Donnerstag, 23. Mai 2013

Bremer Klausel


Der hier konnte gehen, weil er eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag hatte. Mit seinem Ausstieg begann Werders Abstieg. Aber diese Klausel ist nicht mit dem Begriff Bremer Klausel gemeint. Sondern etwas viel Ernsthafteres als ein dahin torkelnder Fußballverein: nämlich das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das am 23. Mai 1949 um 24 Uhr in Kraft trat. Auf jeden Fall in ➱Trizonesien.

Art 141: Artikel 7 Abs. 3 Satz 1 findet keine Anwendung in einem Lande, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand, heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Der Artikel 7 Absatz 3 lautet: Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu erteilen. Sie werden sich jetzt fragen, wozu man den Artikel 141 überhaupt brauchte. Die Antwort ist einfach: für die Hansestadt Bremen. Es ist die sogenannte Bremer Klausel

Es gibt noch eine andere Bedeutung des Begriffes Bremer Klausel, die hat aber nichts mit der Religion zu tun. Die bedeutet nur, dass Bremer Kaufleute in der Vergangenheit Verträge nicht schriftlich festhielten, sondern mit einem Handschlag besiegelten. Von solch schlichter Ehrlichkeit träumt man ja heute. Heute braucht man für jeden Vertrag Juristen, und auch der Artikel 141 des GG hat schon viele Juristen beschäftigt. Wenn Sie den Wikipedia Artikel Bremer Klausel lesen, können Sie einen Eindruck von der Materie bekommen. Da gibt es einen möglichen Widerspruch zu den schulrechtlichen Bestimmungen des Art. 21 des Reichskonkordats bis zu der Frage der Reichweite der Bremer Klausel.


Unter den 47 Lehrkräften (42 evangelisch, 5 katholisch) meiner Schule gab es nur einen Religionslehrer. Also musste der Pastor mit ran, der bekam einen Lehrauftrag (da war es nur praktisch, dass die Schule gleich neben der Kirche lag). Der Religionslehrer war pädagogisch die größte Flasche der Schule. Er ist später Professor an der neugeschaffenen Universität Bremen geworden. Bekam (ohne dass er promoviert oder habilitiert war) den Titel eines Professors. Genauer: Professor für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Didaktik des Religionsunterrichts (bzw. Biblische Geschichte), Theorie und Praxis des Unterrichts und Pädagogische Anthropologie. Für das, was er dem Namen nach vertrat, gab es wohl keinen Ungeeigneteren. Ich verkneife mir das jetzt mal, dazu noch irgendetwas zu sagen. Das mit den 47 Lehrern weiß ich so genau, weil ich einmal antiquarisch mehrere Bände des Philologen-Jahrbuchs (auch Kunzes Kalender genannt) gekauft habe. Wunderbar für Klatsch und Tratsch, jeder Lehrer ist drin, mit allen Daten (heute gibt es das aus Datenschutz Gründen nicht mehr in dieser Form). Natürlich auch dem Glaubensbekenntnis. Wenn ich meinem alten Klassenlehrer eine Geburtstagskarte schreiben will, weiß ich, wo ich nachzugucken habe.

Mein Klassenlehrer wird in diesem Jahr 87, ist aber noch gut drauf. Auf den Photos vom letzten Klassentreffen sieht er noch richtig jugendlich aus. Zu Weihnachten haben wir eine Stunde lang telephoniert. Er hat sich in diesem Monat mit einer anderen Klasse zur Vierzigjahrfeier des Abiturs  getroffen. Der Jürgen, dem er privat Mathematik Nachhilfe gegeben hat, wollte auch kommen. Der Jürgen hat einen vollen Terminkalender, weil er Spitzenkandidat seiner Partei ist. Früher sei er ein ganz braver Schüler gewesen, hat der Gustav gesagt. Gustav und ich wir duzen uns jetzt, dafür sind wir alt genug. Ich habe ihn auch schon einmal im Blog erwähnt, als ich über meinen Klassenkameraden ➱Wuddel schrieb (das hat er natürlich gelesen). Ob er sich mit dem Jürgen auch duzt, das weiß ich nicht. Der Gustav sieht immer noch das Gute in allen Menschen.

Andere Lehrer haben vom Jürgen aber eine ganz andere Meinung. Angeblich soll er schon mit vierzehn ein Revoluzzer gewesen sein und sich an den Hermann Rademann rangeschmissen haben, der in Bremen die Revolution machte. Ich habe den schon einmal im Blog erwähnt. Wenn Sie wissen wollen, wie das in den sechziger Jahren mit der Revolution in Bremen war, lesen Sie doch einmal den langen Post, der ➱Heinrich Hannover heißt. Mit Hermann Rademann war ich in der Evangelischen Jugend. Also bevor er Revolutionär wurde und sich dann den Kopp wegkokste. Der Jürgen bezeichnet sich heute als gottlos. Hat unser liberaler Religionsunterricht, der in der Oberstufe eher einem Philosophie Proseminar glich, das bewirkt? Immerhin hat der Jürgen bei der Beerdigung seines Vaters in der Kirche die Trauerrede gehalten. Wollte das der Pastor nicht, weil der Vater vom Jürgen in der NSDAP und der Waffen SS gewesen war? Das waren doch so viele in dem Kaff. Unsere Schulzeitung mit dem Namen Echo hat mal einen Artikel aus dem Neuen Deutschland abgedruckt. Darin stand sorgfältig aufgelistet, wer von den Vegesacker Geschäftsleuten in der NSDAP und in der SS gewesen war. Es war der Schulleitung sehr unangenehm, aber sie hat den Abdruck nicht verhindert. Die Pressefreiheit der neuen deutschen Demokratie war für den Direktor ein höheres Gut als die Vermeidung eines Skandals in einem Bremer Vorort.

Die Bremer Klausel im Grundgesetz sichert eine Klausel der Bremer Landesverfassung ab, wonach in Bremen kein religionsgebundener Unterricht erteilt werden darf. Womit man ursprünglich einmal die zwei wichtigsten Bremer Religionen versöhnen wollte. Nein, nicht Kaffee- und Rotweinimport, sondern - lachen Sie jetzt bitte nicht - reformierte und lutherische Gläubige. Ich weiß nicht, ob es wirklich noch eine dritte Gruppe gab, es gab ja Leute, die lutherisch als luthérisch aussprachen. Aber ich glaube, das waren nur Lutheraner (oder Luthéraner?), die sich einbildeten, was Besseres zu sein. Hinter diesem latenten protestantischen Glaubenskampf im 19. Jahrhundert steht ein Bremer Hassprediger namens Johann Smidt. Der Theologe, Pfarrer und Politiker ist natürlich reformiert. Weil man in Bremen eben, auf jeden Fall nach Johann Smidt, reformiert ist. Weil die ganzen religiösen Spinner, die die Holländer in der Reformationszeit nicht mehr haben wollten, nach Bremen gegangen sind. Wenn sie nicht nach Münster gingen wie Bernhard Knipperdollinck. Und in einem eisernen Käfig am Turm von St. Lamberti aufgehängt wurden. Ich vereinfache das jetzt etwas, aber seit Heinrich von Zütphen (Bild oben) in Bremen gepredigt hat - und seit Daniel von Büren (der bei Luther und Melanchthon studierte) Bürgermeister wurde - ist Bremen reformiert.

