Freitag, 21. April 2017

Mäusebutter


Man wuchs in Bremen mit ihr auf wie mit dem Roland und dem Märchen von der Gräfin Emma und dem Krüppel. Der Spuckstein auf dem Marktplatz, wo sie ihren Kopf verlor, wurde schon uns Kindern gezeigt. Ich rede von der Giftmischerin Gesche Gottfried, die am 21. April 1831 auf dem Bremer Marktplatz enthauptet wurde. Danach wurde nie wieder jemand auf dem Marktplatz hingerichtet. Was die Opferzahl der Serienmörderin angeht, ist Jack the Ripper ein Waisenknabe gegen sie. Das hier ist natürlich nicht Gesche Gottfried, das ist Sabine Sinjen, die die Mörderin in einem Film von Karl Fruchtmann spielt. Sechs Jahre nach Fassbinders Film Bremer Freiheit, das zugrundeliegende Bühnenstück wird heute noch auf vielen Theaterbühnen gespielt.

Sie ist berühmt geworden, unsere Gift-Gesche mit ihrer Mäusebutter aus Butterschmalz und Arsen. Da redet man heute schon mal schnell von einem ➱Mythos. Heute geht Mythos schnell. In Gröpelingen gibt es sogar einen Gesche Gottfried Weg, allerdings nur bei den Kleingärtnern. Gesche Gottfried kommt aus Gröpelingen, für sie werden heute Spaziergänge durch Bremen auf den Spuren der Frau mit der Mäusebutter organisiert. Allerdings gibt es da eine Einschränkung: Der Rundgang ist nicht für Kinder geeignet! Das Ganze läuft unter Kultur vor Ort, ist aber nur ein Zeichen kultureller Verzweiflung.

In Gröpelingen war noch nie was los. Das bedeutendste Gebäude hier war das Zuchthaus im angrenzenden Oslebshausen, heißt heute Justizvollzugsanstalt. Aber das hat Gesche Gottfried nicht kennengelernt, sie war in der Ostertorwache inhaftiert, die heißt heute  ➱Wagenfeld Museum. Die Yuppies, die sich da heute Wilhelm Wagenfeld Leuchten angucken, werden wahrscheinlich nicht wissen, dass die Gesche hier drei Jahre gesessen hat. Und hundert Jahre später die Gestapo hier ihre Häftlinge gequält hat. Das Morden hört niemals auf.

Die Bremer Mörderin hat in diesem Blog natürlich mit  ➱Giftmord schon einen ausführlichen kulturgeschichtlichen Post, in dem eigentlich alles steht, was Sie wissen müssen. Auch der Song  ➱Wir haben Blut geleckt, wir haben Blut geleckt von Jennifer Rostock wird dort erwähnt. Gesche Gottfried ist in der Subkultur angekommen, einen Comic - sorry, das heißt jetzt graphic novel - gibt es auch schon. In dem Post Giftmord werden aus dem Gedicht Die Giftmischerin von Adelbert von Chamisso einige Zeilen zitiert, heute gibt es das mal ganz:

Dies hier der Block und dorten klafft die Gruft.
Laßt einmal noch mich atmen diese Luft
und meine Leichenrede selber halten.
Was schauet ihr mich an so grausenvoll?
Ich führte Krieg, wie jeder tut und soll,
gen feindliche Gewalten.
Ich tat nur eben, was ihr alle tut,
nur besser; drum, begehret ihr mein Blut, so tut ihr gut.

Es sinnt Gewalt und List nur dies Geschlecht;
was will, was soll, was heißet denn das Recht?
Hast du die Macht, du hast das Recht auf Erden.
Selbstsüchtig schuf der Stärkre das Gesetz,
ein Schlächterbeil zugleich und Fangenetz
für Schwächere zu werden.
Der Herrschaft Zauber aber ist das Geld:
Ich weiß mir Beßres nichts auf dieser Welt
als Gift und Geld.

Ich habe mich aus tiefer Schmach entrafft,
vor Kindermärchen Ruhe mir geschafft,
die Schrecken vor Gespenstern überwunden.
Das Gift erschleicht im Dunkeln Geld und Macht,
ich hab es zum Genossen mir erdacht
und hab es gut befunden.
Hinunter stieß ich in das Schattenreich
Mann, Brüder, Vater, und ich ward zugleich
geehrt und reich.

Drei Kinder waren dennoch mir zur Last,
drei Kinder meines Leibes; mir verhaßt,
erschwerten sie mein Ziel mir zu erreichen.
Ich habe sie vergiftet, sie gesehn,
zu mir um Hilfe rufend, untergehn,
bald stumme, kalte Leichen.
Ich hielt die Leichen lang auf meinem Schoß
und schien mir, sie betrachtend tränenlos,
erst stark und groß.

Nun frönt ich sicher heimlichem Genuß,
mein Gift verwahrte mich vor Überdruß
und ließ die Zeugen nach der Tat verschwinden.
Daß Lust am Gift, am Morden ich gewann,
wer, was ich tat, erwägt und fassen kann,
der wird's begreiflich finden.
Ich teilte Gift wie milde Spenden aus
und weilte lüstern Auges, wo im Haus
der Tod hielt Schmaus.

