So sah im Jahre 1905 für den Maler Hubert von Herkomer die Zukunft aus. Beinahe nackt, die Schamgegend mit einem durchsichtigem Kleid etwas verhüllt. Die Augen verbunden und an ein Auto gefesselt. Das Aquarell fand sich auf der Menükarte für ein Bankett, das am Ende eines Autorennens, der ersten →Herkomer Konkurrenz, gefeiert wurde. Denn unser Maler, der einen bayrischen und einen englischen Adelstitel hatte, war ein klein wenig autoverrückt. Dass halbnackte oder nackte Frauen zusammen mit Automobilen gezeigt werden, sogar zu einer obligaten Garnierung werden, wird die Werbewirtschaft im zwanzigsten Jahrhundert dankbar aufnehmen.

Denn das
sex sells funktioniert anscheinend immer. das hat
Jörg Nimmergut, der in München eine eigene Werbeagentur besaß, mit seinem Buch
Werben mit Sex bewiesen. Als das Buch 1966 erschien, wurde es von der Staatsanwaltschaft wegen
Verbreitung unzüchtiger Schriften nach § 184 StGB verboten. Dabei war das wirklich ein seriöses Buch. 1982 ist es dann bei Wilhelm Heyne nochmals aufgelegt worden, man kann es heute noch bei ebay finden.

Noch nackter als Herkomers
Zukunft waren die beiden Models
Sue Shaw und
Helen Jones, die 1971 bei der Earls Court Motor Show Werbung für den
TVR Sportwagen machten. Sie waren auch in Nimmerguts
Werben mit Sex abgebildet. Das war lange bevor Frauen halbbekleidet bei Ferrari herumlungerten und
Boxenluder hießen. Mein Bruder hatte mal einen TVR, der so flach war, dass ich mit ihm beinahe unter der Parkschranke vom Uni-Parkplatz hindurchfahren konnte. Der Wagen wurde allerdings ohne nackte Beigaben geliefert. Ich bringe dieses Photo, das sich am Rande des guten Geschmacks bewegt, nur um zu zeigen, dass sich England in den siebziger Jahren gegenüber der Welt von Sir Hubert von Herkomer sehr verändert hat.

Frauen und Autos (hier die Schriftstellerin
Joan Didion vor ihrer gelben Corvette Stingray) sind ja ein unerschöpfliches Thema. Ich war gerade dabei, einen Post über die
Chevrolet Corvette zu schreiben, als ich sah, dass der amerikanische Schriftsteller
Percy MacKaye am 31. August 1956 gestorben war. Ich ließ die Sache mit der Corvette liegen, die mit einem Gedicht von
David Meltzer angefangen hatte, von dem ich einmal die ersten Zeilen zitiere:
Lil took me when I was 20
down Sunset Blvd thru Jazz City
in a blue Corvette
lent by another lover.
Da ist es wieder, Frauen und Autos. Auch massenhaft in der amerikanischen Popular Culture, Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz?, aber auch in richtigen Lyrik.
Denn Percy MacKaye ist wahrscheinlich der erste amerikanische Dichter, der ein Gedicht über das Auto schrieb. Sein Gedicht From an Automobile erschien im Januar 1910 in Scribner's Magazine. Das war das Jahr, in dem Henry Ford die Schlachthöfe in Chicago besuchte, die ihm das Vorbild für die Fließbandproduktion gewesen sein sollen. Damals gab es vielleicht eine halbe Million Autos auf Amerikas Straßen, heute sind es über zweihundertachtzig Millionen. In MacKayes Gedicht ist nichts von der Begeisterung, die Sir Hubert von Herkomer für das Auto empfand, zu finden. Eher das völlige Gegenteil:
Fluid the world flowed under us: the hills
Billow on billow of umbrageous green
Heaved us, aghast, to fresh horizons, seen
One rapturous instant, blind with flash of rills
And silver-rising storms and dewy stills
Of dripping boulders, till the dim ravine
Drowned us again in leafage, whose serene
Coverts grew loud with our tumultuous wills.
Then all of Nature's old amazement seemed
Sudden to ask us: "Is this also Man?
This plunging, volant, land-amphibian
What Plato mused and Paracelsus dreamed?
Reply!" And piercing us with ancient scan,
The shrill, primeval hawk gazed down -- and screamed.