Das mit den theologischen Spinnern in Bremen hat übrigens mit der Reformation nicht aufgehört. Der Bischof von Hitlers Gnaden  ➱Heinz Weidemann, der damals den Dom so hübsch dekorieren ließ und eine Bremer Kirche in Horst Wessel Kirche umtaufen wollte, war zweifellos ein Fall für die Psychiatrie. Und auch der Pastor ➱Georg Huntemann, der sich nach dem Gottesdienst an der Kirchentür den Ring an der Hand küssen ließ, war nicht so ganz schussecht. Selbst die Vegesacker Kirche wird eines Tages einen Pastor haben, der - sagen wir es zurückhaltend - sehr exzentrisch ist. Ein Gottesdienst für Hunde im Stadtgarten gehört da noch zu den kleinsten Exzentrizitäten. Ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass die Hirten der Bremer Kirchengemeinden nur aus Spinnern bestanden. Wir hatten in Bremen auch einmal einen Emil Felden.

Johann Smidt, der aus mir nicht bekannten Gründen für Bremens größten Politiker gehalten wird, kann die Lutheraner überhaupt nicht ausstehen, die kommen für ihn gleich nach den Juden. Und obgleich eine Vielzahl der Bundesstaaten des 1815 errichteten Deutschen Bundes die reformierten Kirchen mit den lutherischen vereinen, bleibt Bremen unter calvinistischem Einfluss. Erst mit der Einführung eines gemeinsamen Gesangbuchs im Jahre 1873 gab es eine (Verwaltungs-) Union zwischen lutherischen und reformierten Gemeinden. Das betraf meinen Heimatort Vegesack nicht, zum dreihundertsten Jahrestag der Reformation am 31. Oktober 1817 schlossen sich da Reformierte und Lutheraner (nach preußischem Vorbild) zu einer Gemeinde zusammen: ein Gott, ein Christus, eine Gemeinde steht über der Tür der neuen klassizistischen Kirche. Ach, was wäre die Welt schön, wenn das alle glauben würden. Aber das, was Freud in Das Unbehagen in der Kultur so schön den Narzissmus der kleinen Differenzen genannt hat, ist offensichtlich stärker als jeder Einigungsgedanke.

Wenn der Hass von Johann Smidt auf die Lutheraner vielleicht nur lächerlich ist, sein Hass auf die Juden ist es nicht. Er betreibt auf dem Wiener Kongress die juristischen Grundlagen für die Fremdkörper in einem christlichen Staatswesen. Fälscht eigenmächtig die letzte Fassung der Beschlüsse, was für die Bremer Juden bedeutet, dass sie ihre Emanzipation, die Napoleon ihnen eingeräumt hatte, wieder verlieren. Und versichert dann den österreichischen Delegierten: Wir möchten gerne mit der ganzen Welt in Frieden leben, die Juden sind aber ein beständiges Ferment um Unfrieden mit anderen Staaten zu veranlassen, deshalb zeuge es von unserer guten und friedlichen Gesinnung, wenn wir sie los zu werden suchten. Es wird ihm in den 1820er Jahren gelingen. Er wird es auch noch schaffen, bis zum Jahre 1830 der lutherischen Domgemeinde den Status einer Gemeinde (inklusive ihres Vermögens und Grundbesitzes) vorzuenthalten.

1798 erscheint in Bremen die revolutionäre Schrift Vorstellung an Bremens patriotische und edelgesinnte Bürger die Errichtung einer Bürgerschule betreffend der Pastoren Johann Ludwig Ewald und Johann Caspar Häfeli. Die beiden ➱Herren sind zwar auch calvinistische Theologen, aber sie sind stark von Pestalozzi beeinflusst und erfinden ein Reformmodell, in dem reformierte und lutherische Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Nicht mehr in Religion, sondern in ➱Biblischer Geschichte. Und dieses Fach wird man in Bremen 1947 in die neue Landesverfassung hineinschreiben. Und da man den konfessionsunabhängigen Unterricht in Bremen nicht aufgeben möchte, muss die neue Republik 1949 in das Grundgesetz die Bremer Klausel, den Artikel 141, einfügen. Bremen ist nicht das einzige Bundesland, das einen konfessionsübergreifenden Religionsunterricht anbietet, in Berlin gibt es so etwas auch. Und in Schleswig-Holstein will die neue Regierung, horribile dictu, das auch einführen. Schon titelten die Kieler Nachrichten Online vor einem Jahr: Der Glaubenskampf um den Religionsunterricht geht in eine neue Runde. Laut Koalitionsvertrag soll das Schulfach Religion vom Bekenntnis gelöst und konfessionsübergreifend gestaltet werden. Für die christlichen Kirchen ein Schock. Glaubenskampf, Schock, man fasst es nicht. War die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ganz umsonst?

Hat unser Jürgen vom konfessionsunabhängigen Bremer Religionsunterricht etwas mitgenommen? Nach seinen eigenen Erinnerungen (dargelegt in: Der Stadtgarten in Vegesack auf Seite 36) hat er die Schule ständig  geschwänzt: Unten an der Weser war es heiß. Das hatte seine Gefahren. Tiroler Landwein, Wermut oder gar schlimmere Drogen wie etwa Kosakenkaffee entfalteten so eine ganz tückische Wirkung. Aber auch dafür war der Stadtgarten ein angenehmer Ort. Man lag, statt in der Schule zu sein, einfach in der Sonne, die Weser plätscherte. Wenn ein Schiff vorbeirauschte, klatschten Wellen an den Strand. Wer zu nahe dran lag, wurde nass, oder was ärgerlicher war, der 'schwarze Krauser'. So konnte man dem Mittag entgegensehen. Ja, man kann Gott auch in der Natur begegnen, das nennen wir doch mal einen angewandten Pantheismus. Mit Tiroler Landwein, Wermut und Kosakenkaffee. Da können wir nur froh sein, dass ihm seine Partei noch eine halbe Theologin zur Seite gestellt hat.

Mittwoch, 22. Mai 2013

Wagalaweia


Ich hatte es ➱hier schon Ende April gesagt, dass Sie an diesem Tag nichts von mir erwarten können. Außer dem hier vielleicht, das lassen wir gerade noch gelten:


Wenn Sie heute feiern wollen, wenden Sie sich doch bitte an diese ➱Adresse.

Dienstag, 21. Mai 2013

Albrecht Dürer


Könnten Sie dieses Aquarell datieren? Wenn Sie jetzt sagen: deutsche Romantik, wäre meine Antwort: netter Versuch. Die richtige Antwort lautet natürlich 1495. In seinem nach mehr als sechzig Jahren immer noch lesenswerten Buch Landscape into Art sagt ➱Kenneth Clark über die Landschaftszeichnungen und Landschaftsaquarelle Dürers:

The curiosity about the precise character of a particular spot, which was a part of the general curiosity of the fifteenth century, culminated in the topographical water-colours of Dürer. They begin in 1494 with some drawings which, in their earnest desire to give every available fact, are almost like the work of a Sunday painter. But a few months later Dürer produced the water-colour of Innsbruck, now in the Albertina, which is not only the first portrait of a town, but shows a delicate perception of light. The drawings of the Castle of Innsbruck done at the same time are pure topography, and are more remarkable for curiosity and dexterity than for those qualities which we nowadays call aesthetic. Yet this curiosity, by its intense concentration, has a compelling effect. 'He holds us with his glittering eye.' We move through the olive grove, and scale to the summit of Arco, led on by the force of Dürer's unfaltering hand. This drawing was done on the way back from Venice in the spring of 1495 and is the first of a series of water-colours which not only show Dürer's phenomenal skill, but are timeless. In his figure drawings he mastered, almost too completely, the idiom of the time. In his landscapes he is the master of all styles and subjects, from rocks, like Cezanne's quarry, to visions of poetical solitude that strangely anticipate the sentiment of the nineteenth century.