Ich habe mich zu sicher nur geglaubt
und büß es billig mit dem eignen Haupt,
daß ich der Vorsicht einmal mich begeben.
Den Fehl, den einen Fehl bereu ich nur
und gäbe, zu vertilgen dessen Spur,
wie viele eurer Leben!
Du, schlachte mich nun ab, es muß ja sein.
Ich blicke starr und fest vom Rabenstein
ins Nichts hinein.

Und dann hätte ich hier noch etwas Interessantes von Carl Ceiss:  ➱Engel von Bremen: Moritat. War ein Hörspiel für Radio Bremen, kann aber auch als Monolog auf der Bühne gesprochen werden. Unsere Gesche hat schwer Konjunktur: Filme, Theaterstücke, Opern, Krimis, Videoinstallationen und wasweißich. Aber man fragt sich: Warum das alles? Wo ist die Grenze? Die beiden alten Damen in Frank Capras  ➱Arsen und Spitzenhäubchen finden wir ja ganz nett, aber das ist ein Film. Eine Komödie. Gesche Gottfrieds Taten sind keine Komödie. Aber vermarkten kann man heute alles, Wir haben Blut geleckt, wir haben Blut geleckt.

Falls Ihnen das alles zu morbide ist und Sie etwas Positives für den Freitag brauchen, dann hätte ich noch etwas anderes. Gestern sendete der Disney Channel den Film  ➱In den Schuhen meiner Schwester. Kennen Sie. Das ist der Film, wo Cameron Diaz am Schluss bei der Hochzeit ihrer Schwester ein ➱Gedicht aufsagt. Ein kleines Gedicht von e.e. cummings, aber ein schönes Gedicht, das man immer wieder lesen kann:

i carry your heart with me (i carry it in
my heart) i am never without it (anywhere
i go you go, my dear; and whatever is done
by only me is your doing, my darling)
i fear
no fate (for you are my fate, my sweet) i want
no world (for beautiful you are my world, my true)
and it’s you are whatever a moon has always meant
and whatever a sun will always sing is you

here is the deepest secret nobody knows
(here is the root of the root and the bud of the bud
and the sky of the sky of a tree called life; which grows
higher than soul can hope or mind can hide)
and this is the wonder that's keeping the stars apart

i carry your heart (i carry it in my heart)


Donnerstag, 20. April 2017

Nachtkasper


Das ist natürlich ➱Rembrandt, hier hat er sich als Paulus gemalt. Er heißt aber nicht Paul Rembrandt. So heißt er nur in dem Gedicht Harlem von Aloysius Bertrand. Der französische Dichter wurde heute vor 210 Jahren geboren. Er ist nicht alt geworden, starb mit vierunddreißig Jahren an der Schwindsucht, der Krankheit von Dichtern und Musikern in dieser Zeit. Was er für Zeitungen schrieb, erregte die Aufmerksamkeit von Victor Hugo und Sainte-Beuve, aber sein Hauptwerk kannte damals noch niemand, es wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Das Werk heißt Gaspard de la nuit, es ist ein Prosagedicht, das einen immensen Einfluß hatte. Dies rätselhafte Bild von René Magritte heißt auch Gaspard de la nuit. Und natürlich gibt es noch das berühmte Musikstück ➱Gaspard de la nuit: Trois poèmes pour piano d'après Aloysius Bertrand von Maurice Ravel. Hier gespielt von Valentina Lisitsa, die kennen sie aus dem Post ➱Klavierkonzert No 24. Das ist die Frau, die unter Verzicht auf Unterwäsche das Klavier erotisch umarmt. Andere Pianisten können das auch ohne diese Mätzchen spielen.

Momentan scheint sich die Inspiration wieder zu beleben. Nach langen Monaten der Vorbereitung wird 'Gaspard de la nuit' das Tageslicht erblicken. [...] Dazu musste der Teufel kommen, Gaspard, was logisch ist, da ER der Autor der Gedichte ist. Ein Werk des Teufels sind die Fantasiestücke in Rembrandts und Callots Manier für ➱Ravel. Es ist eine düstere Welt, in die Aloysius Bertrand den Leser hineinzieht: Und ich fragte mich ob ich wachte oder schliefe — ob das die blässe des mondes war oder die Luzifers — ob es mitternacht war oder tagesanbruch! Sie können das Original ➱hier lesen (und hier gibt es eine ➱Auswahl auf deutsch). Diese Welt, die unser poète maudit vor uns entwirft, zeigt noch Reste der ➱schwarzen Romantik und den Beginn einer literarischen ➱Fantastik.

Als ich, mindestens zum zwanzigsten Mal den berühmten Gaspard de la Nuit von Aloysius Bertrand durchblätterte [...], kam mir die Idee, etwas Gleichartiges zu versuchen und auf die Beschreibung des modernen Lebens oder vielmehr einer Seite des modernen und abstrakteren Lebens die Vorgehensweise anzuwenden, die er auf das Gemälde des altertümlichen, so seltsam malerischen Lebens angewandt hat. Wer von uns hat nicht in seinen ehrgeizigen Zeiten von dem Wunder einer poetischen Prosa geträumt, musikalisch ohne Rhythmus und ohne Reim, geschmeidig und schroff genug, um sich den lyrischen Regungen der Seele, den Schwingungen des Traums, den Zuckungen des Bewußtseins anzupassen, schrieb Charles Baudelaire 1861.

