Freitag, 17. Juni 2022

Eschi

Eschi hat zu, den Laden gibt es nicht mehr. Antiquariat steht da nicht mehr, da steht jetzt Laden zu vermieten! und eine Telephonnummer. Das ist das Ende des traditionsreichen Kieler Antiquariats Eschenburg, es ist sehr traurig. Begründet wurde das Antiquariat von Harald Eschenburg, dem Bruder des berühmten Staatsrechtlers Theodor Eschenburg. Seit seinem Tod wurde das Geschäft von seinem Sohn geführt, aber es hatte sich nicht viel geändert. Die Preise waren moderat wie eh und je, Bücher waren hier eigentlich unverschämt billig. Harald Michael Eschenburg, genannt Eschi, rauchte Gitanes. Sein Vater hatte Zigarren oder Zigarillo geraucht. Er hatte bei Ernst Rowohlt Verlagskaufmann gelernt und hat Falladas Bauern, Bonzen und Bomben lektoriert. Sein Kollege im Lektorat war zu dieser Zeit übrigens der Bremer Friedo Lampe, zu dessen Roman Septembergewitter Eschenburg 1938 im Bücherwurm eine Rezension schrieb. Im selben Jahr besprach er Gustav René Hockes Das geistige Paris, er schreibt viele Rezensionen in diesen Tagen.

Harald Eschenburg hatte gleich nach dem Krieg, in dem er als Marineoffizier (zuletzt auf dem Kreuzer Nürnberg) diente, in Kiel wieder mit dem Buchhandel angefangen. Am ersten Tag der Währungsreform hatte er zwölf Mark eingenommen, damit war sein Startkapital beinahe aufgebraucht. Aber dann brachten ihm die Leute Bücher und Bücher. Eschenburg hat die FDP in Schleswig-Holstein mitbegründet und war Redakteur der politischen Wochenzeitung Unser Standpunkt. Er war auch Mitbegründer des Landeskulturverbandes und Ratsherr im Kieler Rathaus. Irgendwann ist er vom normalen Buchhandel ins Antiquariat gewechselt. Er hatte 1958 den ersten Taschenbuchladen (Tabula) in Deutschland gegründet, zu dessen Eröffnung sogar Ernst Rowohlt gekommen war. Seine 1946 gegründete Firma hieß Bouquiniste Harald Eschenburg Buchhandel und Antiquariat. Auf diesem alten Photo der Andreas Gayk Straße 19-21 kann man seine Läden Tabula und Bouquiniste sehen.

Sein Laden wurde schnell zu einer Kultstätte. Aufstrebende Politiker, Verlagserben, Professoren und Studenten aller Fachrichtungen bevölkerten den Laden. Hier traf sich das intellektuelle Kiel, es waren Leser, die hier ein zweites Zuhause hatten, Bekannte, Freunde. Wer Bücher aus Statusgründen kaufte, der ging zum Antiquariat Schramm. Eschenburgs Kunden wurden von ihm gleichermaßen unfreundlich behandelt, sie schienen für ihn Störfaktor zu sein (von Eschenburg Junior wurde man dagegen richtig nett behandelt). Erst recht, als er im hohen Alter anfing, verbissen auf seiner Reiseschreibmaschine zu tippen. Irgendwie wollte er Fontane Konkurrenz machen, denn im Alter entstanden in rascher Folge die Bände einer Kieler Familientrilogie: Schlagseite: Roman aus der Weimarer RepublikWind von vorn: Roman einer Machtergreifung und Im Schlepp: Roman der Besatzungszeit.