Das ist es: strangely anticipate the sentiment of the nineteenth century. Diese Skizzen sind zeitlos, sind etwas ganz anderes als diese Betenden Hände (ein Symbol gelebter Frömmigkeit), der Feldhase und Ritter, Tod und Teufel - und was sonst noch so früher in den deutschen Wohnzimmern hing. Bei uns im Hause hing auch eine Reproduktion von Ritter, Tod und Teufel. Als ich klein war, habe ich mich vor diesem Bild gefürchtet. Wie vor dem Rübezahl von ➱Moritz von Schwind.

Ich habe in meinem Leben erst einmal einen Bogen um Dürer (der 21. Mai 1471 geboren wurde) gemacht. Na ja, es ging nicht ganz. Wenn man in Bremen nach dem Krieg groß wurde, dann wusste man natürlich, was die Bremer Kunsthalle im Krieg alles verloren hat. War es um ➱Emanuel Leutzes Washington Crossing the Delaware schade? Um die verloren gegangen Werke von Dürer - vierzig Handzeichnungen sowie zahlreiche Druckgrafiken und drei Gemälde - die man dank des Weitblicks des Senators Hieronymus Klugkist seit dem 19. Jahrhundert besaß, war es auf jeden Fall schade. Darüber redete man damals schon. Tut man heute immer noch, weil man inzwischen weiß, wo manche dieser Kunstwerke sind. Restitutionsverhandlungen heißt das eine Schlagwort. Baldin Sammlung das andere.

Dieser Dame sollte Bremen dankbar sein. Sie heißt Anne Röver-Kann, sie hat im letzten Jahr in einer ➱Ausstellung gezeigt, was Bremen alles von Dürer besessen hat. Die Kustodin des Kupferstichkabinetts konnte von großem Glück sprechen, dass die ehemaligen Kunsthallendirektoren Gustav Pauli und Emil Waldmann das Bremer Archiv so gut pflegten. Man hatte rechtzeitig von den Beständen Lichtdrucke angefertigt, die man dann (wie das Bild der Ansicht von Trient ganz oben) diesem kleinen Zusatz seit 1945 vermisst versehen konnte. Zu der Ausstellung ist bei Hirmer der Katalog Dürer-Zeit: Die Geschichte der Dürer-Sammlung in der Kunsthalle Bremen erschienen.

Obgleich ich Dürer als Thema im Rigorosum wählte, obgleich ich Fedja Anzelewskys 1971 erschienenen Katalog besitze, obgleich ich Panofskys ➱Dürer Buch gelesen haben, obgleich ich beinahe alle Kupferstiche und Holzschnitte einmal in der Hand hatte (man durfte sie in die Hand nehmen, aber nur mit weißen Baumwollhandschuhen), mag ich Dürer nicht so besonders. Ich mag Albrecht Altdorfer, ich mag ➱Adam Elsheimer, aber Dürer mit seiner kalten Schönheit bleibt mir fremd. Neben Grünewald oder auch nur neben Altdorfer erscheint er furchtbar trocken und arm. Es kommt hier zu Tage daß sein Verhältnis zur Farbe doch der natürlichen Wärme entbehrte, hat Heinrich Wölfflin gesagt. Vielleicht ist es bei mir aber auch eine gewisse Antipathie, weil um sein Werk immer so ein Gewese gemacht wurde.

Das ganz schlimm im Jahre 1971 war, als der fünfhundertste Geburtstag des Malers anstand. Wenn die die Berichterstattung aus der ➱Zeit und dem ➱Spiegel lesen, können Sie einen Eindruck von dem bekommen, was beinahe zu einer nationalen Hysterie ausartete. Auf deren Höhepunkt die Stadt Nürnberg ein Überflugverbot für Bundeswehr Starfighter aussprach. Ich habe mich damals an einem studentischen Essaywettbewerb zum Thema Dürer beteiligt, habe aber keinen Preis gewonnen. Ich bekam meinen Essay mit einem leicht indignierten Brief (to say the least) der Ausstellungsleitung zurück.

Man mochte das wohl nicht so gerne, dass ich daran erinnerte, dass die Albrecht Dürer Stadt auch einmal die Stadt der Reichparteitage war und dass wir Deutschen ein klein wenig pathologisch sind, weil wir Dürer immer nur in den Kategorien des Nationalen, des Deutschtums sehen können. Statt ihn im Zusammenhang mit der europäischen Kunst zu sehen. Denn dieses Selbstbildnis zum Beispiel hat etwas von den Italienern der Renaissance an sich. Er war gerade in Italien, jetzt will er zeigen, dass diese italienische grandezza auch beherrscht. Selbstverliebt arrogant blickt er uns an, alles ist mit einer photorealistischen Detailversessenheit gepinselt, wir können die Nähte im Leder der Handschuhe erkennen. Ich kann es genau so gut wie die Italiener, sagt uns sein Blick. Aber auf das Bild schreibt er: 1498. Das malt' ich nach meiner Gestalt. Ich war 26 Jahr' alt. Die Renaissance ist ein europäisches Phänomen, da scheint es absurd zu glauben: Neben der Fülle und Nahrhaftigkeit Grünewalds wirkt sein [i.e. Dürers] Künstlertum als einseitig und manchmal fast als gelehrt-akademisch, und sein Kultus der italienischen Form scheint den angeborenen deutschen Charakter in unheilvollster Weise bei ihm untergraben zu haben.

Ist uns dieses Bild lieber, weil es so deutsch ist? Wenn wir nicht wüssten, dass es von Dürer ist, könnten wir es auch für ein Werk von  Grandma Moses halten (drawings which, in their earnest desire to give every available fact, are almost like the work of a Sunday painter). Da lobe ich mir doch das welsche Selbstportrait, das mit großer Könnerschaft gemalt ist. Irgendwann musste es kommen, dass jemand schrieb: daß aus deinen Werken deines Volkes Charakter spricht, dieses Volkes schlichter Sinn, und keusche Sitte, und tiefes Gemüth, und emsiger Fleiß, das ziehet uns zu dir hin ; darum heißest du der Vater der Deutschen Malerei. und darum wird man dich bewundern, solange die Geschichte die Tugenden Deutscher Nation kennet. Den Sohn des Vaterlandes, des Volkes treues Abbild, verehren wir in dir. Heil! Dreimal Heil Dir!