Eine Ondine gibt es in der Welt von Bertrand auch, diese hier ist von Victoria Dubourg Fantin-Latou gemalt (und hier spielt Martha Argerich Ravels ➱Ondine). Wenn Sie noch mehr über geheimnisvolle Wasserfrauen wissen wollen, dann lesen Sie ➱Meerjungfrauen und Waldnixen. Es sind nicht nur Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé, die sich dem Einfluss von Bertrand nicht entziehen können, es gibt da noch einen Autor, in dessen Werk wir Gaspard de la nuit wiederfinden. Und das ist ➱Joris-Karl Huysmans mit À rebours. Denn dort gehört das Buch von Bertrand zur ➱Lieblingslektüre von des Esseintes: Cette anthologie comprenait un selectæ du Gaspard de la Nuit de cefantasque Aloysius Bertrand qui a transféré les procédés du Léonard dans laprose et peint, avec ses oxydes métalliques, de petits tableaux dont les vivescouleurs chatoient, ainsi que celles des émaux lucides.

Das Gedicht des Tage heißt heute Harlem, eine deutsche Übersetzung gibt es auch:

Harlem

Harlem, cette admirable bambochade qui résume l'école
flamande, Harlem peint par Jean-Breughel, Peeter-Neef,
David-Téniers et Paul Rembrandt.

Et le canal où l'eau bleue tremble, et l'église où le
vitrage d'or flamboie, et le stoël où sèche le linge
au soleil, et les toits, verts de houblon.

Et les cigognes qui battent des ailes autour de l'horloge
de la ville, tendant le col du haut des airs et recevant
dans leur bec les gouttes de pluie.

Et l'insouciant bourguemestre qui caresse de la main
son double menton, et l'amoureux fleuriste qui maigrit,
l'oeil attaché à une tulipe.

Et la bohémienne qui se pâme sur sa mandoline, et le
vieillard qui joue du Rommelpot, et l'enfant qui enfle
une vessie.

Et les buveurs qui fument dans l'estaminet borgne, et
la servante de l'hôtellerie qui accroche à la fenêtre un
faisan mort.

Harlem

Wenn der goldhahn von Amsterdam singt, wird die goldhenne von Harlem ein ei legen.
Die Zenturien des Nostradamus

Harlem, dies bewundernswerte genrebild das die flämische schule in eins faßt,
Harlem gemalt von Jan Breughel, Pieter Neefs, David Teniers und Paul Rembrandt;

Und der kanal wo das blaue wasser zittert, und die kirche wo das goldfenster flammt, und der söller wo die wäsche in der sonne trocknet, und die dächer, grün von hopfen;

Und die storche die rund um die turmuhr mit den flügeln schlagen, den hals hoch in die lüfte streckend und in ihrem schnabel die regen-tropfen auffangend;

Und der unbekümmerte bürgermeister der mit der hand sein doppelkinn liebkost, und der verliebte blumengärtner der, das auge auf eine tulpe geheftet, abmagert;

Und die Zigeunerin die auf ihrer mandoline vergeht, und der greis der auf dem brummtopf spielt, und das kind das eine blase aufbläst;

Und die trinker die in der finsteren kneipe rauchen, und die magd des gasthofs die einen toten fasan ans fenster hängt.

Weshalb der Übersetzer das Rommelpot mit Brummtopf und nicht mit Rummelpott übersetzt, das weiß ich nicht. Seit fünfzehn Jahren gibt es Aloysius Bertrands Gaspard de la Nuit: Fantasiestücke in Rembrandts und Callots Manier zweisprachig. Die machen interessante Dinge bei Matthes und Seitz

Mittwoch, 19. April 2017

Kindermädchen


Ist das die Kindheit in besseren Kreisen? Immer eine Aufsichtperson dabei? Das Kindermädchen hat sich feingemacht, sie bemüht sich, eine Dame der Pariser Bourgeoisie zu sein. Das Bild heißt gemeinhin Nounou avec enfant, eine nounou ist das, was im Englischen eine nanny ist, ein Kindermädchen. Als das Bild  1878 im Pariser Salon ausgestellt wurde, hatte es den Titel Miss et bébé. Das kleine Mädchen muss reiche Eltern haben, wenn die sich eine Miss, eine englische Nanny leisten können.

Was uns auf den ersten Blick fein ziseliert erscheint, ist in Wirklichkeit leicht und luftig dahingetuscht, es ist diese Impression, die die Impressionisten wollen. Es wird viel Damenkleidung gemalt in diesen Jahren, Paris ist die Stadt der Haute Couture. Und die Maler fangen die neuen Stoffe und die neuen Moden ein. ➱Anders Zorn bekommt modischen Nachhilfeunterricht von ➱Otto Bobergh (dem Compagnon von Charles Frederick Worth) und Monets La Femme à la robe verte sagt uns mehr über die damalige Damenmode als ein Modemagazin. Ich könnte dazu einiges schreiben, aber das meiste steht schon in den Posts ➱Camille in grün und ➱Charles Frederick Worth.

