Dienstag, 14. April 2026

in vino veritas


Der Mann, der heute vor 195 Jahren geboren wurde, war schon einige Male in diesem Blog. Das liegt daran, dass ich aus dem gleichen Ort wie er komme und mein Gymnasium seinen Namen trug. Die Straße, die quer durch unseren Ort führt, trägt auch seinen Namen. Sein Geburtshaus steht nicht mehr, aber an dem Neubau ist ein Schild, auf dem Afrikaforscher Gerhard Rohlfs steht. Vor einhundertfünfzehn Jahren wollte man im Ort ein riesiges Denkmal errichten, das den ehemaligen Konsul von Sansibar als Kamelreiter zeigte, aber den Plan hatte man fallengelassen. Das Londoner Victoria & Albert Museum besitzt ein Photo von dem Entwurf des Bildhauers Kurt Edzard. Jetzt gibt es für Rohlfs seit 1961 ein Denkmal von dem Bremer Bildhauer Paul Halbhuber. Eine beinahe fünf Meter hohe Bronzesäule, auf deren Reliefs Bilder seiner afrikanischen Reiseerlebnisse zu sehen sind. Sie können hier den ✺Künstler bei der Vollendung seines Werks sehen. 

Alles zu dem Afrikaforscher aus Vegesack finden Sie in den Posts: Gerhard RohlfsSansibarAfrikaorientalischEmily RueteDie Prinzessin von SansibarStraßenzeitschrift. Und ein Gedicht zu Rohlfs habe ich heute auch, ein kleines satirisches Gedicht von Ferdinand Freiligrath. Ich zitiere daraus einmal die erste Strophe: 

Bei Tunis und weiter südlich,
Querhin durch Afrika,
Da ist es ungemütlich,
Heiß brennt die Sonne da.
Das Land ist sandig und dürre,
Man nennt das Wüstenei;
Der Vogel Strauß, ganz kirre,
Legt häufig dort ein Ei.

Den Rest des Gedichts von Freiligrath aus dem Jahre 1875 können Sie hier lesen. Das Gedicht hat den seltsamen Titel Zur Feier der abermaligen Aufweichung des berühmten Afrikareisenden Gerhard Rohlfs in der Neckarsulmer Aufweichungs-Anstalt für eingetrocknete Wüstenpilger. Das ist erklärungsbedürftig, sehr erklärungsbedürftig. Die Seite der Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V. hilft uns da weiter. Dort können wir nämlich über Freiligraths Freund, den Neckarsulmer Oberamtsrichter Wilhelm Ganzhorn, lesen:

Ganzhorn war ein begeisterter Weinliebhaber. Im Garten des Neckarsulmer Oberamtsgerichts und in einem gepachteten Weinberg baute er selbst Wein an. Er war Mitglied der Gesellschaft für Weinverbesserung und beteiligte sich 1873 erfolgreich mit mehreren Weinen an der Weltausstellung in Wien. Vor allem aber verstand er es, Freude am Wein zu vermitteln und zu teilen. Er brachte viele Persönlichkeiten seiner Zeit zusammen, wobei der Wein als verbindendes Element diente. Im Freundeskreis hatte er den Namen Der trinkbare Mann. Als besonderen Kellerschatz pflegte er ein Fass aus dem 1811er Kometenjahrgang, der freilich regelmäßig durch vorzügliche neuere Jahrgänge aufgefrischt wurde. G. bezog regelmäßig Weine von den besten Erzeugern, die er im Keller des Oberamtsgerichts ausbaute. Dorthin lud er Dichterfreunde und Honoratioren ein, um die Weinkultur zu zelebrieren, mit Gesang, Gedichten, Kellerumzügen und schauspielerischen Einlagen. Weingenuss war für ihn Anregung, bereicherte das Lebensgefühl und steigerte die geistige Empfänglichkeit. Sein Musenkeller übte überregional eine starke Anziehungskraft aus. 1870 war der berühmte Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (1831-1896) zu Gast. Daraufhin begründete G. im Neckarsulmer Oberamtsgerichtskeller die Aufweichungsanstalt für Afrikareisende, um ausgetrocknete Forscher nach heißer Wüstenfahrt zu akklimatisieren. Neben Rohlfs ließen sich dort auch Karl Mauch (1837-1875) und Gustav Nachtigal (1834-1885) behandeln – vorzugsweise mit Kometenwein.

