Donnerstag, 19. Februar 2015

Elmer Kelton


Er saß mit seiner Frau auf dem Sofa im Wohnzimmer. Es ist dieses Sofa, das mein Freund Götz mal das Verlobungssofa getauft hat. Weil es zwar für drei Leute ausreichen soll, aber wirklich nur zwei Menschen bequem Platz bietet. Also, er hatte bequem Platz an diesem Abend. Er hatte sich zurückgelehnt und begann zu erzählen. Er erzählte uns sein Leben. Das war nichts Einstudiertes, er hatte seine Autobiographie Sandhills Boy: The Winding Trail of a Texas Writer noch nicht geschrieben.

Das Sofa gehörte jetzt ganz ➱Elmer Kelton. Wir anderen saßen auf den restlichen Möbeln (die Gäste schonten freundlicherweise die Biedermeiermöbel). Oder lagen auf den Perserteppichen der beiden Wohnzimmer. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass wir mindestens dreißig Leute waren. Dies war die Jahrestagung der German Association for the Study of the Western (➱GASW). Ich erinnere mich noch gerne an diese Tagung, ein Kollege von mir hatte den größten Teil der Organisation übernommen. Ich hatte die Pressearbeit übernommen, das war einfach. Ich hatte die Regina überredet, die bei der Deutschen Presse Agentur arbeitete, einen kurzen Text über den DPA Ticker laufen zu lassen. Das Ergebnis war überwältigend.

Die hatten zwar alle zuvor noch nie von der German Association for the Study of the Western und vielleicht auch noch nie von Elmer Kelton gehört, aber jetzt kamen sie alle. Und mit alle meine ich alle, öffentlich-rechtliche und private Sender traten sich auf die Füße. Unser Stargast Elmer Kelton konnte mit allen gut umgehen, er war selbst einmal Journalist gewesen. Die deutsche Sprache war für ihn auch kein Problem, er war im Zweiten Weltkrieg als Soldat hier gewesen. Als er nach Amerika zurückkam, hatte er zwei Bronze Stars auf der Brust und eine Verlobte in Österreich. Es mussten viele bürokratische Schwierigkeiten überwunden werden, bis die beiden heiraten konnten. Jetzt saßen sie zusammen auf dem Sofa. Das Photo hier zeigt Elmer und Anna Kelton bei ihrer Hochzeit 1947, von der Hochzeitszeremonie hat sie kein Wort verstanden: She just learned to say, ‘I do,' in the proper place without knowing for sure what it meant, hat Elmer Kelton gesagt.

Es war nicht das erste Mal, dass wir uns in den Wohnzimmern meiner Altbauwohnung zusammenfanden, ich hatte da schon am ersten Abend eine conference warming party gegeben. Das hier heute war allerdings improvisiert. Der Juni war außergewöhnlich warm, wir hatten nach einem Tag voller Vorträge und Diskussionen beschlossen, die Konferenz in ein Gartenlokal inmitten eines schönen Parks, der im 18. Jahrhundert im Stil eines englischen ➱Landschaftsgartens angelegt wurde, zu verlegen. Auf die Idee waren allerdings schon einige tausend Kieler gekommen. Und angesichts der langen Schlangen von Leuten, die ohne Hoffnung auf Tisch und Stuhl für Bier anstanden, sagte ich kurzentschlossen: Fahren wir zu mir. Ich hatte vor Tagen genügend Wein und Bier für die erste Party eingekauft, es war noch etwas übrig. Der Geschirrspüler war tätig gewesen und die Wohnung war leidlich aufgeräumt.

Nach den Tagen der Konferenz kannten wir uns schon alle, die Förmlichkeiten des ersten Abends waren abgelegt, manche fühlten sich bei mir schon zuhause. Irgendjemand entdeckte meine Country & Western ➱Plattensammlung. Die würde ich am nächsten Tag aufräumen müssen. Peter Bischoff, der Vorsitzende der GASW (der in dem langen Post zu ➱Red Shuttleworth schon erwähnt wird), holte einen Cassettenrecorder aus seinem Auto. Und Elmer Kelton begann zu erzählen. Er erzählte von der Jugend in der Great Depression. Davon hatten wir alle ein wenig Ahnung, wir waren Amerikanisten. Hatten ➱Steinbecks Grapes of Wrath gelesen und kannten die ➱Photos der Farm Security Administration. Aber dies kam nicht aus Büchern, dies kam von jemandem, der es erlebt hatte.

Es ist eine gewisse Magie, die einen befällt, wenn man einem guten Erzähler zuhört. Ob das ein scop in einer Festhalle im alten England oder ein Troubadour am Hofe von ➱Eleonore von Aquitanien ist. Oder der Sohn eines Cowboys bei Jay im Wohnzimmer. Und erzählen, das kann Elmer Kelton. Er erzählte von dem Zeitungspapier, das in dicken Lagen vor die meist zerbrochenen Fensterscheiben geklebt wurde. Und der dicke Karton darüber, mit dem er lesen lernte: I learned my first letters from a piece of grocery carton nailed upto substitute for a broken window pane: FOLGERS COFFEE. I began to decipher the words on food cans in the pantry. Heute steht das so in Sandhills Boy, vielleicht schrieb er schon damals an dem Buch und testete uns als Publikum. Wir waren fasziniert. Das Photo von Arthur Rothstein oben wurde nicht nachts aufgenommen, es zeigt einen der Staubstürme in der dust bowl von Texas in den dreißiger Jahren. Der historischen Ehrlichkeit wegen sollte man sagen, dass das Bild nachträglich im Labor ein wenig behandelt wurde, das ➱Original war heller.

Growing up listening to eyewitness accounts of the open range and long trails, I saw our part of Texas as a living remnant of a fading frontier. I went with cowboys as they saddled their horses and rode out at sunup to work bawling herds of cattle in the manner of their fathers and grandfathers. Nights, out with the chuck wagon, I looked up at stars crisp and bright, almost within reach of my fingers and was lulled off to sleep by the pleasant aroma of mesquite smoke from a dying campfire. To me, past and present blended. History was still playing out before my eager young eyes.