Wenn Sie jetzt glauben, dass hier ein Kunstdemagoge der Nazis spricht, muss ich Sie leider enttäuschen. Das ist aus einer Rede eines Nürnberger Pfarrers namens Johann Christoph Ernst Lösch im Jahre 1831. Einen Nazi hätte ich natürlich auch noch im Repertoire, einen, der den Schöpfer von Ritter, Tod und Teufel als deutschesten aller deutschen Künstler (das hat Emil Nolde auch mal für sich beansprucht) pries und angesichts des Kupferstichs sagte: Treue zu wahren, wenn es auf alles ankommt und die Gefahr von allen Seiten lauert, so wie auf dem Blatt des großen Nürnbergers, hindurchzuschreiten, unerschüttert und unerschütterlich, und an die große Sache zu glauben, dafür zu kämpfen und einzutreten – das ist eine stolze Tugend, die den Mann ziert und die Ehre der Frau und der Jugend ist!

Oder bei einer anderen Gelegenheit: Der Führer ist in diesem Kampf wahrhaft jenem Ritter gegen Tod und Teufel auf dem Stich von Albrecht Dürer zu vergleichen. Wir müssen durch diese Hölle von Widerständen, Belastungen und Gefahren hindurch, ehe wir am Ende des ... des Weges wieder das Freie gewinnen und klare Luft atmen können. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß uns das gelingen wird... Natürlich spricht hier der Kunstfreund Joseph Goebbels. Die Nazis haben Dürer vereinnahmt, wie sie Caspar David Friedrich vereinnahmt haben.

Gut, das ist lange vorbei, aber irgendetwas scheint bei uns nicht zu verdrängen sein, diese Suche nach dem deutschen Wesen, an der sich jeder beteiligen kann. So wie Thomas Mann im Jahre 1928: An Dürer denken heißt Lieben, Lächeln und Sicherinnern. Es heißt: Besinnung auf Tiefstes und Überpersönlichstes, das außer- und unterhalb liegt der fleischlichen Grenzen unseres Ichs, es aber doch bestimmt und ernährt. Warum lässt man noch 1959 einen Nazi wie Hans Jantzen den Dürer Artikel in der NDB schreiben? Und so können wir dann lesen: Dürers Name besitzt für unsere Vorstellung von der deutschen Kunst um 1500 symbolhaften Klang, obschon sein Schaffen keineswegs die einzige Seite deutscher Kunst darstellt. Doch erscheint die schöpferische und ringende Kraft jener Epoche deutscher Kunst in keinem anderen Künstler so zusammengefaßt wie bei Dürer.

Das alles ist das, was ich oben mit Gewese meinte. Wenn Franz Winzinger im Dürerjahr 1971 seinen Dürer Band in der Rowohlt Bildmonographien Reihe mit dem Satz Im Werk Albrecht Dürers ist es am anschaulichsten ausgesprochen, was deutsche Kunst, ja, was deutscher Geist überhaupt ist beginnt, dann hat er wirklich nix dazugelernt.

Glücklicherweise wurde ihm das auch von der Zeit um die Ohren gehauen: Man kann nur annehmen, daß die Entscheidung über eine Veröffentlichung des Buches Albrecht Dürer in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten von Franz Winzinger von freundschaftlicher Verbundenheit mit dem Autor oder ähnlichen karitativen Gefühlen, jedenfalls nicht von Sachkenntnis oder wissenschaftlichen Verantwortung beeinflußt wurde. Anders wäre die Tatsache, daß 1971 ein solcher Text gedruckt werden kann, nicht zu verstehen. Und wenige Zeilen später: Wenn Winzinger im folgenden schreibt, er wolle versuchen, „neue Wertungen zu finden“, aber im ganzen nur das wiederholt, was ab 1871 und besonders nach 1933 schon deutlich genug gesagt worden ist, dann ist dies – symptomatisch für den ganzen Text – eine hohnvolle Diskrepanz zwischen Anspruch und Leistung. Sie sollten sich das Vergnügen machen und die ganze Rezension von Werner Fud hier lesen. Ich kannte das Buch von Winzinger noch nicht, als ich damals meinen Essay für die Dürerstadt Nürnberg schrieb, aber diese Rezension, die hätte ich auch geschrieben. Rowohlt hat den Band inzwischen durch einen neuen von Johann Konrad Eberlein ersetzt, das hat aber dreißig Jahre gedauert. Man trennt sich ja so ungern vom deutschen Wesen.

Und dafür hätte ich dann noch ein schönes Beispiel (ich lasse heute nichts aus): Hermann von Lingg in seinem Fest-Prolog (in ➱Schlußsteine) zum vierhundertsten Geburtstag von Dürer

Im Donner eines Niagarafalles
Ertönt der Menschenruf wie Geisterlaut,
Und in ereignißreicher Zeit ist Alles
Bedeutungsvoll - da - gleichsam eingebaut -
Wird jeder Tag als Denkstein angeschaut,
Als Träger ihres mächt'gen Widerhalles,
Und wenn die Heldengräber offen liegen,
Dröhnt auch der Vorzeit Gruft, und jedesmal
Sind ihr die großen Schatten auch entstiegen,
Um deren Stirne glänzt ein Götterstrahl.

So wollen wir es nicht für Zufall halten,
Für nur willkomm'ne Festgelegenheit,
Daß von den altehrwürdigen Gestalten
Der nunmehr auferstand'nen Kaiserzeit
Als Erster Albrecht Dürer uns begegnet,
In dieser Feier uns entgegentritt,
Der von der deutschen Muse reich gesegnet,
Als Erster neue Bahnen auch beschritt,
Ja, daß es Dürer ist, der Mann gerade,
Der deutsches Wesen so getreu in sich
Und seinen Werken zeigt, der rauh'ste Pfade
Durchmaß, den Größten nahe war und glich.
So zart und kräftig, innig mild im Herben,
Im strengen Ernst so voller Freudigkeit,
So sehn wir ihn im Sinnen und Erwerben,
Im Schaffen und im Leben wie im Sterben,
Ein reines Urbild deutscher Tüchtigkeit.


Das geht jetzt noch sechs Strophen so weiter, aber für heute ist das genug.

Sonntag, 19. Mai 2013

Nicolas Freeling

Heute vor 199 Jahren hat Napoleon den militärischen Rang eines Marschalls von Frankreich wieder eingeführt. Und gleich achtzehn Generäle zu Maréchaux d'Empire ernannt. Generäle, die nicht mehr im aktiven Dienst waren, wie zum Beispiel François-Christoph Kellerman, wurden Ehrenmarschall (ich musste dieses Bild des Helden von Valmy nehmen, ich finde es zu komisch). Ich könnte jetzt natürlich über die napoleonischen Marschälle schreiben, das ahnen Sie schon. ➱A.G. Macdonnell, der das schöne Buch Napoleon and his Marshals geschrieben hat, hat hier schon einen Post. ➱Michel Ney hat auch schon einen Post, Soult auch. Napoleon kommt hier beinahe jede Woche vor. Doch als ich die Sache mit den Marschällen las, war meine erste Assoziation: Nicolas Freeling.

