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Dienstag, 31. Januar 2017

Albert Aereboe


Der Maler Albert Aereboe (1889-1970) ist bisher von der Kunstgeschichtsschreibung weitgehend ignoriert worden – ungeachtet der Tatsache, daß man ein einziges Bild („Der Einsiedler“) immer wieder in Ausstellungen der zwanziger Jahre gesehen hat, schrieb die Zeit im Jahre 1983. Da gab es in der Kieler Kunsthalle gerade eine Aereboe Ausstellung für den am 31. Januar 1889 geborenen Maler. Das ein Meter siebzig große Bild des Einsiedlers, das nach dem Wunsch von ➱Arthur Haseloff vom Künstler in Der Alchimist  umbenannt wurde, hängt in der ➱Kieler Kunsthalle. Manchmal auch nicht, dann ist es mal wieder ausgeliehen. Aereboe hat den Zusammenhang des Bildes mit Dürers ➱ Melancholie I betont. Und es ist, von der Biographie des Künstlers betrachtet, ein melancholisches Bild.

Denn die nackte Frau im Hintergrund, die von einem durchsichtigem Schleier umweht wird (und die an das Bild ➱ Der Liebeszauber eines rheinischen Meisters erinnert), ist vielleicht niemand anderes als seine Frau Julie Aereboe, die im März 1927 im Alter von neununddreißig Jahren gestorben war. In diesem ➱Bild, das auch in Kiel hängt, hat Aereboe sie zwei Jahre vor ihrem Tode im Stil der Neuen Sachlichkeit gemalt. Altmeisterliche Maltechnik verbindet sich mit der neuen Sachlichkeit und dem Abstrakten, sagte die Presse über seine Bilder. Die Neue Sachlichkeit ist schon häufiger in diesem Blog erwähnt worden, ich liste die Posts unten einmal auf.

Albert Aereboes Frau Julie kam aus Bremen, sie leitete an der Kunstgewerbeschule Kassel die Textilklasse. Dort hat sie auch ihren Mann kennengelernt, der die Klasse für Dekorative Malerei leitete, beide wurden 1923 zu Professoren ernannt. Seit 1925 hielten sich beide mehr und mehr auf Sylt auf, wo Aereboes Atelierhaus gerade fertiggestellt worden war. Diese ➱Frau in den Sylter Dünen von Julie Aereboe-Katz ist in den zwanziger Jahren gemalt worden, der Maler hat es 1962 der ➱Kunsthalle Bremen geschenkt. Man kann es hier im ➱Katalog anklicken, erstaunlicherweise funktioniert der mal. Man kann darüber spekulieren, ob der frühe Tod der aus einer jüdischen Familie stammenden Malerin nicht eine Gnade war, man weiß nicht, was aus ihr in den dreißiger Jahren geworden wäre. Zu Marie Caroline Julie Aereboe gibt es ➱ hier eine sehr informative Seite.

Noch einmal der Einsiedler, der zuerst Mein Ahnherr Jens Aereboe hieß. Es hat weniger Ähnlichkeit mit Dürers Melancholie I als mit Dürers ➱Hieronymus im Gehäus. Wenn er aus dem Fenster blicken würde, könnte der einsame Gelehrte die Sylter Dünen sehen. Aereboe hat sein Strandhaus geliebt. 1939 musste er es verlassen, das Gelände war zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden. Der Lübecker zog in sein Berliner Studio (das er schon 1925 eingerichtet hatte). Wurde dort allerdings ausgebombt, sodass er wieder nach Sylt kam. Er liebt es da: Hier ist die Gestaltung der Landschaft auf die einfachste Formel gebracht. Der unendliche Horizont des Meeres und die übergroße Kuppel des Himmels machen das Planetarische der Erde fühlbar und lösen in mir kosmische Verbundenheit aus. Diesmal zieht er zu seiner Schwägerin nach Kampen. Der Einsiedler hängt in Kiel an einer weißen Wand (dies hier ist ein Photo von irgendeiner Ausstellung), und er beherrscht einen ganzen Raum. Wenn man das Bild betrachtet, fängt man an, Geschichten zu erfinden. Mit Regentropfen an den Scheiben und schönen nackten Frauen, die im Hintergrund aus der Dunkelheit kommen.

Aereboe (hier ein Photo des Malers) schreibt 1936 in einem Brief an Arthur Haseloff, Ordinarius für Kunstgeschichte und Direktor der Kieler Kunsthalle, er wollte etwas darstellen, wie man es in wüsten Träumen erlebt. Es springt eine Tür auf, ein kalter Windstoß aus einem schwarzen Loch. Es rieselt einem kalt über den Rücken. Der Mann nun vorne sitzend, mit viel zerbrochenem Lebensglück, schuf sich nun diese Sphäre, zurückgezogen von allem, was ihn in seiner genießerischen Ruhe und Einsamkeit stören könnte und lauscht auf die feinsten Geräusche in der Natur, denkt an große Fernen, an den Menschen, an die runde Welt, an schöne Reisen mit Schiffen. Feste große Linien, Grenzen legt er sich fest, so daß nicht dieser da vorn sitzende, sondern der Beschauer des Bildes als ein Gegensatz das in schaukelnden Tritten hereintretende Glück empfinden muß. Das kosmisch Machtvolle in verschleierter süßer Lieblichkeit gegen das Machtlose des geistigen menschlichen männlichen Willens.

Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Kunst wandern Bilder überall hin. Wo hat man ➱Raffaels Putti und Dürers betende Hände nicht schon gesehen? Ein Ausschnitt von Aereboes Bild der roten Jacke aus dem Jahre 1924 ist auf Uwe Timms Entdeckung der Currywurst gewandert. Gibt man bei Google Aereboe und rote Jacke ein, bekommt man als Ergebnis Currywurst, das ist schon komisch. Kunsthistoriker haben zu dem Bild etwas anderes zu sagen: Der Raum hinter der roten Jacke und die Lichtverhältnisse sind bewußt verwirrend, Realität und Spiegelung vermischen sich. Vorder- und Hintergrund sind nähergerückt und mit der gleichen präzisen Schärfe gesehen. Die beklemmende Stille, die sich mit einer gespenstisch-irrationalen Bewegtheit verbindet, gibt dem Kleidungsstück in seiner Verfremdung eine überhöhte kafkaesk-unheimliche Bedeutsamkeit, ein magisches Eigenleben, das uns verunsichert und gefangennimmt zugleich.

Das steht 1984 in der Weltkunst, ich könnte so etwas nicht schreiben. Könnte schon, will es aber nicht. Mich erinnert die rote Jacke an die roten Jacken auf den Bildern von ➱Wilhlm Busch und an meine schöne rote Capalbio Jacke, die ich schon in dem Post ➱Sportjackett erwähnt habe. Die rote Jacke von Aereboe ziert nicht nur Uwe Timms Novelle, sie ist auch vorne auf dem Buch Der Maler Albert Aereboe 1889-1970 von Brigitte Maaß-Spielmann abgebildet, ein Buch, das auch einen Werkkatalog enthält. 84 Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen aus der Zeit zwischen 1918 und 1930 gab es damals in Kiel zu sehen. Brigitte Maaß hatte 1981 bei ➱Wolfgang J. Müller über Aereboe promoviert, ihre Arbeit ist immer noch das Standardwerk zu dem Maler.