Das könnte jetzt ein wenig nach How often at night, when the heavens were bright, With the light of the twinkling stars Have I stood here amazed, and asked as I gazed, If their glory exceed that of ours klingen, aber Sandhills Boy ist kein sentimentaler Kitsch. Und auch in den meisten Romanen wird es Kelton vermeiden, in die romantische Sentimentalität abzugleiten, die so viele Western auszeichnet. Es wird allerdings noch lange dauern, bis er in der Lage ist, solche Passagen schreiben zu können wie:  

Frank could not hold back. He spurred until he came to a rock-edged rim from which the ground suddenly fell away. The wind seemed to wrest the breath from him, or perhaps it was not the wind. Perhaps it was the broad, grass-covered valley that spread for miles. Perhaps it was the buffalo, thousands upon thousands, some grazing, some already bedded down and chewing cud in the gentle warmth of a noonday winter sun, some watering in a clear-running creek that came down from the north, where the valley made a long bed. Frank could only guess how far it might be to the head of the creek. He rubbed his eyes, for the wind brought water to them. “Lord in heaven! Did anybody ever see such a sight?” He laughed for no good reason. He felt awash in exhilaration. He was sure he gazed upon the world as God had shaped it and meant it to be, not a human mark visible upon it.

Elmer Kelton hat an der University of Texas in Austin studiert und schrieb danach für die San Angelo Standard-Times über Landwirtschaft. Davon versteht er etwas. Auch wenn er kein Cowboy geworden ist: Had I been a good cowboy I would still be somewhere out in far West Texas working on somebody's ranch for five hundred dollars a month and wishing I were a writer, instead of working as a writer and wishing I were a cowboy. Life has its frustrations.

1963 wurde er Herausgeber des Sheep and Goat Raisers Magazins, und von 1968 bis 1991 war er einer der Herausgeber von The Livestock Weekly. Als er von der Universität kam, hatte er angefangen, in seiner Freizeit Western zu schreiben. I considered myself a failure at least as a cowboy. Though this was a negative attitude, it might have had one good feature. I worked doubly hard on the things I could do. Reading was a refuge. I could put aside the shortcoming that gave me so much anxiety. By the time I was eight or nine years old, I fantasized about someday writing the Great American Novel. It would be a western naturally.

Zuerst schrieb er für pulps wie die Ranch Romances. Egal, was deren Inhalt war, es gab beinahe immer eine junge Frau mit offenen Blusenknöpfen auf dem Titelbild. Das ist so ähnlich wie bei der Sun und dem ➱nackten Mädel auf Seite drei. Doch Kelton wusste, dass dies nicht das war, was er wirklich wollte. 1955 erschien sein erster Roman Hot Iron (Sie können bei ➱Google Books hineinschauen), das war ein Anfang, aber Kelton wollte mehr. In den fünfziger Jahren schrieb er für die Zeitung wöchentlich über die schreckliche Dürre, die sieben Jahre dauern sollte: As a farm and ranch reporter I covered that drought day after day for seven years. I ran out of new ways to say, “It's still dry out there, schreibt er in ➱Sandhills Boy.

Warum nicht darüber einen Roman schreiben? Die erste Fassung gefiel dem Verlag nicht. Die zweite auch nicht. Elmer Kelton legte das Manuskript beiseite und schrieb wieder diese Sorte Western, für die formula fiction ein nettes Wort ist. Also, sagen wir mal: nicht oberhalb von Max Brand, Zane Grey oder Louis L’Amour. Wenn Sie einen festen Beruf haben, behalten Sie ihn, hat er immer wieder jungen Schriftstellern geraten. Aber die Sache mit einem historisch genau recherchierten Roman ließ ihn nicht los. Er holte das Manuskript wieder hervor und schrieb den Roman zu Ende. Der Roman markiert das Ende der formula stories - symbolisch angezeigt durch das Ende der Zusammenarbeit mit Ballantine Books. The Time It Never Rained kam 1973 auf den Markt:

It crept up out of Mexico, touching first along the brackish Pecos and spreading then in all directions, a cancerous blight burning a scar upon the land.
        Just another dry spell, men said at first. Ranchers watched waterholes recede to brown puddles of mud that their livestock would not touch. They watched the rank weeds shrivel as the west wind relentlessly sought them out and smothered them with its hot breath. They watched the grass slowly lose its green, then curl and fire up like dying cornstalks.
        Farmers watched their cotton make an early bloom in its stunted top, produce a few half-hearted bolls and then wither.
        Men grumbled, but you learned to live with the dry spells if you stayed in West Texas; there were more dry spells than wet ones. No one expected another drouth like that of ’33. And the really big dries like 1918 came once in a lifetime.
        Why worry? They said. It would rain this fall. It always had.
But it didn’t. And many a boy would become a man before the land was green again.

Als Peter Bischoff (Bild) mich damals anrief und sagte, dass es ihm gelungen sei, Elmer Kelton nach Deutschland zu locken, konnte ich schlecht sagen: Elmer wer? Ich muss zu meiner Schande gestehen, ich hatte noch nie von ihm gehört. Fünf Minuten nach dem Telephonat war ich in der Bibliothek und hatte die ➱dicke fette Literary history of the American West in der Hand. Ich schloss meine Wissenslücke in den folgenden Wochen, schließlich sollte ich ja auch einen Vortrag halten. Ich hätte über Western Romane und Verfilmungen reden können, denn davon verstehe ich ein wenig. Wenn Sie diesen Blog immer lesen, dann wissen Sie das. Ansonsten sollten Sie vielleicht einmal ➱Spätwestern, ➱Stagecoach und ➱Technicolor lesen.

Aber damals gab es noch keine Verfilmungen von Keltons Romanen, Tommy Lee Jones hatte seinen Film The Good Ole Boys noch nicht gedreht (es gibt ihn ➱hier ganz zu sehen). Da ich den Schauspieler und Regisseur, den ich sehr schätze, gerade erwähnt habe, zitiere ich mal eben, was er über Elmer Kelton gesagt hat: This, then, is Elmer Kelton, an outstanding regional novelist whose work inspires devoted fans but has, to date, failed to gain the critical and popular acclaim of which it is deserving; a writer whose career has spanned more than three decades and seen the western go from popularity to literary ignominy; a cowboy's son who is more comfortable before a typewriter -- or word processor -- than in the saddle; and a respected livestock journalist. But beyond all that, Elmer Kelton is a genuine, unaffected, kind and gentle man, the sort who, in person, makes you want to hunker down and listen to his stories, his voice, and his wisdom.

