Montag, 27. April 2026

lost at sea


Lost at Sea steht auf seinem Grabstein. Am 27. April 1932  ist der amerikanische Dichter Hart Crane im Golf von Mexiko ertrunken. Über Bord gesprungen. Wie es der Dichter Ken Beattie in seinem Gedicht For Hart Crane beschreibt:

Pushed
from this ship
by his own hand
Hart's image merges.
No St. John or Scylla
to embellish his swim,
but stark realization
the leap toward wonder
rests with him...
his own priest
casting his
own line.

Crane gilt als einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Moderne in Amerika. Er hat es schwer gehabt, in Deutschland bekannt zu werden. An mir kann das nicht liegen, denn er war schon hier in den Posts Hart CraneBrooklyn Bridge und White Buildings. Der erste, der Hart Crane nach Deutschland brachte, war der Dichter Joachim Uhlmann, der 1960 die Gedichte Weiße Bauten übersetzte. Ihm folgte 1966 Dieter Leisegang, der bei Adorno studiert hatte, mit einem zehn Seiten schmalen Band, der Moment Fugue hieß, das titelgebende Gedicht finden Sie hierDann dauerte es beinahe noch vierzig Jahre, bis endlich mal jemand Cranes Hauptwerk The Bridge übersetzte. Man muss Ute Eisinger für die Übersetzung des Langgedichts sehr dankbar sein. Klaus Reichert auch, der das kluge Nachwort geschrieben hat. 2013 kam noch einmal Weiße Bauten: Gedichte heraus, diesmal in der Übersetzung von Christian Lux. Ein riesiger Teil der Collected Poems wartet immer noch auf Übersetzer.

Ich habe heute ein Gedicht, in dem sich Hart Crane selbst vorstellt. Robert Lowell, der Crane the best writer of his generation genannt hat, hat es für ihn geschrieben:

Words for Hart Crane

When the Pulitzers showered on some dope
or screw who flushed our dry mouths out with soap,
few people would consider why I took
to stalking sailors, and scattered Uncle Sam’s
phoney gold-plated laurels to the birds.
Because I knew my Whitman like a book,
stranger in America, tell my country: I,
Catullus redivivus, once the rage
of the Village and Paris, used to play my role
of homosexual, wolfing the stray lambs
who hungered by the Place de la Concorde.
My profit was a pocket with a hole.
Who asks for me, the Shelley of my age,
must lay his heart out for my bed and board
.

Wenn Lowell ihn the Shelley of my age sagen lässt, dann war das nicht ironisch gemeint, Lowell meinte das wirklich. Ein Gedicht von Hart Crane habe ich natürlich auch noch: 

Repose Of Rivers

The willows carried a slow sound, 
A sarabande the wind mowed on the mead. 
I could never remember 
That seething, steady leveling of the marshes 
Till age had brought me to the sea. 

Flags, weeds. And remembrance of steep alcoves 
Where cypresses shared the noon’s 
Tyranny; they drew me into hades almost. 
And mammoth turtles climbing sulphur dreams 
Yielded, while sun-silt rippled them 
Asunder ... 

How much I would have bartered! the black gorge 
And all the singular nestings in the hills 
Where beavers learn stitch and tooth. 
The pond I entered once and quickly fled— 
I remember now its singing willow rim. 

And finally, in that memory all things nurse; 
After the city that I finally passed 
With scalding unguents spread and smoking darts 
The monsoon cut across the delta 
At gulf gates ... There, beyond the dykes 

I heard wind flaking sapphire, like this summer, 
And willows could not hold more steady sound.

