Sonntag, 20. September 2026

Blondes make the best victims


Die Vögel (Originaltitel The Birds) ist ein US-amerikanischer Horrorfilm von Alfred Hitchcock nach der gleichnamigen Kurzgeschichte der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier. Er kam am 28. März 1963 in die US-amerikanischen und am 20. September 1963 in die deutschen Kinos. Der Film markiert nach Der unsichtbare Dritte (1959) und Psycho (1960) einen weiteren Höhepunkt in Hitchcocks Spätwerk. 

Steht so bei der Wikipedia. Als ich jung war, hielt ich Daphne du Maurier für eine Französin. Ich hatte mir im Pariser Gare du Nord in der Nacht eine Paperbackausgabe von L'auberge de la Jamaique gekauft und wartete auf den Nordexpress. Der fuhr um zehn in Paris ab und war morgens um acht in Bremen. Ich kannte die Strecke, meine Freundin arbeitete als au pair in Paris. Dass die Autorin eine Engländerin war, habe ich erst Jahre später gemerkt. Was ich gekauft hatte, war die französische Übersetzung von Jamaica Inn. Ein Roman, den Alfred Hitchcock verfilmt hat. Und um Hitchcock geht es heute, denn vor dreiundsechzig Jahren erlebte der Film Die Vögel seine deutsche Erstaufführung. Habe ich damals nicht gesehen, ich war beim Bund. War im Manöver, September bedeutete immer Manöver. Ich war auch nie wirklich ein Hitchcock Fan. Ich favorisierte französische Filme. Ich weiß nicht, ob mein Französisch in den zehn Stunden im Nordexpress durch die Lektüre von L'auberge de la Jamaique besser geworden ist, aber ich lernte auf jeden Fall eine Vielzahl von Synonymen der Wörter Nebel und Dunkelheit kennen. Die Paperbackausgabe habe ich immer noch.

Daphne du Maurier, die mit dem ziemlich unfähigen General Sir Frederic Browning verheiratet war (der hier schon in den Posts Militärisches Schuhwerk und Barett vorkommt), hat nicht nur Jamaica Inn geschrieben. Sie hat auch die Kurzgeschichte The Birds geschrieben, die Hitchcock für seinen Film benutzt hat. Die habe ich für Sie im Origialtext. Zu dem Film Die Vögel gibt es heute ein kleines Haiku von Uli Becker aus seinem Band Frollein Butterfly, in dem er uns 69 Quickies zwischen Sehnsucht und Schweinigelei serviert, von denen ich mal eben (aus meinem nummerierten Exemplar!) das auf Seite 73 zitiere:

Tun kein Auge zu
heut nacht vor lauter Vögeln,
Hommage à Hitchcock
.

Und ich spendiere noch einen Post, der hier schon mal im Blog stand. Wenn man schon beinahe dreieinhalbtausend Posts geschrieben hat, dann darf man auch mal einen alten Post wieder hervorholen. Zumal der wirklich gut ist:

Das hat sie nun davon, dass sie blond ist. Da liegt sie auf dem Boden, ein hilfloses Opfer. Attackiert von Vögeln, eine Variation der Geschichte von Leda und dem Schwan. Man hatte der naiven Blondine versprochen, dass in dieser Szene nur Attrappen von Vögeln zum Einsatz kommen, aber der Regisseur lässt auf dem Dachboden echte Vögel auf die Blondine los (the mechanical birds aren’t working, so we’re going to have to use live ones). Der Regisseur hat seine Freude daran, Blondinen zu quälen.

Blondes make the best victims. They’re like virgin snow that shows up the bloody footprints, hat er gesagt. Der Regisseur heißt natürlich Alfred Hitchcock, und wir reden hier von dem Film The Birds, der vor dreiundsechzig Jahren in den USA anlief. Die Schauspielerin Tippi Hedren durfte noch ein zweites Mal bei Hitchcock in dem Film Marnie mitspielen. In dem Film gibt es eine ✺Vergewaltigungszene in der Hochzeitsnacht. Nicht durch Vögel, diesmal durch Sean Connery.

A man taking his frigid, unattainable bride by force was Hitchcock's fantasy about me, hat Tippi Hedren dazu gesagt. Was sie bei den Dreharbeiten von The Birds ertragen musste, wurde bei Marnie noch schlimmer: He stared at me and simply said, as if it were the most natural thing in the world, that from this time on, he expected me to make myself sexually available and accessible to him – however and whenever and wherever he wanted. That was the moment, after almost three years of trying to cope, when I finally had enough – that was the limit, that was the end.

In ihrer →Autobiographie aus der dieses Zitat stammt, hat Hedren noch mehr über Hitchcock zu sagen, der wie ein Vorläufer von →Harvey Weinstein daherkommt. Hitchcock hat der Tochter von Tippi Hedren (die später unter dem Namen Melanie Griffith Schauspielerin wurde) nach den Dreharbeiten von The Birds eine Puppe geschenkt, die eine perfekte Nachbildung ihrer Mutter war. Und auch ein grünes Kleid hatte, wie Tippi Hedren es in dem Film trug. Die Puppe lag in einem kleinen Sarg. Kann man perverser sein?