Das Gedicht auf den in der Wüste vertrockneten Afrikaforscher, der im Ganzhornsche Weinkeller mit Wein wieder aufgeweicht wird, ist also nichts als ein literarischer Scherz, mit dem Freiligrath seinem Freund Ganzhorn (die beide alte 1848er waren) eine kleine Freude machen wollte. Und das Gedicht  ist bestimmt im Weinkeller zum ersten Mal vorgetragen worden. Ganzhorn war übrigens selbst ein Dichter, ein klein wenig auf jeden Fall. Denn seit den Studententagen hat er Gedichte geschrieben. Nicht so viele haben überlebt, einen Text kennen wir aber alle. Weil wir es für ein altes Volkslied halten, aber es war Wilhelm Ganzhorn, der 1851 ✺Im schönsten Wiesengrunde schrieb. Habe ich natürlich auch hier, gesungen von Rudolf Schock.

Montag, 13. April 2026

Gedichte in Prosa


Emil Servatius Gött, der am 13.4.1908 im Alter von vierundvierzig Jahren in Freiburg starb, hatte mal eine gewisse Berühmtheit. Er war Vegetarier und Anhänger der Lebensreform Bewegung, er hatte ein kleines Landgut gekauft, das er ökologisch bewirtschaftete. Gött war ein Freund von dem berühmten Emil Strauß, der nach Götts Tod auch seine Gedichte herausgab. Ob die heute noch Bestand haben, weiß ich nicht. Aber seine Aphorismen, die 1911 bei Beck in München erschienen sind, werden von Literaturkritikern immer wieder erwähnt. Götts Gedichte sind auch im gleichen Jahr bei Beck erschienen. Ich picke mir mal eins heraus, das sich unter der Unterschrift Gedichte in Prosa bei seinen Gedichten findet. So etwas hatten wir hier noch nicht. Gött ist nicht der erste und nicht der letzte, der Prosagedichte geschrieben hat, aber heute soll uns dieses Liebesgedicht genügen:

Dein Auge, Mädchen . . .

Dein Auge, Mädchen, hat etwas Suchendes, aber es hüpft nicht unruhig umher, sondern es wartet. Es gleicht einer Blüte, die befruchtet sein will. Sie öffnet sich weit, durstend nach dem Trank, den sie nicht sieht, nicht einmal kennt, den sie nur erwartet, sie strahlt ihm entgegen, aber sie läuft nicht hin und her.

Deine Hand hat etwas Tastendes; auch sie sucht; aber sie streichelt nur über die Dinge, sie kennt nicht den harten Griff, der den Affen und seinen Vetter kennzeichnet.

Dein Mund hat etwas Horchendes; er schwatzt nicht viel; er ist glücklich, wenn er plaudern darf – am liebsten über Dinge, die etwas Verschwiegenes an sich haben, an schämig sich enthüllende Rätsel rühren; er ist aber auch zufrieden, wenn er schweigen kann. Er horcht dann mit dem feinen Ohre zusammen. Nein, es horcht dann alles: Ohr, Auge, Mund und Hand, und unter der blassen Haut schimmert eine sanfte Glut.

Ich möchte dir sagen, daß ich dich darum liebe – aber ich darf es nicht, darf diese Glut nicht dunkler färben. Doch ich sehne mich vielleicht mehr als du nach dem Augenblick, wo du die Arme in seligem Zittern um den Nacken eines geliebten Mannes werfen darfst. Nicht

um den meinen!