Unsere Tagung war ein großer Erfolg. Elmer Kelton hielt dann noch, sozusagen als unentgeltliche Zugabe einen Vortrag in der Universität. Die Professoren des Instituts glänzten durch Abwesenheit. Den Mann, den man heute Amerikas bedeutendsten Westernautor nennt und für den es in seiner Heimatstadt San Angelo ein Wandgemälde gibt, wollten sie nicht hören. Aber auch schon andere Gäste hatten es bei uns schwer gehabt, die deutsche Universität beweist im sozialen Bereich immer wieder mangelndes Benehmen. Kein Stil. Cowboys wären höflicher.

Elmer Kelton wurde natürlich sofort zum Ehrenmitglied der GASW ernannt, und seit 1999 verleiht die Gesellschaft den Elmer Kelton Award für Verdienste um den Western. Ich habe die Autobiographie und ein halbes Dutzend Romane gelesen (dank Elmer besitze ich signierte Erstausgaben, in die er nette Dinge hinein geschrieben hat), ich kann mich nicht als Elmer Kelton Spezialisten bezeichnen. Aber einen Lesetip kann ich doch geben. Und das sind auf jeden Fall die Romane The Time It Never Rained, The Day the Cowboys Quit und The Good Old Boys. Damit machen Sie nichts falsch. Mit der Lektüre der Autobiographie auch nicht. Dann können Sie noch die anderen Bücher lesen, sechzig sind es mindestens. Früher gab es bei Heyne und Moewig eine Vielzahl von Titeln, aber zur Zeit scheint es keine deutschen ➱Übersetzungen im Handel zu geben.

Als ein Reporter Anna Kelton einmal fragte, welches der Bücher ihres Mannes ihr Lieblingsbuch sei, hat sie geantwortet: I guess my favorite is this one. It's the only one I've read. Es war kein Roman, es war die Autobiographie Sandhills Boy, sie hat seine Romane nie gelesen. Das ist wirklich witzig. Sie hat die Verfilmung von The Good Old Boys gesehen und die Audioversion im Autoradio gehört. She said she's waiting on the rest of them until they come out as movies, sagte Elmer Kelton dazu.

Ich glaube, dass das Urteil von Tommy Lee Jones - an outstanding regional novelist whose work inspires devoted fans but has, to date, failed to gain the critical and popular acclaim of which it is deserving - etwas untertrieben ist. Die Western Writers of America Organisation hat ihn the greatest western writer of all time genannt, das trifft es schon eher. Sein Heimatstaat Texas hat 1997 beschlossen, dass es einen Elmer Kelton Day geben müsse. Seine Leser haben ihn geliebt, seine Kollegen haben ihn geschätzt. 1998 überreichte ihm ➱Larry McMurtry seinen ersten Lone Star Award. Hier ist er mit Red Shuttleworth zu sehen, der in diesem ➱Blog schon sehr häufig erwähnt wurde.

He had a wagonload of Spur Awards, hat Red Shuttleworth gesagt. He told marvelously hilarious stories. Elmer Kelton... a wise and noble soul, a writer of unforgettable magnificent novels about the west we love. Elmer Kelton ist 2009 im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Ich bin glücklich, ihn gekannt zu haben. Selbst im New Yorker, einer Zeitschrift, die man normalerweise nicht mit dem Westerngenre verbindet, gab es einen schönen Nachruf von ➱Macy Halford. Ich lasse das letzte Wort einmal dem Harvard Absolventen Tommy Lee Jones, einem Texaner wie Elmer Kelton: But beyond all that, Elmer Kelton is a genuine, unaffected, kind and gentle man, the sort who, in person, makes you want to hunker down and listen to his stories, his voice, and his wisdom.

Im Band XVIII der Zeitschrift Studies in the Western gab es im Jahre 2010 mehrere Nachrufe auf Elmer Kelton. Einer stammte aus der Feder von Sanford E. Marovitz von der Kent State University. Sandy Marovitz ist eigentlich ein anerkannter Melville Spezialist (er kommt in diesem Blog schon in den Posts ➱Ralph Waldo Emerson, ➱Clarel und ➱Moby-Dick vor), aber er war sich nicht zu schade, über einen Westernautor zu schreiben (er hatte übrigens schon 1975 über Elmer Kelton geschrieben). Sein Artikel Elmer Kelton as Social Critic findet sich leider nirgends im Internet, sonst würde ich ihn hier abdrucken. Aber den letzten Satz möchte ich doch zitieren: As a humanistic novelist and social critic, Elmer Kelton provides readers with a lesson in open-mindeness and tolerance while entertaining them with action-filled stories of western Texas in transition over nearly a century.

Lesen Sie auch: ➱This place of memory, ➱Larry McMurtry

Montag, 16. Februar 2015

Richard Ford


Der Buchumschlag von The Sportswriter hatte etwas Geheimnisvolles, besaß etwas von dem Unerklärlichen der Pittura Metafisica. Der Designer war Rick Lovell, er war von Anfang an bei der Gestaltung der Reihe der ➱Vintage Contemporaries dabei gewesen. Die Reihe war wirklich cool. Außer dem guten Design offerierte die Reihe das Beste, was damals aus Amerika kam. Die Werke von ➱Thomas McGuane waren auch in dieser Reihe. The Sportswriter war nicht das erste Buch von Richard Ford (der auch einmal sportswriter gewesen war), aber es war sein erster großer Erfolg. Für das Time Magazin gehörte es zu den besten Büchern des Jahres 1986, zwanzig Jahre später gehörte es für Time sogar zu den hundert besten Romanen seit 1923 (dem Jahr, in dem Time zum ersten Mal erschien). Für den nachfolgenden Roman, Independence Day, erhielt Ford den Pulitzer Prize und den Pen/Faulkner Award.

Als sein erster Roman A Piece of my Heart erschien, konnte man auf der Vintage Ausgabe E.L. Doctorows Lob aus dem New York Times Book Review lesen: Richard Ford is a new Southern voice, here, I think, with situations and characters of considerable power. Ich weiß nicht, ob ihm das wirklich gefallen hat, dass man ihm das Etikett southern writer verpasste. Aber er kommt nun mal aus dem Süden. War auf der gleichen High School wie Eudora Welty. Er hatte sie kennengelernt, als er The Sportswriter in einer Buchhandlung in Jackson signierte. Es kamen kaum Leute. Aber Eudora Welty kam.