Hitchcock und Blondinen, ein unerschöpfliches Thema. Auf François Truffauts Frage In other words, what intrigues you is the paradox between the inner fire and the cool surface in dem berühmten Interview sagt Hitchcock: Definitely, I think the most interesting women, sexually, are the English women. I feel that the English women, the Swedes, the north­ern Germans, and Scandinavians are a great deal more exciting than the Latin, the Italian, and the French women. Sex should not he ad­vertised. An English girl, looking like a school­ teacher, is apt to get into a cab with you and, to your surprise, she’ll probably pull a man’s pants open. Wir kennen eine Variante dieser Szene aus To Catch a Thief.

Dass Hitchcock seine blonde Hauptdarstellerin aus The Birds sexuell belästigt und bedrängt hat, war allgemein bekannt. Dass er ihre Karriere ruinierte, auch. Sie war nicht die erste, sie könnten jetzt mal eben den Post Vera Miles lesen. Ich hätte da auch noch ein schönes Zitat von dem Regisseur, der seine Schauspieler als cattle bezeichnete: I always believe in following the advice of the playwright Sardou. He said, 'Torture the women!' The trouble today is that we don't torture women enough

Dies hier sind nicht Hitchcock und Tippi Hedren, dies ist eine Szene aus dem Theaterstück →Hitchcock Blonde. Die kühle Blonde aus The Birds hat sich lange mit Vorwürfen zurückgehalten, aber in ihrer Autobiographie Tippi: A Memoir nahm sie kein Blatt vor den Mund: I couldn’t tell anyone. It was the early 1960s. Sexual harassment and stalking were terms that didn’t exist… Besides, he was Alfred Hitchcock… and I was a lucky little blonde he’d rescued from relative obscurity.

Von Vögeln und Sean Connery attackiert zu werden ist das eine, nackt in der →Dusche erstochen zu werden, das andere. Ernst Callenbach schrieb 1960 im →Film Quarterly über ✺Psycho: It imperceptibly shifts to a level of macabre pathology, unbearable suspense, and particularly gory death. In it, indeed, Hitchcock's necrophiliac voyeurism comes to some kind of horrifying climax. Phallic-shaped knives swish past navels, blood drips into bathtubs, eyes stare in death along the floor, huge gashes appear in a man's amazed face, and so forth. Vielleicht soll man das mit dem necrophiliac voyeurism mal fett setzen. 

Und wenn Sie fragen, was diese junge Dame hier soll: das ist Marli Renfro, das Körperdouble von Janet Leigh in der DuschszeneUrsprünglich wurde Renfro nur für zwei oder drei Tage gebucht. Am Ende wurden es anderthalb Wochen. Sieben Drehtage, fast ein Drittel der Zeit, die Leigh am Set von "Psycho" verbrachte. Für eine einzige, dreiminütige Szene. Bei den Dreharbeiten wussten nur wenige, wer die rothaarige junge Frau mit den türkisfarbenen Augen war, die Tag für Tag splitternackt über das Studiogelände spazierte. Die überzeugte Nudistin zog die Blicke auf sich, wenn sie sich völlig unbekleidet mit Hitchcock unterhielt, der stets einen dunklen Anzug trug. Oder wenn sie vor der versammelten Presse Dehnübungen veranstaltete, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Das Pech für Tippi Hedren war, dass die kein Körperdouble hatte. Das wollte Hitchcock auch nicht haben, er wollte die Vögel auf sie loslassen, Blondes make the best victims. Marli Renfro ist heute achtundachtzig. Ihr Name taucht im Film Psycho nicht auf, nicht mal kleingedruckt im Abspann. Das einzige Mal, dass man ihren Namen auf der Leinwand sehen kann, ist 1962 in Coppolas erstem  Film Tonight for Sure. Es hat viele Jahre gedauert, bis Hitchcock zugab, dass die nackte Frau in der vielleicht berühmtesten Filmszene der Welt nicht Janet Leigh war. Und es hat noch länger gedauert, bis Renfros Name bekannt wurde. In dem Dokumentarfilm über die Duschszene von Alexandre O. Philippe aus dem Jahr 2017 ist sie allerdings dabei. 

Der Amerikaner Peter Swanson hat am Trinity College und der University of Massachusetts in Amherst studiert und vom Emerson College einen Master of Fine Arts bekommen. Obgleich der akademische Grad für Poetry war, schreibt er wenig Gedichte, er schreibt Romane. Er musste beinahe zehn Jahre warten, bis er einen Verleger für seinen ersten Roman fand. Jetzt ist er ein Autor von Kriminalromanen, die in dreißig Sprachen übersetzt sind. Und er hat eine Vielzahl von Gedichten über Hitchcock Filme geschrieben, für jeden Film eins. Die sind aus unerklärlichen Gründen aus dem Internet und von seiner Homepage verschwunden, North by Northwest können Sie →hier noch lesen. Aber ich habe mir sein Gedicht Psycho aufbewahrt, in dem auch The Birds vorkommen, das stelle ich mal hierhin:

Psycho

Undressed she looks fresh-plucked, her flesh 
As white as boiled hens. How easily 
She exists within her nakedness, 
How unaware she is of what I see.

She changes to a dressing gown, 
So shiny that a giant crow would snatch 
Her up to line his nest. I make no sound. 
My mind is quiet too, not even a scratch.

The bad thoughts will gather soon, I suppose. 
My mind won’t shake her birdy skin 
But with those private traps, those animal parts.

We all look so much realer in our clothes. 
That’s my hobby, see. It’s stuffing things. 
I don’t really know all that much about birds.

