Posts für Suchanfrage schnitzler werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage schnitzler werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Dienstag, 15. Mai 2012

Arthur Schnitzler


Aber wenn Du nun, Liebste, zu "Professor Bernhardi" gehst, so ziehst Du mich an jenem zweifellosen Strick eben mit und es ist die Gefahr, dass wir beide in die schlechte Literatur verfallen, die Schnitzler zum größten Teil für mich darstellt. Um uns nun aber davor zu bewahren, hatte ich die Pflicht, dem Zug des Strickes nicht ganz nachzugeben, sondern zu Hidalla zu gehn, um Dich ein wenig von dem "Professor" abzuhalten, ein wenig wahre, gut geschnittene Wedekindsche Worte Deinem für "Professor Bernhardi" klopfenden Herzen zukommen zu lassen und die Schnitzlerischen Eindrücke, die zu mir heute abend herüberwehn und die ich gierig aufnehme, weil sie von Dir, Liebsten, kommen, ohne Schaden der Seele zu ertragen. Denn ich liebe den Schnitzler gar nicht und achte ihn kaum; gewiß kann er manches, aber seine großen Stücke und seine große Prosa sind für mich angefüllt mit einer geradezu schwankenden Masse widerlichster Schreiberei. Man kann ihn gar nicht tief genug hinunterstoßen. Die Stücke, die ich von ihm gesehen habe (Zwischenspiel, Ruf des Lebens, Medardus) sind mir noch vor dem zuschauenden Blick vergangen, und während ich zuhörte, habe ich sie vergessen. Nur vor seinem Bild, vor dieser falschen Verträumtheit, vor dieser Weichmütigkeit, an die ich auch mit den Fingerspitzen nicht rühren wollte, kann ich verstehn, wie er aus seinen zum Teil vorzüglichen anfänglichen Arbeiten (Anatol, Reigen, Leutnant Gustl) sich so entwickeln konnte.

Der hier sein Missfallen über Arthur Schnitzler äußert, heißt Franz Kafka. Ich habe schon vor einem ➱Jahr gestanden, dass er definitiv nicht zu meinen Lieblingsautoren gehört. Ich wiederhole das gerne noch einmal:

Als ich, um meine Mutter nicht zu enttäuschen, eine Dissertation schreiben sollte, blieb mir nichts anderes übrig, als über den Autor zu schreiben, der mich während meiner Studentenjahre gehindert hatte, andere Autoren wirklich zu lesen: Franz Kafka. Aber als ich über ihn schreiben wollte, stellte sich heraus, daß ich ihn nicht verstanden hatte. Mit diesem charmanten Geständnis beginnt der sehr lesenswerte kleine Band von Martin Walser Des Lesers Selbstverständnis: Ein Bericht und eine Behauptung. Der macht jedem Leser Mut, man kann auch ohne Kafka durchs Leben kommen. Ich hatte einmal eine schwere Kafka Phase, aber ich habe sie schnell überwunden. Sie hat mich nicht gehindert, andere Autoren wirklich zu lesen. Nachdem ich in Hamburg Walter H. Sokels Vorlesung über Kafka, Musik und Broch gehört hatte, habe ich meine schöne Vorlesungsmitschrift sorgfältig weggelegt, das war's. Ich habe später noch Klaus Wagenbach über Kafka gelesen, aber wenn ich eine Top Ten Liste der Literatur aufstellen sollte, Kafka wäre da nicht drauf. Aber so einfach wie ich hat Walser den unseligen Einfluss von Kafka nicht abschütteln können, noch sein erstes Werk Ein Flugzeug über dem Haus und andere Geschichten erinnerte alle Rezensenten an Kafka. Ein Kafka Schüler kämpft sich frei, schrieb Hans Egon Holthusen. Glücklicherweise für mich als Leser hat Walser dann aber irgendwann den Einfluss Kafkas abgestreift.

Aber ich mag Schnitzler, das will ich an seinem 150. Geburtstag auch gerne gestehen. Manchmal verwechsle ich Schnitzler auch mit Joseph Roth, den ich auch sehr mag. Das liegt daran, dass ich mal eine schlimme k.u.k.-Phase hatte und alles von Arthur Schnitzler und Joseph Roth hintereinander weg gelesen habe. Und natürlich hat der Leutnant Gustl Ähnlichkeiten mit all diesen Untergehern bei Joseph Roth. Das schöne Wort Untergeher habe ich mir natürlich bei Thomas Bernhard geborgt, ich bleibe mal bei den Österreichern und ihrem Schmäh. Aber Joseph Roth hat über Schnitzler nichts Böses gesagt, er verdankt ihm viel. Denn in gewisser Weise ist Radetzkymarsch die Fortsetzung von Leutnant Gustl mit anderen Mitteln.

Diese österreichischen Leutnants - wenn sie nicht gerade Romane wie Robert Musil oder schwer verständliche philosophische Bücher schreiben wie Ludwig Wittgenstein - sind ja in der Literatur bei Schnitzler und Roth gut aufgehoben. Irgendwann schaffen sie es auf die Leinwand (Schnitzler wurde ja schon früh verfilmt) und heißen Rudolf Prack. Dann ist das Thema natürlich tot. Vieles von Schnitzler ist verfilmt worden, ich weiß nicht, wieviele Verfilmungen von Der Reigen es gibt. Außer der von Max Ophüls dürfte es ja keine mehr geben, aber ich habe auch mal eine mit Jane Fonda gesehen.

Bei manchen Sachen ist es besser, dass man sie liest, wenn die falschen Schauspieler im Film sind, ist alles hin. Wie hieß noch mal der kleinwüchsige amerikanische Schauspieler in dieser amerikanischen Ausstattungsorgie, die eine Verfilmung von Schnitzlers Traumnovelle sein soll? Manchmal wünschte ich mir, die Regisseure würden die Finger von der Literatur lassen. Ich weiß noch, dass unser Klassenlehrer Hermann Bollenhagen uns in der ersten Klasse des Gymnasiums die Gefahren der Literaturverfilmung am Beispiel von Ruth Leuwerik erläuterte. Die wäre denn heute auch mein abschreckendes Beispiel für eine Verfilmung von Das weite Land. Wir lassen jetzt mal die Verfilmungen beiseite, uns reicht die Literatur. Man kann auch alle Theaterstücke von Schnitzler als Lesedramen lesen und sie in der eigenen Phantasie aufführen.

