lauren. Es ist nirgendwo nachzulesen, aber Fachleute gehen davon aus, dass Lorenzini für Lauren die Hemden Ralph Lauren Purple Label gefertigt hat. Die Hemden mit den violetten Etiketten wurden beworben mit dem Satz: Dedicated to the highest level of quality, Ralph Lauren Purple Label is the ultimate expression of luxury for today's modern gentleman. So etwas konnte der Ralph Lifshitz aus der Bronx, der mit sechzehn seinen Namen in Lauren geändert hatte, natürlich nicht in China oder Vietnam herstellen lassen, die mussten schon das Made in Italy Label tragen. Lauren konnte sich natürlich nicht die Hemden von Truzzi oder Finamore machen lassen, das wäre zu teuer gewesen. Er suchte eine angeschlagene Manufaktur, die dankbar für Aufträge war. Ralph Lauren ist ein kleiner Gernegroß, der ein Gentleman sein möchte. Der englische Kritiker Stephen Bayley hat in Taste: The Secret Meaning of Things bösartig über ihn gesagt: How does a working-class Jew from Mosholu Parkway dare pass off the tribal costumes of the Ivy League as if he owned them? 

Im Bereich der Herrenkonfektion hatten schon verschiedene italienische Firmen negative Erfahrungen mit Ralph Lauren gemacht. Zuerst ließ er Jacketts und Anzüge bei Nervesa herstellen, die gerade einer Pleite entgangen waren. Dann zog er weiter. Zur Sartoria Sant'Andrea, die auch als Saint Andrews fungiert, blieb da aber auch nicht lange, sondern wanderte zu Cantarelli. Von den Hemden von Laurens Luxuslinie habe ich fünf Stück, alle bei ebay oder dem Secondhand Laden Weltgewand gekauft. Das teuerste war 20,50 €, das preiswerteste kostete mich zehn Euro. Ob die Hemden wirklich die vier-, fünfhundert Euro wert sind, die Lauren dafür verlangt, das weiß ich nicht. Die Hemden sind von guter Qualität, sie haben gute Knopflöcher, aber keine handgenähten. Sie haben kleine Dreiecke (gussets) in der Seitennaht und das unterste Knopfloch ist quergestellt. Ist ein Qualitätszeichen, ahmt aber inzwischen jeder nach. Manche haben eine geteilte Schulterpasse (wie das Hemd im Absatz oben), andere nicht. Aber kein Hemd hat einen angepassten Musterverlauf, das wahre Qualitätszeichen von Luxushemden. Und man sollte vor einer Kaufentscheidung natürlich bedenken, dass man für den Ladenpreis eines Ralph Lauren Purple Label (the zenith in terms of artisanal quality) auch ein Hemd von Attolini, Finamore, Fray oder Lilian Fock bekommt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen