Donnerstag, 31. August 2023

Vaterlandsverräter?


Ich fange mal mit dem Kingston Trio an. Das ist eine Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Meine Heimatstadt war nach dem Krieg eine amerikanische Enklave, deshalb hatten wir das Autokennzeichen AE. Und wir konnten im Radio AFN hören, auch wenn die Eltern das nicht so gern sahen. Mit dem Kingston Trio komme ich natürlich peu à peu zu meiner heutigen Hauptfigur. Es ist etwas Seltsames, was Bob Shane vom Kingston Trio da singt:

Adieu foulards, adieu madras,
Adieu grain d'or, adieu collier chou,
Doudou an mwen i ka pati
Héla, héla, sé pou toujou.
Doudou an mwen i ka pati
Héla, héla, sé pou toujou.

Bonjour, monsieur le Capitaine,
Bonjour monsieur le Commandant.
Mwen vini fè an ti pétisyon
Pou ou laissé doudou mwen ba mwen.
Mwen vini fè an ti pétisyon
Pou ou laissé doudou mwen ba mwen.

Mademoiselle, sé bien trop tard
La consigne est déjà signée
Doudou a ou i ka patiHéla, 
héla, sé pou toujou.
Doudou a ou i ka pati
Héla, héla, sé pou toujou.

Wir sind in der Karibik, also in der Gegend, die Harry Belafonte immer wieder besungen hat. Und in der Gegend, woher die Sea Island Baumwolle kommt. Das Lied ist sehr alt, geschrieben haben soll es François Claude Amour de Bouillé. Es ist ein Abschiedslied in französischer Sprache mit kreolischen Einfügungen. Das Doudou an mwen i ka pati heißt so etwas wie Mon amour s’en va

Das Wort doudou bezeichnet noch heute im Französischen eine kreolische Schönheit. Der Schmuck und die Kleidung (das Madraskleid) werden beschrieben, das Kopftuch (foulard) wird nicht vergessen. In der Art, wie das gebunden und geknotet wird, soll die doudou angeblich signalisieren, ob sie noch zu haben ist. 

Das reicht von Mein Herz ist frei über Mein Herz ist engagiert, aber du kannst dein Glück versuchen und Verheiratete Frau, mein Herz ist genommen bis zu Mein Herz ist riesig, es gibt Platz für jeden, der es will. Ich glaube, da muss man mal einen Ethnologen fragen, ob das stimmt. Vielleicht hat unser junger Marquis etwas mit einer Schönheit aus Guadeloupe gehabt und hat deshalb das Lied geschrieben. Die Karibik ist jetzt voller englischer und französischer Offiziere, dass es da amouröse Verbindungen gibt, können Sie in dem Post Dido lesen.

Den Marquis, der sich schon als Hauptmann im Siebenjährigen Krieg in Deutschland ausgezeichnet hatte, hatte der französische König Louis XV in die Karibik geschickt, damit er Französisch-Westindien gegen die Engländer verteidigt. Zuerst ist er 1768 nur der Gouverneur von Guadeloupe, 1777 wird er Gouverneur von Martinique und St. Lucia und erhält von Louis XV den Befehl, die Amerikaner in ihrem Unabhägigkeitskrieg zu unterstützen. Sein Cousin Lafayette tut das schon, der kämpft an der Seite George Washingtons. Bouillé gelingt nicht so etwas Spektakuläres wie die Schlacht vor der Chesapeake Bay, aber er ist sehr erfolgreich in seinem Kampf gegen die Engländer. Er erobert unter anderem die Insel St Eustatius und nimmt siebenhundert britische Gefangene. Und holt sich 1778 Dominica von den Engländern zurück. Bei der Einnahme von Tobago durch den Admiral de Grasse ist er mit anderthalbtausend Mann auch dabei. 

Als ich Barbara Tuchmanns Buch The First Salute (Der erste Salut) zum erstenmal las, war ich zuerst ein wenig all at sea, wie der Engländer sagt. Ein wenig ratlos. Was haben die ganzen westindischen Inseln, die Schiffe, Flotten und Admiräle mit Amerikas Revolutionskrieg zu tun? Aber dann wurde es mir klar: der Unabhängigskeitskrieg wird nicht durch die Überquerung des Delaware, nicht durch den Sieg von Saratoga oder die Schlacht von Cowpens gewonnen. Er wird durch die Seeschlacht vor der Chesaspeake Bay gewonnen. Und die vielen kleinen Siege der Franzosen, die Männer wie de Boullié einfahren. Hier in der Karibik wird der amerikanische Unabhängigkeitskrieg entschieden. George Washington wird den Marquis nach dem Krieg zum Ehrenmitglied der Society of the Cincinnati ernennen.

Der Name des Generalleutnants de Bouillé findet sich nicht auf dem Arc de Triomphe, aber er kommt in Frankreichs berühmtesten Lied, der Marseillaise vor. In der royalistischen Marseillaise des Blancs allerdings nicht. Aber in der fünften Strophe der Marseillaise, da ist er:

Français, en guerriers magnanimes,
Portez ou retenez vos coups!
Epargnez ces tristes victimes,
A regret s’armant contre nous. 
Mais ces despotes sanguinaires,
Mais ces complices de Bouillé
Tous ces tigres qui, sans pitié,
Déchirent le sein de leur mère! 

Wenn da die Rede ist von diesen Komplizen von Bouillé, all diesen Tigern, die erbarmungslos die Brust ihrer Mutter zerfleischen! dann ist er offenbar ein Feind Frankreichs geworden. Was ist geschehen? Am 31. August des Jahres 1790 hatte der Generalleutnant mit fünftausend Mann die Meuterei in Nancy niedergeschlagen, was ihm den Dank des Königs und der Nationalversammlung eintrug. Wir sind in den Anfängen der französischen Revolution. Die Niederschlagung einer Meuterei, in die auch die Schweizergarden verwickelt sind, ist eine zweifelhafte Sache. Am besten lesen Sie dazu einmal alles, was Thomas Carlyle dazu schreibt. Der Marquis de Bouillé steht fest auf der Seite des Königs. Obgleich er den nicht sehr schätzt, das können wir in seinen Memoiren lesen: 

Louis the Fifteenth however died, and was succeeded, by a prince young and inexperienced with all the virtues which are an ornament to private life, but none of those qualities which were to ,become necessary in a situation so difficult. Instead of retaining the ministers of his predecessor, he dismissed them all without exception, choosing for his counsellor and guide a man above seventy, who having been a minister at the age of fifteen, had retired from his employment in the prime, and vigour of his life, and was now to direct: a young monarch and govern a kingdom in the infancy of his old age. He was a man without resolution, without virtues, without abilities, but at the same time mild, affable, and complying. He employed under him men by no means qualified for their office, remarkable rather for probity than talents. Ein Jahr nach dem Massaker von Nancy wird er das tun, weshalb er zum Feind des revolutionären Frankreichs wird. Er organisiert die Flucht seines Königs. Wir wissen, dass das schiefgegangen ist. Der General de Bouillé wird angeklagt, verurteilt und mit einem Kopfgeld gesucht. Er hat sein Heimatland verlassen und wird nie nach Frankreich zurückkehren.

