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Samstag, 12. Juni 2010

Secret Agents


The thrillers are like life...The world has been remade by William Le Queux, läßt Graham Greene eine Romanfigur in seinem Roman The Ministry of Fear sagen, und benennt mit William Le Queux einen Autor, der den Beginn des englischen Spionageromans markiert. Dass der Spionageroman eine Art factifiction ist, also etwas mit der Wirklichkeit der Spionage, dem ältesten (oder dem zweitältesten) Gewerbe der Welt, zu tun hat, macht ihn für viele Leser so reizvoll. Wer Verschwörungstheorien liebt, ist in diesem Genre bestens aufgehoben. Beinahe alles, was sich die Autoren des Genres ausgedacht haben, ist irgendwann Realität geworden (das ist ja bei der Science Fiction ähnlich). Angeblich soll das russische KGB Ian Flemings James Bond-Romane als Schulungsmaterial verwendet haben.

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, Spionageromane schon vor William Le Queux, Edward Phillips Oppenheim, Erskine Childers und John Buchan in der englischen Literatur und Subliteratur zu finden, aber als voll entwickeltes Genre taucht der Spionageroman erst im spätviktorianischen Zeitalter auf. Er begleitet Englands imperiale Größe und kommentiert Englands Niedergang. Man kann hundert Jahre englischen Spionageromans auch als Seismograph für englische Werte und kollektive Neurosen verstehen. Der Spionageroman ist eigentlich eine durchweg englische Literaturgattung. Zwar lassen sich von einem bestimmten Zeitpunkt an in beinahe allen Ländern Spionageromane finden, sie bleiben aber in den meisten Fällen Derivate der englischen Originale.

Der Geheimagent findet sich auch in allen Sorten von TV-Serien und Literaturverfilmungen (die von Alfred Hitchcock bis Arnold Schwarzenegger reichen), in denen er sich wie James Bond kulthaft verselbständigen kann. Und natürlich haben wir im Bereich der Comics auch massenhaft Spione und Geheimagenten, Superman und Batman nehmen ja auch ähnliche Aufgaben wahr. Im Bereich des englischen Theaters ist Alan Bennett der einzige, der in Theaterstücken wie The Old Country, An Englishman Abroad und A Question of Attribution literarisch überzeugenden Gebrauch von dem Thema der Spionage gemacht hat. Diese Theaterstücke wurde auch erfolgreich verfilmt, wenn sie auch nicht den Erfolg hatten, den die Verfilmung von The Madness of King George brachte.

Schon lange vor dem spätviktorianischen Spionageroman haben wir schriftliche Zeugnisse, die von Spionen handeln. Delilah war eine Agentin der Philister, Moses schickte zwölf Spione nach Kanaan - die Bibel ist voller Spione (auch die ersten Belege des Wortes spy in der englischen Sprache entstammen der Bibel). Aber nicht nur die Bibel, auch die Texte der Geschichtsschreibung offerieren uns Geheimagenten und Spione. Alfred der Große schleicht sich als Barde verkleidet in das Lager der Dänen, um es auszuspähen: Beinahe jede historische Darstellung der Spionage präsentiert als eine Art Exordialtopos eine Liste von mythischen und historischen Personen, die als Agenten tätig waren. Vom Geheimdienst der Ägypter über den ersten englischen Geheimdienst unter der Leitung von Sir Francis Walsingham (oben) zur Zeit Elisabeths I, bis zur Gründung von MI5 und MI6 im 20. Jahrhundert ist es eine lange Zeit, die voll von Berichten über Geheimagenten ist. Ähnlich wie Dorothy Sayers in ihrem Buch Great Short Stories of Detection, Mystery and Horror im Jahre 1928 Vorläufer der Detektiverzählung in der Aeneis und bei Herodot gefunden hat, könnte man solche Erzählungen und Berichte als Vorläufer des Spionageromans sehen. Das ist aber nicht viel mehr als eine literaturhistorische Spielerei, cloak and dagger Literatur gibt es immer. Wir sind schon gut beraten, den englischen Spionageroman mit den Herren Oppenheim, Le Queux, Erskine Childers und John Buchan anfangen zu lassen.

