Dienstag, 8. November 2011

Bodleian Library


Heute vor 409 Jahren wurde die Bodleian Library in Oxford für die Öffentlichkeit geöffnet. Damals besaß die Bibliothek zweitausend Bücher. Wenn man da ein Buch lesen will, muss man zuvor eine Erklärung unterschreiben: I hereby undertake not to remove from the Library, nor to mark, deface, or injure in any way, any volume, document or other object belonging to it or in its custody; not to bring into the Library, or kindle therein, any fire or flame, and not to smoke in the Library; and I promise to obey all rules of the Library. Den Hinweis darauf, dass man sich da keine Gauloise oder eine Romeo y Julieta (von einer schön gestopften Pfeife ganz zu schweigen) anzünden darf, finde ich besonders wichtig. Das mit dem not to remove von Büchern nehmen sie in Oxford sehr genau. Charles I und Oliver Cromwell sollen das mal vergeblich versucht haben. Charles I hat sich aber, als es ihm finanziell schlecht ging, von der reichen Bodleian Library fünfhundert Pfund geliehen. Die Summe ist nie zurückbezahlt worden, das ist ja noch schlimmer als Bücher klauen.

Die Bodleian Library ist eine von sechs Bibliotheken im Vereinigten Königreich, für die ein legal deposit gilt. Jeder, der ein Buch veröffentlicht, muss Belegexemplare an diese Bibliotheken abführen. Die Vereinbarungen, auf denen das beruht, sind schon sehr alt. Sir Thomas Bodley macht 1610 einen Vertrag mit der Stationers' Company in London, der durch alle späteren Copyright Acts (zuletzt 1911) bestätigt wurde. Solange es noch nicht so viele Bücher gab, war das sicherlich eine sinnvolle Regelung. Heute bekommen die Bibliotheken allerdings jedes Jahr Meilen von Büchern aus der holzverarbeitenden Industrie (wie der Hanser-Chef Michael Krüger das Verlagsgewerbe einmal nannte), die sie lieber nicht hätten. Die Bestand der Bücher der Bod ist seit dem Jahre 1602 auf eine zweistellige Millionenzahl angewachsen.

Vor Jahren ist man in Amerika in Bibliotheken dazu übergegangen, alle neuen Bücher abzufilmen und die Bücher dann als Papiermüll an Antiquariate zu verkaufen. Ein Jahrzehnt später erkannte man, dass das ein Irrweg gewesen war und kaufte sich die Bücher teuer zurück. Wer jemals dreihundert Seiten Microfilm oder Microfiche lesen musste, weiß, dass das kein Ersatz für ein Buch ist. Why can't we have the benefits of the new and extravagantly expensive digital copy and keep the convenience and beauty and historical testimony of the original books resting on the shelves, where they've always been, thanks to the sweat and equity of our prescient predecessors? fragt Nicholson Baker in seinem Buch Double Fold (2003 bei Rowohlt unter dem Titel Der Eckenknick, oder Wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen erschienen). Bakers Buch ist (wie die meisten seiner Bücher) ein sehr lesenswertes Buch. Aber wer liest heute noch?

Wir wissen ja gar nicht, wie gut wir es haben. Ich habe vor Jahren in meiner Eigenschaft als Leiter der Fachbibliothek einer russischen Gastprofessorin unsere Bibliothek gezeigt. Immerhin hatten wir über 70.000 Bücher, das kann man schon vorzeigen. Die werden aber selten gelesen, Studenten lesen nicht gerne. Ich habe ihr hinterher am Computer demonstriert, dass man mit dem Karlsruher Virtuellen Katalog herausfinden kann, in welcher Bibliothek in Deutschland ein gesuchtes Buch vorhanden ist. Da hat die russische Professorin zu weinen begonnen. Und mir davon erzählt, wie es ist, wenn man in Moskau tagelang vor einer Bibliothek in der Warteschlange steht.