Suddenly I looked up and there was Eudora. She'd driven over to the bookstore. She had a deep voice — and I'm making her sound more imperious than she was; she was very sweet — but she said, 'Well, I just had to come pay my respects.' Bei ihrer Beerdigung im Jahre 2001 gehörte er zu den Sargträgern, er ist auch der Verwalter ihres literarischen Nachlasses. Und hat in der Reihe der Library of America die Werke von Eudora Welty herausgegeben. Dass man aus dem Schatten von William Faulkner nicht herauskommt, das weiß er selbst: If you're in Mississippi and you want to be a writer, you have an inescapable obligation to Faulkner.

Sein nächster Roman spielte - und das war ein bewußter Schauplatzwechsel - in Mexico. Einem Mexico, das ein wenig anders war als das von ➱James Mallahan Cains Serenade oder von ➱Jacques Tourneurs Out of the Past. Der renommierte Autor von Kriminalromanen Stanley Elkin schrieb über The Ultimate Good LuckSo hardboiled and tough that it might have been written on the back of a trench coat. A grand Maltese Falcon of a novel. Ford seems to have invented a new form - the detective-less detective story, the bystander novel, where the only case for the bystander to crack is his heart. Das kann man nicht überbieten. Man könnte den Roman allerdings auch einfach nur cool nennen.

Die Engländer hatten die neuen amerikanischen Autoren, die manchmal unter dem Schlagwort Dirty Realism rubriziert wurden (manchmal auch wie Raymond Carver und Frederick Barthelme unter minimalist fiction liefen), schnell entdeckt. Das lag vor allem an dem Magazin Granta, das in Heft 18 die Amerikaner vorstellte (und in Heft 40 die lange Short Story The Womanizer von Ford druckte). Als ich damals Richard Ford für mich entdeckte (und das ist nun schon Jahrzehnte her), musste ich an Ken Keseys Sometimes a Great Notion denken, einen Roman, der immer im Schatten des Welterfolgs seines Autors stand. Redet keiner drüber, liest auch niemand. Es ist ein Roman, der William Faulkner viel verdankt. Richard Ford verdankt Faulkner natürlich auch einiges. ➱Ken Kesey wurde durch One Flew over the Cuckoo's Nest berühmt, nicht durch Sometimes a Great Notion.

Es ist ein Roman (vergessen Sie die Verfilmung mit Paul Newman), den Ford übrigens gut kennt, er hat über Ken Kesey gesagt: He wrote two of the most influential books of the last thirty years. 'Sometimes a Great Notion' is one of the great, great books written by an American, hands down... Es ist ein schade, dass angesichts des Erfolges von The Sportswriter niemand über das frühe Werk von Ford redet. Über die Short Story Sammlung Rock Springs oder den wunderbaren Roman Wildlife, der mit dem Satz beginnt: In the fall of 1960, when I was 16 and my father was for a time not working, my mother met a man named Warren Miller and fell in love with him. Richard Ford hat es mit den ersten Sätzen. Sein Roman Canada beginnt mit: First, I'll tell about the robbery our parents committed. Then about the murders, which happened later.

Ford konnte seinen Helden Frank Bascombe aus The Sportswriter offensichtlich nicht aufgeben, da ging es ihm wohl ein wenig wie ➱John Updike mit seinem Harry 'Rabbit' Angstrom. Auf The Sportswriter folgte Independence Day, dann The Lay of the Land und Let Me Be Frank with You (lesen Sie ➱hier Living with Frank Bascombe aus dem New Yorker). Mit dem ersten Satz von The Sportswriter war er da: My name is Frank Bascombe. I am a sportswriter. Wenn uns ein Erzähler sagt Call me Ishmael, dann wissen wir nicht unbedingt, wer er ist.

Es ist für einen Schriftsteller häufig nicht leicht, den Anfang zu finden. Wahrscheinlich hat es bei Herman Melville etwas anders ausgesehen, als sich Gary Larson das vorstellt. Call me Bill und Call me Larry sind wirklich keine echten Alternativen zu Call me Ishmael. Nur Philip Roth hatte mit seinem Call me Smitty in The Great American Novel einen genialen Einfall. Bei einer Kurzgeschichte, die Inferno heißen sollte (aus der dann endgültig der Roman Wildlife wurde), hat Richard Ford lange am ersten Satz gearbeitet: I spent five days trying to write the first sentence. When you're up against a story and you know you're ready to write it — you know what's out there to be written about and you know the things you'd like to get to. Writing the first line is like standing in front of a huge wall, behind which is everything that you want, and you have to build the perfect door.

Wenn uns jemand sagt My name is Frank Bascombe. I am a sportswriter, dann haben wir ihn an der Backe. Den werden wir nicht mehr los. Das ist wie bei Coleridges Ancient Mariner. Von nun an sind wir als Leser für ihn eine Art Priester oder Psychiater. Wir müssen ihm zuhören: For the past fourteen years I have lived here at 19 Hoving Road, Haddam, New Jersey, in a large Tudor house bought when a book of short stories I wrote sold to a movie producer for a lot of money, and seemed to set my wife and me and our three children--two of whom were not even born yet--up for a good life.
Just exactly what that good life was--the one I expected--I cannot tell you now exactly, though I wouldn't say it has not come to pass, only that much has come in between. I am no longer married to X, for instance. The child we had when everything was starting has died, though there are two others, as I mentioned, who are alive and wonderful children.
I wrote half of a short novel soon after we moved here from New York and then put it in the drawer, where it has been ever since, and from which I don't expect to retrieve it unless something I cannot now imagine happens
.

