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Sonntag, 16. Oktober 2022

Stendhal Biographien

Heute vor zweihundertzehn Jahren verläßt Stendhal (zwei Tage vor Napoleon) das brennende Moskau. Seine Schwester hatte ihm Goldstücke in den Mantel eingenäht, aber das hatte er vergessen, er gibt den Mantel in Wilna, dem Leichenhaus der Grande Armeee, weg. Ich nehme das Datum vom 16. Oktober 1812 mal eben als Anlaß, einen kleinen Forschungsbericht über die Stendhal Biographien, die in deutscher Sprache erhältlich sind, hier einzustellen. Man kann Stendhal lesen, ohne seine Biographie zu kennen. Ich liebe aber nun mal Biographien; diejenigen Leser, die diesen Blog seit seinen Anfängen lesen, wissen das. 

Stendhal hat selbst eine Autobiographie verfasst, die La Vie de Henri Brulard heißt (hier im Volltext), aber kann man ihm glauben? Mit seinem Erinnerungsvermögen ist das so eine Sache: Je manque absolument de mémoire pour ce qui ne m'intéresse pas. Stefan Zweig sagt in dem Kapitel Lügenlust und Wahrheitsfreude (Volltext) in seinem Buch Drei Dichter ihres Lebens: Wenige haben mehr gelogen und leidenschaftlicher die Welt mystifiziert als Stendhal, wenige besser und profunder die Wahrheit gesagt. Und er fährt fort: Seine Maskenspiele und Irreführungen zählen nach Regimentern. Noch ehe man ein Buch aufschlägt, springt die erste schon vom Umschlag oder aus der Vorrede entgegen, denn niemals bekennt sich der Autor Henri Beyle schlicht und simpel zu seinem wirklichen Namen. Bald legt er sich eigenmächtig ein Adelsprädikat zu, bald verkleidet er sich als »César Bombet« oder fügt seinen Initialen H. B. ein geheimnisvolles A. A. bei, wohinter kein Teufel das höchst bescheidene »ancien auditeur«, zu gut deutsch: ehemaliger Staatsauditor, vermuten dürfte; nur im Pseudonym, in der Falschmeldung fühlt er sich sicher. 

Einmal maskiert er sich als österreichischer Pensionist, ein andermal als »ancien officier de cavalerie«, am liebsten mit dem seinen Landsleuten rätselhaften Namen Stendhal (nach einem kleinen preußischen Städtchen, das unsterblich wurde durch seine Karnevalslaune). Setzt er ein Datum, so kann man schwören, es stimmt nicht, erzählt er in der Vorrede zur »Chartreuse de Parme«, dieses Buch sei 1830, und zwar zwölfhundert Meilen weit von Paris, geschrieben, so hindert diese Eulenspiegelei nicht, daß er diesen Roman in Wirklichkeit 1839, und zwar mitten in Paris verfaßte. Auch in den Tatsächlichkeiten stolpern die Widersprüche munter durcheinander. In einer Selbstbiographie berichtet er pompös, er sei bei Wagram, Aspern und Eylau auf dem Schlachtfeld gewesen; kein Wort davon ist wahr, denn unwiderleglich beweist das Tagebuch: er saß zu ebenderselben Stunde noch behaglich in Paris. Einigemal redete er von einem langen und wichtigen Gespräch mit Napoleon, aber, Verhängnis! im nächsten Band liest man bedeutend glaubhafter das Geständnis: »Napoleon unterhielt sich nicht mit Narren meiner Art.« So muß man bei Stendhal jede einzelne Behauptung mit vorsichtigen Fingern anfassen...