Kühle Blondinen: Tippi Hedren, Kim Novak (in Vertigo), Eva Marie Saint (in North by Northwest) und Grace Kelly. Unser kleiner Dicker träumt mit seinem necrophiliac voyeurism von ihnen. Zuhause bei seiner Gattin Alma Reville sieht die Welt nicht nach coolen Blondinen aus, die dem Mann an die Wäsche gehen.

Also diese Sorte Blondinen, über die der Filmkritiker Roger Ebert sagte: they reflected the same qualities over and over again: They were blonde. They were icy and remote. They were imprisoned in costumes that subtly combined fashion with fetishism. Tippi Hedren war übrigens nicht die erste Blondine, die unter Hitchcock zu leiden hatte.

Ich könnte da noch Madeleine Carroll aus der Verfilmung von John Buchans Klassiker The 39 Steps (von dem North by Northwest ja nur ein Remake war) anbieten, die während der gesamten Dreharbeiten von Hitchcock als the Birmingham tart bezeichnet wurde. The very beautiful woman who just walks around, avoiding the furniture, wearing fluffy negligees, and looking very seductive may be an attractive ornament, but she does not help the film at all. 

I hate it when actresses try to be ladies and in doing so become cold and lifeless, and nothing gives me more pleasure than to knock the lady-likeness out of chorus girls. I don't ask much of an actress and I have no wish for her to be able to play a whole list of character roles, but she must be a real human person. That is why I deliberately deprived Madeleine Carroll of her dignity and glamour in "The Thirty-Nine Steps," and I did exactly the same thing in "Secret Agent." In this last film, the first shot you saw of her was with her face covered with cold cream! Was Hitchcock an dieser Stelle zu sagen vergisst ist, dass er durch die beiden Filme mit der Birmingham tart weltberühmt wurde.

In Bielefeld, der Stadt, die es gar nicht gibt, gibt es heute etwas ganz Besonderes. Denn heute hat da im Theater das Musical ✺The Birds of Alfred Hitchcock von William Ward Murta, das den Machtmissbrauch im Filmgeschäft thematisiert, Premiere. Ich weiß jetzt nicht, ob sie Tippi Hedren zur Premiere eingeladen haben. Aber die hat mit ihren sechsundneunzig Jahren vielleicht auch keine Lust, nach Bielefeld zu reisen. 

Und in diesem Blog könnten Sie zu Frauenschicksalen in Hollywood noch lesen: Vera Miles, Happy Birthday, Vera Miles, Veronica Lake, Nymphos, Dorothy Malone, Gilda, Operation Mincemeat, Bond Girls, Exotik und Jacques Tourneur.

Mittwoch, 16. September 2026

Straßenräuber

Der englische Dichter Alfred Noyes, der am 16. September 1880 geboren wurde, ist heute nur noch durch ein einziges Gedicht in Erinnerung. Obwohl er er interessantes Leben hatte. Als er bei einem Amerikaaufenthalt, die Universität Princeton besuchte, war man von ihm so begeistert, dass man ihm sofort eine Gastprofessur anbot. Und so lehrte er von 1914 bis 1924, immer vom Februar bis zum Juni, dann fuhr er wieder nach England zurück. 1916 unterbrach er seine Tätigkeit, weil er für sein Heimatland England kämpfen wollte. Die Armee nahm ihn wegen mangelnder Sehkraft nicht, er wird dreißig Jahre später ganz erblinden. Er leistet seinen Kriegsdienst im Wellington House und schreibt wie sein Kollege John Buchan dort Kriegspropaganda. Buchan, der den Klassiker des Spionageromans The 39 Steps geschrieben hat, wird noch Geheimdienstchef und geadelt. Noyes wird immerhin Commander des  Order of the British Empire und kehrt nach Princeton zurück. Manche seiner Studenten werden berühmt, zum Beispiel  F. Scott FitzgeraldEdmund Wilson und John Peale Bishop

Ich könnte jetzt so weiterschreiben, sein Leben und Werk skizzieren, aber ich will auf dieses eine Gedicht hinaus, das er im Jahre 1906 in Blackwood's Magazine veröffentlichte. Es ist eine Ballade mit dem Titel The Highwayman, die schon dramatisch beginnt:

The wind was a torrent of darkness among the gusty trees.
The moon was a ghostly galleon tossed upon cloudy seas. 
The road was a ribbon of moonlight over the purple moor,
And the highwayman came riding—
Riding—riding—
The highwayman came riding, up to the old inn-door
.

Wir sind im 18. Jahrhundert, in einer Geschichte von Liebe, Verrat, Aufopferung und Tod. Die Ballade hat ihre Sogwirkung, riding - riding - ridding, die alle Balladen haben. Das kennen wir von Fontanes Balladen, auch wenn sie nicht die Chevy Chase Strophe haben. Der Straßenräuber und seine Geliebte Bess werden sterben, aber nach dem Tod sind sie, im dritten Teil der Ballade, wieder vereint. Es gibt eine Vielzahl von kitschigen Bildern zu diesem Thema, ich muss da einfach eins davon bringen:

And still of a winter’s night, they say, when the wind is in the trees,
When the moon is a ghostly galleon tossed upon cloudy seas,
When the road is a ribbon of moonlight over the purple moor,
A highwayman comes riding—riding—riding
A highwayman comes riding, up to the old inn-door.

Over the cobbles he clatters and clangs in the dark inn-yard.
He taps with his whip on the shutters, but all is locked and barred.
He whistles a tune to the window, and who should be waiting there
But the landlord’s black-eyed daughter, Bess, the landlord’s daughter,
Plaiting a dark red love-knot into her long black hair.


