Freitag, 27. Februar 2026

Capitaine Conan


Der französische Schriftsteller Roger Vercel schrieb am liebsten Seeromane, obwohl er nie zu See gefahren war. Berühmt wurde er durch seinen Roman Capitaine Conan, der 1934 den Prix Goncourt erhielt. Aber das ist kein Seeroman, der Capitaine Conan kommandiert kein Schiff, er ist Hauptmann der französischen Armee. Zu der wollte der Literaturstudent Vercel beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs auch, aber man nahm ihn wegen mangelnder Sehkraft nicht. Ein Gewehr hätte man ihm nicht in die Hand geben können. Aber Vercel will seinem Vaterland dienen und nimmt eine Stelle als Sanitäter an.

Auf diesen Photo von 1914 können wir ihn sehen, die weiße Binde de Roten Kreuzes trägt er am linken Arm. Je weiter der Krieg fortschreitet, desto mehr fehlen den Franzosen die Offiziere, und so schicken sie Vercel an die Offiziersschule Saint-Cyr. Der sous-lieutenant Vercel kommt an die Front zurück, dahin, wo niemand hinwill, zur Armée d’Orient an die Salonikifront. Ein Jahr nach dem Kriegsende kommt er wieder nach Hause, geht wieder zur Universität und schreibt eine Doktorarbeit über Corneille. Und bekommt für eine andere wissenschaftliche Arbeiten den Prix Saintour. Er ist noch nicht so weit, seine schrecklichen Fronterlebnisse in seinen Roman Capitaine Conan zu schreiben. der ab 1934 Furore machen wird.  

Es hat eine deutsche Übersetzung des Romans gegeben, sie erschien 1935 als Capitaine Conan: Ein französischer Kriegsroman im Deutschen Widerstands-Verlag von Ernst Niekisch in Berlin mit einer Titelzeichnung von A. Paul Weber. Carl Schmitt hatte die Übersetzung durch Walter Hörstel (1894-1980) veranlasst. Den Widerstands-Verlag gab es nicht mehr lange, der Roman wanderte 1938 zum Gustav Weise Verlag, war damals schon im fünften Tausend verkaufter Exemplare. Der Pour le Mérite Träger Ernst Jünger, der 1920 Stahlgewitter veröffentlicht hatte, besaß auch ein Exemplar des Romans. Vor drei Jahren wurde Capitaine Conan bei dem rechtsradikalen Verlag Antaios wieder neu aufgelegt. Weshalb er dahin gekommen ist, weiß ich nicht. Habent sua fata libelli.

Wahrscheinlich hatte man den Roman wieder aus der Versenkung geholt, weil er 1996 durch Bertrand Tavernier (der einmal Regieassistent von Jean-Pierre Melville war) verfilmt worden war. Das war Taverniers zweiter Antikriegsfilm gewesen, der erste war Das Leben und nichts anderes (La vie et rien d'autre). Da leitet der Commandant Dellaplane (Philippe Noiret) die Dienststelle, die 350.000 gefallene französische Soldaten identifizieren soll. Jetzt muss er einen unbekannten Soldaten liefern, sagt ihm der Général Villerieux (Michel Duchaussoy): Il me faut un poilu inconnu. C’est votre truc. Vous n’allez pas me mettre un English sous l’arc de Triomphe? Ou un boche? Der Major Dellaplane sagt zwar: Oui, mon général, aber eigentlich will er nicht: Ils ont fait tuer des millions d’hommes et on ne va plus se souvenir que d’un seul.

Der Film Capitaine Conan, bei dem Tavernier am Drehbuch mitschrieb, bekam den deutschen Titel Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges. Ich weiß nicht, ob er je im Kino gelaufen ist. Es gibt ihn seit 2019 auf einer DVD in deutscher Sprache. In einer Reihe von Kriegsfilmen hat arte den zweistündigen Antikriegsfilm von Tavernier 2014 gesendet. Die beiden französischen DVDs enthalten neben dem Film noch unglaublich viel Bonusmaterial, und es gibt neben Untertiteln in Englisch auch eine Tonspur, auf der die Handlung ständig kommentiert wird. 

Der Hauptmann Conan in der dunkelblauen Uniform der Marinetruppen kommandiert eine Spezialeinheit, die zum größten Teil aus ehemaligen Strafgefangenen besteht. Sie werden überall dort eingesetzt, wohin die Generäle keine Truppen zu senden wagen. Sie machen keine Gefangenen, sie morden. Der deutsche Filmtitel ist schon richtig, sie sind die Wölfe des Krieges. Conan sieht sich auch als einen Krieger, nicht als einen Soldaten. Er kümmert sich rührend um seine Leute, wie ein Vater sorgt er sich um sie. Er versucht auch, das Leben des zum Tode verurteilten Jean Erlane zu retten, der nach seiner Meinung niemals hätte Soldat werden dürfen.

Conans Freundschaft mit dem Leutnant Norbert (der wahrscheinlich ein kleines Selbstportrait von Roger Vercel ist) zerbricht, als Norbert zum Chefankläger des Militärgerichts ernannt wird; ein Job, den der studierte Lehrer nicht gewollt hat. Er wird ihn irgendwann aufgeben, als er es leid ist, Conans Männer zu verfolgen, die nach dem Waffenstillstand zu einem marodierenden Haufen in Bukarest geworden sind.

Erst ein Jahr nach dem Waffenstillstand wird die Armée d’Orient demobilisiert, der der des der war noch nicht zu Ende. Davor gibt es noch ein letztes Gefecht gegen die Russen. Sie kommen nicht über den Fluss, sagt der Lieutenant De Scève, ein Offizier, den Conan respektiert, weil der Mann aus dem Hochadel ein einfacher Infanterist geworden ist. Sie werden kommen, sagt Conan, halten Sie Ihre mobilen Maschinengewehre bereit (Tu vois si j’étais à leur place, c’est par là que je passerais, alors tes mitrailleuses pas trop fixes!). Er wird mit seiner Truppe eingreifen, wenn alles verloren erscheint. Er schickt den jungen Jean Erlane, der eigentlich inhaftiert ist, an die Front, wo er erschossen wird. Es ist besser als Held zu sterben, als von einem Peloton erschossen zu werden, sagt sich Conan. Und schreibt der Mutter des jungen Adligen einen rührenden Brief.

