Donnerstag, 20. Juni 2013

Familiengeschichte


Ich habe es selbst nicht gelesen, da ich mit allem Belletristischen außerordentlich zurückhaltend war und nur Bücher las, von denen es meine Frau es für wichtig hielt und für einen persönlichen Gewinn, wenn ich sie lesen würde, schreibt ➱Theodor Heuss im Jahre 1957 einer Dame, die ihm das Buch Das Herz ist wach geschickt hatte. Und er fügt noch hinzu: Mit der Verfasserin selber bin ich gut bekannt gewesen, und sie hat es mir gar nicht übel genommen, daß ich ihre Bücher nicht las. Heuss erwähnt in seinem Brief noch einen zweiten Roman der Autorin, der Die Geschichte der Tilmansöhne heißt, über den möchte ich gerne einige Zeilen verlieren. Ich habe ihn gerade beim Aufräumen wiedergefunden.

Vor Jahrzehnten bekam ich eine briefliche Anfrage eines Freundes, ob ich ihm etwas zu dem Autor Mervyn Brian Kennicott und seinem Roman Die Geschichte der Tilmansöhne sagen könnte. Das sei ein Buch, das in seiner Anglophilie für uns Bremer eine wunderbare Lektüre sei. Ich brauchte einige Zeit, um herauszufinden, wer dieser Mervyn Brian Kennicott war. Heute mit dem Computer kann man die Frage in Sekunden lösen, das ist das Schöne an der schönen neuen Welt. Oder auch nicht, auch mit dem neuen Wundergerät Computer stehe ich vor dem gleichen Lebenspuzzle, vor dem ich damals mit den Recherchemöglichkeiten einer Universitätsbibliothek stand. Eine einfache Antwort habe ich aber doch: Es gibt keinen wirklichen Mervyn Brian Kennicott, der Name ist das Pseudonym der Freiin Gertrude Ida Maria von Sanden-Tussainen.

Auf diesem Landsitz in Ostpreußen wurde sie 1881 geboren, damals gehörte der Familie noch riesiger Grundbesitz. 1897 hat sie in England ein Gartenbau College besucht, für eine Junkerstochter sicherlich eine nützliche Ausbildung. Obgleich den Herren auf Tussainen seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Pferdezucht näher lag als die Landwirtschaft. Gertrude von Sandens Halbschwester Susanne von Baibus hat sich in ihrem Buch Das Paradies an der Memel an die unbeschwerte Jugend auf Tussainen erinnert (kommen auch viel Pferde drin vor). Was den Gartenbau betrifft, so sind die Engländer ja sicher seit den Tagen Capability Browns die erste Adresse. Und die junge Gertrude von Sanden erfährt ihre Ausbildung bei der größten Kapazität für englische Landhausgärten der damaligen Zeit, der Malerin Gertrude Jekyll (was wäre die arts and crafts Architektur ohne die?)

Gertrude von Sanden wird auch Jekylls Buch Wood and Garden (➱hier im Volltext) ins Deutsche übersetzen und mit einem Vorwort versehen. Das Buch erschien als Wald und Garten: Praktische und kritische Anmerkungen und Gedanken eines arbeitenden Amateurs 1907 bei Julius Baedeker in Leipzig. Und die Hunderte von Gartenjournalen, die Die Liebe zum Garten ist ein Same, der, einmal gesäet, nie wieder stirbt, sondern weiter und weiter wächst - eine bleibende und immer voller strömende Quelle der Freude zitieren, sollten einmal vermerken, dass die Übersetzung von Gertrude von Sanden ist. Im gleichen Jahr, in dem ihre Übersetzung erscheint, heiratet sie einen George Meredith Ashton Hamer, der Offizier in der britisch-indischen Armee ist. Mit ihm wird sie längere Zeit in Indien leben. Major Hamer bekommt bei dem britischen Mesopotamien Feldzug den DSO Orden und wird in den zwanziger Jahren zum Colonel befördert.

Aber da scheint die Ehe der beiden zu Ende zu sein (mehr kann ich leider nicht herausfinden). Gertrude Hamer kommt wieder nach Deutschland und zieht mit ihren Töchtern Isabel und Kathleen (und Kathleens Kinder) zu ihrer Freundin Gertrud Bäumer nach Schlesien. Weit weg von Berlin und den neuen Machthabern, aber irgendwie immer noch standesgemäß: in die gemietete obere Etage des Schlosses Gießmannsdorf. Ihre Tochter Isabel, die ihrer Mutter aus England nachgefolgt ist, arbeitet in den dreißiger Jahren als Sekretärin von Gertrud Bäumer. Das Schloss wurde jetzt ein echter Musensitz, ein Heim offener Gastlichkeit und eine Zuflucht für viele Freunde, eine Stätte unablässiger geistiger Arbeit und beschwingten Lebens in Natur und Kunst, so Emmy Beckmann in einer Schrift zum achtzigsten Geburtstag von Gertrud Bäumer.

Für Gertrud Bäumer (Bild) ist der Umzug nach Gießmannsdorf ein Schritt in ein neues Leben: Ich weiß, daß ich mich auch wieder in die andere Lebensform des ‚freien‘ Schriftstellers hineinleben werde, obgleich die ‚Freiheit‘ heute eine sehr zweifelhafte Sache ist. Vielleicht haben wir, die wir alle ersten Versuche auf einmal machen mußten, darüber das Persönliche ein bißchen zu sehr versäumt. Jetzt kommt eine Zeit, in der man ganz einfach seelsorgerisch aus persönlicher Verbundenheit arbeiten muß, das Äußere wird unwichtiger, weil man da nicht viel wird machen können, schreibt sie 1933 an Emmy Beckmann. Es ist auch ein Schritt in die innere Emigration. In all dem Trubel dieser WG aus Schriftstellerinnen und Frauenrechtlerinnen, Kindern, Enkelkindern und Gästen ist Gertrude Hamer der ruhende Pol. Sie war der selbstloseste und großmütigste Mensch, den ich gekannt habe, und doch dabei allem Schönen des Lebens so besonders aufgeschlossen. Die letzten Jahre ist sie aufgegangen in der Sorge um ihre Tochter und die Kinder - freudig aufgegangen, aber doch zu ihrem eigentlichen persönlichen Leben nicht gekommen. Ihr ist damit etwas vorenthalten geblieben — und man hat das Gefühl. daß der Tod als Feind gekommen ist, hat ihre Freundin Getrud Bäumer über sie gesagt. Man sollte hinzufügen, dass sie in all dem Trubel auch noch zwei Romane geschrieben hat: Das Herz ist wach: Briefe einer Liebe (1934) und Die Geschichte der Tilmansöhne (1937).

Über ihre Tochter Isabel Dorothy Hamer weiß man sehr viel mehr. Sie hat den Verleger Hermann Leins geheiratet, der seine verlegerische Tätigkeit mit dem Kauf des 1913 in Bremen gegründeten Rainer Wunderlich Verlags begann. Nach dem Kriege kamen noch die Verlage C. E. Poeschel und J. B. Metzler zu seiner Verlagsgruppe (dazu kam die Treuhänderschaft über die Deutsche Verlagsanstalt). Damals sind auch alle Bücher von Theodor Heuss und seiner Frau Elly Heuss-Knapp bei ihm erschienen. Und durch die Beziehungen von Gertrude und Isabel Hamer nach England gewann er auch viele britische Autoren. Hermann Leins ist aufrecht durch die Nazizeit gegangen, obgleich er von ihnen in seinen verlegerischen Tätigkeiten erheblich behindert wurde. Er hatte sich geweigert in die NSDAP einzutreten und seinen Verlag gleichschalten zu lassen. Seine Standfestigkeit gegenüber den braunen Machthabern sicherte ihm aber 1945 die erste Verlagslizenz in der französischen Zone.

