Sonntag, 21. Oktober 2012

Langenscheidt


Als Schüler hatten wir im Englischunterricht ein Wörterbuch, das Schöffler-Weis hieß. Es taugte überhaupt nichts. Man kann es heute ab einem Cent bei Amazon kaufen. Sparen Sie sich dieses Geld! Bücher sind wie Brot - man sollte es nicht wegwerfen. Aber in diesem Fall kann man sagen, falls Sie noch einen alten Schöffler-Weis haben, entsorgen Sie ihn im Papiermüll. Die Wörterbücher der Stunde sind heute quietschegelb und heißen Langenscheidt. Ich erwähne das nur mal ganz kurz, weil heute vor 180 Jahren der Verlagsgründer ➱Gustav Langenscheidt geboren wurde. Heute ist Langenscheidt ein Markenbegriff, wenn man sich die Verlagsseite anschaut, bekommt man das Gefühl, dass dieser Verlag alles verkaufen könnte.

Sie sind wahrscheinlich Marktführer, das soll aber nicht heißen, dass ihre Produkte denen der Konkurrenz wirklich überlegen sind. Ich denke da zum Beispiel an das Großwörterbuch von Klett (Pons). Als der Vorläufer des heutigen Wörterbuchs in der Neubearbeitung 1991 auf den Markt kam, war das eine Sternstunde für das Großwörterbuch. Es war dem Konkurrenzprodukt von Langenscheidt überlegen, und Klett hat diesen Vorsprung auch bei den Nachfolgern des grünen Bandes halten können. Wörterbücher werden heute mit Computern erstellt und sie greifen beinahe alle auf das gleiche ➱Computer Corpus des Englischen zurück. Da hat sich seit den Tagen von ➱Dr. Johnson und ➱James Murray einiges getan, in Bezug auf die Erfassung des Gegenwartsenglisch sind alle neueren Wörterbücher mit der gleichen Basis ausgestattet. Und doch unterscheiden sie sich. Und doch versagen sie in vielen Dingen kläglich. Da helfen auch die Reklamesprüche nicht, dass man auf ein Textkorpus von 500 Millionen Wörtern zurückgreifen kann.

Es wäre unsinnig, heutzutage ein einziges Wörterbuch als das allein seligmachende zu empfehlen. Aber für diejenigen, die für Beruf und Studium ein englisch-deutsches/deutsch-englisches Wörterbuch brauchen, wäre mein Tipp das Klett Pons Großwörterbuch kombiniert mit dem ➱Webster Collegiate Dictionary (für den Preis das beste englisch-englisch Wörterbuch der Welt!) und einem hundert Jahre alten Muret-Sanders. Der gute alte Muret-Sanders ist noch nicht vom Computer gemacht und in vielen Dingen ist er besser als die elektronische Konkurrenz (und seine neuen Nachfolger). Er ist der Liebling aller Übersetzer, die ältere Texte übersetzen müssen.

Und mit dem Muret-Sanders bin ich wieder bei Langenscheidt. Ich hatte einen von meinem Opa geerbt. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass ich die beiden Bände auswendig gelernt habe. aber sie haben mir eine schöne Vokabelkenntnis verschafft. Das Parallelunternehmen für das Französische, den zweibändigen Sachs-Villatte, besitze ich natürlich auch. Mit dem Muret-Sanders und dem Sachs-Villatte begann die Erfolgsstory des Hauses Langenscheidt. Ich weiß nicht, ob es den furchtbaren Schöffler-Weis noch gibt. Wörterbücher für das Alltagsenglisch sind heute besser als vor einem halben Jahrhundert, aber heißt das, dass heute Schüler und Studenten ein besseres Englisch können? Leider ist das Gegenteil eher der Fall. Das ist sehr seltsam. Wahrscheinlich liegt es daran, dass heute niemand mehr beigeht und den guten alten Langenscheidt Muret-Sanders auswendiglernt. Und wahrscheinlich weil heute kein Englischlehrer mehr die Schüler zwingt, jeden Tag zehn neue Vokabeln zu lernen. Das tat unser Englischlehrer ➱Dr. "James" Tröbs, und ich bin ihm heute noch dankbar.

Keine Kommentare:

Kommentar posten