Sonntag, 26. April 2026

ganz oben


Heute vor 690 Jahren hat Francesco Petrarca seinen berühmten →Brief geschrieben, in dem er davon berichtet, wie er den Mont Ventoux erklommen hat: Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, ,den Windigen‘, nennt, habe ich am heutigen Tag bestiegen, allein vom Drang beseelt, diesen außergewöhnlich hohen Ort zu sehen. Das gilt heute als der Beginn des touristischen Bergsteigens, das aber erst im 18. Jahrhundert wirklich einsetzt. Jahrhunderte lang hatten die Berge niemanden interessiert, sie waren Warzen auf dem Gesicht der Erde gewesen, die Ästhetisierung der Bergwelt hatte noch nicht begonnen. Eher redeten Dichter von den Zickzackkämmen und widerwärtigen Felswänden. Wir wissen nicht, ob Petrarca wirklich oben auf dem Berg gewesen ist, oder ob dies nur eine imaginäre dichterische Kletterpartie war. Aber am 26. April ist die Geschichte immer wieder in diesem Blog gewesen, das geht nicht anders. Es gibt hier schon seit fünfzehn Jahren den sehr ausführlichen Post Mont Ventoux. Und dann sind da noch die Posts Fietsen, Liebestaumel, der windige Berg, Tanzseuche, und Weltlandschaften.

Der Franzose Pierre de Nolhac hat ein Gedicht mit dem Titel Écolier d’Avignon geschrieben, das 1931 in der Revue des deux mondes erschien. Hier erzählt uns ein fiktiver Schüler von Petrarca in acht Episoden in Alexandrinern alles über das Leben des Meisters. Von der ersten Begegnung (La Rencontre) bis zum Abschied von seinem Lehrer (Le Départ). Und der weiß auch, wie sich Petrarca auf dem Gipfel des windigen Bergs gefühlt hat:

La solitude est bonne à l’âme et la féconde:
Je regarde à mes pieds fuir les plaines du monde;
Je devine au lointain les altières cités
Où sont tant de misère et tant de vanités,
Et le fleuve qui porte aux mers les pleurs des hommes
Je sens notre grandeur dans le peu que nous sommes;
Je pèse à leur néant les choses que j’aimais
Et je suis dans leur vol les aigles des sommets.
Le jour ainsi se passe où la pensée est reine;
Je redescends, le corps dispos, l’âme sereine,
Allégé par la paix que donne le haut lieu
Et les yeux éblouis des merveilles de Dieu

Die Einsamkeit tut der Seele gut und befruchtet sie:
Ich sehe, wie die Ebenen der Welt unter meinen Füßen entschwinden;
Ich erahne in der Ferne die hochmütigen Städte,
In denen so viel Elend und so viel Eitelkeit herrscht,
Und den Fluss, der die Tränen der Menschen zu den Meeren trägt.
Ich spüre unsere Größe in dem Wenigen, das wir sind;
Ich wäge die Dinge, die ich liebte, gegen ihr Nichts ab
Und folge in ihrem Flug den Adlern der Gipfel.
So vergeht der Tag, an dem der Gedanke König ist;
Ich steige wieder hinab, der Körper bereit, die Seele heiter,
Erleichtert durch den Frieden, den der hohe Ort schenkt
Und die Augen geblendet von den Wundern Gottes

Gut, dass wir das endlich mal wissen. Denn Petrarca erzählt uns wenig, wie er sich auf dem Gipfel gefühlt hat. Er hat nicht die Landschaft unter sich bewundert, er hat Augustinus gelesen. Die Bergbesteigung ist für ihn eher eine Allegorie des Lebensweges: Was du heute so oft bei Besteigung dieses Berges hast erfahren müssen, wisse, genau das tritt an dich und an viele heran, die da Zutritt suchen zum seligen Leben. Aber es wird deswegen nicht leicht von den Menschen richtig gewogen, weil die Bewegungen des Körpers zutage liegen, die der Seele jedoch unsichtbar sind und verborgen. Wohl aber liegt das Leben, das wir das selige nennen, auf hohem Gipfel, und ein schmaler Pfad, so sagt man, führt zu ihm empor. Es steigen auch viele Hügel zwischendurch auf, und von Tugend zu Tugend muß man weiterschreiten mit erhabenen Schritten. Auf dem Gipfel ist das Ende aller Dinge und des Weges Ziel, darauf unsere Pilgerfahrt gerichtet ist.