Alfred Noyes ist nicht der erste in der englischen Literatur, der die Straßenräuber bedichtet. Shakespeares Falstaff, ein adliger Ritter, ist auch nur ein Straßenräuber. Im 18. Jahrhundert bekommen die Wegelagerer Konjunktur und werden als romantische Helden bedichtet. John Gays Beggar's Opera wird Früchte tragen, bis hin zu der Seeräuber Jenny von Bert Brecht. Sie könnten zu dem Thema auch noch die Posts Robert Walpole und Horace Walpole lesen.

Der highwayman von Alfred Noyes hat keinen Namen, er heißt nicht Dick Turpin, James MacLaine (the Gentleman Highwayman) oder MacHeath. Aber er lebt von diesen Figuren. Und er wird nach der Publikation des Gedichts im Jahre 1906 weiterleben. Im Kino, in der Country Band, in der plötzlich Waylon JenningsWillie NelsonJohnny Cash und Kris Kristofferson The Highwaymen heißen. Aber deren Song The Highwayman meine ich nicht, wir müssen natürlich von Phil Ochs reden. Der hat nämlich das Gedicht von Noyes vertont, wobei er es ein wenig kürzte, aber er blieb 1965 beim Originaltext. Und da hören wir hier doch einmal hinein.

Phil Ochs hat hier seit meinem ersten Bloggerjahr schon einen Post. Und er wurde immer wieder erwähnt. Zum Beispiel in den Posts Bo WiderbergThe One on the Right Is on the Left und The Kingston Trio. In dem Post Christine Keeler kommt er auch drin vor, weil er ein ironisches Lied über Christine Keeler geschrieben hat. Die sixties waren die große Zeit der protest singers in Amerika. Warum singt da heute niemand mehr?

Sonntag, 13. September 2026

Maler und Modell


Dies Buch habe ich wegen des Covers gekauft, das Bild fand ich toll. Hätte auf diesem Band voller Liebeslyrik der Gegenwart nur der Name der Herausgeberin gestanden, dann hätte ich es wohl nicht gekauft. Denn von Hiltrud Gnüg besaß ich schon ein Buch, nämlich Kult der Kälte: Der klassische Dandy im Spiegel der Weltliteratur. Es ist ein Buch, das ich nicht mag. In dem Post 18th century: Fashion habe ich darüber gesagt, dass es sprachlich nicht ansprechend und sachlich fehlerhaft ist. Aber gegen dieses wunderbare Buch hier kann man nichts sagen, man kann es nur zum Kauf empfehlen. 

Die Anthologie Nichts ist versprochen: Liebesgedichte der Gegenwart erschien mit diesem Cover 2010 bei Reclam und erlebte zahlreiche Neuauflagen. Die Anthologie gliedert sich in acht Teile, nach Hinsichten, die sich aus dem Textmaterial selbst ergeben haben, nicht etwa nach Leithinsichten, die die Selektion der Gedichte vorab bestimmen. Die Motti drücken besser als etikettierende Begriffe den jeweiligen Aspekt aus; dennoch seien die Etiketten genannt: Liebe; Erotischer Moment; Partnerschaft und Emanzipation; Ehe; Liebe und Vergänglichkeit; Liebe und Gesellschaft; Schwierige Beziehungen; Träume. Die Erstausgabe war schon im Jahr des Mauerfalls erschienen, aber mit dem Buch waren Herausgeberin und Verlag offenbar nicht so glücklich. Die Ausgaben von 2010 und 2014 sind aktualisiert und wesentlich erweitert, es sind jetzt beinahe 300 Gedichte statt der 180 der Erstausgabe. Man kann das Buch antiquarisch noch preiswert finden, meine Hardcover Ausgabe hat 4,17 portofrei gekostet.

Das Design des Covers (hier die Erstausgabe von 1989) ist von der Grafikerin Eva Knoll, die für den Reclam Verlag eine Vielzahl von Büchern gestaltet hat. Sie hat hier ein Photo verwendet, das der Berliner Photograph Jochen Littkemann (der sich auf das Photographieren von Kunstwerken spezialisiert hat) von einem Bild in der Galerie Raab machte. Das Bild ist von dem Maler →Rainer Fetting, einem der sogenannten Jungen Wilden der Berliner Kunstszene der achtziger Jahre. Es hat den Titel Susanne mit Fernseher I. Leider ist das Bild nicht im Internet zu finden. Google dünnt das Netz aus, wahrscheinlich um Platz für den KI Müll zu schaffen. Wenn ich vor Jahren den Namen meines Blogs bei Google eingab, gab es hunderte von Bildern aus meinem Blog, jetzt sind es nur noch ein Dutzend. Und Googles KI sagte mir: Ihre Anfrage 'Susanne mit Fernseher I' konnte keinem eindeutig bekannten Kunstwerk, Buchtitel oder einer spezifischen Fernsehfolge zugeordnet werden.

Aber die Susanne auf dem Bild von ✺Rainer Fetting, die 1980 Modell und Muse für Fetting wurde, die hat es wirklich gegeben. Sie hieß Susanne Kuhnke und war ein Mitglied der Band →Malaria. Irgendetwas zwischen Neuer Deutscher Welle und Post Punk, der größte Hit der Band war damals ✺Kaltes klares Wasser. Die Sängerin dieses Underground Hits war Bettina Köster, die John Peel einmal the Queen of Noise genannt hat. Sie können Susanne Kuhnke in diesem Video am ✺Moog Synthesizer sehen. Die Heimat der →Band, die auch in London und New York auftrat, war der Berliner Punkrock Tempel →S.O.36, den der Maler →Martin Kippenberger mitbegründet hatte. Wenn Sie einen Eindruck von der Szene haben wollen, dann schauen Sie einmal in den Trailer von B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989.