Denn Soult, Kellermann und Ney kommen in einem Kriminalroman von Freeling vor, der The King of the Rainy Country heißt. Der Romanheld ist ein holländischer Polizist namens Van der Valk, der zum ersten Mal 1962 in dem Roman Love in Amsterdam auftrat. Dies war Freelings sechster Van der Valk Roman, er sicherte dem Autor den Edgar Award der Mystery Writers of America. Alle anderen Preise dieses Genres, wie den Golden Dagger der Crime Writers' Association und den Grand Prix de littérature policière hat er auch bekommen. Als The King of the Rainy Country erschien, gab es im Times Literary Supplement (das ja nicht unbedingt ein fanzine für Krimis ist) eine erstaunliche Rezension, aus der ich einmal den Hauptteil zitiere:

In about five years, with five books, Nicolas Freeling has taken the position of preferred English detective writer, at least among those with respect for the genre. Freeling's books are much more than simple thrillers. It would in fact be fair to say that from a melange of existing ingredients he has remade and extended the thriller. There is mystery, not only the mystery of who is doing what but more importantly, who is capable of doing it and why. Then his English is good, unusually good in today's light novel; notice his metaphors and similes, often arresting yet unforced. On place and the feeling of place he is usually excellent. His detective, Van der Valk, is at present head and shoulders above others - a sort of apotheosized Maigret. And finally he has the popular story-teller's gifts, the right pace and the constant satisfaction of controlled expectation. Excitement - this is the important novelty - is integral, not, as with Dorothy Sayers, a knob on the top. Mr Freeling is at the moment the educated man's Ian Fleming.

Nicolas Freeling hat mich durch die sechziger Jahre begleitet, sein Amsterdam war ein Amsterdam, das ich kannte. Ich fand es schade, dass er Van der Valk eines Tages mit dem Roman A Long Silence aufgab. In der Sunday Times schrieb Freelings Kollege Edmund Crispin in einem Nachruf auf Van der Valk: he was the best of all police detectives, quirky yet sympathetic, a professional but still very much an individual: compared with him even Maigret seems scarcely better than two-dimensional. Freeling glaubte, er sei zu weit von Amsterdam entfernt, um noch glaubwürdig über die Stadt schreiben zu können. Er hatte eine neue Detektivfigur, die Henri Castang hieß, aber für mich (wie für viele Leser) blieb Freeling eben dieser Piet Van der Valk. Viele Freeling Fans liefen zu Janwillem van de Wetering über, der just in dem Augenblick, als Freeling seinen Helden in A Long Silence beerdigte, zu schreiben begonnen hatte.

Es gab zahlreiche Verfilmungen, ich lasse jetzt mal die englische ➱Serie mit Barry Foster (links) aus, die beinahe zwanzig Jahre in England lief. Erstaunlicherweise brachte die ARD damals drei sehr gute Filme zustande. Die erste Verfilmung (alle zeigten  Frank Finley als Van der Valk) war von Peter Zadek. Drehbuch Peter Zadek und Robert Muller. Das heißt, dass das Drehbuch von Robert Muller ist, der für Zadek immer die Arbeit machte, zu der Zadek keine Lust hatte. Er schrieb auch das Drehbuch von ➱Ich bin ein Elefant, Madame. Pardon, das war natürlich Zadek. Muller musste sich dann dafür von Zadek in der Autobiographie beschimpfen lassen, aber wen hat Zadek in seiner Autobiographie nicht beschimpft? Muller arbeitete auch mit Zadek unter Hübner am Bremer Theater, dazu kam der 1938 emigrierte Schriftsteller extra aus London. Er schrieb Thomas Valentins Roman Die Unberatenen zu einem erfolgreichen Theaterstück um. Aus dem dann, noch einmal umgearbeitet, Zadeks Ich bin ein Elefant, Madame wurde.

Das Drehbuch zu ➱Van der Valk und das Mädchen (nach dem Roman Gun Before Butter) war nicht der einzige Beitrag zu den Freeling Filmen der ARD, Muller schrieb auch das Drehbuch zu Wolfgang Petersens ➱Van der Valk und die Reichen (und dem dritten Film Van der Valk und die Toten) einem Film, in dem Petersen zeigen konnte, dass er lange vor dem Boot und vor Hollywood sein Handwerk beherrschte. Ich habe den Film (der eine Verfilmung von The King of the Rainy Country ist) schon erwähnt, als ich leicht bösartig über ➱Henning Mankell schrieb. Es war ein Glücksgriff des Fernsehens, dass man als Verkörperung des Piet Van der Valk einen englischen Vollblutschauspieler wie Frank Finlay gewinnen konnte. Verfilmungen von Detektivromanen mit einem bekannten Helden leben von einem Schauspieler. ➱Basil Rathbone als Sherlock Holmes war O. K. Jean Gabin als Maigret auch. Heinz Rühmann als Maigret, nein, das ging nun gar nicht.

Van der Valk war kein armchair detective wie Sherlock Holmes, er war kein Snob wie Lord Peter Wimsey, er war kein exzentrischer Außenseiter. Irgendwie war er der letzte Vertreter der gebildeten Bourgeoisie im Detektivroman. Er konnte (wie John Buchans Richard Hannay) mit dem gesellschaftlichen Unten und Oben. Die Gattin des verschwundenen Millionärs, den Van der Valk in The King of the Rainy Country suchen sollte, könnte ihn eiskalt abwimmeln. Aber Van der Valk hat seinen eigenen Charme:

A woman in a silk housecoat was standing on the steps. Narrow vertical stripes, olive-green and silver-grey.
‘Sorry – I was staring admiring.’ She had his card in her hand which she gave back to him, with a careful slow look of appraisal.
‘That does not matter in the least. Perhaps we will go in here, shall we?’ She opened a door beyond the stairs and waited for him.
‘Please sit down, Mr Van der Valk, and be quite comfortable. You have plenty of time? Good. So have I. Would you like some port?’
‘Not just by myself.’
She gave him a slight smile. ‘Oh no. I like port.’ She did not ring, but went to do it herself.


Erinnert ein wenig an Colin Dexters Inspector Morse, der kann auch gut mit Frauen. Es ist natürlich dieses charmant freche Sorry – I was staring admiring, das die Situation entkrampft. Figure looked quite full; one couldn't tell in a housecoat. Manner polite, even warm. There was a foot in a leather slipper; a glimpse of neat instep and neat ankle. Lot of blood, lot of race, lot of breeding. Sat very upright – convent trained. Van der Valk ist mit seiner Arlette glücklich verheiratet, aber er kann es nicht lassen, Frauen zu beobachten. Überhaupt Menschen zu beobachten, er ist ein guter Beobachter (das teilt er mit Philip Marlowe), von der genauen Beobachtung des Alltags leben Freelings Romane. Das Treffen mit Anne-Marie Marschal wird zu einer Beziehung auf Leben und Tod werden.

Es war ein Merkmal des Detektivromans des Golden Age of the Detective Novel, dass er für ein gebildetes Publikum geschrieben war. Fans von Mickey Spillane werden die Romane von Michael Innes nicht verstehen. Für die Romane des Komponisten Edmund Crispin muss man als Leser ebenso viel Bildung mitbringen, wie für die Romane des Universitätsprofessors ➱Michael Innes - für die Romane von Henning Mankell braucht man allerdings gar keine Bildung mitzubringen. Freelings Romane erschienen zuerst (wie die seiner Kollegen Michael Innes und Edmund Crispin) beim renommierten Verlag Victor Gollancz als Hardcover, danach als Paperbacks bei Penguin (in Deutschland zuerst in Richard K. Fleschs Rowohlt Reihe und danach bei Ullstein).