Jahre nach dem Krieg wird der ehemalige Leutnant Norbert seinen ehemaligen Chef in der Bretagne besuchen. Conan ist verheiratet und hat ein Gasthaus, und der Arzt hat ihm gesagt, dass er wegen der Leberzirrhose nur noch ein halbes Jahr zu leben hat. Dass er das Croix de Guerre und die Ehrenlegion bekommen hat, davon redet niemand mehr. Die einstigen Helden sind bedeutungslos geworden. Nach dem jahrelangen Morden und den Greueln des Krieges findet Conan nicht wieder in das normale Leben zurück. Aber er ist Norbert dankbar, dass der ihn besucht hat. Cette guerre, vous l’avez faite, mais on est 3.000 à l’avoir gagnée! Das Wort vous in diesem Satz impliziert einen gesellschaftlichen Gegensatz zwischen der herrschenden, gebildeten Klasse (zu der Norbert gehört) und den einfachen Menschen. Das sind die dreitausend, die den Krieg wirklich entscheiden. Und die man dann vergessen wird. Er hatte diesen Satz schon Jahre zuvor im Zug nach nach Sofia gesagt: Mais mon vieux Norbert cette guerre, toi et tes 'lopettes' vous l’avez faite tandis qu’avec les trois mille que nous étions, nous l’avons gagnée.

Der Antikriegsfilm voller Melancholie und Traurigkeit beginnt mit der kriegsentscheidenden ✺Erstürmung des Mont Sokol, und er legt mit erstaunlichen Kamerafahrten manchmal ein ungeheures Tempo vor. Der Film verlangt viel Geduld vom Zuschauer, der sich in dieser Welt zurechtfinden muss. Wenn Sie den Film in ✺anderthalb Minuten sehen wollen, dann klicken Sie das an. Wenn Sie den ganzen Film sehen wollen, dann klicken Sie ✺Capitaine Conan an. Der Film war 1997 für neun Césars nominiert, erhielt aber nur zwei: Bertrand Tavernier für die beste Regie und Philippe Torreton (Capitaine Conan) als bester Schauspieler. Wenn Sie einen weiterführenden Artikel zu dem Film lesen wollen, dann klicken Sie die Seite von →Alf Mayer an.

Samstag, 21. Februar 2026

Die Zeit

Ich habe in diesem Jahr viele neue Leser, sehr viele. Die lesen ganz andere Dinge als die Leser, die den Blog schon lange kennen. Und so tauchen plötzlich in der Statistik der meistgelesen Posts Texte auf, die zehn oder fünfzehn Jahre alt sind. Die gucke ich mir alle an. Meistens fehlen da die Bilder, oder Links führen ins Leere, dann beginnt das Reparieren. Das ist manchmal echte Arbeit, nicht alles im Internet ist stabil. Ich habe dabei einen alten Post gefunden, den ich heute wegen seiner Akuialität noch einmal einstelle. Und das hat seinen Grund: die Hamburger Zeitung Die Zeit hat heute ihren achtzigsten Geburtstag. 

Ich bekam vor Tagen eine Mail mit diesem Text: Liebe Leserin, lieber Leser, DIE ZEIT feiert 80 Jahre unabhängigen Journalismus. In acht Jahrzehnten hat sich die Welt tiefgreifend verändert. Was geblieben ist, ist unser Anspruch, Entwicklungen einzuordnen, Debatten anzustoßen und Orientierung zu geben – Woche für Woche, Tag für Tag, auf allen Kanälen. Dieses Jubiläum ist für uns Anlass zurückzublicken – und nach vorn zu schauen: auf die Themen, Fragen und Herausforderungen unserer Zeit. ​​​Als Dankeschön erhalten Sie die Möglichkeit, bis zu 8 Ausgaben der ZEIT für nur 8 € – Print oder Digital – zu lesen. Aber ich werde von dem Angebot keinen Gebrauch machen, die Zeit ist nicht mehr das, was sie einmal war. Ich habe sie jahrelang gelesen, aber es ist nicht meine Zeitung. Da lese ich lieber die Süddeutsche. Aber gratulieren tue ich natürlich auch:

Am 21. Februar 1946 erschien die erste Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit mit einer Auflage von 25.000 Exemplaren, acht Seiten stark (Papier war knapp), 40 Pfennig. Man hatte sich bei der Gestaltung der Titelzeile an der englischen Tageszeitung The Times orientiert, die das englische Staatswappen mit Löwe und Einhorn zeigt. Und der Herausgeber Gerd Bucerius sprach  in seinem Editorial die Nähe zu der englischen Zeitung an, die im 19. Jahrhundert den Beinamen The Thunderer bekommen hatte: Wir hoffen, daß 'Die Zeit‘ ihrer Namensschwester in England würdig sein wird... Wir sind nicht so vermessen, mit unseren bescheidenen Mitteln die überragende Stellung anzustreben, die die Londoner 'Times' in der ganzen Welt genießen, aber wir haben den Sinn dieses Vergleichs als Mahnung verstanden. Mit diesem Vorsatz beginnen wir unsere Wochenzeitung.

Aber das schöne Layout der Zeitung, für das die Professoren Carl Otto Czeschka und Alfred Mahlau verantwortlich zeichneten, gefiel dem Hamburger Senat nun ganz und gar nicht, die Rede war von einem Missbrauch eines Hoheitszeichens für kommerzielle Zwecke. Die haben da echte Sorgen im Senat, sind noch nicht einmal gewählt, nur von der Miliärregierung eingesetzt, jetzt muss das Hoheitszeichen verteidigt werden. Das ist irgendwie sehr deutsch. Ich glaube, unter Max Brauer wäre das nicht passiert, aber der wird erst im November 1946 gewählt.

Am 27. Juni schreibt Bucerius in der Zeit unter dem Titel Unser WappenDem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß sich im Kopf unserer Zeitung eine kleine Veränderung vollzogen hat: an Stelle des Hamburger Staatswappens findet er den Schlüssel der Stadt Bremen. Schon vorher entsprach das Wappen nicht mehr ganz seiner ursprünglichen Form, die der hamburgische Senat uns nicht glaubte gestatten zu können. Mit der Öffnung des Tores meinten wir, den Stein des Anstoßes beseitigt zu haben, wurden jedoch darüber belehrt, daß die immer noch vorhandene Ähnlichkeit mit dem Großen Hamburger Staatswappen vom Senat nicht gebilligt werden könne. Um keinen unfruchtbaren Streit aufkommen zu lassen, haben wir uns an den Bremer Senat gewandt, der uns mit nachstehendem Schreiben die Führung des Bremer Schlüssels gestattet. 