Die Bände haben diese nautischen Titel, weil der Vater von Harald und Theodor Eschenburg Admiral gewesen war und die Erzählung auch zu großen Teilen eine autobiographische Geschichte einer großbürgerlichen Familie in einer Marinestadt ist. Seit den dreißiger Jahren hatte Eschenburg Tagebuch geführt, bei ihm stimmte jedes Detail. Und die Trilogie ist sicherlich auch, wie zwei andere Romane aus Schleswig Holstein (ich meine Die Buddenbrooks und Der Provinzlärm) ein Schlüsselroman. Obgleich der Autor das immer bestritten hat. Die handelnden Personen sind frei erfunden. Alles. Suchen nach einem Schlüssel bleibt müßig, steht im Roman. Aber dass der Professor Fuchslauf, der einen gefälschten Corot in dem Roman Schlagseite nicht erkennt, in Wirklichkeit der Professor Haseloff war, das hat man schon erkannt. Seinen ehemaligen Chef hat Eschenburg auch in die Romantrilogie hineingeschrieben, da heißt Ernst Rowohlt dann Wasserschout und Väterchen. Und natürlich wird erwähnt, dass er alle seine Autoren unter den Tisch trank. 

Das Lektorat der Fallada Manuskripte bei Rowohlt hatte Spuren bei Eschenburg hinterlassen: stilistisch gesehen, ist Falladas Werk 'Bauern, Bonzen und Bomben' mein Vorbild, besonders in 'Wind von vorn', hat er in einem Interview gesagt. Aber auch, dass Thomas Mann und Theodor Fontane seine Vorbilder gewesen seien.  Die kritische Rezeption der Bände war mehr als wohlwollend, Vergleiche mit Thomas Mann blieben nicht aus. Und er schrieb weiter. Mit Lübecker Marzipan kehrte er in seine und Thomas Manns Heimat Lübeck zurück, sein Großvater war Lübecker Bürgermeister gewesen. Welcher Buchhändler in einer Thalia Filiale schreibt schon mal so eben im Laden ein halbes Dutzend Bücher in einem Jahrzehnt? Ich nehme an, dass es auch das Ambiente dieses Ladens ist, das die Bücher mit hervorgebracht hat.

Der Autor blieb wie eh und je immer leicht mürrisch, obgleich ich zugeben muss, dass ich zeitlebens ein sehr gutes Verhältnis zu ihm hatte. Als er seinen Laden in der Andreas Gayk Straße aufgab, um in die Holtenauer zu ziehen, verkaufte er mir für hundert Mark eine Zeichnung, die ich seit Jahren bewundert hatte. Das Bild von Walther Kohlhase, der  Lehrer wie Otto Mueller, Carlo Mense und Oskar Schlemmer gehabt hatte, zeigte Sargträger mit Zylindern, die einen Sarg zu einer gläsernen Kutsche trugen auf der eine große Krone trohnte. Er durfte das Bild nicht zuhause aufhängen, er hatte es seiner Frau zur Hochzeit geschenkt, und die hatte gesagt: entweder bleibt das Bild im Haus oder ich. Eschi hatte das Bild nie gesehen, als ich es ihm zeigte (es hat bei mir einen Ehrenplatz) und ihm die Geschichte dazu erzählte, sagt er, dass sowas typisch für seinen Vater gewesen sei. 

Der hatte große Sorgen gehabt, dass aus seinem Sohn nichts würde, wie er mir einmal anvertraute, so privat konnte er doch wieder sein. Das war damals, als sein Sohn, der ein großer Tennisspieler war, herumlief wie Björn Borg. Eschi, Schüler der Gelehrtenschule wie sein Vater, gab sein Studium auf, so wie sein Vater einst das Germanistikstudium aufgegeben hatte, er wurde Buchhändler wie sein Vater. Der Björn Borg Look wich irgendwann Jacketts und Anzügen, er trug jetzt immer eine silberne IWC Taschenuhr. Aber er spielte immer noch in der TG Ravensberg Tennis, dort wahrscheinlich mit Björn Borg Stirnband. Sein Vater hatte sich mit siebzig von dem Beruf verabschiedet, er gab noch stilvoll einen Empfang im Föhrde Club, einem Klub ehemaiger Marineoffiziere. Jetzt führte Eschi den Laden, und der Senior schrieb und schrieb: Die polnische Prinzessin: Elisa Radziwill, die Jugendliebe Kaiser Wilhelms I und Prinz Heinrich von Preußen: Der Großadmiral im Schatten des Kaisers. Eigentlich hätte er den Kieler Kulturpreis verdient gehabt.