Wie lang' wird denn das noch dauern? Ich muß auf die Uhr schauen... schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht's denn? Wenn's einer sieht, so paßt er gerade so wenig auf, wie ich, und vor dem brauch' ich mich nicht zu genieren... Erst viertel auf zehn?... Mir kommt vor, ich sitz' schon drei Stunden in dem Konzert. Ich bin's halt nicht gewohnt... Was ist es denn eigentlich? Ich muß das Programm anschauen... Ja, richtig: Oratorium! Ich hab' gemeint: Messe. Solche Sachen gehören doch nur in die Kirche! Die Kirche hat auch das Gute, daß man jeden Augenblick fortgehen kann. – Wenn ich wenigstens einen Ecksitz hätt'! – Also Geduld, Geduld! Auch Oratorien nehmen ein End'! Vielleicht ist es sehr schön, und ich bin nur nicht in der Laune. Woher sollt' mir auch die Laune kommen? Wenn ich denke, daß ich hergekommen bin, um mich zu zerstreuen... Hätt' ich die Karte lieber dem Benedek geschenkt, dem machen solche Sachen Spaß; er spielt ja selber Violine. Aber da wär' der Kopetzky beleidigt gewesen. Es war ja sehr lieb von ihm, wenigstens gut gemeint. Ein braver Kerl, der Kopetzky! Der einzige, auf den man sich verlassen kann... Seine Schwester singt ja mit unter denen da oben. Mindestens hundert Jungfrauen, alle schwarz gekleidet; wie soll ich sie da herausfinden? Weil sie mitsingt, hat er auch das Billett gehabt, der Kopetzky... Warum ist er denn nicht selber gegangen? – Sie singen übrigens sehr schön. Es ist sehr erhebend – sicher! Bravo! Bravo!... Ja, applaudieren wir mit. Der neben mir klatscht wie verrückt. Ob's ihm wirklich so gut gefällt? – Das Mädel drüben in der Loge ist sehr hübsch...


Das ist der Anfang von Lieutenant Gustl (so der Originaltitel), muss man gelesen haben. Zum ersten Mal in der deutschen Erzählliteratur der Strom der Gedanken eingefangen. Gleichzeitig mit dieser Novelle erscheint Freuds Werk über die Traumdeutung, von nun an werden Roman und Psychoanalyse immer mehr miteinander verwoben werden. Aber solch ein Psychogramm eines k.u.k. Leutnants schreibt man im Jahre 1900 in Wien nicht ungestraft. Der Oberarzt der Reserve Dr. Arthur Schnitzler wird aus dem Offizierscorps ausgestoßen. Auf der Bescheinigung seiner Dienstzeit hat er den Dienstgrad Sanitätssoldat, sein Doktortitel wird da nicht erwähnt. Und das in einem Land, in dem beinahe jeder mit einem Titel angeredet wird. Dieser Militärgerichtsprozess hat etwas von dieser österreichischen Kleinlichkeit und Nickeligkeit an sich, die einen - wie vieles andere - verstehen lässt, weshalb Thomas Bernhard das Land so hasste. Bernhard und Schnitzler haben etwas gemeinsam, sie waren in ihrer Zeit die meistbeschimpften Schriftsteller Österreichs. Da kann man Joseph Roth schon verstehen, dass er sich in Paris zu Tode gesoffen hat.

Die Militärgerichtsbarkeit hat die Novelle Lieutenant Gustl schon richtig verstanden, es steckt eine Gefahr in dieser Beschreibung eines österreichischen Leutnants. Dies ist nicht die wehmütige Verherrlichung der Offizierswelt der k.u.k Armee wie sie Joseph Roth entwirft (der nur in seiner Phantasie ➱Leutnant geworden ist), dies ist Sprengstoff. In der Frage Wie lang' wird denn das noch dauern? steckt auch die Frage nach dem Ende der Donaumonarchie. Bei Joseph Roth hat das Ende einen Namen und heißt Kapuzinergruft.

Leseempfehlungen: Leutnant Gustl und Eine Jugend in Wien. Und dann der hervorragende Band Arthur Schnitzler: Sein Leben und seine Zeit. Herausgegeben von Heinrich Schnitzler, Christian Brandstätter und Reinhard Urbach (S. Fischer 1981), es gibt noch Reste bei Amazon Marketplace.

Samstag, 8. Juni 2024

Kafka?


Das große Ereignis im Sommer 1965 an der Uni Hamburg war (neben dem Besuch der englischen Königindie an der Uni vorbeifuhr) der Professor Walter H. Sokel. Der war aus Amerika gekommen, um über Kafka, Musil und Broch zu lesen. Das Audimax war mit dreitausend Studenten bis an den Rand gefüllt. Die Vorlesung wurde mit einem Tonbandgerät aufgenommen und am nächsten Tag im Audimax noch einmal abgespielt. Da kamen auch noch mal tausend Studenten. Ich war auf die Vorlesung gut vorbereitet. Kafka hatte ich gelesen, aber ich hatte auch schon Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften und Die Verwirrungen des Zöglings Törleß gelesen. Hermann Brochs Roman Der Tod des Vergil las ich im Zug zwischen Bremen und Hamburg. Ich hatte eine Monatskarte erster Klasse, die damals für Studenten spottbillig war. Den Tarif hat es nie wieder gegeben. Ich fuhr häufig nach Bremen zurück, weil meine Studentenbude in St Pauli ganz furchtbar war. 

Leider kamen Musil und Broch in der Vorlesung Sokels so gut wie gar nicht vor, weil er sich auf Kafka konzentrierte. Sein Buch Franz Kafka: Tragik und Ironie aus dem Vorjahr hatte ihn als Experten berühmt gemacht. Bevor Sokels 636-seitiges Buch erschien (das es später auch als Fischer Taschenbuch gab) kümmerte sich eigentlich niemand um den Mann aus Prag, der sein unvollendetes Werk bei seinem Tod vernichtet sehen wollte. Walter Herbert Sokel war 1938, als die Nazis kamen, aus Wien in die USA emigriert, da war er einundzwanzig. Ein Empfehlungsschreiben von Thomas Mann verschaffte ihm ein Stipendium an der Rutgers Universität, von der er zur Columbia Universität wechselte, wo er 1953 promovierte. Danach wurde er Professor in Stanford und an der University of Virginia

Alles, was er zwischen 1966 und 1997 über Kafka schrieb, kann man in dem Buch The Myth of Power and the Self: Essays on Franz Kafka lesen (bei Google Books die ersten 73 Seiten). Walter Sokel is among the most eminent Kafka scholars, and his book 'Franz Kafka, Tragik und Ironie' (1964) is a 'classic' of early Kafka criticism. Since 'Tragik und Ironie' has never been translated into English, the present book, which contains fifteen essays written since 1966 (three of them published for the first time), has a special importance for the English-speaking reader interested in Kafka, schreibt Eyal SegalIf 'Tragedy and Irony' is the start of any good Kafka library, it is clear that 'The Myth of Power and the Self' is the other bookend, hat die Professorin Ruth Gross über das Buch gesagt. Maria Luise Caputo-Mayr, die 1987 eine kommentierte Bibliographie der Sekundärliteratur erstellt hatte, hat Sokel The world's most eminent Kafka scholar genannt. Für die TAZ war er der Nestor der Kafka Forschung. So berühmt er für die Rezensenten ist, einen Wikipedia Artikel sucht man vergebens, den gibt es nicht. Aber als er 2014 im Alter von sechsundneunzig Jahren starb, hatte die New York Times einen Nachruf für ihn. Bei Google Books gibt es ein sehr langes Interview mit Sokel, in dem man viel über die Situation der Emigranten in Amerika erfährt. Es sind ja die deutschen und österreischen Emigranten, die Kafka in Amerika bekannt machen. Und ich habe hier noch bei der Österreichische Mediathek ein siebzigminütiges interessantes Interview mit ihm.