In Kampen, wo eine kleine Künstlerkolonie entstanden war, wird man Aereboe 1959, als er wieder in seine Heimatstadt Lübeck zieht (die man im Fenster dieses Selbstportraits aus dem Jahre 1924 sehen kann), zum Ehrenbürger machen. Er wird die Insel immer wieder besuchen: Wenn ich Jahrzehnte auf Sylt gelebt habe, dann ist es die unvergleichliche Meeresnatur dieser Insel gewesen, die mich bannte und immer wieder aufs Neue inspirierte. Nicht alle haben ihn da geliebt, 1947 wird bei einer Ausstellung in dem Kampener Restaurant Sturmhaube das Ölgemälde Der Alchimist von einem Unbekannten zerstochen. Und dass er am Haus seiner Schwägerin, wo er nach dem Kriegsende eine private Malschule unterhält, die Pergola hat abreißen lassen, um an deren Stelle einen Hühnerstall zu bauen, haben ihm viele Nachbarn nie verziehen. Aber Hühner sind nach dem Krieg wichtig. Ich weiß noch, dass wir damals auch Hühner hatten. Und Kaninchen. Und ein Schwein im Keller, mit dem ich mich angefreundet hatte. Aber das hatte in der Nachkriegszeit kein langes Leben.

Für die Sängerin ➱Emmi Leisner war die Insel Sylt, wo sie seit den ➱zwanziger Jahren ständig zu finden war, eine Insel der Erholung. Für sie verbreiteten die Dünen von List ... im Abendlicht eine herrlich exterritoriale Stimmung. Es könnte in der Wüste sein, in Persien oder in Mexiko. Aereboe, der ein Wappen für List entwirft, spricht von dem dumpf wallenden Meer und den satten Weiden, er ist nicht so weit in der Welt herumgekommen wie die Flensburger Sängerin, die er 1959 malt. Es ist eins der letzten Bilder, das er auf Sylt malt: Gerade malte ich Emmi Leisner. Eine ganz verwickelte Arbeit. Aber ich habe sie hinbekommen, wie man so sagt: Wie sie leibt und lebt. 

Mit dem Bild der Sängerin ist er wieder ein wenig zu dem Stil seines Hauptwerkes zurückgekehrt, das in der Neuen Sachlichkeit liegt. Da malt er nicht mehr gegen Butter, Fleisch und Eier ...  unter beträchtlichem Verbrauch von Kobaltblau Landschaften mit großen Sommerhimmeln. Er ist kein Revolutionär der Malerei gewesen Brigitte Maaß-Spielmann sagt in ihrer Dissertation über den Maler: Wo die Bildidee mit begründeten Gefühlen, mit dem eigenen Erleben vereint wird, schafft Aereboe überzeugende Leistungen; andernfalls ... droht der Bildausdruck ins Banale abzugleiten. Und das wollen wir natürlich nicht.


Noch mehr Neue Sachlichkeit: Magischer RealismusFranz RadziwillOswald BaerRichard OelzeRealistenOsternGrant Wood

Sonntag, 29. Januar 2017

Sartoria d'Europa: Nervesa


Seit 1967 gab es bei Francesco Smalto auch eine Konfektionslinie, die in Italien von der Firma ➱Nervesa hergestellt wurde. Die stellten damals auch die Anzüge für Nina Ricci her und hatten in den letzten fünfzig Jahren (es gibt die von Giuliano Caponi gegründete Firma Nervesa genau so lange wie die Firma ➱Francesco Smalto) noch eine Reihe von Lizenzen: Aquascutum, Daks, Cifonelli, Borsalino, YSL (nicht das billige Zeug bei C&A), Lancetti und André Laurent. Und es gab auch noch eine Linie, die nach dem Firmengründer Giuliano Caponi benannt war.

Ich weiß nicht so genau, wie die Firma Nervesa heute dasteht, weil sie in der Vergangenheit eine Vielzahl ihrer Lizenzen verloren haben, aber ich weiß, dass ich mal ein Jackett und einen dunkelgrauen Flanellanzug von der Firma besessen habe. Das war erstklassiges Zeug. Das steht in dem Post ➱Waltz into Darkness, einem Post, den ich liebe. Weil er elegant einen Film von ➱Truffaut mit der französischen Herrenmode verbindt. Und als Zugabe noch Catherine Deneuve (die ich am liebsten in ➱La vie de chateau mag) in die Melange wirft.

Francesco Smalto, dessen Klamotten Jean Paul Belmondo trug, lässt nicht mehr bei Nervesa fertigen. Seine Spitzenkollektion kommt heute (wie die der Pariser Firma Hartwood) von Caruso. Ein italienischer Hersteller, der von ➱Werner Baldessarini aus dem Schönheitsschlaf geweckt wurde, und der ➱hier inzwischen einen eigenen Post hat. Wenn die Firma Nervesa jemanden wie Baldessarini gehabt hätte, dann wären sie heute auch berühmter als sie es sind.

Was die Firma Raffaele Caruso (die ebenso wie Nervesa einmal für Cifonelli produzierte) kann, das könnte schneidertechnisch die Firma Nervesa auch, aber die sind eher die graue Maus unter den sartoria Herstellern, die sich mit dem Label Made in Italy oben auf dem Aufhänger des Jacketts schmücken dürfen. Den oben erwähnten dunkelgrauen Flanellanzug (mit Weste) von Nervesa hatte ich mir für die Hochzeit meines Bruders gekauft. ➱Kelly, der damals auch Nervesa trug (aber schon mit Kiton liebäugelte) erzählte mir, dass sei jetzt das Beste, was er hätte. War der Anzug auch, er hielt länger als die Ehe meines Bruders.

Graue Flanellanzüge waren eine Sache der fünfziger Jahre. Jeder wollte sie haben, spätestens seit Gregory Peck die Hauptrolle in ➱The Man in the Grey Flannel Suit gespielt hatte. Meistens waren sie langweilig, man konnte sie aber mit Hemd und Krawatte aufpeppen. Wozu die meisten Deutschen in der Ära Adenauer nicht den Mut hatten. Das war übrigens der Augenblick, in dem ich beschloss, niemals so herumzulaufen wie die meisten Deutschen. Den besten Flanellanzug habe ich bei der Eröffnung der Delacroix Ausstellung in der Bremer Kunsthalle gesehen.

Ein Herr, der ein wenig nach einem Double von Albert Darboven aussah, trug zu einem dunkelgrauen Flanellanzug (mit Weste) ein fett rot-weiß gestreiftes Hemd mit weißem Kragen. Delacroix, der ein großer Dandy war (und sich über das Schuhzeug von ➱William Turner mokierte), hätte das sicher gut gefunden. Von solchen Exzentrizitäten stand der graue Flanellanzug natürlich für Seriösität. Kein Kleidungsstück für ➱James Bond. Aber unbedingt für seinen Chef, wie wir hier sehen können.

Mein zweites Teil von der Firma Nervesa war ein grünliches Jackett aus einem Luxusstoff von Carlo Barbera, leider habe ich davon keine Abbildung. Auf Photos schon, aber nicht hier. Ich bilde hier einmal eben ein Jackett von Nervesa ab. Die von Giuliano Caponi 1961 gegründete Firma benannte sich nach dem Ort, in dem sie ihren Sitz hatte: Nervesa in Venetien. Ein Ort, der nach einer verlustreichen Schlacht im Ersten Weltkrieg den Zusatz della Battaglia bekommen hat. Von der Abtei des Ortes ist, wie von dem ursprünglichen Ort Nervesa, wenig übrig geblieben, aber es muss erwähnt werden, dass sie der Ort war, wo eins der wichtigsten Benimmbücher der Renaissance geschrieben wurde.