Die Antwort vom Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen, einem gebürtigen Hamburger, am 12. Juni ist kurz und klar: Ich komme erst jetzt zurück auf Ihr Schreiben vom 31. Mai dieses Jahres, in dem Sie den Antrag stellen, das Bremer Wappen im Kopf Ihrer Zeitung führen zu dürfen. Nach Rücksprache mit meinen Kollegen im Senat sind wir gern bereit, Ihnen die Erlaubnis zu geben. Ihre Zeitung ist nach unserer Meinung ausgezeichnet redigiert, sie ist gut, riskiert etwas, und wir freuen uns, wenn wir Ihnen helfen können, im Kopf Ihres Blattes zu betonen, daß sich auch das Gebiet an der Weser mit Ihnen und Ihrer Arbeit verbunden fühlt.

Die Bremer sind stolz auf ihr Wappen mit dem Schlüssel, der für sie ein Schlüssel zur Welt ist. Die Hamburger haben nur eine weiße Burg auf rotem Grund (und in der Staatsflagge auch zwei Löwen), aber die Tür der Burg ist zu. Alfred Mahlau hatte nach den ersten Protesten der Bürokratie das Tor der Burg auf dem Wappen geöffnet, aber das genügte dem Senat nicht. Weltoffenheit ist 1946 offenbar kein Thema in Hamburg. Ich glaube, Wilhelm Kaisen hat den Brief an die Redaktion der Zeit mit einem gewissen Genuß geschrieben. Als er aus dem Ersten Weltkrieg zurück nach Hause kam, ist er nach Bremen gezogen. Ich habe diesen Ortswechsel niemals zu bereuen gehabt, hat er gesagt. Die Bremer haben nicht nur den Schlüssel zur Welt, sie haben auch seit 1870 ein Lied dazu:

Seht ihr die Löwen an dem Schilde,
Der einen mächt’gen Schlüssel trägt?
Mir wird bei diesem Wappenbilde
Der Stolz erhöht, das Herz bewegt.
Dies’ Wappen ist das stolze Zeichen
Der alten treuen Hansastadt,
Die über’s Meer zu allen Reichen
Ihr Rot und Weiß getragen hat.
Hell glänzte in dem Hansabunde
Der Brema Schlüssel alle Zeit.
Auch heut’ strahl’ er in uns’rer Runde
In alter Macht und Herrlichkeit!
Der brave Schlüssel will bezeugen,
Daß gern er öffnet gastlich’ Tor;
Doch nimmer soll den Bart er beugen
Der Willkür! Da sei Gott davor!
Gib gern dem Kaiser, was dem Kaiser,
Du treue Stadt im deutschen Land,
Und pflück’ dir neue Ehrenreiser
Durch schlichter Bürger tät’ge Hand!
Wir aber singen dir zu Ehren:
„Hell glänz’ dein Schild! Und gutes Recht
Mög’ sich in Bremas Schoß bewähren
Bis zu dem fernesten Geschlecht!“

Wenn die Bremer ihr Wappen gerne als Schlüssel zur Welt sehen, kommt er doch ganz woanders her. Es ist, wenn man so will, der Himmelsschlüssel. Der Schlüssel ist in der Kunstgeschichte das Attribut des Apostels Petrus, des Schutzpatrons des Erzbistums Bremen (das gleich zwei Schlüssel in seinem Wappen führte) und des Petri Doms. 1366  taucht der Schlüssel zum erstenmal auf einem Bremer Siegel auf.

Für die endgültige Gestaltung der Kopfzeile der Zeit mit der eleganten Schrift 'mit Seele' (der weißen Innenlinie) zeichnet Carl Otto Czeschka verantwortlich, den Wiener Maler hatte Alfred Lichtwark 1907 nach Hamburg gelockt. Eines der Kunstwerke von Czeschka ist das riesige fünfteilige Fenster in der Hochschule für Bildende Künste Lerchenfeld aus dem Jahre 1913, das den Titel Die Schönheit als Botschaft hat. Das Kunstwerk ist das Thema dieses Buches, und daran hängt eine kleine traurige Geschichte, die schon in dem ausführlichen Post Carl Otto Czeschka steht. Die Betty hatte gerade ihre Examensarbeit über Die Schönheit als Botschaft fertig, da ist sie plötzlich gestorben. Gerade mal dreißig Jahre alt. Aber ihr Professor, der Kunsthistoriker Adrian von Buttlar, hat Geld für den Druck aufgetrieben und einen Verlag gefunden, er wollte, dass die Arbeit seiner Studentin als Andenken an sie als Buch erscheint. Das hat mich damals sehr gerührt, so setzt sich nicht jeder Professor für seine Studenten ein.

Was die Wappen betrifft, lesen Sie doch auch: Fette Henne und Bremen wes bedächtig

Mittwoch, 18. Februar 2026

muss nicht sein

Im nächsten Jahr soll es eine neue ✺Verfilmung von Wuthering Heights geben, ich weiß nicht, ob das sein muss. Wenn man die Spielfilm- und TV-Versionen des Romans addiert, kommt man sicher auf mehr als zwanzig Titel (die ✺Monty Python Version nicht mitgezählt). Ich würde nichts davon empfehlen wollen, auch den Film von ✺1939 nicht, Emily Brontës Roman lebt von der Sprache. Der Roman wird in diesem Blog schon in dem Post Sturmeshöhe besprochen. Und in dem Post Wuthering Heights gibt es einiges über die Übersetzung, die Sie auf keinen Fall lesen sollten.

Das war im letzten Jahr der letzte Absatz in dem Post die vergessene Oper, inzwischen gibt es den Film seit einer Woche im deutschen Kino. Sie können ✺"Wuthering Heights" in einer schlechten Kopie hier sehen, wenn Sie wollen. Muss aber nicht sein. Weltliteratur als Groschenroman kann man auf der Filmkritik Seite lesen, wo auch oberflächlicher Edeltrash-Film steht. Die An- und Abführzeichen des Filmtitels hat die Regisseurin Emerald Fennell so gewollt, weil dies nur ihre Adaption sei. But the thing for me is that you can't adapt a book as dense and complicated and difficult as this book. Mit dem letzten Satz hat sie sicher Recht. Aber wenn man weiß, dass man den Roman nicht verfilmen kann, warum tut man es dann? Damit man ein paar BDSM Szenen filmen kann?