Der junge Maler war hin und weg von der Kunststudentin Susanne: Susanne lernte ich in Kippenbergers Musikhalle SO36 kennen und war völlig beeindruckt von ihr. Sie wohnte gleich um die Ecke in einer Fabriketage [...] und studierte Kunst bei Walter Stöhrer. Ich lud sie oft zum Essen und Trinken im 'Exil' ein, und irgendwann, ganz gut angetrunken, malten wir uns gegenseitig bei einer Session. [...] Susanne war auch am Synthesizer in der New Wave Gruppe der damals berühmten Frauenband 'Malaria'. 

Es ist immer etwas Gefährliches in den Susanne Bildern. Ist sie half crazy, wie es in Leonard Cohens Suzanne heißt? Dieses Bild von der beinahe lebensgroßen Susanne heißt Susanne mit Axt (es gibt von dem Bild noch eine  Variante). Da ist sie wieder, die Gefahr. Und auch bei dem Bild Susanne mit Fernseher ist die Gefahr da. Das ist nicht der Halbmond im Fernseher, aber die Smith & Wesson auf dem Teppich, die ist schon gefährlich. Fetting hat in einem Interview gesagt, dass er in den achtziger Jahren diese Vielzahl von Portraits gemalt habe, weil er mit Ihnen den Geist der Stadt und der Zeit einfangen wollte. 

Als Susanne bei einem Konzert von der Bühne gestürzt war und das Bein in Gips hatte, musste Fetting sie unbedingt malen: Als ihr Bein eines Tages in Gips war, weil sie bei einem Auftritt von der Bühne geflogen war, kam ich auf die Idee Susanne auf Wendeltreppe zu malen. Die Wendeltreppe ging ich jeden Tag zu meinem Atelier hoch. Das Bild sollte wohl auch auf Marcel Duchamps 'Akt eine Treppe herabsteigend' anspielen, das auch Gerhard Richter in seinem Stil gemalt hatte. Das Bild Wendeltreppe Gelb (Susanne) hat bei Ketterer beinahe 120.000 Euro gebracht. Es gibt mehrere Varianten des Bildes, auch eine, bei der Susanne bekleidet ist. Ich habe das Bild 1994 in der Ausstellung Neue Wilde aus Berlin: Die Sammlung Martin Sanders im Kloster Cismar gesehen. Bin dran vorbeigegangen wie die junge Dame auf dem Photo hier, habe keine Minute lang geguckt. Aber das Bild mit dem Fernseher, das finde ich scharf, daran würde ich nicht vorbeigehen.

Ich mag ein gut gemaltes Bild, nicht alle Susanne Bilder von Rainer Fetting, die Anfang der 1980er Jahre beinahe fabrikmäßig produziert wurden, sind wirklich gut. Dies hier, das Susanne als Infantin zeigt, ganz bestimmt nicht. Da würde mir das Gleiche passieren, was schon in Cismar (der Dependance des Landesmuseum Schleswig) passierte. Ein kurzer Blick und weitergehen, es kommt immer was Besseres. Wo es sich lohnt, stehen zu bleiben und lange zu gucken. Vielleicht bei dem nächsten Bild.



Dies ist ein Bild von Susanne ohne Messer, Äxte und Pistolen. Aber mit High Heels. Es heißt Susanne Nacht, könnte aber auch Susanne Nackt heißen. Es gibt davon verschiedene Größen und verschiedene Farben, kostet aber beinahe immer 40.000 Euro. Darunter gehen Ölbilder von dem post-expressionistischen ehemaligen Jungen Wilden nicht mehr. Aber auch wenn manche großformatige Bilder hunderttausend Euros kosten, die Preise von Neo Rauch erreicht Fetting nicht. 

Mein Exemplar von Nichts ist versprochen habe ich gerade der Frau geschickt, die heute Geburtstag hat. Da kann sie das ganze Jahr Liebesgedichte lesen. Ich habe mir das Buch natürlich nachgekauft. Ich wollte die Susanne in Rot mit den High Heels unbedingt bei mir behalten. Und das Füllhorn voller guter Liebesgedichte natürlich auch. 

Ein Gedicht daraus soll es zum Abschluss dieses Posts auch geben. Es ist von Christoph Meckel und heißt Leibhaftig. Es findet sich in der Anthologie unter dem Etikett Erotischer Moment. Ich habe das Gedicht gewählt, weil ich mit einem Aktportrait geendet habe, dann sollte in der ersten Strophe schon mal das Wort nackt vorkommen:

Willst du nicht nackt herumlaufen 
in den Sommertagen? 
Helles Haus  alle Sperrangeln offen 
und ich umarme dich 
wenn du ins Zimmer kommst; 

willst du dich nicht anfassen lassen 
hundertmal mehr von mir, vom Himmel? 
Wenn es läutet gehst du im Bademantel 
zur offenen Tür
unsre Gäste reden vom Geschäft
und halten uns für seltsame Vögel; 

willst du nicht schöner sein 
als alle Fotografien von dir 
schöner noch in der Sonne als in der Nacht
und du und ich 
leibhaftiger in der Freude 
lebendig, restlos!