Die französische Malerin ➱Eva Gonzalès, der wir das Kindermädchen im Park verdanken, hat mit dunklen Farbtönen angefangen, aber im Laufe der Zeit ist ihre Palette immer heller geworden, ihre Farben immer durchsichtiger. Dieses Bild, La Promenade à dos d'âne, stammt aus dem Spätwerk. Die Dame sieht bei ihrem Eselsritt nicht gerade glücklich aus. Faszinierend ist aber das Kleid, in das sich die ein wenig pulpeuse Dame gequält hat. Die Mode macht jetzt seltsame Dinge mit den Frauen, an ihrem Höhepunkt steht der ➱cul de Paris. Das, was Wilhelm Busch so unübertroffen als den Pariser Prachtpopo bezeichnet hat.

Das Bild Nounou avec enfant ist eins der schönsten Bilder von Eva Gonzalès, die heute vor 170 Jahren geboren wurde. Sie war, und das könnte man vermuten, wenn man das Bild lange genug betrachtet, eine Schülerin von Manet. Das Bild ist in Dieppe gemalt, wo sich die Malerin gerne aufhielt, es war ihr erster Versuch in der plein air Malerei. Dies Bild von ihrer Schwester Jeanne hier nicht, ich stelle das nur hier hin, weil ich es schon lange kenne, es hängt in der Kunsthalle Bremen. Ich habe das schon in dem Post ➱Kunsthalle Bremen beklagt, dass ihr Onlinekatalog eine erbärmliche Sache ist. Habe deshalb spaßeshalber den Namen der Malerin eingegeben. Das Ergebnis war: Es wurden keine Ergebnisse zu Eva Gonzalès gefunden. Dazu kann man nur sagen: quod erat demonstrandum. Wenn man bei Google Eva Gonzalès eingibt, ist dies Bild als ➱Sammlungshighlight eins der ersten Ergebnisse. Soviel zum Onlinekatalog.

Das hier ist ein Bild von ➱Manet, das kleine Mädchen ist die Tochter seines Malerkollegen Alphonse Hirsch. Das Kindermädchen ist zwar auch ordentlich gekleidet, aber es versucht nicht, eine Dame zu spielen. Manets Bild ist sechs Jahre vor dem Bild von Eva Gonzalès gemalt. Wir erkennen, dass beide Bilder etwas miteinander gemein haben: in beiden Bildern blickt uns das Kindermädchen an, in beiden wendet sich das Kind ab. Ich zitiere dazu einmal von der Seite der ➱National Gallery of Art (die im Gegensatz zu Bremen richtig gute Seiten haben):

Most striking, however, are the ways in which Gonzalès consciously diverged from Manet’s model. Whereas Manet’s work feels somewhat claustrophobic, with figures trapped between the shallow foreground and the black metal bars of the fence behind them, Gonzalès’ painting delights in open space. Despite the summary depiction of the garden, she reveals a sensitivity to the play of sunlight as it peeks through the trees and dapples the ground, suggesting that she may have painted the work at least in part out of doors. Consequently, the figures seem to inhabit a landscape, rather than pose against a backdrop. Nanny and Child is not a mere imitation of Manet’s painting, but a thoughtful and highly original response to the subject, reimagined and transformed into something entirely new and undeniably her own.

Hier hat Manet sein ehemaliges Modell und seine Schülerin Eva Gonzalès beim Malen gemalt, elegant im weißen Kleid. Wir sind ein wenig in Sorge, dass da Farbe drauf kleckern könnte. Normalerweise sieht man Malerinnen - auch die Malweiber - ja in einem Malkittel. Aber es soll ja Maler geben, die malen können, ohne zu kleckern. ➱Magritte malte immer im eleganten Anzug im Wohnzimmer, hat nie Spuren von Ölfarben auf dem Teppich hinterlassen, den er vor der Staffelei ausrollte. Darüber könnte ich noch stundenlang schreiben, aber es ist Poetry Month. Ein Gedicht zum Thema Kindermädchen muss her. Ich fand schnell ein schönes Gedicht, das aber nichts mit der Belle Époque zu tun hat. Es ist ein Gedicht, das Puschkin 1826 in der Verbannung über sein Kindermädchen ➱Arina Rodjonowna, dem er so viel verdankte, geschrieben hat. Seine einzige wahre Freundin hat er sie genannt. Ich fand das Gedicht zuerst in einer englischen Übersetzung:

To My Nanny

Dear doting sweetheart of my childhood,
Companion of my austere fate!
In the lone house deep in the wild wood
How patiently for me you wait.
Alone beside your window sitting
You wait for me and blame the clock,
While, in your wrinkled hands, your knitting
Fitfully falters to a stop.
Beyond the crumbling gates the pinetrees
Shadow the road you watch so well.
Nameless forebodings, dark anxieties,
Oppress your heart. You cannot tell
What visions haunt you: Now you seem to see...

Ein wenig Suche förderte auch das russische Original zutage:

Няне

Подруга дней моих суровых,
Голубка дряхлая моя!
Одна в глуши лесов сосновых
Давно, давно ты ждешь меня.
Ты под окном своей светлицы
Горюешь, будто на часах,
И медлят поминутно спицы
В твоих наморщенных руках.
Глядишь в забытые вороты
На черный отдаленный путь:
Тоска, предчувствия, заботы
Теснят твою всечасно грудь.
То чудится тебе...