Es ist Giovanni della Casas Buch ➱Il Galateo overo de 'costumi, ein Erziehungsbuch, das unter dem Namen Galateo in Italien ebenso sprichwörtlich wurde wie bei uns ➱der Knigge. Obgleich das ein Buch ist, das wohl niemand, der es zitiert, gelesen hat. Die deutsche Übersetzung von Nathan Chytraeus erschien 1597. Da war Chytraeus gerade Rektor der Bremer Lateinschule geworden, heute heißt die Schule Altes Gymnasium. Sie ist nicht so sehr wegen der Gelehrten bekannt, die sie hervorgebracht hat, sondern weil Peter Zadek hier seinen Film ➱Ich bin ein Elefant, Madame gedreht hat.

Damals sah das Kollegium eines Bremer Gymnasiums so aus. Die italienische Herrenmode hatte sie noch nicht erreicht. Wahrscheinlich bis heute nicht. Aber hatte sie die Botschaft von Della Casas Galateo erreicht? Das Buch ist eine Art Nachfolgebuch von ➱Baldassare Castigliones einflussreichem ➱Il Cortegiano. Wir können dem Ganzen entnehmen, dass schon im 16. Jahrhundert in Nervesa die Kultur zu Hause war. Oder dass hier die Bedienungsanleitung für die guten Sitten (costumi) geschrieben wurde. Zu diesem Thema kann ich noch die Lektüre des Buches Sprezzatura: 50 Ways Italian Genius Shaped the World von Peter D'Epiro und Mary Desmond Pinkowish empfehlen.

Und zu den guten Sitten gehört natürlich auch die richtige Kleidung, das war dem Firmengründer Giuliano Caponi, nach dem auch eine Linie der Firma Nervesa hieß, wichtig. Man nannte ihn respektvoll den dottore, mit dem Titel ist man in Italien ja großzügig. 2004 musste er seine Firma an die IGEFI Gruppe in Genua verkaufen, da titelten die Zeitungen La Igefi salverà Nervesa. Aber entlassen hatte er bis zum Schluss keinen seiner 203 Angestellten in den drei Fabriken. Auch nicht seinen bei allen beliebten Pförtner Corradino Dalla Marta. Als der 2012 starb, war er der Tribuna di Treviso einen längeren Nachruf wert.

Die IGEFI Gruppe übernahm alle Verbindlichkeiten und sorgte für ein neues Management. Man setzte große Hoffnungen auf Ralph Lauren, der seine ➱Purple Label Linie einige Jahre bei Nervesa produzieren ließ, aber der zog schnell weiter. Zur Sartoria Santandrea, die auch als Saint Andrews fungiert, blieb da aber auch nicht lange, sondern wanderte zu Cantarelli. Die Vielzahl der berühmten Namen war zwar schön für das Renommee von Nervesa gewesen, aber große Namen bedeuten nicht, dass diese Firmen auch ihre Rechnungen rechtzeitig bezahlten. Wenn Sie die traurigen Bilder sehen wollen, wie die Fabrik bei ihrer Aufgabe aussah, dann klicken Sie ➱hier.

Inzwischen scheint nach Jahren des Aufbaus alles gerichtet, La crisi, a volte, può riservare inaspettate opportunità, sagte man sich. Ich weiß nicht, ob sie noch die RTW für Timothy Everest, die Konfektion für Leonard (das ist die Pariser Firma mit den wilden Mustern auf Damenkleidern und Herrenschlipsen) und die für Borsalino machen.

Die Lizenzen, mit denen man einst prahlte, werden heute nicht mehr erwähnt. Obgleich dieser Name Nervesa Sartoria d'Europa passend war: die großen Namen von ganz Europa ließen bei Nervesa fertigen. Dass die Firma wieder lebt, kann man ihrer ➱Website ablesen. Die war jahrelang ziemlich tot. Ungefähr so wie der Katalog der ➱Kunsthalle Bremen. Wenn Sie einen Blick auf die Kollektion für den Sommer 2017 werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Am letzten Sonntag sah ich bei ebay ein Nervesa Jackett, auf das noch niemand geboten hatte. Allerdings zerschlug sich meine Hoffnung schnell, das Jackett für einen Euro zu bekommen. Irgendjemand schien zu wissen, was Nervesa einmal bedeutet hat. Ich bot nicht lange mit, das Jackett war sowieso ein wenig langweilig. Sah auf keinen Fall so aus wie die neueste Kollektion hier. Deshalb trauerte ich ihm auch nicht lange nach, für einen Euro wäre es O.K. gewesen.

Aber ich schaute mich mal bei ebay um und fand bei second-toni dieses Teil. Den Händler kenne ich, da habe ich schon häufiger etwas gekauft. Gute Preise und immer zuverlässig. 99,9% postitive Bewertungen bei über 65.000 Transaktionen, ein Querulant ist immer dabei, der die Statistik verdirbt. Dieses hübsche Nervesa Jackett war allerdings mit 99,98 Euro ausgezeichnet, für das Geld kriegt man bei ebay schon Caruso oder Brioni. Oder ein nagelneues Boglioli Jackett. Ich schrieb dem second-toni eine nette kleine Mail und wies ihn darauf hin, dass für dieses Jackett die Preisstruktur wohl nicht ganz stimme. Und setzte noch aus Spaß hinzu: Für 49 Euro würde ich es kaufen.

Am nächsten Morgen flatterte eine E-Mail von second-toni auf den Bildschirm, in der stand: Sie haben mich übezeugt. Und ich bekam das Jackett zum Sonderpreis von 49 Euro angeboten. Damit hatte ich nun nicht gerechnet, konnte der Verlockung aber nicht widerstehen. Jetzt habe ich nach Jahrzehnten wieder mal ein Nervesa Jackett. Nicht, dass man die siebziger Jahre zurückholen könnte, aber es ist doch irgendwie nett.

Das Jackett hat ein Etikett von ➱Felbinger, einem Herrenausstatter aus Bayern. Der Firmenchef Klaus Felbinger, der ein Jahr bei ➱Brioni volontiert hat, leitet in dritter Generation das Geschäft. Und was die im Angebot haben, ist vielleicht geeignet, um Rudolf Böll in Rottach-Egern Konkurrenz zu machen (zu dem gibt es ➱hier schon einen Post. Auf der Seite von Felbinger kann man lesen: "Sartorische Qualität" nennt man im Fachjargon, was das Angebot von felbinger kennzeichnet. Im Gegensatz zum Konfektionsanzug werden unsere Teile nach den Regeln edler Schneiderkunst gefertigt. Nichts wird geklebt oder fixiert. Alle Einlagen sind so pikiert, daß der verwendete Wohlfühlstoff in seiner Besonderheit sichtbar und spürbar wird. "Sartorische Qualität" vermögen nur ganz wenige, wie z. B. die großen Italiener Brioni oder Nervesa vorzuhalten. Mit diesen Firmen arbeiten wir so eng zusammen, daß auch individuelle Sakkos und Anzüge gefertigt werden können. Das ist es, da unten im Allgäu, da weiß man die Qualität von Nervesa zu schätzen. Und Humor haben sie da auch, da steht auf ihrer Seite: Felbinger-Kunden sind jung oder alt, klein oder groß, besonders klein oder besonders groß. Das trifft auch auf meine Leser zu, die sind auch jung oder alt, klein oder groß, besonders klein oder besonders groß.