Wir begegnen unserem Marquis in der deutschen Literatur wieder. Im Jahre 1792 taucht er in den Fantasien auf einer Reise nach Prag von Franz Alexander von Kleist auf. Ich habe das hier im Volltext, man darf es nicht mit Mörikes Mozart auf der Reise nach Prag verwechseln. Franz Alexander von Kleist ist nach seinem Tod schnell vergessen worden; es ist schön, dass seine Verwandte Sigurd von Kleist, die Vorsitzende des Familienverbands derer von Kleist, sein Werk ins Internet gestellt hat. In den Fantasien auf einer Reise nach Prag besucht der Marquis de Boullié eine Aufführung von Don Giovanni in Prag, die Mozart selbst dirigiert. Und da können wir lesen: 

Rührend war unten im Parterre der Anblick des General Bouillé; und so verdient er sein jetziges Schicksal trägt, so konnt’ ich doch nicht alle Gefühle des Mitleids gegen ihn unterdrücken. Mit leserlichen Chiffren steht auf seiner Stirn sein Unglück geschrieben, und der Kummer scheint das Feuer seines Auges allmählich zu vermindern. Aber doch spricht noch Klugheit und Muth aus seinen Blicken, und jeder erkennt, daß ihn das Schicksal zu mehr, als einem verwaisten Flüchtling bestimmte. Noch nie sah ich ein Gesicht, auf dem der Gram so abgedrückt war, wie auf dem seinigen; und ich kann mir vorstellen, welche schrecklichen Gefühle sein Herz durchbohren. Einem leidenschaftlichen Augenblick zu gefallen, — geblendet von den süßen Schmeicheleyen der Zukunft, geläng es ihm, die Tempel der Freyheit umzustürzen, und die Despotie wieder einzusetzen, mißbraucht er das Vertrauen der Nationalversammlung, wird ein Verräther seines Vaterlandes und seines Volks; — wird von einem angesehenen französischen Bürger, ein vornehmer Bettler im Ausland; und sieht sich nun von niemanden gefürchtet, von wenigen geschätzt, von den meisten verachtet. Wie muß ihn die Reue peinigen, wie der Gedanke ihn erschüttern, daß er vielleicht an dem Blutvergießen vieler Tausend Schuld seyn kann, einen Irrthum zu vertheidigen! Wie ganz arm an großen, schönen Gefühlen muß seine Seele seyn, da ihr der Stolz der Selbstständigkeit mangelt; da sie schlaff genug war, dem Eigennutz zu fröhnen, seinen Winken zu folgen, und auf die seligen Früchte der Freyheit Verzicht zu thun! Wie verwaist muß er sich fühlen, da ihm seine Nation flucht, sein Vaterland als ein Ungeheuer ausspeyt, und kein Herz ihm sich naht, harmonisch gestimmt, aufwallend für die großen Tugenden des Menschengeschlechts, für Freyheit und Liebe! Einsam steht er da, wie eine giftige Pflanze, die kein freundliches Thier besucht, vor der der Wanderer, ohne sie anzublicken, vorübergeht, und um die sich nur Scorpionen sammeln! — Wie lächerlich nehmen sich aber dennoch neben diesem bethörten, unglücklichen Mann die übrigen Französischen Flüchtlinge aus. Schöner kann man es nicht sagen.

Der Marquis de Bouillé wird nach England gehen. Obgleich er einst gegen die Engländer gekämpft hatte, empfangen sie ihn mit Respekt. Sie haben es nicht vergessen, dass er im Unabhängigkeitskrieg immer fair gegen seine Gefangenen gewesen ist. Die Besatzung einer untergehenden englischen Fregatte setzt er in der Nähe einer englischen Garnison an Land und behält sie nicht als Kriegsgefangene. George III bietet ihm eine Summe von 20.000 Pfund Sterling als Geschenk an, aber der Marquis nimmt das nicht an. Bouillé veröffentlicht 1797 in London sein Buch Mémoires sur la Révolution Française depuis son origine jusqu'à la retraite du duc de Brunswick. Mit großem Erfolg. 

Das Chanson, das er 1769 schrieb, als er Gouverneur von Guadeloupe war, wird heute immer noch gesungen. Ich habe hier noch eine wirklich schöne Aufnahme von Henri Salvador für sie. Eigentlich ist es ja ein Lied, das eine Frau singt. Ich habe hier eine Version von Moune de Rivel, die man La Grande Dame de la Chanson Créole genannt hat, die klingt mit meiner neuen Mackie Soundbar ganz vorzüglich. Und ich habe noch eine Aufnahme von einer Sängerin namens Dorothée, die in ihrer Jugend mal in einem Truffaut Film mitspielte. Sie können jetzt bei genauer Betrachtung der Falten und Knoten des Kopftuches raten, ob sie noch zu haben ist.

Dienstag, 29. August 2023

Liberalismus, Menschenrechte, common sense und all das


John Locke, der am 29. August 1632 geboren wurde, war ein englischer Arzt und Philosoph. Er war ein Mann des common sense, man hat ihn den king of clarity genannt. Er war ein Vordenker der Aufklärung. Und, wie man so schön sagt, der Vater des Liberalismus. Wobei man unter Liberalismus im 18. Jahrhundert etwas anderes versteht als das, das jemand wie Christian Lindner darunter versteht. 1632 ist das Jahr der großen Philosophen: auch Leibniz, Samuel von Pufendorf und Spinoza werden in dem Jahr geboren. Und Rembrandt besucht die Anatomievorlesung des Doktor Tulp. Das ist die Keimzelle der Gerichtsmediziner Sendungen im Fernsehen.
 
Lockes politische Philosophie beeinflusste viele Denker nach ihm. Auch Thomas Jefferson. Die natürliche Freiheit des Menschen bedeutet, dass er frei ist von jeder höheren Gewalt auf Erden und nicht dem Willen oder der gesetzgebenden Gewalt eines Menschen untersteht, sondern allein das Gesetz der Natur zu seinem Rechtsgrundsatz erhebt, steht bei Locke. Ähnlich steht das in der von Jefferson geschriebenen Declaration of Independence. Locke ist in dem englischen Bürgerkrieg aufgewachsen, wo ein festgefügter und nicht angezweifelter Staat zusammenbricht. Als der König Charles I hingerichtet wird, besucht Locke die Westminster School, die Christopher Wren und Peter Ustinov auch besuchen werden. Als Charles II wieder in England ist, hat Locke sein erstes substantielles Werk Two Treatises on Government fertig. Dort wird er etwas Revolutionäres sagen: dass eine Regierung nur dann legitim ist, wenn sie die Zustimmung der Regierten besitzt und für die Naturrechte Leben, Freiheit und Eigentum eintritt. Wenn die Regierung dem nicht nachkommt, haben die Untertanen ein Recht auf Widerstand gegen die Regierung: Wann immer die Gesetzgeber bestrebt sind, dem Volk sein Eigentum zu nehmen oder das Volk in Sklaverei unter ihre willkürliche Gewalt zu bringen, versetzen sie sich dem Volk gegenüber in einen Kriegszustand. Die Legislative verwirkt durch einen solchen Vertrauensbruch die Macht. Die Macht fällt an das Volk zurück, das dann ein Recht hat, seine ursprüngliche Freiheit wiederaufzunehmen und durch die Errichtung neuer Legislative für seine eigene Wohlfahrt und Sicherheit zu sorgen. Locke hat das vorsichtshalber und sicherheitshalber anonym veröffentlicht. Und es gibt Gegenden auf der Welt, wo einen heute solche Sätze ins Gefängnis bringen.