Und weil unser Autor seinen Helden mit ein wenig Bildung begabt (er lässt ihn auch ständig Anzüge und gute Schuhe tragen), färbt natürlich auch davon etwas auf den Leser ab. Wie zum Beispiel die Kenntnis der Marschälle Napoleons in The King of the Rainy Country: He suddenly recalled, then, a most important thing. He had been shot. He was a soldier in Soult's army, that was it, and that tripehound Soult had left him here to die on the hillside. Er ist kein Soldat in Soults Armee (ich bilde den alten Kunsträuber mal eben hier ab - Sie könnten jetzt noch den netten Post ➱Kunstraub lesen), er ist im Fieberwahn in einer Klinik in Biarritz. Schwer verletzt auf dem Hügel liegend phantasierte er von Robert Jordan mit seinem Maschinengewehr - unser Autor setzt voraus, das wir For Whom the Bell Tolls kennen.

Im Krankenhaus kommt er langsam zu sich: This was the end of the story that had started 'Once upon a time, in a rainy country, there was a king...' The end had not happened in a rainy country, but on a bone-dry Spanish hillside, three hundred metres from where Van der Valk had left a lot of blood, some splintered bone, a few fragments of gut, and a ten-seventy-five Mauser rifle bullet. No one had broken any laws. But a handsome, middle-aged millionaire had disappeared with a naked girl. And Van der Valk was given the job of finding out why. Er hat seine Retter mit Geschichten über den Marschall Soult traktiert. Und ständig Baudelaire zitiert. Das ist Ihnen doch nicht etwa entgangen, dass der Buchtitel The King of the Rainy Country ein ➱Gedicht von Baudelaire zitiert? Je suis comme le roi d'un pays pluvieux, Riche, mais impuissant, jeune et pourtant très vieux, Qui, de ses précepteurs méprisant les courbettes, S'ennuie avec ses chiens comme avec d'autres bêtes... Wenn der deutsche Titel des Romans Bluthund ist, geht natürlich jede literarische Anspielung verloren.

Van der Valk wird die Schußverletzung überleben. Das Schöne an Van der Valk (und Freeling) ist, dass er nicht ohne Ironie ist. Wie zum Beispiel an einer Stelle wie dieser: And here I am, thought Van der Valk ruefully. I've made every mistake I could have; I haven't been professional; I'm not clever enough, being much too Dutch, to be an amateur, and now, as a fitting climax to so much inefficacity, I'm driving across the whole breadth of France in a hired Renault when, obviously, I should be burning up the highway in James Bond's Aston Martin.

Es ist ein weiter Weg von solch literarischen Detektiven zu einer Figur wie ➱Derrick. Der Schriftsteller, dem wir diese in Deutschland so beliebte Serie verdanken, ist bekanntlich ein willfähriger Gehilfe der Nazis gewesen. Wenn wir mal etwas bessere Fernsehkrimis wie Die Gentlemen bitten zur Kasse brauchen, dann lassen wir sie von einem nach England emigrierten Juden wie Robert Muller schreiben. Herbert Reinecker von der SS Propagandakompanie hat (wie sein Held Derrick, der von einem ehemaligen SS Mann gespielt wurde) einen Wikipedia Artikel, Robert Muller natürlich keinen. Dafür kennt die ➱IMDb wenigstens seine Leistungen. Inzwischen ist es dem Deutschen Historischen Museum gelungen, Reineckers Tätigkeit als ➱Drehbuchautor kritisch zu sehen. Wann erzählt jemand das mal dem Vierten, die letztens schon wieder den Stern von Afrika (Drehbuch Herbert Reinecker) abspulten?

Ich weiß jetzt nicht, wie ich von Nicolas Freeling auf Reinecker und Derrick gekommen bin. Da wollte ich eigentlich nicht hin. Vielleicht sollte ich sagen, dass in der Zeit von Freelings großen Erfolgen auch eine durchaus beachtliche Produktion guter deutscher Krimis entstand. Die Kritik sprach damals schon von Der neue deutsche Kriminalroman. Ich habe das schon in einem Post gesagt, der ➱Tatort heißt. Aber leider muss man auch anmerken, dass diese Autoren von Werremeier bis Bosetzky (der als -ky schrieb) heute schon beinahe vergessen sind. Ebenso wie Nicolas Freeling. Es scheint ein Gesetz der - wie man so schön sagt - Trivialliteratur zu sein, dass sich Qualität nicht durchsetzt. Zwei Jahre, bevor das TLS Nicolas Freeling als educated man's Ian Fleming würdigte, hatte Freeling dort Ian Fleming attackiert. Was einen erstaunlichen Leserbrief zeitigte:

Sir, - I think Mr Freeling (TLS, May 20) is unkind about Ian Fleming - and about many of his readers - because he has misunderstood the nature of the James Bond novels. A few years ago somebody (a don, I believe) described them very aptly as 'comic sex for the literate reader'. They are more than that, of course, for they embody caustic social satire, as well as being masterly examples of good straight writing that many other crime-writers could well use as a model. The publication of paperbacks and the transmogrification into popular films has introduced them to an unsophisticated and rather literal-minded public, some members of which do no doubt use these novels for 'bit of elegant masturbation', to use Mr Freeling's expression. But it is hardly fair to condemn Ian Fleming for this, for many respectable books, from the Bible onwards, have been misused in the same way.

Nicolas Freeling ist von den englischen quality papers seit Beginn seiner Karriere als Romanautor ernstgenommen, er wurde nicht mit dem Stempel Krimi-Autor versehen. Nur einmal gab es Kritik von Rayner Heppenstall, als der im TLS schrieb: Mr Freeling is a crime writer who often evinces signs of wishes to be thought more than that. Anders urteilte Gero von Wilpert in seinem Lexikon der Weltliteratur: Seine Romane um den holländischen Detektiv Van der Valk werden dem Anspruch gerecht, es dürfe keinen Unterschied geben zwischen einem guten Roman und einem Kriminalroman. Der Guardian schrieb 2003 in seinem Nachruf auf Freeling: But the question remained as to whether he was really a crime writer or a straight novelist who chose to use crimes as a forcing house in which to examine questions of personality, propensity, even national characteristics, under abnormal conditions.

Es ist nicht nur ein weiter Weg von Van der Valk zu Derrick, es ist auch ein weiter Weg, bis die Kriminalliteratur nicht mehr so aussah wie auf diesem Cover. Sondern in den Leinenbänden des Gollancz Verlages mit dem quietschegelben Schutzumschlag präsentiert wurde. Doch die Distinktionen zwischen crime writer und straight novelist scheinen unaufhebbar zu sein. Raymond Chandler brachte es auf den Punkt, als er von To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment redete.

Graham Greene hatte einen eleganten Weg gefunden, indem er Romane wie The Ministry of Fear als entertainment bezeichnete, gab aber diesen Begriff im Laufe seiner Schriftstellerkarriere langsam auf. Als die ersten Freeling Romane erschienen, schrieb der Dichter Cecil Day Lewis (der als Nicholas Blake Detektivromane schrieb) im Vorwort zu dem Nicholas Blake Omnibus: but detection writers do sometimes get impatient at composing what are, after all, no more than elaborate puzzles: we yearn to explore at greater depth the behaviour of people under abnormal stress. This is of course dangerous, in so far as it is an attempt to write a realistic novel of character, centred upon a crime: few of us are equipped to undertake this fairly sombre task. Vielleicht hätte Freeling Küchenchef bleiben sollen, mit seinen Büchern, die The Kitchen (1970), Cook Book (1972) und The Kitchen and the Cook (2002), hätten wir nicht diese Probleme der literarischen Einordnung.