Das hätte ich (und Sie wohl auch) nun gerne auf Deutsch gehabt. Also schickte ich einen Hilferuf an Friedrich Hübner, der alles, wirklich alles, über die russische Literatur weiß. Das ist der Mann, der mich jahrelang gedrängt hat, endlich ➱Krieg und Frieden zu lesen. Und der mir den Roman geschenkt hat, der die Basis für den großartigen Film ➱Mein Freund Iwan Lapschin war. Friedrich Hübner ist in diesem Blog schon häufiger erwähnt worden, und sein Buch ➱Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen: Eine kommentierte Bibliographie steht schon in dem Post ➱Bolotow. Von Herrn Hübner bekam ich umgehend eine deutsche Übersetzung zugesandt:

An die Kinderfrau

Du Trösterin in trüben Tagen,
Mein gutes Täubchen, alt und krank,
Nun wartest du auf meinen Wagen
Im öden Waldhaus schon so lang,
Schaust auf den Weg vom Fenster nieder,
Getreu wie ein Soldat auf Wacht,
Und läßt das Strickzeug immer wieder
Ganz ungeduldig außer acht,
Starrst auf das Tor, das noch verschlossen,
Spähst auf die dunkle Straße weit,
Besorgt, voll Ahnungen, verdrossen
Ob dieser langen Wartezeit.
Bisweilen denkst du gar...

Und dazu die Information, dass die Rohübersetzung der deutschen Fassung von Lieselotte Remané, die endgültige Nachdichtung von ihrem Mann Martin Remané stammt. Das Übersetzerehepaar kenne ich schon. Nicht nur, weil sie ➱Lewis Carroll übersetzt haben, sondern weil ich die Erinnerungen der Fürstin ➱Maria Wolkonskaja gelesen habe. Was für mich damals eine sehr eindrucksvolle Lektüre war. Wir wollen mal hoffen, dass Puschkin seiner Kinderfrau Blumen mitgebracht hat. Diese Blumen hier sind natürlich von Eva Gonzalès, die gerne Blumen malte. Wahrscheinlich lässt Manet sie deshalb auf seinem Portrait auch Blumen malen. Und plaziert noch eine Blume auf dem Teppich. Die Blumen habe ich hier abgebildet, weil ich ➱Susanne Haun grüßen möchte, die eine meiner treuesten Leserinnen in dem Blog ➱vita brevis, ars longa ist und die mir letztens so nett über Blumen geschrieben hat.

Dienstag, 18. April 2017

Dichterkrone


Heute vor 530 Jahren ist der deutsche Humanist Conrad Celtis auf dem Nürnberger Reichstag als erster Deutscher zum ➱poeta laureatus gekrönt worden. Eigentlich hieß er nicht Celtis, sondern Bickel oder Pyckell, aber in dieser Zeit gibt man sich gerne einen lateinischen oder griechischen Namen. Wenn man lesen und schreiben kann. Sie kennen das, da wird aus einem simplen Schwartzerdt ein pompöses Melanchton. Manchen ist aber ihr pompöser Name zu viel, und deshalb nennt sich Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim schlicht Paracelcus. Hier von Quentin Massys gemalt, ein schönes Bild mit einer halben Weltlandschaft. Vor der Paracelsus an die Bühnenrampe tritt. Aber vielleicht ist es auf diesem Bild im Louvre gar nicht Paracelsus. Schon ➱Max J. Friedländer hatte erkannt, dass es sich hier um eine zeitgenössische Kopie eines Gemäldes von Massys handelt, dem der Kopist den Namen Paracelsus hinzugefügt hat.

Celtis hat den Lorbeer (lateinisch laurus) vom deutschen Kaiser auf den Kopf bekommen, der letzte deutsche Dichter, dem diese Ehre widerfuhr war 1804 ein gewisser Karl Reinhard. Kurz danach gab es das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nicht mehr. Dichter gab es noch, aber keine aus Lorbeer geflochtene Dichterkrone mehr. Conrad Celtis ist als eine Art Wanderlehrer weit durch Europa gereist und hat überall wissenschaftliche Gesellschaften und die Vorläufer von Universitäten gegründet. Hier sehen wir den gerühmten und berühmten Dichter zusammen mit Albrecht Dürer.

Celtis trägt allerdings auf dem Bild aus dem Jahre 1508 nicht den Lorbeerkranz wie hier der von El Greco gemalte Alonso de Ercilla y Zúñiga. Lorbeerkränze haben alle möglichen Leute getragen, Botticelli hat Dante mit einem ➱Lorbeerkranz gemalt, und Napoleon hat sich mit einem goldenen Lorbeerkranz malen lassen. Ganz aus der Mode geraten ist der Lorbeerkranz noch nicht. Sir Henry Wood, der die ➱Last Night of the Proms erfunden hat, bekommt jedes Jahr einen grünen Kranz umgelegt.