Manche Literaturverfilmungen gehen daneben. Zum Beispiel die des Romans Die Rote von Alfred Andersch. Die Pressekonferenz in Berlin nach der Premiere des Filmes ✺Die Rote war noch nicht zu Ende, da gab es schon einen Eklat. Andersch und Käutner beschimpften sich, Ruth Leuwerik fing an zu weinen. Alfred Andersch warf dem Regisseur Helmut Käutner vor, sich bei der Verfilmung nicht im geringsten an das Drehbuch gehalten zu haben, das er angefertigt hatte. Dem Schriftsteller wurde von Regisseur und Produzent entgegnet, man habe sein Drehbuch nicht benutzen können, weil es als Drehbuch völlig unbrauchbar gewesen sei. Käutner hat später zugegeben, dass alle Schuld an dem Misserfolg bei ihm gelegen habe. Und dass Ruth Leuwerik eine Fehlbesetzung für den Film war. Das stand hier vor Jahren in dem Post Drehbücher, in dem viel über Literaturverfilmungen gesagt wird.

Häufig ist es nicht die Schuld der Regisseure, sondern die Schuld der Studios und Geldgeber, die die Treue zum Text bei der Verfilmung verhindern. John Huston hat das bei der Verfilmung von Stephen Cranes ✺The Red Badge of Courage erfahren müssen. Lillian Ross hat ein ganzes Buch über die Dreharbeiten geschrieben. Hustons Moby-Dick war ein vergeblicher Versuch, aus einem unverfilmbaren Roman einen Film zu machen. Aber in seinem letzten Film ✺The Dead. da ist John Huston ganz nah an dem Text von James Joyce.

Literaturverfilmungen sind eine schwierige Sache, die Engländer können das offensichtlich besser, wenn wir an die vielen Jane Austen Filme, an A Dance to the Music of Time oder Brideshead Revisited denken. Franzosen können das auch Bertrand Tavernier hat das mit dem schönen Film ✺Un dimanche à la campagne und dem Film ✺Capitaine Conan gezeigt. Und Raoul Ruiz hat mit ✺Le temps retrouvé bewiesen, dass man Proust vielleicht doch ein wenig verfilmen kann. Wenn ich zu dem Thema ein Buch empfehlen darf, dann wäre das der Suhrkamp Band Literaturverfilmungen, der von Franz-Josef Albersmeier und Volker Roloff herausgegeben wurde. Wenn Sie mehr über Literaturverfilmungen lesen wollen, dann kann ich auf den Post The Go-Between verweisen. Es ist einer der wenigen Posts in diesem Blog, der vor vielen Jahren in einem Buch veröffentlicht worden war, ich würde ihn heute immer noch genau so schreiben.

Für manche Filme bietet es sich an, dass sie einen Erzähler im Off haben, was man wissenschaftlich extradiegetische Narration nennt. Bertrand Tavernier, der mit einer Drehbuchautorin verheiratet ist, macht davon in Un dimanche à la campagne überzeugend Gebrauch. Was ihm leicht fiel, da Pierre Bost, der Autor des Romans, eigentlich Drehbuchautor war, und der Roman Monsieur Ladmiral va bientôt mourir sich schon wie ein Drehbuch las. 

Schwieriger war es für Axel Corti, der bei der Verfilmung von Radetzkymarsch neben sich mehrere Drehbuchautoren hatte. Sich aber durchsetzen konnte, einen Erzähler im Off (Udo Samel) zu verwenden, das hält den Film (✺Teil 1 und ✺Teil 2) zusammen, der sonst auszuufern drohte. Vielleicht mehr als die wenig bekleideten Schauspielerinnen Charlotte Rampling, Elena Sofia Ricci und Julia Stemberger.

Den Erzähler im Off kann die englische Regisseurin Emerald Fennell nicht verwenden, da die Erzählsituation des Romans zu kompliziert ist. Sie könnte ihn verwenden, da sie nur den halben Roman verfilmt. Fennell war nicht nur die Regisseurin für "Wuthering Heights", sie war auch Co-Produzentin und Autorin des Drehbuchs. Die Kritikerin Therese Lacson fragt sich, ob Fennell Emily Brontës Roman wirklich gelesen hat: Fennell has made no bones about how her 'interpretation' of Brontë's novel is based on her feelings for the book after reading it at 14. However, after cutting away nearly all the story's characters and only adapting about half of the book, I have to wonder if Fennell has ever actually read the novel she's based her passion project on. Because if you strip this movie of its title and change the characters' names, this isn't anything close to Brontë's story. 

Mit der Einsamkeit der Heide in Yorkshire im Jahre 1800 hat der Film wenig zu tun. Das, was die Schauspielerin Margot Robbie im Film (im Absatz oben) trägt, hat mit der Kleidung von 1800 nichts zu tun. Klamotten aus Latex gab es damals noch nicht. Irgendwie erinnert das Kleid an die Wuthering Heights Oper in Braunschweig vor zehn Jahren. Da sah Catherine Earnshaw ähnlich aus, wie man auf diesem Bild sehen kann.

Das Pfarrhaus von Haworth, in dem die Brontë Schwestern aufwachsen, liegt eine Viertelstunde Autofahrt von Saltaire entfernt, wo Sir Titus Salt die größte Fabrik Englands für alle Arten von Baumwollstoffen hat. Die Brontës werden, wie alle Frauen in der Zeit, Baumwollkleider getragen haben. Vielleicht auch einmal eins aus dem glänzenden Alpakavlies, auf das Sir Titus so stolz war. Aber Latex bestimmt nicht. Dass das Pfarrhaus heute noch so gut erhalten ist, verdankt die Nation Sir James Roberts, der 1892 die Firma von Titus Salt übernommen hatte. Der Mann aus Haworth, der Charlotte Brontë noch gekannt hatte, hatte das heruntergekommene Pfarrhaus gekauft und es 1928 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, dafür sollte man ihm dankbar sein. Emerald Fennell muss man für nichts dankbar sein.