In seinen Roman Im Schlepp hat er einen kleinen Monolog eines Antiquars hineingeschrieben, aber hier redet wohl Eschenburg selbst, keine Romanfigur: Jeder Sammler hat etwas von einem Narren an sich. Büchersammler sind die liebenswertesten Narren: nach und nach ziehe ich sie an mich, wie das Licht die Motten. Spekulanten sind kaum darunter. Man sollte nicht alles am Geldwert messen. Ich versammle bei mir eine Art Club der Bibliophilen: Manche lernen sich bei mir kennen und laden sich später gegenseitig ein, um ihre Schätze vorzuzeigen. Es sind fast ausschließlich Männer. Solange sie ledig sind, scheuen sie keine Kosten. Ist erst die Frau im Haus, gehen Teppiche und Gardinen vor. Dann bleiben sie plötzlich fort, oder, das habe ich mehrfach erlebt, sie richten sich eine zweite Bibliothek im Amt, im Geschäft, im Lehrerzimmer ein. Heimlich. Das sind die wahren Helden ihrer Leidenschaft.

Das Schlimme bei den kleinen Antiquariaten wie Eschenburg ist natürlich, dass man beinahe immer mit einem Buch wieder herauskommt. Second-hand books are wild books, homeless books; they have come together in vast flocks of variegated feather, and have a charm which the domesticated volumes of the library lack, sagt Virginia Woolfe in Street Haunting. Man nimmt die homeless books mit, um ihnen ein neues Zuhause zu geben. Als Ludwig Tieck dreieinhalbtausend Bücher hatte, war er über diese Zahl so entsetzt, dass er alle seine Bücher verkaufte. Nach wenigen Jahren hatte er wieder dreitausend Bücher. Da hat er gemerkt, dass man sich gegen Bücher nicht wehren kann. Ich wäre glücklich, wenn ich nur dreieinhalbtausend hätte. Aber es sind, und daran sind diese verteufelten Antiquariate schuld, immer mehr geworden.

Wenn Sie den Namen Eschenburg in meinem Blog in die Suchfunktion eingeben, werden Sie ganz viele Posts als Ergebnis bekommen. Was daran liegt, dass ein großer Teil meiner Bibliothek aus diesem Antiquariat kommt. Es war für viele Kieler, die eine große Bibliothek geerbt hatten, die erste Adresse. Eschi hat mir mal die achtbändige Gesamtausgabe der Werke Stendhals (Propyläen 1922) zu einem Sonderpreis angeboten, aber die hatte mir sein Vater schon viele Jahre zuvor verkauft. Ich habe hier im Laden gefunden, was ich in anderen Antiquariaten nicht fand, meine Fontane Ausgabe (Aufbau Verlag) und meine Wilhelm Raabe Ausgabe standen mal in diesen Regalen. Und die Werke von Gerhard Neumann und Andrew Hudgins hätte ich wohl nirgendwo anders finden können.

Was mich beunruhigt, ist nicht die Zahl der Bücher in meinen Regalen. Man braucht keine Tapeten, und es ist auch besser als diese Bücher dummies, die bei Möbelhäusern als Buchvorgauklung im Regal stehen. Was mich beunruhigt ist, dass man in den Antiquariaten immer weniger junge Leute sah. Wo bleibt der Lesernachwuchs? Die Leser, die die wirkliche Welt über das Buch entdecken?