Die Firma Nervesa wird heute nicht zum ersten Mal in diesem Blog erwähnt. Sie könnten auch noch lesen: Tyrone, Made in Germany, Waltz into Darkness, Handschuhknopf, Made in Germany, Baldessarini, Pierre Cardin, Raffaele Caruso

Freitag, 27. Januar 2017

27. Januar


Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken. Das hat der vor Kurzem verstorbene Bundespräsident Roman Herzog gesagt, der den 27. Januar 1996 zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus machte. Es war eine Tat, die eigentlich lange überfällig war. Aber die Bundespräsidenten dieser Republik, die haben keine Geschichte geschrieben. Sagt uns ein vom Schuldienst beurlaubter Sportlehrer namens ➱Björn Höcke. Und er sagt uns auch, dass Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1945 eine Rede gegen das eigene Volk und nicht für das eigene Volk war.

Höcke sprach vor zehn Tagen in seiner Rede im Ball- und Brauhaus Watzke in Dresden (in Bierhäusern wie dem Bürgerbräukeller hat in Deutschland ja viel angefangen) von einer dämlichen Bewältigungspolitik. Wollte dann aber heute - aus welchen Gründen auch immer - einen ➱Kranz in Buchenwald niederlegen. Was ihm allerdings verwehrt wurde: Die Überlebenden der Nazibarbarei und die Angehörigen der Ermordeten können nicht zulassen, dass die Bedeutung des Holocausts relativiert und das Andenken an die Opfer herabgewürdigt wird. Wir wehren uns gegen das Erscheinen von Verharmlosern beim Gedenken an der Stätte unseres Martyriums.

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Als Paul Celan seine ➱Todesfuge schrieb, hätte es niemand für möglich gehalten, dass wir eines Tages AfD, Pegida und Reichsbürger in Deutschland haben würden. Doch dann bekamen wir Adolf von Thadden. Der mit seiner NPD von dem Ziegeleibesitzer Fritze Thielen aus meinem Heimatort finanziert wurde. Thielens hübsche blonde Tochter ist damals von zu Hause ausgezogen, ich fand das eine mutige und bewundernswerte Entscheidung. Kurz zuvor hatte unsere Schulzeitung Echo trotz größter Bedenken der Schulleitung einen Artikel vom Neuen Deutschland nachgedruckt, in dem aufgelistet wurde, dass der größte Teil der Kaufmannschaft des Ortes in der NSDAP oder sogar der SS gewesen war. Und dabei hatten die da drüben den Kriegsverbrecher ➱Walter Többens noch gar nicht auf der Liste.

Irgendwie war das Ganze seltsam, da waren wir im Nachkriegsdeutschland von den amerikanischen Besatzern zur Demokratie gebracht worden und mussten nun sehen, dass der halbe Ort aus Nazis bestand. Und dass die neuen Nazis hier ihre finanzielle Basis hatten. Der Herr von Thadden ist ein so reizender Mann mit so guten Manieren, den kann man ruhig mal wählen, sagte mir eine Kapitänsgattin. Ich habe den reizenden Herrn von Thadden in der Strandlust eine Stunde lang reden hören, er wirkte sehr soigniert, hatte nichts von seinem Namensvetter Hitler an sich. Wirkte auch nicht so faschistisch wie ➱Franz-Josef Strauß, der hier an der gleichen Stelle geiferte. Aber Herr von Thadden war natürlich nur ein Wolf im Schafspelz, der Kreide gefressen hatte.

Und heute haben wir Björn Höcke, diese Schande für Deutschland. Das Gedicht Todesfuge von Celan stand früher in jedem Lesebuch, vielleicht auch in dem von Björn Höcke. Ich glaube, dass es an diesem 27. Januar angebracht ist, es wieder einmal zu zitieren:

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith



Und wenn Sie die Rede von Björn Höcke lesen wollen, die finden Sie ➱hier.

Donnerstag, 26. Januar 2017

1776 and all that


I wish you Sir, to believe, and that it may be understood in America, that I have done nothing in the late Contest, but what I thought myself indispensably bound to do, by the Duty which I owed to my People. I will be very frank with you. I was the last to consent to the Separation, but the Separation having been made and having become inevitable, I have always said, as I say now, that I would be the first to meet the Friendship of the United States as an independent Power ... let the Circumstances of Language; Religion and Blood have their natural and full Effect. Das sagt der englische König George III im Jahre 1785 zu dem ersten amerikanischen Botschafter John Adams (er sagt natürlich nicht, was der Dichter Philip Freneau ihn sagen lässt).


Und was sagt die englische Königin heute zu den Amerikanern? Klicken Sie ➱hier.

Dienstag, 24. Januar 2017

Mido Multifort Powerwind


Irgendein Leser klagt immer. Zu viel über ➱Schuhe, zu wenig über ➱Filme. Und so weiter. Über Uhren gab es lange Zeit nichts (➱Marinechronometer war das letzte), das wollen wir mal eben ändern. Also schreibe ich einmal über die Uhr, die in den letzten Tagen an meinem Handgelenk war. Eine Mido Multifort Powerwind aus den frühen fünfziger Jahren. Die Firma Mido, die der Schweizer Uhrmacher Georges Schaeren vor beinahe hundert Jahren gegründet hatte (wenig später wechselte sein Bruder Henri von der Omega zur Firma des Bruders), gibt es heute immer noch. Sie hat aber nichts mehr mit der alten Firma zu tun. Nach der Quarzkrise gibt es nur noch ganz wenige Uhrenfirmen in der Schweiz, die ein Familienunternehmen sind. Oder im Besitz der Gründerfamilie sind.

Als ich die Mido Multifort Powerwind kaufte, sagte ich zu dem Flohmarkthändler: Igitt, das Werk ist ja ganz schwarz. Es war nicht nur schwarz, es schimmerte auch noch leicht violett. Wenn man vergoldete Werke oder blitzblanke Werke aus Neusilber gewöhnt ist, dann ist dieses violette Schwarz richtig fies. Der Händler versicherte mir, dass die Uhr frisch vom Uhrmacher komme. Das erzählen einem auf dem ➱Flohmarkt alle Händler, aber da ich Herrn Brandt seit über zwanzig Jahren kenne, glaubte ich ihm. Er würde mich nicht betrügen.

Die schwarz-violette Farbe des Werks war eine Rhodinierung, eine Sonderausführung des Kalibers 917P, das Mido am Anfang der 1950er Jahre auf den Markt gebracht hatte. Es ist kein echtes Manufakturwerk, es wurde (wie viele andere Mido Werke) in Zusammenarbeit von Mido und der Firma AS (lesen Sie ➱hier mehr zu dieser Firma) entwickelt. Alle Automatikwerke von Mido sind durch diese Kooperation entstanden - bei Handaufzugwerken arbeitete Mido mit Peseux zusammen.

