Montag, 15. April 2024

Impressionisten


Heute vor einhundertfünfzig Jahren stellten in Paris dreißig Maler ihre Bilder aus. Nicht im Salon, sondern im Atelier des Photographen Nadar. Den hatten sie überreden können, weil er dringend Geld brauchte. Eins der Bilder ist Claude Monets Impression, soleil levant. Ein Journalist nimmt sich das Wort impression für die Schlagzeile L'exposition des Impressionnistes. Seitdem heißen die Maler Impressionisten. Wenn wir das Wort heute verwenden, hat es nicht mehr die pejorative Bedeutung, die es 1874 hatte. Diese Bedeutung nimmt Bruce Berger in seinem Gedicht Impressionists auf, wo es heißt: These paintings Paris laughed down A hundred years ago Have finally attained their salon...

Den Impressionismus finden wir auch in der Literatur, Charles Baudelaire, der auch wunderbar über Malerei schreibt (lesen Sie doch einmal den Post Eugène Boudin) zählt man dazu. Und natürlich Arthur Rimbaud (hier auf dem Bild der zweite von links). Rimbaud hat der Romanist Hugo Friedrich 1956 in seinem Buch Die Struktur der modernen Lyrik (das als eine epochale Studie gilt) groß herausgestellt. Ich habe mit Hugo Friedrich so meine Schwierigkeiten, ich werde zwei Dinge nicht los. Das eine ist natürlich seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Und das andere ist eine Geschichte, die mir ein Kollege erzählte, der mal bei Friedrich wissenschaftliche Hilfskraft (Universitätsjargon: Hiwi) war. Der musste für seinen Professor immer Brötchen und Kaffee in einem bestimmten Supermarkt kaufen, weil es da Rabattmarken gab. Denn Professor Hugo Friedrich sammelte Rabattmarken. Rimbaud und Rabattmarken, wie geht das zusammen? 

Aber das lassen wir jetzt mal weg. Ich habe ein Gedicht von Rimbaud, das Marine heißt. Und ich habe hier eine Seite mit einer englischen Übersetzung, auf der man das Gedicht in englischer und französischer Sprache vorgelesen bekommt. Aber ich habe noch viel mehr, ich habe drei deutsche Übersetzungen von Rimbauds Gedicht. Die habe ich von dem Blog Lyrikzeitung & Poetry News, und für diesen Blog des Greifswalder Literaturwissenschaftlers Dr Michael Gratz muss ich mal ein bisschen Werbung machen, es ist wirklich ein ganz erstaunlicher Blog. Neben der Seite von planet lyrik ist das eine der besten Seiten zur modernen Lyrik im Netz. Und die Seite hat eben auch Rimbauds Gedicht Marine mit den Übersetzungen:

Les chars d´argent et du cuivre –
Les proues d´acier et d´argent –
Battent l´écume, –
Soulèvent les souches des ronces.
Les courants de la lande,
Et les ornières immenses du reflux,
Filent circulairement vers l´est,
Vers le piliers de la forêt,
Vers le fûts de la jetée,
Dont l´angle est heurté par des tourbillons de lumière.

Hafen

Die silbernen, kupfernen Wagen,
Schiffsschnäbel aus Silber und Stahl
Peitschen den Schaum,
Pflügen der Brombeere Ranken.

Die Ströme der Steppe,
Die unendlichen Spuren der Flut
Kreisen nach Osten hin ab,
Zu den Säulen des Walds
Zu den Bohlen der Dämme,
Im Winkel getroffen vom Wirbeln des Lichts.

Diese Übersetzung ist von Gerhard Haug, einem Übersetzer, der seit den 1920er Jahren Verlaine und Rimbaud übersetzt hat, 

Seestück

Wagen aus Silber und Kupfer –
Aus Stahl und Silber der Bug –
Durchpflügen den Schaum, –
Entwurzeln die Brombeerstrünke.

Die Ströme der Heide
Und die unendlichen Spuren der Ebbe,
Ziehen in Wirbeln gen Osten,
Zu den Pfeilern des Waldes –
Zum Holzwerk der Mole,
Gegen deren Balken andrängen Strudel von Licht.


Diese Übersetzung aus dem Jahre 1989 ist von dem Schriftsteller Uwe Grüning.

Seestück

Die Wagen von Silber und von Kupfer –
Die Buge von Stahl und von Silber –
Schlagen den Schaum, –
Heben hoch die Strünke der Dornen.
Die Ströme der Heide
Und die Spuren, unermeßlichen, der Ebbe,
Ziehen kreisend gen Osten,
Zu den Pfeilern des Walds,
Zu den Stämmen des Damms,
Dessen Kante gepeitscht wird von Wirbeln von Licht.


Und diese Übersetzung aus dem Jahr 2000 hat Michael Gratz selbst beigesteuert. Es gibt auf seiner Seite eine hervorragende Suchfunktion, mit der man unglaublich viel über Arthur Rimbaud finden kann. 

Sonntag, 14. April 2024

Mayence


Am 14. April 1793 hat die Belagerung von Mainz durch die Armee der Ersten Koalition begonnen. Die Koalitionstruppen waren in der Überzahl, am 23. Juli mussten sich die Franzosen ergeben. Sie durften mit ihren Waffen und Ehrenzeichen die Festung verlassen, mussten sich aber verpflichten, in den nächsten zwölf Monaten nicht gegen die Koalitionsarmee zu kämpfen. Der General Jean-Baptiste Kléber führt sie nach Paris zurück, wo sie auf den Straßen als die Feiglinge von Mainz (les lâches de Mayence) verhöhnt werden. Kléber hat Napoleon nicht so richtig gemocht. Da geht er hin, der kleine Schurke. Er reicht mir nicht mal bis zu den Stiefelstulpen, soll er gesagt haben, als sich Napoleon nach der Niederlage von St. Jean d'Acre (dem heutigen Akkon) davonmachte.

Als die Belagerer kommen, ist der Weltumsegler Georg Forster (im Bild oben von Tischbein gemalt), der im Jahr zuvor mit dem Mainzer Jakobinerklub die Mainzer Republik gegründet hatte, nicht mehr in Mainz. Er ist jetzt als Abgeordneter des Nationalkonvents in Paris und soll die Angliederung der Mainzer Republik an Frankreich im Nationalkonvent beantragen. Der Antrag wird angenommen, ist aber durch die Eroberung von Mainz im nächsten Jahr nicht mehr das Papier wert, auf dem er steht. Forster kann nicht mehr nach Mainz zurück, er war als Vaterlandsverräter der Reichsacht verfallen. Völlig mittellos verstirbt er mit vierzig Jahren in der Dachkammer des Maison des Patriotes Hollandais in der Rue des Moulins in Paris. Er braucht die Schreckensherrschaft nicht mehr zu erleben. In seinem letzten Brief an seine Frau schreibt er: Die Revolution ist ein Orkan, wer kann ihn hemmen? Ein Mensch, durch sie in Tätigkeit gesetzt, kann Dinge tun, die man in der Nachwelt nicht vor Entsetzlichkeit begreift. Aber der Gesichtspunkt der Gerechtigkeit ist hier für Sterbliche zu hoch. Was geschieht, muß geschehen. Ist der Sturm vorbei, so mögen sich die Überlebenden erholen und der Stille freuen, die darauf folgt.

Mein Gedicht heute ist die Grabschrift auf Georg Forster von Friederike Brun, die in Sophienholm einen Salon unterhielt und die man die Madame de Staël des Nordens genannt hat.