Seine Erfolgsautoren in den dreißiger Jahren sind Gertrude Hamer (deren Das Herz ist wach erstaunliche Auflagezahlen erreicht) und seine Ehefrau Isabel. Denn Isabel Hamer hatte 1938 einen Roman geschrieben, der aus dem Stand zu einem Bestseller wurde. Er hieß Perdita und war eine bittersüße deutsch-englische Liebesgeschichte. Man kann sie heute immer noch antiquarisch zu einem Spottpreis kaufen, und der Roman lohnt durchaus die Lektüre. Besser als die Hör Zu Romane der fünfziger Jahre, die der Chefedakteur Eduard Rhein unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster schrieb (und sich damit eine schöne Villa am Feenteich in Hamburg leisten konnte), ist dies allemal. Heute ist das Werk von Isabel Hamer völlig vergessen, schließt der Wikipedia Artikel zu Isabel Hamer (der nicht einmal den Namen ihres Vaters richtig schreiben kann). Mit dem völlig vergessen bin ich nicht so sicher.

Der Familienroman ist eine Gattung, bei der Literaturhistoriker immer zuerst an die Marlitt und Hedwig Courths-Mahler denken müssen. Doch es geht auch anders, wie uns Theodor Fontane gezeigt hat. Oder Thomas Mann, der mit den Buddenbrooks den Familienroman aus dem 19. in das 20. Jahrhundert rettete. Und da hat diese Romangattung - literaturhistorisch gesehen - in den zwanziger und dreißiger Jahren durchaus eine Blütephase. 1928 erscheint mit Swan Song der letzte Teil von ➱John Galsworthys Forsyte Saga, gleichzeitig schreibt in Frankreich ein anderer Nobelpreisträger, Roger Martin du Gard, seine Familiensaga Les Thibaults. Und in Deutschland erscheinen mit Gertrude Hamers (=Mervyn Brian Kennicott) Die Geschichte der Tilmansöhne und den Barrings ihres ostpreußischen Landmanns William von Simpson zwei gewichtige Exemplare der Spezies Familienroman. Und dann sollte ich Otto Flake nicht vergessen (zu dem es ➱hier einen Post gibt).

Ich übergebe hier die Geschichte der Tilmansöhne in ihrer letzten von meiner Mutter noch kurz vor ihrem Tod in Aufzeichnungen bestimmten Fassung der Öffentlichkeit, schrieb Isabel Hamer in der Neuauflage von 1955 von Die Geschichte der Tilmansöhne. Dem Jüngsten erzählt. Mich hat der Roman in meiner Jugend nicht erreicht, ich bin erst durch die Anfrage meines Bremer Freundes darauf gekommen. Vielleicht war das gut so, so habe ich ihn mit der Begeisterung des Alters gelesen. Die Geschichte der Tilmansöhne ist der Roman eines deutschen Geschlechts, das, in alle Welt verschlagen, seinen Weg durch die Zeiten geht. Der Weiträumigkeit des Schauplatzes entspricht eine befreiende Wirkung: wir erleben Russland, die Seeluft Ostpreußens, England, Schweden, heißt es im Klappentext. Es ist ein Roman, der von einer großen Liebe zu England geprägt ist, das für die Autorin kein perfides Albion ist. Ein großangelegter historischer Roman, der vor uns eine Familiengeschichte vom 18. Jahrhundert bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts entrollt. Dem Jüngsten der Familie erzählt von seiner Großmutter aus Schweden. Es ist erstaunlich, daß sich ein Roman von einer solchen Liberalität und Humanität überhaupt im Publikationsjahr 1937 halten konnte. Der Roman ist noch bis in die fünfziger Jahre beim Publikum beliebt gewesen, aber dann irgendwie von der Bildfläche verschwunden. Zu Unrecht, es bleibt ein schöner Roman und ein Leseerlebnis.

Die Rezensionen waren damals sehr unterschiedlich. Für die von Will Vesper herausgegebene Zeitschrift Die neue Literatur war es ein umständlicher und unbequem zu lesender 'Roman' (man beachte die Anführungszeichen), der aus einer Reihe von Tagebuchaufzeichnungen einer alten Deutsch-Engländerin, welche zwanglos von diesem und jenem plaudert, bestand. Auch der Schriftsteller Emil Barth urteilte in Die Literatur: Monatsschrift für Literaturfreunde, dass das Buch als künstlerische Form unzulänglich sei. Fuhr dann aber fort: doch braucht man nicht um das Einzelne zu rechten, da sich da« Ganze mit der Schreibelust der Improvisation gibt, wenn sie um das Gleichgewicht der Kräfte und Teile unbesorgt ist. Einige Szenen von echter Erinnerungskraft geben den Grad der dichterischen Möglichkeiten von M.B. Kennicott an. Und Westermanns Monatshefte urteilten: Von der Kennicott ist nun eine romanartige Chronik erschienen: 'Die Geschichte der Tilmansöhne', darin es ebenfalls wieder sehr gebildet, international , freiheitlich, überaus gediegen und, ja, allerdings auch recht umständlich zugeht. Das trifft den Roman sicherlich genau. Nur die nationalsozialistische Satirezeitschrift Die Brennessel sprach in einem Flucht in die Scheinwelt betitelten Artikel von einer unendlich langweilig erzählten Geschichte.

Flucht in die Scheinwelt? Was M.B. Kennicott beschreibt, ist einmal eine reale Welt gewesen. Und gerade die schönsten Romane handeln von einer untergegangenen Welt, Joseph Conrad, Marcel Proust und William Faulkner wären Beispiele. Als eins der ersten Bücher nach dem Krieg verlegte Hermann Leins Hans Löschers Alles Getrennte findet sich wieder (ja, das ist ein Hölderlin Zitat), in dem es heißt: Die Welt braucht die Stillen im Lande. Die Gemeinschaft der Demütigen und Ehrfürchtigen, das ist der geheimnisvolle, fruchtbare Urgrund, aus dem je und je nach unerforschlichen Gesetzen die Befreier der Menschheit steigen. Das ist ein Zitat, das ganz im Geist von Gertrude Hamer ist. Es spricht für die Ehrlichkeit von Theodor Heuss, wenn er sagt: Mit der Verfasserin selber bin ich gut bekannt gewesen, und sie hat es mir gar nicht übel genommen, daß ich ihre Bücher nicht las. Vielleicht hätte er sie doch lesen sollen.

Dienstag, 18. Juni 2013

Captain Gronow


I should observe that just before this charge the duke entered by one of the angles of the square, accompanied only by one aide-de-camp; all the rest of his staff being either killed or wounded. Our commander-in-chief, as far as I could judge, appeared perfectly composed; but looked very thoughtful and pale. He was dressed in a grey great-coat with a cape, white cravat, leather pantaloons, Hessian boots, and a large cocked hat a la Russe.
     The charge of the French cavalry was gallantly executed; but our well-directed fire brought men and horses down, and ere long the utmost confusion arose in their ranks. The officers were exceedingly brave, and by their gestures and fearless bearing did all in their power to encourage their men to form again and renew the attack. The duke sat unmoved, mounted on his favourite charger. I recollect his asking the Hon. Lieut.-Colonel Stanhope what o'clock it was, upon which Stanhope took out his watch, and said it was twenty minutes past four. The Duke replied, 'The battle is mine; and if the Prussians arrive soon, there will be an end of the war.'

Jetzt wissen wir endlich, was der Herzog von Wellington wirklich gesagt hat. Nicht: Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen, sondern ganz schlicht: The battle is mine; and if the Prussians arrive soon, there will be an end of the war. Heinrich Conrad, der 1908 eine deutsche Ausgabe des Textes herausgab, bemerkt an dieser Stelle in einer Fußnote: Diese Lesart des bekannten Ausspruchs dürfte wohl die richtigere sein. Daß Wellington gesagt hätte: 'Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen,' liegt gar nicht im Charakter des mehr als stolzen Briten. Gedacht freilich mag er es wohl haben.