Locke ist mit dem Earl of Shaftesbury befreundet, dessen Enkel übrigens ein bedeutender Philosoph der englischen Aufklärung werden wird. Locke ist Shaftesburys Hausarzt und persönlicher Sekretär. Shaftesbury war einer der wenigen, der nach Holland reiste, um Charles zu bitten, nach England zurückzukehren. Jetzt ist er Lord Chancellor von England, verliert aber schnell die Gunst des Königs und wandert für ein Jahr in den Tower. Locke sieht sein Leben in Gefahr und reist nach Frankreich, wo er einige Jahre bleibt. Wenn Shaftesbury wieder Lord President des Privy Councils ist, kommt Locke zurück. Die Bindung an Shaftesbury wird ihn später dazu bringen, ebenso wie Shaftesbury nach Holland zu emigrieren. 

Charles II hasst den Philosophen Locke mit seinen aufrührerischen Schriften, der so einfach das Gottesgnadentum mit einem Federstrich weggewischt hat. Charles wird dem Christ Church College befehlen, John Locke als Mitglied des Lehrkörpers auszustoßen. Das ist ungefähr so etwas wie die Aberkennung der Ehrendoktorwürde von Thomas Mann durch die Universität Bonn. Als Charles II tot ist, kommt Locke 1689 im Gefolge der Prinzessin von Oranien nach England zurück; die wird als Mary II Königin von England werden. Locke arbeitet an dem English Bill of Rights mit und berät das Königspaar. Er ist einer der wenigen Philosophen, der nicht nur über den Staat und die Regierung schreibt, sondern das politische Geschäft auch aus nächster Nähe gekannt hat. John Locke wird den Staat und die Menschenrechte definieren, dafür können wir den englischen Philosophen wie Thomas Hobbes und John Locke dankbar sein. Ich stelle an Lockes Geburtstag noch einmal einen Post ein, der hier vor elf Jahren stand. Den kann man immer noch lesen.

Weil ich mich ebenso wie Locke um clarity bemühe. Der Post hat auch einige Tausend Leser gefunden, ich kann nicht klagen. Wenn ich über Philosophie schreibe, werde ich immer gelesen. Da hat sich das Studium offenbar gelohnt. Vielleicht bedeutet das aber auch gar nichts, ein Schwätzer wie Richard David Precht wird auch immer gelesen. Und die Zahlen von Google glaube ich schon lange nicht mehr, gestern soll ich 7. 516 Leser gehabt haben, das haben manche Blogger nicht im Jahr. Ich fange mit John Locke nochmal neu an: Es ist immer schön, wenn man solche Zeichnungen hat, wenn ein ganzes Buch in einem Schaubild abstrahiert wird. In diesem Fall ist es John Lockes An Essay Concerning Human Understanding, ein Buch, das in meiner Ausgabe 535 Seiten stark ist. Und das ist nur Volume One, in Volume Two kommen (Index inklusive) noch einmal beinahe fünfhundert Seiten dazu. 

Aus englischem Enlightenment 
Erkenntnistheorie man kennt. 
Der Locke und Berkeley und auch Hume 
erwarben dadurch großen Ruhm, 
daß sie zur Lösung von Problemen 
von daher ihren Ausgang nehmen.  
Wenn die Erkenntnis selbst erkannt 
als Sinnlichkeit und als Verstand, 
so meinten sie, daß sich auch kläre, 
was Inhalt der Erkenntnis wäre. 

Diese unsterblichen Verse stammen aus dem Buch Die Philosophenwelt In Versen vorgestellt von Lutz Geldsetzer. Der gehört nicht der Neuen Frankfurter Schule an, wie man vermuten könnte, er ist ein richtiger Professor für Philosophie. So etwas gibt einem Hoffnung für das Fach. Ich kann mich heute auch sehr kurz fassen. Ich könnte natürlich sehr lang über Locke reden, weil der mal vor Jahrzehnten das Thema meiner mündlichen Doktorprüfung war, aber ich lasse das. Sagen wir einfach, dass Locke mit Hobbes zusammen auf dem Gebiet des Staatsrechts der wichtigste englische Philosoph des 17. Jahrhunderts ist. Und (ohne Hobbes) auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie nach Descartes überhaupt der wichtigste Philosoph ist. Gegen den common sense und die klare Sprache von Locke wirkt unser guter Immanuel Kant wie ein bedauerlicher Rückschritt der Philosophie.

Ich habe in dem Post über Augustinus den Philosophen Kurt Flasch herausgestellt, der uns, wie der hodegetos, der die blinden Pilger zum Gnadenbild der Madonna führt, zur mittelalterlichen Philosophie führen kann. Auch heute habe ich einige Wegführer für den Weg zu John Locke. Der amüsanteste ist Paul Strathern mit seinem Locke in 90 Minutes. Das ist ein Band aus der vorzüglichen Philosophers in 90 Minutes Series. Ist etwas anspruchsvoller, weil 87 Minuten länger, als dieses dreiminütige Video bei YouTube. Aber dennoch, man muss die Leistung von Paul Strathern in diesen light-hearted and idiosyncratic books (so der Verlagstext) bewundern.

Es ist auch kein Mangel an deutschsprachigen Einführungen in das Werk des Philosophen. In der Reihe der von Kurt Kusenberg begründeten rororo bildmonographien gibt es einen sehr guten Band von Udo Thiel, der (wie es das Wesen der Reihe ist) auch über den zurückhaltenden Menschen John Locke und seine Zeit sehr anschaulich informiert. Ist zwar leider vergriffen, aber man kann das Buch noch antiquarisch finden. Nicht vergriffen ist das Buch von Walter Euchner, das es in dieser exzellenten Zur Einführung Reihe des Hamburger Junius Verlags gibt. Das die NZZ bei seinem Erscheinen mit Es ist erfreulich, dass der Junius Verlag Walter Euchner als Autor für diese lesenswerte Locke-Monographie gewonnen hat kommentierte. Euchner hatte 1966 bei Iring Fetscher über John Locke promoviert, und Fetscher hatte auch dafür gesorgt, dass diese Dissertation in Buchform (bei der Europäischen Verlagsanstalt) einen größeren Leserkreis erreichte. 1996 erschien der Locke Band beim Junius Verlag, 2004 gab es eine überarbeitete Auflage. Und im Todesjahr von Euchner 2011 erschien die dritte Auflage. Daraus kann man sicher ablesen, dass John Locke doch noch Konjunktur hat.