Freitag, 11. September 2026

seiner Zeit voraus?


Heute vor fünfundsechzig Jahren war der Bremer Automobilhersteller Borgward pleite. Am 28. Juli 1961 hatten Dr Johannes Semler und die Geschäftsführer von Borgward, Lloyd und Goliath Anträge auf Eröffnung eines Vergleichsverfahren gestellt. Das Gericht lehnte dies wegen mangelnder Finanzmasse ab. Am 11. September 1961 begann das Konkursverfahren für Borgward und Goliath, das erst 1969 endete. Die Welt schrieb damals: Der Fall Borgward ... ist ein Sonderfall, in dem, wie in einer antiken Tragödie, persönliche Schuld und schicksalhaftes Verhängnis miteinander verwoben sind. Die Rolle des CSU Politikers Semler, der gleichzeitig im BMW Aufsichtsrat saß, ist bis heute umstritten. Die Verschwörungstheorien, dass Daimler-Benz und BMW den Bremer Konkurrenten aus dem Weg schaffen wollten, halten sich immer noch. Zumal auch alle Gläubiger in dem Konkurs entschädigt wurden. 

Mein Vater hatte sich im Jahr zuvor noch überlegt, ob er den Borgward P 100 kaufen sollte, hatte aber dann die Finger davon gelassen und den Opel Admiral gekauft. Mein Freund Keith, der Autos sammelte, hatte in Berlin einen P 100 gefunden, der ein halbes Jahrhundert in einer Tiefgarage gestanden hatte, es war sogar noch Luft in den Weißwandreifen. Reste von Borgwards innovativen Produktionen kann man manchmal noch auf der Straße sehen. Den letzten Borgward, der vom Band lief, zierte ein Plakat mit der Aufschrift Du warst zu gut für diese Welt.

Die Firma von Carl F.W. Borgward war seit 2010 in diesem Blog. Schauen Sie doch einmal in die Posts Borgward, Borgward, 100.000 Kilometer, automobilia und Datenklau. In dem Post Derby wird der Borgward Traumwagen erwähnt, der 1955 in Bremen-Vahr gegen einen Baum krachte. In dem Jahr erhielten Borgward Händler für Werbezwecke auch eine Single mit dem Borgward Lied:

Hinein ins neue Jahr mit frohem Mut.
Wenn man mit Borgward fährt, dann fährt man gut.
Denn Sicherheit und viel Komfort, 
das findet man bei Borgward vor.

Die Fahrt im neuen Jahr ist kein Problem.
Mit Borgward fährst du schnell und so bequem.
Und überall das Glück dir lacht,
weil dir dein Wagen Freude macht.

Hinein ins neue Jahr mit frohem Mut.
Wenn man mit Borgward fährt, dann fährt man gut.
Von Bremen geht der Ruf hinaus, 
dass Borgward seiner Zeit voraus.

Ich habe hier noch den Dokumentarfilm Die Affäre Borgward, in dem Thomas Thieme einen überzeugenden Carl Borgward spielt.

Dienstag, 8. September 2026

Testbericht


Der Grundstein für den Wiederaufstieg der im Krieg völlig zerstörten Firma von Max Braun in Kronberg war der elektrische Trockenrasierer Modell S 50. Rasierapparate sind auch heute noch das erste, was einem bei dem Namen Braun einfällt. Obgleich Braun vor sechzig Jahren für viele Industrieprodukte berühmt waren. Vielleicht weniger wegen der Qualität als wegen des Designs, weil die Söhne des Firmengründers eine Vielzahl von jungen Designern ins Haus geholt hatten. Zahlreiche ihrer Produkte wurden im Museum of Modern Arts ausgestellt. Das steht schon in dem Post Schneewittchensarg, der dem Braun Phonosuper SK 4 gewidmet ist. Entworfen von Hans Gugelot und Dieter Rams wurde sein Produktdesign zu einer Ikone des Unternehmens. 

Die Braun Atelier Anlagen der 1960er Jahre (die qualitativ natürlich viel besser waren als der SK 4) wurden schnell Kult und erzielen heute noch hohe Preise. Ich habe Freunde, die sich nie von ihrer Anlage getrennt haben, obgleich sie wissen, dass sich in Sachen HiFi seit den sechziger Jahren (und der Abwicklung von Braun HiFi im Jahre 1991) eine Menge getan hat. Ich habe hier für Sie den schönen Film Simply the Best: Braun Design Story von Dieter Oeckl aus dem Jahre 1962, in dem Sie alles über die Firma erfahren können. Konrad Adenauer ist da auch einmal kurz zu sehen. Von dem Film Rams von Gary Hustwit aus dem Jahre 2018 habe ich leider nur den Trailer

Ich komme noch einmal auf den Grundstein von Braun zurück, nämlich den elektrischen Trockenrasierer. Da hat Braun nämlich gerade etwas ganz Neues, den Braun Nevo. Einen Elektrorasierer für eine Rasur ohne Kompromisse mit der weltweit ersten AeroTouch-Technologie. Soll 799,99 € kosten, wird aber schon für 499 € überall angeboten. Für das Geld kann man sich auch einen Braun Series 9 Pro+ 9665cce kaufen, der 2025 das neueste Modell der 2014 eingeführten Premiumlinie Series 9 war. Die Marktpreise für die inzwischen unübersehbaren 9er Modelle (einschließlich einer goldfarbenen FC Bayern München Sonderedition) mit verwirrenden Modellnummern haben mit den von Braun geforderten Preisen wenig zu tun. Ich habe für mein Gerät vor Jahren 180 € bezahlt, in Originalverpackung mit einer Vielzahl von unnützen Extras. Man braucht für den Rasierer keine Reinigungsstation, es genügt, den Scherkopf mit heißem Wasser zu reinigen.