Sokels Vorlesung war gut, da gibt es gar nichts. Aber nach dem Ende des Semesters habe ich meine schöne Vorlesungsmitschrift sorgfältig weggelegt, das war's mit Kafka für mich. Die schwere Kafka Phase, die ich mal gehabt hatte, war überwunden. Kafka steht jetzt unter K im Regal, seine Erzählungen, seine Briefe, die zwei Fassungen von Beschreibung eines Kampfes und ein paar Bände Sekundärliteratur. Ich habe noch alles gelesen, was Klaus Wagenbach über Kafka geschrieben hat, weil man Wagenbach immer lesen kann. Wenn ich an die Hamburger Vorlesung zurückdenke, fällt mir als Erstes nicht Kafka ein, sondern die schöne junge Frau mit dem Pagenschnitt und dem weinroten Burberry, die in der siebten Reihe saß. Die schaute häufig zu mir herüber. Und zog sich am Ende  der Vorlesung ganz, ganz langsam ihren Burberry Mantel an. Hätte ich zu ihr hinüber gehen sollen? Wäre das was mit uns geworden? 

Martin Walser konnte sich nicht so schnell von Kafka trennen wie ich. Sein wunderbares kleines Buch Des Lesers Selbstverständnis: Ein Bericht und eine Behauptung (hier im Volltext) beginnt mit dem Geständnis: Als ich, um meine Mutter nicht zu enttäuschen, eine Dissertation schreiben sollte, blieb mir nichts anderes übrig, als über den Autor zu schreiben, der mich während meiner Studentenjahre gehindert hatte, andere Autoren wirklich zu lesen: Franz Kafka. Aber als ich über ihn schreiben wollte, stellte sich heraus, daß ich ihn nicht verstanden hatte. Aber so einfach wie ich hat Walser den unseligen Einfluss von Kafka nicht abschütteln können, noch sein erstes Werk Ein Flugzeug über dem Haus und andere Geschichten erinnerte alle Rezensenten an Kafka. Ein Kafka Schüler kämpft sich frei, schrieb Hans Egon Holthusen. Glücklicherweise für mich als Leser hat Walser dann aber irgendwann den Einfluss Kafkas abgestreift.

Vor hundert Jahre starb nicht nur Franz Kafka, 1924 starb auch Joseph Conrad. Der sicher ein bedeutenderer Schriftsteller als Kafka ist. Aber wird um den ein solches Gewese gemacht, wie jetzt bei uns in Deutschland? Ich kann Joseph Conrad jederzeit ein zweites und ein drittes Mal lesen, bei Kafka gelingt mir das nicht. Obgleich Albert Camus in Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka (der sich im Anhang zu Der Mythos des Sisyphos findet) sagt: Kafkas ganze Kunst besteht darin, den Leser zum Wiederlesen zu zwingen. Seine Lösungen oder auch der Mangel an Lösungen lassen Deutungen zu, die nicht klar ausgesprochen werden und, um begründet zu erscheinen, eine nochmalige Lektüre unter einem neuen Gesichtspunkt verlangen. 

Zur Hundertjahrfeier ist Kafka, der sein Werk als Fragment hinterließ und es vernichtet haben wollte, jetzt überall. In meinem Heimatort gibt es heute Abend in der Kirche St Martini Kirche von Burg-Lesum, wo mein Klassenkamerad Mille mal Pastor war, eine Veranstaltung, die Kafka in der Kirche? heißt. Quer durch Deutschland gibt seit seinem Todestag am 3. Juni ähnliche Veranstaltungen. Und Kafka ist natürlich im Fernsehen. Bei arte gibt es Der Prozess in der Verfilmung von Orson Welles; und Daniel Kehlmann hat für die ARD einen Sechsteiler geschrieben, der natürlich in der Mediathek ist. 

Als Basis für die Darstellung von Kafkas Leben hat Kehlmann die dreibändige Kafka Biographie von Reiner Stach genommen, der an dieser Biographie achtzehn Jahre gearbeitet hatte. Reiner Stach ist auch bei arte in der Sendung Kennen Sie Kafka? zu sehen. Aber Stach ist nicht der einzige, der über Kafkas Leben schreibt. Zu nennen wäre da noch der Professor Bernd Neumann (der nicht mit meinem Schulkameraden verwechselt werden sollte), der mehrere Bücher über Kafka geschrieben hat. Wenn Sie wollen, können Sie hier etwas von ihm lesen. Der normale Leser wird sich die zweitausend Seiten von Stachs Biographie wahrscheinlich nicht antun. Normalerweise würde ich einen Autor wie Rüdiger Safranski empfehlen, aber sein Kafka Buch, das pünktlich zum Jahr 2024 erschien, hat keine guten Kritiken bekommen. Safranski ist auch nicht mehr der, der er einmal war. Vielleicht ist Franz Kafka von Ludwig Dietz ein guter Einstieg. Die Sammlung Metzler hatte immer erstklassige Bücher, die Bände zu Edgar Allan Poe und Theodor Fontane habe ich schon in den Himmel gehoben.

In der Kafka Serie hat Daniel Kehlmann auch an einem Drehtag mitgespielt, da war er Arthur Schnitzler. Arthur Schnitzler war der einzige Schriftsteller, den Kafka nicht ausstehen konnte. Bei ihm wurde er geradezu ausfällig, hat Kehlmann gesagt. Falls Sie vor zwölf Jahren den Post Arthur Schnitzler gelesen haben sollten, dann wissen Sie das schon. Da findet sich ein langes Kafka Zitat, in dem er sich über Schnitzler auslässt. Ich mag Schnitzler sehr. Der Post Reigen beginnt mit dem Satz: Wenn Sie die Posts Arthur Schnitzler, die richtigen Männer und Radetzkymarsch gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich Arthur Schnitzler mag. Kafka mag ich nicht so sehr. Und deshalb kommt er in diesem Blog kaum vor.

Wenn man Kafka liest, kann es einem schnell passieren, dass man das Buch am liebsten gleich wieder zuklappen und mit Karacho an die Wand werfen würde. So ging es vielen meiner Freund*innen in der Schule. Was ergibt schon Sinn daran, wenn ein Mann eines Morgens als Käfer in seinem eigenen Bett aufwacht? Und trotzdem sollten wir im Unterricht irgendwas in Die Verwandlung hineininterpretieren. Ich gebe zu: Ich habe den Text damals auch nicht verstanden. Das tu ich heute immer noch nicht. Leider kann ich niemandem so richtig erklären, was Kafkas Werke als gehobene Literatur auszeichnet. Der letzte Satz konnte von mir sein. Er ist aber von dem Kafka Biographen Reiner Stach. Das finde ich sehr beruhigend. Der Franzose Daniel Pennac hat in seinem Buch Wie ein Roman eine Liste der unantastbaren Rechte des Lesers aufgestellt. Die ersten drei Punkte heißen: 1. Das Recht, nicht zu lesen. 2. Das Recht, Seiten zu überblättern. 3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Die Begründung des Satzes vom Recht nicht zu lesen, können Sie hier im französischen Original lesen. Ich nehme mal diese Rechte in Anspruch.

Samstag, 27. August 2022

Reigen


Wenn Sie die Posts Arthur Schnitzler, die richtigen Männer und Radetzkymarsch gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich Arthur Schnitzler mag. Und deshalb muss ich heute mal eben kurz erwähnen, dass am 27. August der Film Der Reigen von Max Ophüls nach dem Theaterstück von Arthur Schnitzler bei der Biennale in Venedig seine internationale Uraufführung hatte. Schnitzler hatte die erste Fassung des Stücks 1897 fertiggestellt. Die erste Aufführung fand 1912 in Budapest statt, in ungarischer Sprache. Die erste vollständige Aufführung mit der Zustimmung des Autors gab es Weihnachten 1920 am Kleinen Schauspielhaus in Berlin. Es wurde einer der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts.