Wir lassen das mal so stehen und geben zu Schluss Emily Dickinson mit einem Bergedicht das Wort:

The Mountains—grow unnoticed—
Their Purple figures rise
Without attempt—Exhaustion—
Assistance—or Applause—

In Their Eternal Faces
The Sun—with just delight
Looks long—and last—and golden—
For fellowship—at night—


Und Bertram Kottmann hat mir diese schöne Übersetzung gerade zugeschickt:

Die Berge wachsen - unerkannt,
sie ragen purpurn auf
ganz ohne Müh’, nie ausgebrannt,
ohn’ Beistand und Applaus.

Auf ihr Gesicht, das ewig,
die Sonne nieder lacht
ausdauernd, golden, freudig,
Gefährtin für die Nacht.

Samstag, 25. April 2026

meine Seele flieht im Fluge

Ich dachte, ich mache mal eine Pause und schreibe nichts, wo es gestern zwei Posts gab. Aber dann sah ich, dass heute der Todestag des italienischen Dichters Torquato Tasso ist. Da dachte ich, dass ein kleines Liebesgedicht von ihm nicht schaden könne. Aber dann wurde es kurios, weil ich nicht herausfinden konnte, ob das Gedicht, das ich mir ausgesucht hatte, wirklich von Tasso ist. Der Text ist:

Se la mia morte brami, 
crudel, lieto ne moro.
E dopo morte ancor te solo adoro.
Ma se vuoi che non t'ami, 
ahi, che a pensarlo solo
Il duol m'ancide 
e l'alma fugge a volo. 


Im Internet findet sich eine Übersetzung von Bertram Kottmann, der hier zuletzt in dem Post World Book Day erwähnt wurde:

Wenn du meinen Tod begehrst,
Grausame, dann sterb’ ich freudig.
Und selbst nach dem Tode werde ich nur dich verehren.
Verwirfst du jedoch meine Liebe,
ach, schon wenn ich daran denke,
bringt der Schmerz mich um,
und meine Seele flieht im Fluge
.

Auf der Seite, auf der Bertram Kottmanns Übersetzung steht, findet sich auch der Satz author's text not yet checked against a primary source. Es gibt aber einen Hinweis auf ein Madrigal im sechsten Buch der Madrigale von Gesualdo. Gechrieben 1611 für fünf Stimmen. Carlo Gesualdo weiß, was Liebe und Tod bedeuten, er hat seine Frau und ihren Liebhaber umgebracht. Das war so etwas Ähnliches wie die Geschichte von Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, über die Sie alles in dem Post Nackt lesen können. 

Das Madrigal über Tod und Liebe gibt es wirklich, mit Text und Noten. Sie können es hier bei YouTube hören und die Noten mitlesen. Der italienische Text findet sich auch, ohne Angabe des Autors, in einem Buch über den italienischen Dichter Girolamo Molin. Er findet sich aber nicht in der Ausgabe von Torquato Tassos Rime. Da sind 1.708 Gedichte drin, aber Se la mia morte brami ist nicht dabei. In dieser Ausgabe auch nicht.

Wenn Sie schöne Liebesgedichte von Torquato Tasso in der Übersetzung von Karl Förster aus dem Jahre 1821 lesen wollen, dann klicken Sie diese Seite an. Torquato Tasso war immer in diesem Blog. Ich habe Peter Steins berühmte Inszenierung von Goethes Torquato Tasso 1969 in Bremen gesehen, das steht in dem Post giftgrün. Er ist aber auch noch in den Post Seekrankheitt, Das Wetter von morgenKreuzzug und Richard Lester zu finden.