Die Übereinstimmung des Spionageromans des 20. Jahrhunderts mit der Realität von Geheimdiensten und Agenten beruht sicher auch auf der Tatsache, dass viele Autoren wie John Buchan, Compton Mackenzie, Graham Greene, Commander Ian Fleming (gleicher Dienstgrad wie seine Romanfigur) und John le Carré aus eigener Erfahrung intime Kenntnisse der Welt der Geheimdienste hatten. Die Geheimdiensttätigkeit der Autoren ist allerdings keine conditio sine qua non, um Spionageromane zu schreiben. Sie kann aber für den Hauch von Authentizität bürgen.

Der Geheimagent als literarische Figur, der als cultural hero Englands ähnliche Dimensionen annimmt wie der amerikanische Cowboy, betritt die Bühne in dem Augenblick, in dem die Figur des Detektivs literarhistorisch schon ihren ersten Höhepunkt mit Edgar Allan Poe und Sir Conan Doyle erreicht hat. Sowohl bei der Form des Romans, als auch bei dessen Held werden wir crossovers verzeichnen können, die eine klare definitorische Abgrenzung von Begriffen wieSpionageroman, Detektivroman und Thriller häufig schwer machen, zumal die genau definierte Tätigkeit des Geheimagenten als Spion/Gegenspion in den meisten Romanen des Genres unscharf bleibt. In politischen Krisenzeiten werden auch beliebte und etablierte Detektive wie zum Beispiel Sherlock Holmes, Albert Campion oder Sir John Appleby im (Geheim-) Dienst ihrer Majestät tätig werden.

Spionageromane sind, ebenso wie Detektivromane, formula fiction. Selbst in den Werken, in denen der Roman das Genre transzendiert (wie bei Graham Greene und John le Carré), scheinen die Reste der formula durch. Man kann den Begriff formula fiction zur Abqualifizierung des literarischen Produkts verwenden, man kann ihn aber auch, und das haben Kritiker wie der Amerikaner John Cawelti gezeigt, strukturell funktional machen. John Buchan hatte seinen Roman The Thirty-Nine Steps als romance bezeichnet und damit die Grundlage für die Gattung benannt. Northrop Fryes Definition der romance in Anatomy of CriticismThe essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form... At its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness schließt auch den Spionageroman ein. Und sicherlich die meisten Formen populärer Literatur, comic strips inklusive. Auf dieser abstrakten Ebene der romance haben natürlich auch die Helden des Spionageromans Eigenschaften, die man auf Märchen, mittelalterliche Ritterromanzen, auf das altenglische Beowulf Lied, griechische oder nordische Heldensagen zurückführen kann.

Northrop Fryes Definition zeigt uns auch, dass eine mittelalterliche Arthurian romance, Asterix und ein James Bond Roman letztlich die gleiche Struktur haben. Der Mythenforscher Joseph Campbell hat mit The Hero with a Thousand Faces die Basis für derartige Untersuchungen gelegt (man könnte auch Sir James George Frazer, Jessie L. Weston oder C.G. Jung heranziehen). Diese Verwandtschaft teilt der Geheimagent mit vielen Figuren der populären Literatur. Was ihn aber unverwechselbar macht, sind nicht die archetypischen Strukturen, sondern die Nuancen der spezifisch englischen Rolleneinkleidung! Ich gebrauche das Ausrufezeichen ja selten, aber hier war es mal nötig.

Der Held des frühen Spionageromans, sei es in The Battle of Dorking (1871) The Riddle of the Sands (1903) oder The Thirty-Nine Steps (1915) ist immer ein Gentleman, ein Idealbild der viktorianisch-edwardianischen Epoche. Das Zeitalter der Königin Viktoria hatte den Gentleman als Ideal der bürgerlichen Mittelklasse hervorgebracht, ein seltsames Produkt von Begeisterung für die chivalry des Mittelalters, der muscular Christianity und dem Sportsgeist der englischen Public Schools. Die Appellation an Public School-Ideale, den Mythos der Eliteuniversitäten, das Nennen vornehmer Clubs (Richard Usborne, der ein witziges Buch über den Spionageroman geschrieben hat, wird von Clubland Heroes sprechen) und Garderegimenter, die Hervorhebung der "richtigen" Londoner Adresse, des "richtigen", klassenspezifischen Akzents, die Betonung eines unfehlbaren sartorialen (und kulinarischen) Geschmacks wird hundert Jahre lang den Spionageroman durchziehen. 