Der Kritiker Alfred Kerr schrieb: Darf man Stücke verbieten? – Nicht mal, wenn sie schlecht geschrieben sind und schlecht gespielt werden. Hier aber ist ein reizendes Werk, – und es wird annehmbar gespielt. Der Erfolg war gut; die Hörerschaft wurde nicht schlechter davon. Und die Welt ist, zum Donnerwetter, kein Kindergarten. […] Einen Augenblick Rast und Besinnung! Es wird auf die Dauer zu fad, von allen wichtigsten Begleitumständen der menschlichen Fortpflanzung sich tot zu stellen; sich dumm zu stellen. Eine langdauernde Hypnose. Die Einteilung ‚Altertum‘, ‚Mittelalter‘, ‚Neuzeit‘ ist im Grunde verfrüht. Reigen heißt hier Liebesreigen. Und Liebe heißt hier nicht platonische, sondern… Also: angewandte Liebe. Sie wird angewandt ohne Gröbliches, Lüsternes, Schmieriges zwischen zehn Menschenpaaren. Und zwischen allen Gesellschaftsklassen. Stets das Hinübergreifen von einer Schicht zur andren. Voltaire hat im „Candide“ Ähnliches vorgemacht. Die Reihenfolge bei ihm ist: Stubenmädel; Franziskaner; alte Gräfin; Rittmeister; Marquise; Page; Jesuit; Matrose des Columbus… Auch hier ist also von der so oft erstrebten Überbrückung der Klassenunterschiede wenigstens einiges durchgeführt. Die seelische Tragikomik des körperlichen Begebnisses hat ja auch der himmlische Hogarth in zwei Bildern unsterblich festgelegt: „Vorher“ und „Nachher“ benannt. Die Welt steht immer noch. Nicht Schmutzereien: sondern Lebensaspekte. Auch das Vergängliche des Taumels; das Komisch-Trübe des Schwinden des Trugs. Alles umhaucht von leisem, witzigem Reiz.

Schnitzler schrieb 1922: Unter den zahlreichen Affären meines Lebens ist es wohl diese letzte, in der Verlogenheit, Unverstand und Feigheit sich selbst übertroffen haben. Er bat den S. Fischer Verlag, keine weiteren Aufführungen des Stückes mehr zu genehmigen. Sein Sohn verlängerte nach seinem Tod dieses Aufführungsverbot. Erst ab dem 1. Januar 1982 war das Stück für das Theater freigegeben. Aber dann jagte eine Aufführung die andere, der Reigen wurde Schnitzlers erfolgreichstes Theaterstück. Es hat eine Vielzahl von Verfilmungen gegeben, aber der Film von Ophüls bleibt ein Klassiker. Ist heute hier zu sehen. Ist wahrscheinlich auch besser als das heutige Fernsehprogramm.

Freitag, 27. Februar 2015

Radetzkymarsch


Charlotte Rampling spielt auch in dem Film mit, der Radetzkymarsch heißt. Ein bisschen nacktes Fleisch musste wohl sein, sonst sieht man ja nur österreichische Uniformen. Der Regisseur Axel Corti ist während der Dreharbeiten verstorben, sein Kameramann Gernot Roll drehte den Film zu Ende. Posthum erhielt Corti den Grimme Preis. Als Corti den Film drehte, wusste er natürlich, dass dreißig Jahre zuvor schon einmal ein ➱Film mit dem Titel Radetzkymarsch gedreht worden war. Nicht in Farbe, nicht so aufwendig, nicht mit internationalen Stars.

Die hatte Corti. Wahrscheinlich erinnerten die Stars sich noch alle an den Erfolg von Cortis Eine blaßblaue Frauenschrift. Corti hatte den Schauspieler Gert Voss gewonnen, weil er ihm gesagt hatte, dass neben der Rampling auch Jean-Louis Trintignant und Gian Maria Volonté dabei wären. Aber das wurde so nichts, Trintignant war wohl nie wirklich im Gespräch, an Stelle des erkrankten Gian Maria Volonté spielte dann Gert Voss die Rolle des Graf Chojnicki.

Die zweiteilige Fernsehfassung von Michael Kehlmann aus dem Jahre 1965 war stiller und unspektakulärer. Wir bekommen zwar auch etwas Unterwäsche zu sehen, aber keine nackte Charlotte Rampling als Valerie von Taussig oder Julia Stemberger als Eva Demant. Die Eva Demant bei Kehlmann ist Hertha Martin, die ihre Karriere mit Auf der Alm da gibt's koa Sünd begonnen hatte. Dafür ist der Kaiser Franz Joseph einmal kurz im Nachthemd zu sehen, was die österreichische Presse damals sehr aufregte. 'Würdelos' sei diese Darstellung, offensichtlich war für viele das k.u.k. Reich noch nicht zu ➱Ende. Für manche deutsche ➱Zuschauer auch nicht.

Aber es ist natürlich zu Ende, das wissen die Leser von Joseph Roths Radetzkymarsch und Kapuzinergruft genau. Joseph Roth ist zwar in diesem Blog immer wieder erwähnt worden, hat aber erstaunlicherweise keinen eigenen Post. Doch Helmut Qualtinger (hier mit Helmut Lohner in Radetzkymarsch) hat einen ➱Post. Und die witzige Geschichte, wie ich einmal Qualtinger erlebte, steht auch schon ➱hier.

Der Feldmarschall Joseph Radetzky von Radetz spielt in Joseph Roths Roman Radetzkymarsch keine Rolle, der von Johann Strauss komponierte ➱Marsch schon: Alle Platzkonzerte – sie fanden unter dem Balkon des Herrn Bezirkshauptmanns statt – begannen mit dem Radetzkymarsch. Obwohl er den Mitgliedern der Kapelle so geläufig war, daß sie ihn mitten in der Nacht und im Schlaf hätten spielen können, ohne dirigiert zu werden, hielt es der Kapellmeister dennoch für notwendig, jede Note vom Blatt zu lesen. Und als probte er den Radetzkymarsch zum erstenmal mit seinen Musikanten, hob er jeden Sonntag in militärischer und musikalischer Gewissenhaftigkeit den Kopf, den Stab und den Blick und richtete alle drei gleichzeitig gegen die seiner Befehle jeweils bedürftig scheinenden Segmente des Kreises, in dessen Mitte er stand. Die herben Trommeln wirbelten, die süßen Flöten pfiffen, und die holden Tschinellen schmetterten. Auf den Gesichtern aller Zuhörer ging ein gefälliges und versonnenes Lächeln auf, und in ihren Beinen prickelte das Blut. Während sie noch standen, glaubten sie schon zu marschieren. Die jüngeren Mädchen hielten den Atem an und öffneten die Lippen. Die reiferen Männer ließen die Köpfe hängen und gedachten ihrer Manöver. Die ältlichen Frauen saßen im benachbarten Park, und ihre kleinen, grauen Köpfchen zitterten. Und es war Sommer.

