Mittwoch, 19. Dezember 2012
Born to be Wild
Man muss schon sehr genau hingucken, dann ist sie schon wieder weg. Aber es ist wahr, Peter Fonda hat die ganze Zeit bei den Dreharbeiten von ➱Easy Rider seine goldene Rolex getragen. Was der Captain America am Anfang des Filmes wegwirft, ist nur eine billige Timex. Easy Rider hatte heute vor 43 Jahren Premiere in Deutschland. Ein Mann suchte Amerika, doch er konnte es nirgends mehr finden, stand auf dem Filmplakat. Ging es darum? My movie is about the lack of freedom, not about freedom. My heroes are not right, they're wrong. The only thing I can end up doing is killing my character. I end up committing suicide; that's what I'm saying that America is doing, hat Peter Fonda in einem Interview mit Rolling Stone gesagt. ➱Pauline Kael konnte sich nur zu dem sibyllinischen Satz the movie's sentimental paranoia obviously rang true to a large, young audience's vision. In the late '60s, it was cool to feel that you couldn't win, that everything was rigged and hopeless. The film was infused with an elegiac sense of American failure durchringen. Lobte aber die Landschaftsaufnahmen und die Musik.
Frederic Tuten sagte In Easy Rider the bikes are incidental, they might as well be horses, und er sah die beiden Biker in einer Traditionslinie, die mit Deerslayer und Chingachgook, Ishmael und Queequeg. Huck Finn und Jim angefangen hatte. Gut, er unterrichtete am City College in New York, da kommt man schon einmal auf abwegige Gedanken. Und so werden bei ihm die Hippies zu Nachfolgern des Brook Farm Experiments, und das Ganze ist eine nostalgia for a still beautiful America.
Die goldene Rolex ist vor fünf Jahren auf einer Auktion verkauft worden. Sie brachte längst nicht so viel wie die amerikanische Flagge, die auf Fondas Lederjacke genäht war. Das wird die Firma Rolex schmerzen. Die Firma Harley-Davison wurde durch diesen Film vor dem Ruin gerettet, und für Jack Nicholson gab es die erste Oscar Nominierung. Mit Hells Angels on Wheels war ihm das zwei Jahre zuvor nicht gelungen. Fünf Jahre nach Easy Rider gab es für den Mythos des Motorradfahrens mit Zen and the Art of Motorcycle Maintenance: An Inquiry into Values noch ein philosophisches Überbauwerk. Das Buch wurde allerdings von Lederjackenträgern kaum gelesen.
Dies ist die Zeit des New Hollywood, in der Road Movies en masse produziert wurden. Es gab bessere Filme als Easy Rider. Two-Lane Blacktop zum Beispiel. Lesen Sie doch einmal diesen ➱Post. Der hatte nur halb so viel Leser wie ➱Easy Rider, hat aber mehr verdient.
Easy Rider gibt es hier als ➱Script, das aber nicht viel taugt. Zuverlässig ist dagegen dieser ➱Text, leider völlig vergriffen. Ich gebe mein Exemplar natürlich nicht her. Als DVD ist der Film preiswert zu bekommen, der Soundtrack auch. Der Soundtrack, der mit Born to be Wild beginnt und mit ➱Ballad of Easy Rider endet, ist das Beste.
Dienstag, 18. Dezember 2012
A.G. Macdonell
Am 28. Dezember 1940 schreibt ein deutscher Philologe über einen englischen Roman: Kürzlich ist auch auf dem deutschen Buchmarkt unter dem Titel 'Selbstbildnis eines Gentleman' der Roman eines Engländers mit Namen Macdonell in Übersetzung erschienen, den man gelesen haben muß, wenn man das Wesen und die Seele der heute auf den britischen Inseln und im englischen Weltreich regierenden plutokratischen Herrenschicht ganz verstehen will. Man wird dieses Buch nicht aus der Hand legen, ohne auf das tiefste erschüttert zu sein. Ja, ein Mensch, der sich noch einen letzten Rest von natürlichem moralischem Empfinden bewahrt hat, kann es überhaupt nur in Etappen verdauen. Soviel Frivolität, soviel kaltschnäuziger Zynismus, soviel aufreizende Verachtung von Anstand, Sauberkeit des Denkens und Handelns und soviel empörende Heuchelei ist darin enthalten. Man könnte ihm auch den Titel "Selbstentlarvung der britischen Plutokratie" geben. Es ist einfach grauenhaft. Eine schlimmere sittliche Verwilderung in gesellschaftlichen, geschäftlichen und politischen Dingen läßt sich überhaupt gar nicht denken. Dieses Buch würde, von einem Deutschen in Deutschland über eine deutsche Führungsschicht geschrieben, bei uns wahrscheinlich zu einer ganz schweren Erschütterung des öffentlichen Lebens führen. In England dagegen macht das gar nichts aus. Man kann es sich leisten; die Plutokratie ist so alleinherrschend, daß sie gar keine Rücksicht mehr auf die misera plebs zu nehmen braucht. Sie enthüllt bereits ihre geheimsten Praktiken, ein Beweis dafür, daß sie den Höhepunkt ihres Siegeszuges längst überschritten hat und schon auf dem rasenden Weg nach unten ist.
Und wenig später notiert er in seinem Tagebuch: Lange noch diktiert und gelesen. Macdonell 'Selbstbildnis eines Gentleman'. Einfach grauenhaft. Man kann das Buch nur mit Empörung zuende lesen. Irgendwie scheint der Doktor der Philosophie Joseph Goebbels den Roman Autobiography of a Cad von Archibald Gordon Macdonell nicht so ganz verstanden zu haben. Allerdings rubrizieren manche Antiquariate den Titel heute noch unter der Kategorie Biographie/Autobiographie und sortieren ihn nicht unter Roman ein. Aber die ersten Sätze - Ich, der ich dieses kleine Buch schreibe, stehe im fünfzigsten Lebensjahr; denn ich bin 1889 geboren und schreibe dies 1938. Aber ich lege Ihnen nur die Geschichte der ersten achtunddreißig Jahre meines Lebens vor - sollen uns nicht täuschen. Dies ist keine Autobiographie, dies ist ein Roman. Ob es Goebbels eine stille Befriedigung verschafft hätte, wenn er erfahren hätte, dass der Autor dieses grauenhaften Buches drei Wochen nachdem er das Buch gelesen hatte, in Oxford gestorben ist?
Sie waren die gleiche Generation, Goebbels und Macdonell, aber was sind das für unterschiedliche Lebenswege! Der eine kommt aus einer Familie von Akademikern und besucht die Public School Winchester, der andere kommt aus kleinbürgerlichen, armen Verhältnissen. Der eine ist Leutnant im Ersten Weltkrieg und wird verwundet nach Hause geschickt, da studiert der andere, den keine Armee nimmt, schon Germanistik. Der eine arbeitet als Privatsekretär von Gilbert Murray im Londoner Büro des Völkerbunds, der andere wird Geschäftsführer der NSDAP in Wuppertal-Elberfeld. Der eine ist als Journalist und Schriftsteller erfolgreich, der andere scheitert als Journalist und Schriftsteller. Der eine besucht 1934 die USA und schreibt darüber (A Visit to America, ➱hier im Volltext), der andere ist da schon Reichspropagandaminister.
In Lovat Dickson’s Magazine (einer kurzlebigen Literaturzeitschrift, deren Verleger später seinen Verlag verkaufte und Direktor bei Macmillan wurde) findet sich 1934 eine kurze biographische Skizze: A. G. MACDONELL is the son of Doctor W. R. Macdonell, formerly managing director of the Bombay Company, and LL.D. of Aberdeen University, and grandson of Doctor J. F. White, the famous art, collector and critic, and Greek scholar, also LL.D. of the same University. He served during the War with the Artillery of the 51st Highland Division and spent two years and a half in France. After the War, he worked with the Quakers, first in the reconstruction of the devastated areas in East Poland, and later in the valley of the Volga during the Great Famine. Then, after travelling extensively in Central Europe and the Balkans he joined the staff of the League of Nations Union, and worked in the London office for five years, during which time he was private secretary to Professor Gilbert Murray, and, for a short time, to Doctor Nansen. His first book was published last year and called England Their England and his second, Napoleon and His Marshals, was published in January 1934. He has twice stood for Parliament in the Liberal interest.
Macdonells Roman Lords And Masters wird Dr. Goebbels 1936 nicht gelesen haben. Und so wird ihm diese schöne Stelle entgangen sein: 'Veronica, dear,' said Mrs. Hanson admiringly, 'aren’t you being a little impertinent?''No, seriously, Daddy, that atrocity stuff is all rot. Hitler wouldn’t allow it for a moment. He isn’t that sort of man. A few Jews have been beaten up perhaps, but that’s nothing.' Veronica, who heartily despised the physical appearance of any male under about six-foot-three, was not so narrow-minded as to despise male intelligence simply because it was encased in a relatively dwarfish body. After all, no one could call the Fuehrer particularly handsome, and yet what a mammoth intellect he had got! Dr. Goebbels was positively ugly, but look how he scattered the non-Aryans with his inner fires of patriotism and genius! Dieses bescheuerte Früchtchen Veronica ist wahrscheinlich eine Parodie von Hitlers Lieblingsblondine Unity Mitford. Mit solchen Leuten hat Macdonell, der vergeblich für die Liberale Partei kandidiert hatte, nichts am Hut. Er versprüht sein satirisches Gift gegen die reiche West End Society, die mit dem Faschismus flirtet. Für die Neuauflage 2012 bewarb der Verlag (Fonthill) das Buch mit: A masterpiece of character depiction. An expose of the Mayfair Mussolini fans and war profiteers One of A. G. Macdonell's most biting books - a perceptive look at the rise of Nazism and its inevitable outcome. A novel, but with such prescience it could have been fact; illustrating the fondness for the right wing fascist movements among monied set.
Von daher gesehen ist die Autobiography of a Cad eine logische Fortsetzung von Lords And Masters. Vielleicht war es auch etwas gewagt von der deutschen Übersetzerin Karin von Schab gewesen, die Satire von Macdonell noch etwas weiter zu treiben und für die deutsche Ausgabe von Autobiography of a Cad, das Wort cad mit Gentleman zu übersetzen. Die Autobiography of a Cad ist eine böse Satire, und sie ist von einem Schotten geschrieben, der stolz war, ein Schotte zu sein. Sein Buch über Schottland My Scotland erregte 1937 bei manchen einen gewissen Unwillen, aber für Harold Nicolson war es The most brilliant book on Scotland in recent years. Publishers Weekly schrieb The story of a hardy race and a rugged land A well-known novelist and satirist paints a three- dimensional portrait ofhis nation, in which his love for Scottish history and tradition is tempered by his profound knowledge of Scottish faults and weaknesses. Das ist nett gesagt, eigentlich ist es ein eher böses Buch. Ich gebe hier einmal den Text wieder, mit dem der Verlag die Neuauflage vorstellte, weil der Text auch sehr informativ über Macdonell ist:
For those who have read and enjoyed Macdonell's humorous and affectionate book 'England Their England', this book, 'My Scotland', will come as a shock. There are some lighter moments with the occasional flash of the Macdonell genius, but these apart it is a choleric tirade in a style which is not apparent in his other books. At the time of writing he was going through a messy divorce - brought about through his own extra-marital adventures - and this may have added to his mood. He was born in India, brought up in London, educated at Winchester, provided with further excellent character-forming life-experience in France in muddy conditions, and then spent his working life in London. His formal address on his War Record documentation is Bridgefield, Bridge of Don, Aberdeen, but it does not seem that he ever spent a great deal of time in Scotland. Therefore, the spleen and invective coming from someone who adopted England seems out of character. The only explanation is that it came about as the pent-up frustration out of forty years of hearing comments which he viewed as his national heritage being treated as a joke. From those that knew him he was remembered as a complex individual, 'delightful - but quarrelsome and choleric' (this was by Alec Waugh, who called him the Purple Scot). J. B. Morton (Beachcomber) remembered him as a man of conviction, with a quick wit and enthusiasm and, surprising in a military man, 'a sense of compassion for every kind of unhappiness'. What is surprising, given his depth of knowledge of the English, and the fact that they joke about anything, is that he took it so seriously. Nevertheless, despite Macdonell's exhortations for a 'clamour for independence' towards the end of the book, he did not practice what he preached, and instead of 'leading from the front' by preaching his new gospel from Edinburgh, he remained in England for the remainder of his days. For all those who feel that Scotland has been 'hard-done-by' this is a must-buy book.