Conrad Celtes hat nicht nur als Dichter gewirkt, er hat auch die Manuskripte anderer Dichter entdeckt und veröffentlicht. Wir wüssten wenig von dem Ligurinus von Gunther von Pairis (auch ein poeta laureatus) oder den Dichtungen von Hroswitha von Gandersheim, hätte es Celtis nicht gegeben. Wenn Sie sich jetzt fragen, was diese antiken Bikini Girls hier sollen (Sie könnten jetzt auch in den Post ➱Bikini schauen), das hat schon seinen Grund. Nämlich das Epigramm auf ein römisches Mädchen von Conrad Celtis. Hier spricht ein Mädchen aus der Antike, und sie spricht natürlich Latein. Wie leider auch unser poeta laureatus, alles in Neulatein, kein Deutsch:

Annos mille sub hoc tumulo conclusa iacebam;
haec nunc Romanis extumulata loquar:
Non veteres video Romano more Quirites,
iustitia insignes nec pietate viros.

Sed tantum magnas tristi cum mente ruinas
conspicio, veterum iam monumenta virum.
Si mihi post centum rursus revideberis annos,
nomen Romanum vix superesse reor.

Tausend Jahre schlief ich in dieses Grabmales Hügel;
frisch nun exhumiert, sage den Römern ich:
Nirgends seh ich die alten Quiriten nach römischer Sitte,
Männer gerechten Sinns, Männer, die Frömmigkeit ziert.

Trümmerberge rings nur gewahr ich mit traurigem Herzen,
Überbleibsel von längst hingesunkenen Ahnen.
Träte ich euch nach hundert Jahren wieder vor Augen,
ist der Name Rom mein ich lang schon verweht.

Berühmt geworden ist Celtis durch seine Liebesgedichte, die er Ovid folgend Amores nennt. Und dann gibt es noch diese berühmte Ode an Apoll (zu der Sie hier mehr erfahren), in der er Apoll bittet, dass dieser die Dichtung auch nach Germanien bringen möge (Ode ad Apollinem repertorem poetices: ut ab Italis cum lira ad Germanos veniat)

Phoebe, qui blandae citharae repertor,
Linque delectos Eliconque Pindum
Et veni nostris vocitatus oris
Carmine grato.

Cernis, ut laetae properent Camenae
Et canant dulces gelido sub axe,
Tu veni incultam fifibus canoris
Visere terram.

Barbarus, quem olim genuit vel acer
Vel parens hirtus, Latii leporis
Nescius, nunc sit duce te docendus
Pangere carmen,

Quod ferunt dulcem cecinisse Orpheum,
Quem ferae atroces agilesque cervi
Arboresque altae celeres secutae
Plectra moventem.

Tu celer vastas aequoris per undas
Laetus a Graecis Latiam videre
Invehens musas voluisti gratas
Pandere et artes.

Sic velis nostras, rogitamus, horas
Italas ceu quondam aditare terras,
Barbarus sermo fugiatque, ut atrum
Subruat omne.

Wenn Sie noch mehr über lorbeergekrönte Dichter lesen wollen, dann klicken Sie doch Hofdichter: Gott schütze die Königin an. Kommt auch kein Latein drin vor.

Montag, 17. April 2017

Kapital und Kultur


Heute vor 180 Jahren wurde John Pierpont Morgan geboren, ein Bankier, der sich die Kunst der ganzen Welt kaufen konnte: Ohne Kenntnisse auf irgendeinem Kunstgebiet, ohne besonderen Geschmack oder natürliche Begabung, selbst ohne gute Ratgeber hat der merkwürdige Mann allein durch seine Mittel und die Freigebigkeit, mit der er sie ausgab, wie durch seine Klugheit und sein Zielbewußtsein in wenigen Jahren Sammlungen zusammengebracht, welche denen der großen alten Museen zum Teil nahekommen, in der einen oder anderen Richtung sie wohl gar übertreffen. Und das alles in einer Zeit, in der es angeblich zu spät ist, um noch an Sammeln zu denken! Sein Zaubermittel war das Geld, er scheute sich nicht, für Kunstwerke das Doppelte, ja das Zehnfache und mehr von dem, was bisher für den höchsten Preis galt, auszugeben, und seine Zauberlehrlinge waren die Kunsthändler, die er meist mit Geschick auswählte und mit noch größerem Geschick an sich fesselte. Das schrieb der berühmte ➱Wilhelm von Bode über seinen ungeliebten Konkurrenten im Kunstgeschäft.

Das Bild oben zeigt die zweite Mrs Morgan, gemalt von ➱John Singer Sargent. Und diese Porzellanplastik mit der Dame auf dem Krokodil, die JP Morgan besessen hat, zeigt die Symbolfigur America. Auf jeden Fall hat man sich in Meissen in der Mitte des 18. Jahrhunderts das so vorgestellt. Die Columbia gab es noch nicht. Sie können zu diesen Symbolfiguren Amerikas mehr in dem ausführlichen Post ➱Liberty Girls lesen. Die Meissener America reitet nicht nur auf einem Krokodil, sie hat auch ein Füllhorn voller Blumen im Arm.

In meinem heutigen Gedicht gibt es auch Blumen, es ist ein Gedicht von einem Verwandten von John Pierpont Morgan. Ja, der amerikanische Dichter Robert Frost und der Bankier sind um mehrere Ecken herum verwandt. Robert Frost war hier schon in den Post ➱Mauerbau und ➱Inauguration, und eigentlich sollte er hier viel häufiger auftauchen. Ich mag ihn, und ich besitze eine Gesamtausgabe seiner Gedichte. Weiß sogar, wo die steht. Das Gedicht A Prayer In Spring wurde zuerst in Frosts Gedichtsammlung A Boy's Will 1911 veröffentlicht, aber Frost hat gesagt, dass er es schon 1903 geschrieben hat. Lyrik wird ja nicht schlecht, wenn man sie etwas liegen lässt, und Blumen in Gedichten verwelken nie:

Oh, give us pleasure in the flowers to-day; 
And give us not to think so far away 
As the uncertain harvest; keep us here 
All simply in the springing of the year. 