John Locke bekommt von Zeit zu Zeit strange bedfellows, in den USA hat man ihn als Gewährsmann dafür zitiert, dass man keine wohlfahrtsstaatlichen Elemente in das amerikanische Sozialsystem integrieren dürfe. Aber wenn man sich das intellektuelle Niveau der politischen Diskussion in den USA heute betrachtet, dann mag man nicht an die Anfänge der Vereinigten Staaten zurückdenken. Als sie jemanden wie Thomas Jefferson hatten, der seinen John Locke sehr genau gelesen hatte und dessen Ideen von den bürgerlichen Freiheitsrechten in die Unabhängigkeitserklärung hinein geschrieben hatte. Thomas Jefferson wird Lockes Formel von Life, Liberty and Property durch Life, Liberty and the Pursuit of Happiness ersetzen. 

Anders als David Hume, den my love of literarey fame, my ruling passion interessierte, hat John Locke von sich selbst nicht viel Wesens gemacht. Wir haben nicht so furchtbar viele Bilder von ihm,  außer dem immer wieder reproduzierten, das Gottfried Kniller aus Lübeck gemalt hat. Der heißt jetzt Sir Godfrey Kneller und ist englischer Hofmaler, aber er ist kein wirklich guter Maler. Aber wenn man Knellers Bild aus dem Jahre 1697 (?), mit den zeitgenössischen Portraits von - in der Reihenfolge von oben nach unten: John Greenhill (1672 ?), Herman Verelst (1689) und Michael Dahl (1696) - vergleicht, können wir uns diesen John Locke ganz gut vorstellen. Zumindest äußerlich. Knellers Bild, das John Locke ohne Perücke und förmliche Kleidung zeigt (dafür kommt damals das Wort Negligé auf), hängt nicht in der National Gallery und nicht in der National Portrait Gallery. Der Enkel von Horace Walpole hatte das von seinem Großvater geerbte Portrait in Geldnöten an die russische Zarin verkauft. Katharina wusste, was sie da kaufte, sie hatte ihren John Locke gelesen.

Lockes Grabstein, von dem er annahm, dass der bald so vergangen und vergessen sei wie er selbst (Memorat haec tabula brevi et ipse interitura), zieren lateinische Sätze. Von denen einer lautet: Hoc ex scriptis illius disce, quae quod de eo reliquum est majori fide tibe exhibebunt, quam epitaphii suspecta elogia. Wir würden mehr über ihn aus seinen Schriften erfahren, die ihn genauer zeigten als eine zweifelhafte Lobrede. Und in seinen Schriften ist er erstaunlich lebendig, das auch noch nach 390 Jahren. Nehmen wir einmal den Anfang von An Essay Concerning Human Understanding:

I HAVE put into thy hands what has been the diversion of some of my idle and heavy hours. If it has the good luck to prove so of any of thine, and thou hast but half so much pleasure in reading as I had in writing it, thou wilt as little think thy money, as I do my pains, ill bestowed. Mistake not this for a commendation of my work; nor conclude, because I was pleased with the doing of it, that therefore I am fondly taken with it now it is done. He that hawks at larks and sparrows has no less sport, though a much less considerable quarry, than he that flies at nobler game: and he is little acquainted with the subject of this treatise - the UNDERSTANDING - who does not know that, as it is the most elevated faculty of the soul, so it is employed with a greater and more constant delight than any of the other. Its searches after truth are a sort of hawking and hunting, wherein the very pursuit makes a great part of the pleasure. Every step the mind takes in its progress towards Knowledge makes some discovery, which is not only new, but the best too, for the time at least.

Sonntag, 27. August 2023

mal ganz persönlich

Der Ledersessel, in dem ich hier sitze, den kennen Sie. Er hat schon einen Post: Der Sessel vor dem Schrank. Jetzt können Sie den dort erwähnten Schrank auch noch sehen. Voll mit der besten Kriminalliteratur der Welt und der gesamten Sekundärliteratur zu dem Thema. Unten an den Schrank gelehnt sind zwei Schreibbretter der Firma Leitz. Griffbereit, hier schreibe ich, wenn ich mit der Hand schreibe. Auf dem Schrank liegt der ganz große Webster, Arno Schmidts Abend mit Goldrand, die Guinness Encyclopedia, einige Photobände und ein Katalog von meinem Onkel Karl. Rechts daneben ist ein Plastikkasten mit dicken fetten Uhren. Also zum Beispiel der Doxa, die Dirk Pitt trägt, der gefälschten Rolex, die mir mein Uhrmacher geschenkt hat, der schönen Uhr mit dem AS 5008, der Aquastar Geneve, die Sie in den Post Blazer sehen können, und solchen Sachen. 

Die Uhr, die ich am Handgelenk trage, ist die IWC GST, die ich vor Jahrzehnten bei einem literarischen Preisrätsel der IWC gewonnen habe. Die Uhr am Arm wechselt täglich. Es hätte auch eine Junghans sein können. Oder diese potthässlich schöne Zentra Safari aus den siebziger Jahren, die im Augenblick meine Lieblingsuhr ist. Hat mich 39 Euro gekostet. Wollte ich mir die IWC neu kaufen, wäre das hundert mal so teuer. Auf dem Fensterbrett stehen einige kleine Scrimshaw Figuren. Eine davon hat mir Kapitän Biet geschenkt, die hat er in Kanada in der Gefangenschaft geschnitzt, nachdem die Engländer sein Schiff versenkt hatten. Rechts neben den Scrimshaw Figuren steht die schöne blaue Björn Wiinblad Vase, die schon in dem Post Geburtstagsfeier zu sehen ist.

Links am Bildrand ist ein Teil eines Stuhls zu sehen, der sehr alt ist. Ein pensionierter Kapitän hat mir den Empirestuhl vom Flogmarkt repariert. Ich habe ihn mit demselben roten Stoff beziehen lassen, mit dem mein Biedermeiersofa im Zimmer nebenan bezogen ist. Die Teppiche, die Sie sehen, sind echt. Darf man heute noch Perserteppiche sagen? Unter den Teppichen ist ein schöner Holzboden. In der rechten Bildhälfte sehen Sie angehäufte Bücherberge. Das sieht durch die Perspektive des Mobiltelephons schlimmer aus, als es ist. Aber es ist schon wahr, der ganze Designertisch, den ich mal billig gekauft habe, ist voll mit Büchern. Die sind überall. Hinter dem Vorhang hängt ein Bild von Fritz Overbeck, ich habe es geerbt, aber ich mag das Bild nicht. Es ist hinter dem Vorhang gut aufgehoben. Es sind ja Bilder genug an den Wänden. Die beiden fünf Meter Wände voller Bücher sind nicht auf dem Handyphoto zu sehen, das ein Freund von mir am frühen Morgen gemacht hat. Dass viel Licht ins Zimmer kommt, kann auf dem Photo sehen, Wohnzimmer und Arbeitszimmer liegen nach Süden. Wenn ich auf der anderen Seite des Platzes wohnen würde, hätte ich einen besseren Fernsehempfang, hat mir der TV Techniker gesagt. Aber die Sonne in der Wohnung ist mir wichtiger als das Fernsehen.