Dass Macdonell Schotte ist, merkte man auch seinem bekanntesten Buch England, Their England an, das 1933 den renommierten James Tait Black Preis gewann. Das Buch ist in England (und Schottland) ein ewiger Klassiker. Die Beschreibung des dörflichen Cricketspiels in diesem Buch ist beinahe in jeder Anthologie der Cricket Literatur abgedruckt (sie können das berühmte siebte Kapitel auch ➱hier lesen). Die Cricketmannschaft, die hier beschrieben wird, hat es im übrigen wirklich gegeben. Sie hieß The Invalids, sie war berühmt dafür, dass sie nur aus Literaten bestand (also ein Vorläufer von Harold Pinters Cricketmannschaft war), die auch gerne sehr viel Alkohol zu sich nahmen. Der Gründer der Mannschaft war der einflussreiche Sir John Squire, der seinen Freund Macdonell immer protegiert hat. Squire hat eine kleine Geschichte seiner Mannschaft geschrieben (The Invalids: A Chronicle), die aber nicht so berühmt geworden ist wie England, Their England. Das Buch ist seit beinahe siebzig Jahren immer lieferbar gewesen, alle Bücher von Macdonell kann man neuerdings wieder kaufen. Da muss man dem Verlag Fonthill für ➱The Fonthill Complete A.G. Macdonell schon dankbar sein. Natürlich sind bei den Neuauflagen auch die sechs Krimis dabei, die Macdonell zwischen 1928 und 1933 geschrieben hat.
Ich kann England, Their England immer wieder lesen. Doch das liebste Buch von Macdonell ist mir Napoleon and his Marshals aus dem Jahre 1934 (das 1936 auch in Deutschland erschienen war). Es war lange vom Markt verschwunden, bis es in der Reihe Prion Lost Treasures 1996 wieder aufgelegt wurde. Und prompt mehrfach nachgedruckt wurde. 1996 schrieb Englands führender Militärhistoriker John Keegan: Even a Napoleon hater, which I am, will love this book. Still after 60 years, a thrilling gallop through the Napoleonic Wars. Und Nigel Nicolson rubriziert es in seiner Bibliographie von seinem Buch Napoleon 1812 als invaluable.
Archibald Gordon Macdonell, von seinen Freunden Archie genannt, kann schreiben. Seine 300-seitige Napoleon Biographie ist wahrscheinlich die kürzeste von allen, die amüsanteste ist sie auf jeden Fall. Ein Parforceritt mit dem kleinen Caporal und seinen Marschällen über die Schlachtfelder Europas. Dies ist nicht das Buch eines Historikers, dies ist das Buch eines Schriftstellers. Es gibt keine Bibliographie der benutzen Literatur. Jeder könne eine Hilfskraft im Britischen Museum alle Buchtitel über Napoleon abschreiben lassen, die Liste hinten ins Buch tun und die Leser mit angeblicher Gelehrsamkeit beeindrucken, sagt Macdonell. Aber er sagt auch, dass er für alles einen Beleg hätte. Wir glauben ihm, und es kümmert uns auch nicht. Das Buch endet mit dem Tod des letzten Marschalls im Jahre 1852 und den Worten Que de souvenirs! Que de regrets! Und an dieser Stelle geht der Leser zurück zum ersten Kapitel und beginnt das Buch aufs Neue zu lesen.
Kurz bevor Joseph Goebbels sein Exemplar von Selbstbildnis eines Gentleman in der Hand hatte (damals waren schon 40.000 Exemplare verkauft), schrieb Mcdonell an seinen Verleger Lovat Dickson: I don't see much chance of having a book ready for the autumn. At the moment my war work consists of broadcasting to America at two in the morning, which leaves me a little jaded after breakfast on the same day!! Dreimal die Woche ist Macdonell in der Sendung Britain Speaks zu hören, und seine Stimme bedeutet vielen etwas. Vielleicht auch Joseph Goebbels, der es nicht gerne hören wird, wie Macddonell satirisch seine Propaganda auseinander nimmt. Macdonell ist nicht mehr dazu gekommen, ein neues Buch zu schreiben. Die Londoner Times bezeichnete ihn in ihrem Nachruf als one of the leaders of the younger school of satirical novelists. Es lohnt sich immer noch, ihn zu lesen.
Sie waren die gleiche Generation, Goebbels und Macdonell, aber was sind das für unterschiedliche Lebenswege! Der eine kommt aus einer Familie von Akademikern und besucht die Public School Winchester, der andere kommt aus kleinbürgerlichen, armen Verhältnissen. Der eine ist Leutnant im Ersten Weltkrieg und wird verwundet nach Hause geschickt, da studiert der andere, den keine Armee nimmt, schon Germanistik. Der eine arbeitet als Privatsekretär von Gilbert Murray im Londoner Büro des Völkerbunds, der andere wird Geschäftsführer der NSDAP in Wuppertal-Elberfeld. Der eine ist als Journalist und Schriftsteller erfolgreich, der andere scheitert als Journalist und Schriftsteller. Der eine besucht 1934 die USA und schreibt darüber (A Visit to America, ➱hier im Volltext), der andere ist da schon Reichspropagandaminister.
In Lovat Dickson’s Magazine (einer kurzlebigen Literaturzeitschrift, deren Verleger später seinen Verlag verkaufte und Direktor bei Macmillan wurde) findet sich 1934 eine kurze biographische Skizze: A. G. MACDONELL is the son of Doctor W. R. Macdonell, formerly managing director of the Bombay Company, and LL.D. of Aberdeen University, and grandson of Doctor J. F. White, the famous art, collector and critic, and Greek scholar, also LL.D. of the same University. He served during the War with the Artillery of the 51st Highland Division and spent two years and a half in France. After the War, he worked with the Quakers, first in the reconstruction of the devastated areas in East Poland, and later in the valley of the Volga during the Great Famine. Then, after travelling extensively in Central Europe and the Balkans he joined the staff of the League of Nations Union, and worked in the London office for five years, during which time he was private secretary to Professor Gilbert Murray, and, for a short time, to Doctor Nansen. His first book was published last year and called England Their England and his second, Napoleon and His Marshals, was published in January 1934. He has twice stood for Parliament in the Liberal interest.
Macdonells Roman Lords And Masters wird Dr. Goebbels 1936 nicht gelesen haben. Und so wird ihm diese schöne Stelle entgangen sein: 'Veronica, dear,' said Mrs. Hanson admiringly, 'aren’t you being a little impertinent?''No, seriously, Daddy, that atrocity stuff is all rot. Hitler wouldn’t allow it for a moment. He isn’t that sort of man. A few Jews have been beaten up perhaps, but that’s nothing.' Veronica, who heartily despised the physical appearance of any male under about six-foot-three, was not so narrow-minded as to despise male intelligence simply because it was encased in a relatively dwarfish body. After all, no one could call the Fuehrer particularly handsome, and yet what a mammoth intellect he had got! Dr. Goebbels was positively ugly, but look how he scattered the non-Aryans with his inner fires of patriotism and genius! Dieses bescheuerte Früchtchen Veronica ist wahrscheinlich eine Parodie von Hitlers Lieblingsblondine Unity Mitford. Mit solchen Leuten hat Macdonell, der vergeblich für die Liberale Partei kandidiert hatte, nichts am Hut. Er versprüht sein satirisches Gift gegen die reiche West End Society, die mit dem Faschismus flirtet. Für die Neuauflage 2012 bewarb der Verlag (Fonthill) das Buch mit: A masterpiece of character depiction. An expose of the Mayfair Mussolini fans and war profiteers One of A. G. Macdonell's most biting books - a perceptive look at the rise of Nazism and its inevitable outcome. A novel, but with such prescience it could have been fact; illustrating the fondness for the right wing fascist movements among monied set.
Von daher gesehen ist die Autobiography of a Cad eine logische Fortsetzung von Lords And Masters. Vielleicht war es auch etwas gewagt von der deutschen Übersetzerin Karin von Schab gewesen, die Satire von Macdonell noch etwas weiter zu treiben und für die deutsche Ausgabe von Autobiography of a Cad, das Wort cad mit Gentleman zu übersetzen. Die Autobiography of a Cad ist eine böse Satire, und sie ist von einem Schotten geschrieben, der stolz war, ein Schotte zu sein. Sein Buch über Schottland My Scotland erregte 1937 bei manchen einen gewissen Unwillen, aber für Harold Nicolson war es The most brilliant book on Scotland in recent years. Publishers Weekly schrieb The story of a hardy race and a rugged land A well-known novelist and satirist paints a three- dimensional portrait ofhis nation, in which his love for Scottish history and tradition is tempered by his profound knowledge of Scottish faults and weaknesses. Das ist nett gesagt, eigentlich ist es ein eher böses Buch. Ich gebe hier einmal den Text wieder, mit dem der Verlag die Neuauflage vorstellte, weil der Text auch sehr informativ über Macdonell ist:
For those who have read and enjoyed Macdonell's humorous and affectionate book 'England Their England', this book, 'My Scotland', will come as a shock. There are some lighter moments with the occasional flash of the Macdonell genius, but these apart it is a choleric tirade in a style which is not apparent in his other books. At the time of writing he was going through a messy divorce - brought about through his own extra-marital adventures - and this may have added to his mood. He was born in India, brought up in London, educated at Winchester, provided with further excellent character-forming life-experience in France in muddy conditions, and then spent his working life in London. His formal address on his War Record documentation is Bridgefield, Bridge of Don, Aberdeen, but it does not seem that he ever spent a great deal of time in Scotland. Therefore, the spleen and invective coming from someone who adopted England seems out of character. The only explanation is that it came about as the pent-up frustration out of forty years of hearing comments which he viewed as his national heritage being treated as a joke. From those that knew him he was remembered as a complex individual, 'delightful - but quarrelsome and choleric' (this was by Alec Waugh, who called him the Purple Scot). J. B. Morton (Beachcomber) remembered him as a man of conviction, with a quick wit and enthusiasm and, surprising in a military man, 'a sense of compassion for every kind of unhappiness'. What is surprising, given his depth of knowledge of the English, and the fact that they joke about anything, is that he took it so seriously. Nevertheless, despite Macdonell's exhortations for a 'clamour for independence' towards the end of the book, he did not practice what he preached, and instead of 'leading from the front' by preaching his new gospel from Edinburgh, he remained in England for the remainder of his days. For all those who feel that Scotland has been 'hard-done-by' this is a must-buy book.