Leider ist unser Augenzeuge Rees Howell Gronow in seinen Erinnerungen mit Vorsicht zu genießen. Eigentlich sollte er auch gar nicht auf dem Schlachtfeld sein, sein Bataillon ist zur Zeit in London. Sie haben Wellingtons Spanienfeldzug hinter sich, da gönnt man der Garde einmal Urlaub. Doch als der Fähnrich Gronow hört, dass sich da unten in Belgien etwas anbahnt, da reist er nach Brüssel. Vielleicht wollte er auch nur beim Ball der Duchess of Richmond dabei sein. Aber so ist jetzt mittendrin bei den Schlachten von Quatre Bras und Waterloo, der junge Dandy kann es nicht lassen. Feige ist er nicht. Zehn Tage nach der Schlacht wird man ihn zum Leutnant ernennen. Er wird noch sechs weitere Jahre bei der Armee bleiben, dann widmet sich der Captain dem Leben als Dandy in London und Paris.

Glücklicherweise wird er über sein Leben schreiben: Captain Gronow, formerly of the Grenadier Guards and M.P. for Stafford, being Anecdotes of the Camp, the Court, and the Clubs, at the close of the last War with France, related by himself. Das related by himself ist wichtig, er braucht keinen Ghostwriter, er ist ein großer raconteur. Der auch das scheinbar Unwichtige beoachtet, selbst in der Hitze der Schlacht von Waterloo entgeht ihm kein Detail der Kleidung des Herzogs: He was dressed in a grey great-coat with a cape, white cravat, leather pantaloons, Hessian boots, and a large cocked hat a la Russe. Wellington trägt keine Uhr, er weiß, dass seine Stabsoffiziere eine in der Tasche haben. Drei Wochen nach der Schlacht wird er sich in Paris eine Breguet kaufen. Bei Abraham Louis Breguet ist Napoleon auch Kunde gewesen, seine ersten Breguet Taschenuhren hat er bei ihm gekauft, als er nach Ägypten aufbrach. Wellingtons Breguet ist 1995 bei Christies in London verkauft worden. Irgendwann war sie mit einer Gravur versehen worden, wonach er diese Uhr in der Schlacht von Waterloo getragen hätte. Aber jeder Fachmann wusste, dass das eine Lüge war. Da es mehr gefälschte als echte Breguet Uhren gibt, kommt es auf eine Fälschung mehr oder weniger auch nicht mehr an.

Gronows Erinnerungen hat es in vier Bänden in unzähligen Ausgaben gegeben, man kann sie noch heute kaufen. Oder ➱hier lesen. Nach dem Sieg über Napoleon hatte sich Gronow in das Pariser gesellschaftliche Leben gestürzt. Wie so viele andere Offiziere auch, Blücher nicht ausgenommen. Der möchte Paris sowieso am liebsten plündern (auch bei seinem Londonbesuch entfuhr ihm ein Was für eine wunderbare Stadt zum Plündern!), als eine Deputation der Stadt um Schonung vor der Einquartierung bittet, bekommen sie die schöne Antwort: Die Franzosen haben Jahre lang in Berlin recht angenehm logirt; kein Preuße soll sagen, daß ihn die Pariser nicht auch gut bewirthet hätten!

Aus einem Missverständnis heraus fühlt sich der junge Leutnant Gronow durch eine angebliche Bemerkung Wellingtons in seiner Ehre gekränkt und schreibt ihm einen etwas törichten Brief. Den der Herzog sehr höflich beantwortet. Obgleich ihm die jungen Dandies in den Garderegimenter sonst ein wenig auf die Nerven gehen (lesen Sie doch einmal ➱diesen Post). Das bewundert Gronow wiederum, und noch Jahre später scheint sich Wellington an Gronow zu erinnern: In the year 1824, I happened to be walking one morning in the park, near Apsley House, with my friend Charles, commonly called Cornet Wortley. We had not been there long when we met the Duke, who called Wortley to him, and, after a short conversation, as I stood on one side, I heard him ask Wortley who I was, and on his answering, as I took off my hat the Duke smiled. Der Park hinter Apsley House, in dem die Gentlemen sich treffen, ist nicht etwa der Privatgarten von Wellington, das ist der Hyde Park.

Wenn Sie heute am Jahrestag der Schlacht von Waterloo in dem Suchfeld oben links Waterloo, Wellington oder Blücher eingeben, werden Sie eine Vielzahl von Ergebnissen bekommen. Meine persönliche Auswahl wären die Posts ➱Briefe, ➱Waterloo und ➱La Belle-Alliance.

Montag, 17. Juni 2013

17. Juni 1953


Nach dem Aufstand des 17. Juni 
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbandes 
In der Stalinallee Flugblätter verteilen 
Auf denen zu lesen war, daß das Volk 
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe 
Und es nur durch verdoppelte Arbeit 
Zurückerobern könne. Wäre es da 
Nicht doch einfacher, die Regierung 
Löste das Volk auf und 
Wählte ein anderes?

Das dichtete Bertolt Brecht in seinen Buckower Elegien nach dem ➱17. Juni 1953.

Das schreibt und verkündet sein Unbehagen 
und bläht sich mit Benn und Kafka und Proust 
und fordert und konspiriert und schmust. 
Und ist langweilig. Kaum zu ertragen, 
gedankenarm, ohne eigenen Ton,  
und schreit, wenn man's nicht druckt: 'Inquisition!' 
Und ist anspruchsvoll und produziert Ersatz  
und sinniert sich eins ins Säuseln des Winds  
und ist für die Katz und schreibt für die Katz. 
Provinz, Provinz und nochmals Provinz! 

Das dichtete Louis Fürnberg als Reaktion auf Brechts Gedichte. Louis Fürnberg kennt man heute nicht mehr so sehr, aber vor sechzig Jahren, da kannte ihn jeder in dem Staat, der sich Deutsche Demokratische Republik nannte. Weil er dieses Lied geschrieben hatte, das Die Partei heißt. Und das diesen schönen Refrain hat:

Die Partei, die Partei, die hat immer recht. 
Und Genossen, es bleibe dabei. 
Denn wer kämpft für das Recht, 
der hat immer recht gegen Lüge und Ausbeuterei. 
Wer das Leben beleidigt, ist dumm oder schlecht. 
Wer die Menschheit verteidigt, hat immer recht. 
So aus leninschen Geist wächst zusammengeschweißt 
Die Partei, die Partei, die Partei

Der 17. Juni 1953 war ein schöner Frühsommertag. Ich spielte auf der Straße, bis der Malermeister Wenzel vorbeikam und sagte Und jetzt kommen die Panzer. Ich wußte nicht, was er meinte und ging ins Haus. Opa saß am Radio. Ich setzte mich zu ihm, und Opa erklärte mir die Welt.

Sonntag, 16. Juni 2013

Bloomsday


Im letzten Jahr gab es hier nichts zu Joyce, da gab es etwas zu dem australischen Maler ➱John Peter Russell. Aber im Jahr davor, da habe ich an den Bloomsday gedacht. Der natürlich nach Leopold Bloom benannt wurde, dem Helden von James Joyces Roman Ulysses. Seine Erlebnisse in Dublin am 16. Juni des Jahres 1904 sind der Inhalt des Romans. Er tritt nicht gleich zu Anfang des Roman auf, er kommt erst im zweiten Kapitel. Das mit den Sätzen beginnt: Mr Leopold Bloom ate with relish the inner organs of beasts and fowls. He liked thick giblet soup, nutty gizzards, a stuffed roast heart, liverslices fried with crustcrumbs, fried hencods' roes. Most of all he liked grilled mutton kidneys which gave to his palate a fine tang of faintly scented urine.

Ich habe zur Feier des Tages meine Ulysses Ausgabe aus dem Regal geholt. Das ist die alte Penguin Ausgabe, die mir die liebste ist (ich habe noch andere, aber den Corrected Text von ➱Hans Walter Gabler mag ich nicht). Vorn steht mit Bleistift notiert, dass ich das Buch 1968 gelesen habe. In meiner deutschen Ausgabe, deren irisches Grün schon ziemlich verblasst ist, steht das Datum XII 1960. Es ist die alte Übersetzung von Georg Goyert, vom Verfasser autorisierte Übersetzung steht im Buch. Joyce hat Teile davon gelesen, aber seine Deutschkenntnisse waren nicht so toll. Er war ja froh, dass er Geld vom Rhein Verlag in Zürich bekam, da autorisiert man auch schon mal eine Übersetzung. Es sollen achtundachtzig Seiten gewesen sein, die Joyce und Goyert, der mit dem getippten Manuskript aus München gekommen war, gemeinsam durchgearbeitet haben.