Oh, give us pleasure in the orchard white,
Like nothing else by day, like ghosts by night; 
And make us happy in the happy bees, 
The swarm dilating round the perfect trees. 

And make us happy in the darting bird 
That suddenly above the bees is heard,
The meteor that thrusts in with needle bill, 
And off a blossom in mid air stands still. 

For this is love and nothing else is love, 
The which it is reserved for God above 
To sanctify to what far ends He will,
But which it only needs that we fulfil. 

Sonntag, 16. April 2017

Ostern


Nicht jeder kommt im Poetry Month in meinen Blog. Doris Runge, deren neuestes Buch Man könnte sich ins Blau verlieben heißt, wird hier kaum vorkommen. Ulla Hahn erst recht nicht. Ich habe meine eigenen Vorlieben, Empfehlungen von Fachleuten oder die Bestsellerlisten des Buchhandels lassen mich kalt. In dem Post über die kanadische Dichterin Marilyn Bowering habe ich geschrieben: Blogger sind freie Menschen, sie dürfen sagen, was sie wollen. Sie sind subjektiv und deshalb objektiv. Und so kann ich Dichter wie ➱Andrew Hudgins, ➱Red Shuttleworth oder ➱C.K. Stead über den grünen Klee loben. Das mache ich aus Überzeugung. Ich könnte an manchen Gedichten von Marilyn Bowering herummäkeln, wie das Jeffrey Weingarten ➱hier nicht zu Unrecht tut. Und dennoch, vieles von ihr ist einfach Wow! Wie das Gedicht Hotel. Oder Zeilen wie diese:

In the night, when the sky holes open
and flights of crows dismember the planets -
when everyone is gone -
I know what death is


Es schmerzt mich ein wenig, dass der Post zu dem Neuseeländer ➱C.K. Stead so wenig gelesen wird, andererseits ist es faszinierend, wie viele Leser ➱Sabine Techel in diesem Monat gefunden hat. Den Amerikaner Red Shuttleworth habe ich im Internet entdeckt. Er tauchte hier zuerst im April 2012 im Post ➱Warren Oates auf und bekam zwei Monate später einen langen ➱Post. Red schickt mir immer seine neueste Lyrik zu, ich habe die vielen kleinen chapbooks im Regal neben ➱Robert Lowell gestellt. Eine symbolisch Handlung, die zeigen soll, dass ich ihn für Lowell ebenbürtig halte.

Nicht weit davon entfernt in dem Regal für amerikanische Lyrik steht Andrew Hudgins, dessen erste Gedichtbände ich bei Harald Eschenburg im Antiquariat fand. Drei Seiten gelesen und sofort alles gekauft, was da war. Alles andere von ihm habe ich im Internet bestellt, der Mann ist wirklich großartig. Dies Bild von Hieronymus Bosch findet sich hier, weil wir es für das Verständnis des Gedichtes Ecce Homo von Andrew Hudgins brauchen, das heute mein Ostergedicht ist.

Christliche Dichter sind in unseren Tagen rar. Ein christlicher Dichter, der auch noch Humor hat, ist noch rarer. Ich möchte dafür als Beispiel den Anfang des Gedichts ➱Praying Drunk zitieren. Ein Gedicht, in dem sich die schönen Zeilen Dear Lord, / we lurch from metaphor to metaphor, / which is – let it be so– a form of praying finden:

Our Father who art in heaven, I am drunk.
Again. Red wine. For which I offer thanks.
I ought to start with praise, but praise
comes hard to me. I stutter. Did I tell you
about the woman whom I taught, in bed,
this prayer? It starts with praise; the simple form
keeps things in order. I hear from her sometimes.
Do you? And after love, when I was hungry,
I said, Make me something to eat. She yelled,
Poof! You’re a casserole!—and laughed so hard
she fell out of the bed. Take care of her.

Sie werden unbedingt ➱hier weiterlesen wollen. Andrew Hudgins hat keinen deutschen Wikipedia Artikel, seine Gedichte sind nicht ins Deutsche übersetzt. Warum eigentlich nicht?

Ecce homo, sagt Pilatus. Sehet, welch ein Mensch, schreibt Luther. Pilatus kann keine Schuld an Jesus finden, andere schon. Diejenigen, die kreuziget ihn rufen. Und die vielleicht so aussehen, wie auf dem Bild von Bosch. Dieser Augenblick, da Pilatus Ecce homo sagt, ist zu einem der meistgebrauchten Motive von Kunst und Literatur geworden. Das Gedicht von Andrew Hudgins nimmt das Thema auf:

Ecce Homo

Christ bends, protects his groin. Thorns gouge
his forehead, and his legs
are stippled with dried blood. The part of us
that’s Pilate says, 'Behold the man'.
We glare at that bound, lashed,
and bloody part of us that’s Christ. We laugh, we howl,
we shout. 'Give us Barabbas',
not knowing who Barabbas is, not caring.
A thief? We’ll take him anyway. A drunk?
A murderer? Who cares? It’s better him
Than this pale ravaged thing, this god. Bosch knows.
His humans waver, laugh, then change to demons
as if they’re seized by epilepsy. It spreads
from eye to eye, from laugh to laugh until,
incited by the ease of going mad,
they go. How easy evil is! Dark voices sing,
'You can be evil or you can be good,
but good is dull, my darling, good is dull'.
And we’re convinced: How lovely evil is!
How lovely hell must be! 'Give us Barabbas!'