Eschi hat jetzt den Laden aufgeben müssen, den er seit den achtziger Jahren geführt hat. Eine schwere Erkrankung warf ihn aus der Bahn. Und die geschäftlichen Bedingungen, die Antiquariate heute haben, sind nicht die besten Auf jeden Fall für Antiquariate wie Eschenburg, die von Arno Schmidt bis Clive Cussler alles im Regal haben. Im Internet machen Monsterhändler wie Medimops (zu dem auch Momox gehört, lesen Sie hier mehr) alle Preise kaputt. Bücher kosten nichts mehr. Oder ganz viel. Die Fähigkeit, eine erstklassige Bildung zu bekommen, könnte ein elitäres, nur für 'Eingeweihte' zugängliches Privileg werden. Es wird zwei Parteien geben: Diejenigen, die komplexe Literatur lesen, und die 'clip-thinker', die nur Schilder lesen und Informationen aus dem Internet überfliegen können. Die Kluft dazwischen wird immer größer und größer. Das steht dem Roman Der Dorfgescheite von der Ukrainerin Marjana Gaponenko voran. War ein Geschenk von Friedhard, bibliophiler Büchersammler und natürlich Eschenburg Kunde.

Vor zehn Jahren hatte Eschi (sorry, es gibt kein besseres Photo von ihm im Netz) mich an einem schönen Sommerabend zum Abendessen eingeladen. Hans Fander (der hier im Netz eine Seite mit wunderbaren Geschichten hat) und der Literaturwissenschaftler Jörg W. Joost, den ich jede Woche bei Eschi traf, waren auch dabei. Aus der Ferne hörte man manchmal ein leises Plopp und ein lauteres Howzat, die spielten dahinten auf dem Sportplatz hinter den Bäumen tatsächlich Cricket. Waren aber alles Engländer und Inder, die aus Hamburg kamen, sagte Eschi. Ich weiß nicht, wie es kam, aber nach dem Essen wurde über Pariser Friedhöfe geredet. Herr Joost war ein großer Frankreichliebhaber, Hans Fander sowieso, der hatte einen französischen Pass, seit er als junger Mann in der Fremdenlegion gewesen war. War in Dien Bien Phu gewesen und hatte mit seinen Kameraden den Rückzug der Armee von Tschiang Kai Schek gedeckt. Irgendwann brachte Hans Fander den wunderbaren Satz heraus: In meinem Alter googelt man schon schon mal Friedhöfe. Joost war davon so begeistert, dass er sich den Satz sofort aufschrieb. Hans Fander, der sich schon einen Platz auf dem Père Lachaise gesichert hat, war damals glücklicherweise noch quicklebendig. Jörg Joost war leider wenige Monate nach dem schönen Sommerabend tot. In seiner Todesanzeige las ich das Gedicht Der Rauch von Bert Brecht:

Das kleine Haus unter Bäumen am See. 
Vom Dach steigt Rauch. 
Fehlte er 
Wie trostlos dann wären 
Haus, Bäume und See. 

Für jemanden, der ein Buch über Brecht geschrieben hatte, passte das sehr gut. Eine Geschichte hatte Jörg Joost an dem Abend nicht zum Besten gegeben: er war bei der Beerdigung von Hans Henny Jahnn dabei. Mein Freund Friedhard, der einmal einen Tag lang bei Jahnn zu Gast sein durfte, hatte mir mal erzählt, dass Joost zum engeren Kreis von Jahnn gehört habe. 

Ein Buch hat es im Antiquariat Eschenburg nie gegeben. Es heißt Renate im Bücherland: Kleiner Roman einer glücklichen Lehrzeit. 1957 bei Ziegler in Schwenningen erschienen, 130 Seiten, Leineneinband mit Goldprägedruck und Schutzumschlag. Mit Illustrationen von Professor Hugo Lange. Ich glaube, diesen ersten belletristischen Versuch Harald Eschenburgs besitzt außer mir niemand. Vielleicht sollte Eschi jetzt, wo er viel Zeit hat, anfangen zu schreiben. Einen Roman oder eine Geschichte des Antiquariats. Mit einer Liste der Kunden, von Feridun Zaimoglu bis Norbert Gansel. Friedrich Hübner nicht zu vergessen. Und Jay natürlich.

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