Wenn eine Uhrenfabrik ihre Werke von Firmen wie AS oder ETA (oder kleineren Herstellern) bezieht, dann lässt man sich den Namen auf die Platine oder den Rotor gravieren. Das ist ähnlich wie bei den Jacketts und Anzügen, die die ➱Herrenausstatter als Private Label verkaufen. Doch so etwas war Mido nicht genug, es musste schon etwas Besonderes sein, etwas, was die Konkurrenz nicht hatte. Wie ein schwarz rhodiniertes Automatikwerk. Oder ein Handaufzugswerk, das man mit Goldanker und goldenem Ankerrad bekommen konnte. So etwas gab es früher einmal bei Lange & Söhne, das ist schon etwas Besonderes. Dies Werk hier kommt übrigens von Peseux, es ist der Vorläufer von dem Uhrwerk, das heute in jeder ➱Nomos drin ist. Die Uhr ist ja neuerdings Kult. Wenn man schamlos ein Zifferblatt einer Lange Armbanduhr aus den 1930er Jahren kopiert und ein Peseux, das früher in jeder Dugena war, auf Manufakturwerk frisiert, dann braucht man nur noch eine gute Werbeabteilung.

Das Kaliber 917P gab es nicht nur in einer Sonderausführung mit schwarzer Rhodinierung, es gab es auch mit einer Incastar Feinregulierung. Die wird schon in dem Post ➱Rolex erwähnt, die hat mein Werk leider nicht. Aber da ich andere Uhren mit dieser Feinregulierung habe, vermisse ich sie hier nicht. Die Incastar Feinregulierung der Firma Portescap (die auch die Incabloc Stoßsicherung erfunden hatte) kam Ende der vierziger Jahre auf den Markt. Es ist eine geniale Konstruktion, bei der wir anstelle des Rückers und des Spiralklötzchens eine freischwingende Unruhspirale haben, die am Ende von zwei drehbaren Röllchen gehalten wird. Die Röllchen können Sie hier sehr gut sehen. Eine Vielzahl von Schweizer Firmen baute die Feinregulierung von Incastar in ihre Uhren ein, die sich aber à la longue als zu teuer erwies. Mido hatte diese Feinregulierung schon in dem Vorläufer des sogenannten Powerwind Werkes (das noch eine ➱Hammerautomatik war) verwendet. Denn die Multifort, die ein Automatikwerk besaß, wasserdicht, antimagnetisch und stoßgesichert war, gab es schon seit dem Jahre 1934. Ein solches Uhrwerk ist heute selbstverständlich, aber damals boten nur wenige Schweizer Firmen eine solche Uhr an.

Das 917P ist mit einer Incabloc Stoßsicherung und einer ➱Glucydur Unruhe ausgestattet. Es ist ein solides, robustes Werk, wenn Sie es einmal bei der Arbeit sehen wollen, dann klicken Sie ➱hier. Das Werk besitzt einen sehr effizienten Rotor, der das Werk beidseitig aufzieht. Dies ist die Rückseite des Werkes. Sie wird deshalb hier gezeigt, damit man die wirklich exzentrische Winkelhebelfeder bewundern kann (das ist das hellgraue Teil unter der goldfarbenen Mitte).

Das 917P ist nicht nur solide und robust, es ist auch ein sehr einfaches Werk. Es hat nichts von der konstruktiven Eleganz eines ➱EternaMatic Werks oder des ➱8541 der IWC. Man bewarb es 1954 mit der Aussage, dass die Automatikbaugruppe statt aus sechzehn Teilen nur aus sieben Teilen besteht. Aber diese sieben Teile arbeiten nach über sechzig Jahren noch hervorragend. Wenn Sie eine Rolex vom Anfang der fünfziger Jahre haben sollten, dann haben sie heute Probleme. Rolex repariert die nicht mehr und unterstützt den Sammler in keiner Weise (im Gegensatz zu Firmen wie ➱IWC und ➱Omega). Eine Mido Multifort Powerwind repariert Ihnen jeder Uhrmacher.

Es ist eine knuffige Uhr, für ihre Zeit mit einem 35 mm Gehäuse recht groß. Natürlich ist sie ganz aus Edelstahl und hat einen massiven Schraubboden. Dies Bild hier habe ich mir bei Dr Ranfft gemopst, ohne dessen ➱Verzeichnis aller Uhrwerke der Welt Uhrensammler verloren wären. Es gibt bei ihm auch ➱Auktionen mit vielen Uhren, die zu interessanteren Preisen als bei ebay angeboten werden. Meine Mido hat kein fieses graues Band, meine Mido hat ein schlichtes hellbraunes Lederband. Von Audemars Piguet, man gönnt sich ja sonst nichts. Ich habe das Band vor Jahrzehnten für fünf Mark auf dem Flohmarkt gekauft. Die AP Schließe war da nicht mehr dran, die hatte der Händler gerade für 150 Mark verkauft. Uhren zu sammeln, bringt einen in eine seltsame Welt.

Samstag, 21. Januar 2017

Doktor Pinel


Am 21. Januar 1793 hat man in Paris den König hingerichtet. Es war kein wirklicher Königsmord mehr. Louis XVI war zu einem einfachen Bürger Louis Capet geworden, nachdem der Nationalkonvent dekretiert hatte: Der Konvent erklärt Louis Capet, den letzten König der Franzosen, für schuldig der Verschwörung gegen die Freiheit der Nation und des Anschlags auf die allgemeine Sicherheit des Staates. II. Der Konvent beschließt, dass Louis Capet mit dem Tode bestraft werden soll. Der französische Arzt Philippe Pinel, Anhänger der Revolution, aber ein moderater Mann, schrieb in einem Brief: Zum meinem großen Leidwesen hat man mich gezwungen der Hinrichtung durch das Beil beizuwohnen. Die Hinrichtung ist schnell vorbei: Der Adjutant des Generals gab dem Henker den Befehl, seine Pflicht zu tun, und augenblicklich wurde Ludwig auf des verhängnisvolle Brett geschnallt, das man Guillotine nennt, und sein Haupt wurde abgeschlagen, ohne dass er eigentlich Zeit hatte zu leiden. Diesen Vorteil wenigstens verdankt man der Mordmaschine, die den Namen des Arztes trägt, der sie erfand.

Am Ende stehen die Andenkenjäger: Da sich bei der Hinrichtung wie immer Blut auf das Schafott ergossen hatte, stürzten mehrere Männer herbei, um einen Zipfel ihres Taschentuchs, ein Stück Papier oder irgend etwas anderes darin einzutauchen und so die Erinnerung an dieses denkwürdige Ereignis festzuhalten, denn anders möchte ich das nicht auslegen. Was soll man sonst dazu sagen? Ich weiß nicht, ob sie diesen Herrn hier kennen, er heißt Bertrand Barère de Vieuzac. Er war der Ankläger im Prozess gegen den König, sein Bild hängt erstaunlicherweise nicht im Louvre, es hängt in der ➱Kunsthalle Bremen. Sie können mehr über ihn in dem Post ➱Ankläger lesen.

Vielleicht ist der Arzt Philippe Pinel wichtiger als Louis XVI. Hier auf dem Bild von Tony Robert-Fleury befreit er die Geisteskranken im Bicêtre von ihren Fesseln. Damals glaubte man noch, dass Geisteskranke vom Teufel oder Dämonen besessen seien. Sie in Eisenfesseln zu legen, war eine Selbstverständlichkeit, sie wurden auch selten getrennt von gewöhnlichen Verbrechern untergebracht. Doktor Pinel räumt damit auf, dies ist die Geburtsstunde der modernen Psychiatrie.