Freitag, 24. April 2026

ein anderes Wolgalied


Am 24 April 1671 wurde Stenka Rasin, der Anführer der Donkosaken  nach einem misslungen Aufstand durch Truppen des Zaren  Alexei festgenommen. Er wird nicht mehr lange leben. Aber er lebt in Legenden, Geschichten und Liedern weiter. Ein Lied habe ich hier, gesungen von Ivan Rebroff. Die Melodie kennen Sie alle. Es ist viel von der Wolga die Rede in dem Stenka Rasin Lied, das es hier zu lesen gibt, und das seit dem 24. April 2020 mit dem Post Stenka Rasin hier im Blog steht.

Ich habe noch ein anderes Gedicht über die Wolga, von jemandem, der 1917 an der Wolga geboren wurde. Der Dichter heißt Woldemar Herdt, (die Liste seiner Publikationen können Siehier sehen), und Stenka Rasin kommt in seinem Gedicht auch vor:

Sing, Dichter, nicht von Wolgas blauen Fluten,
solang vor mir der dunkle Urwald steht.
Du lässt mein Herz durch deine Harfe bluten,
mein krankes Herz, das sich schon totgesehnt.

O Wolgaland, wenn ich für immer scheide
Und deine Fluren nimmer wiederseh’,
möcht auferstehen ich als Trauerweide
auf vielbesung’ner Stenka-Rasin-Höh’.

Dort will ich weinen durch die bitt’re Rinde,
mit meiner Krone rauschen früh und spät,
und so erzählen meinen Enkelkindern
von meinem Völkchen, das im Wind verweht.

Ich habe das Gedicht auch in englischer Übersetzung für meine englischen und amerikanischen Leser. Die Übersetzung stammt von Werner Schulz, einem emeritierten Germanistikprofessor in Hickory in den USA. Heute kommen bei mir viele Nationen zusammen

Do not sing, poet, of the Volga River’s flowing waters
as long as dark the ancient forest looms in front of me.
My heart is bleeding through your doleful harpstrings,
my wounded heart that yearns for death, alas.

Oh Volga-Land, if I must part forever
and never see your open fields again,
I’d like to rise anew, a weeping willow tree,
On Stenka Rasin’s song-praised height.

There I shall weep through bitter willow bark
and rustle with my crown from dawn to dusk;
thus I shall tell to all my children
of our people like the wind dispersed.

leise Melodien


Ich konnte Klaus Groth schlecht in einem Post mit Stenka Rasin unterbringen, deshalb gibt es heute zwei Posts. Dieser zweite gehört dem Dichter, der die Sommer häufig in der Weserstraße in meinem Heimatort verbrachte, weil seine reichen Schwiegereltern dort eine Villa hatten. Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern, schrieb Friedrich Engels nach einer Dampferfahrt auf der Weser. Und er sagte, vielleicht etwas übertreibend, über den Ort: Vegesack ist die Oase der bremischen Wüste Die Villa Finkenhof gibt es nicht mehr, und eine Oase ist Vegesack auch ich mehr. Eher Teil der Wüste. Doch die Dichtung von Klaus Groth, die hat überlebt.

An seinem Geburtstag, dem 24. April, hat es hier schon zahlreiche Posts zu Klaus Groth gegeben. Er wurde im Jahr 1819 geboren, in dem auch die spätere englische Königin geboren wird, nach der man in England das Jahrhundert als Victorian Age bezeichnen  wird. 1819 ist aber auch das Geburtsjahr der Literatur des 19. Jahrhunderts, wenn ich das mal ein wenig übertrieben formulieren datf. Denn in diesem Jahr wird eine Vielzahl von Autoren, geboren die die wichtigsten Werke des Jahrhunderts schreiben werden: Herman Melville und Walt Whitman zum Beispiel. Und da wären noch Arthur Hugh Clough, George Eliot, James Russell Lowell, Gottfried Keller, Theodor Fontane. unf Klaus Groth. Die haben beinahe alle schon einen Post, ich erspare mir mal die Links. 