Wir sind in der Frage der Bewertung des Kriminalromans nicht viel weiter gekommen, seit Joseph Wood Krutch (der ja mit Edgar Allan Poe: A Study in Genius 1926 eins der ersten ernstzunehmenden Bücher über ➱Poe schrieb) in seinem vielzitierten Artikel Only a Detective Story im Jahre 1944 sagte: Only a detective story' is now an apologetic and depreciatory phrase which has taken the place of that 'only a novel' which once moved Jane Austen to unaccustomed indignation. Professor Krutch hat eine Vielzahl von schönen Gründen für die Lektüre von Detektivromanen, von denen ich mal eben einige aufliste. Falls Sie nach Argumenten suchen, um ihre Lektüre von Krimis zu rechtfertigen:

But no one feels any compulsion to read a detective story. Few discuss what they have read with their neighbors. These books are read for pure pleasure, and there is certainly some significance in that fact ... Perhaps instead of saying that the detective story follows a formula we should say that it has FORM, and perhaps we should go on from that to wonder whether this very fact may not be one of the reasons for its popularity at a time when the novel, always rather loose, so frequently has no shape at all ... And while I am very far from suggesting that any of the detective stories that I have read are HAMLETs or EMMAs, I am suggesting that the fiction writer is in some ways better off and more successful when his public regards the reading of his works as a dubious self-indulgence than when the reading is regarded as a cultural duty.

Ich wünsche allen meinen Lesern ein frohes Pfingstfest.

Freitag, 17. Mai 2013

Ossessione


Jean Renoir hatte dem filmverrückten jungen italienischen Adligen Conte Don Luchino Visconti di Modrone den Roman The Postman Always Rings Twice geschenkt. Und der hatte, kaum war er von einer Amerikareise (mit einer Stippvisite in Hollywood) zurückgekehrt, sofort mit der Verfilmung begonnen. Um das Copyright hat er sich nicht gekümmert. Wie sollte er auch, Italien unterhielt keinerlei Beziehungen zu den USA. Eine amerikanische Verfilmung gab es noch nicht. MGM hatte die Rechte noch nicht gekauft, Tay Garnetts The Postman Always Rings Twice war noch nicht gedreht.

So oder so ähnlich steht es in jedem Filmlexikon, und dabei wird immer etwas unterschlagen. Es ist nicht der Originaltext von James Mallahan Cain, den Visconti von Renoir erhält. Jean Renoir, bei dem er als Assistent arbeitet (das hatte ihm Coco Chanel vermittelt) und dessen Kino er verehrt, überlässt ihm die maschinengeschriebene Fassung einer französischen Übersetzung, die er selbst von Julien Duvivier (der Mann, der ➱Pépe le Moko gedreht hatte) erhielt. Und auf dieser Basis entstand in Frankreich der Film ➱Le dernier tournant von Pierre Chenal. Visconti hat den Film 1939 gesehen, er hat ihn nicht unbeeinflusst gelassen, das wird aber von der Filmkritik immer ein klein wenig unterschlagen.

Heute vor siebzig Jahren wurde sein Film Ossessione zum ersten Mal aufgeführt. Und verschwand sofort wieder aus den Kinos. Der Film wurde dann in einer gekürzten und zensierten Fassung gezeigt, wahrscheinlich ist es diese Version gewesen, die 1959 in Deutschland gezeigt wurde. Sie war vierzig Minuten kürzer als das Original. Es waren nicht die Anwälte von James Mallahan Cain, die das bewirkten, nein, es war die italienische Zensur. Da konnte ihm auch der Sohn Mussolinis Vittorio nicht helfen, mit dem (und mit Federico Fellini und Roberto Rossellini) Visconti den salotto, eine Art Salon der Filmemacher gegründet hatte. Hätte er seinen Film gleich mit dem leidenschaftlichen Titel Ossessione bei der Direzione Generale per la Cinematografia des Kultusministeriums eingereicht, hätte er vielleicht gar nicht erst die Drehgenehmigung bekommen. Aber bei der Erteilung der Genehmigung am 26. Januar 1942 hieß der Film noch Palude, das Moor ist ja ideologisch unverdächtig.

Das mit dem Moor ist aber schon ein Hinweis auf die Bedeutung der Landschaft im Film. ➱Michelangelo Antonioni hatte 1939 in einem Artikel Per un film sul fiume Po erklärt I need only say that I would like a film with the Po as the central character, in which the spirit of the river would provide the interest of the film. Er hat diesen Film (Menschen am Po / Gente del Po) 1943 gedreht, der Film kam aber erst nach dem Krieg in die Kinos. Die Po Ebene ist ja immer wieder Schauplatz für italienische Filme gewesen, von Ossessione, Gente del Po und ➱Bitterer Reis über Antonionis Meisterwerk ➱Il Grido bis zu seinem späten Film Die rote Wüste. Die Personen in Ossessione sind Gefangene der Landschaft, ähnlich wie die Romanhelden von ➱Thomas Hardy. ➱Hippolyte Taines Formel race, milieu, moment gilt auch für den italienischen Neorealismus.

Zum Film brachte mich vor allem der Drang, Geschichten von lebendigen Menschen zu erzählen, von lebendigen Menschen, die inmitten der Dinge lebendig sind, nicht von den Dingen an sich. Das Kino, das mich interessiert, ist ein anthropomorphes Kino.Das schreibt Visconti in seinem manifestartigen Artikel ➱Das anthropomorphe Kino wenige Monate nach der Erstaufführung von Ossessione in der Filmzeitschrift Cinema. Die Zeitschrift Cinema war 1936 gegründet worden, die Filmzeitschrift Bianco et Nero 1937, hier wird jetzt das neue italienische Kino theoretisch fundiert, die Periodika sind, wenn man so will, Zeitschriften des Widerstands. Allerdings muss man auch sehen, dass Visconti mit seinem Manifest des neuen Films vorsichtshalber abgewartet hat, bis Mussolini abgesetzt war und die Italiener mit den Amerikanern einen Waffenstillstand vereinbart hatten.

Die lebendigen Menschen, von denen Visconti spricht, sind noch nicht die Menschen von Il Gattopardo. Graf Visconti, Sohn eines Herzogs, interessiert sich jetzt in seinem Drama von Landschaft, Liebe und Leidenschaft für den einfachen Menschen. Bevor er Renoirs Regieassistent wurde und in Paris mit dem Marxismus in Berührung kam, hatte er Rennpferde gezüchtet. An die große Welt des Adels als Gegenstand des Films, an Filme wie Il Gattopardo oder die Verfilmung von Proust, denkt Visconti noch nicht, ein gewisser Populismus zeichnet den neorealistischen Film aus. Es ist allerdings ein anderer Populismus als das von Frank Capra (einem gebürtigen Italiener) in Hollywood zelebrierte ➱Cinema of Populism.

Mich interessieren allein Extremsituationen und die Augenblicke, in denen eine außerordentliche Spannung die Wahrheit aus den Menschen hervorlockt. Ich liebe es, die Figuren einer Geschichte sowie ihren Inhalt hart und aggressiv anzugehen. Es ist ein Realismus, der das Publikum schockiert: Viele der in Pelze gekleideten Frauen zitterten vor Schrecken und Entsetzen, sagt Visconti nach der einer Vorführung für ein ausgewähltes Publikum.  Dieser Blick in das wahre Italien und den Abgrund menschlicher Leidenschaften ist nichts für die Schickeria des italienischen Faschismus. Man will Unterhaltung und ein Happy Ending, das ist man von der faschistischen Unterhaltungsmaschine gewöhnt (in Deutschland ist das nicht anders), man will nicht den Tod am Ende des Films.

