Montag, 28. November 2011

Tyger, Tyger











Im Band VIII der Wilhelm Lehmann Gesamtausgabe (Autobiographische und Vermischte Schriften) des Klett-Cotta Verlags fand ich, in einem Aufsatz von Lehman zitiert, die erste Strophe von William Blakes Tyger, Tyger, Burning Bright in einer schönen deutschen Übersetzung:

Tiger, Tiger, Flammenpracht
In den Wäldern düstrer Nacht!
Sag, welch Gottes Aug' und Hand
Dich so furchtbar schön erfand?

Wilhelm Lehmann schreibt die Übersetzung dem Grafen Stolberg zu (In der vortrefflichen Übersetzung seines Zeitgenossen Stolberg...). Und da heute William Blakes Geburtstag ist, dachte ich mir, ich stelle hier Blakes Text und Stolbergs Übersetzung ein und fertig. Allein, ich konnte den Text nicht finden. Das einzige was ich fand, war diese Übersetzung (die sich in der ersten Strophe ein wenig von dem Text bei Lehmann unterscheidet):

'Tiger, Tiger, Flammenpracht
In den Wäldern düstrer Nacht!
Sprich, welch Gottes Aug' und Hand
Dich so furchtbar schön verband?

'Stammt vom Himmel, aus der Höll',
Dir der Augen Feuerquell'?
Welche Flügel trägst du kühn?
Wer wagt wohl, zu nah'n dem Glüh'n?

'Welche Stärke, welche Kunst,
Wob so sinnreich Herzensbrunst?
Als dein Herz den Puls empfand,
Welch ein Fuss und welche Hand?

'Was ist Hammer, Kettenklirr'n?
Welche Esse schmolz dein Hirn?
Was ist Amboss? Welcher Held
Muth in deinem Arm behält?

'Aus den Sternen flog der Speer,
Thränend ward der Himmel Meer:
Schaut' er lächelnd da auf dich?
Der das Lamm schuf, schuf er dich?

'Tiger, Tiger, Flammenpracht
In den Wäldern düstrer Nacht!
Sprich, wess Gottes Aug' und Hand
Dich so furchtbar schön verband?'

Allerdings war bei der Fundstelle die Rede von einem gewissen Dr. Julius als Übersetzer: Dr. Julius's German translation of 'The Tyger' from the Vaterländisches Museum, Bd. II, Heft i. (Hamburg, 1806) [diese Jahresangabe ist leider falsch, es muss das Jahr 1811 sein]. This spirited and admirably literal rendering appeared, it will be noticed, at a time when Blake's Songs were almost unknown to his own countrymen. Der Name Julius wird an einer anderen Stelle durch die Buchstaben W.H. ergänzt. Es blieb rätselhaft.

W.H. Julius ist zwar falsch, führte mich aber auf Umwegen zu Henry Crabb Robinson, da begann ich mich auf festerem Boden zu bewegen. Robinson, der bedeutendste Vermittler zwischen der deutschen und der englischen Romantik ist der Gegenstand von Eudo C. Masons Buch Deutsche und englische Romantik. Eine Gegenüberstellung, das ich einmal gelesen habe. Der Professor aus Edinburgh war einer der angesehensten Germanisten Großbritanniens, aber das weiß das Internet kaum noch. Ich wühlte mich durch Berge von Daten und Fakten - das ist ja die Lieblingsbeschäftigung von Philologen. Leider waren viele Fakten keine Fakten. Irrtümer und Fehler werden durch das Internet hundertfach vervielfacht. Aber ich kam in den den Wäldern düstrer Nacht doch zu Ergebnissen.