Weltumseegler! du suchtest auf pfadlosem Ozean Zonen,
Wo die Unschuld der Ruh’ böte vertraulich die Hand!
Edler Forscher, was fandest du dort? Die Kinder der Erde
All’ an Schwachheit sich gleich, alle dem Tode geweiht.
Sohn der Freiheit! du öffnetest ihr die männliche Seele,
Ihr, die vom Himmel herab sandte der Vater zum Heil.
Ach! es wandte die Göttinn sich schnell von der blutigen Erde;
Forster! du schwebtest mit ihr hin, wo dein Glaube sich lohnt.

Die Mainzer Republik, das erste demokratische Staatswesen auf deutschem Boden, hatte ein kurzes Leben. Sie wird in diesem Blog schon in den Posts Georg ForsterMainz und Johann Adam Ackermann erwähnt. Der letzte Post hat den Mainzer Landschaftsmaler Ackermann zum Thema, der in Paris bei Jacques-Louis David studiert hat. Vielen tausend Lesern hat dieser Post gefallen. Das gefällt mir auch. 

Samstag, 13. April 2024

Casino Royale


Heute vor einundsiebzig Jahren erschien der erste James Bond Roman Casino Royale beim Londoner Verlag Jonathan Cape. Die erste deutsche Ausgabe erschien, gekürzt und etwas zensiert, 1960 bei Ullstein. Es gab zwar in England positive Kritiken, aber ein Riesenerfolg war James Bond noch nicht. Heute gehört der fiktive englische Geheimagent zu unserem Alltag. Es gibt, glaube ich, jede Woche einen James Bond Film im Fernsehen. Dazu passt natürlich ein kleines Gedicht von Frank Schulz (der durch seinen Roman Kolks blonde Bräute berühmt wurde), es heißt Geschürt, nicht gerüttelt:

Sein Name ist Bond,
James Bond.
Das Girl, es ist blond,
schön blond.
Jawohl, Bond ist Schond.
Na ond?


Mein Gedicht des Tages ist heute Bond Girl von der Engländerin Fiona Pitt-Kethley, die in den achtziger Jahren mit ihren frechen Gedichten die englische Literatur aufmischte. Sie war für ein Jahrzehnt Kult, jede Zeitung, jedes Magazin wollte sie haben. Sie schrieb für die Times, den Telegraph, den Independent, den Guardian, den London Review of Books und den Oldie. Dann heiratete sie einen englischen Schachgroßmeister und zog mit ihm nach Spanien. Aber sie schreibt immer noch. Ist aber nicht mehr so witzig wie in The Perfect Man, aus dem dies Gedicht kommt. 2018 hat sie sich im London Review of Books auf die Stelle des Poet Laureate beworben, aber ich glaube, das war eher ein klein wenig satirisch.

Back in my extra days, someone once swore
she'd seen me in the latest James Bond film.
I tried to tell her that they only hired
the real glamorous leggy types for that.
(My usual casting was 'a passer-by'.)

I've passed the lot in Pinewood Studios.
It's factory-like, grey aluminium, vast
and always closed. Presumably that's where
they smash up all the speedboats, cars and bikes
we jealous viewers never could afford.

I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.
I could identify a touch with Bond,
liking to have adventure in my life.
The girls were something else. All that they earned
for being perfect samples of their kind -
Black, Asian, White - blonde, redhead or brunette,
groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,
mixing Martinis that were shaken not stirred
using pearl varnish on their nails not red -
was death. A night (or 2) with 007,
then they were gilded till they could not breathe,
chucked to the sharks, shot, tortured, carried off
or found, floating face downward in a pool.



Die Google-Blogger Seite, auf der ich schreibe, ist ein klein wenig defekt. Vielleicht ist dies der letzte Post bis Google das repariert. Deshalb stelle ich die mal um Mitternacht ein, ein weiß nicht, was heute noch geht.


Freitag, 12. April 2024

Panoramafenster


Heute vor zweihundertvierzig Jahren hat Mozart sein 17. Klavierkonzert vollendet. Wenn Sie das anklicken, können Sie es hören. Mozart gehört zu diesem Blog, ich habe in der Statistik zu zählen versucht, wie häufig dieser Komponist im ganzen Blog geannt wird. Ich habe bei hundert aufghört, aber da kamen noch mehr Posts. Mozart war immer in diesem Blog. Zum ersten Mal am vierten Januar 2010, da war ich einen Tag im Netz.

Zum Thema Mozart und Gedichte kann ich Ihnen diese Seite empfehlen. Das ist die Seite von Georg Nikolaus von Nissen. Und da gibt es ganz, ganz viele Mozart Gedichte. Wenn Sie zwei gelesen haben, wird es Ihnen reichen. Dann lieber so ein kleines Gedicht wie das von John Updike, in dem ein Mozart Klavierkonzert vorkommt. Das findet sich in dem Post Klavierkonzert No 24. Und wenn Sie eine Interpretation zu dem Updike Gedicht brauchen, dann lesen Sie den Post Nationalstolz

Mein Gedicht heute ist von dem amerikanischen Dichter Robert Pack, der im letzten Jahr im Alter von vierundneunzig Jahren verstorben ist. Er ist in Deutschland kaum bekannt, obgleich er deutsche Vorfahren hat. In Amerika galt er aber als Nachfolger von Robert Frost. Sein Gedicht Looking at a Mountain Range While Listening to a Mozart Piano Concerto wurde 1980 veröffentlich. Ein Jahr zuvor hat er das Gedicht bei einer Dichterlesung vorgetragen. Er sagt bei diesem Vortrag auch einiges über das Gedicht, das hat er er bei Lesungen wohl immer getan. Man muss sich etwas Zeit nehmen, um das Gedicht zu verstehen, man muss es zweimal lesen. Das ist wie bei Mozarts Musik, die man auch beim zweiten und dritten Hören besser versteht:

Looking eastward through my picture window
over the snow, the sun just down, I see
the mountain-range hazing to one shade of blue;
now with the trees obscured, it is a sweep
of shape darkening so flat, one might not
recognize a mountain-range at all— its
silhouette is just a wandering line,
drawn by a hand that might be falling asleep
or else so free that every arc it makes
of rise or fall expresses the contentment
that it feels at heart, although it leads
nowhere but on, and might as well drift off
into another range of further blue.

Brightly the piano asserts its melody;
the orchestra gathers its colors to reply,
true to the law that everything responds,
nothing is left unanswered, that variation
extends the self-as if one’s life were made
essential in a piano’s theme, departing
then returning one to what one is.
And now again it is the piano’s turn,
and now the separate instruments, again
as one, move onward to their chosen end
beyond which nothing else will be desired.

And so my ears pulse back into themselves;
my eyes return to seeing what they see:
the mountain’s silhouette-a floating line
leading my sight where visible blue ends.
It is an end in thought-my life goes on,
here I am deciding what to play next
as you appear and freshly I recall
when I first saw you, twenty years ago,
playing your flute. I thought of waterfalls
in moonlight, orioles in cherry trees—
they blossom and still flourish as I choose.
Your smile extends the silence of your pause,
and then, as if unsure where to go next,
you walk adagio past me out the door,
just as I hear the piano enter in.

The mountain’s silhouette is now less sharp.
Something seems missing as the record ends,
spinning with a hiss that empty space
must make between the stars. I move the needle
to the start, and light the lamp above my chair.
There are no mountains any more, only
my reflection in the picture window
like a surgeon’s X-ray, ghostly and remote.

