Der Kieler Buchhändler Eckart Cordes ist gerade im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben. Er ist häufig in diesem Blog erwähnt worden. Ich zitiere mal eben einen Absatz aus dem Post Buchhändler: Früher waren Buchhändler etwas Besonderes, sie prägten das geistige Klima einer Stadt. Das gilt für den Kieler Buchhändler Eckhart Cordes (der auch den Kieler Kulturpreis erhielt) wie auch für Conrad Claus Otto in meinem Heimatort. Und natürlich für den Buchhändler, Schriftsteller und Politiker Harald Eschenburg, der, bevor er das Antiquariat in der Andreas Gayck Straße eröffnete, einmal einen Taschenbuchladen namens Tabula besaß. Da war damals sogar Ernst Rowohlt zur Eröffnung gekommen, es war der erste Taschenbuchladen Deutschlands. Meinem amerikanischen Buchhändler Nolan E. Smith habe ich schon in dem Post Harry Crews eine kleine Reverenz erwiesen. Wenn ich von Buchhändlern rede, dann meine ich solche, die einen eigenen Laden besaßen, nicht jene, die bei Hugendubel oder anderen Monsterbuchhandlungen angestellt sind. Und die ohne ihren Computer hilflos sind. Harald Eschenburg hatte keinen Computer, der hatte alle Bücher im Kopf.
Cordes kam aus einer Buchhändlerfamilie, die erste Buchhandlung dieses Namens war am 1. Januar 1846 von Robert Cordes gegründet worden war. 1891 nahm Cordes einen Kompagnon namens Alfred Weiss in die Firma. Das war nicht nur eine Buchhandlung und ein Antiquariat, es gab auch bis in die 1920er Jahre in Kiel einen kleinen Verlag namens Robert Cordes, der Bücher über die deutsche Flotte (wie dieses hier) und die Kieler Geschichte herausbrachte. Eckart Cordes hatte das Familiengeschäft 1967 von seiner Mutter übernommen.
Sein großes Verdienst war, dass er, einem Rat von Ernst Rowohlt folgend, in den nächsten vierzig Jahren beinahe jeden bedeutenden Schriftsteller nach Kiel geholt hat. Auch Prominente wie Curd Jürgens und Hildegard Knef waren da, die ihre Memoiren präsentierten. Hier signiert die Knef ihr Buch Der geschenkte Gaul. Und Peter Ustinov wollen wir nicht vergessen. Die Zeitschrift Schleswig-Holstein schrieb 2008: Die Liste seiner Autoren liest sich wie ein Lexikon deutschsprachiger Nachkriegs-Literatur von A wie Adorno und Améry bis J wie Johnson und K wie Kempowski und Z wie Zhang Jie. Cordes konnte eines Tages sagen: Wir sind stolz, dass wir vier Nobelpreisträger bei uns hatten. Halldór Laxness, Günter Grass, Elias Canetti und Doris Lessing. Er hatte auch eine kleine literarische Sensation zu verkünden: Laxness hat die einzige Lesung seines Lebens bei uns in Kiel gehalten.
Walter Kempowski hatte Eckart Cordes in dankbarer Erinnerung: Meine Buchhändler: Leider habe ich versäumt, von Anfang an in jedes Buch hineinzuschreiben, wann und wo es erworben ist. Da kommt man durcheinander. Aber bei einzelnen Werken vergisst man die näheren Umstände nie. Hoch zu rühmen sind auch die Protegierer, allen voran Cordes in Kiel, unter 200 Zuhörern geht dort eine Lesung nicht ab. Und das Signieren im Anschluss daran dauert mehr als eine Stunde (nur Hardcover!). Was sind das für freundliche Leute, die Cordes, kommen extra von Kiel nach Nartum gefahren, um mir einen Kaktus zu schenken. Man sollte vielleicht dazu sagen, dass an dem Kempowski Abend dreihundertfünfzig Leute da waren.
Für seine Verdienste erhielt Cordes 1994 das Bundesverdienstkreuz. Und 1996 bekam er für sein persönliches Engagement, mit dem er als Wegbereiter und Verfechter moderner Literatur große Literatur in Kiel heimisch machte und viele bekannte Schriftsteller/innen nach Kiel zu Lesungen holte die Andreas-Gayk-Medaille. Nachdem er seine Buchhandlung im Jahre 2000 an Sophie Pfeiffer verkauft hatte, erhielt er 2006 für seine hochkarätigen Autorenlesungen, die er seit 45 Jahren organisiert, noch den Kulturpreis der Stadt Kiel. In der Begründung der Jury hieß es über Cordes: Er habe ein Beispiel gegeben, wie man mit Verrücktheit an einer Eigeninitiative festhalten könne und damit unverzichtbar für die Kultur einer Stadt wäre. Zu seinem siebzigsten Geburtstag bekam er von seinen Freunden, und viele seiner Gäste waren zu Freunden geworden, eine kleine Festschrift, die den Namen →Es war nicht jedesmal ein Fest hatte. Cordes ist auch in die Werke seiner Gäste gewandert, Peter Bichsel redet in seiner Erzählung Meine Reisen zu Cordes von: Es geht um den Buchhändler Eckart Cordes in Kiel. Ein Verrückter, der sich mit den von ihm veranstalteten zahlreichen Lesungen ruinierte.