Dass Macdonell Schotte ist, merkte man auch seinem bekanntesten Buch England, Their England an, das 1933 den renommierten James Tait Black Preis gewann. Das Buch ist in England (und Schottland) ein ewiger Klassiker. Die Beschreibung des dörflichen Cricketspiels in diesem Buch ist beinahe in jeder Anthologie der Cricket Literatur abgedruckt (sie können das berühmte siebte Kapitel auch ➱hier lesen). Die Cricketmannschaft, die hier beschrieben wird, hat es im übrigen wirklich gegeben. Sie hieß The Invalids, sie war berühmt dafür, dass sie nur aus Literaten bestand (also ein Vorläufer von Harold Pinters Cricketmannschaft war), die auch gerne sehr viel Alkohol zu sich nahmen. Der Gründer der Mannschaft war der einflussreiche Sir John Squire, der seinen Freund Macdonell immer protegiert hat. Squire hat eine kleine Geschichte seiner Mannschaft geschrieben (The Invalids: A Chronicle), die aber nicht so berühmt geworden ist wie England, Their England. Das Buch ist seit beinahe siebzig Jahren immer lieferbar gewesen, alle Bücher von Macdonell kann man neuerdings wieder kaufen. Da muss man dem Verlag Fonthill für ➱The Fonthill Complete A.G. Macdonell schon dankbar sein. Natürlich sind bei den Neuauflagen auch die sechs Krimis dabei, die Macdonell zwischen 1928 und 1933 geschrieben hat.
Ich kann England, Their England immer wieder lesen. Doch das liebste Buch von Macdonell ist mir Napoleon and his Marshals aus dem Jahre 1934 (das 1936 auch in Deutschland erschienen war). Es war lange vom Markt verschwunden, bis es in der Reihe Prion Lost Treasures 1996 wieder aufgelegt wurde. Und prompt mehrfach nachgedruckt wurde. 1996 schrieb Englands führender Militärhistoriker John Keegan: Even a Napoleon hater, which I am, will love this book. Still after 60 years, a thrilling gallop through the Napoleonic Wars. Und Nigel Nicolson rubriziert es in seiner Bibliographie von seinem Buch Napoleon 1812 als invaluable.
Archibald Gordon Macdonell, von seinen Freunden Archie genannt, kann schreiben. Seine 300-seitige Napoleon Biographie ist wahrscheinlich die kürzeste von allen, die amüsanteste ist sie auf jeden Fall. Ein Parforceritt mit dem kleinen Caporal und seinen Marschällen über die Schlachtfelder Europas. Dies ist nicht das Buch eines Historikers, dies ist das Buch eines Schriftstellers. Es gibt keine Bibliographie der benutzen Literatur. Jeder könne eine Hilfskraft im Britischen Museum alle Buchtitel über Napoleon abschreiben lassen, die Liste hinten ins Buch tun und die Leser mit angeblicher Gelehrsamkeit beeindrucken, sagt Macdonell. Aber er sagt auch, dass er für alles einen Beleg hätte. Wir glauben ihm, und es kümmert uns auch nicht. Das Buch endet mit dem Tod des letzten Marschalls im Jahre 1852 und den Worten Que de souvenirs! Que de regrets! Und an dieser Stelle geht der Leser zurück zum ersten Kapitel und beginnt das Buch aufs Neue zu lesen.
Kurz bevor Joseph Goebbels sein Exemplar von Selbstbildnis eines Gentleman in der Hand hatte (damals waren schon 40.000 Exemplare verkauft), schrieb Mcdonell an seinen Verleger Lovat Dickson: I don't see much chance of having a book ready for the autumn. At the moment my war work consists of broadcasting to America at two in the morning, which leaves me a little jaded after breakfast on the same day!! Dreimal die Woche ist Macdonell in der Sendung Britain Speaks zu hören, und seine Stimme bedeutet vielen etwas. Vielleicht auch Joseph Goebbels, der es nicht gerne hören wird, wie Macddonell satirisch seine Propaganda auseinander nimmt. Macdonell ist nicht mehr dazu gekommen, ein neues Buch zu schreiben. Die Londoner Times bezeichnete ihn in ihrem Nachruf als one of the leaders of the younger school of satirical novelists. Es lohnt sich immer noch, ihn zu lesen.
Montag, 17. Dezember 2012
Dorothy Sayers
Ich weiß nicht, ob Sie sich mit Tukanen auskennen, aber dieser Tukan von der Firma Guinness ist mir sehr vertraut. Obgleich ich das Gebräu nicht mag, hatte ich jahrelang ein Plakat mit einem Guinness Tukan in der Küche hängen. Weil es als Plakat so hübsch war. Diese alte Werbung hier hat eine gewisse Berühmtheit, nicht wegen des Tukans, sondern wegen der vier Zeilen darunter (von denen die zweite Zeile sicher die berühmteste ist):
If he can say as you can
Guinness is good for you
How grand to be a Toucan
Just think what Toucan do.
Gut, man wird das nicht gerade als große Lyrik bezeichnen, aber Sie werden diesen Werbejingle gleich mit anderen Augen betrachten, wenn ich Ihnen den Namen des Schöpfers verrate. Das stammt von einer gewissen Dorothy Leigh Sayers, die wir besser als Krimiautorin denn als Werbetexterin kennen. Aber Werbetexterin bei der Agentur S.H. Benson ist sie einmal zehn Jahre lang gewesen, sie soll auch für den Spruch It pays to advertise! verantwortlich sein. Und natürlich wissen Kenner ihres Werkes, dass sich in Murder Must Advertise die ganze Welt der Werbung wiederfindet.
If he can say as you can
Guinness is good for you
How grand to be a Toucan
Just think what Toucan do.
Gut, man wird das nicht gerade als große Lyrik bezeichnen, aber Sie werden diesen Werbejingle gleich mit anderen Augen betrachten, wenn ich Ihnen den Namen des Schöpfers verrate. Das stammt von einer gewissen Dorothy Leigh Sayers, die wir besser als Krimiautorin denn als Werbetexterin kennen. Aber Werbetexterin bei der Agentur S.H. Benson ist sie einmal zehn Jahre lang gewesen, sie soll auch für den Spruch It pays to advertise! verantwortlich sein. Und natürlich wissen Kenner ihres Werkes, dass sich in Murder Must Advertise die ganze Welt der Werbung wiederfindet.
Dorothy Sayers (die heute vor 55 Jahren starb) ist nicht die erste Frau, die einen Detektivroman schreibt, Anna Katherine Green schreibt ihren berühmten Leavenworth Case schon 1878. Sie ist auch nicht die letzte Autorin, die Krimis schreibt - die vergifteten Federn sind heute immer noch fest in zarten Frauenhänden. Allerdings hat die Firma Montblanc es bis heute noch nicht für nötig befunden, einen Special Edition Füllfederhalter nach ihr zu benennen. Für Agatha Christie gab es einen. Mit Giftschlange. Nun ist diese Special Edition sowieso eine zweifelhafte Sache, bei den Herren Dumas haben sie bei ➱Montblanc Vater und Sohn verwechselt, und ein Hemingway Modell im Programm zu haben, ist nun völlig daneben. Schließlich hat Hem für Parker Reklame gemacht.
Dorothy Sayers ist für den Krimi so etwas, was High Noon für den Western war. Plötzlich redeten alle von einem Edelwestern. Wir merken uns: Dorothy Sayers' Romane sind keine schlichten Krimis, sie sind richtige Literatur. Weil Dorothy Sayers eine ernstzunehmende Schriftstellerin ist, eine Autorin, die Dantes Divina Commedia übersetzt hat und ein Hörspiel über Jesus geschrieben hat, etc. etc. Und dass das alles natürlich viel mehr ist als: Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Middle Fritham und Nether Addlethorpe, ferner ein Onkel von Lady Hesketh-Fortescue, der 79jährige Jasper Fetherstone, dessen Besitz Thrumpton Castle zur Zeit an Lord Molesworth-Houghton, einem Vetter von Priscilla und Gwyneth Molesworth, vermietet ist. Falls Sie das vergessen haben sollten, schauen Sie doch einmal ➱hier hinein.
Man sollte allerdings auch sagen, dass in dem sogenannten Golden Age of the Detective Novels Krimis sehr häufig von wirklichen Schriftstellern geschrieben wurden, und dass das Lesepublikum damals eher highbrow als lowbrow war. Und natürlich gibt es eine Vielzahl von Krimiautoren, die mehr Bildung haben als Sayers. Die auch besser schreiben. Und die Humor haben. Das ist so eine Qualität, die man in ihren Romanen vermisst. Vor allem, wenn man sie mit Michael Innes und Edmund Crispin vergleicht.
Vor Jahren hatte der englische Telegraph eine Liste der zehn wichtigsten Krimiautoren, und da fasste Andrew McKie Sayers' Bedeutung so zusammen: Sayers was responsible, with Agatha Christie, for fixing in the public mind the idea (demonstrably false) that women are particularly good at crime writing. Unlike Christie, Sayers was. She was good at writing, full stop. She translated Dante’s 'Inferno' when it was little-known, except to specialists, and wrote a radical radio play about Christ which caused an outcry. Sayers had her faults. She was donnish and high-jinxy to a degree which might have made even other members of the High Oxford school (Michael Innes, Edmund Crispin) blush. In 'Clouds of Witness' she alludes to a fairly obscure quotation. Lower-class characters drop their aitches left, right and centre, while Lord Peter is perhaps too much of a good thing, even as snobbish wishfulfilment. Some think the solution to 'The Nine Tailors' is a swizz; but the genius of the missing item in 'Five Red Herrings' is, on its own, enough to confirm her greatness. Read: 'Five Red Herrings' (1931)
Das ist sicherlich nur fair. Unfair ist natürlich das, was Edmund Wilson 1945 im New Yorker in einem Artikel mit dem Titel Who Cares Who Killed Roger Ackroyd schrieb: The writer that my correspondents were most nearly unanimous in putting at the top was Miss Dorothy L. Sayers, who was pressed upon me by eighteen people, and the book of hers that eight of them were sure I could not fail to enjoy was a story called The Nine Tailors. Well, I set out to read 'The Nine Tailors' in the hope of tasting some novel excitement, and I declare that it seems to me one of the dullest books I have ever encountered in any field. ... There was also a dreadful stock English nobleman of the casual and debonair kind, with the embarrassing name of Lord Peter Wimsey, and, although he was the focal character in the novel, being Miss Dorothy Sayers's version of the inevitable Sherlock Holmes detective, I had to skip a good deal of him, too. In the meantime, I was losing the story, which had not got a firm grip on my attention, but I went back and picked it up and steadfastly pushed through to the end, and there I discovered that the whole point was that if a man was shut up in a belfry while a heavy peal of chimes was being rung, the vibrations of the bells might kill him. Not a bad idea for a murder, and Conan Doyle would have known how to dramatize it in an entertaining tale of thirty pages, but Miss Sayers had not hesitated to pad it out to a book of three hundred and thirty, contriving one of those hackneyed cock-and-bull stories about a woman who commits bigamy without knowing it, and larding the whole thing with details of church architecture, bits of quaint lore from books about bell-ringing and the awful whimsical patter of Lord Peter.