So steht es in Richard Ellmanns James Joyce Biographie (die natürlich, das wissen wir alle, die beste Joyce Biographie ist). Joyce und Goyert haben sich noch einmal in Paris getroffen und standen in der Folgezeit in brieflicher Verbindung. Dr Georg Goyert, den der Rhein Verlag durch einen Übersetzungwettbewerb gefunden hatte, hat dann für den Rhein Verlag noch viel mehr an Joyce übersetzt. Auch Stuart Gilberts Buch (in dem sich diese nützliche ➱Skizze findet, die Joyce für Gilbert gezeichnet hatte) Das Rätsel 'Ulysses': Eine Studie hat er 1932 übersetzt. An Finnegans Wake hat er sich aber nicht herangetraut. Allerdings hat er 1946 in der Zeitschrift Die Fähre das Kapitel Anna Livia Plurabelle veröffentlicht (der Übersetzer der lieferbaren Suhrkamp Ausgabe von Anna Livia Plurabelle ist aber nicht Goyert, sondern Wolfgang Hildesheimer). 

Teilübersetzungen von Finnegans Wake hat es von einer Vielzahl von Autoren gegeben (sogar Arno Schmidt war daran interessiert und hatte sich in Teilen versucht), aber der deutsche Leser musste bis 1993 auf eine Übersetzung des ganzen Werks warten. Man hätte es natürlich bei der Idee belassen können, die Dieter E. Zimmer 1967 in der ➱Zeit vortrug, als er über die Pläne von Unseld berichtete, den ganzen Joyce zu veröffentlichen: Was mit 'Finnegans Wake' geschehen soll, ist noch nicht entschieden. Am vernünftigsten erscheint mir selber der Plan, eine kommentierte Edition des Originaltextes (rechts er, auf den linken Seiten die Erläuterungen) in die Gesamtausgabe einzureihen – denn ich glaube nicht, daß eine Übersetzung denkbar ist, die genug vom Original bewahrte, um die nur zu gut vorstellbare, wahnwitzige Mühe eines solchen Unterfangens zu rechtfertigen; und das nicht etwa, weil die Übersetzer zu unzulänglich wären, sondern weil die Sache selbst es verbietet.

1993 erschien Dieter H. Stündels Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkeß fun Schämeß Scheuß. Der Übersetzer hatte genau so lange an seiner Übersetzung gearbeitet, wie James Joyce gebraucht hatte, um das Buch zu schreiben. Nämlich ganze siebzehn Jahre. Zur Qualität der Übersetzung kann ich jetzt wenig sagen, da ich das Buch noch nie von Anfang bis Ende gelesen habe (das Original übrigens auch nicht), aber es ist sehr originell. Wenn auch Friedhelm Rathjen damals zeterte und von einer Spielwiese zum Austoben der eigenen Kalauerwut und einem Schildbürgerstreich der Übersetzungsgeschichte sprach. Aber wenn ich irgendjemand nicht erst nehme, dann ist es dieser ➱Rathjen, gegen dessen Moby-Dick Übersetzung ich einiges zu sagen hätte. Sehr viel abgewogener ist da der Schweizer Joyce Kenner Fritz Senn, der in seiner Besprechung in der NZZ 1993 (Wegh zu Finnegan?) viel Positives zu Stündel zu sagen wusste. Ich habe das Buch damals nicht gekauft, als es frisch auf den Markt kam. Da kostete es nämlich - 1.264 Seiten, deutsch-englisch - stolze 840 Mark. Es war aber auch zehn Kilo schwer, ein Trumm von einem Buch. Schon beinahe vergleichbar mit Arno Schmidts Zettels Traum. Das Buch fiel dann im Laufe der Zeit im Preis, bis es der ➱Zweitausendeins Verlag ganz preiswert herausbrachte.

Natürlich besitze ich auch die neue Ulysses Übersetzung von Hans Wollschläger (die ich auch gelesen habe), über die der Übersetzer sagte Unter der Schwierigkeit der Übersetzung war ich am Anfang so resigniert, daß ich eine richtige Wut hatte auf das Buch und den Mann. Acht Jahre hat er daran gearbeitet, und der Suhrkamp Verlag hat ihm dafür jeden Monat das Gehalt eines Oberstudienrats gezahlt (es gibt ➱hier einen interessanten Artikel von Dieter E. Zimmer zu der Übersetzung). Soviel Geld hat James Joyce in den Jahren 1918 bis 1922 nicht für sein Werk bekommen. Der Rhein Verlag hatte zwar mehrfach angekündigt, dass er die Goyertsche Übersetzung überarbeiten lassen wollte, aber es ist nie dazu gekommen. Der Züricher Verlag wurde von dem Südwest Verlag gekauft, dessen Bestseller in den fünfziger Jahren ein Benimmbuch war, an dem die berüchtigte Benimmpäpstin (über die Friedrich Sieburg einmal sagte Allen Beteiligten wäre gedient, wenn Fräulein Pappritz… in den wohlverdienten Ruhestand träte) Erica Pappritz mitgearbeitet hatte. Der Geschäftsführer des Südwest Verlags sagte nach dem Kauf des Rhein Verlags Wir entwickeln keinen literarischen Ehrgeiz, sondern beobachten den Markt und verkaufte die Rechte an Ulysses umgehend an Suhrkamp. Samuel Beckett soll angeblich Tränen der Freude in den Augen gehabt haben, als er hörte, dass Joyce nun zu einem Suhrkamp Autor geworden war. Heute hat ja niemand mehr Tränen der Freude in den Augen, wenn er den Namen Suhrkamp hört.

Es ist eine kleine Fußnote der Literaturgeschichte, dass der Verlag Volk und Welt in den sechziger Jahren dem Rhein Verlag einen Vorschuss von 4.000 DM auf die Rechte einer DDR Ausgabe von Goyerts Ulysses gezahlt hatte. Aber die Devisenabteilung der DDR stellte sich quer und verhinderte die Auszahlung der restlichen 8.000 Mark. Als Suhrkamp dann die Rechte gekauft hatte, wollte man diesen Vorschuss nicht verloren geben und wartete auf die Neuübersetzung. Aber so preiswert wollte Unseld sein Prestigeprojekt nicht weggeben, er befürchtete auch, dass der Verkauf seines Ulysses (dessen Verkaufspreis für 140 Mark projektiert war) durch eine preiswertere DDR Ausgabe unterlaufen würde. So offerierte er dem DDR Verlag, sich mit 60.000 DM an dem Projekt zu beteiligen, das Wort von einem gewissen Kolonisatorengehabe auf geistigem Gebiet machte auf der Leipziger Buchmesse 1976 die Runde. 60.000 sei eine Null zu viel, monierte Verlagschef Jürgen Gruner und schrieb an Unseld: Wenn ich davon ausgehen darf, daß es sich nicht um einen Tippfehler handelt (Lizenzgebühr sechzigtausend), wird es Sie sicherlich nicht erstaunen, daß wir zu einer Lizenznahme zu solchen Bedingungen beim besten Willen nicht bereit sein können. Am Ende bezahlte man 40.000 Mark für die Wollschläger Übersetzung, und Ulysses erschien 1980 in der DDR.

Über die ➱Übersetzungen von Ulysses (hier noch ein interessanter Artikel) ist viel gestritten worden. Arno Schmidt urteilte über Goyert: handwerklich brauchbar (als Vorarbeit für den - hoffentlich - kommenden Besseren) : die Hälfte. der Rest? : eine Satire auf das grandiose Original! Was hätte er daraus gemacht, wenn er es hätte übersetzen sollen? Aber bei aller Kritik, ich liebe meine alte Ulysses Ausgabe, weil es mein erstes Leseerlebnis mit dem Roman war. Die Wollschläger Übersetzung hat großes Lob erfahren, aber so gut sie ist, am Original führt bei einem Sprachjongleur wie Joyce sowieso kein Weg vorbei.