Sonntag, 15. Februar 2026

Florinda Bolkan

Die brasilianische Schauspielerin Florinda Bolkan wird heute fünfundachtzig, da muss ich gratulieren. Sie ist inzwischen vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten, aber in den siebziger Jahren da gehörte die italienische Filmwelt ihr. Zuerst tauchte sie mit solchen Photos in →Magazinen auf, aber dann kriegte sich auch richtige Rollen im Film. Und bekam dreimal den David di Donatello als beste Schauspielerin. Der Film ✺Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto, in dem sie mitspielte (nackt in der Badewanne und später umgebracht) bekam einen Oscar als bester fremdsprachiger Film. Wenn Sie Florinda Bolkan kennenlernen wollen, dann schauen Sie sich doch mal eben diesen kurzen ✺Film an, dann kennen Sie sie. Sie singt da übrigens selbst. 

Wenn man zwischen den schönsten Männern der siebziger Jahre steht, dann hat man es geschafft. Auch wenn der Film (✺The Last Valley) ein furchtbarer Historienschinken war. 1968 war sie (wie auch Ringo Starr) in der erotischen Fantasykomödie ✺Candy zu sehen gewesen, ein Jahr später spielte sie in ✺Metti, una sera a cena (mit der Musik von Ennio Moricone) die Ehefrau von Jean-Louis Trintignant. Mit dem wird sie noch zweimal vor der Kamera stehen, 1969 in ✺Le voleur de crime und 1974 in Le mouton enragé.

Wirklich berühmt wurde die Stewardess der brasilianischen Fluggesellschaft Varig, die eigentlich mit der Schauspielerei nichts am Hut hatte, weil Luchino Visconti für sein Nazi Epos Die Verdammten (✺La caduta degli dei) haben wollte. Aber Florinda Soares Bulcão sah nun mal gut aus und sprach mehrere Fremdsprachen, da bietet sich ein Job als Filmstar an. Sie blieb in Italien. La caduta degli dei ist ein Film, den ich wirklich nicht mag. Irgendwie wirkt Florinda Bolkan als Geliebte von Helmut Berger in dem opulenten Ausstattungsfilm wie ein hübsches Möbelstück

Ihre besten Filme werden noch kommen. Sie schrieb Visconti nach den Dreharbeiten einen rührenden Brief: Wie schön es ist, danke zu sagen. Viele haben es verlernt, sich zu bedanken. Sie reden sich ein: Die Zeit ist knapp geworden und nüchtern. Sie machen nur noch ihre Pflicht. Gefühle gehören nicht dazu. Dabei wissen wir doch alle, wie wichtig ein Wort des Dankes und der Anerkennung ist. So stand es auf jeden Fall in der Münchner illustrierte Presse. In München kannte man Florinda Bolkan, weil ihre Halbschwester, das Model Sônia Ribeiro, 1972 Willy Bogner geheiratet hatte.

Sie war Visconti ewig dankbar, dass er ihr den Rücken gestärkt und ihr die Tür zur großen Welt geöffnet hatte: Passai in pochi mesi dalle notti folli nei locali trasgressivi della Roma dei primi anni ’70 – dove tutti mi corteggiavano e mi volevano – a cenare con Elsa Morante, Toscanini, Maria Callas. Luchino mi voleva bene come un padre ed io gli volevo bene come una figlia. Mi ha aperto lo sguardo sul mondo. Es war auch die Welt der Mode, die sich auf sie stürzte. Als Valentino seine erste Boutique in New York eröffnete, stand sie an seiner Seite.

Florinda Bolkan hat mehr als fünfzig Filme gedreht, vieles braucht man wirklich nicht zu sehen, Allein gegen die Mafia ganz bestimmt nicht. Und diesen Trash wie ✺A Lizard In A Woman's Skin (1971) oder Nonnen bis aufs Blut gequält (✺Flavia, la monaca musulmana (1974) auch nicht. Sie drehte zu viele Filme mit dem italienischen Meister des Horrorfilms Lucio Fulci. Aber zwischen vielem Zelluloidschrott gab es immer wieder kleine Perlen.

Wie zum Beispiel der Film von Vittorio De Sica ✺Una breve vacanza (1973), in dem sie eine an TBC erkrankte Fabrikarbeiterin spielt, die zur Kur geschickt wird. Es ist ein stiller Film, in dem sie einmal zeigen kann, dass sie eine wirklich gute Schauspielerin ist. De Sica sagte ihr, als sie die Rolle bekam: I chose you because your eyes have known hunger. Sie hat ihm geantwortet: Those born in Ceará bring within themselves a strong and hard share of the real thing. Die Los Angeles Film Critics Association gab ihr für den Film verdientermaßen den Best Actress Preis.

Ein Jahr später war Florinda Bolkan in einem ganz anderen Film, der Das wilde Schaf (✺Le mouton enragé) hieß. Vielleicht spielte Romy Schneider da die Hauptrolle, aber man guckt den Film nur wegen der Nebenrollen. Wegen Jane Birkin und Florinda Bolkan. Und natürlich wegen Jean-Louis Trintignant. Der wirkt neben Florinda immer ziemlich klein. Das liegt daran, dass sie einen Meter fünfundsiebzig ist, und Trintignant eben viel kleiner ist, auch wenn das Internet behauptet, er sei 1,72 groß. In dieser Szene ist Florinda noch bekleidet, aber das bleibt nicht so, wie wir im nächsten Photo sehen können.

Ohnehin wird in dieser bösen Satire viel nackte Haut gezeigt: Schließlich geht es um Sex, Geld und Erfolg. Um diese Ingredienzen einer dekadenten Gesellschaft entspinnt sich eine herrlich bissige Geschichte, wie sie vielleicht nur das französische Kino der frühen Siebziger Jahre hervorbringen konnte, schreibt Dr Robert Lorenz auf seiner Seite. Das ist das Mindeste, was man über diesen wunderbaren kleinen Film von Michel Deville sagen kann.

Sie wird heute an ihrem Geburtstag wahrscheinlich nicht auf den Kissen mit ihrem Photo sitzen, wie hier im Jahre 1983, aber es geht ihr nicht schlecht, sie bewohnt eine Villa in einem Landgut. Wenn man überall lesen kann, dass Visconti sie entdeckt hat, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Wahrscheinlich hat die Filmproduzentin Contessa Marina Cicogna, die die The New York Times einmal the most powerful woman in European cinema nannte, diese Entdeckung herbeigeführt. Mit ihr lebte Bolkan von 1967 bis 1982 zusammen. Die Trennung verlief im Streit, die Contessa war ihr zu autoritär und dominant geworden: Sento un grande dispiacere per una persona nei confronti della quale provo gratitudine, insieme al cinema abbiamo fatto un cammino cinematografico importante.