Der Engländer Henry Crabb Robinson hat für die Zeitschrift Vaterländisches Museum von F.C. Perthes im II. Band (1811) den Artikel William Blake, Künstler, Dichter und religiöser Schwärmer geschrieben. Der Beitrag erschien anonym. In dem Beitrag wurden vier Gedichte von Blake zitiert - zu denen auch The Tyger gehörte - die im Original und in einer deutschen Übersetzung wiedergegeben wurden. Im Artikel findet sich kein Hinweis auf den Übersetzer des Artikels oder den Übersetzer der Gedichte. Henry Crabb Robinson hat übrigens Blake trotz seines enthusiastischen Eintretens für seine Dichtung damals nicht persönlich gekannt. Er hat ihn erst 1826 im Londoner Haus des Kunstsammlers und Mäzens Carl (auch: Charles) Aders kennengelernt. Der immens reiche Aders, der im Katalog der Hamburger Blake Ausstellung (1975) fälschlicherweise als Hamburger bezeichnet wird, war ein Bruder des berühmten Jacob Aders aus Elberfeld (der Katalog William Blake aus der Ausstellungsreihe Kunst um 1800 ist trotz dieses kleinen Fehlers immer noch eine Kaufempfehlung). Blake fühlte sich im Haus von Aders immer sehr wohl, was vielleicht auch daran lag, dass Mrs Aders die Tochter des Malers John Raphael Smith war. In ihrem Salon hat er auch die berühmt gewordene Geschichte mit dem Lamm (das ja in den Gedichten das Gegenstück zu dem Tiger ist) erzählt:

At one of Mr. Aders' parties -- at which Flaxman, Lawrence, and other leading artists were present -- Blake was talking to a little group gathered round him, within hearing of a lady whose children had just come home from boarding school for the holidays. "The other evening," said Blake, in his usual quiet way, "taking a walk, I came to a meadow, and at the farthest corner of it I saw a fold of lambs. Coming nearer, the ground blushed with flowers; and the settled cote and its woolly tenants were of an exquisite pastoral beauty. But I looked again, and it proved to be no living flock, but beautiful sculpture." The lady, thinking this a capital holiday-show for her children, eagerly interposed, "I beg your pardon, Mr. Blake, but may I ask where you saw this?" "Here, madam," answered Blake, touching his forehead.

Der anonyme Übersetzer des Artikel in der Zeitschrift von Perthes ist Dr. ➱Nikolaus Heinrich Julius, Sohn eines jüdischen Hamburger Bankiers, der mit Perthes bei der Herausgabe der Zeitschrift Vaterländisches Museum zusammenarbeitete. Von dieser literarischen Tätigkeit abgesehen, ist der Studienfreund Joseph von Eichendorffs eine ganz erstaunliche Persönlichkeit gewesen, die völlig zu Unrecht so gut wie vergessen ist. Natürlich nicht in diesem Blog. Er ist mit der Hamburgischen Legion im Feldzug von 1813 nach Frankreich gezogen, er gehörte zu den Mitbegründern des Hamburger Kunstvereins und besaß eine von Zeitgenossen bewunderte Bibliothek, über die bei ihrer Versteigerung ein Verzeichnis angefertigt wurde.

Das Vaterländische Museum versammelt in seinen beiden Bänden (der zweite Band von 1811 ist wegen der Wirren der napoleonischen Kriege auch schon der letzte) die Crème de la Crème der deutschen Literatur: Matthias Claudius, Jean Paul, Klopstock, de la Motte Fouqué und die beiden Grafen Stolberg sind dabei. N.H. Julius steuert einen Beitrag über Amerika bei (dorthin wird er 1839 noch eine Studienreise machen, deren Ergebnis das viel gelesene Werk Nordamerika’s sittliche Zustände ist).