Selten seit Marcel Proust ist der langsame Tod einer Oberklasse mit ihren Manieren und Manierismen so minutiös beschrieben worden wie im englischen Spionageroman. Und das nicht nur bei Autoren wie John Buchan, Dornford Yates und Ian Fleming, die class consciousness ist bei den Autoren des neueren, realistischen Spionageromans beinahe noch stärker ausgeprägt. Auch wenn die working class heroes bei John le Carré, der anonyme Held Len Deightons oder Brian Freemantles Charlie Muffin als gesellschaftliche Pariahs gegen das Establishment der Gentlemen revoltieren, wirken sie nur wie eine verspätete Auflage der Angry Young Men, die den Klassenkampf neu inszenieren.

Der Leser von englischen Spionageromanen möchte nicht nur alle internationalen Konflikte zugunsten des Westens (sprich England) gelöst sehen, er möchte auch die angeschlagenen englischen Werte noch einmal verteidigt sehen in dieser permanenten Götterdämmerung des englischen Establishments. Romane sind auf vielen Ebenen lesbar, auch Spionageromane. Zwei Aspekte machen deren besondere Anziehungskraft aus: Sie sind Krisenliteratur, und ihre Helden fungieren als Stellvertreter des Lesers. Frühe Spionageromane handeln noch nicht von einem Professional wie James Bond, sondern haben als Helden einen Amateur-Jedermann, der zufällig in internationale Konflikte und Verschwörungen hereingezogen wird. Tua res agitur könnte auf der Titelseite jedes dieser Romane stehen.

Immer wieder müssen die Helden des Spionageromans die Brüchigkeit von Werten und Loyalitäten erkennen, das Krisenhafte ihrer Existenz und das Chaos, das sich hinter der scheinbar wohlgeordneten Welt der middle class verbirgt. Diese Entwurzelung des Helden, seine Identitätskrise, seine Einsamkeit, sein Geworfensein in das Chaos einer nicht mehr heilen Welt (Themen, die wir bei Ambler und Greene wiederfinden, aber auch bei Deighton und le Carré), das sind Themen der Moderne. Das Erschrecken des Helden ist unser Erschrecken. Aber eine derart existentialistische Literatur hätte wenig Chancen auf kommerziellen Erfolg, wenn wir als Leser nicht wüßten, dass unseren Stellvertreter, den Geheimagenten, ein happy ending erwarten wird. Die Gattungskonventionen der Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, des melodramatischen Siegs des Guten am Ende des Romans, ruinieren die Chancen des Spionageromans zu der Krisenliteratur des Age of Anxiety (W.H. Auden) zu werden. Erst der realistische Spionageroman der 1960er Jahre wird das ändern. Für Alec Leamas in The spy who came in from the cold gibt es kein happy ending mehr.

Richard Hannay ist John Buchans erster Serienheld im Bereich des Spionageromans. Dass heute kaum jemand in Deutschland diesen Namen kennt, während ein fiktiver James Bond in aller Munde ist, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Buchan in den ersten vierzig Jahren des 20. Jahrhunderts ein vielgelesener und beachteter Autor war und die Wertvorstellungen seines Helden Generationen von Engländern beeinflußt haben. James Bond ist ein ironisches Marketingprodukt, das Eigenleben gewonnen hat. Richard Hannay war England. Buchan ist ein Erzähler in der großen schottischen Tradition von Sir Walter Scott und Robert Louis Stevenson. Er kann atemberaubend erzählen, aber seine Helden sind ein wenig eindimensional. Doch gerade das Plakative einer Sprachrohrfigur für die Oberklassenideologie des englischen Gentleman macht Hannay zum idealen ersten Serienhelden der Spionageliteratur. Buchan tranportiert Sir Walter Scotts Formel aus Waverley, der novel of flight & pursuit, in das 20. Jahrhundert. Und Alfred Hitchcock wird davon so begeistert sein, dass er diese Formel zur Basis beinahe all seiner filmischen Thriller macht. Selbst North by Northwest ist nichts als ein Remake von The Thirty-Nine Steps (und die Szene mit dem Flugzeug kommt schon in Buchans Roman vor).