Ich trage unter meinem blauen Sweatshirt ein italienisches Luxushemd, das ist meine ständige Bekleidung. Die Sweatshirts, Hemden und Hosen wechseln. Hier auf dem Bild ist es eine Hose von Dietmar Kirsch in Hamburg, der Porschefahrer hat seinen Laden direkt neben dem Hotel Vier Jahreszeiten. Mehr geht nicht. Im Nebenzimmer steht mein Schreibtisch, Eiche massiv um 1900. Der war schon in der Wohnung, als ich einzog, er ist eigentlich sehr häßlich, ist aber sehr praktisch. Auf dem Schreibtisch steht der neue Samsung Bildschirm, der jetzt unter sich diese wahnsinnige Mackie Soundbar hat. 

Mein Mac Mini steht auch auf dem Schreibtisch, der nimmt soviel Platz ein wie der Harvard Guide to American History. Der Computer ist jetzt sieben Jahre alt, ich solle mich mit dem Gedanken vertraut machen, dass ich bald einen neuen brauche, hat Herr Kraus letztens gesagt. Der Vorgänger des Computers hat auch sieben Jahre gehalten, aber noch funktioniert Mac Mini Nummer 2 recht gut. In dem Zimmer mit dem Schreibtisch und dem Biedermeiersofa steht auch mein Klavier. Es wird weniger benutzt als der Computer. Ich glaube, dass das ein Fehler ist. Es gefällt mir nicht, wie abhängig ich von dem Computer geworden bin. Andererseits liebe ich es zu schreiben, auch wenn ich mich ständig vertippe. Und Sie wären unglücklich, wenn es hier nichts zu lesen gäbe. 


Freitag, 25. August 2023

Mods MOD modding


Wer die Mods waren, das weiß ich. Das ist ein Begriff, mit dem ich etwas anfangen kann. Sie sahen ungefähr so aus, wenn sie nicht auf ihrer Vespa oder Lambretta saßen und die elegante Kleidung unter einer Parka versteckten. Sie sind auch schon hier in diesem Blog aufgetaucht, zum Beispiel in den kulturhistorischen Posts Notting HillTeddy Boys und Today there are no gentlemen. Wenn Sie noch mehr über dieses Spezies Engländer wissen wollen, dann lesen Sie Paul Andersons Buch Mods: The New Religion. Oder besser: Sie lesen die London Romane von Colin MacInnes (City of Spades, Absolute Beginners, Mr. Love and Justice). Da pulst das Leben in Notting Hill.Von Jazz, Rock'n Roll, von italienischen Vespas und italienischen Anzügen ist die Rede, diese ganze Mod Subkultur war gerade im Entstehen, als Colin MacInnes seine Romane schrieb.

Das hier auf dem Bild nennen die Engländer Strand. Wir sind in Brighton in den frühen sechziger Jahren, wo sich Mods und Rocker am Wochende Strandschlachten liefern. Die einen reisten mit der Lambretta an, die anderen mit dem Motorrad. Anderthalb Jahrhunderte zuvor sah das hier etwas anders aus, da war Brighton ein fashionables Seebad. Die Seebäder an der englischen Küste sind eine Sache des 18. Jahrhunderts. Lichtenberg, der sie immer wieder preist, wird sagen, dass er in Margate die gesündesten Tage seines Lebens verbrachte. Wenn Engländer einen schönen Strand sehen wollen, dann müssen sie zu einer anderen Insel, die ihnen mal gehörte. Ich habe auf der Helgoländer Düne mal einen Engländer getroffen, der hier wegen seines Heuschnupfens jedes Jahr, wenn es im UK einen hohen pollen count gab, seinen Urlaub verbrachte.

Aber von den Mods soll heute nicht die Rede sein, sondern von einem ganz anderen Phänomen, bei dem das Wort MOD vorkommt. Und das ist etwas, was eigentlich niemand braucht, Und ich meine damit nicht einmal die Computerspiele, wo man diesen Namen auch findet. Ein Freund, der mich immer mit den besten Artikeln aus dem New Yorker oder dem Smithsonian Magazine versorgt, sandte mir einen Artikel zu, der Five iconic London shops for bespoke clothing and accessories hieß. Man kennt die Firmen, die in der Savile Row, der Jermyn Street und der Burlington Arcade sitzen, aber eine Firma kannte ich nicht. Die heißt Wildman Bespoke Ltd, die ist nicht im Klamottengeschäft, aus dem man das Wort bespoke für Maßarbeit kennt, die modifizieren Luxusuhren. Und werben mit Sprüchen wie You don’t just purchase a Wildman, you commission it. Die Firma verwendet allerdings nicht das Wort modifizieren, was im Englischen modify und im Slang modding heißt. Nein, sie betreiben eine customization. Sie beschäftigen auch keine watchmakers, sondern horologists, die Firma lebt von der Übertreibung.

Man hat zwölf Rolex Modelle zur Auswahl, und dann modifiziert die Firma Wildman die nach den Kundenwünschen. Da kommt ein anderes Zifferblatt drauf, eine andere Lünette, ein anderes Band. Eine Rolex, die kein anderer hat. Das blaue Teil da oben gibt es nur bei Wildman, nicht bei Rolex. Das Ganze ist eigentlich kindisch und albern. Und es ist auch ein bisschen fraglich, wie seriös die Firma Wildman ist, die dank ihres Werbeberaters bei Facebook und im Internet überrepräsentiert ist. Angeblich hat man ein Geschäft im vornehmen Mayfair; die Firma, deren Direktor dreiundzwanzig Jahre alt ist, sitzt aber ganz woanders. In einem kaum repräsentaiven Gebäude in Uttoxeter in Staffordshire. Ich vermute mal, die Rolex Uhren werden in China veredelt. Es sind schon Wildman Replikas auf dem Markt, die kosten nur 999€.

Es geht natürlich mit der modifizierten Uhr auch billiger. Die Firma G-Modz bietet bei ebay für 249 Euro eine handbemalte Custom Mod Casio G-Shock an. Und hat dazu einen englischen Text: Elevate your wristwear with the exclusive CasiOak Dark Knight Graffiti timepiece. At G-Modz, we proudly introduce a watch meticulously crafted to embody the captivating spirit of urban elegance, featuring a captivating rainbow dial ring that adds a twist to the Dark Knight theme. Ich weiß nicht, warum das unbedingt Englisch sein muss. Die Firma sitzt nicht in London, sondern in Handewitt. Rolex Fans würden so etwas natürlich nicht kaufen. Wenn denen nach einem Dark Knight ist, dann kaufen sie sich das Rolex Modell Batman.