Der Herr Bezirkshauptmann, das ist der Sohn des Major a.D. Joseph Trotta von Sipolje, des Helden von Solferino, Träger des Militär Maria Theresien Ordens. Der mitansehen muss, wie das kaiserliche Reich langsam zerfällt. Und mitansehen muss, dass sein Sohn nichts von dem Schneid des Helden von Solferino und nichts von der Kaisertreue des Bezirkshauptmanns besitzt. In dem Film von 1965 spielt Leopold Rudolf den alten Baron Trotta, irgendwie ist er da überzeugender als Max von Sydow, der wieder einmal Max von Sydow spielt.

Der Bezirkshauptmann stirbt im Roman wenige Tage nach seinem Kaiser: Es war der Tag, an dem man den Kaiser in die Kapuzinergruft versenkte. Drei Tage später ließ man die Leiche Herrn von Trottas ins Grab hinunter. Der Bürgermeister der Stadt W. hielt eine Rede. Auch seine Grabrede begann, wie alle Reden jener Zeit überhaupt, mit dem Krieg. Weiter sagte der Bürgermeister, daß der Bezirkshauptmann seinen einzigen Sohn dem Kaiser gegeben und trotzdem weiter gelebt und gedient hatte. Indessen rann der unermüdliche Regen über alle entblößten Häupter der um das Grab Versammelten, und es rauschte und raschelte ringsum von den nassen Sträuchern, Kränzen und Blumen. 

Doktor Skowronnek, in der ihm ungewohnten Uniform eines Landsturmoberarztes, bemühte sich, eine sehr militärische Habt-acht-Stellung einzunehmen, obwohl er sie keineswegs für einen maßgeblichen Ausdruck der Pietät hielt. – Zivilist, der er war. Der Tod ist schließlich kein Generalstabsarzt! dachte der Doktor Skowronnek. Dann trat er als einer der ersten an das Grab. Er verschmähte den Spaten, den ihm ein Totengräber hinhielt, sondern er bückte sich und brach eine Scholle aus der nassen Erde und zerkrümelte sie in der Linken und warf mit der Rechten die einzelnen Krumen auf den Sarg. Dann trat er zurück. Es fiel ihm ein, daß jetzt Nachmittag war, die Stunde des Schachspiels nahte heran. Nun hatte er keinen Partner mehr; er beschloß dennoch, ins Kaffeehaus zu gehn.
        Als sie den Friedhof verließen, lud ihn der Bürgermeister in den Wagen. Doktor Skowronnek stieg ein. »Ich hätte noch gern erwähnt«, sagte der Bürgermeister, »daß Herr von Trotta den Kaiser nicht überleben konnte. Glauben Sie nicht, Herr Doktor?« »Ich weiß nicht«, erwiderte der Doktor Skowronnek, »ich glaube, sie konnten beide Österreich nicht überleben.«

Cortis 255-minütiger Film wurde im Fernsehen als Dreiteiler gezeigt, ich weiß nicht, ob man ihn gesehen haben muss. Schnuckelige Frauen wie ➱Charlotte Rampling, Elena Sofia Ricci (hier im Bild) und Julia Stemberger (die ein klein wenig ➱nackt sein darf) reißen da auch nichts raus. Obgleich die Stemberger in dieser Welt zu Hause scheint (auf jeden Fall mehr als in Dieter Wedels ➱St Pauli). 

Als ich sie zum ersten Mal sah, dachte ich mir, dass sie einmal eine wunderbare Genia in Schnitzlers Das weite Land abgeben könnte. Im letzten Jahr hat sie in Reichenau an der Rax genau diese Rolle gespielt. Mit großem Erfolg. Manchmal verwechsle ich Schnitzler mit Joseph Roth, den ich sehr mag. Das liegt daran, dass ich mal eine schlimme k.u.k. Phase hatte und alles von Arthur Schnitzler und Joseph Roth hintereinander weg gelesen habe. Das habe ich schon irgendwann einmal im Blog gestanden.

Als Roths Roman vom Untergang des k.u.k. Reiches 1932 erscheint, ist eine andere Welt gerade am Untergehen, woran ein Österreicher, der erst seit kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, nicht ganz unschuldig ist. Diese Romane des Untergangs einer Gesellschaft, die Roth, Proust, Conrad und Faulkner schreiben, sind eigentlich nicht zu verfilmen. Weil wenige Regisseure den Geist der Zeit überzeugend wiedergeben können. ➱Joseph Losey gelingt das in The Go-Between.

Cortis Radetzkymarsch, der mit Erfolg einen Erzähler im off verwendet, hat eine Vielzahl schöner, poetischer Momente, Stanley Kubricks Verfilmung von Schnitzlers Traumnovelle (mit Tom Cruise und Nicole Kidman) ist eine Katastrophe. Volker Schlöndorffs Eine Liebe von Swann kann man vergessen. Aber Die wiedergefundene Zeit von ➱Raúl Ruiz ist wirklich sehr gelungen. Faulkner zu verfilmen geht eigentlich nicht. Obgleich ➱The Long Hot Summer mit Don Jonson und ➱Cybill Shepherd gar nicht so schlecht ist, wie die Kritiker den Film gemacht haben, aber es ist natürlich kein Faulkner. The Tarnished Angels von ➱Douglas Sirk schon eher. Joseph Conrad bleibt unverfilmbar, nur in The Outcast of the Islands hat ➱Carol Reed die richtige Idee.

Das k.u.k. Reich hat uns eine Vielzahl von Romanen beschert. Und noch mehr Filme, da fallen uns doch sofort Rudolf Prack und Hannerl Matz und die ganzen Sissi Filme ein. Der Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Anton Franz Karl Graf Radetzky von Radetz hat seinen Namen für vieles hergeben müssen: einen Wein, mehrere Schlachtschiffe, einen Zuchthengst. Die grauenhaften Verse von ➱Franz Grillparzer erspare ich uns. Zum 150. Todestag des Feldmarschalls offerierte die Firma Steiff einen Radetzky Teddy. Wenn man den drückte, erklang der Radetzkymarsch. So etwas hat der junge Karl Joseph von Trotta nicht besessen.

Der träumte mit fünfzehn noch von seinem Kaiser: Am besten starb man für ihn bei Militärmusik, am leichtesten beim Radetzkymarsch. Die flinken Kugeln pfiffen im Takt um den Kopf Carl Josephs, sein blanker Säbel blitzte, und Herz und Hirn erfüllt von der holden Hurtigkeit des Marsches, sank er hin in den trommelnden Rausch der Musik, und sein Blut sickerte in einem dunkelroten und schmalen Streifen auf das gleißende Gold der Trompeten, das tiefe Schwarz der Pauken und das siegreiche Silber der Tschinellen.

Als er zweiundsiebzig Jahre in österreichischen Diensten ist, schreibt der Graf Radetzky seinem Kaiser einen Brief: Euer Majestaet, die Gesetze der Natur zwingen mich nach 72 Dienstjahren und 90 Lebensjahren Euer Majestaet um die Allergnaedigste Enthebung von meinem Dienstposten Allerunterthänigst zu bitten. Geruhen Euer Majestaet mir diese Enthebung mit jener Allerhöchsten Huld und Gnade zu gewähren, mit welcher Allerhöchst dieselben mich schon so vielfach überschütteten und gestatten mir Euer Majestaet bei diesem Anlaße Allerhöchst Der Huld und kaiserliches Wohlwollen [...] Mein Greisen Alter hat zwar meine Thätigkeit gelähmt, aber bis zum letzten Athemzuge werde ich des Allmächtigen Segen für das erhabene Hauß und den herrlichen Thron Meines geliebten Monarchen erflehen, der ich in tiefster Demut ersterbe.

