Montag, 1. April 2013

Haydn: Klaviersonaten


Es gibt in ➱Amerika im April den National Poetry Month, hier in diesem Blog auch. War im letzten Jahr schon so, im Jahr davor auch. Hat im letzten Jahr die Besucherzahlen etwas gesenkt. Warum eigentlich? Ich fange heute am ersten April (an dem Haydn ja vielleicht geboren wurde) mit einem ganz kurzen Gedicht von Eduard Mörike an, dass Joseph Haydn heißt:

Manchmal ist sein Humor altfränkisch, ein zierliches Zöpflein,
Das, wie der Zauberer spielt, schalkhaft im Rücken ihm tanzt.

Man kann diesen Zweizeiler auch sehr schön auf Haydns Klaviersonaten beziehen, über die ich heute mal eben ein wenig schreiben will. Ich habe in den letzten Tagen nichts anderes getan, als Haydns Klaviersonaten zu hören, da bin ich jetzt ganz fit drin. Ich war sogar versucht, eine auf dem Klavier zu spielen, aber habe davon die Finger gelassen. In Haydn auf dem Klavier bin ich nicht so fit. Nicht dass ich mit Haydn sagen könnte: Ich war auf keinem Instrument ein Hexenmeister, aber ich kannte die Kraft und die Wirkung aller; ich war kein schlechter Klavierspieler und Sänger, und konnte auch ein Konzert auf der Violine vortragen.

Angeblich ist Haydn ja sehr leicht. Weil er seine Sonaten für seine Klavierschülerinnen geschrieben hat. Aber Johann Baptist Cramer wusste schon 1776: Übrigens sind die Sonaten schwerer in der Ausführung als man anfangs glauben sollte. Sie erfordern höchste Präcision und viel Delicatesse im Vortrag. Viele Konzertpianisten haben es für unter ihrer Würde gehalten, Klaviersonaten von Haydn zu spielen. ➱Arturo Benedetti Michelangeli hat die Sonaten nie aufgenommen - hat aber die Klavierkonzerte ➱No. 4 und No. 11 gespielt. Bei vielen scheint noch Carl Ferdinand ➱Pohls Satz aus dem Jahre 1875 nachzuwirken: Während sich Haydn im Symphonie- und Quartettfach zu so ungeahnter Höhe erhob, blieb er auch in der Claviercomposition nicht unthätig, obwohl er hier gegen Mozart, in dem Virtuose und Componist vereinigt war, zurückstand.

Glenn Gould wäre da anderer Meinung, denn die sechs Sonaten, die er von Haydn gespielt hat, hat er mit großer Liebe gespielt (den Mozart eher nicht): The plain fact is that the Haydn sonatas, for instance, which are much more extensive in the canon than the Mozart — there being fifty-something to seventeen or eighteen — are also more interesting as pieces  and as experiments, musically. It's the only late-night music that I've sat down and really played for myself in the last year, the early one especially, the baroque-ish ones. They are so beautiful and in every case so delightfully innovative. One never gets the feeling that any two are cut from the same cookie stamp. Hat er 1974 in einem nächtlichen Telephongespräch mit ➱Jonathan Cott gesagt, er überlegte damals, ob er alle Sonaten spielen sollte: The project which most interests me, at the moment, is a survey of the complete Haydn sonatas. There are, as you probably know, more than fifty in all ... I think that we could manage two Haydn discs a year. Ein Zehnjahresprojekt, aber die Verhandlungen mit der Deutschen Grammophon führten zu nichts. 1981 hat Gould dann die Sonaten 42 und 48-52 für Columbia aufgenommen, die für die Aufnahme von Sony das damals neueste digitale Aufzeichnungsgerät, den Sony PCM 600, geliehen bekamen. Das sind nicht nur die last piano sonatas wie es auf dem CD Cover steht, es sind auch die letzten Aufnahmen von Glenn Gould gewesen.

In dem Jahr, in dem Glenn Gould seine Begeisterung über Haydn äußert (die Sonate No. 49 hatte er schon im Januar 1958 aufgenommen, er hat sie auch bei seinem Konzert in Stockholm im Oktober 1958 gespielt), nimmt ➱Rudolf Buchbinder sämtliche Haydn Sonaten auf. Das ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Obgleich er damals den Grand Prix du Disque bekommen hat. 1974 scheint irgendwie ein inoffizielles Haydn Jahr zu sein, denn in England nimmt ➱John McCabe die ersten Platten seiner Gesamtaufnahme für Decca auf. Und in der DDR beginnt ein Pianist weithin unbemerkt, alle Haydn Sonaten aufzunehmen. Er heißt ➱Walter Olbertz, er ist beinahe gleichaltrig mit Glenn Gould. Er ist nur nicht so berühmt, das Internet kennt ihn bis heute kaum. Höchstens als Begleiter von Peter Schreier, mit dem er bei vielen Aufnahmen zusammengearbeitet hat. Unter anderem bei der CD Die schöne Müllerin (➱hier ganz zu hören), ich habe die Aufnahme im Doppelpack mit einer anderen, bei der der Gitarrist Konrad Ragossnig den Sänger begleitet. Aber das habe ich schon einmal erwähnt, als ich über die ➱Winterreise schrieb. Ich weiß jetzt nicht, was zwischen Peter Schreier und Walter Olbertz gelaufen ist, denn in Schreiers Autobiographie Im Rückspiegel: Erinnerungen und Ansichten kriegt der nur einen Satz hin wie: Aber auch Walter Olbertz, der wesentlich sachlichere und vielleicht etwas kühlere Pianist, war mir in den vielen Jahren der Zusammenarbeit ein zuverlässiger Partner. Also ein wenig mehr Enthusiasmus hätte Olbertz schon verdient.