Den kleinen Scherz mit der Schrift in irischgrün (rotzgrün würde Joyce gesagt haben) habe ich mir am Bloomsday mal gegönnt. Das Farbphoto von Joyce da oben ist vielleicht überraschend, beinahe alle Photos, die wir von ihm haben (zum Beispiel in dem schönen Suhrkamp Band James Joyce Bilder) sind schwarz-weiß. Aber dieses Farbphoto von ➱Gisèle Freund ist wirklich ein Farbphoto mit dem neuen Agfacolor Film, kein nachkoloriertes Schwarzweißphoto. Joyce mochte das Photo nicht so sehr: Gisèle ist hartnäckiger als ein Ire. Ich wollte nicht in Farbe aufgenommen werden, aber sie hat mich besiegt, sagte Joyce nach der Photosession. Er hatte dieses Photo am liebsten, das Carola Giedion Welcker von ihm in Zürich gemacht hatte. Die Karte oben ist von Vladimir Nabokov. Sie zeigt den Weg von Leopold Bloom und Stephen Dedalus durch Dublin am 16. Juni 1904. Ich wollte, ich hätte die damals schon gekannt, als mich die Baronin von Stoltzenberg vor Jahrzehnten nach vorne an die Dublin Karte rief. Ich habe das schon einmal ➱hier im Post zum Bloomsday 2011 beschrieben. Und wenn ich von den vielen Posts, in denen ich Joyce zitiert habe, noch einen hervorheben darf, dann ist das ➱The Lass of Aughrim (und versäumen Sie bitte nicht, den Film von John Huston anzuklicken).

Freitag, 14. Juni 2013

Finanzmärkte


Die Herren mit den roten Roben in Karlsruhe haben gerade getagt, es geht wieder einmal um den Euro. Und es geht natürlich um die europäischen Finanzmärkte. Manche Länder sind in diesen Krisenzeiten verdächtig still. Das sind die, die den Euro nicht eingeführt haben. Aber vielleicht liegt es ja gar nicht am Euro, wenn die Banken den Regierenden auf der Nase herum tanzen. Früher erschossen sich die Bankiers ja noch, wenn sie fallierten, diese schöne Sitte ist leider ausgestorben. Sie werfen sich auch nicht mehr aus den Fenstern eines Hochhauses. Wenn sie etwas aus dem Fenster werfen, dann ist das unser Geld. Als ob es Monopoly Geld wäre. Und der Staat macht es den Banken nach. Die Jahresberichte des Bundes der Steuerzahler und des Bundesrechnungshofs sind ja schon Makulatur, wenn sie erscheinen. Einmal wird der Tag kommen, da der Bürger erfahren muss, dass er die Schulden zu bezahlen habe, die der Staat macht und uns zum Wohle des Volkes deklariert, soll Ludwig Erhard gesagt haben.

Wenn Sie aus diesen Zeilen einen leicht grimmigen Unterton herauslesen, dann liegt das daran, dass ich letztens termingerecht meine Einkommensteuererklärung abgegeben habe. Hoffentlich wird sie nicht von dem Beamten bearbeitet, der Uli Hoeneß bei seiner Selbstanzeige geholfen hat. Gerade haben die Toten Hosen bei ihrem Münchener Konzert, sozusagen in der Höhle des Löwen, ihr ➱Lieblingslied Ich würde nie zum FC Bayern München gehen gespielt. Und es angesagt mit den Worten: Wir machen Euch ein Geschenk und spielen die ersten zwei Strophen ganz leise – auch für Uli. Das musste mal eben erwähnt werden, wo doch Fans der Toten Hosen diesen Blog lieben. Auf jeden Fall seitdem ein Mitglied der Band diesen ➱Post bei Facebook erwähnt hat.

Protest gegen den FC Bayern mag für die Fans der Mannschaft von Düsseldorf, die ein wenig von der Fortuna verlassen ist, ganz nett sein. Aber was ist mit dem Protest gegen die Banken? Seit die Occupy Lager aufgelöst wurden, ist es so ruhig geworden. Was ist mit dem Protest gegen die Politiker? Pumpt noch jemand dem Bundesfinanzminister 5.278 Liter Gülle in sein Büro? Also gut, das geschah nur in dem Programm Geld oder Gülle des Kabarettisten Thomas Freitag. War aber eine nette Idee. Die Klagen über die Finanzmärkte und Börsenspekulanten sind alt. Ich möchte heute einmal ein Gedicht zitieren, das in den letzten beinahe 250 Jahren nichts von seiner Brisanz verloren hat:

O dieses gräßliche Gesindel,
Das Börsenspekulanten heißt!
Spitzbuben mit dem Diebwerksbündel,
Auswurf von eklem Höllengeist!
Es überkommt uns schon ein Schwindel,
Wenn man auf ihre Namen weist.

Die Namen, auf die der Dichter weist, lassen wir jetzt einmal für einen Augenblick lang weg. Die Bankiers aus Hamburg und Holland wie Pierre Boué, Wurmb und van Sanen (auch: van Zaanen) sagen uns heute nicht mehr viel. Aber lauschen wir doch weiter den Worten des Poeten:

Die Helden in dem Reich der Zahlen!
Wie sie mit plumper Pinselei
Habgier und Wucher übermalen –
Wie sie mich hier und dort bestahlen
Durch Wechsel, Schuldscheinfopperei,
Mit Quittungskram und kolossalen
Bankrechnungen – Gott steh mir bei!
Zu dem Geschäft mich herzugeben!

Das dumme Zeug geht mir ans Leben!
Ich magre ab, ich möcht' vergehn
Bloß wegen dieser Kerle eben,
Die abgefeimt nur danach streben,
Daß ihre Kurse pari stehn.

Ihr Schufte, schmutzig wie Chinesen
Und noch verschmitzter, habt ihr mal
Den Aristoteles gelesen?
Wißt ihr, wer Locke und La Motte gewesen?
Nein, dazu seid ihr viel zu schal –
Die Geistesnahrung war' euch Qual.
Die Wissenschaft geht in die Binsen,
Und nur, wo's was zu rechnen gibt,
Da seh' ich die Gesichter grinsen.
Das einzige ist, was euch beliebt,
Fünfzehn Prozent an Wucherzinsen.

O welch ein lächerliches Los
Ist uns Monarchen aufgezwungen!
Man zieht sich solche Lumpen groß!
Ihr Treiben schon ist sittenlos;
Doch brauchen sie noch ihre Zungen,
O welche Marter für mein Ohr!

Hier schreibt im Jahre 1765 kein empörter bürgerlicher Zeitgenosse, der enragierte Dichter ist nicht irgendwer. Er heißt Friedrich mit Vornamen und ist König von Preußen. Und an diesem Punkt müssen wir doch noch einmal auf die Namen des gräßlichen Gesindel, das Börsenspekulanten heißt zurückkommen. Der Vater des hugenottischen Hamburger Bankiers Pierre Boué (1738-1802) war von seinem Vater in Bordeaux in ein Zuckerfass gesteckt worden, in dem er nach Altona geschmuggelt wurde. Dort kam er bei einem schon zuvor geflüchteten Familienmitglied unter. Ihre Werft in Altona war so erfolgreich, dass der Hamburger Senat der Firma auf dem Grasbrook (da, wo man Störtebeker hingerichtet hatte) preiswertes Land anbot. In der Zeit von 1719 bis 1732 lieferten Pierre und Jacques Boué der französischen Ostindienkompagnie zweiundzwanzig Handels- und Kriegsschiffe. Pierre Boués Sohn Pierre heiratete die Tochter des reichen hugenottischen Holzhändlers Andreas Plumejon (für den schon ➱Telemann Gelegenheitsmusik geschrieben hatte). Geld kommt zu Geld, und die Hugenotten in Hamburg bleiben gern unter sich. Neben dem Schiffbau und der Reederei kommen jetzt bei Pierre Boué et fils noch Bankgeschäfte dazu. In der Firma von Boué et fils hat übrigens noch ein anderer französischer Glaubensflüchtling gearbeitet, dessen Familie bald zur ➱Aristokratie Hamburgs gehören sollte: Jacques Cesar III. Godeffroy. Einen von denen wird man eines Tages den Südseekönig nennen. Pierre Boué Junior ist in seinen Geldgeschäften offenbar sehr erfolgreich gwesen, zu seinen Kunden zählte auch Friedrich II., der nach der finanziellen Misere des Siebenjährigen Kriegs dringend Geld brauchte.