Ich habe heute ein schönes Klaus Groth Gedicht für Sie:

Wie Melodien zieht es
Mir leise durch den Sinn,
Wie Frühlingsblumen blüht es,
Und schwebt wie Duft dahin.

Doch kommt das Wort und fasst es
Und führt es vor das Aug',
Wie Nebelgrau erblasst es
Und schwindet wie ein Hauch.

Und dennoch ruht im Reime
Verborgen wohl ein Duft,
Den mild aus stillem Keime
Ein feuchtes Auge ruft.

Johannes Brahms hat das Gedicht vertont, es gehörte zu einer Reihe von fünf Liedern für eine tiefere Stimme mit Begleitung des Pianoforte. Die tiefere Stimme hat Hans Hotter, und er singt das Lied, begleitet von Gerald Moore, sehr schön.

Noch mehr Klaus Groth in diesem Blog in den Posts: Klaus Groth, Min Jehann, Min Modersprak, Plattdeutsch, Frisia non cantat, Oase in der bremischen Wüste, noch immer Schnee, Reimer Bull ✝

Donnerstag, 23. April 2026

World Book Day


Zum Tag des Buches, sagte der Buchhändler Wolfgang Erichsen und schenkte mir eine quietscherote Plastikuhr, auf deren Zifferblatt nur die Zahlen 23 und 4 zu sehen waren. Es ist heute nicht nur der Tag des Buches, weil an einem 23. April Shakespeare und Cervantes gestorben sind, es ist heute auch der Tag des internationalen Copyrights. Das wissen alle, die gerade einen neuen Wahrnehmungsvertrag bei der Verwertungsgesellschaft Wort (das ist die GEMA der Schreibenden) unterzeichnet haben. So ganz stimmt das mit dem gleichzeitigen Tod von Shakespeare und Cervantes nicht, sie sind zwar beide an einem 23. April gestorben, aber in Spanien und England gab es damals noch unterschiedliche Kalender. Das stand in meinem ersten Bloggerjahr 2010 hier in dem Post Blankvers. 

Die quietscherote Plastikuhr läuft nicht mehr, ich habe die Batterie herausgenommen, die Uhr ist jetzt nur noch ein Dekorationsobjekt. Den Welttag des Buches gibt es seit 1997, aber schon Jahre vor drei Jahre vorher gab es bei uns den Tag des deutschen Bieres, das muss mal eben erwähnt werden. Man kann also heute zur Feier des Tages ein Bier trinken, wenn man kein Buch liest. Aber ein Buchgedicht habe ich natürlich auch. Es ist von Emily Dickinson und heißt ganz schlicht A Book:

There is no frigate like a book
To take us lands away,
Nor any coursers like a page
Of prancing poetry.
This traverse may the poorest take
Without oppress of toll;
How frugal is the chariot
That bears a human soul!


Ich habe eine deutsche Übersetzung bei Bertram Kottmann gefunden. Den Übersetzer kennen Sie schon, weil er gerade in dem Post Mad, bad, and dangerous to know erwähnt wurde. Bei ihm hat das Gedicht den Titel Buchreise, und darum geht es ja:

Kein Schiff bringt uns - so wie ein Buch -
an einen fernsten Ort,
kein schnelles Ross der Seite gleicht,
wo tänzelt Dichters Wort.
Der Ärmste selbst reist ohne Last,
wenn diesen Weg er wählt -
wie preiswert doch der Wagen fährt,
der unsre Seele trägt
.

Als Dickinsons Gedichte vier Jahre nach ihrem Tod zuerst erschienen, schrieb eine Rezensentin: Madder rhymes one has seldom seen— scornful disregard of poetic technique could hardly go farther— and yet there is about the book a fascination, a power, a vision that enthralls you, and draws you back to it again and again. Not to have published it would have been a serious loss to the world. 

