Mittwoch, 23. Januar 2013

Stendal/Stendhal


Heute vor zweihundertdreißig Jahren wurde Marie-Henri Beyle in Grenoble geboren. Als Schriftsteller ist er unter dem Namen Stendhal (manchmal auch de Stendhal) berühmt geworden. Den Namen soll er sich genommen haben, weil er mal kurzzeitig in Stendal gewohnt haben soll (das srimmt allerdings nicht). Und weil er Winckelmann verehrte, der hier geboren wurde. In Stendal (das ursprünglich mal ein Steinetal war) haben sie ein Winckelmann Denkmal, aber kein Denkmal für den Mann, der das Kaff durch seinen Namen berühmt gemacht hat. Stendal hat sich vor Jahren umbenannt, und heißt jetzt Hansestadt Stendal. Das klingt großartig, aber ich glaube, die Wirklichkeit ist nicht so dolle. Da hätten sie sich lieber Stendhal nennen sollen. Ich bin da mal vor vielen Jahren (noch zu DDR Zeiten) gewesen, habe aber nur noch das Ortsschild des Bahnhofs in Erinnerung.

Seit dem Winter 1826 bin ich geistreich; vorher schwieg ich aus Trägheit. Ich gelte wohl für den heitersten und fühllosesten Menschen. Allerdings habe ich nie ein Wort über die Frauen gesagt, die ich liebte. Und das tut er jetzt in seinen Bekenntnissen eines Ichmenschen, da zählt er sie auf. Und vergisst auch nicht die Frau, die ihn an Stendal gefesselt hatte: Die ärmste war Minna von Griesheim, die jüngste Tochter eines Generals ohne Vermögen, des Günstlings eines gestürzten Fürsten, der mit seiner Familie von seiner Pension leben mußte. Der Mann, der von sich sagt Ich fiel mit Napoleon im April 1814, konzentriert sich jetzt auf die Frauen: Die meisten dieser holden Wesen haben mich durchaus nicht mit ihrer Huld beehrt, aber sie haben mein ganzes Leben buchstäblich ausgefüllt. Dann erst folgen meine Werke.

Wo immer er ist, neben den Landschaften (Mit ausgesuchter Empfindsamkeit habe ich schöne Landschaften aufgesucht; einzig deshalb bin ich gereist. Die Landschaften waren wie ein Violinbogen, der auf meiner Seele spielte), beobachtet er die Frauen. Als er in Braunschweig die Güter des Herzogs von Braunschweig verwaltet, notiert er: Die Braunschweiger Frauen, besonders die Dienstmädchen, gehören zu den schönsten, die ich kenne. Welche dicht geschlossenen Schenkel, schöne Arme, die schönste Hautfarbe, schöne Haare. Man findet oft griechische Züge in ihren Gesichtern, weit häufiger als in Frankreich. Sie haben oft kleine dünne Nasen, schmale Wangen und niedrige Stirnen. Äußerst selten findet man den kühnen Schwung und die ausgeprägten Züge des Niobekopfes, aber oft eine sehr hübsche, bisweilen schöne, fast stets anmutige Gesichtsform. Schöne Augen, häßliche Zähne und Füße, meist schöne, etwas zu kleine Busen. In der guten Gesellschaft, im Adel, den wir hier allein sehen, findet man viele angezogene Bohnenstangen. Jetzt wissen wir's. So richtig glücklich fühlt sich der Günstling Napoleons mit seiner Aufgabe als Intendant der großherzoglichen Güter nicht: Hätte ich das Unglück, dauernd in einer deutschen Stadt zu bleiben, so legte ich mir einen kleinen Harem an. Man könnte sich sehrleicht ein hübsches Dienstmädchen besorgen, das soundsoviel Lohn bekäme und seinem Herrn ganz zur Verfügung stände. Ich hätte mehr Freude (selbst Herzens- und Geistesfreude) an einem Naturkind, das von mir und ein paar Lehrern erzogen würde, als an irgendeiner Braunschweiger Dame. Dies Mädchen würde keine Niedrigkeiten kennen; es würde das Kleid ihrer Nachbarin nicht in bitterer Weise loben und eine Freundin nicht mit wehleidiger Miene verleumden.

Zu dem Braunschweiger Harem ist es nicht gekommen, denn kurz darauf ist er in Paris. Verwaltet als Generalinspekteur der kaiserlichen Mobilien die Schlösser Napoleons. Mit dem er auch 1812 nach Russland zieht (wurde ich dem Kriegskommissariat zugeteilt, eine Stellung, auf die die Soldaten herabsahen) und Moskau brennen sieht: Wir verließen die vom schönsten Feuer der Welt erleuchtete Stadt; das Feuer bildete eine ungeheure Pyramide, gleich den Gebeten der Gläubigen: die Grundfläche war auf der Erde und die Spitze im Himmel. Der Mond schien, glaube ich, über dem Feuer. Das war ein großartiges Schauspiel, aber man hätte allein sein müssen, um es anzusehen, oder umgeben von geistreichen Menschen. Das Traurige an dem Russlandfeldzug war, dass ich ihn mit Leuten machte, die das Kolosseum und das Meer von Neapel im Wert herabgesetzt hätten. Ja, die Heraufbeschwörung von Edmund Burkes sublime ist nichts für jedermann. Aber Stendhal schreibt eher, wie er am Ende von Le rouge et le Noir sagt, für die happy few.

Auf der Flucht, nein, das ist nicht richtig, Sie fliehen nicht. Gott bewahre! Diesen Franzosen darf man die Wahrheit nicht sagen, wenn sie ihre Eitelkeit verletzt, die Worte des jungen Fabrice del Dongo in der Kartause von Parma, gelten auch für Napoleons Armee. Also auf dem Rückzug hat er irgendwo in Polen seinen Mantel weggeben. Er hatte nicht gewusst, dass die Knöpfe aus Goldstücken bestanden, die seine Schwester mit Stoff überzogen hatte. Etwas mehr als ein Notgroschen, für alle Fälle. Nach einem kurzen Intermezzo in Sagan, wo er sich ein Klavier lieh, um sich Mozart vorspielen zu lassen, bedeutet Napoleons Sturz das vorläufige Ende der Karriere des jungen Henri Beyle (und schließlich fiel ich 1814. Wer sollte es glauben? Mir persönlich war dieser Sturz lieb!).

Nach diesem Sturze Studium, Schriftstellerei, Liebestorheiten, Drucklegung der 'Geschichte der Malerei in Italien' (1817), Stendhal kann sehr lapidar sein, wenn er will. Die Geschichte der Malerei in Italien hatte er 1811 begonnen, einen Teil des Manuskriptes hatte er in Russland verloren, jetzt hat er es endlich beendet. Und er widmet es, da ist er kaisertreu, Seiner Majestät Napoleon dem Grossen, Kaiser der Franzosen, gefangen auf der Insel Sankt Helena. Ich zitiere das mal eben nach meiner schönen alten Stendhal Ausgabe mit dem roten Lederrücken, herausgegeben von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Der ist ein schönes Vorwort von dem Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin beigegeben. Eigentlich wollte ich die Bände der Propyläen Ausgabe im Regal stehen lassen. Zum einen, weil ich schon zweimal länger über Stendhal geschrieben habe (➱Stendhal, ➱Henri Beyle), zum anderen, weil ich über die Stendhal Biographie von Robert Alter schreiben wollte.

