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Mittwoch, 5. März 2025

Gerrit Bekker ✝


Ich las in der Zeitung, dass der Maler und Dichter Gerrit Bekker im Alter von einundachtzig Jahren gestorben ist. Der Name sagte mir etwas, ich wusste nur nicht was. Ich hätte jetzt das Internet befragen können, aber ich verließ mich darauf, dass mein Gedächtnis mit der Zeit etwas zu Tage fördern würde, was ich vergessen oder verdrängt hatte. Das tat es auch. In kleinen Stücken. Mein Gedächtnis sagte mir: Rendsburg,  frühe achtziger Jahre. Und nachdem ich mir eine Pfeife angesteckt hatte, sagte es: dunkelblauer, schmaler Gedichtband, seltsamer Titel. Ich rauchte erst einmal die Pfeife zu Ende und ging dann zum Bücherregal. Die deutsche Literatur ist bei mir alphabetisch geordnet. Bei den Germanisten in der Uni ist sie nach dem Geburtsjahr des Dichters geordnet, was ich immer ziemlich blöd fand. 

Ich brauchte unter dem Buchstaben B nicht lange zu suchen, da war das Buch auch schon. Es hieß Wachsflügels Furcht, es war das erste Buch von Gerrit Bekker. Ich hatte es 1982 von einem entfernten Verwandten geschenkt bekommen, der mit dem Dichter befreundet war. Der hoffte wahrscheinlich, dass ich das Buch irgendwo rezensieren würde, weil ich damals viele Rezensionen schrieb. Was ich aber nicht tat, weil ich mit den Gedichten nichts anfangen konnte. Auf dem Buchrücken steht: Gerrit Bekkers Lyrik ist nicht einzuordnen - sie steht mit ihrer sprachlichen Freiheit und Sinnlichkeit quer zur deutschen Gegenwartslyrik. Das ist ein Satz, den ich unterschreiben könnte. Ich stellte den schmalen Band damals ziemlich schnell ins Regal, und da hat er die letzten vierzig Jahre verbracht. Sieht immer noch verlagsneu aus. Bei booklooker kann man das Buch heute für vierzig Cent bekommen.

Es gibt inzwischen eine Gerrit Bekker Gesellschaft, auf deren Seite man lesen kann: Gerrit Bekker ist einer der großen norddeutschen Künstler der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hat sowohl in der Malerei als auch in der Literatur Herausragendes geschaffen und ist in beiden Bereichen durch Auszeichnungen geehrt worden. Einen Eindruck von dem vielfältigen Schaffen Gerrit Bekkers vermittelt Ihnen seine WebsiteDas ist alles an mir vorbeigelaufen. Sorry.

Ich habe aus dem Gedichtband mal eben ein Gedicht für Sie, es heißt dichter. Es ist der einzige Gedichttitel in dem 80-seitigen Band, der klein geschrieben ist:

dichter

Ich bin das Kind
das aus dem Nest der Krähe stürzte –
wie Woge stürzte
ich
an einem Tag
mit schüchtern Arrr!
den Schnabel weitgerissen,
als ließe sich’s Verderben
beißen.
Ich bin der Vogel, schwarze –
damals aus dem Nest
und meine Flügel brachen nicht für immer.
Hier bin ich aufgestanden, 
an einer Mauerkante
bösen Buben auf das Bett
und auf die Hand zu sehn.
Bin zu verstehn. –
Ich sitze Nacht um Nacht an deinem Hause!
Mit den Gesellen auf den Feldern
vertrete ich den nächsten Tag. 
Da wird der Nebel kommen weiß -
der unser Meister ist -
der uns bewegt -
den wir bewegen dürfen. -
Der Nebel, der dann Meister heißt.

Das Gedicht ist berühmt geworden, weil es in das 25. Jahrbuch der Lyrik: Mit den schönsten Gedichten aus 25 Jahren aufgenommen wurde. Und die Literaturkritikerin Iris Radisch eine lange Interpretation dazu geschrieben hat. Ich stelle meinen Band Wachsflügels Furcht jetzt wieder bei B ins Regal. Neben Uli Becker und Gottfried Benn, mit denen kann ich mehr anfangen. Meinen entfernten Verwandten, der die ganzen siebziger Jahre bekifft war, dann aber doch noch das Juraexamen geschafft hat, habe ich lange nicht mehr gesehen. Er war damals der beste Freund des Dichters, der ihn auch in ein Gedicht namentlich hinein geschrieben hat. Aber das Gedicht verstehe ich auch nicht, obwohl ich den Adressaten kenne. Man kann nicht alles wissen.