Der König betraute Pierre Boué 1763 mit der Organisation der Bank in Berlin, die 1765 in dem 1690 errichteten Haus des königlichen Hofjägers auf dem Friedrichswerder eröffnet wurde. So haben Wir hierbey bey Heilung der Wunden, die der siebenjährige Krieg dem Staate geschlagen hatte, überzeugend eingesehen, daß die Errichtung einer Bank in Unsern Staaten das vornehmste und einzige Mittel wäre, durch den mehreren Umlauf des Geldes, in allen Wechsel- und Handelsgeschäften das Commercium blühend zu machen und in der Folge zu erweitern, steht im königlichen Erlaß von 17. Juni 1765.

Zwei Jahre zuvor hatte der König übrigens eine Porzellanmanufaktur gegründet, für die er doppelt so viel Geld locker machte wie für die Gründung der Königlichen Hauptbank. Das Bild oben zeigt die Bank ein Jahrhundert später. Ich weiß jetzt nicht, ob die dunklen Wolken am Himmel symbolisch sind. Aus dem Haus am Werderschen Markt wird eines Tages die Reichsbank werden. Wenn Sie alles über die Geschichte des Gebäudes wissen wollen, lesen Sie doch diesen interessanten ➱Artikel. Pierre Boué entzweite sich bald mit seinen holländischen Kompagnons Wurmb und van Sanen, und die Gunst des Königs genoss er auch nicht lange. Wie Friedrichs ➱Gedicht Ein Kapitel gegen die werten Herrn Blutsauger, auf griechisch: Philokopros zeigt. Nach seinem Tode ging es mit seinem Handelshaus auch bald bergab, wie man einer wirtschaftswissenschaftlichen Schrift entnehmen kann, die die Situation im Jahre 1813 (dem Jahr des dänischen Staatsbankrotts) beschreibt: Au début du mois d'avril, Pierre Peschier, de Copenhague, fait la culbute : aussitôt, Pierre Boué et fils, à Hambourg, suspendent leurs paiements et se déclarent en faillite (1 500 000 marks), dont le tiers en acceptations pour des maisons qui ont déjà fait banqueroute. Irgendwie klingt der Ruin auf Französisch so nett, fait la culbute und banqueroute.

Eine Staatsbank ist also - so Friedrich von Preußen - dazu da, das Commercium blühend zu machen und in der Folge zu erweitern. Ob die das bei der Bundesbank und der EZB auch wissen? Gehören Outright Monetary Transactions zum Commercium oder zur Schuldscheinfopperei? Die Fünfzehn Prozent an Wucherzinsen zahlen Bankkunden in Deutschland für die Überziehung ihres Kontos heute immer noch. Wie schön, dass es im Finanzleben noch Konstanten gibt.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Spargel


Es ist Spargelzeit. Da dürfen hier einige Zeilen über den Spargel nicht fehlen. Und natürlich darf dieses schöne Bild mit dem schlichten Titel Botte d'Asperges nicht fehlen, das Manet dem (Teilzeit-) Bankier und Kunstkritiker Charles Ephrussi verkauft hat. Manet wollte achthundert Franc für das Bild haben, aber Ephrussi hat ihm tausend gezahlt. Er wusste, dass Édouard Manet in finanziellen Nöten war. Da hat sich Manet auf seine eigene Art und Weise bedankt. Hat dem Monsieur Ephrussi schnell noch eine Spargelstange gemalt und sie mit der kleinen Notiz Il en manquait une à votre botte versehen an den Kunstsammler geschickt.

Es ist von Kunsthistorikern bei Manets Spargelbund immer wieder auf den holländischen Maler Adriaen Coorte hingewiesen worden. Dieses Spargelgebinde von Coorte hängt im Rijksmuseum in Amsterdam (der Manet übrigens in Köln im Wallraff Richartz Museum), Coorte hat noch eine Vielzahl anderer Spargelbilder gemalt. Die heute einen erstaunlichen Marktwert haben, ein ähnliches Bild wie dieses wurde bei ➱Christie's für 2.281.250 £ verkauft. Für drei Dollar fünfzig kann man sich das Bild als ➱Kühlschrankmagneten kaufen.

Und bei der Firma China Art können Sie sich den kleinen Manet (das Original ist 16 x 21 cm groß) in XXL bestellen. Ich finde das immer wieder zu komisch, wie diese Firma ihre Bilder anpreist. Für das Bild mit dem Spargelbund nimmt Manet auch, wie der Holländer des 17. Jahrhunderts, einen dunklen Hintergrund: Le tableau 'mère' est peint sur fond noir, un peu à la façon des natures mortes hollandaises du XVIIe siècle, sagt der Pariser Manet ➱Katalog von 1983. nature morte ist der französische Ausdruck für einen Bildtyp, den wir im Deutschen Stillleben nennen, und dieses morte fordert ja geradezu einen Satz wie Ce n’est pas une nature morte comme les autres: morte, elle est en même temps enjouée von Georges Bataille heraus. Was ja nicht viel mehr als ein gehobener calembour ist, denn dass Manets Bild lebt und Coortes Bild tot ist, das sehen wir alle selbst.

Marcel Proust hat Charles Ephrussi gekannt, er ist für ihn (neben Charles Haas) eine der Vorbildfiguren für seinen Charles Swann gewesen. Und für Proust Fans hätte ich an dieser Stelle noch den Hinweis auf das schöne Buch The Hare with Amber Eyes von ➱Edmund de Waal. Proust hat die Bilder von Manet in Charles Ephrussis Sammlung gesehen, man wird ihm die Anekdote erzählt haben. Er hat sie in seinen Roman hineingeschrieben. Eine Stelle in Du côté de chéz Swann klingt beinahe wie eine Bildbeschreibung, obwohl Anita Albus in ihrem originellen Buch Im Licht der Finsternis energisch zurückweist, dass diese Romanstelle eine Ekphrasis von Manets Bild ist:

Ich blieb an einem Tisch stehen, an welchem das Küchenmädchen grüne Erbsen enthülst und dann in abgezählten Häufchen aufgereiht hatte wie kleine grüne Kugeln für ein Spiel; besonders aber die Spargel hatten es mir angetan, die wie mit Ultramarin und Rosa bemalt aussahen und deren in Violett und Himmelblau getauchte Spitze nach dem anderen Ende zu - das noch Spuren des nährenden Ackerbodens trug - lauter Abstufungen von irisierenden Farben aufwies, die nichts Irdisches hatten. Es schien mir, dass diese himmlischen Tönungen das Geheimnis von köstlichen Geschöpfen enthüllten, die sich aus Neckerei in Gemüse verwandelt hatten und durch ihre aus feinem essbaren Fleisch bestehende Verkleidung hindurch in diesen Farben der zartesten Morgenröte, in diesen hinschwindenden Nuancen von Blau jene kostbare Substanz verrieten, die ich noch die ganze Nacht hindurch, wenn ich am Abend davon gegessen hatte, in den nach Art Shakespearescher Feenkomödien gleichzeitig poetischen und derben Possen wiedererkannte, die sie zum Spaße aufzuführen schienen, wenn sie sogar noch mein Nachtgeschirr in ein Duftgefäß umschufen. Anita Albus sagt dazu ganz banal: Das Werk von Proust ist nicht malerisch. Wie komme ich nur dazu, dass ich das immer geglaubt habe? Ich dachte immer, dass Joseph Conrads Satz mit dem berühmten to make you see auch für Proust gelten würde.