Vor dem Neorealismus hatte allein der französische Film, man denke an die Filme von Marcel Carné (photographiert von Eugen ➱Schüfftan) mit Jean ➱Gabin einen Realismus im Film zustande gebracht, wenn es auch ein réalisme poétique (machnmal auch merveilleux social genannt). Aber das poetische Element fehlt bei Visconti, obgleich Aldo Tontis Kameraarbeit sicherlich exzellent ist. Visconti hat den Film selbst finanziert, hat das Drehbuch zusammen mit Giuseppe De Santis (der später Bitterer Reis drehte) und drei anderen geschrieben. Sein Realismus ist eher der Realismus von Jean Renoirs Film ➱Toni, obgleich Renoir selbst bezweifelte, dass sein Einfluss auf den italienischen Neorealismus wirklich so groß gewesen sei. Das Szenenphoto oben ist aus Renoirs Toni, es könnte genau so aus Viscontis Ossessione sein.


Visconti hat für Renoirs Film Une partie de campagne die Kostüme entworfen. Damit kannte er sich aus, er hatte einen Sinn für schöne Kleidung und war sicherlich sein Leben lang einer der elegantesten Männer Italiens. Wenn er jetzt auch mit dem Marxismus flirtet, wird er seinen aristokratischen Lebensstil niemals aufgeben. Jean Renoir hat bei den Dreharbeiten zu Une partie de campagne nicht nur den Regieassistenten Luchino Visconti. Andere neben ihm werden ebenso berühmt werden: Jacques Becker, Henri Cartier-Bresson und Yves Allégret. 1940 arbeitet Visconti noch einmal mit Renoir zusammen, bei einem Film der La Tosca heißt. Das lasse ich jetzt mal weg, will aber nicht vergessen zu erwähnen, dass ➱Ferrucio Tagliavini darin singt.

Tay Garnett hat Viscontis Film nicht gekannt, als er The Postman Always Rings Twice drehte. Er war seit 1928 Regisseur, er machte das, was das Studio von ihm wollte. Vincent Canby hat in der New York Times gesagt: Comparing the Visconti 'Ossessione' with the Garnett 'Postman' is to stand a production of 'Traviata' next to a McDonald's television commercial, which is not meant to underrate the American film, which is as effectively steamy, tough and terse.

Und wenn wir das Bild von Lana Turner und John Garfield (oben) im Vergleich zu den anderen Paaren auf dieser Seite (links ein Bild aus Le dernier tournant) betrachten, können wir natürlich sehen, dass der Hollywood touch dem working class Ambiente des Romans nicht so recht steht. Als ich den kurzen Roman von James Mallahan Cain zum ersten Mal las, hatte ich bei der hellcat Cora niemals Lana Turner vor meinem geistigen Auge. Man denkt ja beim Lesen häufig schon in filmischen Kategorien und besetzt die Romanfiguren mit lebenden oder toten Filmschauspielern. Auch als ich den Roman zum zweiten und dritten Mal las, kam mir Lana Turner nie in den Sinn. Aber es ist wie es ist, in Tay Garnetts Version von The Postman Always Rings Twice hat sie nun mal die Hauptrolle. Das mit dem McDonald's television commercial gefällt mir natürlich, aber ganz so schlecht ist der Film auch nicht. Mehr über James Mallahan Cain und The Postman Always Rings Twice gibt es ➱hier im Blog. 

Es gab am 17. Mai 1943 noch andere Ereignisse als die Uraufführung von Ossessione. Eins stand schon vor zwei Jahren in diesem Blog, lesen Sie doch einmal ➱Talsperren.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Mireille Darc


Also, dieses Photo wird ihrer Leistung als Schauspielerin nicht gerecht, dieses Szenenphoto aus Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh ist wohl nur eine Illustration der Weisheit Ein schöner Rücken kann auch entzücken. Es ist auch nicht das erste Mal, dass sie ein solches Kleid trägt. In dem Film ✺Mordrezepte der Barbouzes trägt sie mehrere solcher Kleider. Als der Film Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh  1972 in die Kinos kam, war das Kleid von Guy Laroche eine Sensation und machte sie zum internationalen Star. Dass die Frau, die vorher eine Schauspielschule mit Auszeichnung besucht hatte, schon ein gutes Dutzend Filme gedreht hatte, schien keiner gemerkt zu haben.

Jetzt wurde sie zum Sexsymbol des französischen Films. Es gab noch andere französische Blondinen, die Sexsymbole waren, aber die hießen Brigitte Lahaie, Jane Baker oder Marianne Aubert und spielten meisten blonde Schwedinnen in deutschen Filmen, die Sechs Schwedinnen von der Tankstelle oder Sechs Schwedinnen auf der Alm hießen. Das lassen wir mal lieber weg. Irgendwie fand ich den Titel Gentlemen prefer Blondes von Anita Loos immer etwas ironisch. Hübschen Blondinen im Filmgeschäft scheint es vorbestimmt zu sein, eine Gratwanderung zwischen kommerziellen Filmen und Softpornos zu unternehmen. Oder sie drehen wie Catherine Deneuve (die 1965 im Playboy war) mit Louis Bunuel Belle de Jour, das ist dann natürlich Filmkunst.

Die größte Gefahr für Blondinen ist es, ein Opfer der lüsternen Skandalpresse zu werden. Vor allem, wenn man wie Mireille Darc auch noch fünfzehn Jahre mit Alain Delon zusammenlebt. Aber da ist in Frankreich etwas Seltsames geschehen: die Presse respektierte ihr Privatleben. Brigitte Bardot mochte den Film Vie Privée, den Louis Malle mit ihr drehte, als ein Stück Autobiographie empfunden haben, für Mireille Darc galt das ✺Deshonorée, über das sie 1965 sang, nicht.

Sie ist nicht am Leben zerbrochen wie Marilyn Monroe. Sie hat alles überlebt, die Trennung von Delon, einen Autounfall, eine Herzoperation. Sie hat Chansons gesungen und im Alter Dokumentarfilme gedreht. Sie war (wie Marilyn) wunderbar in Komödien. Wie zum Beispiel ✺Ne nous fâchons pas (mit ➱Lino Ventura) oder ✺Fantasia chez les ploucs, aber sie hat auch in einem Film der Nouveau Vague mitgespielt. Und falls das Fernsehprogramm heute Abend (nach München 7 im Ersten) nichts mehr bietet, hätte ich hier Godards ✺Week-end von 1967 im Angebot.

Mireille Darc hat heute Geburtstag, dazu möchte ich herzlich gratulieren. Ihren Ex Alain Delon sieht sie noch ab und an. Für die Stiftung + de Vie sind die beiden in einem ✺Fernsehspot aufgetreten. Hier halten die beiden Jurymitglieder bei der Wahl der Miss France 2012 Händchen. Im Jahr zuvor hatte Alain Delon bei der Beerdigung von Annie Girardot auch schon Mireilles Hand gehalten. Irgendwie ist es rührend.