Mein erster Rasierer von Braun war 1962 der Sixtant, er brauchte ein Kabel, weil er noch keinen Akku hatte. Er kostete sechzig Mark, die späteren Versionen mit Akku waren zehn Mark teurer. Ich hatte seitdem eine Vielzahl von Braun Geräten. Ich habe immer noch einen funktionierenden Flex Integral aus den neunziger Jahren. Ein Gerät, das immer noch seine Fans hat, lesen Sie doch einmal diesen wunderbaren kleinen Artikel. Wo sich auch die schönen Sätze finden: Resümierend ist aus Sicht des sonntagmorgendlich unrasierten Kritikers seufzend zu bedauern, daß die heutigen Designer das Vermächtnis ihrer Vorgänger - klare, funktionsorientierte Produktgestaltung - nicht mehr fortführen (können, wollen, dürfen?): Aktuelle Rasierer schauen aus wie Laserschwerter aus Science Fiction-Filmen, voll auf Emotion getrimmt.

Immer, wenn ich mit der Rasierleistung der teuren Luxusgeräte nicht zufrieden bin, greife ich zum Flex Integral oder dem Braun Universal (Typennummer 5424), der im Jahr 1985 auf den Markt kam, und rasiere etwas nach. Denn der Braun Series 9 ist nicht wirklich so gut, wie ihn die Werbelyriker machen. Das habe ich schon in dem Post Elektrorasierer vor sechs Jahren angedeutet. Und in dem Post Normbrunnenflasche finden sich einige Bosheiten über die Werbelyrik, mit denen Braun seine Produkte bewirbt. Wahrscheinlich werden die auch schon von der KI geschrieben.

Ist der niegelnagelneue Nevo besser? Er wird hier von dem Schweizer Journalisten Martin Jungfer mit einem sehr witzigen Video vorgestellt. Bei einem anderen Video, das Braun selbst bei YouTube eingestellt hat, fand ich zwei Kommentare sehr interessant. Der erste Kommentar lautete: Glaube ich nicht, dass der Rasierer aus irgendeinem Grund besser rasiert als mein alter Rasierer Serie 9. Das Ganze sieht mir aus nach einem Marketing Trick um den Kunden etwas angeblich Neues für teures Geld anbieten zu wollen. Über den Satz sollte man bei Braun einmal nachdenken. Der zweite Kommentar war noch weitreichender, er lautete: Einfach den Nevo Scherkopf auf meinen Series Pro 9 draufpacken, passt drauf! Ja, das funktioniert. Und so kann man innerhalb von einundzwanzig zweiundzwanzig den Scherkopf M94 oder M96 gegen dieses neue Teil mit den 250 diamantscharfen Klingen tauschen. Wenn sich das so schnell herumspricht, dann wird der Absatz des neuen Nevo wohl gewaltig leiden.

Braun ist mit seiner Series 9 seit Jahren bei allen möglichen Tests (und von denen ist das Internet ja voll) immer Testsieger gewesen. Aber seit vier Jahren haben sie einen japanischen Konkurrenten, der ihnen den ersten Platz streitig macht. Der Panasonic 900+ sieht so ähnlich aus wie der Braun und bietet genau wie Braun fünf Jahre Garantie. Die Scherklingen, die in der Braun Werbung mit Diamanten verglichen werden, basieren bei Panasonic auf der Kunst der traditionellen Samuraischwertfertigung. Und der Scherkopf des Panasonic hat mit sechs Klingen auch noch ein Klingenelement mehr als der Braun Series 9. Allerdings ist sein gefederter und in alle Richtungen beweglicher Scherkopf auch beinahe doppelt so groß wie der von Braun. Was beim Rasieren nicht unbedingt praktisch ist. Es sei denn, man hätte eine Glatze, dafür wäre das dann nützlich. 

Panasonic hat den ursprünglichen Preis des Geräts von 499 € inzwischen auf 366 € gesenkt. Ich hätte das Teil nicht gebraucht, aber als ich bei kleinanzeigen den Rasierer mit Originalverpackung für 119 € sah, habe ich ihn gekauft. Vielleicht hätte ich die 17-sprachige dicke Bedienungsanleitung erst lesen sollen, aber so etwas tue ich nie. Ich habe allerdings nach einigen Tagen herausgefunden, dass man den flexiblen 22D-Rasieraufsatz arretieren kann, dann hat er einen starren Kopf. Und wenn man den kräftig andrückt, bringt das Gerät eine sehr gute Rasierleistung. Allerdings mit einem furchtbaren Geräusch. Ich habe das japanische Monster trotzdem mittlerweile ein wenig lieb gewonnen. Für den vom Hersteller geforderten Preis würde ich ihn aber nicht empfehlen, da bleibe ich lieber bei Braun, der Marke, die ich seit fünfundsechzig Jahren in der Hand halte. 