Die heißt A Lion for Love: A Critical Biography of Stendhal, ist 1979 bei Basic Books in New York erschienen, sieben Jahre später gab es sie bei der Harvard University Press als Paperback. In Deutschland gab es sie 1982 bei Hanser und 1985 als Taschenbuch bei Ullstein. Ab 1992 hatte Rowohlt den Titel im Programm, offensichtlich schien in Deutschland ein Bedarf für eine Stendhal Biographie zu sein. Robert Alter ist Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft in Berkeley. Er hat in Harvard promoviert, das sollte schon für eine gewisse Qualität bürgen. Tut es auch. Diese Biographie gehört zu dem Besten und Lesbarsten, was über Stendhal geschrieben wurde. Als Mitarbeiterin fungiert im Titel Carol Cosman, das ist die Ehefrau von Robert Alter. Die kennt sich in der französischen Literatur auch aus, sie hat immerhin Sartres Monsterwerk über Flaubert Der Idiot der Familie ins Englische übersetzt. A Lion for Love ist ein erstaunliches Buch über den Mann, der für seine Suche nach dem Glück den Namen beylisme erfunden hatte. Es ist keine trockene Biographie zweier Akademiker, es ist auch schon ein Stück kongenialer Literatur. Es besitzt eine gewisse Magie - als ich gelesen hatte, habe ich es gleich ein zweites Mal gelesen. Wenn man Stendhal mag - und wer könnte diesen Autor nicht mögen? - dann sollte man dieses Buch unbedingt lesen!

Ich bin übrigens nicht der einzige, der das Buch gut findet. Beifall kam so unterschiedlichen  Schriftstellern, wie Anita Brookner (An excellent and balanced biography) und ➱Larry McMurtry ('A Lion for Love' is a model of critical biography—a fascinating biography of a fascinating man). Und natürlich von Kritikern. So John Simon: The publication of 'A Lion for Love', by Robert Alter with the collaboration of his wife, Carol Cosman, supplies at last a fine, perceptive, concise critical biography of Stendhal, written with a clarity and good sense worthy of its subject... Alter and Cosman...wear their erudition with becoming lightness. Ähnlich äußerte sich John Sturrock (Mitherausgeber des Times Literary Supplement) im New York Times Book Review: This excellent short biography... brings out both the charms and the complexities of Stendhal. The tone of the book is discreetly admiring, but ironic enough when need be to remind one of the saving and consummate irony of its subject. Sie sehen, wenn Sie sich jetzt ein Exemplar von A Lion for Love bestellen, sind Sie auf der sicheren Seite.

Lesen Sie auch: ➱Stendhal, ➱Henri Beyle.

Dienstag, 22. Januar 2013

Élysée Vertrag


Im Frankreich des Spätsommers 1964 hört man in den kleinen Kaffs des Zentralmassivs keine Juliette Gréco. Was einem aus den Cafés entgegendudelt ist Tous les garçons et les filles de mon âge se proménent dans la rue deux à deux von Françoise Hardy, definitiv Musik für eine andere Generation als die der Juliette Gréco Verehrer. Ich kaufe trotzdem eine Platte. Die Verkäuferin sieht mich etwas skeptisch an. Ich spreche zwar Französisch, aber ich trage Uniform, eine Uniform, die sie nicht kennt. Ich bin der dritte aus unserer Familie in einem halben Jahrhundert, der in Uniform in Frankreich ist. Es ist ein seltsames Gefühl, vor wenigen Jahren noch deutsche Gräber in Nordfrankreich zu pflegen und jetzt als Soldat in Frankreich sein. Wir tragen nur Nato-Oliv, die graue Uniform mit Stiefeln, Koppel und Schirmmütze könnte zu sehr an die Besatzer des Zweiten Weltkriegs erinnern. Wir sind im Camp militaire de La Courtine im Massif Central. Die zerklüftete Landschaft war die Heimat der Résistance im Zweiten Weltkrieg. Oradour ist nicht weit entfernt. Vor zwanzig Jahren haben die deutschen Besatzer das Lager verlassen, die Luftwaffe hatte dort eine Erdkampfschule. Hinter diesem seltsamen Begriff verbirgt sich ein Schulungzentrum für Fallschirmjäger, man träumte hier in Südfrankreich von der Invasion in England. Als die Deutschen weg waren, übernahm der Maquis das Lager.

Und jetzt kommen wir, eine ganze deutsche Brigade. Die ersten deutschen Soldaten nach den Zweiten Weltkrieg, der Élysée Vertrag von 1963 macht auch das möglich. Hier sind in diesem Jahrhundert schon viele Nationen gewesen. Eine russische Sonderbrigade hat hier nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches gemeutert, die französische Armee bereitete sich hier auf den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg vor. Die polnische Fallschirmjägerbrigade von General Wladislaw Anders wird hier darauf warten, Deutschland zu besetzen oder nach Polen zurückkehren zu können. In den letzten Jahren hatte man das Lager an die Holländer vermietet. Auch Engländer waren hier, die mit besoffenem Kopp die Kneipen des Ortes auseinander genommen haben. Was anderes können sie nirgendwo, ob Berufssoldaten oder hooligans.

De Gaulle war vor zwei Jahren hier, um persönlich ein Großmanöver der französischen Armee zu leiten. Wahrscheinlich fühlte er sich nach dem Attentat im August hier im Schoße seiner Armee sicherer. Von all dem erfahren wir nichts. Sagt uns auch keiner, dass dies hier Vichy-Frankreich war. Unsere Brigadeführung weiß das vielleicht auch nicht, wir sind geschichtslose Wesen. Glauben, dass das Schlagwort von der Inneren Führung ein großes demokratisches Wundpflaster für die Sünden der Vergangenheit ist. Unsere Vorbereitung besteht darin, dass ich den Soldaten Französischunterricht gebe, einfache Floskeln, damit sie Bonjour, Monsieur sagen können, sich ein Bier kaufen können. Sinnlos werden auf Befehl von oben die Dienstgrade der französischen Armee und der Marine (die im französischen Zentralmassiv nicht so häufig anzutreffen ist) gepaukt, obgleich wir kaum einen französischen Soldaten sehen werden. Die einfachen Soldaten erst recht nicht, sie dürfen die Kaserne nur am Wochenende in Begleitung eines Unteroffiziers verlassen. Nur Portepeeunteroffiziere und Offiziere dürfen jederzeit raus. 

Glücklicherweise bin ich gerade Fähnrich geworden. Ich darf das Offizierkasino des Lagers betreten, was ich in den ganzen Monaten nie tun werde. Ich streife lieber durch den Ort, unterhalte mich mit den Franzosen. Die beginnen uns zu lieben, alles im Ort bleibt heil, das sind sie nicht gewohnt. Ich esse mit Gerald beim Vietnamesen. Der heißt nur so, er ist Franzose, war Fallschirmjäger in Indochina, hat eine Vietnamesin geheiratet und ist in seinen Heimatort zurückgekehrt. Die Küche ist regional französisch, nur manchmal kocht Madame etwas Asiatisches. Gerald, Fähnrich wie ich, macht gerne Konversation und findet sich gerne geistvoll. Ist er auch manchmal. Ich schreibe auf einen Zettel Gerald hat Talent. Zwischen Hauptgericht und Fromage, um 20.17 am 29. November 1964. Da er den Zettel nicht haben wollte, habe ich ihn behalten. So weiß ich heute, dass wir am 29. November abends beim Vietnamesen waren. Der Patron setzt sich immer an unseren Tisch und erzählt von Dien Bien Phu. Jahre später werde ich im Fernsehen Peter Scholl-Latour ähnliche Geschichten erzählen hören. Ich denke an den Engel von Dien Bien Phu, den ich vor zehn Jahren in der flackernden Wochenschau im Kino gesehen habe. Der Patron hat sie erlebt, eine feine Frau, lieutenant im Sanitätscorps, eine Aristokratin, vicomtesse, aber kein bisschen eingebildet, wir haben von ihr geträumt. Die weiße Uniform, die sie in der Wochenschau trägt, war nach wenigen Tagen hin. Sie hat unsere Para-Uniform getragen.