Buchan legt in seinen Romanen eine Vielzahl von Elementen fest, die wir nicht nur bei seinen Bewunderern wie Graham Greene oder Michael Innes (The Secret Vanguard) finden, sondern die in Variationen konstitutiv für den Spionageroman des 20. Jahrhunderts werden: die internationale Verschwörung gegen England, die Personifizierung des Bösen (vielleicht ein Ableger von Doyles Napoleon of Crime Professor Moriarty), die Rettung des Vaterlands in letzter Sekunde, Nebenfiguren, die dem Helden in auswegloser Lage helfen, schneller Wechsel der Schauplätze, detaillierte Beschreibung der Welt der Upper Class. Und die Situation der Vergabe des Auftrags an Hannay durch den Chef des Geheimdienstes in Greenmantle (1916) wird sich als Romananfang in allen James Bond-Romanen finden.

Spionageromane sind, wie alle populäre Literatur, Ideologieträger, Buchans puritanische Ideologie eines Upper Class-England ist da noch die harmloseste. Problematisch wird es allerdings bei den Bulldog Drummond-Romanen von "Sapper" (i.e. Herman Cyril McNeile 1888-1937). Der pensionierte Colonel schuf mit seinem Gentlemanhelden Bulldog Drummond eine fantasy figure, die vielen englischen Kritikern als direktes Vorbild für James Bond erschien.

Im ersten Bulldog Drummond-Roman 1920 versucht ein master criminal namens Carl Peterson (die Nähe zu einer Figur wie Flemings Ernest Stavro Blofeld liegt auf der Hand) mit einer Organisation, die nicht vor Gewalt und Totschlag zurückschreckt, die gesamte englische Wirtschaft zu ruinieren. Die Bolschewisierung Englands wird nur durch den Gentleman und Ex-Offizier Drummond und (the hero's helpers) befreundete Offiziere und ehemalige Soldaten seines Regiments) verhindert. Die Geschichte ist nicht ganz neu, die Fu-Manchu-Romane von Sax Rohmer boten Ähnliches, und Leslie Charteris wird mit seinem Helden Simon Templar, The Saint (Roger Moore spielte ihn in der TV-Serie der 60er Jahre bevor er zu James Bond mutierte), die Formel unwesentlich variieren. Die Feinde Englands verwenden bei Sapper hochmoderne Technik, in The Final Count (1926) plant der Erzschurke Peterson, aus einem Zeppelin Unmengen tödlichen Nervengifts über England abzuwerfen - wir werden das Motiv leicht abgewandelt in Flemings Moonraker wieder finden. Populäre Figuren wie Zorro oder The Scarlet Pimpernel mögen ja liebenswerterweise fiktional Recht und Ordnung wiederherstellen, bei Sapper bekommen die Taten von Bulldog Drummond und seiner schwarzen Truppe eindeutig etwas Faschistoides.

Und sie sind voller Gewaltdarstellungen, einem Phänomen der Massenliteratur, dem George Orwell 1944 in seinem Essay Raffles and Miss Blandish noch mit schöner moralischer Entrüstung begegnen konnte. Er wußte nicht, zu welchen Formen Unterhaltungsliteratur und TV in der zweiten Jahrhunderthälfte noch fähig sein würden. Gewaltdarstellungen können als eine Art Ersatzhandlung eine Katharsis bedeuten, die potentielle Gefahr von Nachahmungshandlungen ist allerdings heute nicht zu unterschätzen.

Die 1920er und 1930er Jahre bringen neben Sapper et al. (wie Dornford Yates oder Bruce Graeme)  noch eine andere Form des Spionageromans, deren Helden sich kaum für eine Genealogie der populären Heldenfiguren eignen. Das Hauptaugenmerk dieser realistischen Romane von Eric Ambler, Somerset Maugham (Ashenden) und Graham Greene liegt auf der great tradition des englischen Romans. Nicht auf der im 19. Jh. entstandenen Nebenlinie der melodramatischen sensational novel, als deren Fortsetzung die shockers und thrillers gesehen werden können. Je plakativer der Held wird, desto eher kann er kann ein vom Marketing und spin off-Produkten von Film und TV genährtes Eigenleben führen. James Bond ist der überzeugendste Beweis dafür.

