Montag, 21. November 2011

Kleist


Irgendwie habe ich mich vor diesem Tag gefürchtet, weil ich ahnte, dass meine Leser von mir erwarten, dass ich über Heinrich von Kleist schreibe, der heute vor zweihundert Jahren mit Henriette Vogel Selbstmord beging. Ich hatte mir schon überlegt, dass ich dem aus dem Weg gehe und unter der Überschrift Kleist ganz cool über den Dichter Ewald von Kleist und seinen traurigen Tod nach der Schlacht von Kunersdorf schreibe. Aber vielleicht hätten manche Leser das nicht so witzig gefunden, und so muss ich doch über den Großneffen von Ewald von Kleist schreiben.

Ich klagte mein Leid letzte Woche im Antiquariat Eschenburg dem Dr. J., einem pensionierten Theaterwissenschaftler, der mir feinsinnig ein Gedicht von Brecht für den Anfang des Kleist-Artikels vorschlug. Er hatte den Satz, in dem Brecht und Lorbeerstock vorkamen, noch nicht beendet, als ich sagte Schon geklaut, lieber Herr J. Da bin ich gut drin, im schnellen Klauen, immature poets imitate; mature poets steal. Und so stelle ich hier einmal, das Gedicht hin, das Bertolt Brecht 1939 in Paris über Kleists Stück Der Prinz von Homburg geschrieben hat:

O Garten, künstlich in dem märkischen Sand!
O Geistersehn in preußischblauer Nacht!
O Held, von Todesfurcht ins Knien gebracht!
Ausbund von Kriegerstolz und Knechtsverstand!

Rückgrat, zerbrochen mit dem Lorbeerstock!
Du hast gesiegt, doch war’s dir nicht befohlen.
Ach, da umhalst nicht Nike dich. Dich holen
Des Fürsten Büttel feixend in den Block.

So sehen wir ihn denn, der da gemeutert,
mit Todesfurcht gereinigt und geläutert
mit Todesschweiß kalt unterm Siegeslaub.

Sein Degen ist noch neben ihm: in Stücken.
Tot ist er nicht, doch liegt er auf dem Rücken
Mit allen Feinden Brandenburgs in Staub.


Brecht mochte das Theaterstück nicht. Goethe zeigte Unverständnis gegenüber den Werken von Kleist (bis auf den Zerbrochenen Krug, den hatte er selbst auf die Bühne gebracht - war aber ein Flop): Ich habe ein Recht, Kleist zu tadeln, weil ich ihn geliebt und gehoben habe; aber sei es nun, daß seine Ausbildung, wie es jetzt bei vielen der Fall ist, durch die Zeit gestört wurde, oder was sonst für eine Ursache zum Grunde liege; genug, er hält nicht, was er zugesagt. Sein Hypochonder ist gar zu arg; er richtet ihn als Menschen und Dichter zugrunde

Auf seine Zeitgenossen übte Kleist keine große Wirkung aus. Da hat Tommy Mann schon Recht, wenn er schreibt: Kleists Erzählsprache ist etwas absolut Singuläres. Es genügt nicht, sie ‚historisch‘ zu lesen, - auch zu seiner Zeit hat kein Mensch so geschrieben wie er. Sind seine Stoffe herausfordernd, sein Vortrag ist es nicht minder, und seine Zeitgenossen, einige kunsterfahrene Bewunderer ...ausgenommen, haben ihn ungenießbar manieriert gefunden. Und doch kann von Manieriertheit nicht die Rede sein, wo soviel Ernst, Natur, persönliche Notwendigkeit herrschen. Ein Impetus, in eiserne, völlig unlyrische Sachlichkeit gezwungen, treibt verwickelte, verknotete, überlastete Sätze hervor, in denen immer wieder mit verschachtelten „dergestalt, daß“-Konstruktionen gewirtschaftet wird und die geduldig geschmiedet und zugleich von atemlosem Tempo gejagt wirken. Er bringt es fertig, eine indirekte Rede von 25 Druckzeilen ohne Punkt-Pause hinzulegen, worin nicht weniger als dreizehn „daß“ hintereinander herhetzen, mit einem „kurz, daß“ am Ende, welches aber das Ende nicht ist, denn es folgt noch ein „und daß“. Berühmt als Meisterstück gedrängter Exposition ist der Anfangssatz des „Erdbebens von Chili“, der mit souveräner Sachlichkeit alles Nötige unterzubringen und in schöner Gliederung auf einmal anzusprechen weiß: „In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.“ In diesem außerordentlichen Stil sind Geschichten erzählt, von denen keine es an Außerordentlichkeit fehlen lässt. Das musste so lang hier stehen, man darf Thomas Mann nicht unterbrechen, wenn er seine Sätze drechselt und reiht.