Florinda Bolkans neue Lebensgefährtin Anna Chigi ist eine Prinzessin, obgleich sie nichts auf diesen Titel gibt. Die beiden Frauen bewirtschaften ein Landgut in Bracciano, mit Pferdezucht und Gasthaus. Florinda kocht selbst. Alles dazu können Sie Florinda Bolkans Homepage entnehmen. Da gibt es auch eine Seite, mit der Sie ihr Geburtstagsgrüße schicken können. Mein Happy Birthday geht mit diesem Post in die Welt.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Liebesleid

Dass Mia Farrow am 9. Februar einundachtzig wurde, habe ich nur dadurch erfahren, dass das Fernsehen ihr zu Ehren Hannah und ihre Schwestern sendete. Ein Film, der hier schon einmal wegen Michael Caine und Barbara Hershey erwähnt wird. Nicht wegen Mia Farrow, ich bin kein Farrow Fan. Ich war nur einmal ihretwegen im Kino, 1984 für Broadway Danny Rose. Da war sie vierzig und sah in ihren nuttigen Klamotten sehr gut aus. Da hatte sie nicht mehr den Kurzhaarschnitt, den ihr Vidal Sassoon verpasst hatte. Für The Great Gatsby bin ich 1974 nicht ins Kino gegangen. Ich liebe den Roman, man kann ihn nicht verfilmen, auch nicht mit Mia Farrow. Joseph Losey hätte sie Jahre zuvor gerne für The Go-Between gehabt, aber er konnte froh sein, dass er Julie Christie hatte. Mia hätte den Film ruiniert. Ich mag Mia Farrow wie gesagt nicht sehr. Sie hat hier schon den Post Beware of young girls, da kommt sie nicht besonders gut weg.

Mit Woody Allen war sie zwölf Jahre verheiratet, aber ihren ersten Ehemann Frank Sinatra hat sie ihr ganzes Leben lang geliebt. Die Klatschpresse vermutet, dass auch ihr Sohn Ronan ein Kind von Frankieboy ist. Das Liebesleben von Mia Farrow ist vor dreißig Jahren schon als Love and Betrayal: The Mia Farrow Story als Film erschienen, Mia wurde da von Patsy Kensit gespielt.

Zum Thema Liebesleben muss ich heute noch eine andere Frau erwähnen. Weil sie heute Geburtstag hat. Wir müssen dafür nur ein paar Jahrhunderte zurückspringen. Es ist eine ganz andere Welt. Es kann uns immer ganz gut tun, aus unserer Zeit etwas zurückzugehen. In eine Welt, in der es keine sogenannten Social Media und keinen Donald Trump gibt. In der man noch auf die Sprache vertraut, die Schönheit der Worte und Gedanken. Wir sind in der Romantik, und die Frau, die heute Geburtstag hat, heißt Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode. Sie schreibt Liebesgedichte wie dieses:

Liebe

O reiche Armut! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Not, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten

Leben im Traum und doppelt Leben.

Ich habe das Gedicht hier von Imogen Kogge gelesen, sie liest es sehr schön. Aber so viele Liebesbriefe und Liebesgedichte die Günderrode schreibt (die schöne Seite der deutschen Liebeslyrik präsentiert achtzehn Gedichte, aber es sind mehr), sie findet keinen Mann. Der, den sie liebt, der sie heiraten wollte, kneift im letzten Augenblick. In ihrem Gedicht Überall Liebe spricht sie schon vom Selbstmord: Soll mutig ich zum Schattenreiche gehn? Um andre Freuden, andre Götter flehn, Nach neuen Wonnen bei den Toten fragen? Sie wird das wahrmachen, alls diese grande amour für sie zu Ende ist, sticht sie sich am Rheinufer einen Dolch in die Brust. Wenn man das weiß, wird man das Gedicht Überall Liebe anders lesen:

Kann ich im Herzen heiße Wünsche tragen?
Dabei des Lebens Blütenkränze sehn,
Und unbekränzt daran vorübergehn,
Und muß ich trauernd nicht in mir verzagen?

Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?
Soll mutig ich zum Schattenreiche gehn?
Um andre Freuden, andre Götter flehn,
Nach neuen Wonnen bei den Toten fragen?

Ich stieg hinab, doch auch in Plutons Reichen,
Im Schoß der Nächte, brennt der Liebe Glut,
Daß sehnend Schatten sich zu Schatten neigen.

Verloren ist, wen Liebe nicht beglücket,
Und stieg er auch hinab zur styg'schen Flut,
Im Glanz der Himmel blieb er unentzücket.

Ich habe das Gedicht hier von Janina Sachau  vorgetragen. Die Gedichte der Günderrode sind vertont und gesungen worden. Wie von Wolfgang Rihm mit Das Rot. Sechs Gedichte der Karoline von Günderrodehier mit Ton. Ich habe das Werk auch von von Christoph Prégardien. gesungen. Man hat die Günderrode nie vergessen. Dichter haben über sie geschrieben: Bettina von Arnim schrieb den Briefroman Die Günderode, Hans Magnus .Enzensberger schrieb das Drehbuch für einen Film. Und alles andere, was Sie wissen möchten, das lesen Sie doch in dem Post die Günderrode, der hier vor Jahren auch an einem 11. Februar stand.

Sonntag, 8. Februar 2026

Paula Becker-Modersohn

Heute vor einhundertfünfzig Jahren wurde die Malerin →Paula Becker-Modersohn in Dresden geboren. Als sie zwölf Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Bremen. Sie wohnten zuerst im vornehmen Schwachhausen, dann noch vornehmer im Haus von →Aline von Kapff. Die hat hier schon als Tante Aline einen Post, Paula Becker-Modersohn hat noch keinen Post. Sie wird aber in einem Dutzend Posts erwähnt. Die Maler von Worpswede tauchen in diesem Blog immer wieder auf, diese Posts werden auch viel gelesen, der Post über Heinrich Vogeler hat über dreizehntausend Leser.