James Bonds erster Auftritt verlief, gemessen an seinem heutigen Status als cultural hero, eher unspektakulär. Die Verkaufzahlen des ersten Romans berechtigten nicht zu der Annahme, dass der Marineoffizier mit der Doppelnull zum weltweit populärsten Helden der Unterhaltungsindustrie werden sollte. Ian Fleming (1908-1964) hatte seine Romane in schöner Bescheidenheit als straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety bezeichnet. Er hat den Einfluß von Sappers Bulldog Drummond zurückgewiesen (aber den von E. Phillips Oppenheim und Sax Rohmer zugegeben) und sah seine Romane und seinen Helden in der Tradition der amerikanischen hard-boiled school, sprich Raymond Chandler (mit dem er befreundet war) und Dashiell Hammett. Literarhistorisch ist Bond keine neue Figur, die Elemente der Romane sind schon bei Sapper, Peter Cheyney oder Mickey Spillane angelegt, und eine ähnliche Codenummer hatte schon der Agent OSS 117 des Franzosen Jean Bruce.

An der Figur James Bond ist die Rezeption durch Publikum und Kritik und die Vermarktung besonders interessant. Die Schweizer Uhrenmarke Moeris brachte 1966 ein Uhrenmodell James Bond 007 auf den Markt. Sean Connery trug in Dr No die Rolex Submariner des Produzenten (weil Rolex zu geizig war eine Uhr zu Verfügung zu stellen), 30 Jahre später wird Omega für eine Uhr mit James Bond's Choice werben. Aber schon nach dem ersten Bond Film war der Markt voll von Produkten, die den Namen James Bond trugen, von Anzügen bis zum Rasierwasser, wenig bekleidete Bond Girls wurden zum festen Repertoire des Playboy.

Im Dezemberheft 1997 druckte das britische GQ unter dem Titel Live and Let Buy eine Liste von 35 Bond Kultobjekten, die man auch heute noch kaufen kann, und im September 1998 gelangten bei Christie's in London 250 Devotionalien aus der Welt James Bonds zur Versteigerung. Bücher wie The Ultimate James Bond Trivia Book (1996) erfreuen sich der Beliebtheit ebenso wie der 1996 erschienene Band Dressed to Kill: James Bond The Suited Hero (gesponsert von Brioni, dem Schneider der Anzüge von Pierce Brosnan, aber trotz dieser Vermarktung ein sehr gutes Buch), der den bisherigen Höhepunkt der Bond-Verehrung darstellt. Flemings Romane mochten in den 1950er Jahren neu und modern wirken. Flemings Weltbild stammt in diesen modernen Märchen des Kalten Krieges immer noch von der Jahrhundertwende als Viktoria noch England regierte. Dennoch belebten die Romane als Synergie-Effekt das Genre neu und avancierten zur Lieblingslektüre John F. Kennedys. Auch wenn sie zuerst nur zu derivativen Varianten (zum Beispiel William Haggard, the adult's Ian Fleming), Satiren wie John Gardners Boysie Oakes-Romanen (The Liquidator) und Imitationen wie Kingsley Amis' (als Robert MarkhamColonel Sun oder den Bond-Romanen von John Gardner führten. Dass die Romane Flemings und sein Held ironischer, intelligenter und doppelbödiger sind, als viele der Verfilmungen wird all den Kritikern verborgen bleiben, die nicht das englische Original lesen.

In den frühen 1960er Jahren, als Sean Connery als Inkarnation Bonds erste Triumphe auf der Leinwand feierte (was auch immense Auflagenzahlen der Romane Flemings bedeutete), traten in England zwei neue Autoren in Erscheinung, die den Status und die Form des Spionageromans wirklich verändern sollten, John le Carré und Len Deighton (links). Gegen Len Deightons The Ipcress File (1962) wirkten die Romane Flemings antiquiert. The Ipcress File (von Fleming als the thriller of the year bezeichnet, wenig später aber sollte er Funeral in Berlin als kitchen sink writing abqualifizieren) spiegelte das Swinging London der Sixties wider.

Deighton und le Carré hatten noch auf eine andere Weise die Hand am Puls der Zeit. Beinahe monatlich wurde die Nation durch Geheimdienstskandale erschüttert, die bis in die Chefetagen von MI 5 und MI 6 reichten. Namen wie Kim Philby, Guy Burgess, Donald Maclean und Sir Anthony Blunt füllten die Schlagzeilen, der Satz vom Abgrund an Landesverrat traf auf Großbritannien zu. Nichts war mehr heilig im Heiligsten des Establishments. Die Gralshüter der englischen Werte entpuppten sich als Trinker, Homosexuelle und KGB-Agenten.