Es ist immer sehr komisch, wenn Luxusgüterfirmen behaupten, dass sie etwas Einmaliges produzieren. Und den Kunstcharakter ihrer Produkte vor Gericht reklamieren. Rolex hat vor Jahren einmal behauptet, dass ihre Uhren Kunstwerke seien, die nicht verändert werden dürften. Das ist eine neue Variante von Walter Benjamins Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Da hatten sich Rolex Besitzer bei einem Juwelier eine Diamantlünette auf ihre Rolex basteln lassen. Also das, was in Zuhälterkreisen Scherbenkranz heißt. So etwas hat Rolex auch im Angebot, ist aber woanders billiger. Bei ebay Kleinanzeigen werden diese Teile als Rolex Aftermarket angeboten. Rolex hatte diese Uhren einbehalten, als die zum Kundendienst kamen. Weil es ja Kunstwerke sind, die man nicht verändern darf. Das oberste Gericht urteilte mit gesundem Menschenverstand, dass jeder Käufer mit seiner Rolex machen kann, was er will. Er kann sie grün anmalen, wenn ihm das gefällt. Ist eine echte Alternative.

Und da wir bei der Farbe grün sind, muss ich mal eben diese goldene Rolex Daytona mit dem grünen Zifferblatt erwähnen. Ein amerikanischer Musiker namens John Mayer, der Uhren sammelt, hatte bei einem Interview dieses scheußliche Teil am Arm und hatte nette Dinge über die Uhr gesagt. Und was passierte? Die Uhr wurde jetzt weltweit als John Mayer Rolex bezeichnet, und die Preise stiegen grotesk an. Man kann schon sechsstellige Summen dafür bezahlen. Dazu fällt mir jetzt wenig ein. Außer dass Mayer seine Sammlertätigkeit mit einem halben Dutzend gefälschter Rolex Uhren begonnen hatte.

Bei ebay gab es letztens  ein grünes Zifferblatt, das natürlich als John Mayer Zifferblatt angeboten wurde. Steht aber Aftermarket !! dabei, das heißt, es ist nicht original. Leider habe ich verpasst, was daraus geworden ist. Die preiswerteste John Mayer Daytona kostet bei ebay 81.000 Euro, bei ebay Kleinanzeigen 77.000 Euro. Für diese Seiko Speedtimer, die aussieht wie eine Rolex, muss man nur eine dreitstellige Summe auf den Tisch legen. Ich weiß nicht, ob das eine Fälschung ist oder eine Hommage. Wir bewegen uns bei diesen Dingen auf einem Gebiet, bei dem man mit Frankieboy Sinatra Is it the good turtle soup or merely the mock? singen möchte.

Eine Modifizierung, eine kundenspezifische Anpassung von Luxusgütern, hat es schon immer gegeben. Wir kennen diesen Rolls-Royce hier, er hat einmal John Lennon gehört. Das Phantom V war ursprünglich schwarz, wurde dann ein wenig modifiziert. Rolls-Royce hat auch eine Seite in Internet, die Configure your Rolls-Royce heißt.  Als Josef Abs einen Mercedes ohne Stern haben wollte, sagte der Mercedes Chef, dass kein Wagen ohne Stern die Fabrik verließe. Der bestellte Mercedes fuhr auch mit einem Stern durchs Werktor und hielt dann an. Dann kam ein Mechaniker und schraubte den Stern ab. Wem jemandem heute ein Mercedes Modell nicht passt, dann kauft er sich ein passendes Auto bei AMG. Für Kunden in den USA hat Mercedes eine Seite, die Build Your Own Car - Luxury Custom Cars heißt. Auf einer nicht so hohen automobilen Ebene, muß der Opel Manta erwähnt werden, jeder Mantafahrer modifizierte damals sein Auto. Und wenn es nur der Fuchsschwanz an der Antenne war.

Früher gab es in England ein halbes Dutzend Karosseriebauer, die einem den Rolls nach eigenen Wünschen bauten. Der Wagen, den Gulbenkian sich bei Hooper bauen ließ, ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Der junge Michael Caine fand bei der Earls Court Motorshow ein Modell, das er haben wollte, aber er wollte es mit der Karosserie von Mulliner Park Ward haben. Das sagt er mit seinem schönsten prolligen Cockney Akzent dem Herrn am Rolls-Royce Stand und verlangt nach dessen Vorgesetzten. Er bekommt eine Abfuhr, wie nie wieder in seinem Leben: I think I can assure you myself, sir, that the Mulliner Park Ward chassis will never be available on the model you require because Mr Mulliner is dead and I am Mr Park Ward, so you are getting your information straight from the horse's mouth, as the saying goes, I think. Als er sich seinen ersten Rolls kaufte, hatte er noch keinen Führerschein, den hat er erst mit fünfzig Jahren gemacht.

Ein Freund vor mir hat seinen Rolls-Royce (British Racing Green), den er verhältnismäßig günstig bekommen hatte, zu einem Bentley umbauen lassen. Das bedeutete nicht zur die Auswechsungs des Kühlers, den Erwin Panofsky ja in einem berühmten Aufsatz mit Palladio in Verbindung gebracht hatte, sondern auch das Auswechseln von tausend Kleinteilen, die alle RR signiert ware, Ich habe ihn nie gefragt weshalb. In manchen Kreisen gilt ein Bentley ja vornehmer als ein Rolls. Das war auf jeden Fall in meinem Heimatort die Meinung von Ernst Burmester, der die größte deutsche Yacht besaß. Die er jederzeit dem Bundespräsidenten für repräsentative Zwecke zur Verfügung stellte. Er fuhr einen schwarzen Bentley, in Hamburg könne man einen Rolls fahren, in Bremen nicht, pflegte er zu sagen.

Ich war letztens in Versuchung, diese Seiko Marine Master bei ebay zu kaufen. Der Händler hatte mir ein Sonderangebot gemacht, aber das war abgelaufen, bevor ich mich entschieden hatte. Es gibt viele solcher Uhren bei ebay und im Netz. Bei dieser stand noch MOD und Custom dabei. Nur ein einziger Händler bei ebay sagt, dass dies keine Seiko ist. Sie hat nur ein Seiko Automatikwerk NH3, ein Werk, das auch in vielen chinesischen Uhren steckt. Es ist nicht unbedingt das beste Werk von Seiko. In teuren Seiko Uhren findet sich eher das Kaliber 6R35. Den Satz Die Uhr wurde mit neuen Teilen modifiziert, sie wird nicht von Seiko hergestellt liesr man bei Händlern selten. Das Made in Germany liest man auch selten. Es bedeutet häufig Ruhla, ein Name, der in DDR Zeiten keinen guten Klang hatte. Das modding von nicht echten Seikos ist zu einem Volkssport geworden. In einem Uhrenforum liest man zu den Seiko MODs: Klar ist auch, dass diese Bastelwastel bzw. 'Mods' keine originalen Uhren mehr sind und auch die originale Gewährleistung und Garantie erlischt ,wenn da herumgebaut wird. Es gibt eine große Szene für sowas, aber außerhalb schüttelt man natürlich vielfach nur den Kopf darüber. Überwiegend sind vom Modding nur billige Modelle betroffen. Kaum einer verbastelt sich noch eine Uhr für mehrere tausend Euro.