Dafür wird ihm dieser Herr dankbar sein, dass man ihm eines Tages keine Ketten mehr anlegen wird. Denn nach Meinung von ➱Kapitän Schwandt ist Donald Trump geisteskrank. Nicht nur die Kultfigur Käpt'n Schwandt ist dieser Meinung, auch viele renommierte amerikanische Psychiater sind überzeugt, dass Trump behandlungsbedürftig ist. Konnten sich aber wegen der Goldwater Rule im Wahlkampf dazu nicht äußern. Wenn man den Mann mit der seltsamen Frisur und dem seltsamen Benehmen eines Tages in der weißen Jacke aus dem Weißen Haus abholt (können Sie sich noch an den Song ➱They're coming to take me away, ho-ho, hi-hi, ha-haa erinnern?), dann wird er dankbar sein, dass diese Jacke auch während der Revolution im Bicêtre erfunden wurde. Und dass er nicht mehr in eiserne Ketten gelegt wird.

Der Herr links im Bild ist natürlich ➱François Truffaut, der Herr rechts ist der französische Schauspieler Jean Dasté. In dem Film Der Wolfsjunge (L'enfant sauvage) spielt Truffaut den Arzt Jean Itard (einen Mann, den Maria Montessori bewunderte), Dasté spielt den Doktor Philippe Pinel. Und ich habe für Sie noch einen zweiten Film über den guten Doktor Philippe Pinel, der noch der Leibarzt von Napoleon wurde. Es ist ein amerikanischer Film aus dem Jahre 1945, der im Geburtsjahr von Donald Trump den Oscar in der Kategorie Kurzfilme gewann. Wenn Sie ihn sehen wollen, dann klicken sie hier ➱Stairway to Light an.

Die französische Revolution bringt also nicht nur Tod und Unheil hervor, sie bringt auch eine Erneuerung der psychiatrischen Behandlungsmethoden. Benjamin Franklin versuchte Pinel vergeblich zu überreden, Chefarzt des Pennsylvania Hospital in Philadelphia zu werden, aber der bleibt lieber in Frankreich und übernimmt 1794 das Hôpital Salpêtrière. Doch die Amerikaner werden beweisen, dass man neue Wege zur Behandlung von Geisteskranken auch ohne Guillotine und Schreckensherrschaft finden kann. Da gibt es den Quäker Benjamin Rush, einen der Gründerväter Amerikas, hier gemalt von Charles Willson Peale (der ➱hier einen Post hat). Es ist ein Gesicht voller Weisheit und Güte, weit entfernt von dem Gesicht voller Hass und Aggression, das Donald Trump gestern gezeigt hat.

Freitag, 20. Januar 2017

Inauguration


Inauguration ist ein Wort, das aus dem Lateinischen kommt; wo man den Vogelflug deutete, bevor man Auguren in ihr Amt einführte. Das tut man heute nicht mehr, aber die Inauguration gibt es heute immer noch. Zum Beispiel bei der Inauguraldisssertation. Oder bei der ➱Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten, bei der der neue Präsident eine Rede hält. Die wohl kürzeste Rede - ein Vorbild für alle Twitter Fans - hat George Washington bei seiner zweiten Amtseinführung gehalten:

Fellow Citizens: I am again called upon by the voice of my country to execute the functions of its Chief Magistrate. When the occasion proper for it shall arrive, I shall endeavor to express the high sense I entertain of this distinguished honor, and of the confidence which has been reposed in me by the people of united America.
       Previous to the execution of any official act of the President the Constitution requires an oath of office. This oath I am now about to take, and in your presence: That if it shall be found during my administration of the Government I have in any instance violated willingly or knowingly the injunctions thereof, I may (besides incurring constitutional punishment) be subject to the upbraidings of all who are now witnesses of the present solemn ceremony. 


George Washington ist kein Intellektueller wie ➱Thomas Jefferson gewesen. John Adams hat über ihn gesagt: That Washington is not a scholar is certain. That he is too illiterate, unlearned, unread for his station is equally beyond dispute. Wir lassen das mal so stehen, ➱Washington ist nicht ➱Adams und nicht Jefferson. Aber so doof wie Trump, der schon zu Recht seinen Goldenen Vollpfosten gewonnen hat (hören Sie doch mal eben bei Carolin Kebekus hinein), ist der erste Präsident nie gewesen. Washington hat das Amt des Präsidenten nicht gewollt, Trump wollte es unbedingt. Doch Trump kann reden und twittern wie er will, niemand wird ihm je glauben. Alles was er kann, ist herumpöbeln und Gegner beleidigen und angreifen. Das hat er von Roy Cohn gelernt, dem Henkersknecht von Senator McCarthy, der einmal sein Rechtsanwalt und Berater war.

Ein moralisches System, wie es ➱Benjamin Franklin in seinen Schriften für seine Landsleute konzipierte, gilt in diesen postfaktischen Zeiten (wer hat dieses bescheuerte Wort nur erfunden?) für Amerika nicht mehr. Die Gründerväter Amerikas mögen ihre Fehler gehabt haben, aber sie waren ernsthafte Männer, die an ihre Ideale glaubten, für sie eintraten und für sie kämpften. Sie waren Männer der Aufklärung - zu diesem beinahe vergessenen Begriff zitieren wir doch eben einmal ➱Immanuel Kant: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Das sind Sätze, die für Donald Trump nichts bedeuten werden, er würde sie auch nicht verstehen, wenn er sie bei Twitter in Kurzform lesen würde. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Einen Mann müssen wir allerdings von den Lobpreisungen der Gründerväter ausnehmen, obgleich er es trotz aller Skandale dreimal zum Oberkommandierenden des amerikanischen Heeres gebracht hat. Und das ist ein gewisser James Wilkinson (er kommt schon in den Posts ➱Saratoga und ➱Winfield Scott vor), über den Teddy Roosevelt gesagt hat: In all our history, there is no more despicable character. Dieser ➱Wilkinson könnte uns als Beispiel dafür dienen, dass auch ein Donald Trump in den Gründungstagen der amerikanischen Republik eine Chance gehabt hätte.

Donald Trump, der Shakespeare des Tweets, möchte eine sehr kurze Rede halten, die ein wenig etwas von Ronald Reagan und von John Kennedy haben soll. Ein glow from that fire can truly light the world wird die Rede wohl nicht sein. Aber lang soll sie auf keinen Fall sein, man wolle die Leute nicht frieren lassen. Und man wolle auf keinen Fall dem Beispiel von William Henry Harrison folgen, der 1841 in einem Schneesturm eine Stunde und fünfundvierzig Minuten lang gesprochen hat. Und sich eine Lungenentzündung zuzog und einen Monat später starb. Das wollen wir Donald Trump nicht wünschen.

Im 19. Jahrhundert reden Politiker gern ➱lange. Der Gouverneur ➱Edward Everett, der als offizieller Festredner auf das Schlachtfeld von ➱Gettysburg eingeladen worden war (President Lincoln war nur als Gast dort), sprach über zwei Stunden. Für ihn hatte man neben dem Rednerpodium ein kleines Zelt aufgebaut, damit er eine Pinkelpause machen konnte. Lincoln sprach nur zwei Minuten, er brauchte nur ➱269 WörterI should be glad if I could flatter myself that I came as near to the central idea of the occasion, in two hours, as you did in two minutes, hat Everett dem Präsidenten später geschrieben.