Am 28. Februar 1857 gewährt ihm der Kaiser diese Bitte. Wahrscheinlich gibt es keinen General, der so lange gedient hat. Den Mann, der sich 1871 in Generalsuniform bei der Armee zum Feldzug gegen Frankreich meldet, schickt man gleich wieder nach Hause. Er war gleich eingeschlafen, als er das Hauptquartiert erreichte, er war 85 Jahre alt. Sein Name war Fürst Pückler. Wenige Jahre zuvor war er allerdings (mit 81 Jahren) beim  preußischen Feldzug gegen Österreich-Ungarn dabei gewesen. Kein General wird wohl je eine so lange Dienstzeit vorweisen können wie Radetzky.

Er hat bei seinem Abschied nur noch wenig mit der Armee zu tun, der Kasernenhof ist schon lange nicht mehr seine Heimat. Er stirbt 1858 in Mailand, nicht in Wien. ➱Wellington und die meisten Generäle der napoleonischen Kriege sind da längst tot. Dies rührend naive Bild zeigt Radetzky (in der hellblauen Uniform) inmitten seines Stabes in Monza 1850. Da war der Zweite Italienische Feldzug  zu Ende und Radetzky war Generalgouverneur des Königreichs Lombardien-Venetien. Streng und milde und immer großzügig. Patrioten wie Alessandro Manzoni und ➱Giuseppe Verdi, die in ganz Italien gesucht wurden, konnten in seinem Königreich unbehelligt leben.

Meine Rowohltausgabe von Radetzkymarsch hat mich vor 45 Jahren bei ➱Eschenburg eine Mark gekostet. Ich war nie versucht, eine andere Ausgabe zu kaufen, dieses hier war mein Leseerlebnis. Und ein Leseerlebnis ist der Roman noch immer. Die Rowohltausgabe mit dem etwas bescheuerten Cover gibt es bei Amazon Marketplace ab einem Cent. Da würde ich nicht zögern. Gut, Sie bekommen keine Charlotte Rampling, keine Elena Sofia Ricci und keine Julia Stemberger wie auf der DVD, aber der Roman ist viel, viel besser als jede Verfilmung.

Sonntag, 2. November 2025

Joseph Wenzel von Radetzky


Sie werden Joseph Gottfried Pargfrieder wahrscheinlich nicht kennen, man weiß auch nicht so viel über ihn. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob der Kaiser Joseph II wirklich sein Vater gewesen ist. Der Anfang seines Lebens liegt in ziemlicher Dunkelheit. Heller wird es erst in den napoleonischen Kriegen, da ist Pargfrieder Armeeliferant der österreichischen Armee und wird sehr, sehr reich. Hat Freunde wie die Feldmarschälle Maximilian von Wimpffen und Joseph Wenzel von Radetzky, denen er auch ihre Spielschulden bezahlt. Sie müssen dann nur ins Testament schreiben, dass er sie eines Tages beerdigen dürfe.

Pargfrieder hatte sich 1832 das Schloss Wetzdorf gekauft, dessen Schlossgarten er (ein wenig nach dem Vorbild der bayrischen Walhalla) mit 169 Standbildern und Zinkbüsten von Generälen, Soldaten und österreichischen Herrschern von Rudolf I bis Kaiser Franz Joseph verzierte. Und für die beiden Feldmarschälle, deren Schuldscheine er besaß, gab es eine Heldengruft. Nachdem dort 1858 Josef Wenzel von Radetzky in Anwesenheit von Kaisers Franz Joseph beigesetzt worden war, schenkte Pargfrieder die ganze Heldengedenkstätte dem Kaiser. Der ernannte den ehemaligen Heereslieferanten zum Ritter und verlieh ihm das Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens. Der Ritter von Pargfrieder wird sich nach seinem Tod auch hier begraben lassen, er ist ein Ehrenmann, die Schuldscheine der beiden Feldmarschälle hat er vernichtet. Den Spott des Volkes braucht er in dem Grabkeller unter dem Obelisken nicht zu hören: 

Hier ruhen drei Helden in ewiger Ruh,
zwei lieferten Schlachten, der dritte die Schuh.
  
Der Graf Radetzky von Radetz, hier von dem bayrischen Hofmaler Albrecht Adam gemalt, wurde am 2. November 1766 in Schloss Trebnitz bei Seltschan in Böhmen geboren. Das Bild zeigt Radetzy 1848 vor Mailand, das er gerade einnimmt. Hier wird er Generalgouverneur werden (seine Vorgänger waren da noch Vizekönige), und hier wird er zehn Jahre später im Alter von einundneunzig Jahren sterben. Über das Pensionsalter war Radetzky bei seinem italienischen Abenteuer schon weit hinaus.

Als er zweiundsiebzig Jahre in österreichischen Diensten ist, schreibt der Graf Radetzky seinem Kaiser einen Brief: Euer Majestaet, die Gesetze der Natur zwingen mich nach 72 Dienstjahren und 90 Lebensjahren Euer Majestaet um die Allergnaedigste Enthebung von meinem Dienstposten Allerunterthänigst zu bitten. Geruhen Euer Majestaet mir diese Enthebung mit jener Allerhöchsten Huld und Gnade zu gewähren, mit welcher Allerhöchst dieselben mich schon so vielfach überschütteten und gestatten mir Euer Majestaet bei diesem Anlaße Allerhöchst Der Huld und kaiserliches Wohlwollen [...] Mein Greisen Alter hat zwar meine Thätigkeit gelähmt, aber bis zum letzten Athemzuge werde ich des Allmächtigen Segen für das erhabene Hauß und den herrlichen Thron Meines geliebten Monarchen erflehen, der ich in tiefster Demut ersterbe.

Am 28. Februar 1857 gewährt ihm der Kaiser diese Bitte. Wahrscheinlich gibt es keinen General, der so lange gedient hat. Den Mann, der sich 1871 in Generalsuniform bei der deutschen Armee zum Feldzug gegen Frankreich meldet, schickt man gleich wieder nach Hause. Er war gleich eingeschlafen, als er das Hauptquartier erreichte, er war 85 Jahre alt. Sein Name war Fürst Pückler. Wenige Jahre zuvor war er allerdings mit 81 Jahren beim  preußischen Feldzug gegen Österreich-Ungarn dabei gewesen. Kein General wird wohl jemals eine so lange Dienstzeit vorweisen können wie Radetzky.

Er hat bei seinem Abschied nur noch wenig mit der Armee zu tun, der Kasernenhof ist schon lange nicht mehr seine Heimat, auch, wenn ihn die Soldaten noch immer Vater Radetzky nennen. Er hat die Armee neu organisiert, und seit dem Türkenkrieg 1788 war er auf allen europäischen Schlachtfeldern. Er musste mit Schwarzenberg nach Russland, weil Österreich da auf Napoleons Seite war. Aber ein Jahr später sind sie bei den Alliierten, und Radetzky entwirft den Plan für die Völkerschlacht von Leipzig. Dies rührend naive Bild zeigt Radetzky (in der hellblauen Uniform) inmitten seines Stabes in Monza 1850. 