Die erste große Stendhal Biographie, die ich las, hieß A Lion for Love: A Critical Biography of Stendhal (man kann sie hier im Volltext lesen). Sie ist 1979 bei Basic Books in New York erschienen (das ist die Ausgabe, die ich habe), sieben Jahre später gab es sie bei der Harvard University Press als Paperback. In Deutschland gab es sie 1982 bei Hanser und 1985 als Taschenbuch bei Ullstein. Ab 1992 hatte Rowohlt den Titel im Programm, offensichtlich schien in Deutschland ein Bedarf für eine Stendhal Biographie zu sein. Robert Alter ist Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft in Berkeley. Er hat in Harvard promoviert, das sollte schon für eine gewisse Qualität bürgen. Tut es auch. Diese Biographie gehört zu dem Besten und Lesbarsten, was über Stendhal geschrieben wurde. Als Mitarbeiterin fungiert im Titel Carol Cosman, das ist die Ehefrau von Robert Alter. Die kennt sich in der französischen Literatur auch aus, sie hat immerhin Sartres Monsterwerk über Flaubert Der Idiot der Familie ins Englische übersetzt. A Lion for Love ist ein erstaunliches Buch über den Mann, der für seine Suche nach dem Glück den Namen beylisme erfunden hatte. Es ist keine trockene Biographie zweier Akademiker, es ist auch schon ein Stück kongenialer Literatur. Es besitzt eine gewisse Magie - als ich es gelesen hatte, habe ich es gleich ein zweites Mal gelesen. Wenn man Stendhal mag - und wer könnte diesen Autor nicht mögen? - dann sollte man dieses Buch, das erstaunlicherweise keine Anmerkungen und keine Bibliographie besitzt, unbedingt lesen! Manchmal sind Bücher, die auf jeden wissenschaftlichen Apparat verzichten, die besten. A.G. Macdonells Napoleon and his Marshals wäre solch ein Beispiel.

Ich bin übrigens nicht der einzige, der das Buch gut findet. Beifall kam von so unterschiedlichen Schriftstellern, wie Anita Brookner (An excellent and balanced biography) und Larry McMurtry ('A Lion for Love' is a model of critical biography—a fascinating biography of a fascinating man). Und natürlich von Kritikern. So John Simon: The publication of 'A Lion for Love', by Robert Alter with the collaboration of his wife, Carol Cosman, supplies at last a fine, perceptive, concise critical biography of Stendhal, written with a clarity and good sense worthy of its subject... Alter and Cosman...wear their erudition with becoming lightness. Ähnlich äußerte sich John Sturrock (Mitherausgeber des Times Literary Supplement) im New York Times Book ReviewThis excellent short biography... brings out both the charms and the complexities of Stendhal. The tone of the book is discreetly admiring, but ironic enough when need be to remind one of the saving and consummate irony of its subject. Sie sehen, wenn Sie sich jetzt ein Exemplar von A Lion for Love bestellen, sind Sie auf der sicheren Seite. Dieser Text stand hier vor neun Jahren schon einmal in dem Post Stendal/StendhalUnd wenn Sie das dazu nehmen, was in dem Post Paul Hazard, immortel steht, dann wissen Sie schon eine Menge über Stendhal Biographien.

Beim Hanser Verlag ist nicht nur die Biographie von Alter und Cosman erschienen, 2010 brachte man eine neue Biographie von Johannes Willms, dem Frankreich Korrespondenten der Süddeutschen, heraus. Der sah diese Biographie, wie er im Nachwort sagt, als eine Art Begleitbuch zu den Übersetzungen von  Rot und Schwarz und Die Kartause von Parma durch Elisabeth Edl, die neu  bei Hanser erscheinen waren. Willms erwähnt zwar die großen französischen Übersetzungen, die ich hier mal auslasse, aber damit hört es schon auf. Die weltweit gefeierte Biographie von Robert Alter und Carol Cosman bekommt bei ihm keine Erwähnung. Paul Hazard erst recht nicht. Ist das jetzt Snobismus oder Ignoranz? Die einzige deutsche Biographie, die Willms erwähnen könnte, ist die von Wilhelm Weigand aus dem Jahre 1923. Die kennt der Autor allerdings nicht, weil er offenbar nur Weigands Stendhal Essay aus dem Jahre 1911 gelesen hat.