So hat die Uhr vielleicht einmal ausgesehen, die ich in veränderter Version besitze. Es war eine Golduhr, die man in der Fernsehlotterie Ein Platz an der Sonne gewinnen konnte. Der vorige Besitzer hatte Werk und Zifferblatt entnommen und das Goldgehäuse eingeschmolzen; das ist das Schicksal von vielen Golduhren. Was übriggeblieben war, ein fabrikneues Werk (ETA 2390) und ein fabrikneues Zifferblatt, kaufte ich für fünf Euro auf dem Flohmarkt. Und bat meinen Uhrmacher, daraus eine Uhr zu machen. Er schalte das Werk in ein massives großes Edelstahlgehäuse ein. Das Glas wurde von einem goldfarbenen Sprengring gehalten, der das Gold ins Zifferblatt strahlen ließ. Die dicke Krone war auch aus Gold, es ist meine schönste Uhr geworden. Niemand hat diese Uhr außer mir. Aber ich glaube, das fällt nicht unter Modifikationen. Vielleicht ist es eine Mariage. Ein Wort, das inzwischen sogar schon Horst Lichter über die Lippen geht.

Ich habe allerdings noch etwas aus dem Bereich des Modifizierens zu vermelden. Der kleine Bluetooth Lautsprecher, den ich in dem Post Bildstörung so gelobt hatte, gab nach einer Woche seinen Geist auf. Der Techniker kam, fummelte eine Viertelstunde dran rum, dann funktionierte das Teil wieder. Aber fünf Tage später war es endgültig tot. Das Teil kostet bei MediaMarkt 4,95, das konnte ja nichts Dolles sein. Ich sagte den Fachleuten, es müsse da etwas Besseres geben. Das habe ich jetzt, fünfundvierzig Zentimeter breit unter dem Bildschirm. Fünfzig Watt, hundert Dezibel. Reicht für die ganze Wohnung. Ich habe mir bei YouTube von Jennifer Warnes Lights Of Lousianne heruntergeladen, das war mal vor dreißig Jahren die Referenz CD in dem teuersten HiFI Geschäft hier. Und das klang wirklich gut, vielleicht nicht ganz so gut wie aus den T&A Lautsprechern, aber doch beinahe.

Ich komme noch einmal auf die englische Subkultur der Mods zurück. Der Name Mods war von modernists abgeleitet, nicht davon, dass sie etwas modifizierten. Aber ein modding betrieben sie doch, auch wenn es dieses Verb noch nicht gab. Diese Lambretta hier ist so nicht aus der Fabrik in Lambrate gekommen, da hat jemand ganz schön dran gearbeitet. Der scharf geschnittene Anzug des jungen Mannes neben ihm hätte heute noch Konjunktur: The whistle was correct in all details. Closing my eyes I see it now: petrol blue, wool and mohair, Italian cut, flat-fronted, side adjusters, zip fly, sixteen-inch bottoms, central vent on the jacket, flap pockets, ticket pocket, three button (only one done up of course), high-breaking, narrow lapels, buttonhole on the left, four buttons on the cuff – claret silk lining. Es ist eine untergegangene Zeit, man sieht keine Lambrettas mehr auf den Straßen, elegante Anzüge auch nicht.

Montag, 21. August 2023

Lilliehorn

Das ist der schwedische König Gustav III, er stammt aus dem Hause Schleswig-Holstein-Gottorf. Schon sein Vater war schwedischer König, der erste aus dem Hause Schleswig-Holstein-Gottorf. Gustavs Mutter war die Schwester von Friedrich II. Als sein Vater 1771 starb, war der junge Mann gerade in Paris. Der schwedische Reichsrat legte ihm eine Verpflichtung auf die bestehende Verfassung zur Unterschrift vor. Er unterschreibt, aber er wird das nicht einhalten. Am 21. August 1772 wird der schwedische Reichsrat durch Androhung von Waffengewalt von ihm gezwungen, eine neue Verfassung zu billigen, die die Macht des Adels einschränkt. Staatsstreiche kommen meistens von unten, dies ist ein Staatsstreich von oben.  Gustav wird zwanzig Jahre auf dem schwedischen Thron sitzen, wird Kunst und Kultur fördern. Gustaviansk nennen die Schweden diese Zeit der Reformen und der kulturellen Blüte. Dann werden sich einige schwedische Grafen verschwören, und einen Mordplan vorbereiten. Sie erscheiden durch Los, wer von ihnen den König töten soll. Ein Maskenball in der Königlichen Oper von Stockholm, die Gustav gegründet hatte, scheint ihnen die beste Gelegenheit für ihre frevlerische Tat.

Einer der Verschwörer ist Carl Pontus Lilliehorn, ein Offizier der Leibgarde. Sein Vater war auch Offizier, sein älterer Bruder wird General werden. Über Carl Pontus Lilliehorn können wir 1811 in einem Lexikon lesen: Lilienhorn, Staabsoffizier in der schwedischen Garde. Unterrichtet von dem Anschlage gegen das Leben des Königs Gustav III., ließ er an dem Tage der Vollziehung dem Fürsten ein Billet zustellen, in welchem er ihn vor der Gefahr, der er im Ballsaale entgegen ginge, warnte, mit dem Zusatze, daß wenn er auch nicht unter seine Freunde gehörte, er doch nicht einer seiner Mörder seyn wollte. Man arretirte ihn den 22. März in Folge dieses Ereignisses, und er wurde den 1. Juny zum Verlust seines Lebens, seiner Ehre und seiner Güter verurtheilt, weil er bey dieser Gelegenheit nicht vollkommen seiner Pflicht zur Rettung seines Souverains nachgekommen sey; allein nach dem ausdrücklichen Wunsche des Königs wandelte der Regent die Strafe in eine lebenslängliche Landesverweisung um, und ließ ihn den 15. August über die Gränze bringen.

Lilliehorn war ein gebildeter und wissenschaftlich orientierter Mann. Zeitgenossen beschrieben ihn als ein Vorbild für junge Männer, mutig, geschickt in seinem Dienst, belesen in den schönen Wissenschaften und bekannt für die strengsten Vorstellungen  der Ehre. Lilliehorn hatte Rousseau gelesen und all das, was an revolutionärem Gedankengut aus Frankreich kam. Er hatte sich den Kritikern des Königs angeschlossen, die sich um den General Carl Fredrik Pechlin geschart hatten. Die die alten Rechte des Adels wieder in der Verfassung sehen wollten. Das waren Hochadlige, Grafen. Aber sie brauchten diesen Oberstleutnant, weil er die Leibgarde kommandierte. Es ist bei einem Staatsstreich immer gut, Truppen zu haben. Gustav hatte die bei seinem Staatsstreich auch. Doch im letzten Moment zögert Lilliehorn und schreibt seinem König, der immer so gut zu ihm war und seine Mutter zur Haushälterin des königlichen Schlosses gemacht hatte, diesen anonymen Brief