Erwarten Sie von mir heute bitte nichts zu Paula, ich habe kein Verhältnis zu ihrer Malerei. Wirklich nicht. In dem Post die Königin Caroline Mathilde habe ich geschrieben: Dass ich in Rotenburg (Hannover) geboren werde, verdanke ich den Fliegerangriffen auf Bremen, man hatte Teile des Bremer Krankenhauses ausgelagert. Ich bin ein Sonntagskind, das wird man mir immer wieder erzählen. Kurz nachdem ich geboren werde, stirbt in demselben Krankenhaus der Maler Otto Modersohn, der Ehemann von Paula Becker-Modersohn, einer Nationalheiligen in Bremen. Modersohn war auch der Onkel von Cato Bontjes van Beek. Wäre ich in Bremen geboren, wie später mein Bruder, wäre ich ein echter Bremer geworden. Die sind da in Bremen ja eigen, wer ein echter Bremer, ein Tagenbaren, ist. An diesem Mythos Bremen arbeiten viele, und auch ich kann nicht leugnen, ihm zeitweise erlegen zu sein. Ich schreibe immer noch an meinen Bremensien, die in meinem Kopf als Roman mit dem Titel Anti-Bremen begannen. Obgleich ich eher wie Fitzgeralds Held Jay Gatsby meine eigene Geschichte und mein eigenes Konzept meines Lebens erfinde.

Dass die Bremer die Paula wie eine Nationalheilige verehren, war nicht immer so. 1899 schreibt der damalige Bremer Kunstpapst Arthur Fitger: Unsere heutigen Notizen müssen wir leider beginnen mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns darüber, daß es so unqualifiercirbaren Leistungen wie den sogenannten Studien von Maria Bock und Paula Becker gelungen ist, den Weg in die Ausstellungsräume unserer Kunsthalle zu finden, ja daß man ihnen ein ganzes Cabinet eingeräumt hat.... daß so etwas hat möglich sein können, ist sehr zu beklagen. Für die Arbeiten der beiden genannten Damen reicht der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen... so ist auch uns in diesem Augenblick der Gedanke an unsere Kunsthalle so widerwärtig geworden, daß wir den lebhaften Wunsch nicht mehr unterdrücken können, möglichst bald sie uns aus dem Sinn zu schlagen und uns Erfreulicherem zuzuwenden. Dass die Bremer auf den grottenolmschlechten Maler und Literaten Fitger hören, ist ein Zeichen ihres schlechten Geschmacks, den der Kunsthallendirektor Gustav Pauli und Mitglieder der Goldenen Wolke bekämpfen wollen. Aber es ist leider so, die junge Malerin verkauft zu Lebzeiten nur eine Handvoll Bilder. Ich finde diese Sandkuhle am Weyerberg von 1899 gar nicht so schlecht, obgleich mir der sandige Kreuzberg von Otto Piltz besser gefällt.

Zu ihrem sechsten Hochzeitstag malt sie sich als Schwangere, aber sie ist noch gar nicht schwanger. Das Bild von 1906 gilt als der erste Selbstakt einer Malerin. Sie malt immer wieder Akte, ihr Mann notiert dazu in seinem Tagebuch: malt lebensgroße Akte und das kann sie nicht, ebenso lebensgroße Köpfe kann sie nicht. Wenn man ihre Aktbilder mit den Bildern vergleicht, die sich hier in dem Post Aktmalerei finden, dann wird man dem Urteil ihres Mannes zustimmen müssen. Sie hat auch immer wieder Selbstbildnisse gemalt, von denen das im zweiten Absatz aus dem Jahre 1897 meiner Meinung nach das schönste und lebendigste ist. Es war vor sechs Jahre zum ersten Mal in einer Ausstellung in Bremen zu sehen. Das Bild Selbstbildnis nach halblinks im siebten Absatz ist das teuerste Bild von ihr, das je auf einer Auktion verkauft wurde, es hat mehr als eine Million Euro gebracht.

Ein Jahr nach dem Akt zum Hochzeitstag wird sie wirklich schwanger. Sie stirbt kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde (Tille) mit einunddreißig Jahren. Ihre Tochter wird einundneunzig Jahre alt werden. Ihr Vater hat ihr erst, als sie achtzehn war, erzählt, wer ihre Mutter war. In der Bremer Straßenbahn, damit sie vom Verkehr abgelenkt war und nicht so weinte. Mathilde Modersohn hat im hohen Alter mit ihrer Halbschwester noch eine Stiftung für die Gemälde ihrer Eltern gegründet. 

Es gibt in Bremen in der Böttcherstraße ein Paula Modersohn-Becker Museum, das dauerhaft Werke von Paula zeigt. Der Bremer Millionär Ludwig Roselius, der sein Geld mit dem entkoffeinierten Kaffee HAG gemacht hatte, hat sich dieses Haus von dem Architekten Bernhard Hoetger (der auch den Niedersachsenstein auf dem Weyerberg entwarf) bauen lassen.

Paula war für die Freundschaft mit Hoetger (den sie in Paris kennengelernt hatte) und die Unterstützung, die sie von ihm bekam, sehr dankbar: Sie haben mir Wunderbarstes gegeben. Sie haben mich selber mir gegeben. Ich habe Mut bekommen. Mein Mut stand immer hinter verrammelten Toren und wußte nicht aus noch ein. Sie haben die Tore geöffnet. Sie sind mir ein großer Geber. Ich fange jetzt auch an zu glauben, daß etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seligkeit … Sie haben mir so wohl getan. Ich war ein bißchen einsam.

Hoetger wird nach ihrem Tod die Plastik Mutter und Kind für Paulas Grabmal auf dem Worpsweder Friedhof schaffen. Das Grabmal ist frei zugänglich, ist aber in keinem schönen Zustand. Das ist ähnlich wie beim Berliner Kleist Denkmal, wo auf der Rückseite die Zeile aus Prinz von Homburg steht: Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein steht. 1927 wurde Hoetgers expressionistisches Bauwerk als Paula Becker-Modersohn Haus eröffnet. Die Reihenfolge der Nachnamen hatte Roselius so festgelegt. Ich benutze den Namen seit kleinauf auch immer so. Die ganze Böttcherstraße mit der eigentümlichen Architektur war ja ein →Roselius-Hoetger Gesamtkunstwerk, das den →Nazis wenig gefiel. Trotz des →Lichtbringers im Eingang. Als von den Nazis die Bilder von Paula Becker-Modersohn aus den Kunsthallen als entartete Kunst entfernt werden, kann Roselius sein Museum aber bewahren. Irgendwie konnte man die Worpsweder, von denen auch viele den Nationalsozialimus befürworteten, ja auch als völkische Kunst verstehen.