Meine Empfehlung wäre etwas ganz anderes, nämlich der kleine handliche Braun Series 5, den ich vor einem halben Jahr für 20 Euro bei kleinanzeigen fand. Bei Braun kostet er hundert Euro mehr. Er ist wasserdicht wie die beiden Testsieger, hat aber nur drei flexible Klingen, keine sechs wie der Panasonic. Der Kopf ist starr, nicht beweglich wie bei der Series 9 oder schwabbelig wie beim Panasonic. Er hat keinen ultraschnellen Motor und keinerlei Sensoren, die angeblich die Bartdichte in jeder Sekunde messen. Aber er rasiert erstklassig, man braucht nur etwas länger. Da ist die Rasur noch echte Handarbeit. Und er rasiert noch sauberer als Brauns Flaggschiff aus der 9er Serie. Das wird dem fundamentalen Satz von Dieter Rams gerecht: less is more.

Die Firma Braun weiß wahrscheinlich nicht, dass ihre Rasierer schon bedichtet werden. Ich habe zum Schluss dieses Posts ein Gedicht über den Braun Series 7 von der Engländerin Vic Shirley, es hat den Titel I fell in love with a Braun electric shaver

I know what you're thinking
and, sure, I'm married.
But you didn't see the way
this shaver was looking at me.
The way it would hum longingly,
whilst gliding over my husband's face.
Always vibrating — it seemed to me —
in my direction.
Made me feel kind of special.
And this little guy was a Series 7,
so unbelievably smart;
the way they interpret the beard
and adapt to a man's face.
I didn't believe that was possible.
Once you see a thing like that in action,
you can't exactly unsee it, if you know what I mean.
And once I discovered that it shared my love
of French cinema, there was no turning back.

Freitag, 4. September 2026

der Angriff der KI-ller Bots


Der Blogger, der unter dem Pseudonym Dresdner Bücherjunge den sehr empfehlenswerten Blog litterae-artesque-dresda betreibt, hat mich in einem Kommentar zu dem Post 7.500.000 auf etwas aufmerksam gemacht, was mir neu war. Dass da nämlich im Internet Millionen von Bots herumtoben, die offenbar durch den nur sekundenlangen Besuch meines Blogs meine Leserzahlen vergrößern. Dass ich Googles Zahlen misstraue, habe ich schon mehrfach in den letzten sechzehn Jahren gesagt. Das Phänomen, das ich in dem Post aus heiterem Himmel beschrieben habe, geht offenbar auf solche Bots zurück. Und wahrscheinlich auch, dass der alte Post Dorothy Malone plötzlich mehr als fünfhundert Leser hat. 

Dass das ein sehr schöner Post ist, wissen die KI Roboter nicht, die sind als KI Scraper nur unterwegs, um die Inhalte anzusaugen. Die Texte sind häufig ein Trainingsprogramm für die KI, und ich habe schon manches aus meinem Blog in Googles KI Antworten wiedergefunden. Die Scraper und die LLM Bots (Large Language Model Chatbots) sind sogenannte gute Bots. Sie machen nix kaputt, hinterlassen auch keine Spuren. Nur in der Statistik eines Bloggers. Sie tauchen da unter Sonstige auf, wo alles angeschwemmt wird, was keine URL Adresse hat. Leser, die über WhatsApp, Telegram oder Facebook und diese ganzen Dark Social Kanäle kommen, landen immer unter Sonstige. Wenn man sie auch nicht zuordnen kann, vergrößern sie auf jeden Fall die Leserzahl. Ich habe am Abend des 1. September nicht einen Augenblick daran geglaubt, dass die Zahl von 27.841 Lesern wirklich lebendige Leser meinte.

Diese Bots fallen jetzt über meinen Blog her wie die Heuschrecken über Ägypten, wie es Moses dem Pharao androhte. Nach dem Imperva Bad Bot Report sind schon mehr als fünfzig Prozent des weltweiten Datenverkehrs KI generiert. Das Internet wird zu einer digitalen Müllhalde. Von den sogenannten guten Bots ist im Bericht der Firma Imperva nicht die Rede, nur von den Bad Bots, die Sicherheitslücken und Passwörter suchen und Spam Kommentare hinterlassen. Glücklicherweise gibt es davon nicht so viel bei mir. Es gibt sowieso relativ wenig Kommentare. Was Lyriost dazu bewog, mir ein Haiku zu widmen:

Manchmal

Wenig Kommentar
so erkennt man Edelstein
wenn man ihn denn sieht


Wenn die Heuschrecken so weitermachen, habe ich in der nächsten Woche die Zahl von 7,8 Millionen. erreicht. Das macht sich gut unten auf der Seite, aber wir wissen alle, dass das nicht ganz stimmt. Ich nehme an, dass die irrsinnigen Zahlen irgendwann aufhören, wenn sich die KI Vampire hier vollgesogen haben und weiterziehen. Sehr viele Leser habe ich trotzdem, und ich hoffe, sie bleiben mir erhalten. Weil dies ja ein renommierter, anspruchsvoller deutscher Kulturblog ist. Sagt auf jeden Fall Googles KI. Die muss es ja wissen. Im Internet gibt es schon Seiten, die Blogartikel schreiben lassen mit KI – die ultimative Anleitung heißen. Solche von der KI geschriebenen Blogs werden dann wahrscheinlich nur von den KI Crawlern gelesen. O brave new world, that has such people in't! An dieser Stelle möchte ich den ganzen Bots, die das gerade aufsaugen, sagen: das Shakespeare Zitat war eben Ironie. Ironie versteht die KI nämlich nicht, weil sie mit dem Grundsatz no irony in the internet auf die Welt gekommen ist.