Für seine Amtseinführung im Jahre 1961 hatte John F. Kennedy den greisen Dichter Robert Frost eingeladen, damit er das Ereignis mit einem Gedicht verzieren sollte:

Summoning artists to participate
In the august occasions of the state
Seems something artists ought to celebrate.
Today is for my cause a day of days.
And his be poetry's old-fashioned praise
Who was the first to think of such a thing.
This verse that in acknowledgement I bring
Goes back to the beginning of the end
Of what had been for centuries the trend;
A turning point in modern history. 

Doch das Gedicht blieb ungelesen. Frost hatte von der Kälte Tränen in den Augen, die Sonne blendete ihn. Richard Nixon versuchte vergeblich mit seinem Zylinder Schatten zu spenden, das können Sie ➱hier sehen. Damals trug man noch ➱Zylinder, auch Kennedy, der Hüte hasste, hat das getan (hat den Zylinder aber bei dem Amtseid und seiner ➱Rede nicht getragen). Robert Frost verzichtet auf Nixons Schatten, legte sein Manuskript zur Seite und rezitierte sein Gedicht The Gift Outright, das konnte er auswendig:

The land was ours before we were the land’s.
She was our land more than a hundred years
Before we were her people. She was ours
In Massachusetts, in Virginia,
But we were England’s, still colonials,
Possessing what we still were unpossessed by,
Possessed by what we now no more possessed.
Something we were withholding made us weak
Until we found out that it was ourselves
We were withholding from our land of living,
And forthwith found salvation in surrender.
Such as we were we gave ourselves outright
(The deed of gift was many deeds of war)
To the land vaguely realizing westward,
But still unstoried, artless, unenhanced,
Such as she was, such as she would become.


Seit Kennedy haben die amerikanischen Präsidenten, die der Demokratischen Partei angehörten, Poeten zur Inaugurationsfeier eingeladen. Bei Donald Trump wird es wohl kein Gedicht geben, das im Internet kursierende Gedicht von ➱Joseph Charles McKenzie wird auf keinen Fall vorgelesen werden. Man fand in Amerika keine Dichter von Rang, die Trump bedichten wollten. Und auch für das Konzert am Vorabend der Amtseinführung fanden sich nur B-Promis. Alec Baldwin hatte sich über Twitter angeboten: I wanna perform at Trump's inauguration. I wanna sing 'Highway to Hell'.

Die Feier der Amtseinführung ist ein großer Tag für die ➱Ghostwriter. Als Präsidenten ihre Reden noch selbst schrieben, konnte man Sätze hören wie: With malice toward none, with charity for all, with firmness in the right as God gives us to see the right, let us strive on to finish the work we are in, to bind up the nation's wounds, to care for him who shall have borne the battle and for his widow and his orphan, to do all which may achieve and cherish a just and lasting peace among ourselves and with all nations. Das ist natürlich Abraham Lincoln, und er ist unübertroffen. Die Freiheit mit einem Papierdrachen zu vergleichen (For democracy belongs to us all, and freedom is like a beautiful kite that can go higher and higher with the breeze) war dem Ghostwriter von George Bush eingefallen, das ist aber nicht so überzeugend wie Lincoln.

Die neuen Präsidenten können So help me God sagen, sie brauchen es aber nicht. Viele Präsidenten haben zu der Zeremonie ihre Familienbibel mitgebracht. Dwight D. Eisenhower hatte die Bibel von George Washington in der Hand, Barack Obama die von Abraham Lincoln. Sie brauchen aber keine Bibel in die Hand zu nehmen, irgendein Buch genügt. Es kursieren Gerüchte, dass Trump gerne seine Autobiographie The Art of the Deal bei der Vereidigung in der Hand halten möchte. Aber das sind wahrscheinlich auch wieder nur fake news. Darauf müssen wir uns jetzt einstellen, dass wir nur noch tweets und fake news bekommen. Doch die amerikanische Geschichte hat mit der Geschichtsfälschung begonnen.

Was ist mit der Unabhängigkeitserklärung von ➱Mecklenburg County? Und warum steht in allen Schulbüchern, dass die Declaration of Independence am ➱4. Juli 1776 von allen Delegierten unterschrieben wurde? Schon John Adams fürchtete sich davor, dass die Geschichtsschreibung der USA von Mythen beherrscht wird: I'll not be in the history books. Only Franklin. Franklin did this, and Franklin did that, and Franklin did some other damn thing. Franklin smote the ground, and out sprang General Washington, fully grown and on his horse. Then Franklin electrified him with that miraculous lightning-rod of his, and the three of them – Franklin, Washington, and the horse – conducted the entire War for Independence all by themselves.

Da kommt uns dieser Typ mit den seltsamen Haaren doch gerade Recht: The final key to the way I promote is bravado. I play to people's fantasies. People may not always think big themselves, but they can still get very excited by those who do. That's why a little hyperbole never hurts. People want to believe something is the biggest and the greatest and the most spectacular. I call it truthful hyperbole. It's an innocent form of exaggeration — and a very effective form of promotion.

Amerika gibt es nicht, sagte der alte Italiener, als er am Ende des 19. Jahrhundert nach Italien zurückkehrte. Ich weiß es, denn ich bin dagewesen. Er meinte nicht, dass es die Vereinigten Staaten von Amerika nicht gebe, er wollte sagen, dass die Idee von Amerika als einem Land der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten tot sei. Aus dem American Dream ist längst der American Nightmare geworden, den letzten Funken des Feuers, das die Welt erleuchten kann, den wird Trump wohl mit seinen Füßen austreten.

Mittwoch, 18. Januar 2017

Herman Melville, Donald Trump und ich


Ich hatte gedacht, wir könnten am Freitag zusammen feiern, der Donald und ich. Er, weil er Präsident wird - ich, weil mein Blog die Zahl von drei Millionen Leser erreicht hat. Aber nun bin ich früher dran mit meinem Jubiläum. Ich werde heute ein Paar ➱französische Schuhe (Aubercy) tragen und das Ereignis mit ➱Jazz in Paris, französischen Chansons von ➱Juliette Gréco und ➱Yves Montand und einem kleinen Glas Cognac würdig begehen. Ich habe da noch eine alte Flasche Cognac Hennessy Very Special in der Butzekammer, ich nehme an, das Zeuch kann man noch trinken. Sie mögen sich jetzt fragen: warum trinkt er keinen ➱Whisky, das tut er doch sonst immer, wenn er mal wieder eine Million erreicht hat? Die Antwort ist einfach, ich mache das extra für meine lieben französischen Leser, die plötzlich in solch großer Zahl da sind. Und die dafür gesorgt haben, dass ich diese sagenhafte Zahl von drei Millionen Lesern erreiche, bevor dieser Donald Trump Präsident wird.