1979 verkaufte der Sohn von Ludwig Roselius Kaffee Hag und die Böttcherstraße an das amerikanische Unternehmen Kraft Foods, kaufte aber Teile der Straße zurück. Das Paula Becker Modersohn Haus ist jetzt im Besitz der Stadt Bremen. Das Haus Atlantis leider nicht. Mein Freund Peter hatte als Landeskonservator einen langen Kampf gegen einen schwedischen Hotelkonzern, der sich von hinten in die Böttcherstraße hineinfrass. Die Fassade und der Himmelssaal sind aber erhalten. Im Haus waren auch die Kammerspiele, wo ich bei der Aufführung von Wer hat Angst vor Virginia Woolf hinter  dem Kultursenator Dehnkamp und seiner Frau saß. Und als in der Pause das Licht anging, sagte Frau Dehnkamp zu ihrem Mann: Ischa bis jetzt noch nich viel Sinn in. Gefällt mir immer noch der Satz. Und es gab da auch ein Kino, wo ich mit meiner Freundin Traute vergeblich an der Kasse für Bergmans Film Das Schweigen anstand. Meine Böttcherstraßen Erinnerungen haben selten etwas mit Paula Becker-Modersohn zu tun. Die Straße kommt x-mal in meinem Blog vor, aber nur, weil der Herrenausstatter Hans Kalich da seinen Laden hatte.

Das Leben von Paula Becker-Modersohn ist gut erforscht, und dankenswerterweise hat sie einen guten Wikipedia Artikel. Seit der Bremer Kunsthallendirektor Gustav Pauli 1919 ein kleines Buch mit einem Werkskatalog veröffentlichte, hat es eine Flut von einem Dutzend Biographien gegeben. Auch der Briefwechsel ist veröffentlicht. Und es gibt viele Kataloge von Ausstellungen, dies Bild zeigt den Dresdner Katalog aus dem Jahe 2003, den mir die Astrid geschenkt hat, die bei den Staatlichen Sammlungen arbeitet. Ich bekomme immer Paula Becker-Modersohn Bücher geschenkt. Die stelle ich in das Regal zu den Worpsweder Malern. Wenn ich über meinen Computerbildschirm auf die Bücherwand vor mir gucke, stehen da anderthalb Regalmeter Worpswede. Nicht alles habe ich gelesen, manches steht da nur, weil es schön aussieht. Ich habe keine Leseliste und keine Buchempfehlungen für Sie, aber ich habe auch noch bewegte Bilder. Nämlich den Film Paula Modersohn-Becker - Geschichte einer Malerin, den Wilfried Hauke 2007 für Radio Bremen gedreht hat.

Werden Malerinnen glücklich, wenn sie einen Maler heiraten? Ist sie glücklich, weil sie häufig getrennt sind, weil sie lieber in Paris als in der torfigen Tristesse von Worpswede ist? Ihr Mann schreibt ihr Liebesbriefe: Nun bitte ich Dich ... schreib mir mal einen wirklichen, rechten, echten Liebesbrief, hörst Du, Paula, ich sehne mich danach. Immer malen das hält man auch nicht aus. Und nun laß Dich umarmen Du liebstes Wesen und Dich mit heißen Küssen bedecken von Deinem Manne. Aber als sie den Akt von 1906 malt, da will sie sich schon scheiden lassen.

Otto Modersohn malt seine Frau, wie sie im Garten malt. Ein nettes Bild. Aber ist das große Kunst? Wenn man das Bild mit den Bildern vergleicht, die Peder Severin Krøyer von seiner Frau Marie gemalt hat, dann kommt einem dies hier schon arg provinziell vor. Auch die Ehe der Krøyers ist nicht glücklich, Paula und Marie haben beide einen viel älteren, und als Maler viel berühmteren, Mann. Marie trennt sich schnell von Krøyer, und geht ihren eigenen Weg. Paula zieht die Metropole Paris dem Moordorf Worpswede vor. Viermal von 1900 bis zu ihrem Tod wird sie dort sein, vielleicht waren das auch immer kleine Fluchten.

Dieses Bild von Heinrich Vogeler, das jetzt meist Sommerabend auf dem Barkenhoff genannt wird (wahrscheinlich möchte man mit dem Titel die Bilder der blauen Stunde der Skagen Maler assoziieren), ist eins-siebzig mal drei Meter groß. Es ist das bekannteste Bild Vogelers, eine Art Mittsommernacht in Worpswede, ein idyllisches Zusammensein junger Künstler. Die Figuren sind beinahe lebensgroß, und wenn der große Hund nicht wäre, könnte man die Stufen der Treppe hinaufgehen und sich zu den Personen setzen. Paula im weißen Kleid sitzt ganz links. 1901 hatten Vogeler, Modersohn und Rilke geheiratet, da war die Welt, die sie so schwärmerisch erneuern wollten, noch heil. Jetzt sind sie alle miteinander zerstritten, den Rilke, der auch mal auf dem Bild war, hat Vogeler übermalt. Das Bild zeigt auch die Grenzen von Vogeler als Maler. So akzeptabel er in seinen Buchillustrationen und in der Gestaltung der Güldenkammer des Bremer Rathauses ist, malerisch toll ist das Ganze nicht. Die Figuren wirken letztlich wie tot, weil alles nur plakativ zweidimensional ist. Man vergleiche es nur einmal mit dieser Frühstücksszene von Peder Severin Krøyer oder mit Krøyer sommerlichem Gartenfest.

Das →Albertinum in Dresden eröffnet heute eine Ausstellung zu Paula Becker-Modersohn und Edvard Munch. In →Bremen beginnt ein zweijähriges Ausstellungsfest. Zu Paulas hundertfünfzigstem Geburtstag und 2027 zur Hundertjahrfeier des Paula Becker-Modersohn Museums. Die Dresdner Ausstellung wird im nächsten Jahr auch gezeigt werden. In diesem Blog wird Minna Hermine Paula Becker erwähnt in den Posts: Malweiber, Kunsthalle Bremen, die Bremer Rembrandts, 200 Jahre Bremer Kunstverein, Worpswede, Skagen, Hans am Ende, Marschendichter, Willi Vogel, Niedersachsenstein, Anna Feldhusen, Tante Aline, Heinrich Vogeler, Nordlichter, Malerinnen