I hear the introduction once again;
the piano sings so freshly that I feel
the reason why the orchestra replies. And
you return, carrying the flute
your fingers have not graced for twenty years—
as if a poem had conjured up the past
to ease the fear of darkness and of chance.
The one star in the sky is not enough
to light the mountain-range where darkness holds
the shape my window-frame provides. Once more,
for the strings’ sake, the piano states its theme;
the violins are moved, they love their part.

Although I cannot see the dark beyond
my mountain’s dark, I’ll not leave love to chance;
I watch you in the window coming near
as if to the conclusion Mozart had in mind.


Donnerstag, 11. April 2024

welke Blätter


Jacques Prévert, hier mit seiner Tochter Michelle, ist am 11. April 1977 gestorben, ich nehme diesen Tag zum Anlass, Prévert mal wieder in den Blog zu bringen. Da war er schon vierzig Mal, und es gibt natürlich auch schon einen Post Jacques Prévert. Sein bekanntestes Chanson Les feuilles mortes drucke ich heute nicht ab. Weil dieses Chanson mit souvenirs et regrets schon einen eigenen Post hat. Als Gedicht des Tages präsentiere ich eine deutsche Übersetzung, die Die welken Blätter heißt:

Erinnerst du dich so wie ich jener Tage
Die wir noch so jung und so glücklich zu zweit
So ganz ohne Sorgen verlebten, ich sage
Viel schöner als heute war damals die Zeit

Unser Lied von dem welkenden Laub unter Bäumen
Das zur Erde sinkend rasch verfällt und vergeht
Welkende Blätter mit all unsren Träumen
Von den Winterwinden verwirbеlt, verweht

In die kaltе Nacht des Vergessens
Reißt sie der Nordwind mit sich fort
Du siehst, ich weiß von diesem Lied
Das du mir sagst heute noch jedes Wort

Und dieses Lied gleicht unsrem Leben
Ich liebte dich, du liebtest mich
Wir fühlten uns reich, wir liebten uns eben
Wie ich dich liebte, liebtest du mich

Doch das Leben trennt immer wieder
Liebende die sich nicht mehr verstehn
Und das Meer löscht im Sand die Spuren
Der Liebenden die auseinandergehn

Ich weiß nicht, von wem diese Übersetzung ist, aber Hannes Wader hat das so gesungen. In zwei Sprachen. Wahrscheinlich hat er es auch selbst übersetzt. Hannes Wader hat das Lied mehrfach gesungen, aber diese unplugged-Version halte ich für die beste. Man hat das Gefühl, dass er inzwischen in dem Lied zu Hause ist, dass es jetzt sein eigenes Lied ist. Ich habe auch noch Cora Vaucair für Sie, die, wenn ich mich nicht irre, das Chanson als erste gesungen hat. Also bevor Yves Montand und Juliette Gtéco das taten.

Sie könnten jetzt noch die Posts Juliette Gréco und exis lesen. Von dem Post gibt es eine englische Version für die amerikanischen Leser. Der Yogi (Dr Joachim Reppmann, MA) hatte mich darum gebeten, weil das St Olaf College in Northfield wahrscheinlich die beste Kierkegaard Bibliothek der Welt besitzt. Und mit dem Philosphen Gordon Marino wahrscheinlich einen der wichtigsten Denker zum Thema Existentialismus. Er hat mir dieses Buch geschenkt, das ist ein wirklich gutes Buch. Und da ich bei wirklich guten Büchern bin, möchte mich bei meinem Freund Friedhard dafür bedanken, dass er mir zum Geburtstag das Buch Paris 1944 - 1962 : Dichter und Denker auf der Straße geschenkt hat.


Mittwoch, 10. April 2024

Princeton


Heute vor neunundneunzig Jahren wurde F. Scott Fitzgeralds Roman The Great Gatsby veröffentlicht. Es war nicht der Erfolg, den Fitzgerald erhofft hatte. Da ging es Fitzgerald wie Herman Melville, dessen Meisterwerk Moby-Dick auch kaum Leser fand. Fitzgerald war ein schlechter Schüler gewesen, und die Universität Princeton hatte große Bedenken ihn zuzulassen. Er wäre lieber nach Yale gegangen, aber er wusste, dass er da keine Chancen gehabt hätte. Er war auch ein schlechter Student, aber er genoss das studentische Leben und schrieb ständig kleine Dinge für das Nassau Literary Magazine. Größere akademische Leistungen sind von ihm nicht bekannt. Ein Examen hätte er nicht geschafft. Die Universität hatte schon eine Verwarnung ausgesprochen, er stand kurz vor der Relegation. Fitzgerald meldet sich zur Armee. Träumt von einem Heldentod im Krieg, da er gerade bei einer Frau nicht landen konnte. Er landet nur in einem Ausbildungslager in Fort Leavenworth, sein Vorgesetzter ist ein Captain namens Dwight D. Eisenhower. Den hasst der junge Leutnant Fitzgerald. Er langweilt sich in Levenworth, schreibt in drei Monaten einen Roman, der The Romantic Egotist heißt und schickt ihn an Scribner's. Die schicken ihm den Roman gleich wieder zurück. Aber der Cheflektor Maxwell Perkins hat Fitzgeralds Talent erkannt. Fitzgerald hat gerade eine neue Frau namens Zelda kennengelernt und schreibt den Roman um; er erscheint unter dem Titel This Side of Paradise. Der Roman erregt Aufsehen, eine Woche nach der Veröffentlichung heiratet Fitzgerald seine Zelda. 

Ein schlechter Schüler, ein schlechter Student, ein großer Autor. Es ist erstaunlich, wie viele schlechte Schüler berühmte Schrifsteller werden. Melvilles Eltern hielten ihr Kind für ein wenig minderbemittelt. Flaubert konnte mit sieben Jahren noch nicht lesen, Sartre wusste, weshalb er seine Flaubert Biographie Der Idiot der Familie nannte. Fitzgerald hat nicht nur in der Schule Schwierigkeiten mit dem Schreiben, die Rechtschreibschwäche wird er sein Leben lang behalten. Seinen Freund Hemingway schreibt er Earnest Hemminway. Sein Studienfreund Edmund Wilson wird über das Manuskript von This Side of Paradise mit den tausend Tippfehlern sagen: one of the most illiterate books of any merit ever published. Wenn Fitzgerald Max Perkins und die Lektoren von Scribners nicht gehabt hätte, wäre keiner seiner Romane veröffentlicht worden. In der Geschichte der Literatur des 20. Jahrhunderts sind Lektoren manchmal genauso wichtig wie die Autoren. Was wäre aus Thomas Wolfe geworden, wenn er nicht Maxwell Perkins gehabt hätte? Look Homeward, Angel wäre nie erschienen. Faulkner hat Albert R. Erskine (der auch noch Cormac McCarthy betreute) gebraucht. Und so weiter. Und wenn Alfred Andersch nicht gewesen wäre, wäre Arno Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas nicht gedruckt worden. 

Aber was bedeutet heute schon Rechtschreibung, ein Computerprogramm kann doch alles korrigieren. Sagt sich auch die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien und ordnet an, dass Rechtschreibfehler in Aufsätzen nicht mehr in die Deutschnote eingehen. Es ist schade, dass Fitzgerald das nicht mehr erleben kann, hier hätte er Abitur machen können. Hundert Jahre nachdem er die Universität verließ, hat ihn Princeton doch noch als Absolventen anerkannt. Fitzgerald hat wenig Gedichte geschrieben, aber ein Abschiedsgedicht auf seine Uni hat er doch geschrieben:

Princeton The Last Day

The last light wanes and drifts across the land, 
The low, long land, the sunny land of spires. 
The ghosts of evening tune again their lyres 
And wander singing, in a plaintive band 
Down the long corridors of trees. Pale fires 
Echo the night from tower top to tower. 
Oh sleep that dreams and dream that never tires, 
Press from the petals of the lotus-flower 
Something of this to keep, the essence of an hour! 