I had often heard people say that Dorothy Sayers wrote well, and I felt that my correspondents had been playing her as their literary ace. But, really, she does not write very well: it is simply that she is more consciously literary than most of the other detective-story writers and that she thus attracts attention in a field which is mostly on a sub-literary level. In any serious department of fiction, her writing would not appear to have any distinction at all.
Dies hier musste ich mal eben abbilden, das ist die erste Ausgabe von The Nine Tailors in Deutschland nach dem Krieg. Hermann Hübener Verlag 1946, 384 Seiten. Man merkt dem Buch an, dass Papierknappheit herrscht. Ich hüte es trotzdem wie einen kleinen Schatz. Edmund Wilsons Kritik an The Nine Tailors ist natürlich gemein, Dorothy Sayers Fans stöhnen immer auf, wenn der Essay Who Cares Who Killed Roger Ackroyd? erwähnt wird (wenn Sie wollen, können Sie ihn ➱hier ganz lesen, es ist eine vergnügliche Lektüre). Aber dennoch ist an dem Ganzen etwas dran, ich mag die Romane von Sayers auch nicht besonders. Ich mag die Romane von ➱Margery Allingham (die Wilson allerdings auch kritisiert) oder ➱Josephine Tey lieber. Dorothy Sayers hat viel Kritik von prominenter Stelle erhalten, unter anderem von dem berühmten Professor F.R. Leavis. Der in seinem Artikel ➱The Case of Miss Dorothy Sayers in Scrutiny den Satz the novelist's habit, of thinking of everything in terms of literary allusions aus ➱Busman's Honeymoon als charakteristisch für Sayers' Stil nimmt. Er hat in dem Punkt sicher Recht, die literarische Bildung ist ein bisschen zu dick aufgetragen. Too clever by half wäre das Idiom, das mir dazu einfällt. Michael Innes und Edmund Crispin versorgen uns auch mit literarischer Bildung, aber sie tun es mit leichterer Hand.
Dies hier musste ich mal eben abbilden, das ist die erste Ausgabe von The Nine Tailors in Deutschland nach dem Krieg. Hermann Hübener Verlag 1946, 384 Seiten. Man merkt dem Buch an, dass Papierknappheit herrscht. Ich hüte es trotzdem wie einen kleinen Schatz. Edmund Wilsons Kritik an The Nine Tailors ist natürlich gemein, Dorothy Sayers Fans stöhnen immer auf, wenn der Essay Who Cares Who Killed Roger Ackroyd? erwähnt wird (wenn Sie wollen, können Sie ihn ➱hier ganz lesen, es ist eine vergnügliche Lektüre). Aber dennoch ist an dem Ganzen etwas dran, ich mag die Romane von Sayers auch nicht besonders. Ich mag die Romane von ➱Margery Allingham (die Wilson allerdings auch kritisiert) oder ➱Josephine Tey lieber. Dorothy Sayers hat viel Kritik von prominenter Stelle erhalten, unter anderem von dem berühmten Professor F.R. Leavis. Der in seinem Artikel ➱The Case of Miss Dorothy Sayers in Scrutiny den Satz the novelist's habit, of thinking of everything in terms of literary allusions aus ➱Busman's Honeymoon als charakteristisch für Sayers' Stil nimmt. Er hat in dem Punkt sicher Recht, die literarische Bildung ist ein bisschen zu dick aufgetragen. Too clever by half wäre das Idiom, das mir dazu einfällt. Michael Innes und Edmund Crispin versorgen uns auch mit literarischer Bildung, aber sie tun es mit leichterer Hand.
'What were you thinking of mediating upon this time?' 'Housman's edition of Manilius,' the young man answered, abstractedly removing his collar and tie. 'Wonderful chap -- Housman, I mean; Manilius was rather a blister. The way Housman pastes the other commentators in the slats does your heart good. I was just concentrating on the way he kicks the stuffing out of Elias Stöber--lovely!' Diese Stelle steht nicht bei Sayers, sie stammt aus der Parodie von Gaudy Night von E.C. Bentley, die den schönen Titel Greedy Night hat. Man sieht, dass Sayers damals schon viele Leser nerven konnte. Schwerer als die Vorwürfe von Edmund Wilson oder F.R. Leavis wogen da schon die Insinuationen, die Sayers Antisemitismus unterstellen. Lord Peter Wimsey (hier von Ian Carmichael dargestellt) verachtet liars and halfwits and prostitutes and dagoes. Natürlich kann man aus solch einem Satz eine gewisse Fremdenfeidlichkeit herauslesen. Und man kann von solchen Aussagen bei Sayers noch viel mehr finden - wie übrigens bei vielen Autoren aus der upper middle-class, die zwischen den Weltkriegen schreiben.
Snobbery with Violence war der Titel des Buches von Colin Watson, und er passt natürlich wunderbar auf die Welt von Sayers. Ursprünglich stammt der Satz von ➱Alan Bennett: Sapper, Buchan, Dornford Yates practitioners in that school of Snobbery with Violence that runs like a thread of that runs like a thread of good-class tweed through twentieth-century literature. Sie können jetzt gerne zu Sapper, Buchan, Dornford Yates den Namen Ian Fleming (oder Dorothy Sayers) hinzufügen, der Satz von Alan Bennett stimmt immer.
Wenn ich einen Krimi von Sayers empfehlen sollte, dann ist es nicht das viel gerühmte Buch Gaudy Night, sondern der Roman Murder Must Advertise. Hier in der Welt der Werbung ist Sayers zu Hause, die Werbeagentur von S.H. Benson hat vielleicht für sie vielleicht den größten Kontakt mit dem wirklichen Leben bedeutet. Im Roman heißt die Firma S.H. Benson Pym’s Publicity, Ltd., Advertising Agents, und es wird nicht an kleinen Bosheiten gespart wie: How about truth in advertising?' 'Of course, there is some truth in advertising. There's yeast in bread, but you can't make bread with yeast alone. Truth in advertising,' announced Lord Peter sententiously, 'is like leaven, which a woman hid in three measures of meal. It provides a suitable quantity of gas, with which to blow out a mass of crude misrepresentation into a form that the public can swallow. Ich weiß auch nicht, ob sich ihr ehemaliger Chef in Mr Pym wiedererkannt hat, wenn über ihn gesagt wird: Now, Mr. Pym is a man of rigid morality—except, of course, as regards his profession, whose essence is to tell plausible lies for money—'.
Murder Must Advertise enthält ein ganzes Kapitel, in dem es um Cricket geht. Lord Peter, der sich sozusagen als verdeckter Ermittler in die Werbeagentur eingeschlichen hat, spielt in der Firmenmannschaft. Aber natürlich darf niemand den Peter Wimsey of twenty years back, making two centuries in successive innings for Oxford erkennen. Es ist eigentlich unnötig zu erwähnen, dass der Übermensch Lord Peter auch noch ein brillanter Cricketspieler ist. Er versucht zuerst, möglichst nichts von seiner Könnerschaft aufblitzen zu lassen. Aber dann: Nothing makes a man see red like a sharp rap over the funny-bone, and it was at this moment that Mr. Death Bredon suddenly and regrettably forgot himself. He forgot his caution and his role, and Mr. Miller's braces, and saw only the green turf and the Oval on a sunny day and the squat majesty of the gas-works. The next ball was another of Simmonds' murderous short-pitched bumpers, and Lord Peter Wimsey, opening up wrathful shoulders, strode out of his crease like the spirit of vengeance and whacked it to the wide. The next he clouted to leg for three, nearly braining square-leg and so flummoxing deep-field that he flung it back wildly to the wrong end, giving the Pymmites a fourth for an overthrow. Mr. Simmonds' last ball he treated with the contempt it deserved, snicking it as it whizzed past half a yard wide to leg and running a single.
Das ist jetzt die Szene, in der die Tarnung von Lord Peter auffliegt. Denn Mr Brotherhood, der Chef der Agentur, gegen die man Cricket spielt, hat ihn an seiner Spielweise erkannt: Aren’t you Wimsey of Balliol? . . . You have a late cut which is exceedingly characteristic, and I could have taken my oath that the last time I saw you play it was at Lord’s in 1911, when you made 112. Sie können das ganze Kapitel ➱hier nachlesen. Das Kapitel 18 mit dem Titel Unexpected Conclusion of a Cricket Match gehört für Cricket Liebhaber zur Pflichtlektüre, auch wenn es an A.G. Macdonells Beschreibung des Village Cricket Match (hier im ➱Volltext) in England, Their England nicht ganz herankommt. Dieser A.G. Macdonnell schreibt zu gleichen Zeit wie Dorothy Sayers (er hat auch ein halbes Dutzend Krimis geschrieben), es fällt mir schwer, Dorothy Sayers ein zweites und drittes Mal zu lesen. A.G. Macdonnell kann ich immer wieder lesen. Ich glaube, ich schreibe demnächst mal über ihn (vielleicht schon morgen?). Macht mir mehr Spaß.
Murder Must Advertise enthält ein ganzes Kapitel, in dem es um Cricket geht. Lord Peter, der sich sozusagen als verdeckter Ermittler in die Werbeagentur eingeschlichen hat, spielt in der Firmenmannschaft. Aber natürlich darf niemand den Peter Wimsey of twenty years back, making two centuries in successive innings for Oxford erkennen. Es ist eigentlich unnötig zu erwähnen, dass der Übermensch Lord Peter auch noch ein brillanter Cricketspieler ist. Er versucht zuerst, möglichst nichts von seiner Könnerschaft aufblitzen zu lassen. Aber dann: Nothing makes a man see red like a sharp rap over the funny-bone, and it was at this moment that Mr. Death Bredon suddenly and regrettably forgot himself. He forgot his caution and his role, and Mr. Miller's braces, and saw only the green turf and the Oval on a sunny day and the squat majesty of the gas-works. The next ball was another of Simmonds' murderous short-pitched bumpers, and Lord Peter Wimsey, opening up wrathful shoulders, strode out of his crease like the spirit of vengeance and whacked it to the wide. The next he clouted to leg for three, nearly braining square-leg and so flummoxing deep-field that he flung it back wildly to the wrong end, giving the Pymmites a fourth for an overthrow. Mr. Simmonds' last ball he treated with the contempt it deserved, snicking it as it whizzed past half a yard wide to leg and running a single.
