Freitag, 5. April 2013

Karajan


Vor 105 Jahren wurde Herbert von Karajan geboren. Er ist in diesem Blog schon häufiger erwähnt worden (wie zum Beispiel ➱hier), ich mag ihn allerdings nicht so besonders. Ich kenne auch keine guten Gedichte über Karajan, Spottgedichte gibt es ja genug. Also zum Beispiel das Trara, trara, die Hochkultur von dem österreichischen Politiker Fritz Hermann. Als Karajan die Strophe 15 gelesen hatte, hat er gedroht, nie wieder in Wien zu dirigieren. Aber das will ich hier nicht abdrucken, Sie können es auf dieser ➱Seite lesen. Wenn Sie wollen. Wollen Sie bestimmt.

Ein Gedicht fällt mir natürlich sofort ein, das zu den ganz großen Werken der deutschen Literatur zählt. Ich kannte den Verfasser nie, aber nachdem ich es in dem Post ➱Tigerente zitiert hatte, haben mich verschiedene Leser belehrt, dass es natürlich in Die Wahrheit über Arnold Hau von F.K. Waechter, Robert Gernhardt  und  F.W. Bernstein steht. Wo sonst?

Die Zirbelente sprach gedämpft: 
'Ich hab mein Leben lang gekämpft. 
Nun sollen auch mal andre ran, 
zum Beispiel dieser Karajan'.

Und für die Leser, denen angesichts des Namens Karajan nach etwas mehr Klassik zumute ist, habe ich natürlich auch etwas zu bieten:

Der mensch ist recht als anderew tyer 
mit natur und mit der gier. 
wann er lebt nach seinem mut
daz er sich nicht twingen tut,
so ist er ein viech in menschen pild, 
und ward nie chain tyr so wild 
der mensch mocht dannoch wilder sein.
wo man zug ein chindlein in einer wilden wustenschaft 
da ez zucht noch maisterschaft 
nicht gesach pey chainer vrist, 
waz tungt an einem menschen ist, 
daz chumpt in in mit gutem rat. 
ye mer der mensch chunst hat, 
so er ye paz geporn than.
nu wirt ein pawr ein edel man 
sunder von der chunst fygur, 
daz er pricht dw natur
mit gewonhait guter ding; 
daz muezdw chuns tin in pring

Das ist über siebenhundert Jahre alt (hat aber sicher heute noch seine Bedeutung), von einem Dichter namens Heinrich der Teichner, Neuhochdeutsch heißt das so etwas wie: Hinsichtlich seiner Natur und seiner Begierlichkeit ist der Mensch ganz wie andere Lebewesen. Wenn er so lebt, wie er will. (also) ohne sich zu beherrschen [zu 'zwingen'], dann ist er ein Vieh in Menschengestalt [Menschenbild]. Kein Tier war jemals so wild, dass der Mensch nicht noch wilder sein könnte. Zöge man ein kleines Kind in der abgelegenen Einöde heran, in der es niemals Disziplin und Autorität kennenlernte, (dann erwiese sich:) was ein Mensch an Fähigkeiten (Tugend) besitzt, das hat er durch Belehrung erworben. Je mehr Kunst dem Menschen zur Verfügung steht, umso besser ist seine gesellschaftliche Stellung. Ein Bauer wird nur durch Kunst zum Adeligen, (und zwar dadurch,) dass er die Natur bricht mit dem Gewöhnen an gutes Handeln; das muss die Kunst in ihm verursachen.

Wie ich von Heinrich dem Teichner auf Karajan komme? Ganz einfach, Karajan hat ein Buch über den Dichter geschrieben. Na ja, nicht der Dirigent Herbert von Karajan. Sondern sein Urgroßvater Theodor von Karajan. Und dank Heinrich dem Teichner wissen wir jetzt auch, dass man nur durch die Kunst zum Adligen wird.

Ein wirklich schönes Karajan Gedicht hätte ich allerdings doch. Es ist besonders gut, weil Karajan in dem Gedicht gar nicht vorkommt. Und so gibt es hier zum Schluss Enzensbergers Gedicht Für Karajan und andere:

Drei Männer in steifen Hüten 
vor dem Kiewer Hauptbahnhof – 
Posaune, Ziehharmonika, Saxophon – 

im Dunst der Oktobernacht, 
die zwischen zwei Zügen zaudert, 
zwischen Katastrophe und Katastrophe: 

vor Ermüdeten spielen sie, die voll Andacht 
in ihre warmen Piroggen beißen 
und warten, warten 

ergreifende Melodien, abgetragen 
wie ihre Jacken und speckig 
wie ihre Hüte, und wenn Sie da 

fröstelnd gestanden wären unter Trinkern, 
Veteranen, Taschendieben, 
Sie hätten mir recht gegeben: 

Salzburg, Bayreuth und die Scala 
haben dem Bahnhof von Kiew 
wenig, sehr wenig voraus.

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