No more to wait the twilight of the moon 
In this sequestrated vale of star and spire; 
For one, eternal morning of desire 
Passes to time and earthy afternoon. 
Here, Heracletus, did you build of fire 
And changing stuffs your prophecy far hurled 
Down the dead years; this midnight I aspire 
To see, mirrored among the embers, curled 
In flame, the splendor and the sadness of the world.

Aber ist das jetzt wirklich ein Gedicht? Es steht in Prosaform im Kapitel vier von This Side of Paradise: The last light fades and drifts across the land the low, long land, the sunny land of spires; the ghosts of evening tune again their lyres and wander singing in a plaintive band down the long corridors of trees; pale fires echo the night from tower top to tower: Oh, sleep that dreams, and dream that never tires, press from the petals of the lotus flower something of this to keep, the essence of an hour.
No more to wait the twilight of the moon in this sequestered vale of star and spire, for one eternal morning of desire passes to time and earthy afternoon. Here, Heraclitus, did you find in fire and shifting things the prophecy you hurled down the dead years; this midnight my desire will see, shadowed among the embers, furled in flame, the splendor and the sadness of the world. 
Sein Potential als Dichter schreibt Fitzgerald in seine Romane. Auch The Great Gatsby ist voll von lyrischen Passagen. Gehen Sie doch einmal auf die Seite Found Poems in Gatsby.

Dienstag, 9. April 2024

böse Blumen


Charles Baudelaire hat heute Geburtstag. Der Mann, der Edgar Allan Poe übersetzte, über den Dandy und die Kunst schrieb, war immer in diesem Blog. In zweiundvierzig Posts taucht sein Name auf. Er ist immer wieder ins Deutsche übersetzt worden. Auf der Seite vom Deutschlandfunk kann man lesen, dass es hundert verschiedene Übersetzer gibt. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Auf der Seite wird die neueste Baudelaire Übersetzung von Simon Wehrle besprochen. Ist nur dumm, dass sie seinen Namen nicht richtig schreiben können, er heißt Simon Werle

Von all den Übersetzungen von Les Fleurs du Mal, die ich im Laufe der letzten Jahrzehnte gelesen habe, nehme ich mir heute für Baudelaires Gedicht Le Chat die Übersetzung von Terese Robinson. Sie war 1873 als Tochter des Strohhutfabrikanten und Landtagsabgeordneten Wilhelm Langenbach geboren worden. Sie heiratete den Hamburger Textilkaufmann Max Robinson und floh mit ihm 1939 nach Schweden. Sie ist 1945 in Malmö gestorben. In den zwanziger Jahren hatte sie Shakespeares Sonette, Epen und kleinere Dichtungen (1927) und Baudelaires Die Blumen des Bösen (hier im Volltext) übersetzt. Und unter dem Pseudonym Karin Delmar zwei Romane geschrieben. Einer davon, Gespräche im Zwielicht, ist vor wenigen Jahren wieder neu aufgelegt worden. 

Ihre Übersetzungen sind immer wieder nachgedruckt worden. Weil sie gut und lesbar sind. Bei Amazon schreibt ein Rezensent: Die sprachgewaltigen Gedichte hat Terese Robinson einmalig ins Deutsche übertragen — ein Lesegenuss. Sie sind besser als die Übersetzung von Carlo Schmid, die bei Insel erschienen war. Hat mich mal zwei Euro gekostet, aber wirklich glücklich war ich mit den Übersetzungen nicht. Der Meinung ist auch Monika Fahrenbach-Wachendorff, die Les Fleurs du Mal für Reclam übersetzt hat. Um genau zu sein: das 2020 erschienene Buch ist die Überarbeitung einer Übersetzung aus dem Jahre 1980. Sie können zu dem Thema Übersetzungen von Les Fleurs du Mal hier einen langen Aufsatz von ihr lesen. Monika Fahrenbach-Wachendorff sagt in ihrem Nachwort der Reclam Ausgabe über ihre eigene Übersetzung.

Bei meiner Lektüre der 'Fleurs du Mal' in den siebziger Jahren habe ich mich auch mit einigen Übersetzungen beschäftigt, so mit der Nachdichtung von Stefan George, der Übertragung von Karl Schmid und der Prosaübersetzung von Friedhelm Kemp. Dieser anregenden Auseinandersetzung verdanke ich manches und letztendlich sogar den Wunsch, eine eigene Übersetzung zu wagen.

Jede Übersetzung spiegelt nur eine mögliche Lesart des Originals und ist sprachlich und in ihrem Textverständnis von ihrer Entstehungszeit geprägt. Insofern kann keine das zeitübergreifend gültige Original vollständig erfassen, sondern immer nur der Erhellung eines oder mehrerer Aspekte dienen und diese im Medium einer anderen Sprache lebendig werden lassen, wobei sie jedoch deren eigenen semantischen, syntaktischen und metrischen Bedingungen unterliegt.

Als Lesehilfe ist zweifellos eine nüchterne, klare Prosaübersetzung am besten geeignet. Aber Lesern, die wenige oder gar keine Französischkenntnisse besitzen, vermittelt die bloße Wiedergabe des Inhalts relativ wenig von dem, was ein Gedicht ausmacht, nämlich seine sprachliche Gestalt. Deshalb darf gerade sie in einer Übersetzung nicht vernachlässigt werden. Die Erfahrungen und Empfindungen, die in einem Gedicht zum Ausdruck kommen, werden ja nicht rein gedanklich entwickelt, sondern in einer sinnlich-anschaulichen Sprache, oft auch in Bildern, dargestellt und entfalten so eine eigene Emotionalität. Diese wird auch – und das erst konstituiert ein lyrisches Gedicht – durch eine große Dichte an bedeutungstragenden Wörtern und klanglich-rhythmischen Elementen hervorgebracht. Das »Was« des Dargestellten lebt erst durch das »Wie« der Darstellung, die durch ihre Dynamik (ihr Tempo, ihre Steigerungen und Verzögerungen, durch Parallelführung und Wiederholung von Worten und Lauten) und in ihrer rhythmischen Bewegtheit, die sich in Spannung zum Metrum entwickelt, eine Intensität und einen Sog erzeugen kann, der den Leser mit hineinnimmt in eine neu zu erfahrende Wirklichkeit.


Beim Projekt- Gutenberg gibt es Die Blumen des Bösen in der Übersetzung von Terese Robinson. Und auch noch: Les fleurs du mal im französichen Original. Dann die Die Blumen des Bösen / Les fleurs du mal zweisprachig, deutsch wieder von Terese Robinson. Und zwei berühmt gewordene Übersetzungen: Die Blumen des Bösen in der Übertragungen von Walter Benjamin und Die Blumen des Bösen in der Nachdichtung von Stefan George. Und jetzt gibt es die Katze, die genaugenommen ein Kater ist. Wenn da la chatte gestanden hätte, dann hätte das Gedicht eine ganz andere, sexuelle Konnotation:

Le Chat

Viens, mon beau chat, sur mon coeur amoureux;
Retiens les griffes de ta patte,
Et laisse-moi plonger dans tes beaux yeux,
Mêlés de métal et d'agate.

Lorsque mes doigts caressent à loisir
Ta tête et ton dos élastique,
Et que ma main s'enivre du plaisir
De palper ton corps électrique,

Je vois ma femme en esprit. Son regard,
Comme le tien, aimable bête
Profond et froid, coupe et fend comme un dard,

Et, des pieds jusques à la tête,
Un air subtil, un dangereux parfum
Nagent autour de son corps brun.