Wir sind mit dem Zug gekommen, über Metz. Metz, Toul und Verdun: das waren für Opa noch heilige Namen. Wir rollen über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, was vielleicht keinem bewusst ist. Wir haben einen Übersetzer und Begleiter, einen rundlichen Polizisten mit kleinem Menjoubärtchen aus dem Elsass. Auf dem Ärmel seiner immer gebügelt aussehenden dunkelblauen Uniform hat er drei Winkel. Meine Soldaten fragen mich, warum die Polizei die gleichen Dienstgrade wie die Armee hat. Ich erkläre ihnen, dass die Gendamerie in Frankreich dem Verteidigungsministerium untersteht. Als ich mich in den Zuständigkeiten der verschiedenen französischen Polizeiorgane verheddere (die für Georges Simenon-Leser eigentlich klar sein müssten), hilft er mir lächelnd aus.

Unser Kompaniechef, der ansonsten keinerlei Manieren hat, sagt unserem Elsässer, dass er selbstverständlich in der Ersten Klasse mitfährt. Die wäre eigentlich für einen sergent-chef tabu, aber es wird mit militärischer Notwendigkeit begründet. Die ist auch gegeben: Hauptmann Schlüter spricht kein Wort Französisch. Die dunkelblauen Erste Klasse Waggons der SNCF stammen noch aus der Zeit von Agatha Christies Orientexpress, es gibt etwas heruntergekommene, aber ungeheuer bequeme Plüschohrensessel in den Abteils. Eine ganze Panzergrenadierbrigade mit Panzern und Ausrüstung durch Frankreich zu bringen, ist es eine logistische Herausforderung für die SNCF, wir bewegen uns tagelang langsam auf Nebenstrecken und sehen viel von Frankreich.

Es wird auch lange Aufenthalte in Kleinstädten und Dörfern geben, wir können den Zug verlassen, um uns die Beine zu vertreten, etwas essen und trinken. Die Mannschaften werden davor gewarnt, Pernod oder Ricard pur zu trinken, wenn du da abends beim Zähneputzen 'nen Schluck Wasser trinkst, biste besoffen. Es ist September, immer noch Hochsommer. Und das Wetter wird unglaublicherweise bis in den November hinein so bleiben, ein ewig scheinender Indian Summer. Mein Kompaniechef ist der Sohn eines Oberförsters (habe sieben Jahre im Wald gelebt), ihn interessieren nur Flora und Fauna. Für Architektur, Kultur, Geschichte oder sublime and beautiful ist er blind und taub. Wir haben uns nicht viel zu sagen für den Rest des Jahres. Am 1. Januar werde ich diese Kompanie verlassen (das weiß ich jetzt schon), dann werde ich zum Leutnant befördert (weiß ich auch schon, die neue Uniform ist schon bestellt) und wieder zu meiner ursprünglichen Kompanie zurückkehren.

Hinter Clermont-Ferrand haben wir einen langen Aufenthalt, der Zug wird mehrfach geteilt, Spezialloks werden uns ins Gebirge ziehen. Unser Sergeant pfeift Malbrouck s’en va-t-en guerre, ne sait quand reviendra. Pfeift er nur ein jahrhundertealtes Kinderlied oder ist es ein ironischer Kommentar auf unser Treiben? Wenn wir ins Gebirge kommen, können wir jetzt schon den ersten Schnee sehen, auf der Spitze des Puy de Dôme, den nächsten werden wir Anfang Dezember sehen. Dann bedeckt er das Plateau de Millevaches einen Meter hoch. Wir haben eine spezielle Winterausrüstung mitbekommen, die in keiner Dienstvorschrift der Truppe verzeichnet ist. Wahrscheinlich ist die schon für den nächsten Russlandfeldzug eingelagert. Glücklicherweise brauchen wir sie nicht. So schön die Landschaft im Spätsommer ist, im Winter möchte ich hier nicht sein. Wie muss sich Hölderlin gefühlt haben, wenn er sich Anfang Januar 1802 durch das Gebirge schleppt, auf den gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne, in Sturm und Wildnis, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauen Bette.

Militärisch gesehen ist das beinahe 7.000 Hektar große Militärcamp, das 4.000 Soldaten aufnehmen kann, natürlich ein Traum, zumal man von den Bergen mit Panzern und Schützenpanzern auf viel größere Entfernungen schießen kann, als das jemals in Munster Lager oder Bergen-Hohne möglich ist. Das ist aber auch das einzige, was man auf der Plusseite verbuchen kann. Die Unterkünfte sind offensichtlich im gleichen Zustand wie vor einem halben Jahrhundert, dreckig und verwahrlost. Vielleicht eine Spur besser als bei Hölderlin. Man ist erstaunt, dass es elektrisches Licht gibt. Aber wir sind die Infanterie, wir schlafen normalerweise im Wald, wir sind schon froh, wenn es ein Dach über dem Kopf gibt. Ich teile mein Zimmer mit drei Feldwebeln, als ich meine Aktentasche aufs Bett werfe, huschen unten die Mäuse heraus. Ich greife mir einen Soldaten meines Zuges, während ich zu einer Dienstbesprechung haste, und befehle ihm, das Zimmer mäusefrei zu machen. Als ich nach anderthalb Stunden wiederkomme, liegen acht tote Mäuse vor der Zimmertür, sorgfältig in Reih und Glied, die Schwänze parallel ausgerichtet. Der brave Soldat Schwejk hätte es nicht besser machen können. 

Die Lebensbedingungen für den einfachen Soldaten sind schlecht, er darf, wie gesagt, das Lager nicht verlassen. Gut, es gibt am Wochenende Filme zu sehen (an deren Auswahl ich nicht unmaßgeblich beteiligt war), und es gibt einmal in zwei Monaten eine Sightseeing Bustour. Aber das ist auch alles. Die große Chance des Kontaktes mit der Bevölkerung zu einer Aussöhnung gerade in dieser Region wird vertan. Ich ecke höheren Ortes mit Vorschlägen an, die auf einen besseren Kontakt mit der Bevölkerung zielen, und ich habe dabei Ailly-sur-Somme vor Augen. Die Idee, eine Delegation mit einem Kranz zu einer Ehrung der von der SS ermordeten Opfer in Oradour zu entsenden, wird sofort vom Tisch gewischt. Wie stellen Sie sich das vor? Die haben doch hier schon unserem Vorkommando die Scheiben der Jeeps eingeschmissen. Und das mit dem Besuch des Teppichmuseums in Aubusson hätte ich auch besser nicht erwähnen sollen.