Er ist in einer existentiellen Krise, aber vieles bleibt im Dunklen. Seine Ex-Frau bleibt ohne Namen, sie ist nur X. Dass er eine Tochter namens Clary hat (die in Independence Day und The Lay of the Land mehr an Eigenleben gewinnt) wird erst spät im Roman erwähnt. Weshalb seine Ehe gescheitert ist, weshalb sein Sohn gestorben ist, will er uns nicht so recht sagen: Though toward the end of our marriage I became lost in some dreaminess. Sometimes I would wake up in the morning and open my eyes to X lying beside me breathing, and not recognize her! Not even know what town I was in, or how old I was, or what life it was, so dense was I in my particular dreaminess. I would lie there and try as best I could to extend not knowing, feel that pleasant soaring-out-of-azimuth-and-attitude sensation I grew to like as long as it would last, while twenty possibilities for who, where, what went by. Until suddenly I would get it right and feel a sense of—what? Loss, I think you would say, though loss of what I don’t know. My son had died, but I’m unwilling to say that was the cause, or that anything is ever the sole cause of anything else. I know that you can dream your way through an otherwise fine life, and never wake up, which is what I almost did. I believe I have survived that now and nearly put dreaminess behind me, though there is a resolute sadness between X and me that our marriage is over, a sadness that does not feel sad. It is the way you feel at a high school reunion when you hear an old song you used to like played late at night, only you are all alone.

Amerikanische Schriftsteller scheinen es zu mögen, über Personen zu schreiben, die aus der Spur geraten sind. John O'Haras Appointment in Samarra handelt davon. Updikes Rabitt Angstrom Romane sind nichts anderes, immer wieder ist es die Kleinstadt, die Vorstadt und der verloren gegangene American Dream, das Leben in diesen little boxes made of ticky-tacky, little boxes all the same. ➱Richard Yates' Revolutionary Road wäre ein auch schönes Beispiel dafür (und wir denken jetzt mal eben nicht an den Film mit Leonardo di Caprio). Richard Ford hat Yates übrigens als großen Einfluss gesehen: I wish to record my debt of gratitude to the stories and novels of Richard Yates, a writer too little appreciated. Michiko Kakutani von der New York Times hatte schon das richtige Näschen, als sie in ihrer Rezension von The Sportswriter Richard Yates' Revolutionary Road erwähnte.

Kakutani wies auch auf einen möglichen Einfluss von Walker Percys Roman The Moviegoer (den Peter Handke ins ➱Deutsche übertragen hat, leider, möchte man sagen) hin. Ein Roman, der manchmal einen ganz ähnlichen Ton anschlägt wie The SportswriterI am a stock and bond broker. It is true that my family was somewhat disappointed in my choice of profession. Once I thought of going into law or medicine or even pure science. I even dreamed of doing something great, but there is much to be said for giving up such grand ambitions and living the most ordinary life imaginable, a life without the old longings; selling stocks and bonds; quitting work at five o'clock like everyone else; having a girl and perhaps raising a flock of Marcias and Sandras and Lindas ... Nor is the brokerage business as uninteresting as you might think. It is not a bad life at all....

Frank Bascombe legt sich sein Leben zurecht, er flüchtet sich in die Platitüde: All we really want is to get to the point where the past can explain nothing about us and we can get on with life. Whose history can ever reveal very much? In my view Americans put too much emphasis on their pasts as a way of denning themselves, which can bedeath-dealing. I know I'm always heartsick in novels (sometimes I skip these parts altogether; sometimes I close the book and never pick it up again) when the novelist makes his clanking, obligatory trip into the Davy Jones locker of the past. Most pasts, let’s face it, aren’t very dramatic subjects, and should be just uninteresting enough to release you the instant you’re ready (though it’s true that when we get to that moment we are often scared to death, fell naked as snakes and have nothing to say). Er ist nicht unbedingt das, was wir einen zuverlässigen Erzähler nennen würden, aber das macht den Reiz des Romans aus. 

Wir können diese Sätze natürlich auch als Lebensweisheiten nehmen, aber eigentlich sind sie sehr ironisch. Frank Bascombe, der wie Harry Angstrom immer ein wenig auf der Flucht ist, braucht sie zum Leben: My own history I think of as a postcard with changing scenes on one side but no particular or memorable messages on the back. You can get detached from your beginnings, as we all know, and not by any malevolent designs, just by life itself, fate, the tug of the ever-present. The stamp of our parents on us and of the past in general is, to my mind, overworked, since at some point we are whole and by ourselves upon the earth, and there is nothing that can change that for better or worse, and so we might as well think about something more promising. Das Stilmittel der Platitüden ist natürlich von Kritikern nicht unbemerkt geblieben, wo man Sätze lesen kann wie he takes refuge in the kind of platitude that Ford's narrators often evoke for protection oder Richard Ford's Canada offers platitudes worthy of a self-help guide. Natürlich klingen die Sätze Things you did. Things you never did. Things you dreamed. After a long time they run together aus dem zwölften Kapitel von Canada sehr schön. ➱Kurt Vonnegut sagt das kürzer. In Slaughterhouse Five heißt es lapidar: So it goes. Viele halten Richard Ford wegen dieser Allgemeinplätze für einen ➱Philosophen. Ich glaube, da versteht man ihn völlig falsch.

Ist Frank Bascombe der amerikanische everymanOver the last twenty years, goodwilled readers have occasionally asked me if Frank Bascombe, the yearning, sometimes vexatious, narrator of my three novels The Sportswriter, Independence Day, and Lay of the Land—if Frank Bascombe was intended to be an American “everyman.” Und Ford hat auch eine Antwort parat: But the truth is that Frank Bascombe as ‘‘everyman’’ was never my intention. Serienhelden werden irgendwann lästig. Für Autor und Leser. ➱Conan Doyle wollte seinen ➱Sherlock Holmes die Reichenbach Fälle hinunterstürzen lassen (musste ihn aber wieder auferstehen lassen). Ich konnte Harry 'Rabbit' Angstrom irgendwann nicht mehr aushalten, musste aber gestehen, dass Rabbit at Rest ein großartiger Roman war (da hätte Rabbit Remembered nicht sein müssen).

Michiko Kakutani (die auch einen Pulitzer Prize hat) mag die neuesten Bascombe Romane nicht: Although there are some wonderful, deeply moving passages in “The Lay of the Land” that evoke what it is like to be a middle-aged, middle-class man at the turn of the millennium, these passages are buried beneath pages and pages of self-indulgent self-analysis and random ruminations about real estate in New Jersey — not the makings of a fitting follow-up to “The Sportswriter” and “Independence Day,” only the stale ingredients of an unnecessary and by-the-numbers sequel.