Bei Terese Robinson klingt das so:

Komm, schöne Katze, und schmiege dich still
An mein Herz, halt zurück deine Kralle.
In dein Auge ich träumend versinken will,
Drin Achat sich verschmolz dem Metalle.

Wenn meine Hand liebkosend und leicht
Deinen Kopf und den schmiegsamen Rücken,
Das knisternde Fell dir tastend umstreicht
Sanft, doch berauscht vor Entzücken,

Dann seh' ich sie. Und ihres Blickes Strahl
Er scheint dem deinen, schönes Tier, zu gleichen,
Ist tief und kalt, scharf wie geschliffner Stahl,

Und feine Düfte fühl' ich zitternd streichen,
Gefährlich süssen Hauch, der gluterfüllt
Den braunen Leib von Kopf zu Fuss umhüllt.


Das schöne Bild Epigraphe pour un livre condamné da ganz oben ist von dem belgicshen Symbolisten Jan Frans De Boever aus dem Jahre 1924. Damals hat Terese Robinson angefangen zu übersetzen.

Montag, 8. April 2024

Port-au-Prince


Ich habe über das Wochenende noch mehr von dem amerikanischen Dichter Eugene Ethelbert Miller gelesen, der hier gestern im Blog war. Ein Gedicht fiel mir besonders auf, es heißt Port-Au-Prince. Mit diesem Namen sind wir in der einst von den Franzosen beherrschten Karibik; da waren wir mit dem schönen Post Vaterlandsverräter?, in dem es viel Musik gibt, schon einmal. 

Den Namen Port-Au-Prince kenne ich, seit ich vor Jahrzehnten mit meinem Photoapparat auf der anderen Seite der Weser unterwegs war. Und in Lemwerder neben der Fähre, im Bootshafen von Abeking & Rasmussen, eine Luxusyacht aus Mahagoni sah, deren polierten Heckspiegel in großen Lettern der goldene Schriftzug Port-au-Prince zierte. Ich wusste damals nichts von Papa Doc Duvallier (dem diese Yacht vielleicht gehörte) oder Baby Doc Duvallier, wusste nichts von all den Diktatoren in jener Gegend der Welt. Auch von Porfirio Rubirosa, dem Schwiegersohn des Diktators der Dominikanischen Republik hatte ich noch nie gehört. Heute kann ich Andreas Zielcke wunderbares Buch Der letzte Playboy: Das Leben des Porfirio Rubirosa unbedingt empfehlen. Ich muss auch gestehen, dass ich damals, als ich das Boot bestaunte (das Farbphoto habe ich immer noch), auch Heinrich von Kleists Die Verlobung in St. Domingo noch nicht gelesen hatte. Und mit dieser Novelle sind wir eigentlich mitten in unserer Geschichte. 

Das steht so in dem Post Haiti, und das war das erste, das mir einfiel, als ich das Gedicht Port-Au-Prince von Ethelbert Miller las: 

Port-Au-Prince

inside the car
françois and i
could see the light
coming from the
cigarette michele
duvalier was smoking
her husband
declared president
for life looked like
a fat chauffeur
sitting beind the
wheel

françois
and i smiled

the small
procession of cars
slipping past us
in the dark

we did not know
that a few miles
away people were
already celebrating
nor could we see
joy on the faces
of the men who ran
holding knives and
sticks to the place
where papa doc
was buried
tonight even
ghosts will die

as françois and i
walk barefoot
at the center
of port-au-prince


Heute wird man bei Abeking & Rasmussen keine Schiffsnamen und Heimathäfen mehr photographieren können. Was sie bauen, bleibt streng geheim. Da steht dann im Baunummernbuch (das hier vollständig zugänglich ist) nur n.n. Die Yachten werden für Millionäre und Milliadäre gebaut, für Scheichs und vielleicht auch für Diktatoren. Aber wahrscheinlich wird kein Boot mehr nach Port-au-Prince geliefert. Obgleich es da noch bei aller Armut und aller Kriminalität noch genügend Millionäre gibt.

Sonntag, 7. April 2024

Billie Holiday


Billie Holiday hat heute Geburtstag. Sie wird immer wieder in diesem Blog erwähnt, wirklich immer wieder. Zum Beispiel in dem Post über den Historiker Eric Hobsbawm, der einen Essay über Billie Holiday geschrieben hat. Und der nebenbei als Jazzkritiker arbeitete. Unter dem Pseudonym Francis Newton. Der Trompeter, der Billie bei  Strange Fruit begleitete, hieß auch so. War auch Kommunist wie Hobsbawm. Billie Holiday hat natürlich schon einen Post, der Lady Day heißt. Darin gibt es ein Billie Holiday Gedicht von Frank O'Hara, das Rolf Dieter Brinkmann ins Deutsche übersetzt hat. Nicht jeder von uns hat die Chance wie Frank O’Hara, Lady Day im Five Spot zu hören while she whispered a song along the keyboard/to Mel Waldron and everyone and I stopped breathing. 

Inzwischen gibt es leider kaum noch Platten, außer diesen neuen Retro Platten, die bei ebay unter der modischen Bezeichnug Vinyl laufen. Aber die CDs sind praktisch. Die kann man zu kleinen Türmen stapeln. Mein Stapel von Jazz Singers, in dem auch die Billie Holiday CDs drin sind, erreicht schon die Höhe einer Sängerin. Das steht schon in dem Post über die Hamburger Sängerin Ingeburg Thomsen. Da steht auch noch: überall in den Clubs tauchen immer wieder Blondinen im kleinen Schwarzen auf, vielversprechende Talente. Irgendwie scheint das die einzige Spezies auf der Welt zu sein, über deren Fortbestand man sich keine Sorgen machen muss. 

Ich habe heute hier noch ein schönes kleines Billie Holiday Gedicht von dem schwarzamerikanischen Dichter Eugene Ethelbert Miller, das ich gerade gefunden habe. Es heißt Billie Holiday und ist 1993 in seinem Gedichtband First Light: New and Selected Poems erschienen. Man kann bei Google Books einiges von den Gedichten lesen, nicht alles, aber doch eine Menge:

sometimes the deaf
hear better than the blind

some men
when they first
heard her sing

were only attracted
to the flower in her hair

Wenn Sie jetzt alles über die ikonische Gardenie in Billies Haar lesen wollen, Vogue ist bestimmt die richtge Adresse dafür.
 

Samstag, 6. April 2024

rainy day

Es hatte gestern den ganzen Tag geregnet. Als ich mir am Nachmittag meinen Tee machen wollte, war es so duster, dass ich in der Küche das Licht anmachen musste. Es war ein trister Tag. Er wurde nur dadurch aufgehellt, weil arte in der Nacht Rickie Lee Jones sendete. Ich hätte jetzt ins Bett gehen können, weil es halb zwölf war, aber ich blieb vor dem Fernseher. Weil sie den September Song so sang, wie ich ihn noch nie gehört habe. Den September Song kenne ich, der hat in diesem Blog schon den Post September Song. Und es gibt in diesem Blog auch schon seit zehn Jahren einen Post Rickie Lee Jones. Die Frau ist jetzt seit fünfundvierzig Jahren auf der Bühne, sie ist immer noch gut. Ein Lied über den Regen, Here's That Rainy Day von Jimmy Van Heusen und Johnny Burke, hatte sie auch im Programm. Und das nehme ich heute mal als Gedicht des Tages:

Maybe I should have saved
Those leftover dreams
Funny, but here′s that rainy day

Here's that rainy day
They told me about
And I laughed at the thought
That it may turn out this way
Where is that worn out wish

That I threw aside
After my lover was so near
Funny how love becomes
A cold rainy day
And funny, that rainy day is here

Funny how love becomes
A cold rainy day
And funny, that rainy day is here
That rainy day, that rainy day is here

Wenn Sie die Version von Rickie Lee Jones hören wollen, dann klicken Sie hier.

