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Sonntag, 28. August 2022

С днем ​​рождения


Ich kaufe CDs, ich kaufe Oberhemden, ich kaufe Bücher. Ich kaufe mehr Bücher als Oberhemden. Dass ich viel lese, können Sie dem Post perlegi entnehmen. Vieles von dem, das ich lese, wandert in diesen Blog. Dies hier jetzt auch, ich habe mir nämlich nach langem Zögern die von der Kritik gefeierte Neuübersetzung von Krieg und Frieden gekauft (ich habe hier eine zwanzigseitige Leseprobe für Sie). Kostete mich bei Medimops vierundzwanzig Euro portofrei. Ich halte zwar nichts von den Firmen Momox und Medimops, das habe ich schon in dem Post Retouren gesagt, aber manchmal hat Medimops eben unschlagbare Preise. Ich lese jetzt Krieg und Frieden zum dritten Mal. Es sind 2.258 Seiten. 

Ich werde nicht alles lesen, nur das, was mir wichtig ist. Was vielleicht auch das ist, was Tolstoi wichtig war. Wie zum Beispiel die Geschichte mit dem Hauptmann Tuschin, der nichts Offizierhaftes an sich hat und eine Art Komplementärfigur zu Mütterchen Russland ist. Der seinen General, den Fürsten Bagration (der im Film genau so aussieht wie auf den Portraits, die es von ihm gibt), auf eine seltsame Weise grüßt: wobei er mit einer verlegenen, ungeschickten Bewegung, ganz und gar nicht in der Weise, wie Militärpersonen zu salutieren pflegen, sondern eher ähnlich wie Geistliche den Segen erteilen, drei Finger an den Mützenschirm legte. Er wird zum stillen Helden der Schlacht bei Schöngrabern: Wohin er feuern solle und mit welcher Art von Geschossen, darüber hatte Tuschin von niemandem Befehl erhalten; sondern er hatte sich mit seinem Feldwebel Sachartschenko, vor dessen Sachkenntnis er großen Respekt hatte, beraten und war zu der Ansicht gelangt, daß es zweckmäßig sei, das Dorf in Brand zu schießen. Der Hauptmann hat Respekt vor der Sachkenntnis des Feldwebels, in der Welt der Fürsten im Stabsoffiziersrang ist von Respekt für die Feldwebel nicht die Rede.

Ich bin spät im Leben zu Tolstois Roman Krieg und Frieden gekommen, aber als ich anfing ihn zu lesen, hatte ich schon ein halbes Dutzend Verfilmungen gesehen, natürlich auch den Film von Sergei Bondartschuk. Den habe ich inzwischen auf einer DVD (der Link führt Sie zum ersten Teil des Films, alle anderen Teile finden Sie an derselben Quelle). Und wenn Sie in einer Minute alles über den Film wissen wollen, dann klicken Sie diese Seite an.

Die Übersetzerin Barbara Conrad, der die Wikipedia keine Seite zugesteht, hat über ihre Übersetzung gesagt: Nun also nach langer Zeit eine neue Übersetzung, ein weiterer Versuch der Annäherung in einer Zeit, in der sich das (deutsche) Stilgefühl entwickelt und verändert hat, Regelverletzungen, sprachliche Manierismen eher akzeptiert werden. Tolstoi wollte auf keinen Fall so schreiben »wie alle«, und »alle, das ist Turgenjew, das ist flüssige, korrekte Rede, Tolstoi aber brauchte das Aufgerauhte, brauchte die Schattierungen, brauchte sogar das Vulgäre, Grobe, brauchte improvisierte, nicht literarisch geschleckte Satzgebilde«, wie Boris Eichenbaum in seiner großen Tolstoi-Monographie schreibt. Entsprechend verändert ist nun auch die Blickrichtung der neuen Übersetzung. Denn der Stil, eher: die Sprachen Tolstois sind keine Zufallsprodukte, wie sich schon an dem über den gesamten Text gespannten feinen Netz von Entsprechungen erkennen ließe, sie folgen vielmehr sorgfältigem Kalkül – wie es Tolstois Manuskripte deutlich zeigen. Gorki, dessen Erinnerungen an Tolstoi von seinem großen Verständnis für den Autor zeugen, hat das Bewusste, das Raffinierte dieser Sprache bei einem Gespräch so charakterisiert: »Sie glauben, es wäre ihm leichtgefallen, dieses Knorrige? Er konnte sehr gut schreiben. Er hat es bis zu neunmal durchgestrichen – und beim zehnten Mal endlich war es dann knorrig.«

Tolstoi hat heute (nach dem Julianischen Kalender) Geburtstag. In der Ukraine wird man das nicht feiern. Da gibt es jetzt keine Tolstoi-Straßen mehr, die U-Bahn Station Ploshcha Lva Tolstoho in Kiew wird einen anderen Namen bekommen. Und der stellvertretende ukrainische Bildungsminister Andrij Witrenko hat vor Monaten erklärt, dass alle Werke, die die russische Armee verherrlichen, wie etwa Tolstois Roman Krieg und Frieden, aus dem Lehrplan für ausländische Literatur gestrichen werden. Nun hat die Beschreibung der Verteidigung der russischen Heimat gegen Napoleon bei Tolstoi sehr wenig mit den Greueltaten von Putins Armee in einem anderen Land zu tun. David Walsh findet auf der Seite des World Socialist Web diese Haltung der ukrainischen Regierung ein wenig seltsam: Das Vorgehen der Ukraine ist sowohl böswillig wie auch absurd. Die Direktorin des Ukrainischen Buch-Instituts Oleksandra Koval hat erklärt, dass nach ihrer Schätzung mehr als 100 Millionen Exemplare sogenannter Propaganda Bücher aus den öffentlichen Bibliotheken der Ukraine entfernt werden müssen. Natürlich auch die Klassiker der russischen Literatur. Was macht man mit den Büchern? Verbrennen? Wir kennen das, wir hatten so etwas schon einmalDas war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen, heißt es bei Heinrich Heine.

In dem Post Roman Kutusow habe ich die ukrainische Autorin Oksana Sabuschko zitiert, die gesagt hat, dass Tolstoi Schuld am Ukraine Krieg habe. Mathias Greffrath hat dieser Dummheit in der NZZ energisch widersprochen. Glücklicherweise. Ich schütte mir heute ein kleines Gläschen russischen Wodkas ein. Den habe ich einmal von einem Freund geschenkt bekommen, der in seinem Arbeitsleben Professor für russische Literatur war. Ich muss ihn mal fragen, wie er Rolle der russischen Literatur heute sieht. Vielleicht so wie der Autor von Oblomow, den Thomas Mann in Meerfahrt mit Don Quijote zitiert: Iwan Gontscharow wurde während eines Sturmes auf hoher See vom Kapitän aus seiner Kajüte geholt: er sei ein Dichter, er müsse das sehen, es sei großartig. Der Verfasser des 'Oblomow' kam an Deck, sah sich um und sagte: 'Ja, Unfug, Unfug!'

25.000 Ukrainer haben übrigens eine Petition an Volodymyr Zelensky unterschrieben, wonach die Statue der Kaiserin Katharina in Odessa durch ein Monument für einen amerikanischen schwulen Pornostar namens Billy Herrington ersetzt werden soll. Ja, Unfug, Unfug!



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