Denn er ist wirklich gut, auch wenn man ihn kaum kennt. Auf jeden Fall ist er Joachim Kaiser in Große Pianisten in unserer Zeit keinerlei Erwähnung wert. Annerose Schmidt kennt Kaiser übrigens auch nicht. Das ist die Strafe dafür, dass man in der DDR wohnt, da wird man bei dem deutschen Musikpapst nicht erwähnt. Olbertz hat nicht nur Peter Schreier begleitet, der Professor an der Berliner Hochschule für Musik ➱Hanns Eisler, war ein gefragter Begleiter für Sängerinnen wie Arleen Augér, Annelies Burmeister, Gisela May oder Anneliese Rothenberger. Und er steht bei mir ganz oben, bei meiner persönlichen Auswahl von Haydn Aufnahmen. Dazu kommt, dass die neun CDs sagenhaft preiswert sind. Gut, es gab kein ➱booklet in der Pappbox mehr, und die CDs steckten nur in festen Kartonhüllen. Aber was macht das, wenn der Haydn gut ist?

Ich hätte noch eine zweite Gesamtausgabe zu empfehlen, die früher zum Billigpreis verramscht wurde, jetzt allerdings im Preis etwas gestiegen ist. Hat man endlich die Qualitäten von ➱Carmen Piazzini erkannt? Ich habe diese hervorragende Pianistin ja schon einmal erwähnt, als ich über Mozarts ➱Klaviersonaten schrieb. Es ist immer wieder erstaunlich, welch gute Pianisten man bei den Billigpreis Labels findet. Auf ➱Klára Würtz hatte ich ja schon einmal hingewiesen, und vielleicht schreibe ich irgendwann noch einmal über Jenő Jandó (der bei Naxos auch eine sehr gute ➱Gesamtausgabe von Haydns Sonaten eingespielt hat). Es braucht ja nicht immer Lang Lang zu sein. Der erstaunlicherweise auch eine Haydn Sonate im Programm hat. Der lange verpönte Haydn ist offensichtlich im Kommen.

Was vielleicht auch ein wenig an Ragna Schirmer liegt. Die Pianistin, die Haydn spielt, seit sie zwölf Jahre alt wurde, hatte 2002 (in dem Jahr war die Dreißigjährige Professorin für Musik in Mannheim geworden) eine wunderbare Doppel CD von Haydn Klavierwerken vorgelegt. Mit dem selten gespielten Capriccio Acht Sauschneider müssen seyn auf CD 1. Er ist unglaublich humorvoll. Auch wenn es ganz dramatisch wird, ist immer ein Augenzwinkern dabei, es ist aber auch eine Prise Melancholie darin. Und was bei Haydn so spannend ist und ihn von praktisch allen anderen Komponisten unterscheidet: Er kann ganz viel mit einem einzelnen Ton machen, hat sie in einem Interview gesagt. Und sechs Jahre später die Doppel CD Haydn Revisited folgen lassen. Ragna Schirmer war vor Jahren ein Geheimtipp (ich hatte sie ➱hier auf die Liste der Top Ten der Goldberg Interpretationen gesetzt), aber sie hat sich inzwischen ihren Platz ganz weit oben erobert.

Bei den Gesamtaufnahmen sollte ich wohl noch ➱Christine Schornsheim erwähnen, die 2005 das an fünf historischen Tasteninstrumenten (vom Cembalo bis zum Fortepiano) eingespielte Klavierwerk herausbrachte. Was ihr den französischen Diapason d'Or  und den Preis der deutschen Schallplattenkritik einbrachte. Aber ich habe um diese Aufnahme einen Bogen gemacht, Haydn auf dem Cembalo nervt mich ungeheuer. Ich weiß auch nicht, ob man wirklich eine vollständige Aufnahme aller Haydn Klaviersonaten besitzen muss. Das, was auf den drei CDs ist, die die viel zu früh verstorbene Catherine Collard herausgebracht hat, reicht sicher den meisten Hörern. Sie könnten ➱hier einmal hineinhören. Ist aber ansteckend. Und das larghetto von XVI/47 ist wirklich göttlich.