An einer anderen Stelle der Recherche wird direkt auf den Kauf des Bildes von Manet durch Ephrussi angespielt, wenn Proust den Herzog von Guermantes sagen lässt: Swann hatte tatsächlich die Stirn, uns zum Kauf eines Spargelbundes zu raten. Wir haben das Bild daraufhin sogar ein paar Tage im Haus gehabt. Es war nichts weiter als das darauf, ein Bund Spargel, genau wie die, die Sie gerade schlucken, die Spargel von Herrn Elstir aber habe ich nicht geschluckt. Er verlangte dreihundert Francs dafür. Dreihundert Francs für einen Bund Spargel! Einen Louisd'or höchstens sind sie wert, und auch das nur, solange es noch die ersten sind. Und es gibt noch viel mehr Spargel in Prousts Werk. Lesen Sie dazu doch ➱Luzius Keller (von dem ich das wunderbare Büchlein Proust im Engadin gelesen habe) in der Neuen Zürcher Zeitung. Leider hatte ich meinen Post schon geschrieben, bevor ich das entdeckte. Was diesen Post natürlich ein wenig wie ein Plagiat aussehen lässt. Was er aber eigentlich nicht ist.

Weil ich diese ganze Geschichte schon kannte. Weil mir ein Freund (Proustianer und Kunsthistoriker) vor Jahrzehnten eine Photokopie von John Cockings ➱Aufsatz Proust and painting gegeben hatte. Irgendwie scheint die Proust Diskussion diesen englischen Gelehrten, der 1956 ein Buch über Proust veröffentlichte und 1982 den ➱Band Proust: Collected Essays on the Writer and his Art in der Reihe Cambridge Studies in French präsentierte, ein wenig zu vernachlässigen. Es gibt zum Thema Proust und Spargel noch diese Stelle mit dem schwangeren Küchenmädchen, das allergisch auf Spargel reagiert und davon Asthmaanfälle bekommt. Und das von der herrschsüchtigen Haushälterin Françoise mit ständigem Spargelschälen gequält wird, bis sie das Haus verlässt: Françoise trouvait pour servir sa volonté permanente de rendre la maison intenable à tout domestique, des ruses si savantes et si impitoyables que, bien des années plus tard, nous apprîmes que si cet été-là nous avions mangé presque tous les jours des asperges, c'était parce que leur odeur donnait à la pauvre fille de cuisine chargée de les éplucher des crises d'asthme d'une telle violence qu'elle fut obligée de finir par s'en aller. Asthma und Spargel, damit sollte Proust sich auskennen.

Das hier ist ein Röntgenbild von Manets Spargelbund. Man muss ja immer alles sezieren und zergliedern. Die Konnotationen von Spargel, Sexualität (und Asthma) sind der Wissenschaft natürlich auch schon aufgefallen. So notiert Ulrike Sprenger in ihrem Proust-ABC unter dem Stichwort Spargel: Von allen Möglichkeiten, das Motiv des Spargels als obszöne Anspielung einzusetzen ('Veronika, der Spargel wächst...'), gelingt Proust vielleicht die hübscheste und vielschichtigste: Während der kleine Marcel die zarten Farben der Stangen bewundert und es ihm scheint, 'daß diese himmlischen Tönungen das Geheimnis von köstlichen Geschöpfen enthüllten, die sich aus Neckerei in Gemüse verwandelt hatten', leidet das schwangere und spargelallergische Küchenmädchen beim Schälen die gleichen Höllenqualen wie bei ihrer Niederkunft: Die gestaltliche Ähnlichkeit dessen, was sie in der Küche quält, mit dem, was sie in ihren (von Françoise mißbilligten) 'Zustand' gebracht hat, liegt auf der Hand. Vollends offensichtlich wird diese Assoziationskette, die sich zwischen der Schönheit des Spargels, die 'nichts Irdisches hatte', und äußerst irdischen Anzüglichkeiten bewegt, dort, wo Proust - als vermutlich erster und einziger Autor der abendländischen Literatur - auf die besonderen Qualitäten des Urins nach Spargelgenuß zu sprechen kommt: Die himmlischen Spargelgeschöpfe schienen Marcel 'nach Art Shakespearescher Feenkomödien gleichzeitig poetische und derbe Possen aufzuführen, wenn sie sogar noch mein Nachtgeschirr in ein Duftgefäß umschufen'.

Ich habe mir das Zitat von Ulrike Sprenger von einer wunderbaren Seite geborgt, die ➱Neuer Physiologus heißt. Weil ich mein Exemplar vom Proust-ABC verschusselt habe und nicht wiederfinden konnte. Falls dies zufälligerweise jetzt ein Studiosus liest, der bei Frau Professor Dr Ulrike Sprenger die Vorlesung Marcel Proust, À la recherche du temps perdu: Eine Einführung hört, habe ich einen simplen Rat: Verschusseln Sie ihr Exemplar von Proust-ABC nicht, dann können Sie ganz bestimmt am 19. Juli die Abschlußklausur in Raum C 425 bestehen! Etwas nuancierter als im Proust-ABC kann man die Sache mit dem Spargel bei Jeanine Parisier Plottel in Intertextuality: new perspectives in criticism (19878) lesen. Der Text, in einem ➱Blog abgedruckt, rief folgenden Kommentar hervor: This went over my head:) Embarassed to say never heard of Proust. Will look him up. Das sind die Kommentare, die man sich als Blogger herbeisehnt.

Mehr Proust? Klicken Sie ➱hier. Mehr Spargel gibt es auf dem Wochenmarkt.

Montag, 10. Juni 2013

Kapitänshunde


I had risen too, and, trying to throw infinite politeness into our attitudes, we faced each other mutely, like two china dogs on a mantelpiece, heißt es an einer Stelle in Joseph Conrads Lord Jim. Da stehen diese Porzellanhunde auf dem Kamin, in unserer Straße standen sie überall in den Fenstern. Hier hatten im 19. Jahrhundert mal Kapitäne gewohnt. Die waren lange tot, aber die Kapitänshunde (die auch Kaminhunde oder Puffhunde heißen), die waren immer noch da. Oder schon wieder. Wahrscheinlich waren sie neugekauft worden, um die Tradition des Ortes wieder ein wenig aufleben zu lassen. Im 19. Jahrhundert hatte kein Kapitän, der seiner Frau diese Keramiktiere aus England mitbrachte, sie ins Fenster gestellt. Die fanden ihren Platz auf Kommoden, Vertikos oder Eckschränken. Die meisten dieser Objekte, die jetzt in den Fenstern stehen, sind neu, oder stammen aus den sechziger oder siebziger Jahren, als die Tierchen mal wieder in Mode kamen. Die beiden rotbraun-weißen da unten sind aus der viktorianischen Zeit. Diese weißen Staffordshire King Charles Spaniel Mantel Dog Figurines hier (um ihnen einen genauen Namen zu geben) aus der Beswick Pottery stammen aus den fünfziger oder sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Man kann sie heute noch in vielen norddeutschen Hafenstädten in den Fenstern stehen sehen. Fast in jedem der Häuser der Küstendörfer, wo nur ein Mitglied der Seefahrt angehört, trifft man auf Exemplare dieser Bestien, schreibt ironisch ein Beobachter im Jahre 1885. Hus bi Hus har'n se disse Huntjes, berichtete eine ältere Dame aus Ostfriesland. Und man bekommt als Tourist auch gleich diese Geschichten erzählt (Sie können sich das auch ➱hier anschauen, wo ein angeblicher Experte diese Lügengeschichte erzählt), die den possierlichen Spanieln den Namen Puffhunde eingetragen haben. Dass nämlich die Nutten in den englischen Hafenstädten, die offiziell kein Geld für ihre Dienstleistungen nehmen durften, weil die Prostitution ja verboten war, den sailors pro forma diese Staffordshire Porzellanhunde verkauften. Das andere gab es dann als Zugabe. Oder diese zweite Geschichte, die an Nord- und Ostsee erzählt wird, dass die Kapitänsfrauen durch die Stellung der Hunde im Fenster ihrem Liebhaber signalisierten, ob ihr Mann zuhause oder auf See sei. Ob der zuhause war, das wusste in den kleinen Kaffs doch eh jeder, dafür braucht man keine symbolischen Hunde. Irgendwie klingt das Ganze ein wenig nach der Kameliendame.

