Samstag, 13. April 2013

Thomas Jefferson


Vor 270 Jahren wurde Thomas Jefferson geboren. Die Declaration of Independence, die von ihm geschrieben wurde, hat damals die Welt verändert. Er ist schon sehr häufig in diesem Blog erwähnt worden, klicken Sie doch einmal ➱hier. Da kann ich mich heute ganz kurz fassen. Mit einer kleinen Literaturliste. Also dem, was ich als erstes aus dem Regal nehmen und es jemandem in die Hand drücken würde, der mich nach Thomas Jefferson fragt. Das erste wären natürlich Texte von Jefferson selbst, und da ist meiner Meinung nach The Portable Thomas Jefferson von Merrill D. Peterson (ein fetter Penguin Band) das Beste und Preisgünstigste.

Ich weiß nicht, bei welcher Bandnummer die von der Princeton University Press herausgegebenen Jefferson Papers inzwischen angekommen sind (ich besitze durch Zufall zwei dieser Bände), aber es ist eine abschreckende Zahl. Wie soll man sich diesem Mann nähern, der so widersprüchlich in Worten und Taten ist? Der über Freiheit und Menschenwürde schreibt und nebenbei ein Sklavenhalter ist? Peter Nicolaisens Buch in der Reihe der Rowohlts Monographien ist eine der besten Einführungen, um sich diesem Mann zu nähern, den der amerikanische Historiker Joseph J. Ellis American Sphinx (Vintage 1998) genannt hat. Die von Kurt Kusenberg in den fünfziger Jahren begründete Reihe der Rowohlts Bild Monographien ist ein einmaliges Unternehmen in der deutschen Verlagsgeschichte. Kusenberg selbst hat 150 Titel betreut, inzwischen ist die Zahl der Monographie auf über 600 angewachsen (seit 1999 gibt es auch bunte Bilder, aber die braucht man eigentlich nicht). Das Erstaunlichste ist, dass es die Rowohlt Redaktion geschafft hat, eine solche Qualitätssicherung bei Autoren und Texten zu betreiben, nur wenige Bände in dieser Reihe entsprechen nicht dem hohen Niveau der Reihe.

Dem hohen Niveau entspricht auf jeden Fall der Jefferson Band von ➱Peter Nicolaisen, einem auch in Amerika anerkannten Jefferson Spezialisten. Der natürlich auch alle Bände der Jefferson Papers gelesen hat. Dies ist state-of-the art scholarship, daran gibt es nichts zu bekritteln. Das einzige, das man kritisieren könnte, ist die Tatsache, dass Nicolaisen ein wenig unterkühlt und trocken schreibt. Aber das ist sein Wissenschaftsideal, das muss man hinnehmen. Lord Beloffs Thomas Jefferson and American Democracy aus dem Jahre 1948, das in der populärwissenschaftlichen Reihe Teach yourself History bei Penguin erschienen ist, ist da leserfreundlicher (wenn man den Band antiquarisch finden kann: lohnt sich unbedingt). Aber das Buch hatte eine andere Zielsetzung und repräsentierte auch nicht die inzwischen kaum noch überschaubare Jefferson Forschung. Sicherlich kann man das unkonventionelle American Sphinx: The Character of Thomas Jefferson von Joseph J. Ellis (trotz des ➱Skandals um seine Person) auch uneingeschränkt empfehlen (muss ich ein Ausrufezeichen dahinter setzten?). Aber im deutschsprachigen Bereich haben wir, in dieser kompakten Form, nichts Besseres als Peter Nicolaisens Buch.

Jefferson hat einige Gedichte geschrieben, nichts Aufregendes, so etwas drucken wir hier nicht ab. Er hat aber auch Gedichte gesammelt, das ist eine kuriose Sache. In den Jahren seiner Präsidentschaft hat er alle möglichen Gedichte ausgeschnibbelt und in sogenannte scrapbooks eingeklebt, die für seine Enkeltöchter bestimmt waren. Solche scrapbooks waren damals Mode (sie sind es heute offenbar wieder), nach zweihundert Jahren sind sie natürlich ein Fundstück für die Archäologen der Kultur. Sie sind kein wirklich sensationeller Fund. Man wusste, dass es sie gab, man hatte lediglich bisher angenommen, dass sie die Klebearbeit der Kiddies waren. Aber jetzt sind die Forscher überzeugt, dass es Jefferson selbst gewesen ist, der diese scrapbooks zusammenstellte. Ein Professor namens Jonathan Gross hat vor Jahren Thomas Jefferson's Scrapbooks: Poems of Nation, Family, & Romantic Love Collected by America's Third President herausgegeben. Und Sie können ➱hier die spannende Geschichte lesen, wie es dazu gekommen ist.

Jefferson war belesen. Belesener als viele seiner Nachfolger. Oder sollte man sagen: so belesen wie alle seine Nachfolger zusammen? Und dennoch scheint sein Verhältnis zur Dichtung ein wenig gestört zu sein. So schreibt er im Jahre 1801: To my own mortification however [faded in manuscript] that of all men living I am the last who should undertake to decide as to the merits of poetry. In earlier life I was fond of it, and easily pleased. But as age and cares advanced the powers of fancy have declined. Every year seems to have plucked a feather from her wings till she can no longer waft one to those sublime heights to which it is necessary to accompany the poet. So much has my relish for poetry deserted me that at present I cannot read even Virgil with pleasure. I am consequently utterly incapable to decide on the merits of poetry. The very feelings to which it is addressed are among those I have lost. So that the blind man might as well undertake to [faded] a painting or the deaf a musical composition.