Sonntag, 12. April 2026

Schmetterlinge im Eis


Herbert Grönemeyer wird heute siebzig, da muss man gratulieren. Seit beinahe einem halben Jahrhundert singt er, und er tritt immer noch auf. Wenn wir die Wörter Bochum und Currywurst lesen, denken wir zuerst an Grönemeyer. Mit den Jahren sind seine Texte immer poetischer geworden, spätestens als er Der Weg sang. Und da nehmen wir doch heute mal einen Text von ihm. Er heißt Schmetterlinge im Eis und war das letzte Lied auf seinem zehnten Studioalbum:

hab dir viel aufgehalst
auf dir abgestellt
dein herz umgedreht
deine nerven zerrissen
dein stehvermögen ausgereizt
dich angezählt
deinen guten willen zum stehkragen aufgepumpt
deinen blick unendlich getrübt
dir übermenschliches abverlangt

meinen wahn abgeteilt
in deinem zimmer jede ecke eingeklagt
für mein falsches los
dich vergöttert, geplättet, zerrüttet
mit meiner sucht nach trost
meine knoten zum lösen überlassen
meine wogen zum glätten vermacht
hast jede welle ruhig ans ufer gelegt

was ich verdiente, hast du mir gegeben
den gerechten preis habe ich bezahlt
brauch dich zurück zum überleben
deine schmetterlinge im eis

keiner spricht meine sprache
kauft mir meine erinnerungen ab
kein gebot
keiner holt meinen koffer
eröffnet mein verfahren
zahlt die kaution
keiner verschafft mir ein alibi
keiner nimmt mein gnadengesuch an
keiner, der mich mit der wahrheit verschont

was ich verdiente, hast du mir gegeben
den gerechten preis habe ich bezahlt
brauch’ dich zurück zum überleben
deine schmetterlinge im eis

keiner weint meine tränen
keiner leidet
keiner übernimmt meinen bann
keiner macht ungeschehen
fängt für mich von vorn an
keiner löst meine schlinge
setzt mein urteil aus
keiner besticht den henker
löst mich auf dem alptraum heraus
keiner ändert das drehbuch
keiner setzt den film ab
keiner betet für mich
keiner, der mir deine meinung sagt
keiner verrät mir das codewort
gibt mir deinen aufenthaltsort preis
treib auf einem einsamen berg
brauch deine schmetterlinge im eis…

Aber da ist noch ein anderer, der heute Geburtstag hat, und das ist der Barni. Den kenne ich seit über dreißig Jahren, seit ich an einem schönen Sommertag auf dem Flohmarkt eine Uhr bei ihm kaufte. Ich habe über die Jahre viel bei ihm gekauft. Zu echten Freundschaftspreisen. Der Barni wird auch schon, als ich anfing zu bloggen, in dem Post Flohmarkt erwähnt. Er fand immer erstaunliche Sachen, die orangegelbe Doxa 300 T habe ich auch von ihm. Die Zenith AF/P auch. Er zeigt mir alles, was er hat, aber er verkauft nicht alles. Von der Eternamatic Super Kontiki wollte er sich zuerst nicht trennen, aber dann landete die Superuhr doch bei mir. Zu einem Freundschaftspreis. Ich habe in dem Post meine Uhrmacher über den Barni gesagt, dass er schon zu einem Freund geworden ist, und das ist er wirklich.

Die letzte Uhr, die ich bei ihm kaufte, ist diese schöne Alpina Siegerin aus dem Jahre 1940. Sieht in der Wirklichkeit noch besser aus als auf dem Photo, und hat jetzt ein schöneres Band. Ihr ihr tickt das rechteckige Kaliber 490, das noch mit einer Weicheisenkalotte ummantelt ist, das schützt vor Magnetismus. Deshalb konnte die Firma auch antimagnetisch auf den Gehäuseboden schreiben. Es gab von der Uhr auch ein wasserdichtes Modell, das sehr, sehr selten ist. Siegerin ist ein Markenname von Alpina und Dugena, er findet sich auf vielen Dienstuhren der Kriegsmarine. Wenn da noch KM auf dem Zifferblatt steht, zahlen Sammler heute schon fünfhundert Euro für solch eine Uhr. Ich habe zwei von den Dingern, haben mich vor dreißig Jahren zehn Mark das Stück gekostet. Gehen nach über achtzig Jahren immer noch. Die Alpina Uhren (die hier schon einen Post haben) mit den Werken von Marc Favre sind unverwüstlich.