Die schönen Geschichten sind wahrscheinlich alle nicht wahr. In England, wo diese Tiere hergestellt wurden, findet sich diese urban legend nicht. Ich bleibe einmal einen Augenblick bei den Engländern und signalisiere das durch dieses schöne Bild Still life with Staffordshire Dog and tulips der englischen Malerin ➱Enid Marx (einer entfernten Verwandten von unserem Karl). Dass ich mir die ausgesucht habe, ist natürlich kein Zufall. Allerdings nicht, weil die Schutzumschläge für die ➱Proust Übersetzung von Scott Moncrieff entworfen hat, sondern weil sie mit dem Thema der Staffordshire Figurinen etwas zu tun hat.

Interessant ist bei dem Bild oben, dass nur ein Keramik Spaniel abgebildet wird (der zweite hätte wohl nicht auf das Schränkchen gepasst), normalerweise wurden die als Paar verkauft. Das wusste Enid Marx natürlich auch, weil sie eine der ersten war, die zusammen mit Margaret Lambert die bezaubernden Bücher English Popular and Traditional Art (1947) und English Popular Art (1951) gestaltet hat. Im Vorwort zu English Popular and Traditional Art heißt es: the art which ordinary people have, from time immemorial, introduced into their everyday lives, sometimes making it themselves, at others imposing their tastes on the product of the craftsmen or of the machine. Wenn Sie einen Eindruck davon haben wollen, dann klicken Sie sich doch einmal durch die sechzig Seiten der ➱Marx-Lambert Collection.

Die Hunde aus Steingut sind beinahe immer King Charles Spaniels. Hier sehen wir den jungen Namensgeber mit zweien seiner Hunde. Was der Handtaschenhund für Paris Hilton ist, ist seit dem 17. Jahrhundert der English Toy Spaniel für die Aristokratie. Wir finden ihn auf einer Vielzahl von Gemälden, vor allem im 18. Jahrhundert. Da kann es nicht verwundern, dass er im 19. Jahrhundert auch im Programm der Produkte der Staffordshire Potteries auftauchen. Die Keramikindustrie ist seit dem 17. Jahrhundert in Staffordshire mit dem Zentrum Stoke-on-Trent beheimatet, der Fußballklub Stoke City heißt bei seinen Anhängern heute immer noch The Potters. Es hat in Staffordshire hunderte von kleinen Fabriken gegeben, aber natürlich auch ganz große Namen wie Spode und Wedgwood.

Man stellt in Stoke-on-Trent alle möglichen Kaminfiguren her. Das Penguin Dictionary of Decorative Arts von John Fleming und Hugh Honour spricht von endearingly naive statuettes to grace cottage mantelpieces. Historische Figuren gehen sehr gut - wie zum Beispiel ➱Wellington zu Pferde. Napoleon haben die auch im Programm (der wird in dieser Zeit nicht nur in ➱scrimshaw geritzt). Und natürlich die Königin Victoria und ihren Prinzgemahl, aber auch General Gordon of Karthoum und General Booth von der Heilsarmee.

Am Ende des Jahrhunderts darf der Cricketspieler W.G. Grace (lesen Sie ➱hier einen interessanten Post über das englische Nationalspiel) nicht fehlen. Und man hat in Stoke-on-Trent ein spezielles Angebot für die Seefahrer, wobei Steinzeug mit den Themen The Sailor's Departure und The Sailor's Return zu den Verkaufsschlagern gehört. Das werden die Kaminhunde eines Tages auch werden, die allerdings nicht nur in Staffordshire, sondern auch in Schottland - wo sie Wally dogs heißen - massenhaft hergestellt werden. Bei der Fertigung reichten drei Gussformen für Vorderseite,  Rückseite und Standfläche aus. Die Bemalung beschränkt sich zumeist nur auf die Schauseite.

Was Staffordshire im 19. Jahrhundert produziert (der zeitliche Schwerpunkt für die Produktion dieser Figuren liegt zwischen 1840 und 1900), ist für ein bürgerliches Publikum gedacht. Die Objekte, die das kostbare Porzellan imitieren, haben auch für die kleinen Leute eine Funktion als Statussymbol und Prestigeprodukt. Ein wenig komisch wird das Ganze natürlich, wenn Figuren von Queen Victoria oder Wellington auf dem Vertiko einer norddeutschen Kapitänswohnung auftauchen (allerdings sind Figurinen von der Hochtzeit des ➱Prince of Wales 1863 im Ostseeraum keine Seltenheit). Das mag für die englische middle class angebracht sein, wirkt aber in einer Stube in Rostock oder Eckernförde ein wenig seltsam. Wenn die sailors allerdings in England diese Kaminhunde kaufen, sind sie geschmacklich auf der sicheren Seite.

Wenn der Adel Porzellan sammelt, dann interessiert das hunderte von Jahren später die Kunsthistoriker. Selbst für Fayencen aus Eckernförde und Stockelsdorf können sie sich noch begeistern. Aber Figurinen aus englischem Steinzeug in norddeutschen Hafenstädten, wen interessiert das? Die Antwort wäre ganz einfach: Wolfgang Rudolph. Der hat keinen Wikipedia Artikel, weil sein Fach maritime Volkskunde sehr wenig bekannt ist, aber 1996 bekam der Forscher immerhin eine schöne Festschrift. Die Erforschung der maritimen Kultur in Rostock geht auf die Forschungen und das ➱Archiv von Richard Wossidlo zurück, und Rudolph (der auch Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Deutschen Schiffahrtsmuseums war) hat eine beeindruckende Vielzahl von Publikationen zu dem Thema vorgelegt. Das Buch Seefahrer-Souvenirs (das es bei Amazon Marketplace für einen Spottpreis gibt) ist nur eines von vielen. Das Buch ist 1982 beim Verlag Kunst und Wissenschaft in Leipzig erschienen, später wurde es beim Prisma Verlag Güterloh nachgedruckt. Eine englische Übersetzung (Sailor Souvenirs: Stoneware Faiences and Porcelain of Three Centuries) erschien 1985.

Wolfgang Rudolph hat als Kulturhistoriker das gemacht, was auf einer anderen Ebene Enid Marx und Margaret Lambert mit ihrer Sammlung von English Popular Art getan haben. Im Nachruf auf Margaret Lambert schrieb Eleanor Breuning im ➱Independent: Whether as a historian, in which capacity she firmly and unswervingly sought to lay bare truth, as a cherisher of the arts and crafts of the (usually nameless) 'humbler people', as a teacher, or as a practitioner of the art of friendship, Margaret Lambert added not inconsiderably to the sum of civilisation. Heute fällt das alles unter den schönen Sammelbegriff Europäische Ethnologie, von der die Rostocker maritime Kulturforschung ein kleiner Teil ist. Glücklicherweise haben in diesem Fach häufig noch die Praktiker und nicht die Theoretiker oder die Prechts das Sagen (ich habe hier schon eine kleine theoriefreie Einführung in das Fach gegeben, als ich über ➱Hermann Bausinger schrieb).

Das merkt man überall bei Wolfgang Rudolph. Der ist kunsthistorisch versiert, und kann sich klar und verständlich ausdrücken. Wunderbar finde ich die Bemerkungen über die Gründung des Heimatmuseums in Warnemünde im Jahre 1914: Durch kein Studium der Ästhetik angekränkelt waren diese Museumsleiter der ersten Generation naiv genug, auch Staffordshirefiguren zu sammeln: die 'Drei Grazien' ebenso wie John Wesley oder die Pudel mit dem goldlüstrierten Vorhängeschloß am Halsband. Und was hält er von der Geschichte mit den Puffhunden? Nichts. Gar nichts: Sie könnte an einem Stammtisch von Badegästen oder in der feuchtfröhlichen Runde einer Künstlerkolonie, eventuell auch in einem Offizierskasino entstanden sein. Und wenn Ihnen im Urlaub an Nord- und Ostsee oder in Ostfriesland irgendjemand die Geschichte mit den Puffhunden erzählt, fragen Sie ihn mal, ob er zufälligerweise mit dem Klabautermann verwandt ist.