Doch dieses ungenießbar manieriert, das ist bei Kleist immer da, es ist alles gewollt, alles hart erarbeitet. Er ist kein natürlicher Schriftsteller (Die Hölle gab mir meine halben Talente), aus dessen Feder die Literatur nur so herausfließt. Denken wir einmal für einen Augenblick daran, dass er ein Zeitgenosse von Sir Walter Scott ist. Clemens Brentano schreibt nach Kleists Tod: Der arme gute Kerl, seine poetische Decke war ihm zu kurz, und er hat sein Leben lang ernsthafter, als vielleicht irgend ein neuer Dichter, daran gereckt und gespannt. Er ist allein so weit gekommen, weil er keine recht herrlichen Menschen gekannt und geliebt, und gränzenlos eitel war. Ich mag Brentano nicht so sehr, aber vielleicht hat er mit diesen Sätzen einmal Recht gehabt.

Kleists Texte laden nicht dazu ein, hineinzuspringen und darin zu baden. Das Gefühl kann ich bei Eichendorff (auch ein Zeitgenosse) haben, nicht bei Kleist. Michael Kohlhaas wäre das einzige, wo mir das gelänge. Und doch, wenn man sich strebend bemüht, ihn zu lesen, stößt man immer wieder auf große, atemberaubende Sätze. Und, erstaunlicherweise, manchmal auch auf Humor. Ich tue mich mit dem Lesen von Kleist genauso schwer wie er sich mit dem Schreiben. Ich versuche ihn immer noch zu verstehen. Hilft einem die Sekundärliteratur? Ich weiß es nicht. Ein Buch wie Das Textbegehren des Michael Kohlhaas von Helga Gallas wohl kaum. Das erste Buch, das ich über Kleist las, war Curt Hohoffs Band in der gerade von Kurt Kusenberg ins Leben gerufenen Reihe der rowohlts monographien. Das Kleist Buch ist er erste Band der ganzen Reihe. War das symbolisch? Warum nicht Goethe? Der Band von 1958 ist inzwischen durch einen neuen von Hans-Georg Schede ersetzt worden, einem Literaturwissenschaftler, der nicht unbedingt als Kleist-Forscher hervorgetreten ist. Er verfasst sonst Lektürehilfen für Reclam und für die schreckliche Reihe der Königs Erläuterungen. Ich weiß nicht, ob Kleist nicht einen besseren Biographen verdient hat.

Ich kann zwei Bücher zu Kleist aus ganzem Herzen empfehlen. Das auch, weil es die einzigen sind, die ich immer wieder benutze. Das eine, und das habe ich schon mehrfach in meinem Blog erwähnt, ist László F. Földényi Heinrich von Kleist: Im Netz der Wörter. Was ist das für ein Buch! Die ganze Welt von Heinrich von Kleist in knapp hundert "Lexikonartikeln", die alle kleine in sich geschlossene Essays sind. Ausgehend von Wörtern in Kleists Werk, alphabetisch geordnet von Ach bis Zufall, mit Querverweisen auf andere Essays. So, dass man in diesem Buch zick und zack, hin und her liest. Und das soll auch so sein, sagt der Autor in seinem Vorwort: Ein schonendes Buch. Es verschont den Leser, erspart ihm die Mühe des Auslesens. Es befreit ihn von der Last, so zu tun als ob...