Meine französischen Leser mögen gewiss auch Herman Melville, hat doch der Meister des französischen Gangsterfilms seinetwegen den Namen ➱Melville angenommen. Und hat doch Jean Giono Moby-Dick zusammen mit Lucien Jacques übersetzt. Und das Buch Pour saluer Melville geschrieben, wo er am Anfang sagt: La traduction de Moby-Dick, de Herman Melville, qui paraît d'autre part, commencée le 16 novembre 1936 a été achevée le 10 décembre 1939. Mais, bien avant d'entreprendre ce travail, pendant cinq ou six ans au moins, ce livre a été mon compagnon étranger. Je l'emportais régulièrement avec moi dans mes courses à travers les collines. Ainsi, au moment même où souvent j'abordais ces grandes solitudes ondulées comme la mer mais immobiles, il me suffisait de m'asseoir, le dos contre le tronc de pin, de sortir de ma poche ce livre qui déjà clapotait pour sentir se gonfler sous moi et autour la vie multiple des mers. Das ist es: das Buch dabei haben und sich dann im Gebirge an einen Baumstamm lehnen - und schon hat man das Meer im Geiste vor sich, mit der Lektüre von Melville geht das. Der Donald, mit dem ich eigentlich feiern wollte, kann leider kein Französisch. Genaugenommen kann er überhaupt keine Fremdsprache. Gutes Englisch wie Herman Melville auch nicht.

Am Ende des Kapitels ➱Loomings in Melvilles Moby-Dick stellt sich der Erzähler eine Schlagzeile des grand programme of Providence that was drawn up a long time ago vor. Darin ist von einer Grand Contested Election for the Presidency of the United States die Rede, das gilt nicht nur für das Jahr 1851, das gilt heute noch. Auch die Bloody battle in Affghanistan hat heute noch ihre Bedeutung. Nur das im Original ganz klein gesetzte Whaling voyage by one Ishmael hat heute keinen großen Nachrichtenwert mehr. Der Erzähler heißt ja auch gar nicht Ishmael, wir sollen ihn nur so nennen. ➱Call me Smitty wäre auch ein Anfang gewesen. Oder Call me Jay.

Drei Millionen mal ist die Adresse loomings-jay seit Ende Juli 2010 angeklickt worden (die ersten sechs Monate als Blogger hatte ich noch Googles Radarsystem unterwandert), so viele Leser hat ➱Moby-Dick während Melvilles Lebzeiten nicht gefunden. Und wahrscheinlich bis zur Melville Renaissance der 1920er Jahre auch nicht. In meinem ersten ➱Post am 3. Januar 2010 habe ich geschrieben: Wenn Herman Melville das alles gekannt hätte, dann wäre 'Moby-Dick' nicht in London gedruckt worden, sondern hier. Und seine Schwester, die das Manuskript abschrieb, hätte nicht immer über Hermans Handschrift fluchen müssen. Und Druckfehler, wie 'soiled fish' wären uns auch erspart geblieben. Es ist ein seltsames Medium, in dem man schnell zu einer Berühmtheit werden kann. Weil man einen Blog hat. Oder weil man twittert wie dieser Trump.

Wenn Sie sagen, dass die gloomy atmosphere dieser dunklen Bilder heute so gar nicht zu einem Jubelfest passt, haben Sie sicher Recht. Aber ich habe diese Bilder von dem Amerikaner Christopher Volpe (von denen eins schon in dem Post ➱Vierzig Jahre zu sehen war) ausgesucht, weil sie aus einem Zyklus von Bildern kommen, der ➱Loomings heißt. Dort findet man auch eine Preisliste, falls Sie eins der Bilder kaufen wollen. Viele der Bilder sind recht gelungen. Manches hätte er vielleicht besser gelassen. Manches erinnert an ➱Jack the Dripper, der ja auch etwas zu der ➱Bilderwelt von Moby-Dick beigesteuert hat..

Dies hier soll das Bild darstellen, das in der Spouter Inn hängt. Für den Erzähler, den wir Ishmael (und nicht Smitty oder Jay) nennen sollen, ist es ein Rätsel: But what most puzzled and confounded you was a long, limber, portentous, black mass of something hovering in the centre of the picture over three blue, dim, perpendicular lines floating in a nameless yeast. A boggy, soggy, squitchy picture truly, enough to drive a nervous man distracted. Yet was there a sort of indefinite, half-attained, unimaginable sublimity about it that fairly froze you to it, till you involuntarily took an oath with yourself to find out what that marvellous painting meant. 

Es gibt von dem Gemälde in der Spouter Inn auch eine Graphik von Armin Münch, die sehr schön ist. Aber leider gibt es davon keine Abbildung im Internet (im ➱Katalog von Schleswig ist sie auf Seite 67 zu finden), das Internet wird immer überschätzt. Vor allem für die Welt der Kunst und der Literatur. Aber immerhin gibt es hier einen ➱Power Moby-Dick mit Annotationen.

Diese erste Seite von Loomings hat auch Annotationen, aber es sind Annotationen einer anderen Art als wir sie in der Ausgabe von  Luther S. Mansfield und Howard P. Vincent oder in Harold Beavers Penguin Ausgabe finden. Wir könnten annehmen, dass dies das Exemplar von Moby-Dick von Donald Trump ist. Aber liest der Mann überhaupt ➱Bücher? Das Internet ist voll von bösartigen und komischen ➱Seiten über den nonreader Trump. Also dies ist nicht von Trump, ➱dies ist an example of a close reading and represents how one can annotate and ornament a text. Muss man wirklich in Bücher malen, um einen Text zu verstehen? Für den neuen Präsidenten kommt wahrscheinlich eher die Version von ➱Twitter oder ➱Emoji Dick in Frage.

Herman Melville brauchte keine Universität, er konnte von sich sagen: A whale ship was my Yale College and my Harvard. Trump war nie auf einem whale ship. In Yale und Harvard auch nicht. Die Frage der Bildung stand nicht im Mittelpunkt von Donald Trumps Wahlkampf. Natürlich hat er dazu ein ➱Programm. Das aber viele eher beunruhigt. Vor Jahren hat er Obama beleidigt: I heard [Obama] was a terrible student, terrible. How does a bad student go to Columbia and then to Harvard? I’m thinking about it, I’m certainly looking into it. Let him show his records. Das sind gefährliche Sätze, denn wenn man sich seine eigene ➱Universitätskarierre anschaut, dann bleibt von dem Akademiker Trump nicht viel übrig.

Aber er hat ja eine eigene Universität, über die er sagte: I'm deeply and actively involved in Trump University. Und er hat sich auch schon über Amerikas Universitäten beklagt: too many of those who do graduate are getting diplomas that have been devalued into “certificates of attendance” by a dumbed-down curriculum that asks little of teachers and less of students. Damit beschreibt er exakt seine Trump University. Die gibt es nun leider nicht mehr, der Staatsanwalt ermittelt noch. Aber es gibt für die Familie Trump noch Hoffnung: sein Sohn Barron geht zu der selben Prep School, die auch Herman Melville besucht hat.

The final key to the way I promote is bravado. I play to people's fantasies. People may not always think big themselves, but they can still get very excited by those who do. That's why a little hyperbole never hurts. People want to believe something is the biggest and the greatest and the most spectacular. I call it truthful hyperbole. It's an innocent form of exaggeration — and a very effective form of promotion. Das sind Sätze, die in Herman Melvilles Roman ➱The Confidence Man, einem Roman über einen Betrüger, stehen könnten. Da stehen sie aber nicht. Sie stehen in der Autobiographie von Donald Trump.