Die Rezensionen waren weitgehend positiv. Es klang, als hätte es noch nie eine deutschsprachige Stendhal Biographie gegeben: Willms hat eine farbenfrohe, wunderbar süffige Biographie Stendhals vorgelegt. Ein grandioser Autor, dessen Leben selbst das Zeug zum Reißer hat - man wünscht Willms Vita und Stendhals Werk viele Leser, schrieb Niklas Bender in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und auf einer Seite mit dem Namen Glanz&Elend kann man lesen: Ein großartiges Porträt des opportunistischen Kotzbrockens, verkappten Frauenhelden und literarischen Außenseiters Marie-Henry Beyle, der sich Stendhal genannt hat. Es liest sich wie ein balzacscher Roman und ein lange nachklingendes Sittenbild der ausgehenden napoleonischen Epoche. Johannes Willms, der Erfinder des Literarischen Quartetts, hat die französische Stilschule mit summa cum laude absolviert und gehört zu den besten Biographen unserer Zeit. Das fällt wohl eher unter die Kategorie Elend. Es ist eine gut geschriebene und gutlesbare Biographie, die allerdings nicht sehr tief geht. Otto Flakes kurzer Versuch über Stendhal aus dem Jahre 1947 bietet inhaltlich mehr. Bei vielen neueren Biographien stellt sich die Frage von Laurence Sterne: Shall we for ever make new books, as apothecaries make new mixtures, by pouring only out of one vessel into another?

In den 1920er Jahren kommen in Deutschland gleichzeitig drei Stendhal Gesamtausgaben auf den Markt, eine im Insel Verlag, eine vom Propyläen Verlag in Berlin und eine bei Georg Müller in München. Stefan Zweig kommentierte das 1925 so: Alle drei halten sie vorläufig ungefähr gleich weiten Schritt, ich persönlich möchte bisher der Propyläenausgabe den Vorzug geben wegen ihrer zauberhaften Ausstattung, des reizenden Einbands, des guten Drucks, des angenehmen Formats, der trefflichen Übertragung von Arthur Schurig und Friedrich Oppeln-Bronikowski, diesen beiden wohlbewährten und gerade im Falle Stendhal besonders verdienten Übersetzern. Das ist die Ausgabe, die bei mir im Regal steht, die mir Eschi vor vielen Jahren für dreißig Mark verkauft hat.

Die Propyläen Ausgabe ist eigentlich nichts anderes als die Neuauflage der Ausgewählten Werke, die im Eugen Diederichs Verlag in Jena zwischen 1900 und 1911 erschienen waren. Hier war als Band 1 Stendhals Rot und Schwarz im Jahre 1900 erschienen, zum erstenmal in deutscher Sprache. Stendhal hatte gesagt: Meine Bücher betrachte ich als Lotterielose, ich schätze sie erst, wenn sie um 1900 neu gedruckt werden. Er hat es mit der Zukunft: Je serai compris vers 1900. Für Deutschland hatte er einen Lotteriegewinn, jetzt werden hier seine Bücher gedruckt. Interessant ist die Ausgabe von Franz Blei und Wilhelm Weigand bei Georg Müller (die von Rudolf Lewy und Erwin Rieger übersetzt wurde) dadurch, weil es hier noch zusätzlich eine Biographie Stendhals von Wilhelm Weigand gibt: Das vorliegende Buch über Stendhal ist aus einem Versuch entstanden, den ich, vor mehr als zehn Jahren, im Insel-Verlag veröffentlicht habe. Inzwischen hat der Ruhm des großen französischen Psychologen eine weitere Steigerung erfahren: die monumentale Ausgabe seiner gesammelten Schriften, die bei Edouard Champion in Paris erscheint, macht es den Freunden des seltenen Mannes möglich, seine Werke endlich in würdiger Ausstattung zu genießen, und auch die Stendhalforscher sind, wie billig, nicht müßig gewesen. Beim Insel Verlag gab es 1921 noch den 800-seitigen Band Das Leben eines Sonderlings, in dem Dr Arthur Schurig alles an Briefen, Tagebucheintragungen und autobiographischen Selbstzeugnissen gesammelt hatte.