Man wird hier geradezu spielerisch zum Kleist Kenner. Als ich vor zwanzig Jahren László Földényis Buch Melancholie las, wusste ich über den Autor nicht mehr, als das, was der Verlag Matthes & Seitz im Klappentext geschrieben hatte. Es gab noch kein Google und all die Dinge, mit denen man sich in Sekunden schlau machen kann. Inzwischen weiss ich, dass er einer der bedeutendsten Intellektuellen Ungarns ist, und mir fällt im Augenblick in Deutschland niemand ein, der sich mit ihm vergleichen ließe. Dieses Buch ersetzt einen ganzen Meter Sekundärliteratur zu Kleist. Die sparsam verwendeten Anmerkungen, die sich jeweils rechts auf den schön gesetzten Seiten finden, zeigen, dass der Autor trotz seines essayistischen Ansatzes mit der Kleist-Forschung vertraut ist. Wenn man Kleist kennt, wird man dieses Buch lieben und Kleist mit neuen Augen lesen. Wenn man Kleist noch nicht gelesen hat, hat man hier den schönsten Zugang zu der Fackel Preußens, wie Joachim Maass Kleist in seiner Biographie vor einem halben Jahrhundert Kleist genannt hat (und dieser Titel fehlt erstaunlicherweise in diesem Buch, das ist kaum zu glauben).

Meine zweite Buchempfehlung ist Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen von Helmut Sembdner, 1957 bei Schünemann in Bremen erschienen, zwanzig Jahren später in einer Neuauflage bei Insel. Alle Fakten zu Kleist auf fünfhundert Seiten. Wenn man die gelesen hat, wird man noch Heinrich von Kleists Nachruhm: Eine Wirkungsgeschichte in Dokumenten vom gleichen Autor besitzen wollen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Literaturwissenschaft mit Ausnahme von Helmut Sembdner (der im Gegensatz zu Helga Gallas niemals Ordinarius für Germanistik war) in den letzten hundert Jahren nicht so viel geleistet hat. Denn vor genau einhundert Jahren sagte der österreichischen Literaturwissenschaftler Jacob Minor: Ich bin der Meinung, dass Heinrich von Kleist, trotz dem Vielen, was über ihn geschrieben worden ist, bis zum heutigen Tage ein ungelöstes Problem geblieben ist, vielleicht das größte, das die Literaturgeschichte bietet.

Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein! steht auf seinem Grabstein. Ob der wirklich da steht, wo man die Leichen des Denatus von Kleist und der Denata Vogel (so die Terminologie des Obduktionsberichts) beerdigt hat, ist nicht so klar. Die Zeile aus dem Prinz von Homburg stand nicht immer auf dem Stein, den die Nazis 1936 (wegen möglicher ausländischer Besuche während der Olympischen Spiele) auf das Grab gestellt hatten. Da stand zuerst Er lebte, sang und litt, in trüber schwerer Zeit, er suchte hier den Tod, und fand Unsterblichkeit. 1941 hatten die Nazis gemerkt, dass Max Ring jüdisch gewesen war, also verschwand diese Zeile. Kein Hinweis mehr auf den Freitod des retirierten Seconde-Lieutenants. Die letzten Jahrzehnte war das Grab völlig verfallen und diente, wie der Präsident der Kleist-Gesellschaft Günter Blamberger berichtete, für Grillabende unter Anglern oder wurde im Internet für Gruftie-Erlebnisse angeboten. Für Theodor Fontane war es nach dem Bau der Grunewaldbahn noch ein Ausflugsziel, hundert Jahre danach war es völlig verwahrlost. Nach endlosen Querelen aller möglichen Interessengruppen hat man es gerade noch rechtzeitig zum heutigen zweihundertsten Todestag hingekriegt, das Grab in einen halbwegs präsentablen Zustand zu versetzen. Ach, es ist meine angebohrne Unart, nie den Augenblick ergreifen zu können, u immer an einem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin, und in einer Zeit, die vorbei ist, oder noch nicht da ist

1 Kommentar:

  1. Haben Sie recht herzlichen Dank für diesen Post! Ich habe vor, eine Abhandlung über Kleist zu verfassen: Ihr Text ist mir sehr nützlich gewesen!

    AntwortenLöschen