Das ist jetzt die Szene, in der die Tarnung von Lord Peter auffliegt. Denn Mr Brotherhood, der Chef der Agentur, gegen die man Cricket spielt, hat ihn an seiner Spielweise erkannt: Aren’t you Wimsey of Balliol? . . . You have a late cut which is exceedingly characteristic, and I could have taken my oath that the last time I saw you play it was at Lord’s in 1911, when you made 112. Sie können das ganze Kapitel ➱hier nachlesen. Das Kapitel 18 mit dem Titel Unexpected Conclusion of a Cricket Match gehört für Cricket Liebhaber zur Pflichtlektüre, auch wenn es an A.G. Macdonells Beschreibung des Village Cricket Match (hier im ➱Volltext) in England, Their England nicht ganz herankommt. Dieser A.G. Macdonnell schreibt zu gleichen Zeit wie Dorothy Sayers (er hat auch ein halbes Dutzend Krimis geschrieben), es fällt mir schwer, Dorothy Sayers ein zweites und drittes Mal zu lesen. A.G. Macdonnell kann ich immer wieder lesen. Ich glaube, ich schreibe demnächst mal über ihn (vielleicht schon morgen?). Macht mir mehr Spaß.
Sonntag, 16. Dezember 2012
Schleppegrell
»Sie drücken Zweifel aus, Graf, vor allem vielleicht einen Zweifel an meiner Überzeugung. Aber es ist, wie ich sage. Großer Stil! Bah, ich weiß wohl, die Menschen sollen tugendhaft sein, aber sie sind es nicht, und da, wo man sich drin ergibt, sieht es im ganzen genommen besser aus als da, wo man die Moral bloß zur Schau stellt. Leichtes Leben verdirbt die Sitten, aber die Tugendkomödie verdirbt den ganzen Menschen.«
Und als sie so sprach, fiel aus einem der die Tafel umstehenden Tannenbäumchen ein Wachsengel nieder, just da, wo Pentz saß. Der nahm ihn auf und sagte: »Ein gefallener Engel; es geschehen Zeichen und Wunder. Wer es wohl sein mag?«
»Ich nicht«, lachte Ebba.
»Nein«, bestätigte Pentz, und der Ton, in dem es geschah, machte, daß sich Ebba verfärbte. Aber ehe sie den Übeltäter dafür abstrafen konnte, ward es hinter der Tannen- und Zypressenwand wie von trippelnden Füßen lebendig. Zugleich wurden Anordnungen laut, wenn auch nur mit leiser Stimme gegeben, und alsbald intonierten Kinderstimmen ein Lied, und ein paar von Schleppegrell zu dieser Weihnachtsvorfeier gedichtete Strophen klangen durch die Halle.
Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.
Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.
Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.
Das Weihnachtslied von Pastor Schleppegrell aus dem 22. Kapitel von Fontanes Roman Unwiederbringlich nimmt der Situation ein wenig von der Spannung. Abgesehen davon, dass Weihnachten bei uns allen aus unerklärlichen Gründen Spannungen verursacht - selbst hier in der beschaulichen Welt des dänischen Adels vor dem deutsch-dänischen Krieg ist something rotten in the state of Denmark. Und im Privaten. Unwiederbringlich ist wie Effi Briest ein Ehebruchsroman, und er basiert wiederum auf einer wirklichen Begebenheit. Die sich natürlich nicht im Schleswigschen zugetragen hat, dahin transponiert Fontane nur die Geschichte. Denn hier oben kennt er sich aus. Natürlich kennt er sich eigentlich in Brandenburg und in Berlin aus, aber wenn irgendjemand im 19. Jahrhundert alle Sagen und Anekdoten, die man sich von der Eider bis zum Limfjord erzählt, kennt, dann ist das Theodor Fontane.
In sein Buch Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864 hatte er ungeheuer viel Arbeit gesteckt, weil er hoffte, damit die Anerkennung des Berliner Hofes zu erringen. Sein geplantes skandinavisches Buch ist unvollendet geblieben. Im Jahre 2004 wurde von Christian Andree eine Rekonstruktion des Buches herausgegeben. Es ist eine hochinteressante Lektüre, die Wanderungen durch die Mark Brandenburg werden hier nach Dänemark verlegt. Dank all dieser Vorarbeiten kann Fontane die Geschichte des Karl von Maltzahn leicht in das damals dänische Schleswig versetzen. Und so ist ihm natürlich nicht entgangen, dass der Name Schleppegrell da oben relativ häufig vorkommt. Einen dänischen General namens von Schleppegrell hat man bei der Schlacht von Idstedt vom Pferd geschossen, die Geschichte erzählt man sich in Idstedt heute immer noch.
Eigentlich kommen die Schlep(p)egrells ja aus Niedersachsen: Schlepegrell. Evangelisch. - Niedersächsischer Uradel, der mit Genehardus Slepegrelle jun., miles, 11. Okt. 1297 urkundlich (Sudendorf, Urk.-Buch der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande VI, Urk. 151) zuerst erscheint. - Wappen.: In Silber eine aufwärtsgebogene rechtsgekehrte goldbewehrte schwarze Bärentatze. Auf dem Helme mit silbernen Decken eine mit drei Pfauenfedern besteckte silberne Säule zwischen sieben goldgeschafteten mit der Bärentatze belegten silbernen Fähnlein (vier rechts, drei links gewendet). (S. 675, Gotha. Genealog. Taschenbuch der Uradeligen Häuser, 11. Jg. 1910). Einer von diesen Schleppegrells ist uns schon bei der Belagerung von Gibraltar begegnet, hier ist er auf dem Bild von John Singleton Copley im Hintergrund neben dem Colonel von Hugo.
Aber mit diesen hannöverschen Schleppegrells ist der Pastor in Fontanes Roman, der das Adventsgedicht (und eine Ballade) beisteuert nur entfernt (wenn überhaupt) verwandt. Mit dem dänischen General ist er allerdings (in Fontanes Roman) verwandt. Er ist eine imponierende Erscheinung: Dieser andre war Pastor Schleppegrell von Hilleröd, ein stattlicher Fünfziger, der seine Stattlichkeit durch seinen langen Predigerrock noch um ein erhebliches gesteigert sah. Er küßte der Prinzessin die Hand, aber mit mehr Ritterlichkeit als Devotion, und betonte dann seine Freude, seine Gönnerin wiederzusehen. Er ist am dänischen Hofe kein Unbekannter: »Nein«, lachte die Prinzessin. »Schleppegrell ist kein Dissenter-General, aber er ist freilich der Bruder eines wirklichen Generals, der Bruder von General Schleppegrell, der bei Idstedt fiel. Vielleicht zu rechter Zeit. Denn de Meza übernahm das Kommando.« »Ah«, sagte Holk. »Also daher.« »Nein, lieber Holk, auch nicht daher; ich muß leider noch einmal widersprechen. Das, was Sie ›seine Sicherheit‹ nennen hat einen ganz andern Grund. Er kam mit zwanzig Jahren an den Hof, als Lehrer, sogar als Religionslehrer, verschiedener junger Prinzessinnen, und das andre können Sie sich denken. Er hat zu viel junge Prinzessinnen gesehen, um sich durch alte noch imponieren zu lassen. Übrigens sind wir ihm und seiner klugen Zurückhaltung zu großem Danke verpflichtet, denn es lag dreimal so, daß er, wenn er gewollt hätte, jetzt mit zur Familie zählen würde. Schleppegrell war immer sehr verständig. Nebenher habe ich nicht den Mut, den Prinzessinnen von damals einen besondern Vorwurf zu machen. Er war wirklich ein sehr schöner Mann und dabei christlich und ablehnend zugleich. Da widerstehe, wer mag.«
Der Bruder des Generals von Schleppegrell wäre mir entgangen, wenn nicht mein alter Pastor Klaus Nebelung einmal einen Vortrag über die Pastoren bei Theodor Fontane gehalten hätte. Und da tauchte der Pastor Schleppegrell natürlich in aller Wichtigkeit auf. Der Pastorin Schleppegrell legt Fontane im Übrigen ein Zitat in den Mund, das sehr schön ist: Man muss sich untereinander helfen, das ist eigentlich das Beste. Sich helfen und unterstützen und vor allem nachsichtig sein und sich in das Recht des andern einleben. Denn was ist Recht? Es schwankt eigentlich immer. Aber Nachgiebigkeit einem guten Menschen gegenüber ist immer recht. Und so nehmen wir heute für einen besinnlichen Advent einmal das Adventsgedicht vom Pastor Schleppegrell und die weisen Worte seiner Gattin mit.
Samstag, 15. Dezember 2012
Paris, Sommer 1959
Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so ein Häppchen aus meinen vorläufig beiseite gelegten Jugenderinnerungen mit dem Titel Bremensien hier publiziert habe. Jetzt, wo ich Blogger bin, ruhen die erst einmal, auf einem Stick und einer externen Festplatte zusätzlich gesichert. Aber als ich las, dass Gustave Eiffel heute vor 180 Jahren geboren wurde, dachte ich mir, dass ich einen Teil meines Paris Kapitels (das erste Mal auf dem Eiffelturm!) hierher stellen könnte. Wir waren 1959 mit der Evangelischen Jugend Bremen-Vegesack unter der Leitung des Diakons Klaus Nebelung einige Wochen in einem kleinen Kaff nördlich von Amiens gewesen, hatten den verfallenen deutschen Soldatenfriedhof von Ailly-sur-Somme und viele Einzelgräber in der Umgebung wieder hübsch aufgerüscht. In den Jahren danach war die Gruppe noch mehrfach in Frankreich (einen Sommer waren wir in Jütland, aber da gab es nicht so viel zu tun. Die Dänen hatten die Gräber der Toten der Skagerakschlacht ordentlich gepflegt). Versöhnung über Gräbern hieß das Programm des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge; wir waren Teil eines historischen Prozesses, den Adenauer und De Gaulle drei Jahre später in Reims mit einer Versöhnungsmesse zelebrierten. Adenauer, der unserer Gruppe zufällig in Reims begegnete, hat damals der Ehefrau von Klaus Nebelung einen Hundertmarkschein in die Hand gedrückt, als er hörte, was wir hier in Frankreich machten. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass sein Außenminister von Brentano nur ein Fünfmarkstück locker machen wollte. Ich habe über den Friedhof von Ailly-sur-Somme vor zwei Jahren hier einige Zeilen geschrieben, und habe zu meiner Überraschung festgestellt, dass der Post am Volkstrauertag einige hundert Mal gelesen wurde. Als Belohnung für die wochenlange Arbeit in dem glühend heißen Sommer - wo es so heiß war, dass man die Stahlhelme auf den Gräbern besser nicht anfasste - gab es damals zum Schluss eine knappe Woche Paris.
Mein Paris im Juli 1959 war nicht das genormte Touristen-Paris. Gut, wir waren natürlich auf dem Montmartre. Wo ich zu meiner Überraschung meinen Klassenkameraden Wuddel Wurthmann traf. Ich habe ihn aber nicht gefragt, wie er nach Paris gekommen war. Wir haben uns nur kurz begrüßt - so in der Art wie Stanley den Dr Livingstone begrüßt hat - weil wir damals unheimlich cool waren. Ich stand natürlich auch vor dem Moulin Rouge, das ich aber nicht photographiert habe. Ich knipste die Kneipen daneben: das Restaurant de la Bohème und das Restaurant de Moulin Joyeux mit der billig davor geklebten Mühle. Der Louvre musste für mich noch ein paar Jahre warten. Hätte zeitlich auch nur für den Louvre auf Rollschuhen gereicht.