Ich weiß nicht, ob der Barni, der früher in einer Band spielte, bevor er Flohmarkthändler wurde, Herbert Grönemeyer mag. Die Herbert Grönemeyer Uhr von Wempe mit einem Eta Werk für 2.950 Euro wird der Barni bestimmt nicht mögen. Da kann man nur mit Grönemeyer fragen: Was soll das? Die Uhr ist zwar rechteckig wie meine Siegerin, hat aber nicht die Klasse einer alten Alpina. Der Barni hat sowieso bessere Uhren als diese Grönemeyer Uhr hier. Das letzte Mal, da ich ihn sah, hatte er eine alte Omega Seamaster 300 am Arm. So etwas hat Stil. 

Und viel Stil hat natürlich die alte rechteckige Alpina Siegerin. Ich habe da ein kleines Sondersammelgebiet: rechteckige Uhren aus den 1930er Jahren, da passt sie hin. Manche Uhren haben schon Stoßsicherungen wie die Wagner select und die wasserdichte Eterna. Die schöne Cyma mit dem drei Tage Werk läuft nur noch 30 Stunden, keine 72 Stunden mehr. Weil heute kein Fourniturenhändler eine Feder für ein Cyma 334 Werk mit der Dreiviertelplatine finden kann. Ist aber (siehe Photo) ein schönes Werk. 15 Steine und Genfer Streifenschliff. Und schon eine Stoßsicherung. Meine beiden Lieblingsuhren aus der rechteckigen Abteilung sind die beiden Moeris, die jeder kurvigen Gruen oder jeder Movado Curviplan  Konkurrenz machen.

Und bevor ich mich jetzt (mit der Siegerin am Arm) mit dem Thema Uhren festschreibe, muss ich doch die Geburtstagsgrüße loswerden: Happy Birthday HerbieHappy Birthday Barni!
 

Samstag, 11. April 2026

Die Liebe sucht der Wälder grüne Nacht


Dies Gemälde zeigt den Dichter Ewald Christian von Kleist. Es ist auf der Rückseite beschriftet mit gemahlt für seinen Gleim von Hempel zu Berlin. Der Maler Gottfried Hempel (1720-1792) war um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Berlin tätig. Er gehörte zum Berliner Freundeskreis Johann Wilhelm Ludwig Gleims, dessen Freunde er portraitierte. Die Bilder hängen alle im Gleimhaus in Halberstadt, das heute auch Museum der deutschen Aufklärung heißt. Auf diesem Portrait sieht Kleist fröhlich aus, aber das wird sich ändern. Eine unglückliche Liebe zu Wilhelmine von der Goltz trübte früh die natürliche Heiterkeit von Kleists Gemüt, können wir bei Wikipedia lesen. Er hat die Wilhelmine, die eine entfernte Verwandte war, natürlich bedichtet. In dem Gedicht An Wilhelminen. Im Mai 1744 können wir lesen:

Jetzt wärmt der Lenz die flockenfreie Luft;
Der Himmel kann im Bach sich wieder spiegeln.
Den Schäfer labt bereits der Blumen Duft;
Sein Wollenvieh springt auf begrasten Hügeln,
Der Wolken Naß gerann jüngsthin zu Schnee;
Jetzt blitzet es auf Büschen und auf Klee.
Es drängt der Halm sein Kronenhaupt hervor,

Und Zephyr schwebt auf den smaragdnen Wellen.
Die Wiese blüht bekränzt mit jungem Rohr;
Ihr Kleid umbrämt das Silber reiner Quellen.
Die Liebe sucht der Wälder grüne Nacht;
Der Kummer flieht, die todte Welt erwacht.

Dort schläft der Hirt beim nahen Wasserfall,
Vom sanften Arm der Schäferin umschlungen.
Die Wachtel schlügt; die holde Nachtigall
Hat dieses Paar liebreizend eingesungen.
Ach, fühlt‘ ich doch bei allgemeiner Lust
Der Freude Reiz nur auch in dieser Brust!