Ich bin kurz davor, den kleinen gelben Zettel vorzulesen, den mir gerade jemand mit einem Kreuz auf den Schulterstücken  zugesteckt hat: Jesus, Heiland der Welt, erbarme Dich meiner! Wir beten Dich an! Schenke der Welt Frieden. Hat einen Stempel drauf Aumonerie Militaire Catholique. Die Katholiken haben es drauf, einen evangelischen Pastor werde ich in der ganzen Zeit nicht sehen. Bin auch am Sonntag zu keinem Gottesdienst, da ich am Wochenende immer UvD oder OvD (Fähnriche kriegt man zu beiden Tätigkeiten dran) bin. Ist die permanente Strafe für die vielen kleinen Frechheiten, die ich mir erlaube. Ich kontrolliere dann immer die feuerpolizeiliche Sicherheit des Saales, in dem die Filme gezeigt werden. Die Tätigkeit als Unteroffizier (oder Offizier) vom Dienst ist nicht immer von Nachteil. An einem Sonntag verpasse ich das Festtagsmenu, lapin au vin. Der Koch brät mir ein paar Spiegeleier und  schiebt mir eine Stange Brot rüber. Am nächsten Tag bin ich der einzige, der nicht mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett liegt.

Wenn Dienstschluss ist (man weiß nie, wann der ist), kann ich aus dem Lager heraus, man kann sich auch mal unter einem Vorwand einen Fahrbefehl für die kleineren Städte der Umgebung wie Meymac und Ussel besorgen. Gut, da ist auch nichts los, aber es sind immerhin Provinzstädte. Es gibt keine Mädchen in meinem Alter auf den Straßen, die werden offensichtlich in dieser Gegend von den Eltern bewacht und reingeholt, wenn Fremde kommen. Aber die Konditoreien servieren göttliche Eclairs. Und aus den Cafés dudelt die Musik von Françoise mit den langen blonden Haaren. Und dann ist da diese atemberaubende Landschaft des Spätsommers mit dem Laub der Bäume in allen Farben.

Der einzige Herrenabend der Offiziere meines Bataillons in einem Hotel in Aurillac verläuft sehr seltsam. Wir tragen die graue Uniform, aber ohne Knobelbecher und Schirmmützen, das Hotel hat eine heruntergekommene Eleganz der dreißiger Jahre und hat wahrscheinlich schon einmal deutsche Offiziere gesehen. Nach der Suppe werden kleine Wachtelbrüstchen serviert. Die älteren Berufsoffiziere, die der Meinung sind, dass dies der Hauptgang ist, stürzen sich verzweifelt auf die Körbe mit dem Brot und beginnen, dies zu vertilgen. Ich bin neben Volker und Gerald der einzige, der Frankreichkenntnisse hat. Als ich auf der Heeresoffiziersschule war, wurden Französischkenntnisse abgeprüft. Bei diesen Soldaten der ersten Stunde hat man da wohl eine Ausnahme gemacht. Ich versuche, den Hauptleuten neben mir (man soll ja das Gesicht wahren) flüsternd beizubringen, dass im Laufe des Abends noch mindestens drei bis vier Gänge serviert werden. Volker, der schon Leutnant ist, will sich totlachen. Es gibt noch vier Gänge, die meisten Offiziere können nichts mehr essen, da sie nach den Wachtelbrüstchen ganze Brote vertilgt haben, that’s the army for you. Statt monatelang französische Militärdienstgrade zu pauken, hätte man ja mal über die französische Lebensart reden können. Aber in der Brigade einer Division, die von einem General wie Uechtritz befehligt wird, ist das wohl nicht möglich.

Den Mannschaften bleibt nichts anderes übrig, als sich zu betrinken, Skat mit pornographischen Karten zu spielen (ein Verkaufschlager in einem Dorf, das vom Truppenübungsplatz lebt) und kleinere Fluchten zu begehen. Ich werde nachts aus dem Bett geholt (es gibt hier immerhin schon Telephon), damit ich eine halbe Stunde den Berg runter durch den Wald zum Eingang des Lagers latschen kann, um einen fahnenflüchtigen Obergefreiten aus Wanne-Eickel aus der Hand (genauer: den Handschellen) der Feldjäger in Empfang zu nehmen. Den ganzen Rückweg den Berg hinauf erzählt er mir von den tollen Nutten in Clermont-Ferrand. Auch eine Form der Völkerverständigung.

Eine Woche später ballert er beim Schießen auf der Schießbahn Font Rouge (901 Meter hoch) sinnlos hundert Schuss 20-mm Munition durch die Täler. Ich kloppe ihm den Stock des roten Fähnchens für den Abbruch des Schießens auf den Stahlhelm und frage ihn, ob er total bescheuert sei. Mit einem glücklichen Grinsen kommt er aus dem Geschützturm des HS-30. Herr Fähnrich, die Bundesrepublik und ich sind jetzt wieder quitt. Ich sehe ihn verständnislos an. Ja, Sie müssen das mal so sehen. Ich musste 300 Mark Strafe zahlen, Truppendienstgericht. Was ich für die Nutten bezahlt habe, rechne ich nicht mit, das war privat. Aber ich wollte die 300 Mark vom Staat wieder haben, deshalb habe ich eben die hundert Schuss verballert. Wir sind jetzt quitt. Es gibt eine höhere Logik, der man sich in solchen Situationen nicht widersetzen kann. Wir leben von unserem Zusammenhalt als Kampftruppe und davon, dass wir schon Jahre zusammen in Manövern gewesen sind. Diese Kameradschaft wird aufs äußerste gespannt, denn die Mannschaften stehen manchmal kurz vor dem Meutern. Die einzigen, die das nicht wahrhaben wollen, sind die Offiziere der Brigadeführung. Wahrscheinlich sind sie volltrunken vom französischen Cognac, den es zu Dumpingpreisen im Offiziercasino gibt. Wir sind Zollausland.

Wir fahren durch die Gegend auf der Suche nach einer geeigneten Stelle, um unsere Panzer zu waschen, eine Panzerwaschanlage besitzt das Camp nicht. Wir finden ein Haus halb auf dem Berg, wo man uns auch bereitwillig einen Schlauch und eine Wasserleitung zur Verfügung stellt. Ich gehe die Straße hinunter, um ihm Café unten an der Kreuzung einen café au lait zu trinken. Nach einer halben Stunde kommt ein Obergefreiter, um mir zu sagen, ich könne gerne noch einen zweiten Kaffee trinken, es würde noch etwas dauern, technische Schwierigkeiten mit der Wasserleitung. Ich lese die gestrige Ausgabe von La Montagne und bestelle mir einen kleinen cassis. Als wir abrücken, sind unsere Panzer sauber. Ich empfehle den anderen Zugführern diesen Ort, werde aber nach Tagen etwas seltsam angeguckt. Ob ich denn nicht gemerkt hätte, dass dieses Haus das örtliche Bordell ist? Jetzt weiß ich es.

Unsere Abreise steht bevor. Draußen liegt ein Meter Schnee. Wir müssen die Eisenbahnwaggons freischippen, um unsere Panzer darauf zu kriegen. Die Unteroffiziere kaufen im Ort den ganzen Vorrat an pornographischen Skatkarten auf, die sie zurück in der Kaserne an ihre Freunde verticken werden. Unsere Panzer sind beladen mit Cognacflaschen, ich habe auch eine Flasche Cognac Napoléon für meine Eltern gekauft. Ich unterschreibe, ohne mit der Wimper zu zucken, Zollerklärungen, wonach wir keine Schmuggelware an Bord haben. Unser kleiner sergent-chef ist auch wieder da, gut gelaunt wie immer. Die Truppenführung ist zufrieden, es hat keine Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung gegeben, keine Schießunfälle, die Feldjäger haben alle Entlaufenen zurückgebracht. Dass eine einmalige Chance des Kennenlernens zweier Nationen vertan wurde, interessiert sie nicht.