Die Enthüllungen von Phillip Knightley in der Sunday Times lasen sich, als hätte John le Carré das Drehbuch für die Wirklichkeit geschrieben. Zeitgemäßer als in dieser Zeit konnte der Spionageroman nicht mehr sein, und es ist sicherlich ein Glücksfall, daß er in le Carré und Deighton zwei kompetente Autoren gefunden hatte, die dem Phänomen des nationalen Hochverrats literarisch adäquat begegneten. Wenn auch die drei Bernard Samson-Trilogien (Game, Set, Match 1983-1985, Line, Hook, Sinker 1988-1990 und Faith, Hope, Charity 1994-1997) nicht mehr die Qualität der frühen Harry Palmer-Romane (The Ipcress File, Horse Under Water, Funeral in Berlin, Billion Dollar Brain) haben, so muß man doch die Originalität der ersten Romane Deightons bewundern. 

Die Personifikation des anonymen Romanhelden durch Michael Caine in den Verfilmungen (durch den gleichen Produzenten, der auch die James Bond-Filme herausbrachte) bewirkten einen regelrechten Fan-Kult in England, aber eben nur in England: dieser Held war zu intellektuell und kompliziert, als daß er exportiert werden konnte. Während das Lob vieler national berühmter Kritiker und Institutionen durchaus echt war, lobten in dieser Zeit auch viele Kritiker Len Deighton, weil sie Ian Fleming nicht ausstehen konnten und seine Romane als einen Gegenpol empfanden. Deightons anonymer Held war der verkörperte Zeitgeist, er war ebenso neu wie die Beatles - und er war ebenso wie sie ein working class hero!

Zum ersten Mal in der Geschichte des Spionageromans war der Geheimagent jemand, der (ebenso wie sein Autor) nicht die Eton-Oxbridge-Karriere gemacht hatte. Die literarischen Ahnen dieses lakonischen und schlagfertigen gesellschaftlichen Außenseiters sind neben den Romanhelden der Angry Young Men-Bewegung eher in der amerikanischen hard-boiled school zu suchen als bei Buchan oder Fleming (der sich ja auch darauf berufen hatte). Hammetts namenloser Continental Op Detektiv ist in seiner desillusionierten toughness Deightons Helden näher als Chandlers romantischer Ritter Philip Marlowe. In den frühen Roman erzählt der Ich-Erzähler die Story kryptisch und elliptisch, mit Fußnoten, Kreuzworträtseln, Schachregeln und Horoskopen. Die Romane, deren Stil der Sprachkunst von Raymond Chandler viel verdankt, nahmen etwas vorweg, was zwanzig Jahre später als Errungenschaften des postmodernen Erzählens gefeiert wurde. Der Erzähler selbst ist, im Gegensatz zu Richard Hannay und so vielen Helden des Spionageromans, keine moralisch bewertende Instanz mehr.

Leser, die sich nach einem Mehr an auktorialem Kommentar und moralischen Kategorien in der Welt des Verrats sehnten, waren mit Deightons Zeitgenossen John le Carré gut bedient. Le Carré ist als legitimer Nachfolger von Graham Greenes entertainments bezeichnet worden, und sein über 30 Jahre umspannendes Werk ist inzwischen von reichhaltiger Sekundärliteratur abgesicherte akzeptierte Hochliteratur. Auch den Fall der Mauer und den Zusammenbruch der Sowjetunion mit dem Wegfall der alten Feindbilder haben die Romane überlebt. Der Moralist le Carré hat es in seinen neuesten Romanen verstanden (nachdem er seinen Serienhelden George Smiley mit The Secret Pilgrim 1990 aufgegeben hatte), sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Die Welt des Geheimdienstes ist nunmehr eine Welt, die, anders als in der Smiley-Saga, keine Sicherheit mehr bietet. George Smiley begann sein literarisches Leben in le Carrés melodramatischem Erstling Call for the Dead (1961) dem eine achtseitige Vita, A brief history of George Smiley, beigegeben war. In le Carrés erstem realistischen Spionageroman The spy who came in from the cold (1963) spielte er nur eine Nebenrolle. Die voluminöse Smiley-Saga (Tinker Tailor Soldier Spy, The Honourable Schoolboy, Smiley's People), kann als eine Art Forsyte Saga des englischen Geheimdienstes gesehen werden. Smiley ist in diesen Romanen die einzige ehrliche und moralische Instanz in einer Welt von Verrat und Betrug. Die Romane zeigen strukturelle Ähnlichkeiten zur Artusromanze: die Ritter der Tafelrunde als Geheimdienstoffiziere, deren Welt wie in Sir Thomas Malorys Le Morte Darthur zusammenbricht. Le Carré hat in vielen Interviews keinen Hehl aus seiner sozialistischen Überzeugung und seiner Verachtung der englischen Oberklasse gemacht, aber dennoch sind die Sympathieträger dieser Romane ebenso wie ihr Autor Produkte der Public Schools und Repräsentanten eines Gentlemanideals, das von Buchans Helden nur graduell verschieden ist.