Da war der Zweite Italienische Feldzug zu Ende, und Radetzky war Generalgouverneur des Königreichs Lombardien-Venetien. Streng, aber auch milde und immer großzügig. Patrioten wie Alessandro Manzoni und Giuseppe Verdi, die in ganz Italien gesucht wurden, konnten in seinem Königreich unbehelligt leben. Man duzt Joseph Wenzel von Radetzky nicht, da er ein Feldmarschall und eine historische Persönlichkeit war, die im 18. und 19. Jahrhundert lebte. In dieser Zeit und in seiner militärischen Position war die Anrede mit „Sie“ oder „Herr Feldmarschall“ angemessen, sagt mir Googles KI. Und liegt wohl wieder einmal daneben. Denn in Italien hat Radetzky für die Offiziere das Armee-Du eingeführt, das bis zum Ende des habsburgischen Reiches galt.

Als Joseph Roths Roman Radetzkymarsch 1932 erscheint, ist eine andere Welt gerade am Untergehen. Woran ein Österreicher, der erst seit kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, nicht ganz unschuldig ist. Ich habe in dem Post über Thomas Hardy den Begriff Untergangsliteratur erfunden: Thomas Hardy beschreibt eine literarische Landschaft, die vorher nicht auf der Landkarte der Literatur war. Ähnlich wie Faulkner mit seinem Yoknapatawpha schafft sich Hardy mit den Wessex Novels seinen eigenen literarischen Kosmos, a merely realistic dream country, wie er gesagt hat. Es ist, wie auch Faulkners Welt, eine Welt im Untergang. So wie in Faulkners Romanen die Welt der Großgrundbesitzer der Südstaaten untergeht, geht bei Hardy das einfache ländliche Leben angesichts der Industrialisierung immer mehr verloren. Große Literatur ist häufig Untergangsliteratur. Wie bei Proust, der den Untergang der Pariser Aristokratie beschreibt. Wie bei Conrad, der den Untergang der Welt der Segelschiffe beschreibt. 

Wie bei Joseph Roth, der den Untergang der k.u.k Welt beschreibt. Das Wort Untergangsliteratur ist Copyright Jay, ich habe das gerade erfunden. Es fällt einem beim Schreiben ja erstaunlich viel ein, Kleist hatte mit der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden schon recht. Er hätte aber besser Schreiben sagen sollen. Aber davon abgesehen ist der Gedanke mit der Welt im Untergang bei Hardy, Conrad, Proust und Roth nicht schlecht. Reicht wahrscheinlich nicht für eine Literaturtheorie, aber vielleicht mach' ich noch mal was draus. Diese Romane des Untergangs einer Gesellschaft, die Roth, Proust, Conrad und Faulkner schreiben, sind allerdings eigentlich nicht zu verfilmen. Weil wenige Regisseure den Geist der Zeit überzeugend wiedergeben können. Joseph Losey gelingt das in The Go-Between manchmal sehr gut.

Axel Cortis Film Radetzkymarsch, der mit Erfolg einen Erzähler im off verwendet, hat eine Vielzahl schöner, poetischer Momente, Stanley Kubricks Verfilmung von Schnitzlers Traumnovelle (mit Tom Cruise und Nicole Kidman) ist eine Katastrophe. Volker Schlöndorffs Eine Liebe von Swann kann man vergessen. Aber Die wiedergefundene Zeit von Raúl Ruiz ist wirklich sehr gelungen. Faulkner zu verfilmen geht eigentlich nicht. Obgleich *The Long Hot Summer mit Don Jonson und Cybill Shepherd gar nicht so schlecht ist, wie die Kritiker den Film gemacht haben, aber es ist natürlich kein Faulkner. The Tarnished Angels von Douglas Sirk schon eher. Joseph Conrad bleibt unverfilmbar, nur in The Outcast of the Islands hat Carol Reed die richtige Idee.

Charlotte Rampling spielt in Cortis Radetzkymarsch auch mit, ein bisschen nacktes Fleisch musste wohl sein, sonst sieht man ja nur österreichische Uniformen. Der Regisseur Axel Corti ist während der Dreharbeiten verstorben, sein Kameramann Gernot Roll drehte den Film zu Ende. Posthum erhielt Corti den Grimme Preis. Als Corti den Film drehte, wusste er natürlich, dass dreißig Jahre zuvor schon einmal ein Film mit dem Titel Radetzkymarsch gedreht worden war. Nicht in Farbe, nicht so aufwendig, nicht mit internationalen Stars.

Die hatte Corti. Wahrscheinlich erinnerten die Stars sich noch alle an den Erfolg von Cortis Eine blaßblaue Frauenschrift. Corti hatte den Schauspieler Gert Voss gewonnen, weil er ihm gesagt hatte, dass neben der Rampling auch Jean-Louis Trintignant und Gian Maria Volonté dabei wären. Aber das wurde so nichts, Trintignant war wohl nie wirklich im Gespräch, an Stelle des erkrankten Gian Maria Volonté spielte dann Gert Voss dann die Rolle des Graf Chojnicki.

Die zweiteilige Fernsehfassung von Michael Kehlmann (Teil 1 und Teil 2) aus dem Jahre 1965 war stiller und unspektakulärer. Wir bekommen zwar auch etwas Unterwäsche zu sehen, aber keine nackte Charlotte Rampling als Valerie von Taussig oder Julia Stemberger als Eva Demant. Die Eva Demant bei Kehlmann ist Hertha Martin, die ihre Karriere mit Auf der Alm da gibt's koa Sünd begonnen hatte. Dafür ist der Kaiser Franz Joseph einmal kurz im Nachthemd zu sehen, was die österreichische Presse damals sehr aufregte. 'Würdelos' sei diese Darstellung, offensichtlich war für viele das k.u.k. Reich noch nicht zu *Ende. Für manche deutsche Zuschauer auch nicht.

Aber es ist natürlich zu Ende, das wissen die Leser von Joseph Roths Radetzkymarsch und Kapuzinergruft genau. Joseph Roth ist zwar in diesem Blog immer wieder erwähnt worden, hat aber erstaunlicherweise keinen eigenen Post. Doch Helmut Qualtinger (hier mit Helmut Lohner in Radetzkymarsch) hat einen Post. Und die witzige Geschichte, wie ich einmal Qualtinger erlebte, steht auch schon hier.

Cortis 255-minütiger Film wurde im Fernsehen als Dreiteiler gezeigt, ich weiß nicht, ob man ihn gesehen haben muss. Schnuckelige Frauen wie Charlotte Rampling, Elena Sofia Ricci (hier nackt im *Clip) und Julia Stemberger (die auch ein klein wenig *nackt sein darf) reißen da auch nichts raus. Obgleich die Stemberger in dieser Welt zu Hause scheint. Auf jeden Fall mehr als in Dieter Wedels St Pauli Epos

Als ich Julia Stemberger zum ersten Mal sah, dachte ich mir, dass sie einmal eine wunderbare Genia in Schnitzlers Das weite Land abgeben könnte. 2017 hat sie in Reichenau an der Rax genau diese Rolle gespielt. Mit großem Erfolg. Manchmal verwechsle ich Schnitzler mit Joseph Roth, den ich sehr mag. Das liegt daran, dass ich mal eine schlimme k.u.k. Phase hatte und alles von Arthur Schnitzler und Joseph Roth hintereinander weg gelesen habe. Das habe ich schon irgendwann einmal im Blog gestanden.