Heute vor fünfzig Jahren wurde im Élysée Palast der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik über die deutsch-französische Zusammenarbeit besiegelt. Die militärische Zusammenarbeit steht in ihm noch vor der kulturellen Zusammenarbeit. Es wäre schön, wenn es anders wäre.

Montag, 21. Januar 2013

Ankläger


Es wird nicht mehr in der Ecke hängen, wo es früher hing. Alle Museen und Kunsthallen sind ja mit ständigem Umbauen und Umdekorieren beschäftigt. Früher hing es immer etwas unscheinbar in der Ecke. Die Farben von diesem Bild stimmen nicht, der Hintergrund muss heller sein. Als die Kunsthalle Bremen es 1965 durch eine Schenkung erhielt (von der Bremer Landesbank und der Staatlichen Kreditanstalt Oldenburg zur Tausendjahrfeier des Marktrechts der Hansestadt), war das schon eine Sensation. Denn eigentlich sollte dieses Bild eher in Paris als in Bremen sein. Für Günter Busch war das Bild des Bertrand Barère de Vieuzac ein Schlüsselstück für die Epoche der Französischen Revolution, und man garnierte um dieses Bild herum in dem kleinen Raum mehrere andere Franzosen.

Wir haben in Bremen ja unsere eigene französische Tradition ut de Franzosentid, die uns eine Vielzahl von bremisch-französischen Wörtern bescherte. Wie Muschepunt, süttjepöh (si je peux), schötteldör (j'ai l'honneur) und vrumsi (je vous remercie) und andere schöne Wörter. Aber dieser dandyhafte Bertrand Barère de Vieuzac mit der eleganten roten Weste war kein von den Franzosen eingesetzter Präfekt des Département des Bouches du Weser. Ich glaube, er wusste gar nicht, wo Bremen liegt. Und hätte nie daran gedacht, dass sein Porträt eines Tages hier landen würde.

Aber für Frankreich, da bedeutet dieser Barère eine ganze Menge. Bevor er sich von dem David-Schüler Jean-Louis Laneuville malen lässt, hat ihn David selbst gemalt: als einen von vielen in dem Bild vom Schwur im Ballhaus (das in Wirklichkeit eigentlich eine Tennishalle ist). Das Bild von Laneuville ist lange für ein Bild von Jacques-Louis David gehalten worden, nicht zuletzt deshalb, weil Barère in seinen Briefen mehrmals von seinem David spricht. Vor allem, als er das Bild 1834 einem Monsieur Lebrun in Tarbes schenkte: permettez-moi de vous faire présent d'un grand portrait à l'huile et borduré, qui n'a de prix que parce que c'est l'œuvre de l'immortel David. Lebrun verkaufte es dem Diplomaten Gustave Rohan und nach dessen Tod landet es in der Sammlung des Bankiers Baron Lambert in Brüssel. Günter Busch datiert das Bild in seinem Katalog Die Kunsthalle Bremen in vier Jahrzehnten auf das Jahr 1792, heute gibt die Kunsthalle 1793 als Entstehungsjahr an. Auf dem Bild selbst findet sich eine Jahreszahl - Liberte Egalite Le Vendredi. 4. Janvier 1792 L'an 2e De la Republique francaise une et indivisible / Discours sur le jugement de Louis Capet / Citoyens... - die sich aber nur auf eine Rede Barères bezieht.

Es ist noch nicht das Todesurteil für Ludwig XVI, wie man manchmal in der Literatur lesen kann. Das kommt noch, da wird erst noch ein Jahr lang diskutiert. Heute vor 220 Jahren ist der französische König hingerichtet worden. Unser Dandy mit der roten Weste war daran maßgeblich beteiligt, er ist der Ankläger, er leitet das Verfahren gegen den König. Er stimmt für die sofortige Hinrichtung. Und er sagt den vielzitierten Satz L'arbre de la liberté ne croit qu'arrosé par le sang des tyrans! Solche Sätze hauen die Franzosen ja raus, ohne mit der Wimper zu zucken, Rhetorik ist alles. Der Rechtsanwalt aus der Gascogne ist sprachgewandt, er wird die blumigsten Formulierungen finden, um Todesurteile während der Schreckensherrschaft zu rechtfertigen. Was ihm den schönen Beinamen Anakreon der Guillotine verschafft.

Heute ziert sein Bild Kaffeetassen, Schlüsselanhänger und iPad Hüllen. Der Königsmörder hat den Machtkampf gegen Robespierre gewonnen und ist selbst der Guillotine entgangen. Der Vorsitzende des Nationalkonvents hat sie alle überlebt, ein Vorbild für alle Politiker. Aber die Frage bleibt: was soll sein Bild in Bremen? Man hätte es nach Paris verkaufen sollen, von der Verkaufssumme hätte man sicherlich einen Teil der Umbauten der Kunsthalle in den letzten Jahren finanzieren können. Doch so häßlich, wie die geworden ist, ist es auch gut so, wie es ist.



Sonntag, 20. Januar 2013

Amtszeit


Heute endet die Amtszeit des amerikanischen Präsidenten. Dass der bis zum 20. Januar regiert, ist im 20. Zusatzartikel zur Verfassung festgelegt worden. Roosevelt war der erste, für den diese neue Regelung galt. Dass amerikanische Präsidenten zu ihrer Amtseinführung einen Dichter mitbringen, steht nicht im 20. Zusatzartikel. Plato hatte die Dichter aus seiner idealen Republik verbannt, für Shelley waren die Dichter the unacknowledged legislators of the world. Die amerikanischen Präsidenten holen die Dichter nach Washington, John F. Kennedy war der erste, der einen Dichter aufs Podium bat (er war auch einer der letzten, der formvollendet einen ➱morning coat trug). Robert Frosts Auftritt ist inzwischen Geschichte (lesen Sie ➱hier mehr dazu).

Summoning artists to participate
In the august occasions of the state
Seems something artists ought to celebrate.
Today is for my cause a day of days.
And his be poetry's old-fashioned praise
Who was the first to think of such a thing.
This verse that in acknowledgement I bring
Goes back to the beginning of the end
Of what had been for centuries the trend;
A turning point in modern history.


Dies schöne ironische Gedicht hat er aber leider nicht vorgetragen. Für Lyndon B. Johnson waren Dichter kein Thema (I don't want anything to do with poets), was wohl auch daran lag, dass damals beinahe alle Dichter Gedichte gegen den Vietnamkrieg schrieben. Jimmy Carter hatte zwar keinen Dichter dabei, aber bei der Gala im Weißen Haus durfte am Abend James Dickey (der wie Carter au Georgia kam) sein ➱The Strength of Fields vorlesen. Die Familie Bush mochte die Dichter nicht so sehr, und so sind es erst wieder Präsidenten aus der Demokratischen Partei, bei denen die Dichter zur Amtseinführung dichten dürfen. Die Gedichte von ➱Maya Angelou (1993), ➱Miller Williams (1997) und ➱Elizabeth Alexander (2009) sind weithin beachtet worden. Und was gibt es in diesem Jahr?