Freitag, 5. April 2024

Kinderhymne


Nationalhymnen haben häufig etwas Martialisches und Bedrohliches an sich. Das kann man ihnen nehmen, Graeme Allwright hat das in Frankreich getan. Als Nicolas Sarkozy im Jahre 2005 anordnen wollte, dass jedes Schulkind in Frankreich die Nationalhymne auswendig lernen sollte, fragte sich Allwright, ob kleine Kinder in der Schule wirklich diesen Text lernen sollten: Je me suis toujours demandé comment les Français peuvent continuer à chanter, comme chant national, un chant de guerre avec des paroles belliqueuses, sanguinaires et racistes. Und er fügte hinzu: Le jour où les politiques décideront de changer les paroles de La Marseillaise, ce sera un grand jour pour la France. Aber dieser jour de gloire ist nicht gekommen, Sarkozy interessierte das alles nicht. Und so schrieb Allwright eine neue, pazifistische ✺Marseillaise. Keinen chant de guerre avec des paroles belliqueuses, sanguinaires et racistes. In der in ersten Zeile ist von den Kindern die Rede. Eine Kinderhymne, wenn man so will:

Pour tous les enfants de la terre
Chantons amour et liberté.
Contre toutes les haines et les guerres
L’étendard d’espoir est levé
L’étendard de justice et de paix.
Rassemblons nos forces, notre courage
Pour vaincre la misère et la peur
Que règnent au fond de nos cœurs
L’amitié la joie et le partage.
La flamme qui nous éclaire,
Traverse les frontières
Partons, partons, amis, solidaires
Marchons vers la lumière.

Eine deutsche Kinderhymne hat es auch schon einmal gegeben, Bert Brecht hat sie 1950 geschrieben, Hanns Eisler hat sie vertont. Beinahe ein halbes Jahrhundert später hat es Wolf Biermann gesungen:

Kinderhymne

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Iring Fetscher hat dazu gesagt, dass Brechts Kinderhymne das schönste Deutschlandlied ist, das er kenne. Iring Fetscher war kein Literaturwissenschaftler, er war Philosoph. Sein Assistent Walter Euchnere hatte bei ihm seine Doktorarbeit über John Locke geschrieben, und Fetscher hat zu Euchners Büchern Vorworte beigetragen. Und er hat Alexandre Kojèves Buch über Hegel übersetzt. Das weiß ich, weil mein Freund Jimmy mir sein Exemplar geschenkt hat. Jimmy hatte eine vierhundertseitige Doktorarbeit über Hegel im Schreibtisch, die er nie abgegeben hat. Wenn Sie den Post Hegel gelesen haben, werden Sie sehen, dass dieser Philosoph nicht so meine Sache ist. Aber das Buch von Kojève habe ich gelesen. Wenn Sie Fetschers Interpretation der Kinderhymne lesen wollen, dann klicken Sie hier.

Nationalhymnen waren häufig ein Thema dieses Blogs. Der Post Silversteransprache handelt davon. Und an dem Post hängen unten ganz viele Links zu all den Posts, in denen von Nationalhymnen die Rede ist. Von German German Overalls bis zu den Schweizern, die an der Beresina das Schweizerlied singen.

Donnerstag, 4. April 2024

Deep Blue


Manchmal schwänzten mein Vater und ich sonntags die Kirche. Dann spielte er mit seinem Schachclub in kleinen Kneipen rund um den Ort, in Grohn, Aumund oder Blumenthal. Ich durfte mir immer eine Sinalco vom Wirt holen. Es war ein bisschen langweilig in den Kneipen, aber nicht so langweilig wie Kirche. Ich beobachtete die Spieler, wartete darauf, dass sie mit der Handfläche auf die Schachuhr schlugen. Ich lernte, wie man die Figuren auf das Brett stellt. Helmut Schmidt und Per Steinbrück wussten das für ein Pressephoto nicht, das sie beim Schachspiel zeigt. Ich lernte nicht nur, die Figuren richtig aufzustellen, mein Vater brachte mir mit den Jahren peu à peu das Schachspiel bei. Ich lernte, was eine Rochade und eine Bauernumwandlung ist; und was es bedeutet, einen Bauern en passant zu schlagen. Wir spielten jahrelang, ich habe ihn nur einmal geschlagen. Aber ich glaube, er hat mich gewinnen lassen. Mein Bruder hat meinen Vater zweimal geschlagen, aber der übte zu Hause mit einem Schachcomputer. Der hieß Mephisto, aber es gab auch einen, der Deep Blue hieß. Doch den konnte man nicht kaufen.

Viele Schriftsteller haben das Schachspiel in die Literatur gebracht, da fällt uns natürlich sofort Zweigs Schachnovelle ein. Aber das Spiel findet sich auch in Alice in Wonderland. Und wir finden es immer wieder bei Raymond Chandler. So zum Beispiel in The High Window:

It was night. I went home and put my old house clothes on and set the chessmen out and mixed a drink and played over another Capablanca. It went forty-nine moves. Beautiful and remorseless chess, almost creepy in its silent implacability. When it was done I listened at the open window for a while and smelled the night. Then I carried my glass out to the kitchen, and rinsed it and filled it with ice water and stood at the sink sipping it and looking at my face in the mirror.
'You and Capablanca,' I said.


Oder in The Big Sleep:

I set out the chess-board. I filled a pipe, paraded the chessmen and inspected them for French shaves and loose buttons, and played a championship tournament game between Gortchakoff and Meninkin, seventy-two moves to a draw, a price specimen of the irresistible force meeting the immovable object, a battle without armor, a war without blood, and as elaborate a waste of human intelligence as you could find anywhere outside an advertising agency.

Dass ich heute zufällig ein Gedicht zum Thema Schach habe, verdanke ich einem Geburtstagsgeschenk, einem Band aus der Reihe des Lyrikmagazins Dreizehn Gedichte. Und da fand ich das Gedicht deep blue (*1997) von Anja Kampman:

man nannte sie deep blue 
vielleicht weil man noch glaubte 
an den ozean und seine alte kraft 
oder die strömung des pazifiks 
wie sie weitergeht von land zu land 
der große geist und die bewegung 
eines hirns 
deep blue vielleicht nicht gerad bewusstsein 
doch etwas rechnete hier spielte 
schach kasparov unser held 
wie war dir wohl als du verlorst 
beim sechsten spiel und gegen welche 
kraft? teichpumpe 
gegen ozean die geisteskraft 
des menschen seele, ha 
was denkst du welches blau 
wir heute sehen?

Dienstag, 2. April 2024

Hans Christian Andersen


Hans Christian Andersen hat heute Geburtstag, für ihn gab es am zweiten April schon häufig einen Post. Denn Andersen war von Anfang an in diesem Blog; seine Märchen waren eins der ersten Bücher, das ich las. Ich hatte es schon gelesen, bevor ich zur Schule kam. Weil mein Opa mir das Lesen beigebracht hatte. 