Hier bricht die neue Technik geradezu gewalttätig in die Natur ein, versetzt uns in ein Schwindelgefühl. Wir sehen die auf uns anstürmende Welt vom Auto aus, das sagte auch der Originaltitel des Gedichts
From an Automobile, der später in
The Automobile geändert wurde. Die erste Strophe gehört dem Eindruck der Fahrt, die zweite ist ein Raisonnement über das, was die Maschine der Natur antut. Die Frage
Is this also Man? bleibt bestehen. Auch wenn sie heute in
Amerika eher so aussieht. Ähnliche Gedanken wie bei MacKaye finden sich 1921 in dem Gedicht
→Automobile von Vladislav Khodasevich, wenn es in der letzten Strophe (in der englischen Übersetzung) heißt:
There was the world here, simple and whole,
But from the time as ‘He’ appeared,
The blanks gape in the world and soul,
As from the acids which were spilled.
Im gleichen Jahr, in dem das Gedicht von Khodasevich erschien, hat der Schriftsteller und Pädagoge
Fred Newton Scott über das Gedicht
From an Automobile in einem Aufsatz mit dem Titel
Poetry in a Commercial Age in
The English Journal gesagt:
In these very commendable pieces of verse the all too obvious purpose is to coat a new subject with old poetic varnish or an old subject with new varnish. Not in such a way, I venture to affirm, can the age of automobiles or of subways be adequately pictured in poetry. The new subject must mold its own form, devise its own diction. What these will be no one can tell until they come.
Gedichte über Automobile, sagt uns Professor Scott, müssten ihre eigene Form finden, er wisse nicht, wie diese Form aussehe. Herkomers an das Auto gefesselte nackte Zukunft weiß auch nicht, was auf sie zukommt. Autogedichte wird es im 20. Jahrhundert en masse geben. Dichter lassen das Thema nicht aus, auch Bert Brecht nicht. Als er Deutschland verlassen musste, dichtete er im Alfabet:
Ford hat ein Auto gebautdas fährt ein wenig laut,es ist nicht wasserdichtund fährt auch manchmal nicht.Brecht fährt im dänischen Exil einen
Ford A, vorher hatte er einen Steyr gefahren. Den hatte er 1928 von der österreichischen Firma als Dank für sein Gedicht
→Singende Steyrwägen bekommen. Den Wagen hat die Gestapo 1933 beschlagnahmt. Nach dem Krieg hatte Brecht dann wieder einen
Steyr 220 gekauft, er bleibt der Marke treu. Vielleicht fuhr er keinen Ford mehr, weil er inzwischen erfahren hatte, dass Henry Ford von Hitler begeistert war (und Hitler von Henry Ford) und antisemitische Bücher geschrieben hatte.
Rudyard Kipling war einer der ersten englischen Dichter, der Gedichte über Autos schrieb. Seit 1904 erschienen die Gedichte (die häufig die Form eines Pastiche haben) unter dem Titel
→The Muse Among the Motors, sie können eins davon in dem Post
Reste lesen. In vielen Gedichten, die seit Herkomers Bild der nackten automobilen Zukunft entstehen, hat das Auto nur einen Nebenrolle. Wie in
William Carlos Williams' Gedicht
✺The Young Housewife aus dem Jahr 1916:
At ten AM the young housewife
moves about in negligee behind
the wooden walls of her husband’s house.
I pass solitary in my car.
Then again she comes to the curb
to call the ice-man, fish-man, and stands
shy, uncorseted, tucking in
stray ends of hair, and I compare her
to a fallen leaf.
The noiseless wheels of my car
rush with a crackling sound over
dried leaves as I bow and pass smiling.
Dieses schöne stille Gedicht (das wieder Frauen und Autos miteinander verbindet) ist sicherlich nicht das, was sich der Professor Fred Newton Scott unter der neuen Lyrik vorgestellt hat. Karl Shapiros Liebesgedicht auf seinen
Buick von 1942 sicherlich auch nicht. Aber ich habe da ein Gedicht aus dem Jahre 1926 (dem Jahr, in dem Ford seine
Tin Lizzy mit dieser Anzeige bewarb) von e.e.cummings, das in seiner Form ebenso neu wie das Automobil ist:
she being Brand
-new; and you
know consequently a
little stiff i was
careful of her and (having
thoroughly oiled the universal
joint tested my gas felt of
her radiator made sure her springs were O.
K.) i went right to it flooded-the-carburetor cranked her
up, slipped the
clutch (and then somehow got into reverse she
kicked what
the hell) next
minute i was back in neutral tried and
again slowly; barely nudging (my
lever Right-
oh and her gears being in
A 1 shape passed
from low through
second-in-to-high like
greasedlightning) just as we turned the corner of Divinity
avenue i touched the accelerator and give
her the juice, good
(it
was the first ride and believe i we was
happy to see how nice she acted right up to
the last minute coming back down by the Public
Gardens i slammed on
the
internalexpanding
&
externalcontracting
brakes Bothatonce and
brought allofher tremB
-ling
to a: dead.
stand-
; Still)
Noch mehr Autos und Gedichte in meinem Blog
automobilia.