Nicht den Doyen der amerikanischen Lyrik John Ashberry. Dem hat Obama gerade die National Humanities Medal verliehen, aber morgen darf er nicht aufs Podium. Die Feier am Montag verschönt ein Dichter, den niemand kennt. Er heißt Richard Blanco. Dazu wird der Pop Star Beyoncé The Star-Spangled Banner singen. There's no business like show business. Eigentlich müsste der Präsident ja am 20. Januar seinen Amtseid ablegen, aber das ist ein Sonntag, da gibt es keine öffentliche Show. Aber ganz still wird der Präsident schon heute in einer kleinen, nichtöffentlichen Zeremonie einen Amtseid ablegen. Natürlich auf eine Bibel. Eine Bibel muss sein, obgleich das Wort Gott an keiner Stelle der Verfassung steht, das einzige Mal, dass Gott da drin erwähnt wird, ist beim Datum: Seventeenth Day of September in the Year of our Lord one thousand seven hundred and Eighty seven. Viele Präsidenten haben zu der Zeremonie ihre ➱Familienbibel mitgebracht. Dwight D. Eisenhower hatte die Bibel von George Washington in der Hand, Barack Obama die von Abraham Lincoln.

Den Ablauf der Zeremonie regelt seit 1901 ein Joint Congressional Committee on Inaugural Ceremonies. Was man nicht zur Amtseinführung mitbringen darf, steht auf dieser ➱Liste. Keine ➱Waffen. Hat die NRA noch nicht protestiert?

Samstag, 19. Januar 2013

Janis Joplin


Heute wäre sie siebzig geworden, doch sie ist schon über vierzig Jahre tot. Aber ihre Stimme hat noch nichts von ihrer Magie verloren, wenn sie Busted flat in Baton Rouge, headin' for the trains, Feelin' nearly faded as my jeans singt. Ich kann den Text von Kris Kristoffersons Me and Bobby McGee noch immer auswendig. Zur Feier des Tages werde ich heute ein oder zwei Janis Joplin CDs in den CD Player schieben. Und eine alte LP auflegen. Die schon ein bisschen zerkratzt ist, das gibt einem das feeling für diese Zeit, die schon so weit entfernt ist. Und irgendwo habe ich doch noch das alte Janis Joplin SongbookOù sont les neiges d'antan?

Die Songs von Janis Joplin stehen heute alle im ➱Internet, ihre CDs gibt es immer noch. Auf der Suche nach einem Gedicht für diesen Tag - ein Gedicht ist ja immer gut - fand ich eins bei Red Shuttleworth. Auf jeden Fall eins, in dem Janis Joplin vorkommt. Es steht in dem chapbook (wie Red Shuttleworth seine kleinen Gedichtbände nennt), das We Drove All Night heißt. Für all diejenigen, die den amerikanischen Dichter Red Shuttleworth nicht kennen sollten, möchte ich die Lektüre von dem Post ➱This Place of Memory empfehlen. Der Mann ist ein wirkliches Erlebnis. Wie Janis Joplin.

Notes Toward a Country Song

... Sometimes...
- Holly Williams

The town has a scatter bomb factory
at its fringe. Baby says, We all go delinquent
sooner or later. Her peasant blouse
is off cream-brown shoulders,
at her narrow waist, draped over a tartan
pleated skirt. Oh, shining hours of thunder,
horses, and orange candle flame.
There's a Janis Joplin poster,
hard-bound poetry books from the seventies,
and baby loves the steel guitar.
There's a slice of blueberry pie
on a Styrofoam plate... and a county
sheriff's siren screams from the honky tonk
edge of town. Baby's surgically perfect
breasts, firm and uplifted, are firmer
than any genetic luck could've built them.
Baby adds, No matter what we do,
we're always speeding toward
days we're unrehearsed for.

Die Holly Williams, die im Gedicht erwähnt wird, ist die Tochter von Hank Williams. Hank Williams, Junior natürlich, um genau zu sein. Sie können ihren Song ➱Sometimes hier hören. In einem ➱Janis Joplin Forum hat jemand namens suthernbuck82 einen Bogen von Janis Joplin zu Holly Williams geschlagen: Hey everyone. Its only fair to say that Janis Joplin was the original queen of folk/rock but I picked up a CD by a little known singer/songwriter called Holly Williams and I really enjoyed it. Und dann geht das noch endlos weiter. Das sind so die Beiträge, die man liebt. Nix wie versteckte Werbung.

Holly Williams ist nett, und wahrscheinlich ist Sometimes in dem Gedicht von Red Shuttleworth zitiert, weil da die Zeilen vorkommen:

Sometimes
I wish I were an angel in 52'
In a blue Cadillac on the eve of the new year
And there I would have saved him, the man who sang the blues
But maybe he is listening right now
Hopefully he's listening right now


An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich es verpasst habe, am ersten Tag des Jahres über Hollys Opa zu schreiben (ich weiß, dass ich mehrere Leser habe, die darauf warten, dass ich endlich einmal über Hank Williams schreibe. Lesen Sie doch als Ersatz dies ➱Gedicht von Red Shuttleworth). Denn am Morgen des 1. Januars 1953 hat die Polizei den Countrysänger Hank Williams tot in seinem blauen Cadillac am Straßenrand gefunden. No matter how I struggle and strive, I'll never get out of this world alive. Er war neunundzwanzig Jahre alt. Janis Joplin ist nur siebenundzwanzig geworden. So nett und softig die Enkelin von Hank Williams singt, sie ist keine Janis Joplin.

Um zu der wieder zurückzukommen, hören Sie doch mal eben in ihr ➱Summertime aus dem Jahre 1969 hinein. Damit kann man den Tag beginnen. C'mon baby, let the good times roll.

Freitag, 18. Januar 2013

Bulwer-Lytton


It was a dark and stormy night, so beginnt der Roman Paul Clifford von Edward Bulwer-Lytton. So muss man Romane anfangen, dann klappt's auch mit den Lesern. Die dark and stormy night ist noch berühmt geworden -  als abschreckendes Beispiel für purple prose. Seit dreißig Jahren gibt es einen The Bulwer-Lytton Fiction Contest, der the worst examples of 'dark and stormy night' writing feiert. Wenn Sie daran teilnehmen wollen: hier - Where WWW means 'Wretched Writers Welcome' - sind die Teilnahmeregeln. Im letzten Jahr war Cathy Bryant aus Manchester die Gewinnerin. Mit diesem schönen Satz: As he told her that he loved her she gazed into his eyes, wondering, as she noted the infestation of eyelash mites, the tiny deodicids burrowing into his follicles to eat the greasy sebum therein, each female laying up to 25 eggs in a single follicle, causing inflammation, whether the eyes are truly the windows of the soul; and, if so, his soul needed regrouting. Wenn Sie alles über die letzten Wettbewerbe lesen wollen, klicken Sie ➱hier. Wir können dem schon entnehmen, dass der literarische Ruf von Lord Lytton, so groß er zu seinen Lebzeiten war, ein wenig gelitten hat.