Das k.u.k. Reich hat uns eine Vielzahl von Romanen beschert. Und noch mehr Filme, da fallen uns doch sofort Rudolf Prack und Hannerl Matz und die ganzen Sissi Filme ein. Der Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Anton Franz Karl Graf Radetzky von Radetz hat seinen Namen für vieles hergeben müssen: einen Wein, mehrere Schlachtschiffe, einen Zuchthengst. Die grauenhaften Verse von Franz Grillparzer erspare ich uns. Zum 150. Todestag des Feldmarschalls offerierte die Firma Steiff einen Radetzky Teddy. Wenn man den drückte, erklang der Radetzkymarsch. So etwas hat der junge Karl Joseph von Trotta nicht besessen.

Der träumte mit fünfzehn noch von seinem Kaiser: Am besten starb man für ihn bei Militärmusik, am leichtesten beim Radetzkymarsch. Die flinken Kugeln pfiffen im Takt um den Kopf Carl Josephs, sein blanker Säbel blitzte, und Herz und Hirn erfüllt von der holden Hurtigkeit des Marsches, sank er hin in den trommelnden Rausch der Musik, und sein Blut sickerte in einem dunkelroten und schmalen Streifen auf das gleißende Gold der Trompeten, das tiefe Schwarz der Pauken und das siegreiche Silber der Tschinellen.

Der Feldmarschall Joseph Radetzky von Radetz spielt in Joseph Roths Roman Radetzkymarsch keine Rolle, der von Johann Strauss komponierte *Marsch schon: Alle Platzkonzerte – sie fanden unter dem Balkon des Herrn Bezirkshauptmanns statt – begannen mit dem Radetzkymarsch. Obwohl er den Mitgliedern der Kapelle so geläufig war, daß sie ihn mitten in der Nacht und im Schlaf hätten spielen können, ohne dirigiert zu werden, hielt es der Kapellmeister dennoch für notwendig, jede Note vom Blatt zu lesen. Und als probte er den Radetzkymarsch zum erstenmal mit seinen Musikanten, hob er jeden Sonntag in militärischer und musikalischer Gewissenhaftigkeit den Kopf, den Stab und den Blick und richtete alle drei gleichzeitig gegen die seiner Befehle jeweils bedürftig scheinenden Segmente des Kreises, in dessen Mitte er stand. Die herben Trommeln wirbelten, die süßen Flöten pfiffen, und die holden Tschinellen schmetterten. Auf den Gesichtern aller Zuhörer ging ein gefälliges und versonnenes Lächeln auf, und in ihren Beinen prickelte das Blut. Während sie noch standen, glaubten sie schon zu marschieren. Die jüngeren Mädchen hielten den Atem an und öffneten die Lippen. Die reiferen Männer ließen die Köpfe hängen und gedachten ihrer Manöver. Die ältlichen Frauen saßen im benachbarten Park, und ihre kleinen, grauen Köpfchen zitterten. Und es war Sommer.

Der Herr Bezirkshauptmann, das ist der Sohn des Major a.D. Joseph Trotta von Sipolje, des Helden von Solferino, Träger des Militär Maria Theresien Ordens. Der mitansehen muss, wie das kaiserliche Reich langsam zerfällt. Und mitansehen muss, dass sein Sohn nichts von dem Schneid des Helden von Solferino und nichts von der Kaisertreue des Bezirkshauptmanns besitzt. In dem Film von 1965 spielt Leopold Rudolf den alten Baron Trotta, irgendwie ist er da überzeugender als Max von Sydow, der wieder einmal Max von Sydow spielt.

Der Bezirkshauptmann stirbt im Roman wenige Tage nach seinem Kaiser: Es war der Tag, an dem man den Kaiser in die Kapuzinergruft versenkte. Drei Tage später ließ man die Leiche Herrn von Trottas ins Grab hinunter. Der Bürgermeister der Stadt W. hielt eine Rede. Auch seine Grabrede begann, wie alle Reden jener Zeit überhaupt, mit dem Krieg. Weiter sagte der Bürgermeister, daß der Bezirkshauptmann seinen einzigen Sohn dem Kaiser gegeben und trotzdem weiter gelebt und gedient hatte. Indessen rann der unermüdliche Regen über alle entblößten Häupter der um das Grab Versammelten, und es rauschte und raschelte ringsum von den nassen Sträuchern, Kränzen und Blumen. 

Doktor Skowronnek, in der ihm ungewohnten Uniform eines Landsturmoberarztes, bemühte sich, eine sehr militärische Habt-acht-Stellung einzunehmen, obwohl er sie keineswegs für einen maßgeblichen Ausdruck der Pietät hielt. – Zivilist, der er war. Der Tod ist schließlich kein Generalstabsarzt! dachte der Doktor Skowronnek. Dann trat er als einer der ersten an das Grab. Er verschmähte den Spaten, den ihm ein Totengräber hinhielt, sondern er bückte sich und brach eine Scholle aus der nassen Erde und zerkrümelte sie in der Linken und warf mit der Rechten die einzelnen Krumen auf den Sarg. Dann trat er zurück. Es fiel ihm ein, daß jetzt Nachmittag war, die Stunde des Schachspiels nahte heran. Nun hatte er keinen Partner mehr; er beschloß dennoch, ins Kaffeehaus zu gehn.
        Als sie den Friedhof verließen, lud ihn der Bürgermeister in den Wagen. Doktor Skowronnek stieg ein. »Ich hätte noch gern erwähnt«, sagte der Bürgermeister, »daß Herr von Trotta den Kaiser nicht überleben konnte. Glauben Sie nicht, Herr Doktor?« »Ich weiß nicht«, erwiderte der Doktor Skowronnek, »ich glaube, sie konnten beide Österreich nicht überleben.«

Meine Rowohlt Ausgabe von Radetzkymarsch hat mich vor über fünfzig Jahren bei Eschenburg eine Mark gekostet. Ich war nie versucht, eine andere Ausgabe zu kaufen, diese hier war mein Leseerlebnis. Und ein Leseerlebnis ist der Roman noch immer. Den Radetzkymarsch gibt es bei booklooker ab 1,96€ (die Erstausgabe von 1932 kostet da 189 Euro). Für den Preis von 1,96€ würde ich nicht zögern. Gut, Sie bekommen keine Charlotte Rampling, keine Elena Sofia Ricci und keine Julia Stemberger wie auf der DVD (12,99 € bei amazon), aber der Roman ist viel, viel besser als jede Verfilmung. Selbst der von mir immer geschmähte Reich-Ranicki hält ihn für einen großen Roman, und das ist er wirklich. Der ungarische Literaturhistoriker Georg Lukács bezeichnete den Roman 1939 in einer Moskauer Zeitschrift als eines der künstlerisch geschlossensten und überzeugendsten der neueren deutschen Literatur. Mehr geht nicht.