Der Eiffelturm, ja, der musste sein. Um Geld zu sparen, nahmen wir die Treppe. Die brachte einen zwar nur bis zur zweiten Plattform, aber die hundert Meter Höhe über Paris reichten auch aus. Der Wärter an der Kasse, der merkte, dass wir Deutsche waren, erzählte uns, dass die Résistance im Zweiten Weltkrieg die Aufzüge unbrauchbar gemacht hätte. Damit Hitler, wenn er auf den Eiffelturm wollte, die Treppen nehmen musste. Man merkte ihm an, dass er diese Geschichte deutschen Touristen gerne erzählte. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wahr ist, aber si non vero e bel trovato.
Hitler ist nie auf dem Eiffelturm gewesen, auf einem Photo posiert er in gehöriger Entfernung von dem Turm mit Speer und Arno Breker. Er hat sowieso nicht viel von Paris gesehen, sein Besuch fand in einem menschenleeren Paris in den frühen Stunden eines Sonntags statt. Paris hat ihm nicht gefallen. Ist der Hauptmann Ernst Jünger je oben gewesen? Oder hat es ihm gereicht, bei einem Angriff auf Paris vom Dach des Majestic den roten Himmel gespiegelt in seinem Champagnerglas zu betrachten? Ich hatte die Erstausgabe von Jüngers Auf den Marmorklippen damals noch nicht in unserem Bücherschrank entdeckt, in der auch ein heimlich abgetipptes Manuskript von Der Friede lag. Es war damals sehr gefährlich, das zu besitzen, hat mir meine Mutter gesagt. Wenige Jahre später, als ich eine kurze Ernst Jünger Phase habe, werden seine Pariser Tagebücher mich beschäftigen, aber Jünger und ich sind in einem anderen Paris gewesen. Als Ernst Jünger Paris verlässt, notiert er am 8. August 1944 in seinem Tagebuch: Noch einmal auf der Plattform von Sacré-Cœur, um einen Abschiedsblick auf die große Stadt zu tun. Ich sah die Steine in der heißen Sonne zittern wie in der Erwartung neuer historischer Umarmungen. Die Städte sind weiblich und nur dem Sieger hold. Wir sehen damals auch die Steine in der heißen Sonne zittern, haben dabei aber keine weltgeschichtlich amourösen Gedanken, wir sind einfach nur fasziniert, weil wir noch nie eine so große Stadt von oben gesehen haben.
Hitler ist nie auf dem Eiffelturm gewesen, auf einem Photo posiert er in gehöriger Entfernung von dem Turm mit Speer und Arno Breker. Er hat sowieso nicht viel von Paris gesehen, sein Besuch fand in einem menschenleeren Paris in den frühen Stunden eines Sonntags statt. Paris hat ihm nicht gefallen. Ist der Hauptmann Ernst Jünger je oben gewesen? Oder hat es ihm gereicht, bei einem Angriff auf Paris vom Dach des Majestic den roten Himmel gespiegelt in seinem Champagnerglas zu betrachten? Ich hatte die Erstausgabe von Jüngers Auf den Marmorklippen damals noch nicht in unserem Bücherschrank entdeckt, in der auch ein heimlich abgetipptes Manuskript von Der Friede lag. Es war damals sehr gefährlich, das zu besitzen, hat mir meine Mutter gesagt. Wenige Jahre später, als ich eine kurze Ernst Jünger Phase habe, werden seine Pariser Tagebücher mich beschäftigen, aber Jünger und ich sind in einem anderen Paris gewesen. Als Ernst Jünger Paris verlässt, notiert er am 8. August 1944 in seinem Tagebuch: Noch einmal auf der Plattform von Sacré-Cœur, um einen Abschiedsblick auf die große Stadt zu tun. Ich sah die Steine in der heißen Sonne zittern wie in der Erwartung neuer historischer Umarmungen. Die Städte sind weiblich und nur dem Sieger hold. Wir sehen damals auch die Steine in der heißen Sonne zittern, haben dabei aber keine weltgeschichtlich amourösen Gedanken, wir sind einfach nur fasziniert, weil wir noch nie eine so große Stadt von oben gesehen haben.
Wir waren in der Jugendherberge in Billancourt untergebracht, damals kein fashionabler Stadtteil (auch kein Stadtteil, in den sich der Dandy und Flaneur mit dem Pour le Mérite verirrt hätte). Streng genommen ist Boulogne-Billancourt gar kein Stadtteil von Paris, aber man nennt es ironisch das 21. Arrondissement, und die Bebauung geht übergangslos in Paris über. Die Métroverbindung über die Linie 9 war exzellent. Die Renaultwerke waren dort und auch die etwas heruntergekommenen Studios des französischen Films der dreißiger Jahre. Wenn wir auf der Seinebrücke Pont Renault standen, konnten wir tote Hunde in der Seine schwimmen sehen. Das schien eine nationale Eigenheit zu sein, tote Hunde in die Flüsse zu werfen. In Ailly-sur-Somme war ich beim Schwimmen in der Somme mal gegen einen gestoßen, war ein ekliges Gefühl.
Wir durften uns in kleinen Gruppen ohne Aufsicht Paris erobern - heute undenkbar, dass man Sechzehnjährige durch Paris streifen lassen würde. Aber unser Diakon Klaus Nebelung hatte Vertrauen in uns, und damals waren Sechzehnjährige auch schon erwachsener als heute. Das sagt jede Generation über eine jüngere immer wieder. Unsere Fixpunkte waren die Auberge Internationale des Jeunes in Billancourt, die Linie 9 der Métro und die Mensa der Sorbonne, für die hatten wir für die nächsten Tage Essensmarken. Das allein war natürlich schon ein Erlebnis, von dem ich ein wunderbares Detail nie vergessen werde: ein langer, eleganter schwarzer Student, der seinen gelben Döschewo vor der Mensa parkt, einen Schraubenzieher aus der Hosentasche zieht und den Türgriff abschraubt. Eine Diebstahlsicherung à la française.
Wir durften uns in kleinen Gruppen ohne Aufsicht Paris erobern - heute undenkbar, dass man Sechzehnjährige durch Paris streifen lassen würde. Aber unser Diakon Klaus Nebelung hatte Vertrauen in uns, und damals waren Sechzehnjährige auch schon erwachsener als heute. Das sagt jede Generation über eine jüngere immer wieder. Unsere Fixpunkte waren die Auberge Internationale des Jeunes in Billancourt, die Linie 9 der Métro und die Mensa der Sorbonne, für die hatten wir für die nächsten Tage Essensmarken. Das allein war natürlich schon ein Erlebnis, von dem ich ein wunderbares Detail nie vergessen werde: ein langer, eleganter schwarzer Student, der seinen gelben Döschewo vor der Mensa parkt, einen Schraubenzieher aus der Hosentasche zieht und den Türgriff abschraubt. Eine Diebstahlsicherung à la française.
Ich habe noch nicht die Attitüde des Flaneurs von Walter Benjamin und Franz Hessel. Paris hat damals in vielen Gegenden, vor allem den Vororten, auch noch nichts ✺Großstädtisches, ist eher petit bourgeois, ländlich. Man kann noch Pferdewagen sehen. Ich treibe durch die Straßen, betrachte das quirlige Leben durch den Leuchtrahmensucher meiner Kamera (natürlich die neue Werra I). Für Paris habe ich mir zu Hause extra einen Farbfilm gekauft. Wenn ich heute die Photos betrachte, dann muss ich sagen, dass das mit dem Farbfilm doch keine so gute Idee war. Die Schwarzweißphotos, die ich in Paris gemacht habe, sind einfach besser, stimmiger.
Diese ganze Epoche ist, photographisch gesehen, schwarz und weiß. Ich weiß nicht, ob Henri Cartier-Bresson (unser aller Vorbild in diesen Tagen) jemals einen Farbfilm verknipst hat. Die Photobände über Paris aus den 50er Jahren, die heute in meinem Bücherregal stehen, zeigen alle Schwarzweißphotos. Und ein Paris, das meinen Photos sehr ähnlich ist, nicht dass ich mich mit Robert Doisneau auf eine Stufe stellen oder eine direkte Linie von Eugène Atget zu mir ziehen wollte. Aber vom Photographieren versteht man in den fünfziger Jahren etwas, wenn man fünfzehn oder sechzehn ist. Unser Gemeindehaus beherbergt nicht nur die Evangelische Jugend, sondern auch ein Photolabor im Keller. Alles, was an Photoapparaten in den Schaufenstern der Drogerien Tüscher oder Seemann, bei Photo Hallfeldt oder Erich Maack in meinem Heimatort steht, kennen wir natürlich. Wir können auch die technischen Daten all dieser Kameras hersagen. Ich glaube, jeder von uns kleinen Cartier-Bressons kennt damals den Photo Porst Katalog auswendig. Die 50. Auflage von 1956 habe ich immer noch.
Ich wage mich, zum Ärger eines Flics, in die Mitte einer verkehrsreichen Straße, um den Verkehr zu photographieren. Veranstalte waghalsige Klettereien, um eine neue Perspektive für das Reiterstandbild des Marschalls Joffre mit dem Eiffelturm im Hintergrund zu finden.
Das hier habe ich mir aus dem Internet geklaut, aber ungefähr so sieht mein Photo auch aus. Ich photographiere junge Leute mit ihrem Kronenbourg in einer bar américain. Photographiere den Gardesoldaten, der mir auf seinem Weg zur Parade des 14. Juli eine halbe Stunde lang, stocksteif und unbeweglich, den Helm mit Rosshaarschweif auf den Knien, in der Métro gegenübersitzt, wage ich nicht zu photographieren. Das wäre ein tolles Photo gewesen, auch in Farbe. Aber das Licht hätte nicht ausgereicht, wie mir ein verstohlener Blick auf meinen Ikophot Belichtungsmesser verrät. Meine Kamera bleibt auch in ihrer Ledertasche, als ich durch Zufall auf eine menschenleere Avenue gerate, keine der Prachtstraßen des Barons Haussmann. Keine Menschen. Stille, nur die Hitze der Mittagsstunde. Am Ende der Straße Sandsäcke, darauf Maschinengewehre. Ich bin in ein Algerierviertel geraten. Wieder einmal wird einem vor Augen geführt, dass der Krieg nie aufhört. Über diesen Krieg redet hier niemand, erst recht am Nationalfeiertag nicht. Und über den letzten in Indochina, der erst wenige Jahre her ist, auch nicht. Wie habe ich damals an unserem kleinen Radio um die heldenhafte Krankenschwester gebangt, deren Namen niemand richtig aussprechen konnte (Geneviève de Galard Terraube), die nur der Engel von Jängjängfu hieß. Frankreichs kriegerische Vergangenheit ist in jedem Arrondissement gegenwärtig. Kriegerdenkmale gibt es überall in Paris, die Métrostationen haben Namen von Schlachtfeldern: Austerlitz, Wagram, Iéna, Trocadero, Place d’Italie, Crimée, Sébastopol, Pyramides, Stalingrad.