Seit beinahe vierzig Jahren lebe ich mich Richard Ford. So wie ich mit ➱Joan Didion lebe. Und mit John Updike. Ich habe beinahe alles gelesen, was aus Amerika kam, das war mein Beruf. Nicht alles war gut, vieles war überschätzt. Vor allem vom deutschen Feuilleton, das eh alles lobte, was aus den Staaten kam. Doch immer wieder gab es in der immer größer werdenden Masse von Büchern kleine Perlen wie Jill Eisenstadts From RockawayHarry CrewsA Feast of Snakes oder ➱Padgett Powells Edisto (den fand Walker Percy besser als ➱Salingers Catcher in the Rye). Viele Kollegen hielten sich an die goldenen Regeln der Universität und machten nur Lehrveranstaltungen zu Autoren, die schon hundert Jahre tot waren, ich brachte lebende Amerikaner ins Vorlesungsverzeichnis. Manche meiner Studenten nervten amerikanische Schriftsteller mit ihren Fragen und hängten die Korrespondenz (die häufig höchst erstaunlich war) hinten an ihre Seminararbeit dran. Ich weiß nicht, ob es richtig war, diese Kurse zu geben. Aber natürlich kann ich für mich sagen, dass ich auch Seminare über ➱Cooper, ➱Melville und ➱Faulkner gemacht habe. Und über die Literatur der Südstaaten. Ich wünschte mir von Richard Ford, dass er endlich einmal einen schönen Südstaaten Roman schreibt.

Falls sie noch eine von den Alltagsweisheiten von Frank Bascombe brauchen sollten, nehmen Sie diese, die ist für alles gut: I no longer credit the epiphanic, the seeing through that reveals all, triggered by a mastering detail. These are lies of the liberal arts to distract us from the more precious here and now. Life’s moments come at us heedless, not at the bidding of a gilded fragrance. Und wenn Ihnen das jemand in einer Kneipe erzählt, geben Sie ihm ein Bier aus.

Und natürlich: Happy Birthday, Richard Ford!

Sonntag, 15. Februar 2015

Gudrun


Sie schob immer den Autositz zurück und legte ihre nackten Füße auf das Armaturenbrett. Ich hasste das mit den Füßen. Obwohl sie hübsche Füße hatte. Sie sah sowieso sehr gut aus. Ein bisschen wie Rita Hayworth oder die junge Ingrid Bergman. Frauen haben es gerne, wenn man ihnen das sagt. Auf einem Photo lehnt sie sich (mit Sonnenbrille) an ein Verkehrsschild, auf dem Danger steht. Da ist sie in Südfrankreich. Ich habe einen Karton voller Photos. Und eine Schublade voller Liebesbriefe.

Als wir uns kennenlernten, haben wir eine Nacht lang in den Dünen von Langeoog geknutscht. O dolce baci, o languide carezze. Ich glaube, sie war damals noch keine sechzehn. Wo lernen so junge Mädchen so hemmungslos zu küssen? Dies waren die Ausläufer der Fifties, da ist noch alles geregelt wie bei den troubadours des Languedoc: Erstmal Monate lang Blicke tauschen, dann eine Verabredung zum Spaziergang (meistens eine Freundin dabei). Dann mal ein zufälliges Berühren der Handoberflächen, später Händchenhalten. Später ein keuscher Kuß auf die Wange. Hier waren alle Regeln hinweggefegt. Es war wunderbar.

Es ging über Jahre, aber es ist nichts daraus geworden. War es symbolisch, dass sie meinen goldenen Siegelring nachts beim nächtlichen Nacktbaden in Dänemark verloren hatte? Im Herz bleibt immer ein kleines Weh, schrieb sie später einmal. Ich hatte andere Autos und andere Frauen. Sie hatte andere Männer. Aber wir wussten immer, wo der andere war. Wir redeten miteinander, schrieben einander. Ein halbes Jahrhundert lang. Als sie vor Wochen anrief, war mein Weihnachtsgeschenk immer noch nicht angekommen. Auf die Post in Mexiko ist kein Verlass.

Ostern wird es da sein, sagte sie. Letztes Jahr war das auch so. Ich weiß nicht, ob sie es noch bekommen hat, sie ist vor wenigen Tagen plötzlich gestorben.

Im Herzen bleibt immer ein kleines Weh.

Freitag, 13. Februar 2015

F.C. Delius


Bloggen kann jeder, steht auf der ➱Homepage des deutschen Schriftstellers Friedrich Christian Delius. Der hat heute Geburtstag, da wäre ein kleiner Glückwunsch vielleicht angebracht. Und da ich bei Geburtstagen von deutschen Schriftstellern bin: es ist mir sehr peinlich, dass hier am 1. Februar kein schöner Post zu Dieter Kühn stand, der an dem Tag achtzig Jahre alt wurde. Ich habe mich vor einem ➱Jahr schon gewundert, dass ich noch nie über ihn geschrieben habe. Vielleicht kommt das ja noch mal.

Delius ist in Rom geboren, das weiß ich, weil ich gerade seine ➱Erzählung Bildnis der Mutter als junge Frau lese. Die italienische Atmosphäre des kleinen Romans hat ein wenig etwas von Der Tod in Rom von Wolfgang Koeppen und von ➱Alfred Anderschs Roman Die Rote. Es ist ein schöner Roman, weit entfernt von Werken wie Ein Held der inneren Sicherheit. Ist auch sehr schön groß gedruckt und mit einem roten Lesebändchen versehen. In der Jugend kann man Paperbacks lesen, da sind die Augen noch gut. Aber im Alter schätzt man einen größeren Druck. Vor Jahrzehnten habe ich ➱Sir Walter Scott noch in einer Tauchnitz Ausgabe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts lesen können, das könnte ich heute nicht mehr. War das reinste Augenpulver.