Die englische Gramophone Redaktion (der man eigentlich immer vertrauen kann) empfahl ihren Lesern die Aufnahme von Julia Cload: her feeling for the imaginative range of colour, along with her strong sense of cumulative growth, is a thing of untrammelled wit and brio. Der Amerikaner HC Robbins Landon, unbestritten der Haydn Fachmann, hat über sie gesagt: Haydn’s piano sonatas take on a new dimension when they are played by Julia Cload, whose intense musicality and forceful personality are evident throughout these extraordinary recordings. She has now become one of our leading interpreters of Haydn. Julia Cload ist im letzten Jahr im Alter von 65 Jahren gestorben, leider habe ich noch immer keine Aufnahme von ihr, aber das kann ja noch kommen.

Wen sollte ich sonst noch nennen? Die Fans von ➱Alfred Brendel werden natürlich sagen: Alfred Brendel. YouTube bietet ➱hier eine schöne Auswahl. Und Verehrer von ➱Swjatoslaw Richter werden auf die beiden Aufnahmen bei Decca 1986 und 1987 schwören. Es ist ein ganz anderer Haydn, ein Haydn, der streckenweise wie Beethoven klingt. Wo Brendel leichthändig über die Tasten hüpft, scheint Richter seinen Haydn in das Elfenbein meisseln zu wollen. Aber dennoch sollte er in keinem CD Regal fehlen.

Mein Geheimtip heißt Patrick Cohen. Ein Mann, von dem man lange nichts gehört hat. Für Richard Brody vom ➱New Yorker ist er one of the greatest living classical musicians. Dank des Internets kann man ja heute etwas über ihn herausfinden, aber vor zwanzig Jahren als ich die CD Six Sonates kaufte, wusste ich nichts über ihn. Ich wusste nur, dass hier jemand war, der durchsichtiger, intelligenter und feinfühliger spielt als der Rest der Konkurrenz. Ich kaufte alles von ihm, was ich bekommen konnte. Was vor den Tagen der 1-Klick Bestellung bei Amazon nicht so einfach war. ➱Richard Brody ist das ähnlich gegangen, da sind wir schon mal zwei. Wenn Sie jetzt die Reste von Patrick Cohen CDs, die auf dem Markt sind, kaufen, machen Sie bestimmt keinen Fehler (Cohen, der 1999 in Salzburg auf Mozarts Klavier spielen durfte, spielt übrigens auch einen wunderbaren ➱Mozart).

Das mit dem Zweizeiler von Mörike da oben war zur Eröffnung des Poetry Month etwas mickrig, und so gibt es zum Schluss noch ein Gedicht. Es heißt Time, wir können es auch auf die Zeitumstellung gestern beziehen. Aber es hat auch etwas mit Joseph Haydn zu tun, weil die Dichterin Anne Hunter die Muse von Haydn gewesen ist und die ➱Texte zu vielen seiner Lieder geschrieben har,

TIME may ambition's nest destroy,
Though on a rock 'tis perch'd so high,
May find dull av'rice in his cave,
And drag to light the sordid slave;
But from affection's temper'd chain
To free the heart he strives in vain.
The sculptur'd urn, the marble bust,
By time are crumbled with the dust;
But tender thoughts the muse has twin'd
For love, for friendship's brow design'd,
Shall still endure, shall still delight,
Till time is lost in endless night.


Kommentare:

  1. Jetzt haben Sie aber die Aufnahmen von Hamelin übergangen... kann mir aber vorstellen, dass Sie den nicht mögen. Aber hören Sie doch trotzdem mal rein: http://www.youtube.com/watch?v=VuHFo_CYhHM

    AntwortenLöschen
  2. Ich hatte schon so eine Ahnung, dass das einem Leser auffallen würde. Aber ich habe von Marc-André Hamelin nur seine Aufnahmen von dem Klavierwerk von Charles-Valentin Alkan und wollte nicht so tun, also ob ich seinen Haydn auch kenne. Aber Sie haben natürlich Recht: er gehörte eigentlich hierher.

    AntwortenLöschen
  3. ...wieder einmal einfach nur so herein gestolpert und begeistert hängen geblieben. Ich danke Ihnen sehr, ich habe mich festgebissen an Ragna Schirmer, (YouTube sei Dank), und werde mich nun langsam durch die von Ihnen vorgeschlagenen Pianisten hören. Von Glenn Gould habe ich natürlich fast alles, aber die Klaviersonaten von Haydn natürlich nicht, warum auch immer. Es ist ein absoluter Genuss bei Ihnen zu lesen! Gott erhalte Ihnen Ihre Gesundheit und Ihren Spaß am Recherchieren, Zusammenfassen und Mitteilen - und mir die Freude, Ihr Lesegast sein zu dürfen.

    AntwortenLöschen
  4. ...von Cohen fand ich nur die Haydn Trios - mit dem Van Swieten Trio.

    http://www.youtube.com/watch?v=b7_nPt6Iw8s

    immerhin eine einstündige Aufnahme, die hier vollständig wiedergegeben wird.

    ...noch einen lieben Gruß
    G. Brunsch

    AntwortenLöschen
  5. Und dann gibt es noch ANDREAS STAIER.

    Dagegen ist GOULD fast fad. FAST

    AntwortenLöschen