Es ist ein Kennzeichen der formula fiction, dass sie die Welt zu ordnen versucht. Wie Raymond Chandlers unzeitgemäßer ritterlicher Held Philip Marlowe in einer unheroischen Welt Recht und Gerechtigkeit wiederherzustellen versucht, so versucht George Smiley eine verlorene Ordnung im Geheimdienst (= England) wiederherzustellen. Es ehrt le Carré, dass er diese Formelhaftigkeit aufgegeben hat und mit den Romanen von The Russia House (1989) bis The Tailor of Panama (1996) zu den Anfängen von The spy who came in from the cold und The looking-glass war zurückgekehrt ist. Er hat dem Genre und dessen Helden neue Dimensionen gegeben und zugleich gezeigt, dass die einst so gering geschätzte formula fiction eine Art Chamäleon der populären Literatur ist, beständig wandlungfähig und anpassungsfähig an Ideologien und Ideale der jeweiligen Zeit.


Der Wiedergänger James Bond taucht auch in diesem Blog immer wieder auf. Wenn Ihnen nach noch mehr Bond zumute ist, dann könnten Sie auch noch lesen: Metropolis, Ian Fleming, Bachs Cellosuiten, Secret Agents, Scotland forever, James Bond, 007, Goldfinger, Sir Thomas Sean Connery, Cathy Gale, Bond Girl, Daliah Lavi, Britt, George Spencer Watson, Christine Keeler, Schmutzige Lyrik, John le Carré, Eric Ambler, Nicolas Freeling, Intertextualität, Kingsley Amis, Ritter, Royal Flying Corps, Kyritz an der Knatter, Laurence Harvey, Uli Becker, Haiku, Kingsman, Operation Mincemeat, Ken Adam, Siegfried Schürenberg, Agentenmode, Film und Mode, Englische Herrenschuhe (London), Stil, Blazer, Inspector Barnaby und die Mode, Janker, Royal Flying Corps, Aufklärung, Talsperren, Playboy, Gothick, Fantasy


2 Kommentare:

  1. Hallo Jay,

    danke für diese instruktive kleine Kulturgeschichte des Genres.

    Den fantastischen frühen Deighton habe ich erst spät entdeckt; als ich Spionageromane zu lesen anfing, war gerade die Trilogie "Game, Set and Match" erschienen, die an "Ipcress File" wirklich nicht heranreicht, und mich nicht gerade auf den Briten neugierig gemacht hat.

    Momentan lese ich gerade "The Warsaw Document" aus der Quiller-Serie von Adam Hall, die erstaunlich wenig gealtert ist.

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  2. Hallo Jay,
    den Bond habe ich früher immer pflichtgemäß abgelehnt. Ich gebe zu, ich hab sogar mal in einer pseudowissenschaftlichen Arbeit gegen ihn polemisiert. Also gegen den Fleming. Aber das ist im letzten Jahrtausend gewesen.
    Spy Romane als kulturell nicht mehr wegzudenkende Literatur, dass muss ich mir merken. Aber ohne Spionage ist es ja eh langweilig. Ich nehme an, die NSA ist nun sinngemäß schuld, wenn die die Buchhandlungen demnächst ein neues Regal aufstellen müssen: Spionagiges.

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