Darin soll in französischer Sprache etwas gestanden haben wie: An den König – mit größter Demut. Erlauben Sie einem Unbekannten, dessen Feder von Taktgefühl und der Stimme des Gewissens geleitet wird, sich die Freiheit zu nehmen, Ihnen mit größtmöglicher Aufrichtigkeit mitzuteilen, dass es sowohl in den Provinzen als auch hier in der Stadt bestimmte Personen gibt, die voller Hass sind und Rache an Ihnen nehmen wollen; ja sogar bis zum Äußersten, Ihre Tage durch einen Mord verkürzen wollen. Diese Personen sind sehr verärgert darüber, dass dies bei dem letzten Maskenball nicht gelang, aber sie freuen sich über die Nachricht, dass es heute einen neuen geben wird. Banditen mögen keine Laternen; Es gibt nichts Nützlicheres für ein Attentat als Dunkelheit und Tarnung. Ich wage es also, bei allem, was in dieser Welt heilig ist, an Sie zu appellieren, diesen verdammenswerten Ball zu verschieben, weil das sowohl für Ihren gegenwärtigen als auch für Ihren zukünftigen Nutzen günstiger ist. Gustav III liest den Brief, aber er schenkt ihm keine Bedeutung. Der Brief scheint nicht erhalten, aber was der König bei dem Maskenball trug, das wissen wir. Bon soir, beau masque, soll der Graf Anckarström gesagt haben, als er auf den König schoss.

Lilliehorn, der seinen Namen Liljehorn schrieb, hatte seine Karriere als Page von Kronprinz Gustav begonnen, er wurde schon früh Offizier, 1770 war er schon Fähnrich der Leibgarde, 1772 Hauptmann. 1790 machte ihn der König zum Oberstleutnant, weil er bei dem Angriff auf Kachis kapell eine Kanone erobert hatte. Lilliehorn genoß die Protektion des Königs, der ihm aus eigener Tasche einen zusätzlichen Sold gönnte. Der König hatte einen Grund dafür: Lilliehorns Mutter Clara Aurora Lothigia war die Amme des kleinen Gustav gewesen. Er hatte an ihrer Brust gelegen wie ihr Sohn Carl Pontus. Wenn man so will, waren die beiden Halbbrüder. Carl Pontus Lilliehorn wird zum Verlust von Leben, Ehre und Eigentum verurteilt; dann kommt die Begnadigung, die ewige Verbannung heißt. Am 15. August verläßt er das Königreich Schweden, von niemandem begleitet. Seine große Bibliothek war schon im Juni 1792 in seinem Haus am Gustav Adolf Torg versteigert worden. Das wird ihm wehgetan haben.

Des Landes verwiesen und seines Adelstandes als Ritter beraubt, wird Lilliehorn in Preußen unter dem Namen Berg von Bergheim leben, wird eine reiche Adlige heiraten und 1820 in Bonn sterben. Er soll wieder eine schöne Bibliothek gehabt haben. Er ist in Bonn begraben, der Grabstein ist noch erhalten. In dem Buch Gustav III og Stockholm: et strejftog i det Gustavianske von Godfred Hartmann finden sich die Sätze: Doch eines Tages heiratet Lilliehorn eine reiche Dame und lebt plötzlich unbeschwert in Bonn, wo er 1820 stirbt. Das und dann die Kanone, die er von den Russen erbeutet hat, war das einzig Richtige, was Carl Pontus Lilliehorn getan hat.

Die Geschichte von der Ermordung des Königs beim Maskenball ist in die Literatur gewandert. Der Literaturfabrikant Eugène Scribe (der immer eine Vielzahl von ghostwriters beschäftigte) hat sie zu einem Theaterstück verarbeitet. Das die Grundlage für Verdis Oper Un ballo in maschera war. Die wird in diesem Blog schon in dem Post Giuseppe Verdi erwähnt. Da findet sich Carl Pontus Liliehorn zwar nicht, der steht aber schon in dem Post Désirée. Die Schmonzette Nightcap & Plume. A Novel von Marjorie Bowen lasse ich mal aus. Die Frau kann mit Scribe konkurrieren, sie hat mehr als 150 Bücher geschrieben.

Von großer Wichtigkeit in dem Verdi Post ist ein anderer Schwede, ein Exilant wie Lilliehorn, der ein noch abenteuerlicheres Leben als Lilliehorn hat. Er heißt Carl Jonas Love Almqvist, ist nach einem ereignisreichen Leben 1866 in Bremen gestorben. Johann-Günther König erwähnt ihn in seiner neuen Literaturgeschichte der Hansestadt Diese Stadt ist echt, und echt ist selten: Bremen und Bremerhaven in der Literatur. Dieser Almqvist ist ein erstaunlicher Schriftsteller, das habe ich schon in dem Post über seinen Roman Die Woche mit Sara gesagt. Almqvists Roman Das Geschmeide der Königin (Drottningens juvelsmycke) hat man ein Schmuckstück der europäischen Romantik genannt, und ein Schmuckstück ist der Roman über die (oder den?) androgyne Tintomara wirklich. Ich gebe mal eine kleine Stilprobe:

Die Nacht floh, und in ihrem reichen, schrecklich lächelnden Schoß trug sie die ganze Wirrnis an schwarzen Taten, Geheimnissen und unentfalteten Begebnissen mit sich fort. Die Sonne stieg am 17. März in unvermindertem Glanz über Stockholm; aber die Einwohner fanden, der Sonnenschein selbst verwundere sich über das, was er gewahrte, und werfe immer schärfere Strahlen in die schattigsten Verstecke, um den Ursprung der entsetzlichen Tat aufzudecken. Kein Auge schien während der Nacht geschlafen zu haben. Die Stadttore waren geschlossen, niemand gelangte hinaus. Herr Hugo und ihr Übrigen auf dem Jagdschloss! mögen Sie hören, wie es weiterging – ich will nicht sagen, mit meinen Hauptpersonen, den Fräulein Amanda und Adolfine; denn ihnen scheint es ergangen zu sein, wie es mit Hauptpersonen oft zu gehen pflegt, dass sie im Lauf der Handlung herabsteigen müssen, um bloße Personen zu werden, nachdem größere Charaktere, wie hier zum Beispiel ein Gustav III. die Bühne betreten haben – aber im Allgemeinen mit meiner Geschichte; so will ich fortfahren, mein hellblaues Garn zu zwirnen und die Fäden zu führen, so weit sie reichen.

Diese geheimnisvolle Tintomara soll die Tochter der Ballerina Giovanna Bassi gewesen sein, vielleicht eine Halbschwester des Königs Gustav Adolf IV. Den Roman, der 1970 als Tintomara verfilmt wurde, hat Kindler im Jahre 2005 in einer Neuübersetzung von Klaus-Jürgen Liedtke herausgebracht. Die war schnell vergriffen, aber antiquarisch findet man den Roman über den Maskenball und die Ermordung des Königs Gustav immer noch, bei Booklooker schon ab 47 Cent. Wenn Sie nicht soviel ausgeben wollen und einen Roman lieber am Computer lesen wollen, dann kann ich Ihren Das Geschmeide der Königin hier anbieten. Der schwedisch-dänische Film Tintomara ist leider nicht im Internet zu finden, ich sollte vielleicht anmerken, dass Britt Ekland da mitspielt. Die dem jungen Blogger Jay 2010 zu dem ersten Post verhalf, der mehr als 10.000 Leser hatte.