Das hier habe ich mir aus dem Internet geklaut, aber ungefähr so sieht mein Photo auch aus. Ich photographiere junge Leute mit ihrem Kronenbourg in einer bar américain. Photographiere den Gardesoldaten, der mir auf seinem Weg zur Parade des 14. Juli eine halbe Stunde lang, stocksteif und unbeweglich, den Helm mit Rosshaarschweif auf den Knien, in der Métro gegenübersitzt, wage ich nicht zu photographieren. Das wäre ein tolles Photo gewesen, auch in Farbe. Aber das Licht hätte nicht ausgereicht, wie mir ein verstohlener Blick auf meinen Ikophot Belichtungsmesser verrät. Meine Kamera bleibt auch in ihrer Ledertasche, als ich durch Zufall auf eine menschenleere Avenue gerate, keine der Prachtstraßen des Barons Haussmann. Keine Menschen. Stille, nur die Hitze der Mittagsstunde. Am Ende der Straße Sandsäcke, darauf Maschinengewehre. Ich bin in ein Algerierviertel geraten. Wieder einmal wird einem vor Augen geführt, dass der Krieg nie aufhört. Über diesen Krieg redet hier niemand, erst recht am Nationalfeiertag nicht. Und über den letzten in Indochina, der erst wenige Jahre her ist, auch nicht. Wie habe ich damals an unserem kleinen Radio um die heldenhafte Krankenschwester gebangt, deren Namen niemand richtig aussprechen konnte (Geneviève de Galard Terraube), die nur der Engel von Jängjängfu hieß. Frankreichs kriegerische Vergangenheit ist in jedem Arrondissement gegenwärtig. Kriegerdenkmale gibt es überall in Paris, die Métrostationen haben Namen von Schlachtfeldern: Austerlitz, Wagram, Iéna, Trocadero, Place d’Italie, Crimée, Sébastopol, Pyramides, Stalingrad.
La Madeleine heißt das Losungswort für den letzten Tag in Paris, dort soll am Nachmittag die Abfahrt zurück nach Bremen sein. Alle finden sich rechtzeitig ein, bis auf einen. Dieter B. fehlt. Der Busfahrer der Bremer Firma Elbracht wird langsam wütend, zumal er ständig von Flics ermahnt wird, dass er nicht den ganzen Tag mit seinem Bus vor der Madeleine stehen bleiben kann. Gemeindehelfer Schark folgt einem Flic zur nächsten Gendarmerie. Im Zweiten Weltkrieg war er als Feldwebel hier, er kann gut Französisch. Er kann auch gut mit Leuten, auch mit Pariser Flics. Wir organisieren unsere eigene Suchaktion. Ich habe die glänzende Idee, mich zusammen mit Ekke für Le Printemps zu entscheiden. Wenn man da vor dem Eingang steht, sieht man in einer Stunde tout le Paris. Leute zu beobachten, ist immer interessant, aber in Paris natürlich viel interessanter als in Bremen. Ob Dieter einem Werber der Fremdenlegion in die Hände gefallen ist?
Nach anderthalb Stunden hält plötzlich mit kreischenden Bremsen ein Polizeiauto neben uns, ein offener Jeep, keiner dieser großen schwarzen Citroens, die wir Gangsterautos nennen werden, wenn wir sie in den Filmen der Nouvelle Vague sehen. Die Polizisten versuchen, den zappelnden Ekke in das Auto zu zerren. Es gelingt ihm, mit Händen und Füßen den Polizisten zu erklären, dass der verloren gegangene Deutsche zwar auch blond ist, auch eine Lederhose trägt, aber zwanzig Zentimeter kleiner ist als er. Ekke ist einsachtzig. Unsere Französischkenntnisse sind marginal, da die meisten von uns in der Lateinklasse sind, wir picken aber in Ailly schnell eine Menge Alltagsfranzösisch auf. Aber als mir meine Freundin Renate in einem Brief schreibt Je t'aime beaucoup, muss ich erst Jochen Schlüter, der in der Französischklasse des Gymnasiums ist, fragen, was das heißt.
Am Abend sind wir wieder an der Madeleine, unser Bus hat mit Hilfe der Pariser Polizei einen neuen Parkplatz einige Straßen weiter gefunden. Klaus Nebelung organisiert Getränke in einem neonbeleuchteten Schnellimbiss; unsere Lunchpakete haben wir noch, wir werden im Bus schlafen. Das ist unbequem, niemand kann wirklich schlafen. Ich wandere um Mitternacht die Rue de la Paix entlang zum Place Vendôme. Es ist immer noch warm. Der Platz ist menschenleer. Er gehört jetzt ganz mir. Ich bewundere die zurückhaltende Leuchtreklame mit den Namen der Juweliere: Boucheron, Cartier, Van Cleef & Arpels, Chaumet. Chopin, der hier gestorben ist, hat an Haus No. 12 eine kleine Tafel, keine Leuchtreklame. Ein dunkelblauer Himmel mit weißen Wolkenschleiern über der Stadt, der leere Platz, die seltsame Siegessäule, geparkte dunkle Autos, die Laternen, die beleuchteten Schaufenster. Ich bin übermüdet, aber gleichzeitig hellwach. Ich kann mich nicht satt sehen.
So sehr ich mich über Dieter B. ärgere, ich verdanke ihm diesen Moment, den ich niemals vergessen werde. Das Bild bleibt im Kopf. Es gibt keine Musik dazu, aber Nuits d’été von Hildegard Behrens gesungen, wäre schon gut. Jahre später werde ich in ✺Le cercle rouge von Jean-Pierre Melville dieses gleiche Bild vom leeren Platz wieder sehen, und plötzlich bin ich wieder in Paris. Am frühen Morgen kann ich die Stadtreinigung dabei beobachten, wie sie oben auf der abschüssigen Strasse den Hydranten aufdreht, aller Dreck im Rinnstein (jetzt erkenne ich, warum der so heißt) wird nach unten gespült. Dann wird oben eine Art überdimensionierter Feudel ausgelegt: das Wasser reinigt auch die andere Straßenseite. Genial. Es wird langsam hell, auf den Straßen regt sich erstes Leben. Hat Hitlers Paris 1940 so leer ausgesehen, als er mit seinem Mercedes hier durchrauschte? Jahrzehnte später wird ein junger französischer Regisseur namens Claude Lelouch morgens um halb sechs hier auch mit einem Mercedes durch Paris fahren. Mit einer Kamera am Wagen, keine rote Ampel beachtend. Cinéma vérité, kaum zehn Minuten lang. Der Film darf im Kino nicht gezeigt werden (irrlichtert jetzt aber überall durchs ✺Internet), seinen Führerschein ist Lelouch auch los. Aber was für ein Morgen in Paris!
Dieter B. wird uns am Vormittag, wenn wir unterwegs nach Deutschland sind, von einem Polizeiauto nachgebracht werden. Er hatte den Abfahrtsort vergessen, war zurück in die Jugendherberge und hatte sich schlafen gelegt. Als ihn Waltraut Nebelung fragt, warum er sich dieses La Madeleine nicht hätte merken können, sagt er: Ach, Frau Nebelung, ich hatte schon immer Schwieirgkeiten mit Mädchennamen. Er ist sein ganzes Leben lang ein Chaot gewesen. Jemand hat mir erzählt, dass man ihn zuletzt irgendwo am Amazonas gesehen hat, seitdem ist er verschollen.
Donnerstag, 13. Dezember 2012
Dinkelacker
Ich muss mal eben einige Sätze über diesen Schuh schreiben. Das ist ja ein wirklicher Klassiker. Ich kam am letzten Wochenende mit einem Herrn ins Gespräch, der sich gerade bei ➱Kelly's genau diesen Schuh kaufte. Vor Jahrzehnten habe ich den auch getragen, inzwischen ist mir der Schuh in Budapester Art mit der Doppelsohle und der dicken Zopfnaht zu schwer geworden. Der Schuster an der Uni, 'Eiche' Eichhorst - der auch die Bälle unserer Fußballmannschaft (und die Lederverkleidungen der Verbindungsstudenten) immer wieder nähte - mochte diesen Schuh nicht. Die Messingnägel zerrissen ihm seine Poliermaschine, fluchte er. Aber er mochte mich, wahrscheinlich, weil ich der einzige war, der ihm immer gute rahmengenähte Schuhe zum Besohlen brachte. 'Eiche' Eichhorst war auch eine Fundgrube für den Uniklatsch, wenn ein Professor seine Frau mit einer Studentin betrog, wußte er es als erster. Ich als zweiter. Ich würde ja zu gerne einige dieser Geschichten hier erzählen.
Die ➱Dinckelacker Schuhe, so schön sie waren, sind für mich Vergangenheit. Heute bin ich mit den leichteren Produkten von Crockett & Jones, Edward Green und Tricker's besser bedient. Meinen tollen Schuh von ➱Cliff Roberts (den ich hier gerne noch einmal abbilde) will ich gar nicht erst erwähnen. Der Herr, der die Schuhe bei Kelly's kaufte, kam aus München, da hätte er natürlich bei Ed Meier kaufen können, der viele gute Schuhe im Laden hat (die er sich zumeist bei Crockett & Jones anfertigen lässt); aber die Qualität der Schuhe färbt leider nicht, wie mir Freunde erzählten, auf sein Benehmen ab. Gut, das waren Norddeutsche, die verstehen vielleicht die Bayern nicht. Übrigens war Stiesel das Wort, das hier mehrfach gebraucht wurde. Ich kann da nix zu sagen, ich war noch nie bei Ed Meier. Die haben da aber schöne Oberhemden. Ich kaufe die immer bei Ebay, die sind wirklich gut. Wenn man in München seine Schuhe nicht bei Ed Meier kaufen will, könnte man natürlich bei Schuh-Bertl ein Paar zwiegenähte Haferlschuhe kaufen. Ich finde, dass Haferlschuhe wirklich Stil haben.
Man hat mir einmal einen hölzernen Ed Meier Schuhputz-Set Kasten geschenkt, tolles Holz. Über die Schuhcreme von Ed Meier kann man geteilter Meinung sein. Schuhcreme ist ja, wie ich nach der Veröffentlichung des Posts ➱Schuhcreme feststellen musste, zu einer Art Minenfeld des Alltags geworden. Ich habe eine Vielzahl von Zuschriften bekommen, aus denen ich auch manches gelernt habe. Ich danke besonders dem Leser Gentleman's, dass er mich auf Collonil Diamant hingewiesen hat. Und wenn ich zu dem Thema noch etwas sagen darf: kaufen Sie sich niemals Ed Meier flüssiger Lederreiniger. Es ist hinausgeworfenes Geld.
Mein Gesprächspartner aus München war nach Kiel gekommen, weil er hier Medizin studiert und den Laden von Kelly's noch in guter Erinnerung hatte. Die Medizin besaß ja an der Kieler Universität einen guten Ruf. Vor ➱1970 war Kiel für viele die einzige Chance auf ein Medizinstudium. Weil da der berühmte Alkmar von Kügelgen (ein Nachfahre von dem ➱Goethe-Kügelgen) lehrte. Und der beurteilte die Studienplatzbewerber nicht nach ihren Noten, sondern nach ihrer charakterlichen Eignung. Wenn jemand Geige spielte, wenn jemand gebildet war und ein interessantes Hobby hatte, spielten Schulnoten für Alkmar von Kügelgen keine große Rolle. Englische und amerikanische Spitzenuniversitäten haben bei der Auswahl ihrer Studenten immer ähnlich gehandelt. Viele, die nach ihrem Abizeugnis niemals hätten Medizin studieren können, bekamen in Kiel eine Chance. Sie sind genau so gute oder schlechte Ärzte geworden, wie die, die einen Notendurchschnitt von 1,0 hatten. Viele sind Alkmar von Kügelgen heute noch dankbar, er genoss bei der Studentenschaft (obgleich er ein strenger Prüfer war) großes Ansehen. Sein Schüler Eckhard Schiffer hat ihm in Der kleine Prinz in Las Vegas: Mit spielerischer Intelligenz den Herausforderungen unserer Zeit begegnen ein kleines Denkmal gesetzt.