Erstaunlicherweise erwähnt Wolfram Krömer in dem Stendhal Band in der Reihe Erträge der Forschung die Biographie von Weigand überhaupt nicht, zitiert dort aber ein so fragwürdiges Werk wie Carl Baumanns Literatur und Intellektueller Kitsch: Das Beispiel Stendhals. Zur Sozialneurose Der Moderne. Weigands Biographie war 1923 state of the art, und sie ist nach hundert Jahren immer noch lesbar. Erstaunlich gut lesbar. Ich habe fünf Euro für mein Exemplar bezahlt, der Willms hat mich 1,81 € gekostet. Ist vielleicht mehr wert, ist aber nicht so gut wie Wilhelm Weigand, der auch eine Biographie von Montaigne geschrieben hat, die der Diogenes Verlag wieder auf den Markt brachte. Der staubtrockene Forschungsbericht von Krömer stand bei mir im Regal, wo sich auch der Stendhal Roman von Hans Christian Kirsch fand, der aus dem Grabbelkasten stammt. Ist nett, aber lange nicht so gut wie der Roman Stendhal oder Das Leben eines Egoisten von Rudolf Kayser. Dass ich für Margit und Volker Ebersbachs Ich liebe, also bin ich: Stendhal. Ein biographischer Essay Geld ausgegeben habe, ärgert mich immer noch. Das Buch aus dem Shaker Verlag (der alles druckt, wenn's der Autor bezahlt) braucht niemand. Und die Autoren können noch nicht mal den Namen Paul Hazard richtig schreiben. Eine der neuesten Publikationen ist Anna-Lisa Dieters Eros – Wunde – Restauration: Stendhal und die Entstehung des Realismus, für so etwas bin ich zu alt.

Ich komme auf die Biographien zurück und muss zum Schluss die Stendhal Biographie von Michael Nerlich erwähnen, die in der Reihe der Rowohlts Monographien erschienen ist. Über diese Reihe habe ich in dem Post Ernst Rowohlt geschrieben: Wofür ich dem Rowohlt Verlag wirklich dankbar war - und immer noch bin - das waren seine Reihen: Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft, rowohlts deutsche enzyklopädie und Rowohlts Monographien. Die Rowohlts Klassiker (RK) halfen mir, durch die Weltliteratur zu kommen; die von Kurt Kusenberg (der auch Jacques Prévert übersetzt hatte) herausgegebene Reihe der Rowohlts Monographien half mir, alles über die Autoren zu wissen. Ich habe beinahe zwei Regalmeter von der rm Reihe. Nicht alle Bände sind gut, den über Proust mag ich gar nicht, das steht schon in dem Post Temps retrouvé. Aber dieser Band, der ein Jahr nach der Biographie von Willms (und siebzig Jahre nach der Biographie von Weigand) erschien, ist wirklich gut. 

Der Band ist von einem Romanistikprofessor geschrieben, der ein bisschen tiefer geht als der SZ Redakteur Willms. Und der viele Bilder im Buch hat, auch Bilder von Stendhal, die in Googles Bilderflut nicht zu finden sind. Erstaunlicherweise findet sich im Internet kaum eine Rezension von Nerlichs Biographie, die Rezensionen zu Johannes Willms kann man kaum zählen. Bevor Michael Nerlich den Rowohlt Band schrieb, tauchte Stendhal in Apollon et Dionysos ou la science incertaine des signes. Montaigne, Stendhal, Robbe-Grillet in seinen Schriften auf. Und er hat bei Goldmann 1982 Die Kartause von Parma herausgegeben, das war die alte Übersetzung von Erwin Rieger aus der Georg Müller Ausgabe, die in den fünfziger Jahren bei Rütten & Loening  neu erschienen war. Die Übersetzungen der drei deutschen Gesamtausgaben aus den zwanziger Jahren halten sich, manchmal mit leichten Überarbeitungen, immer noch auf dem Markt. Elisabeth Edl, die für Hanser Rot und Schwarz und Die Kartause von Parma übersetzt hat, hat nichts Nettes über diese alten Übersetzungen zu sagen. Aber das ist eine andere Geschichte in einem anderen Post.

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