Edward Bulwer-Lytton (der heute vor 140 Jahren starb) begegnet uns ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod in der englischen Literatur wieder. An einer Stelle, wo man ihn kaum vermuten würde, nämlich in Joseph Conrads Vorwort zu The Nigger of the Narcissus. Da heißt es über einen Matrosen: He was intensely absorbed, and as he turned the pages an expression of grave surprise would pass over his rugged features. He was reading "Pelham." The popularity of Bulwer Lytton in the forecastles of Southern-going ships is a wonderful and bizarre phenomenon. What ideas do his polished and so curiously insincere sentences awaken in the simple minds of the big children who people those dark and wandering places of the earth? What meaning can their rough, inexperienced souls find in the elegant verbiage of his pages? What excitement?—what forgetfulness?—what appeasement? Mystery! Is it the fascination of the incomprehensible?—is it the charm of the impossible? Or are those beings who exist beyond the pale of life stirred by his tales as by an enigmatical disclosure of a resplendent world that exists within the frontier of infamy and filth, within that border of dirt and hunger, of misery and dissipation, that comes down on all sides to the water's edge of the incorruptible ocean, and is the only thing they know of life, the only thing they see of surrounding land—those life-long prisoners of the sea? Mystery! Singleton, who had sailed to the southward since the age of twelve, who in the last forty-five years had lived (as we had calculated from his papers) no more than forty months ashore—old Singleton, who boasted, with the mild composure of long years well spent, that generally from the day he was paid off from one ship till the day he shipped in another he seldom was in a condition to distinguish daylight—old Singleton sat unmoved in the clash of voices and cries, spelling through "Pelham" with slow labour, and lost in an absorption profound enough to resemble a trance.

Pelham ist der zweite Roman von Bulwer-Lytton, und viele Kritiker halten ihn für seinen besten. Er hat vielleicht nicht die Berühmheit erlangt, wie andere Werke des Autors. Ist nicht verfilmt worden wie The Last Days of Pompeii. Man hat keine Oper aus ihm gemacht, wie aus Rienzi, the last of the Roman tribunes. Was übrigens eine der Lieblingsopern von Adolf Hitler war. Ich lasse Richard Wagner hier mal aus. Über seinen vergeblichen Versuch, den verehrten Autor Bulwer-Lytton im englischen Parlament zu besuchen, habe ich ja schon einmal ➱geschrieben.

Im Vorwort zu dem Roman sagt der Autor: While yet, then, a boy in years, but with some experience of the world, which I entered prematurely, I had the good fortune to be confined to my room by a severe illness, towards the end of a London season. All my friends were out of town, and I was left to such resources as solitude can suggest to the tedium of sickness. I amused myself by writing with incredible difficulty and labor (for till then prose was a country almost as unknown to myself as to Monsieur Jourilain) some half-a-dozen tales and sketches. Among them was a story called 'Mortimer, or the Memoirs of a Gentleman.'  Its commencement was almost word for word the same as that of 'Pelham' but the design was exactly opposite to that of the latter and later work. Ich hätte das Vorwort lesen sollen, dann hätte ich mich vor Jahrzehnten nicht darüber gewundert, weshalb meine schöne alte Ausgabe von Pelham (New York: Harper, 1836) mit Mortimer, or the Memoirs of a Gentleman anfängt.

Pelham ist ein Roman, den man am besten mit Kuddelmuddel-Roman beschreibt. Ich weiß, dass man diesen Terminus in keinem Literaturlexikon findet, aber mir fällt kein besserer ein. Zum ersten ist Pelham, or The Adventures of a Gentleman ein Bildungsroman. So etwas wird in dieser Zeit sehr beliebt, denken wir an Charles Dickens. Er hat auch ein positives Ende, moralisches Ende - weil der Autor diesen Ur-Pelham, Mortimer, or the Memoirs of a Gentleman, umdreht. Bildungsromane, schön und gut, damit fängt man keine Leser. Also tut Bulwer-Lytton noch etwas dazu und schreibt das, was man eines Tages die silver fork novel nennen wird. Einen Gesellschaftsroman aus der feinen Gesellschaft in London und Paris. Das ist jetzt neu für die Leser, die den Historischen Roman à la Sir Walter Scott und die Gothic Novel langsam leid sind. Jahrzehnte später wird dies liebenswürdige klatsch- und tratschsüchtige Literaturgenre von Thackeray karikiert werden.

Und dann ist Pelham auch noch ein echter Dandy-Roman. In diesem Punkt möchte der Dandy Bulwer-Lytton ein wenig von dem Erfolg des Dandys Benjamin Disraeli (hier im Bild) mit seinem Roman Vivian Grey profitieren. Es sollte daran erinnert werden, dass wenn die ganz große Zeit der Dandies schon vorbei ist, sie noch im öffentlichen Gedenken sind. Beau Brummell, Scrope Davies, der Comte d'Orsay und viele andere aus der großen Zeit der Dandies leben ja noch. Manche in Frankreich, weil sie da vor ihren englischen Gläubigern sicher sind. Die interessanten ➱Memoiren von Captain Gronow und Barbey d'Aurevillys ➱Du Dandysme et de Georges Brummel sind noch nicht geschrieben. Wenn auch die ➱Regency Ära vorbei ist, im Dandyismus sind wir noch mittendrin.

Beschreibungen der englischen Gesellschaft - ein Element, von dem der englische Roman lebt - hatte es schon bei Janes Austen gegeben. Aber das war die landed gentry und die upper middle class. Jetzt wird zum Vergnügen der Leser die Oberfläche und Oberflächlichkeit der high society beschrieben. Nicht zum Vergnügen jedes Kritikers. So nörgelt etwa William Hazlitt in The Dandy School (1827): The English are not a nation of dandies; nor can John Bull afford (whatever the panders to fashion and admirers of courtly graces may say to the contrary) to rest all his pretensions upon that. He must descend to a broader and more manly level to keep his ground at all. Those who would persuade him to build up his fame on frogged coats or on the embellishment of a snuff-box, he should scatter with one loud roar of indignation and trample into the earth like grasshoppers, as making not only a beast but an ass of him. A writer of this accomplished stamp, comes forward to tell you, not how his hero feels on any occasion, for he is above that, but how he was dressed [...] and also informs you that the quality eat fish with silver forks.

Angeblich hat die detaillierte und liebevolle Beschreibung der Kleidung der feinen Welt, die in diesem Maße noch nicht in der englischen Literatur vorkam, den Philosophen Thomas Carlyle dazu gebracht, Sartor Resartus zu schreiben, aber darüber vielleicht ein anderes Mal mehr. Bildungsroman, silver fork novel und Dandyroman sind Bulwer-Lytton noch nicht genug. Er schmeißt auch noch einen Mord und die detektivische Aufklärung in das Irish Stew von diesem Potboiler. Pelhams Freund Sir Reginald Glanville (ein echter Byronic hero) wird verdächtigt, einen Mord begangen zu haben, da wandelt sich unser verantwortungsloser Dandy zum echten Freund und betreibt die Aufklärung des Mordes. Hier bekommt die Geschichte auch noch einen touch einer Gothic NovelAn icy thrill ran through my very heart. With a desperate but trembling hand, I cleansed from the picture the blood, in which, notwithstanding its distance from the corpse, the greater part of it was bathed. I looked upon the features; they were those of a young and singularly beautiful female. I recognized them not: I turned to the other side of the miniature; upon it were braided two locks of hair—one was the long, dark ringlet of a woman, the other was of a light auburn. Beneath were four letters. I looked eagerly at them. "My eyes are dim," said I, in a low tone to Thornton, "I cannot trace the initials." Da kann man nur mit Shakespeare sagen I have a faint cold fear thrills through my veins. Mehr geht nicht in einem Roman. Aber das Ganze hat funktioniert. Ich zitiere dazu einmal die Cambridge History of English and American Literature:

Lytton’s second and best novel, 'Pelham, or The Adventures of a Gentleman' (1828), is a blend of sentiment, observation and blague. Rousseau, Goethe, Byron and some ultra-sentimental experiences of Lytton’s own youth are drawn upon for the figure of Sir Reginald Glanville. Pelham, on the other hand, is drawn from life, not from books; he is a more credible character in a more credible world than the almost contemporary 'Vivian Grey', Pelham is a dandy, coxcomb, wit, scholar and lover, and, in many ways, offensive and exasperating; but he is also a staunch friend and an ambitious and studious politician, in these respects differing from the corresponding figure in the preliminary sketch Mortimer. What distinguishes Pelham from its author’s later writings is its concentration of creative and expressive effort; Henry Pelham is the most vivid of all Lytton’s characters; and the earlier chapters have an incisive humorous cynicism which is all too quickly dissipated into mere discursiveness by an influence everywhere apparent in the book, that of the encyclopaedists. 'Pelham' was issued at a time when a publisher’s recipe for popular fiction was “a little elegant chit-chat or so.” The effect was galvanic; Pelhamism superseded Byronism, established a new fashion in dress and made Lytton famous eight years before Pickwick began to appear.