Nein, nein, sie flieht, sie ist mir längst entflohn;
Kein Lenz vermag mein ewig Leid zu mindern.
Ich bin der Qual, ich bin des Unglücks Sohn;
Der Tod allein kann meinen Kummer lindern.
Denn Doris bleibt zu lang von mir entfernt,
Durch die ich nur den Werth der Welt gelernt.

Als jüngst mein Blut aus tiefen Wunden drang,
Was hemmtest Du den Strom der Lebensfluthen,
Verhängniß, da ich mit dem Tode rang?
Mußt‘ ich darum mich nicht zu Tode bluten,
Damit ich mich, von schmeichelhaftem Wahn
Und Lieb‘ entfleischt, zu Tode weinen kann?

Das Blut, das er im Gedicht erwähnt, kommt nicht von einer Verwundung auf dem Schlachtfeld, es ist noch weithin bis Kunersdorf, wo der Major von Kleist sterben wird. Nein, hier haben wir es mit einer anderen Verletzung zu tun. In einer älteren Quelle können wir lesen: Es wird angeführt, daß Kleist vor seinem Eintritt in den Dienst der preußischen Waffen ein süßes Verhältniß mit einem edlen Mädchen, Wilhelmine von der Goltz im polnischen Preußen angeknüpft habe, daß er aus dem ausländischen Kriegsdienst in den vaterländischen berufen worden sei, und im Garnisondienst ein Duell für eine beleidigte Dame bestanden, das ihm eine tüchtige Armwunde zuzog. Er ist irgendwann über die Wilhelmine hinweggekommen, wie er 1757 in einem Brief schreibt: Ich ... mußte in dänischen Diensten bleiben, bis ich in preußische kam. Ich hielt mich damals sehr unglücklich, daß ich meine Wilhelmine, die wirklich sehr schön war, viel Verstand und Erziehung hatte, nicht bekommen konnte; jetzo aber, da ich alt werde, sehe ich dergleichen Dinge für Kindereien an und freue mich, daß ich ledig bin.

Dies Portrait von Gottfried Hempel, vielleicht sein bestes Gemälde, zeigt den Dichter Karl Wilhelm Ramler, der am 11. April 1798 in Berlin starb. Man hat ihn einmal den deutschen Horaz genannt, ich weiß nicht warum. Was ich von seinen Gedichten gelesen habe, fand ich langweilig. Wichtig ist er hier heute, weil er das Werk von Ewald Christian von Kleist überarbeitet und herausgegeben hat. Kritiker werfen ihm vor, dass er das Originelle in Kleists Lyrik geglättet hat. Wenn man den Gedichttext von An Wilhelminen mit der ersten Fassung vergleicht, dann merkt man das schnell. Ewald Christian von Kleist ist als Dichter nicht so berühmt geworden wie sein Großneffe Heinrich von Kleist, aber es lohnt sich, ihn zu lesen. Bei →Zeno finden sich Gedichte, aber auf dieser →Seite gibt es noch viel mehr. Wenn Sie das Werk in Buchform lesen wollen, dann empfiehlt sich das von Gerhard Wolf herausgegebene Buch Ewald Christian von Kleist: Ihn foltert Schwermut, weil er lebt.

Freitag, 10. April 2026

Gute Ratschläge

Heute vor 420 Jahren hat der König James I die Gründungsurkunde für die Aktiengesellschaft Virginia Company of London unterzeichnet. Im selben Jahr wird auch die Plymouth Company gegründet. Die Aktiengesellschaften gehen Pleite, die Krone übernimmt. Das ist der Beginn der Kolonisierung von Amerika. James I hat Sir Walter Raleigh, der Virginia gründete, hinrichten lassen. Er hat auch viele andere Dinge getan. Er hat auch eine Bibelübersetzung in Auftrag gegeben, deren Ergebnis immer noch seinen Namen trägt. 