Auf einer Deutschlandreise hatte Andersen in Berlin den Dichter Adelbert von Chamisso getroffen, was für ihn ein Glück war: Chamisso konnte Dänisch lesen; ich schenkte ihm meine Gedichte, und er wurde der erste, der mich übersetzte, der mich in Deutschland einführte. Es gibt heute das Gedicht Verratene Liebe in der Übersetzung von Adelbert von Chamisso. Robert Schumann hat es zusammen mit anderen Gedichten Andersens vertont und hat Andersen die Noten nach Dänemark geschickt: Nehmen Sie denn meine Musik zu Ihren Gedichten freundlich auf. Sie wird Ihnen vielleicht im ersten Augenblick sonderbar vorkommen. Ging es mir doch selbst erst mit Ihren Gedichten so! Wie ich mich aber hineinlebte, nahm auch meine Musik einen immer fremdartigeren Charakter an. Also, an Ihnen liegt die Schuld allein. Wenn Sie das Lied hören wollen, ich habe es hier von Dietrich Fischer-Dieskau gesungen:

Da nachts wir uns uns küßten, o Mädchen,
Hat keiner uns zugeschaut.
Die Sterne, die standen am Himmel,
Wir haben den Sternen getraut.

Es ist ein Stern gefallen,
Der hat dem Meer uns verklagt,
Da hat das Meer es dem Ruder,
Das Ruder dem Schiffer gesagt.

Da sang der selbige Schiffer
Es seiner Liebsten vor.
Nun singen′s auf Straßen und Mäkten

Die Knaben und Mädchen im Chor.



Montag, 1. April 2024

die goldene Seiko

Ich sammle sie nicht, aber ich habe nichts gegen japanische Uhren. Meine geerbte Seiko Quarzuhr, die unter Sammlern auch die Barschel-Uhr heißt, habe ich schon in dem Post Quarzuhren erwähnt. Ich habe noch zwei, drei Seikos und eine Citizen, alle mechanisch und über sechzig Jahre alt. Die Japaner, die heute den Markt beherrschen, waren spät dran mit der Entwicklung von eigenen Uhrwerken. In den fünfziger Jahren kauften sie sich noch Rohwerke bei der schweizer Firma Moeris. Eine sehr gute und sammelwürdige Firma, die auch einmal eine hässliche James Bond Uhr auf den Markt brachte. 1956 kommt die Marvel auf den Markt, die zum ersten Mal ein eigenes Seiko Werk enthält. Inzwischen können die Japaner alles, nicht nur die Quarzuhren, mit denen sie beinahe die Schweiz ruiniert hätten, Die Grand Seiko ist wahrscheinlich besser als eine Rolex. So etwas bekommt man natürlich nicht auf dem Flohmarkt. Diese elegante Seiko hier, die wie eine coole alte IWC aussieht, kommt allerdings vom Flohmarkt, hat mich vor über dreißig Jahren zehn Mark gekostetet. 

Es ist das Modell Champion 850, hat auf dem Gehäuseboden ein kleines Seepferdchen und die Aufschrift Seahorse auf dem Zifferblatt. Ich weiß nicht, ob das wirklich als Konkurrenz zu Omegas Seamaster gedacht war. Es gibt die gleiche Uhr auch noch mit dem Modellnamen Alpinist, dafür zahlen Sammler heute viel Geld. Die Zehn-Mark-Zeiten sind vorbei. Die 17-steinigen  Seikosha Werke in den Uhren sind einfache Werke, sie haben noch nichts mit den Werken einer Grand Seiko zu tun. Es war ein langer Weg bis die Japaner Chronometer bauten. Ich zitiere mal eben einen Absatz aus dem Post Precision Class:

Die Unruh des Eterna Kalibers 852 hat übrigens einen Durchmesser von 13,5 mm - das Zenith 135 kommt sogar auf 14 mm - das erreichen manchmal kleine Taschenuhren nicht. Dieses Bild hätte nicht unbedingt sein müssen, das ist ein Citizen Chronometer mit einem 13-linigen Werk (und 31 Steinen!). 1963 hatte die Schweiz der Firma Seiko zum ersten Mal erlaubt, an einem Wettbewerb für Chronometer teilzunehmen. Wenige Jahre zuvor waren Seiko und Citizen noch nicht in der Lage gewesen, eigene Uhrwerke zu bauen. Jetzt sind sie bei den Chronometern mit dabei. Mit einem Werk, zu dem man nur sagen kann: form follows function. Oder: potthässlich.

Und mit diesem Wort komme ich zu meiner neuesten Seiko. Ich hatte für eine Freundin einen Stapel Uhren begutachtet und Kurzgutachten für die seltenen getippt. Ich hatte sie gefragt, ob ich mir von dem nicht so wertvollen Rest eine nehmen dürfte. Durfte ich. Ich nahm mir diese 37 Millimeter große goldene Seiko Weekdater, weil ich so etwas noch nie gesehen hatte. Da war auch kein braunes Lederband dran, sondern ein goldfarbenes Millanaise Band, signiert Seiko. Ein Traum, oder Alptraum, in Gold. Ist natürlich nur vergoldetes Messing. Goldene Uhren sind nicht mein Ding, ich besitze auch nur zwei goldene Uhren. Das Band musste erst einmal von der Uhr, soviel Gold ging nicht. Ich passte ein Lederband an, dann ein anderes, aber das Ganze gefiel mir nicht richtig.

Die inzwischen polierte Uhr (den Edelstahlboden habe ich mit Cape Cod behandeltt) lief hervorrgend, das muss man der Firma Seiko lassen. Das Seiko Automatikwerk Kaliber 8306A mit einer Seiko Diashock Stoßsicherung galt vor sechzig Jahren als das beste Seiko Automatikwerk der (gehobenen) mittleren Qualität. In die King Seiko oder die Grand Seiko kam schon etwas Besseres. Es läuft mit langsamen 18.800 Halbschwingungen pro Stunde und hat dreißig Steine. Mehr als fünfundzwanzig braucht keine Automatik, da reden Sammler schon ironisch von einer Geröllhalde..

Bei den Steinen hat man wahrscheinlich auch die Diafix Caps für das Ankerrad und das Sekundenrad mitgezählt. Die kann man hier links von der Rotorachse sehen. Das 8306 A ist nicht mehr das berühmte magic lever Automatikwerk, sondern ein Werk, das schon einem ETA Werk ähnelt. Man kann es mit der Hand aufziehen, das kann man nicht bei allen Seiko Automatikuhren. Der Vorgänger dieses Werks, das Kaliber 830, hatte keinen Handaufzug. Das Werk hat eine Schnellschaltung für das Datum, aber keine für den Wochentag. Die Uhr hat eine Art wasserdichtes Monocoque Gehäuse, wenn man an das Werk heran will, muss man kräftig gegen das Glas drücken. Das kann man hier im Video sehen. Man muss das mal gesehen haben, sonst glaubt man das nicht. 

Es gibt aber auch Modelle, bei denen man das Glas abnehmen muss, um an das Werk zu kommen. Und um zu betonen, dass die Uhr wirklich wasserdicht ist, heißt sie auch noch Sea Lion. Wasserdichte Uhren hießen bei Seiko Sea Horse, Silver Wave, Dolphin, Tuna und eben Sea Lion. Es gab auch einmal eine Tsunami Welle auf dem Gehäuseboden einer Taucheruhr. Die Firma Seiko liebte verwirrend viele Namen und Modellbezeichnungen auf ihren Uhren. Dieser Weekdater heißt M99 Seiko Sea Lion 8306-8041.