Dieses Bloggen kann jeder von Delius fordert ein wenig zum Widerspruch heraus. Aber Delius hat sein ganzes Leben zum Widerspruch herausgefordert. Er ist nicht unbedingt mein Lieblingsschriftsteller (bei Dieter Kühn ist das ganz anders), aber wie es der Zufall will, sind mir in den letzten Wochen zwei Bücher von ihm in die Hand gefallen. Und da mir gerade partout kein Thema einfiel, kam er mir gerade recht. So wie man gewöhnlich, wenn man nichts zu sagen hat, vom Wetter redet, so geht es auch den Schriftstellern: wenn sie nichts zu schreiben haben, dann schreiben sie eben vom Wetter; das sollten sie aber endlich bleiben lassen. So zitiert Boris Eichenbaum ➱Leo Tolstoi.

Zum Thema Wetter gab es hier schon einmal einen ➱Post, und ich zitiere auch gerne einmal Schopenhauers Satz: Wir haben das Wetter nicht in der Hand. Genauso wie wir das schöne Wetter genießen, bleibt uns nichts anderes übrig, als das schlechte Wetter - wie alle Mühen des Alltags - zu »durchleben«. Aber Wetter als Thema der Literaturwissenschaft? Da fällt mir sofort F.C. Delius ein. Weil ich ihn immer auf die Leseliste tippte, wenn ich ein Seminar zur Romantheorie machte. Weil er 1971 eine höchst originelle ➱Dissertation geschrieben hat: Der Held und sein Wetter: Ein Kunstmittel und sein ideologischer Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus. Die Dissertation ist 2011 vom Wallstein Verlag wieder aufgelegt worden.

Das Thema Wetter und der Raum des Romans haben die Literaturwissenschaft ja lange nicht interessiert. Aber man kommt nicht daran vorbei. Zum Beispiel wenn ein Autor wie ➱Bulwer-Lytton seinen Roman mit It was a dark and stormy night beginnt. Mich hat das Thema immer interessiert. Als Leser wie als Literaturwissenschaftler. Was wären Wuthering Heights oder die ➱Gothic Novels ohne das Wetter? Auch in diesem Blog habe ich mit Beispielen nicht gegeizt. Ob das die Regenwand im Gebirge ist, die Heinrich Drendorf in Stifters Nachsommer den schlimmen Fehler begehen lässt, das Haus des Freiherrn von Risach aufzusuchen (lesen Sie mehr in ➱Adalbert Stifter), oder ob es die Mittagssonne im ersten ➱Kapitel von Effi Briest ist.

Oder denken Sie an ➱Chandlers The Big Sleep. Wenn es im ersten Satz heißt: It was about eleven o’clock in the morning, mid october, with the sun not shining and a look of hard wet rain in the clearness of the foothills, dann warten wir ja nur auf den Regen. Im sechsten Kapitel kann der Held dann endlich seinen ➱Trenchcoat anziehen: Rain filled the gutters and splashed knee-high off the sidewalk. Big cops in slickers that shone like gun barrels had a lot of fun carrying giggling girls across the bad places. The rain drummed hard on the roof of the car and the burbank top began to leak. A pool of water formed on the floorboards for me to keep my feet in. It was too early in the fall for that kind of rain. I struggled into a trench coat and made a dash for the nearest drugstore and bought myself a pint of whiskey. Back in the car I used enough of it to keep warm and interested. I was long overparked, but the cops were too busy carrying girls and blowing whistles to bother about that. Ich weiß, dass das schreckliche Cover des Paperbacks von Ballantine nicht zu dem Bild von Adalbert Stifter oben passt, aber in diesem Blog ist alles möglich. Und um die geschmackliche Entgleisung wiedergutzumachen, zeige ich im nächsten Absatz ein schönes Bild von ➱Wilhelm Busch.

Eine meiner Lieblingsstellen das Wetter betreffend findet sich in Otto Ludwigs HeiteretheiUnd auch heller wurde es. Schon zeigten sich Lücken im Gewölke. Das flog nun selbst wie eine endlose Folge dunkler Regenschirme in den Händen eilender Riesen am Himmel dahin. Der Mond stellte sich auf die Zehen und sah zwischen ihnen hindurch auf die nasse Straße herab. Die hielt ihm tausend Spiegel vor und er sah wohlgefällig, um wie viel schöner und vollwangiger er nun seit gestern wieder geworden war. Sie können dazu mehr in dem Post ➱Otto Ludwig lesen. F.C. Delius hat anlässlich der Neuauflage seiner Dissertation gesagt: Die Idee kam mir, als der Germanist Eberhard Lämmert in einer Vorlesung nebenbei sagte, das gute Wetter sei der beste Stimmungsmacher für schlechte Autoren. Ich habe dann die Tricks untersucht, mit denen Schriftsteller das Wetter so einsetzen, wie sie es brauchen. Das primitivste Muster ist dies: Positive Figuren bekommen Sonnenschein, negative Regen. Wenn sich Konflikte anbahnen, gibt es Sturm oder Gewitter. Bei Wilhelm Raabe zum Beispiel gibt es eine antisemitische Sonne, den Wind als Kuppler und so weiter.

Das mit ➱Wilhelm Raabe und dem Semitismus musste bei einem professionellen 68er ja kommen, ich kann es nicht mehr hören. Der Hungerpastor, an dem das immer festgemacht wird, gehört nun wirklich nicht zu den großen Romanen von Raabe, er selbst bezeichnete ihn als abgestandenen Jugendquark. Und schrieb 1903 an eine Leserin: Auch aus 'Höxter und Corvey' können Sie wohl entnehmen, daß ich nicht zu den Antisemiten zu zählen bin, sondern nur wie unser Herrgott in seiner Welt mein Licht in meiner Kunst leuchten lasse über Gerechte und Ungerechte. — Juden haben in meinem Leben immer mit zu meinen besten Freunden und verständnisvollsten Lesern gehört, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Es ist der holländische Germanist Herman Meyer (den ich dem Post ➱Holländer erwähnte) gewesen, der mit seinem Aufsatz Raumgestaltung und Raumsymbolik in der Erzählkunst 1957 eine Pionierarbeit für die Literaturwissenschaft leistete. Danach kamen das von Alexander Ritter herausgegebene Buch Landschaft und Raum in der Erzählkunst und Gerhard Hoffmanns Raum, Situation, erzählte Wirklichkeit. Und und und. Aber Delius' Buch war immer in der Diskussion, wurde immer zitiert. Wörter wie ideologisch und bürgerlich im Titel schmecken heute natürlich ein wenig nach 1968, und Delius (auf dem Photo unten der zweite von links, neben ihm im weißen Hemd ist Klaus Wagenbach) wird ja wie kein anderer Autor mit 1968 assoziiert. Und was sagt er heute dazu?