Literaturwissenschaftler glauben gerne, dass die King James Version die gesamte Entwicklung der englischen Literatur beeinflusst hat. Der schöne Satz, dass Hemingways Stil die King James Version plus der Western Union Telegrammstil sei, hat sicherlich seine Berechtigung. Sicher wird man englische Dichter in der Zeit zwischen 1550 und 1700 (man denke nur an Milton) nicht verstehen können, wenn man keinerlei Bibelkenntnisse hat. Aber man kann sie auch nicht verstehen, wenn man keine Kenntnisse der klassischen Literatur, sprich Vergil oder Ovid, hat und die griechische Mythologie nicht kennt. Die englischen Bibelübersetzungen sind nur einer der Faktoren, der jetzt im elisabethanischen Zeitalter Sprache und Literatur prägt. Sicherlich nicht der geringste.

Zur Literatur des elisabethanischen Zeitalters gehört auch James I, er schreibt Sonette. Das ist damals die beliebteste Form der Dichtung, Sir Philip Sidney Michael Drayton und William Shakespeare haben gezeigt, wie man das macht. Alles schön im Blankvers. Und James hält sich an die Vorgaben, wenn er 1599 ein Sonett für seinen Sohn Henry schreibt: 

God giues not Kings the stile of Gods in vaine,
For on his Throne his Scepter doe they swey:
And as their subjects ought them to obey,
So Kings should feare and serue their God againe
If then ye would enjoy a happie raigne,
Obserue the Statutes of your heauenly King,
And from his Law, make all your Lawes to spring:
Since his Lieutenant here ye should remain,
Reward the iust, be stedfast, true, and plaine,
Represse the proud, maintayning aye the right,
Walke alwayes so, as euer in His sight,
Who guardes the godly, plaguing the prophane:
And so ye shall in Princely vertues shine,
Resembling right your mightie King Diuine.

God gives not Kings the style of gods in vain,
For on his Throne his Sceptre they hold sway
And as their subjects ought them to obey,
So Kings should fear and serve their God again
If then you would enjoy a happy reign,
Observe the Statutes of your heavenly King,
And from his Law, make all your Laws to spring.
Since his Lieutenant here you should remain,
Reward the just, be steadfast, true and plain,
Repress the proud, maintaining all the right,
Walk always so, as ever in his sight,
Who guards the godly, plaguing the profane.
And so you shall in Princely virtues shine,
Resembling right your mighty King Divine.

Das ist einmal die originale Version und einmal die Fassung im heutigen Englisch. In diesem Sonett über das Gottesgnadentum gibt ein König dem Kronprinzen die Weisheiten mit, wie er zu regieren habe. Henry wird keinen Gebrauch davon machen können, weil er niemals König wird, er stirbt schon 1612. Man weiß nicht, ob sein jüngerer Bruder Charles dies Sonett kannte. Hätte er sich an die guten Ratschläge gehalten, wäre er vielleicht nicht geköpft worden.

Donnerstag, 9. April 2026

Die Welt ist allezeit schön


Den Dichter Paul Georg Krüsike, der am 9. April 1723 in Hamburg starb, können wir uns schenken. Er soll ein überaus gewandter Versificator in lateinischer und griechischer Sprache, dessen Stärke freilich vornehmlich im leichten Beherrschen der Form beruhte, gewesen sein. Man hat ihm Professuren angeboten, aber er schlägt sich als Hofmeister durch. Das tun Friedrich Hölderlin und sein Freund Boehlendorff auch. Erfolgreich sind sie nicht. Hölderlin wandert zu seinem neuen Arbeitsplatz Bordeaux durch ganz Frankreich, wird aber nur kurz dort bleiben. Boehlendorff irrlichtert durch das Baltikum, schnorrt sich von einem Adelssitz zum anderen, bis er zur Pistole greift. Krüsike bekommt im Alter von achtunddreißig Jahren eine feste Anstellung an der berühmten Hamburger Gelehrtenschule Johanneum, steigt 1683 zum Subconrector auf und wird 1699 Conrector. Steht alles so im Wiki Artikel. Aber was da nicht steht, ist der Name seines berühmtesten Schülers. Das könnte man in einem Lexikonartikel erwähnen, das sollte man in einem Lexikonartikel erwähnen. 