Die erste Lesung fand November 1961 statt, da las Uwe Johnson, den damals niemand haben wollte, weil er als kontaktarm galt, wie Cordes sagte. Johnson las im Landeshaus aus seinem zweiten Roman Das dritte Buch über Achim. Hundertdreißig Leute waren gekommen, aber zur Enttäuschung von Cordes kaufte keiner von ihnen hinterher den Roman. Ich habe Johnson damals in Bremen in der Glocke gehört. Wenn ich ehrlich bin, war ich da nur wegen der Ingrid, die ich erst überreden musste mitzukommen. Ich hatte für sie bei Conrad Claus Otto extra eine zweite Karte gekauft. So wie ich in Berlin für die Liaisons dangereuses für sie eine Kinokarte gekauft hatte. Ich weiß noch genau, dass Johnson eine schwarze Lederjacke trug, die wie ein Jackett geschnitten war. Ein weißes Nyltesthemd, Kassenbrille, ein schmaler Schlips. Und dieser grauenhafte Haarschnitt. Eigentlich las er gut, sehr norddeutsch, ein bisschen mit dem Meck-Pomm Akzent. Aber er war kein Showman, er wurde mit seinem Publikum nicht warm. Den findste gut? sagte meine Freundin hinterher spöttisch zu mir. Was soll man sagen? Wenn sie spöttisch war, schob sie dies Unterlippe ein wenig vor. Der Lippenstift bröckelte ein wenig ab. Ich merkte mir dieses Detail. Für wenn ich meinen Roman schreibe, dann kommt das da rein.
Im Johnson Jahrbuch konnte man im Jahre 2000 lesen: Die Buchhandlung Cordes ist in Kiel eine Institution; das wissen die Kieler, und lassen sie links liegen Ja, schon kommen sie zu den Lesungen in Schloß und Kunsthalle, aber der kulturelle Schwung, der sie von der Holstenstraße auf die Holstenbrücke und dann noch um die Ecke in die Willestraße tragen würde, kommt nicht vom Paradies her. Selten, daß er mal einen Engel hereinweht. Das enttäuscht den Patron, der seine Enten den täglichen Tag wie seit Jahren im nahen Park füttert, der alle Zeit der Welt hat, wenn man mit ihm allein im Laden über die Schwierigkeiten der Branche philosophiert, und der den Stammkunden wie eine Waise stehen läßt, wenn noch ein Besucher dazustößt. Es kommen fast nur Stammkunden.
Eckart Cordes (hier 1976 im weißen Anzug bei der Vorstellung von Jost Noltes Roman Eva Krohn oder Erkundigungen nach einem Model), der gerne Querbinder und farbenfrohe Westen trug, bleibt mir in Erinnerung. Nicht durch seine sartorialen Outfits, sondern durch ein langes Gespräch, das ich bei einem Herrenabend bei Hans Fander mit ihm führte. Ich sagte ihm an dem Abend nicht, dass wir uns schon einmal getroffen hatten. Wegen des wunderbaren kleinen Ehekrachs, den er mit seiner blonden Frau Ingke auf einer Party hatte, die sich der Studiendirektor Henri K. zum fünfzigsten Geburtstag gegönnt hatte. Der fetzige Streit ging eine Viertelstunde lang durch drei verschiedene Zimmer des großen Hauses. Es war, als würde Wer hat Angst vor Virginia Woolf? hier aufgeführt werden.
Eckart Cordes trank gerne Rotwein, und den bekam er natürlich bei dem Weinkenner Hans Fander, der aus seiner Zeit in der Fremdenlegion noch immer einen französischen Pass hatte, auch angeboten. Rotwein in Kiel scheint problematisch zu sein, auf jeden Fall können wir das dem Gedicht Erkenntnis im 'König-Haus', Kiel: Ein Gelegenheitsgedicht entnehmen, das Robert Gernhardt nach seinem abendlichen Vortrag bei Cordes schrieb:
Du sollst in Kiel keinen Rotwein trinken.
Du sollst in Kiel keiner Kellnerin winken
und von ihr die Rotweinkarte verlangen.
Damit kann sie nämlich sehr wenig anfangen.
Denn die Getränkekarte kennt nur einen Wein
und was ist das für einer? Was wird der wohl sein?
Es ist, ich sage das mal so roh:
Ein Bordeaux.
Du sollst in Kiel ein Bier bestellen.
Da tut sich die Miene der Kellnerin aufhellen:
Ein Bier, das kennt sie, ein Bier will hier jeder.
Ob Fahrensmann, ob Mann der Feder –
hier trinkt kein Mensch Rotwein, also vergiß es,
bestelle ein Bier, und schon weißt du: Das isses!
Es ist – ja, was ist es? Ich sag nur so viel:
Typisch Kiel.


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