Wenn Sie mehr wissen wollen: Anlässlich des Todes von Gerrit Bekker zeigt das Traumkino Kiel am Sonntag, den 9. März um 17.45 Uhr den Dokumentarfilm von Karl Siebig Gerrit M. Bekker – Variationen oder Vom Nutzen der Kunst. Den Regisseur Karl Siebig kenne ich, den habe ich mal bei Hans Fander kennengelernt. Der steht auch schon in meinem Blog. Und den kann ich unbedingt empfehlen, weil er diesen schönen Film Familientreffen: Die Duwes – eine Künstlerfamilie gemacht hat. Und vor Jahrzehnten den Film Die Kinder vom Bullenhuser Damm. Als der Film Gerrit M. Bekker – Variationen oder Vom Nutzen der Kunst vor zwölf Jahren gezeigt wurde, schrieb die Kieler NachrichtenIn seinem Werk schwingt ein Geheimnis mit, ein Wunder, das alles so kam, wie es offenbar musste und wie es gut ist. Bekker kann diese Momente in seinem Leben in allen Farbschatten memorieren, für die Siebig in seinem Film Bilder findet. Im Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (shz) konnte man lesen: Mental hat Gerrit Bekker mehrere Leben gelebt. In knapp zwei Stunden zeigt der Film … die Entwicklung dieses einzigartigen Künstlerlebens.

Sonntag, 2. März 2025

die ganze Welt in zwei Cartoons

Dieser Cartoon erreichte mich vor sechs Tagen. Ein Freund, der die besten Beziehungen in die USA hat, hatte ihn mir zugeschickt. Der Cartoon ist von dem Zeichner Bill Bramhall und ist in der New York Daily News erschienen. Tage bevor wir im Fernsehen sehen konnten, wie das Oval Office zur Bühne einer Schmierenkomödie wurde. Wo Trump, sekundiert von seinem Wadenbeisser Vance, den ukrainischen Präsidenten vor laufenden Kameras heruntermachte. Das ist ja etwas, was er kann, seit er in seiner TV Sendung The Apprentice You are fired ausrief. Die Präsidentschaft Trumps ist zur Reality Show verkommen. David Remnick kommentierte das im New Yorker mit: Trump’s behavior was disgraceful. He and his Vice-President, J. D. Vance, deliberately tried to intimidate Zelensky with all the finesse of a couple of small-time hoods. Und der Guardian hatte die schöne Schlagzeile: Diplomacy dies on live TV as Trump and Vance gang up to bully Ukraine leader.

Wenn es nur die Show wäre, Trump kann nun einfach nicht anders. Aber gefährlich wird es, wenn er Selensky vorwirft, den Krieg gegen Russland begonnen zu haben. Das ist die klassische Täter-Opfer-Umkehr. Susan B. Glasser, die im New Yorker die Kolumne Letter from Trump's Washington schreibt, spricht von Trump’s Putinization of America. Das konservative Wall Street Journal überschrieb einen Kommentar mit Putin wins the Trump-Selensky spectacle in the Oval Office. Und fragte sich: Why did the vice president try to provoke a public fight? (...) Vance reprimanded Selenskyj as if he were a child late for dinner. (...) This was not the behavior of a would-be statesman. 

Bill Bramhall hat das alles in seinem Cartoon vorausgesehen. Der Cartoonist, der im Everett Herald am 22. Februar den Cartoon Last American Weapon Delivery zeichnete, wusste auch schon, was kommen wird. Wir brauchen keine Zeitungen mehr zu lesen, wir müssen nur die Cartoons lesen. Wenn Sie aber doch lieber eine seriöse Zeitung lesen wollen: Den New Yorker, der gerade hundert Jahre alt geworden ist, können Sie unentgeltlich als New Yorker Daily lesen.