Ich weiß nicht, was er zu dem Gedicht von Lorine Niedecker gesagt hätte, das ich hier heute präsentiere. Niedecker hat an der ➱Universität studiert, die Jefferson gebaut hat, sie gehörte als Dichterin zur Avantgarde. Was sie uns hier präsentiert ist eine Montage aus Zitaten aus Jeffersons Briefen, ➱Ezra Pound und T.S. Eliot hatten ja vorgemacht, wie das geht. Kriegt man heute mit Hilfe des Computers leicht hin. Ich war noch keine vier Wochen in der Welt der blogosphere, da habe ich ➱hier auch so etwas gemacht. J.D. Salinger war gerade gestorben, und ich habe mir gedacht: nimm dir Sätze aus The Catcher in the Rye und füge sie so zusammen, dass es wie ein Gedicht aussieht. Ich erhebe keinen großen Originalitätsanspruch, aber als es fertig war, hat es mir gefallen.

Solche Bemerkungen sollen in keiner Weise Lorine Niedeckers Gedicht abwerten (obgleich es solche Stimmen von Literaturkritikern gibt) - nein, ich finde ihr Gedicht mit dem Titel Jefferson wirklich großartig. Weil es so kleine Schnipsel eines Lebens sind. Die man einzeln in ein scrapbook kleben könnte. Und die sich zusammenfügen zu einem Leben. Das Leben als scrapbook - daraus könnte man auch etwas machen.

I
My wife is ill!
And I sit
waiting
for a quorum

II
Fast ride
his horse collapsed
Now he saddled walked
Borrowed a farmer’s
unbroken colt
To Richmond
Richmond How stop—
Arnold’s redcoats
there

III
Elk Hill destroyed—
Cornwallis
carried off 30 slaves
Jefferson:
Were it to give them freedom
he’d have done right


IV
Latin and Greek
my tools
to understand
humanity
I rode horse
away from a monarch
to an enchanting
philosophy

V
The South of France
Roman temple
“simple and sublime”
Maria Cosway
harpist
on his mind
white column
and arch

VI
To daughter Patsy: Read—
read Livy
No person full of work
was ever hysterical
Know music, history
dancing
(I calculate 14 to 1
in marriage
she will draw
a blockhead)
Science also
Patsy

VII
Agreed with Adams:
send spermaceti oil to Portugal
for their church candles
(light enough to banish mysteries?:
three are one and one is three
and yet the one not three
and the three not one)
and send salt fish
U.S. salt fish preferred
above all other

VIII
Jefferson of Patrick Henry
backwoods fiddler statesman:
“He spoke as Homer wrote”
Henry eyed our minister at Paris—
the Bill of Rights hassle—
“he remembers . . .
in splendor and dissipation
he thinks yet of bills of rights”

IX
True, French frills and lace
for Jefferson, sword and belt
but follow the Court to Fontainebleau
he could not—
house rent would have left him
nothing to eat

He bowed to everyone he met
and talked with arms folded
He could be trimmed
by a two-month migraine
and yet
stand up

X
Dear Polly:
I said No—no frost
in Virginia—the strawberries
were safe
I’d have heard—I’m in that kind
of correspondence
with a young daughter—
if they were not
Now I must retract
I shrink from it

XI
Political honors
“splendid torments”
“If one could establish
an absolute power
of silence over oneself”
When I set out for Monticello
(my grandchildren
will they know me?)
How are my young
chestnut trees—

XII
Hamilton and the bankers
would make my country Carthage
I am abandoning the rich—
their dinner parties—
I shall eat my simlins
with the class of science
or not at all
Next year the last of labors
among conflicting parties
Then my family
we shall sow our cabbages
together

XIII
Delicious flower
of the acacia
or rather
Mimosa Nilotica
from Mr. Lomax

XIV
Polly Jefferson, 8, had crossed
to father and sister in Paris
by way of London—Abigail
embraced her—Adams said
“in all my life I never saw
more charming child”
Death of Polly, 25,
Monticello

XV
My harpsichord
my alabaster vase
and bridle bit
bound for Alexandria
Virginia
The good sea weather
of retirement
The drift and suck
and die-down of life
but there is land

XVI
These were my passions:
Monticello and the villa-temples
I passed on to carpenters
bricklayers what I knew
and to an Italian sculptor
how to turn a volute
on a pillar
You may approach the campus rotunda
from lower to upper terrace
Cicero had levels

XVII
John Adams’ eyes
dimming
Tom Jefferson’s rheumatism
cantering

XVIII
Ah soon must Monticello be lost
to debts
and Jefferson himself
to death

XIX
Mind leaving, let body leave
Let dome live, spherical dome
and colonnade
Martha (Patsy) stay
“The Committee of Safety
must be warned”
Stay youth—Anne and Ellen
all my books, the bantams
and the seeds of the senega root

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