Paul Celan hat manche Gedichte übersetzt. Wem der kleine Reclam Band mit Gedichten englisch-deutsch in der Übersetzung von Gertrud Liepe aus dem Jahre 1970 nicht ausreicht, der kann seit einigen Jahren auf eine größere Sammlung zurückgreifen. Gunhild Küblers Übersetzungen sind bei Hanser erschienen und sind jetzt bei Fischer als Taschenbuch erhältlich. Das Vorwort zu dem Buch können Sie hier lesen. Die Übersetzerin hat auch für ein Hörbuch Gedichte ausgewählt, die von Julika Jenkins gelesen wurden. Von dem Reclam Band gibt es noch eine recycelte  Version, die An irgendeinem Sommermorgen heißt. Das Nachwort in beiden Fällen ist von Klaus Lubbers, dessen Buch Emily Dickinson: The Critical Revolution bei Google Books teilweise zu lesen ist. 

Aber ich muss noch einmal auf Bertram Kottmann zurückkommen. Er hat nicht nur das eine Gedicht von Dickinson übersetzt, sondern ganz viele. Zwar nicht die Complete Poems, aber doch ganz, ganz viele. Das ist bewundernswert. Wenn Sie die Dichterin kennenlernen wollen, dann gehen Sie doch zu dieser Seite und fangen an zu lesen. 

Dickinsons Gedicht Tell all the truth but tell it slant —: (das vielleicht eine Poetik ihres Schaffens ist):

Tell all the truth but tell it slant —
Success in Circuit lies
Too bright for our infirm Delight
The Truth's superb surprise
As Lightning to the Children eased
With explanation kind
The Truth must dazzle gradually
Or every man be blind —

übersetzt Gunhild Kübler so:

Sag Wahrheit ganz, doch sag sie schräg -
Erfolg liegt im Umkreisen
Zu strahlend tagt der Wahrheit Schock
Unserem Begreifen
Wie Blitz durch freundliche Erklärung
Gelindert wird dem Kind
Muss Wahrheit sachte blenden
Sonst würde jeder blind

Bei Bertram Kottmann sieht es so aus:

Künd’ Wahrheit ganz, doch sag’s verquer:
Erfolg verspricht umkreisen!
Kommt sie zu unverblümt daher,
wir uns zu schwach erweisen.
So wie man ruhig nimmt die Angst
vor Blitzen einem Kind,
sollt’ Wahrheit mählich uns erhell’n,
sonst würd’ ein jeder blind.

Das ist für mich etwas origineller, aber testen Sie es selbst und lesen sich durch Emily mit der verqueren Weltsicht.

Ich habe zum Schluss noch ein Gedicht von Wendy Cope, das Emily Dickinson heißt:

Higgledy-piggledy
Emily Dickinson
Liked to use dashes
Instead of full stops.

Nowadays, faced with such
Idiosyncrasy,
Critics and editors
Send for the cops


Gut, das stand hier schon mal in dem Post Higgledy-piggledy. Und es gibt hier auch einen langen Post Emily Dickinson mit schönen Bildern. Die alle mit der Eisenbahn zu tun haben, weil Emily, die auch einmal bedichtet hat. Und Emily Dickinson ist auch in den Posts VulkaneMoor und flinke Finger, wo das Gedicht Taking Off Emily Dickinson's Clothes erwähnt wird.

Mittwoch, 22. April 2026

van Gogh


Der australische Maler John Peter Russell, der am 22. April 1930 in Sydney starb, wird häufig als lost impressionist bezeichnet. Seine Bilder waren kaum auf Ausstellungen zu sehen, weil er sie nie einreichte. Er brauchte nicht von der Malerei zu leben, weil er ein Vermögen geerbt hatte. Er war mit Claude Monet befreundet und hat Henri Matisse stark beeinflusst. Und er hat den jungen Vincent van Gogh gefördert, der ihm dafür sehr dankbar war und Russell immer wieder seine neuen Bilder zeigte. 