Sir Thomas Bodley ist einer von diesen quirligen Renaissance men, ein Diplomat und Gelehrter. Zur Zeit der Bloody Mary waren seine Eltern, überzeugte Protestanten, nach Deutschland und dann nach Genf geflohen, der junge Thomas wird eine Vielzahl von Sprachen lernen. Wenn er sich nach einer Gelehrtenlaufbahn in Oxford und Jahren als Diplomat und Politiker aus dem öffentlichen Leben zurückzieht, stürzt er sich auf der Ausbau der daniederliegenden Bibliothek von Oxford. Deren ältester reading room ist die Duke Humphrey's Library, die Keimzelle, wenn man so will, der Bodleian Library. Hier ist man stolz, dass im Verlauf der Jahrhunderte fünf Könige, vierzig Nobelpreisträger und fünfundzwanzig Premierminister die Bücher und Manuskripte studiert haben. Die vielen Schriftsteller gar nicht zu erwähnen. Das mit den fünf Königen finde ich toll. George II, der gesagt hat I hate all bainters and boets! war da bestimmt nicht drin, George I wohl auch nicht, der konnte gar kein Englisch. King James, nach dem die King James Bibel heißt, ist natürlich in der neuen Bibliothek gewesen. Der war ja ein Gelehrter, davon gab es auf dem englischen Thron nicht so viele. Lizzie wird da wohl auch schon gewesen sein, nachdem sie auf der Suche nach ihrem Corgi in den Bibliotheksbus hineingeraten ist - was wir seit The Uncommon Reader wissen.

Bodley ist ein geschickter Organisator, ein Genie, was die Einwerbung von Geld, Büchern und kleinerer Bibliotheken betrifft: He had prepared a handsome Register of Donations, in vellum, in which the name of every benefactor should be written down in a large and fair hand so all might read. And he kept the Register prominently displayed so that no visitor to the library could escape seeing the generosity of Bodley's friends. The plan, as it deserved, was a success, for its originator found that, 'every man bethinks himself how by some good book or other he may be written in the scroll of the benefactors'. Und jetzt geht das los, jetzt will jeder dabei sein. Shakespeares Gönner, der Earl of Southampton, gibt hundert Pfund (damals eine Menge Geld). Und hundert Pfund scheint für den Adel die ideale symbolische Summe zu sein, Sir Walter Raleigh und Sir David Cecil wirken da mit ihren fünfzig Pfund geradezu knickrig. Das erste Buch der neueren ausländischen Literatur, das man anschafft, ist übrigens Don Quixote von Cervantes.

Kaum ist die Bibliothek fertig, kaum kann Bodley sagen Now methinks my long design is come to some perfection, da stehen unruhige Zeiten ins Haus. Als Bodley stirbt, vermacht er der Bibliothek den größten Teil seines Vermögens, was nicht überall honoriert wird. Ich nehme an, dass Sätze wonach er so drunk with the applause and vanity of his Library gewesen sei, dass er seiner Familie nichts hinterlassen habe, von einem missgünstigen Verwandten stammen. Die Hinterlassenschaft von Bodley (wie die Schenkungen von anderen) wird für den Aufbau einer Gemäldegalerie verwendet. Aber das alles ist bedroht, als das Heer von Cromwell vor der Tür steht. Die haben ja schon in Landsitzen ganze Bibliotheken verbrannt, auch John Donnes Gedichte wären beinahe ein Opfer der Flammen geworden. Doch Thomas Fairfax ist ein gebildeter Mann, der es nicht dazu kommen lässt: the first thing General Fairfax did was to set a good guard of soldiers to preserve the Bodleian Library. He was a lover of learning and, had he not taken this special care, that noble library had been utterly destroyed, for there were ignorant senators enough who would have been contented to have it so.

Sie können diesem Plakat (das den Schutzumschlag der Erstausgabe von The Hobbit zeigt) entnehmen, dass die Bodleian Library auch neueren Dingen gegenüber aufgeschlossen ist. J.R.R. Tolkien, der als Professor für Mittelenglisch hier viel Zeit über den Studium von Manuskripten verbracht hat, hat der Bibliothek auch seine Schriften und Zeichnungen vermacht. Und seit sie in Oxford Teile von Duke Humphrey's Library an eine Filmgesellschaft vermietet hatten, können sie sich vor Touristen kaum noch retten. Die sind allerdings nicht wie J.R.R. Tolkien an mittelalterlichen Manuskripten interessiert, die tragen noch Zahnspangen und wollen nur sehen, wo bestimmte Teile von Harry Potter gedreht wurden.

1 Kommentar:

  1. "holzverarbeitenden Industrie" .... oh je, welch unromantisches Urteil .... ;)

    AntwortenLöschen