Ungeklärt bleibt weiterhin leider die Frage, wer die Gedichte in Henry Crabb Robinsons Artikel übersetzt hat. Etwa Henry Crabb Robinson selbst? Oder doch Nikolaus Heinrich Julius? Oder vielleicht Daniel Runge (der Bruder des Malers Philipp Otto Runge), der in einem alten Lexikon der hamburgischen Schriftsteller als Mitübersetzer von Henry Crabb Robinsons Text genannt wird? Oder war es doch, wie es Wilhelm Lehmann (und auch 1831 der Philosoph Karl Rosenkranz) sagt, der Graf Friedrich Leopold Stolberg (der ja Beiträger für das Vaterländische Museum war). Oder Christian Stolberg, der auf dem Gut Windeby bei Eckernförde wohnte, bei Lehmann sozusagen um die Ecke. Friedrich Stolberg konnte gut Englisch, er und sein Bruder hatten Homer zuerst in der Übersetzung von Pope gelesen (ihre Eltern waren mit ➱Edward Young befreundet), und später hat Stolberg den Ossian übersetzt. Woher weiß Lehmann das mit Stolberg? Ich kriege das nicht raus, bin aber dankbar für jede Lösung des Problems. Leider konnte mir der Spielzeugtiger (mit echtem Fell), den Heidi mir mal vor Jahrzehnten geschenkt hat, bei der Lösung der Frage auch nicht helfen.

Es ist, bye the bye, eine sehr schöne Übersetzung. Vergleichen Sie sie einmal mit der ➱Übersetzung von Alexander von Bernus. Oder mit Georg von der Vrings Tiger! Tiger! grauses Licht, Das aus Nacht und Wäldern bricht, Wessen Schöpferdrang gestillt Hat dein entsetzliches Gebild? Ich habe im Internet noch eine interessante Übersetzung von ➱Walter A. Aue gefunden. Auf den bin ich durch die Seiten von ➱MartininBroda gekommen, und dafür bin ich wirklich dankbar. Wenn ich schon den Übersetzer des Jahres 1811 nicht herausfinde, hab ich zum Schluss doch noch etwas Schönes. Zum einen Blakes Gedicht von dem jungen englischen Schauspieler ➱Samuel West vorgelesen, zum anderen eine ➱Vertonung von John Taverner. Was sicher sehr passend ist, weil Blake seine Songs of Innocence and Experience ja wirklich als Lieder gedacht hat.

Ich würde gerne damit enden. Wär' ein schöner Schluss. Aber ich muss noch einmal in die Tiefen - oder sollte ich sagen Untiefen, weil das Niveau so flach ist - der Popular Culture hinab. Wenn man die ersten Zeilen des Gedichtes bei Google einfütterte, sind die Ergebnisse sehr seltsam. Man kommt auf Red John (den Bösewicht der TV-Serie The Mentalist), James Bond, Otto Waalkes und ähnliches. Zweihundert Jahre nachdem dieses ausnehmend zarte und einfache Gedicht der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt wurde, führt es ein neues Leben in der Subkultur. Es genügt offensichtlich, dass die ersten vier Zeilen des Gedichtes in einer amerikanischen ➱Fernsehserie vorkommen, schon wird es für hunderttausende Kult. Und das auch nur aus dem Grund, weil es mit einem Massenmörder, mit Blut und Gewalt verknüpft wird. Wohin sind wir gekommen?

Neben Blake zitierenden Fernsehserien-Massenmördern hat ein Video eines gewissen Guilherme Marcondes im Internet die größte Beliebtheit. Das soll angeblich ganz, ganz toll sein. Schauen Sie es sich ➱hier einfach mal an, ich sage dazu jetzt nix mehr. Wenn man nicht mit Büchern sondern mit Videospielen aufgewachsen ist, hält man das wahrscheinlich für Kunst.

Kommentare:

  1. Ich habe mir erlaubt, Ihren interessanten Artikel meinen "Tyger" Lesern zur Kenntnis zu bringen. Herzlichen Dank dafuer! Falls Ihnen etwas dabei unangenehm sein sollte, bitte sagen!
    Mit freundlichen Gruessen
    Walter A. Aue

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  2. Immer noch besser, daß eine Fernsehserie das Interesse wiedererweckt, als daß es ganz vergessen würde. Oder wollen Sie lieber, daß es das letzte Mal über Ihre ersterbenden Lippen kommt, damit es standesgemäß mit einem Kenner vergeht, anstatt von der stumpfen Masse der Uneingeweihten am Leben erhalten zu werden? Wäre zumindest ein elitärer Gedanke, der mir gefiele. Ach ja - Red John sicher auch... ;-)

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  3. A thing of beauty is a joy for ever

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