Der Pelhamism ist nur eine kurze Mode gewesen, Bulwer-Lytton ist schnell in Vergessenheit geraten. Ich hatte vor vielen Jahren Schwierigkeiten, irgendein Exemplar von Pelham zu bekommen. Meine englischen Buchhändler in Oxford und Cambridge versicherten mir, dass das Buch völlig vom Markt verschwunden sei. Ich war froh, als ich eines Tages die alte Harper Ausgabe von 1836 fand. Heute ist es keine Schwierigkeit, Pelham, or The Adventures of a Gentleman käuflich zu erwerben, man kann den Roman sogar im ➱Internet lesen. Man wird das wonderful and bizarre phenomenon Edward Bulwer-Lytton mit seinen polished and so curiously insincere sentences heute noch mit dem gleichen Erstaunen lesen, wie damals ➱Joseph Conrads Singleton.


Donnerstag, 17. Januar 2013

Horace Vernet


My ancestors were country squires, who appear to have led much the same life as is natural to their class. But, none the less, my turn that way is in my veins, and may have come with my grandmother, who was the sister of Vernet, the French artist. Art in the blood is liable to take the strangest forms, erzählt Sherlock Holmes in der Geschichte The Greek Interpreter seinem Dr Watson.

Das ist schön, dass wir das endlich einmal wissen. Der französische Maler Horace Vernet (der heute vor 150 Jahren starb) malt zwar am liebsten Schlachtgemälde, aber seit er einmal auf Kosten der französischen Regierung im gerade eroberten Algerien war (Delacroix war da schon ein Jahr früher), ist er von der fremden Welt fasziniert. Spätestens seit Napoleons Ägypten Abenteuer und den Bildern von Delacroix und Vernet macht sich ein Orientalismus überall in Europa breit. Verdi schreibt seine Aida, Flaubert seine Salambo (ein Lokal auf St. Pauli hieß später auch so), Ingres malt Odalisken, und selbst in Deutschland gibt es Orientmaler wie Gustav Bauernfeind (einen so schlimmen Maler wie ➱Ferdinand Max Bredt wollen wir lieber nicht erwähnen).

Auf dem Selbstportrait oben hat Vernet, der übrigens im Louvre geboren wurde, sich in irgendeiner orientalischen Tracht in seinem Studio dargestellt. Man kann nicht umhin festzustellen, dass es eine gewisse Familienähnlichkeit zwischen Vernet und Holmes gibt. Wir wollen lieber nicht wissen, was er da in der Pfeife raucht. Ob sein Großonkel nun Opium raucht oder nicht, Sherlock Holmes schmöckt das natürlich nicht.

I suppose, Watson that you imagine that I have added opium-smoking to cocaine injections, and all the other little weaknesses on which you have favoured me with your medical views, sagt Sherlock Holmes, als Dr Watson ihn in einer Londoner Opiumhöhle findet. Aber da ist Holmes natürlich nur, weil er in The Man with the Twisted Lip in einem Fall ermittelt. Nicht wegen des Opiums in der Pfeife. Which is it to-day, fragt Dr Watson in The Sign of Four, morphine or cocaine? Und bekommt zur Antwort It is cocaine, a seven-per-cent solution. Would you care to try it? Aber vielleicht ist das alles nur eine Inszenierung, ebenso wie diese Lithographie der Firma Grégoire & Deneux, die Horace Vernet an der Wasserpfeife zeigt. Seit Thomas De Quinceys Confessions of an English Opium-Eater ist das Opium ja sozusagen gesellschaftsfähig.

In A Study in Scarlet fasst Dr Watson in einer Liste mit dem Titel Sherlock Holmes—his limits kurz zusammen, was seinen neuen Lebensgefährten auszeichnet:

1. Knowledge of Literature.—Nil. 2. Philosophy.—Nil. 3. Astronomy.—Nil. 4. Politics.—Feeble. 5. Botany.—Variable. Well up in belladonna, opium, and poisons generally. Knows nothing of practical gardening. 6. Geology.—Practical, but limited. Tells at a glance different soils from each other. After walks has shown me splashes upon his trousers, and told me by their colour and consistence in what part of London he had received them. 7. Chemistry.—Profound. 8. Anatomy.—Accurate, but unsystematic. 9. Sensational Literature.—Immense. He appears to know every detail of every horror perpetrated in the century. 10. Plays the violin well. 11. Is an expert singlestick player, boxer, and swordsman. 12. Has a good practical knowledge of British law.

Punkt Nummer fünf ist sicherlich für Gartenfreunde von Bedeutung. Dr Watson, der keinen französischen Maler als Großonkel hat, rührt diese ganzen Rauschmittel ja nicht an. Der kommt nämlich gerade aus Afghanistan zurück. Dort ist heute immer noch Krieg (oder sollte es besser schon wieder heißen?), über  die Notwendigkeit dieses Krieges ist viel gesagt worden. Für George Bush war es a crusade against terror, für Peter Struck war es unsere Sicherheit, die auch am Hindukusch verteidigt wird. Selten hört man in dieser Diskussion das Wort Opium. Das Opiumgeschäft in Afghanistan blüht übrigens auch während des Krieges, besser als zuvor. 1966 gab es einmal einen Film mit dem Titel Mohn ist auch eine Blume. Das war ein James Bond Film ohne ➱James Bond (die Story stammte von Ian Fleming, der Regisseur war Terence Young), den die United Nations in Auftrag gegeben hatten. Sollte ein Aufklärungsfilm sein. Hat er etwas geändert? Ebensowenig wie die Bundeswehr in Afghanistan. Das Land ist der größte Opiumproduzent der Welt.

Und wenn ich jetzt noch einmal von Afghanistan nach Algerien zurückkomme (keine Sorge, ich mute Ihnen den über zwei Stunden langen algerischen Film ➱L'Opium et le Bâton nicht zu), da hätte ich noch einen berühmten Franzosen aus Algerien, der etwas mit Opium zu tun hat. Die französischen Maler des 19. Jahrhunderts haben mit ihrer Hinwendung zum Orientalismus eine eigene künstliche Exotik geschaffen. Mit willigen Haremsdamen und diesem ganzen schwülstigen Quatsch.

Und irgendwie scheint es da in Frankreich eine Tradition zu geben. Denn der drogensüchtige junge Mann aus Algerien, der nach Paris geht und dort in der Pariser Modewelt reüssiert, bringt eines Tages ein Parfüm mit dem schönen Namen Opium auf den Markt und bewirbt es auf diese Weise. Embarrasant. Aber endlich hat die femme pulpeuse von dem Bild des Sklavenmarktes von Horace Vernet (oben) ihren Weg auf die Opium Werbung von Yves Saint-Laurent gefunden.