Als ich den Post ein Traum der Zeit über die Barocklyrik geschrieben hatte, fragte mich ein Freund, warum ich Barthold Heinrich Brockes nicht erwähnt hätte. Gut, der stand nicht im Text, aber er war doch da. Wenn auch etwas verborgen. Wenn Sie die Links Poetry trumps Trump, porentief rein und Frühlingsanfang unten in dem Post anklicken, dann ist da ganz viel Brockes. Der Hamburger Kaufmannssohn, den seine Zeitgenossen als Fürst der Dichter bezeichneten, ist am Hamburger Johanneum ein Schüler von Krüsike gewesen. Er hat er in seiner Selbstbiographie gesagt, dass er seinem Lehrer, dem er in secunda Classe zur Information übergeben worden sei, vielen Dank schuldig sei.

Das heutige Gedicht Die Welt ist allezeit schön (bei YouTube gelesen von Matthias Habich) ist 1727 im zweiten Band seiner neunbändigen Gedichtsammlung Irdisches Vergnügen in Gott erschienen. Die Verherrlichung der Natur, die für ihn Gottes Natur ist, ist für Brockes (der auch Thomsons The Seasons übersetzt hat) eine Herzensangelegenheit. Die Schönheit der Natur ist für ihn der Beweis, dass es Gott gibt. Heute, da Donald Trump die Welt beherrscht, würde wohl kein Dichter mehr sagen, dass die Welt allezeit schön ist. Brockes' Naturtheologie ist nicht mehr en vogue.

Die Welt ist allezeit schön  

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.

Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.

Im Herbste sieht man, als Opalen,
Der Bäume bunte Blätter strahlen.

Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Flut und Land.

Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön.



Mittwoch, 8. April 2026

Tao means Way⁠

So sah Vivienne Westwood, die heute vor 85 Jahren geboren wurde, aus, als sie noch ein Punk war. She turned swinging London into punk London, hat ihre Kollegin Zandra Rhodes, die man die Princess of Punk nannte, über sie gesagt. Später wurde Westwood etwas damenhafter, da gab es keine Hakenkreuze mehr auf dem Shirt. Vor zwanzig Jahren ernannte die Queen sie zum Dame Commander of the Order of the British Empire, da war sie nun wirklich eine Dame. Sie war nach Mary Quant die erste englische Modeschöpferin, die ihre Kollektionen in Paris ausstellte.

Und es gab 2012 sogar eine Briefmarke für Westwood (für Zandra Rhodes auch), berühmter kann man nicht werden. Ihre erste Boutique, die sie mit Malcolm McLaren in der Londoner King's Road betrieb, hatte den Namen Sex. Aber dann kamen noch zehn Läden quer durch das Königreich hinzu. Ich habe heute ein kleines Gedicht von der Modeschöpferin, das sie einmal für Pamela Rooke, die Muse der Sex Pistols, geschrieben hat:

Tao means Way⁠

I follow the Tao into Chaos⁠
of the Cosmic Void.⁠
Dark & Light R One + the Same.⁠
U+I evolved over time, billions of yrs;⁠
we R born with each our identity:⁠
'Flight of the Dragon!'⁠
He is the life force, he is your chi!⁠
Catch the Rhythm! Let's Go!⁠


Keine große Lyrik, aber ein bisschen Subkultur kann nicht schaden. 

Noch mehr Damenmode findet sich in diesem Blog in den Posts: DamenmodeDiorCoco ChanelHaute CoutureCharles Frederick WorthMary QuantVidal SassoonPierre CardinJil SanderErwin BlumenfeldBreakfast at Tiffany'sTartanCamille in GrünKieler ChicWeihnachtsgeschenkeCinecittà und die ModeJoan Didion,  skandinavische ModeNicoSommermode,William FrithBerliner ModeJiline, Demimonde, Orchideen, Charles Chaplin, les grandes horizontalesUne fillette d’un blond roux, Paco Rabanne ✝, noch nicht fertig, la dame au coussin rouge, Klassefrauen, Fortuny, Franz-Xaver Winterhalterder grüne Sonnenschirm, Julie Récamier (encore une fois). Wenn man das alles zusammentut, reicht das schon für ein Buch. Und da sagen die Leser immer, ich würde nur über
Herrenmode schreiben.