Obgleich die Seiko mit frisch poliertem Gehäuse und polierten Glas mit einem Lederband nicht schlecht aussah, wollte ich schließlich doch das originale Millanaise Band wieder dranbauen. Ich hatte einige Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass das Band das wahre Leckerli dieser Uhr war. Seiko hat es von der Firma Stelux, es ist unter der Schließe aufwendig signiert. Made in Honkong steht auch noch dabei. Und 10K Gold Filled, es ist also wirklich ein bisschen Gold in dem goldigen Armband. Der Name Stelux ist aus den Wörtern steel und luxury gebildet worden, es war einmal der Markenname der amerikanischen Firma Kreisler. Der Markenname Stelux gehört heute einer Holding in Hongkong, die ganz groß im Uhrengeschäft ist. Die Gruppe hat auch die Seiko Verkaufsrechte für Hongkong, Singapur und Malaysia. Leider passte das goldene Band nicht, ich musste es in der Schließe kürzen, was wieder Fummelei bedeutete. Und es musste sauberer werden. Nach zwei Gängen im Miele Geschirrspüler sah es wieder wie neu aus.

Der Poetry Month hat begonnen, das gibt es bei mir seit dem Jahr 2010. Einen Monat lang Gedichte. Da die goldene Seiko eine japanische Uhr ist, nehmen wir etwas Japanisches. Da bietet sich das Haiku an. Und da es vorgestern im Fernsehen Hitchcocks Vögel gab, nehme ich ein Haiku von Uli Becker:

Tun kein Auge zu
heut nacht vor lauter Vögeln,
Hommage à Hitchcock
.

Sonntag, 31. März 2024

Ostern


Happy Holy Week! verkündete Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social. Ich weiß nicht, ob happy das richtige Wort für die Karwoche ist, aber hören wir ihm zu: As we lead into Good Friday and Easter, I encourage you to get a copy of the God Bless The USA Bible. All Americans need a Bible in their home and I have many. It's my favorite book. It's a lot of people's favorite book. Der ehemalige Präsident macht in der Karwoche Reklame für eine Bibel der God Bless the USA Bible Company. Die Bibel kostet 59.99 Dollar, und vielleicht bekommt der Donald etwas ab. Er kann ja jeden Cent gebrauchen. Man bekommt für das Geld nicht nur das Alte und das Neue Testament in der King James Version, da ist auch noch die Declaration of Independence, die US Constitution und der Text des Lieds God Bless the USA von Lee Greenwood mit dabei. Das Lied, das der Country Sänger Greenwood vor vierzig Jahren geschrieben hat, ist laut Donald Trump eine National Anthem.

Amerikanische Theologen sprechen angesichts der Vermarktungsaktion der Trump Bibel von Häresie und Sakrileg. Aber was kümmert das den Mann, dessen liebstes Buch die Bibel ist. Ein Reverend Benjamin Cremer hat auf dem Twitter Nachfolger über Trumps Aktion getwittert: It is a bankrupt Christianity that sees a demagogue co-opting our faith and even our holy scriptures for the sake of his own pursuit of power and praise him for it rather than insist that we refuse to allow our sacred faith and scriptures to become a mouthpiece for an empire. Wo er recht hat, hat er recht. 

Am Anfang Amerikas standen Glaubensflüchtlinge aus England, deren liebstes Buch auch die Bibel war. Der Prediger John Winthrop hat 1630 in seiner berühmten Predigt gesagt: For we must consider that we shall be as a city upon a hill. The eyes of all people are upon us. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy hatte sich Winthrops Worte als Vorbild genommen: I have been guided by the standard John Winthrop set before his shipmates on the flagship Arbella three hundred and thirty-one years ago, as they, too, faced the task of building a new government on a perilous frontier. "We must always consider", he said, "that we shall be as a city upon a hill—the eyes of all people are upon us". Today the eyes of all people are truly upon us—and our governments, in every branch, at every level, national, state and local, must be as a city upon a hill—constructed and inhabited by men aware of their great trust and their great responsibilities. Donald Trump weiß wahrscheinlich nicht, wer John Winthrop war. 

Wenn man Winthrops Predigt als Vorbild nimmt, dann muss man auch sagen, dass sich die verschiedenen puritanischen Gemeinden Neuenglands oft spinnefeind sind. Jeder kann etwas aus der Bibel herauslesen, da wird sich in der Welt bis heute nichts ändern. Und die Puritaner betreiben Hexenjagd, was Ambrose Bierce zu seiner Rational Anthem herausforderte:

My country 'tis of thee,
Sweet land of felony,
Of thee I sing--
Land where my fathers fried
Young witches and applied
Whips to the Quaker's hide
And made him spring.


Der Begriff Hexenjagd ist wieder en vogue. Niemand gebraucht das Wort so häufig wie Donald Trump. Es gibt zwar keine Hexenjagd auf Donald Trump, aber es gibt eine Verbindung zu der Zeit, als in Amerika wirklich eine Hexenjagd herrschte. Und diese Verbindung heißt Roy Cohn, der Rechtsberater des faschistoiden Senators Joseph McCarthy. L'avocat du diable hat ihn der französische Journalist Philippe Corbé genannt. Und Roy Cohn hat dem jungen Donald Trump die Dinge beigebracht, die Trump für seinen Aufstieg brauchte: leugnen, lügen, angreifen, verleumden, verklagen. Niemals entschuldigen. Man wünschte sich, Amerika hätte heute wieder jemanden wie John Wise. Ein Mann, der es wagt, die angeklagten Hexen in Salem zu verteidigen; und der Jahrzehnte vor der Declaration of Independence einen Traktat schreibt, den Historiker heute die erste Declaration of Independence nennen. Dieser Text steht allerdings nicht in der Trump Bibel.

Aber lassen wir die Amerikaner die Amerikaner sein, wir haben unsere eigene Kultur. Und wir haben den Dichter Paul Gerhardt, der uns noch einmal sagt, was Ostern bedeutet. Angesichts des ganzen Kommerzes und tausenden von Werbespots im TV zum Osterfest, könnten wir das beinahe vergessen:

Auf, auf, mein Herz,
mit Freuden nimm wahr,
was heut geschieht;
wie kommt nach großem Leiden
nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.

Er war ins Grab gesenket,
der Feind trieb groß Geschrei;
eh er's vermeint und denket,
ist Christus wieder frei
und ruft "Viktoria",
schwingt fröhlich hier und da
sein Fähnlein als ein Held,
der Feld und Mut behält.

Das ist mir anzuschauen
ein rechtes Freudenspiel;
nun soll mir nicht mehr grauen
vor allem, was mir will
entnehmen meinen Mut
zusamt dem edlen Gut,
so mir durch Jesus Christ
aus Lieb erworben ist.

Die Welt ist mir ein Lachen
mit ihrem großen Zorn;
sie zürnt und kann nichts
machen, all Arbeit ist verlorn.
Die Trübsal trübt mir nicht
mein Herz und Angesicht;
das Unglück ist mein Glück,
die Nacht mein Sonnenblick.

Ich hang und bleib auch hangen
an Christus als ein Glied;
wo mein Haupt durch ist gangen,
da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod,
durch Welt, durch Sünd, durch Not,
er reißet durch die Höll;
ich bin stets sein Gesell.

Er dringt zum Saal der Ehren,
ich folg ihm immer nach
und darf mich gar nicht kehren
an einzig Ungemach.
Es tobe, was da kann,
mein Haupt nimmt sich mein an,
mein Heiland ist mein Schild,
der alles Toben stillt.

Er bringt mich an die Pforten,
die in den Himmel führt,
daran mit güldnen Worten
der Reim gelesen wird:
Wer dort wird mit verhöhnt,
wird hier auch mit gekrönt;
wer dort mit sterben geht,
wird hier auch mit erhöh
t.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Osterfest.