Von 1968 habe ich, offen gesagt, die Schnauze voll. Nicht von den alten Erfahrungen, die auch meine Studentenjahre gewürzt haben und nun, ein halbes Leben zurückliegen. Was das Thema 68 so degoutant macht, ist seine mediale Zubereitung zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig Jahre später. Bei fast allem, was man dazu lesen, sehen, hören kann, stellt sich alsbald ein Gefühl des Widerspruchs ein, das vereinfacht in drei Wörtern ausgedrückt werden könnte: Nicht schon wieder! oder, protest-literarisch gesagt: Alles war anders!
Die Bilder, Berichte und Dokumente aus alten Zeiten lügen nicht, aber sie lügen doch. Sie zeigen die Leute aus den ersten Reihen, die wildesten Gesichter, die nacktesten Kommunarden, die plakativsten Plakate, die unordentlichsten Wohnungen, die rotesten Fahnen, die spektakulärsten Aktionen. Zitiert werden die kämpferischsten Reden, das auffälligste Polit-Kauderwelsch, die euphorischen – und nicht die skeptischen Stimmen.
Zu diesem schlechten, aber mediengerechten Brauch gehört es, daß bei allen entsprechenden Jubiläumsfeierlichkeiten in unziemlich privilegierter Weise meistens solche Veteranen zu Wort kommen, die schon 1968 Wortführer waren. Zeitzeugen, die sich im Kreise drehen und vor unseren Augen fossilieren, selbst wenn sie selbstkritisch Richtiges, Nachdenkenswertes sagen. Seit dreißig Jahren vermitteln sie das gleiche Bild: Wir haben den Durchblick...
Keine politische Bewegung ist so auf ihre eigenen Mythen und Klischees hereingefallen wie die 68er. Die meisten dieser Klischees sind sogar nicht einmal falsch. Trotzdem sage ich: Alles war anders, nämlich viel widersprüchlicher, mehrdeutiger, spielerischer. Schon bei der Definition “68” oder “68er” verengt sich alles zur Schablone. Ich sträube mich nach Kräften, als “68er” beschimpft oder gefeiert zu werden. Wenn einem schon ein Jahrgangsetikett angepappt wird, dann ziehe ich den 66er vor: die Phase des Aufbruchs, des Kulturbruchs, der Horizonterweiterungen.

Das musste einmal gesagt werden (wenn Sie den Text ganz lesen wollen, dann klicken Sie ➱hier).

Mittwoch, 11. Februar 2015

Schatten


Gestern meldete meine Regionalzeitung, dass es noch zwei Tage bis zum Kinostart von Fifty Shades of Grey seien. Auf Seite eins. Auf Seite eins findet man normalerweise wichtige Nachrichten. Nackte Frauen kommen erst auf Seite drei. Auf jeden Fall bei der Sun. Die Leser der Sun konnten nach einer Woche des Verzichts aufatmen, die Mädels sind wieder da. Offensichtlich ist ein Kinofilm über Sex wie einst zur Zeit von Ingmar Bergmans Schweigen (dazu hier mehr) Gesprächsthema Nummer Eins. 1.308.000 Leute haben auf der Facebook Seite von Shades of Grey das Gefällt mir angeklickt. How daft can you get?

Wir hatten Ausflüge in die softcore Sado-Maso Szene ja schon einmal, wenn ich mal eben kurz die Aufmerksamkeit auf einen anderen Film lenken darf. Den ich sehr komisch fand. Es gibt da eine Szene, in der der Hauptdarsteller bedeutungsschwer zu einer Blondine sagt, dass das eine Billie Holiday Platte sei, die er jetzt auflegt. Ich habe damals im Kino laut lachen müssen. Sorry. Der Film ist natürlich Zalman Kings 9 ½ Weeks mit Kim Basinger und Mickey Rourke, über den der britische Telegraph titelte: 9 ½ Weeks: the story of the original 50 Shades of Grey. Mickey Rourke schien Hollywood damals der richtige Mann für erotische Filme zu sein, denn wenig später folgte Zalman Kings Wild Orchid mit Carré Otis.

Und in Alan Parkers Angel Heart (lesen Sie hier mehr) war Rourke auch schon von lauter schönen Frauen (Charlotte Rampling, Lisa Bonet und Elizabeth Whitcraft) umgeben. Aber Mickey Rourke hatte nicht die Stehkraft eines Don Juan, von ihm sang niemand Ma in Ispagna son già mille e tre, er versank in der Welt des Alkohols. Ich erwähne den großen Verführer Don Juan aus dem Grunde, weil am 15. Februar vor 350 Jahren Molières Dom Juan ou le Festin de pierre Premiere hatte. Das ist übrigens eine Komödie. Viele Filmkritiker haben Zalman Kings 9 ½ Weeks und Wild Orchid auch als unfreiwillige Komödien betrachtet.

Wir sind im jetzt im Bereich des Schmuddelkinos. Erotischer Film und Pornochic klingt für diese softcore Version der widerlichen SM Produktionen besser, aber schmuddelig und sexploitation bleibt es. Und viel Geld kann man damit auch machen. Wir warten schon auf Fifty Shades of Grey II und III. Schließlich gab es nach Feuchtgebiete ja auch Schoßgebete. Sexual fantasy is as old as civilization (as opposed to as old as the race), and one of its outward and visible signs is pornographic literature, an entirely middle-class phenomenon since we are assured by many investigators (Kinsey, Pomeroy, et al.) that the lower orders seldom rely upon sexual fantasy for extra-stimulus. As soon as possible, the uneducated man goes for the real thing, sagt uns Gore Vidal in seinem Essay On Pornography. Wie gut, dass Karneval ist, da brauchen die Menschen nicht ins Kino zu gehen.

Die Weltpremiere von 50 Shades of Grey heute bei der Berlinale, ab morgen ist der Film in den Kinos. Die ersten Vorstellungen sind schon ausverkauft. Die Platte, die Mickey Rourke in 9 ½ Weeks auflegt, da kommt garantiert kein Sex drin vor.

Lesen Sie auch: Patti d'Arbanville, Robbe-Grillet.