Den Münchener Mediziner betraf das alles nicht mehr, der war erst in den achtziger Jahren nach Kiel gekommen, da war die Kieler Zulassungsvariante längst vom Kultusministerium gekippt. Aber der Münchener kam jedes Jahr zur Weihnachtszeit aus Nostalgie noch gerne nach Kiel. Und jetzt hatte er sich diese Schuhe gekauft. Das gleiche Modell, das ich auch einmal ein Jahrzehnt lang getragen hatte. Sie hießen damals noch nicht Heinrich Dinkelacker, sie hießen Apollo. Apollo ist eine Firma, die es zwar - nach einer Vielzahl von Besitzerwechseln (Sioux, Egana Goldpfeil, Salamander) - heute noch gibt, die aber nichts mit der Qualität der Produkte der Apollo-Schuhfabrik Heinrich Dinkelacker in Sindelfingen vor fünfzig Jahren zu tun hat.
Es mag ja heute niemand mehr glauben, dass damals eine Vielzahl von deutschen Firmen, die heute in ➱China, Bangladesch oder Vietnam produzieren lassen, solides, gutes Schuhwerk herstellten. Von den deutschen Schuhfabriken wie Haueisen & Co. (Mercedes Schuhe), Salamander, Conrad Tack, Medicus, Dorndorf und Rieker haben einige als Namen überlebt. Die Qualität ist aber nicht mehr die gleiche wie vor einem halben Jahrhundert. Weil es offensichtlich alle zum schnell zusammengeklebten Billigschuh aus Fernost drängt. Und alle darauf warten, dass der Zalando Bote kommt, damit sie vor Glück kreischen können. So resümiert ein ➱Internetartikel, der über die 2011 nach Deutschland importierten 298 Millionen Paar chinesischer Schuhe berichtete: Die Statistik belegt die oft bemühte Aussage, dass die meisten in Deutschland getragenen Schuhmodelle aus verklebten Kunststoffen bestehen und in einem asiatischen Billiglohnland zu wahnwitzig niedrigen Preisen gefertigt werden. Die breite Masse greift zum scheinbar preiswerten Schuh, für einen steten Nachschub sorgt die Industrie und der Schuh, einst ein handwerkliches Meisterwerk, verkommt zu einem Wegwerfprodukt von denkbar geringer Haltbarkeit. Ich habe für diesen Teil des Satzes den Fettdruck genommen. Man kann es gar nicht fett genug schreiben.
Die einzige deutsche Schuhfabrik, die aus der Misere vielleicht ein wenig herausfällt, ist die 1888 von Hermann Friedrich Meyer in Bremen gegründete H. F. Meyer Schuhfabrik. Die sich später den weltläufig klingenden englischen Namen Lloyd zulegte, einen Norddeutschen Lloyd gab es in Bremen ja schon. Während des Krieges verlagerte die Firma ihre Tätigkeit nach Sulingen (wo sie immer schon ein Zweigwerk hatte), und dort ist sie bis heute geblieben. Die haben da natürlich auch einen Fabrikverkauf, wo sich angeblich Christian Wulff immer seine Schuhe gekauft hat. Zwei Tage bevor er zum Bundespräsidenten gewählt wurde und seine Abschiedsparty vom Lande Niedersachsen gab, trat die Firma Lloyd als Sponsor auf. Wenn man diesen ➱Bericht aus dem Jahre 2008 heute liest, hat die Verknüpfung von Politik und Wirtschaft schon ein gewisses Geschmäckle. Lloyd war einmal in der Welt der deutschen Schuhe ganz oben, dann haben sie irgendwann so schundige Qualität hergestellt, dass man sich schämte, einmal Lloyd Schuhe getragen zu haben. Aber jetzt wollen sie wieder nach oben. Mit ihrer Lloyd 1888 Premium Line. Das da ist das Modell No. 2, kostet schlappe 499,90 €. Kann man beim Otto Versand bestellen, das sichert Exklusivität. Ist angeblich Goodyear welted und nicht nur im ➱Blake-Verfahren hergestellt, hat auf jeden Fall eine Rendenbach Sohle. Sieht nett aus, aber für das Geld kriegt man bei ➱Shipton & Heanage (die vor vielen Jahren mal Crockett & Jones für einen Bruchteil des C&J Preises verkauften) schon was ganz anderes. Und wenn nicht nach England sondern nach Budapest schaut, befindet sich Lloyd mit diesem Modell in gefährlicher Nähe zu ähnlichen Modellen von Dinckelacker oder ➱Laszlo Vass.
Ich hatte meinen ersten Apollo-Dinckelacker Schuh in Hamburg gekauft. Meine Freunde in Bremen, die auch schon frühzeitig diesen schlimmen Schuh-Tick hatten, schworen auf zwiegenähte Schuhe von einer kleinen Schweizer Firma, die es heute nicht mehr gibt. Die gab es nur bei Lattemann in der Sögestraße. Mein Freund Ekke (der auch die Cartoons zu ➱Günter Grass und ➱Schweine beigetragen hat) hat mir extra für diesen Post seinen fünfzig Jahre alten, viel beanspruchten Schuh von Lattemann photographiert.
Es gibt heute ja überhaupt keine Schweizer Schuhproduktion mehr (Bally produziert da schon lange nicht mehr); dass in der Schweiz einmal die größte ➱Schuhindustrie der Welt saß, ist schon Geschichte. Die Firma ➱Dinkelacker wäre auch längst untergegangen, wenn sich nicht vor einigen Jahren von einigen Liebhabern (unter anderem dem ehemaligen Porsche Chef Wendelin Wiedeking) gerettet worden wäre. Die Heinrich Dinkelacker Schuhe werden heute in Budapest hergestellt. Was irgendwie passend ist, denn da kam der Typ dieses Schuhs eh her. Sie können ➱hier alles zu den bewegten letzten Jahren der Firma lesen.
Lattemann gibt es auch nicht mehr (gute Schuhe kann man jetzt bei ➱Hautop in der Carl Ronning Straße kaufen, die auch Dinkelacker führen), die Welt der Sögestraße hat sich in einem halben Jahrhundert gewaltig verändert. Es ist ein Wunder, dass Stiesing noch an der gleichen Stelle ist. Wir kennen das in jeder Stadt: die Kaufmannschaft, die unter Mühen nach dem Krieg eine Einkaufsstraße aufbaut, weicht eines Tages mit den kleinen inhabergeführten Geschäften den Kettenläden. Es ist der Besitzer, des Schuhhauses Lattemann ➱Gerhard Iversen gewesen, der zusammen mit anderen Anliegern der Sögestraße die Aufbaugemeinschaft Bremen gegründet hatte. Ohne ihn, der nicht nur Kaufmann, sondern auch Politiker war, wäre das mit der Sögestraße vielleicht nichts geworden. Sein Geschäftshaus wurde von dem Architekten Rolf Störmer gebaut, der auch im Planungsstab der Aufbaugemeinschaft Bremen war. Störmers Sohn Jan (bei dem es in den sechziger Jahren tolle Parties gab) ist auch Architekt geworden. Im Planungsstab des Wiederaufbaus saß damals auch der Architekt Heinz Logemann, der für den potthässlichen ➱Allianz Klotz am Eingang der Sögestraße - aber auch für das schöne ➱Ronning Haus - verantwortlich zeichnete.
Die ausufernd mäandernde Geschichte meines ersten Dinkelacker Schuhs ist noch nicht zu Ende. Sie bekommt jetzt, passend zur Jahreszeit, noch eine weihnachtliche Wendung. Es war Weihnachten, der Kauf des Weihnachtsbaumes stand an. Der Kauf des ➱Weihnachtsbaums war in meiner Familie ein alljährliches Drama, das selten, sehr selten, in Richtung Komödie ging. War eher eine alljährliche Tragikomödie. Es gab für den Tannenbaum bei meinen Eltern eine Vielzahl von mir unbekannten Kriterien, ein geheimes Regelwerk, das sich jedem entzog. Der Aberglauben spielte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wenn man als Kind schon versichert bekommt, dass man zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche aufhängen darf, weil die Wäscheleinen Wotans wilde verwegene Jagd gefährden könnten, kann man sich vorstellen, dass es auch in Bezug auf den Weihnachtsbaum genügend Aberglauben gab. Glücklicherweise wurde er nicht das ganze Jahr über aufbewahrt, was angeblich gegen Blitzschlag schützte. So weit wollte meine Mutter denn doch nicht gehen. Aber wenn die Spitze auch nur den kleinsten Knick hatte oder wenn man sie abschnitt, um Platz für den Weihnachtsstern zu schaffen, brachte das für ein ganzes Jahr Unglück über das Haus. In jenem Jahr hatte mein Vater es sich in den Kopf gesetzt, einen Tannenbaum aus einer Baumschule zu kaufen. Wir fuhren am Heiligen Abend (der Tannenbaumkauf kam immer in letzter Minute) nach Schönebeck, wo man sich in einem kleinen Wald seinen Baum selbst aussuchen konnte, Beil und Säge hatten wir dabei.
Aber keiner der Bäume in dem Wäldchen genügte den strengen ästhetischen Ansprüchen meines Vaters. Nach einer Stunde des vergeblichen Suchens hatten wir das Ende des Wäldchens erreicht, vor uns lag eine große Weide, die sich zur Schönebecker Aue senkte. Doch da unten lag in der Nachmittagsdämmerung noch ein kleines Wäldchen, zu dem es meinen Vater zog. Die Suche nach dem idealen Weihnachtsbaum ist wie die Suche nach dem Gral. Die Weide war sehr feucht, um es zurückhaltend zu sagen. Meine schönen neuen Dinkelacker Schuhe sahen nach zehn Minuten fürchterlich aus, ich hätte heulen können. Es versteht sich von selbst, dass auch in diesem kleinen Wald kein passender Baum war. Wir fuhren ohne Baum nach Vegesack zurück. Fanden dann auf dem Hinterhof von Hertie, wo der Hausmeister gerade den Hof gefegt hatte und das Tor abschließen wollte, einen Tannenbaum, den alle bisherigen Interessenten verschmäht hatten. Wir nahmen ihn, wir froren, hatten kalte Füße und keine andere Wahl. Erzähl bloß Muddi nicht, wo der her ist, sagte mein Vater. Trotz des krüppeligen Bäumchens ist kein Unglück über die Familie gekommen. Mein Vater hat stillklammheimlich seine Schuhe entsorgt und sich am Tag nach Weihnachten ein Paar neue gekauft. Die Apollo-Dinckelacker Schuhe haben es überlebt. Wenn Sie jemals zu Weihnachten auf der Suche nach dem perfekten Tannenbaum über quatschnasse Wiesen stapfen wollen, tragen Sie Dinkelacker Schuhe! Oder gleich Gummistiefel.
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