Das Guggenheim Museum in New York besitzt einen Brief von van Gogh an Russell, den man hier sehen kann. Russell hat seinen Freund, den er im Atelier von Fernand Cormon in Paris kennengelernt hatte, 1886 gemalt. Das Bild hat van Gogh sehr geschätzt. Seit 1938 hängt es im Van Gogh Museum in Amsterdam. Ich habe hier ein YouTube Video, nur Bilder und Musik. Bei WikiArt gibt es einige Bilder von Russell. Und in diesem Blog hat er schon die Posts John Peter Russell und wüstes Land.

Ein Gedicht über Russell habe ich nicht, aber dafür eins über van Gogh. Es heißt Van Gogh geht zur Arbeit, geschrieben von Anne Duden, von der es hier weitere Gedichte gibt. Hier im Blog war sie schon einmal in dem Post Drachen.

Van Gogh geht zur Arbeit

Van Gogh geht zur Arbeit
auf steiler abschüssiger Bahn.
Der Boden brennt ihm unter den Füßen
in kühler Dunkelheit.
Eine immer schneller sich bewegende Lavamasse
sein Wohnort.
Feuerball, flüssige Sonne.
Nicht anhalten, weiter.
Von einem Fuß auf den andern.
Nicht stehen- sitzen- liegenbleiben.
Alles versengt.
Ein Skifahrer bei der Abfahrt auf rotglühender Piste.
Zur Arbeit.
Und immer entlang dieser schwarzen Luft
in die er eingehen wird – als Rauch –
nach getaner Arbeit. Oder eher.
Weiter. Zur Arbeit.
Nichts anderes geht mehr.
Schon das leichteste Feldbett
würde in der kreisenden Hitze versinken
und sich spurlos verflüssigen.
Wirklich. Seine Glieder dürfen nie wieder weich
werden.
Nie mehr darf er sich hinlegen.
Nie eine einzige Ruhe finden.
Es ist kein Licht.
Neben dem Glutstrom nichts als uferlose Kaltluft.
Wer wirft denn den verkrüppelten Schatten
hinter und unter ihn.
Oder kommt er schon ins Rutschen.
Ist dies schon die Sengspur des sich ankündenden Sturzes.
Geh schneller, van Gogh, zur Arbeit.
Lauf. Es ist vielleicht gerade noch Zeit
zwischen Vereisen und Verglühen.
Kein Zweifel, er wird sich ums Leben laufen
bei diesen Arbeitsbedingungen.
Noch ein paar Bilder
kopfüber mit dem Flammenwerfer gemalt
immer noch einmal gegen die letzte Mauer,
die Leinwand.
Sein Gepäck will nicht leichter werden.
Er müßte sich selber durchbrennen
wie ein Blutvergießer sich hinfeuern mit Haut und
Haar.
Dann – es ist schon passiert –
geht ein dunkles, in alle Richtungen sich
dehnendes Blau
das sommerliche Bewölkung nur teilweise abdeckt
mit gelbgrünen Feldern und Wiesen
ihm auf bis zum Horizont.
Aus diesem Bild kommt keiner mehr lebend heraus.
Bis in die Mitte muß er gehen
sich einwühlen, an der Faltachse aufschlagen
oder sich zerquetschen in der plötzlichen Enge.
Die Erde reicht zu hoch, der Himmel zu tief.
Er sieht die Wolkenschweife noch hektisch das
Bild fliehen
das stärkste Blau immer hohler werden.
Er müßte hindurch.
Ganz vorn noch und winzig schon im Rücken
die Ansammlung roter Blumenköpfe.
Wie ein Fangeisen schlägt es über ihm zusammen.
Er ist zu weit gegangen.
Van Gogh ist tot.
Bei der Arbeit gestorben.
Sein Rauch steigt auf in die Kaltluft.
Sein Krüppelschatten kreist weiter auf unendlicher
Umlaufbahn.