Lord Pilate clears his throat and tries again:
'I find no fault in this just man'.
It’s more than we can bear. In gothic script
our answer floats above our upturned eyes.
'O crucify, we sing. O crucify him!'



Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Osterfest.

Und wenn Sie noch mehr von Andrew Hudgins lesen wollen, es gibt hier noch diese Posts: Andrew Hudgins, Weihnachtsfeiern, Karfreitag, Karfreitag, Mockingbird, Ostern, Lord Byrons Schuhe

Samstag, 15. April 2017

Eternal Spring


Heute vor 260 Jahren ist die Malerin Rosalba Carriera gestorben, eine Meisterin der Pastellmalerei. Sie hat mit Miniaturen begonnen und hat Tabakdosen für Schnupftabak bemalt. Wenn Sie den Post ➱Dollarnoten, in dem man Joshua Reynolds mit seiner Schnupftabakdose sehen kann, gelesen haben, dann wissen Sie, welche Bedeutung diese Tabakdosen damals hatten. Dieses Bild von Rosalba Carriera heißt Frühling. Wohl wegen der Blumen. Ist aber nicht so recht überzeugend, wenn wir an ➱Botticellis schöne Frühlingsbilder denken.

Unser Frühling lässt noch auf sich warten. In England ist er offensichtlich schon weiter. Dies Photo hat mir die Daniela letzte Woche aus Richmond geschickt. Da gibt es, wie wir hier lesen können, ein Spring House, ein Haus für den Frühling. Mit viel mehr Flora als bei Rosalba Carriera. Bei dem Wort spring fiel mir eine Gedichtszeile ein, in der eternal spring vorkam, aber ich konnte sie nicht zuordnen. Ich testete das Internet und erfuhr, dass das Gedicht City of Eternal Spring von Afaa M. Weaver vor Jahren auf der Liste des amerikanischen Poetry Month stand. Und dass Medellín die City of Eternal Spring genannt wird. All das half mir nicht weiter.

Ich wollte es schon aufgeben, doch ich dachte mir, wenn ich das tue, dann schlafe ich schlecht. Und da hatte ich die Idee, meinen eigenen Blog zu testen.  Der ist ja schon eine Art Lexikon geworden. Und siehe da, da steht ein Gedicht, in dem sich eternal spring findet. In einem Uhrenpost, der den etwas rätselhaften Namen ➱Groschmann Dägi hat. Das Gedicht ist von Elizabeth Macklin, es wurde einmal im New Yorker abgedruckt. Den New Yorker las ich damals regelmäßig, weil ➱Peter Gutkind ihn mir immer zuschickte, wenn er ihn gelesen hatte. Ich fand das Uhrengedicht von Elizabeth Macklin damals sehr schön (Before they became mysterious and quartz, we longed to learn the workings of watches: eternal spring!) und schrieb es mir ab. Jahre später las ich in dem Schweizer Magazin Du ein Preisrätsel der IWC. Nicht in diesem Heft, das habe ich nur abgebildet, weil das ein sehr gutes Heft über ➱John le Carré ist.

In einem langen Text in dem Heft aus dem Jahre 1997 waren zehn Zitate versteckt, die sollte man herausbekommen. Mit Titel und Autor. Ich erkannte sofort das Gedicht von Elizabeth Macklin und dachte mir, dass niemand das kennen würde. Alles andere würde ein Klacks sein (war es nicht). Es war ein früher Sonntagmorgen, ich trank noch meinen Tee und begann gerade, mir eine Pfeife zu stopfen. Es wurde ein three pipe problem, wie ➱Sherlock Holmes gesagt hätte. Ich hatte keinen Computer, und ich glaube, mein Seminar hatte vor zwanzig Jahren auch noch keinen. Am Abend war meine Wohnung verwüstet, aber ich hatte beinahe alles gelöst. Am nächsten Tag war Einsendeschluss. Wenn Sie es selbst probieren möchten, hier ist der ➱Originaltext (aber bitte ohne Computer). Um die Geschichte kurz zu machen: ich war der einzige, der alles lösen konnte und gewann den ersten Preis des Jubiläumspreisrätsels der IWC. Diese Uhr da oben, auch nach zwanzig Jahren noch ein cooles Teil. Kostete damals beinahe so viel wie zwei ➱Rolex Uhren.

In den nächsten Jahren habe ich diese IWC GST, die extra für mich gemacht worden ist, in jedem Lyrikseminar einmal hochgehalten und den Studies gesagt, dass man so etwas nur gewinnen kann, wenn man ganz viele Gedichte liest. Und das war ja nicht gelogen. Und natürlich hätte ich das Lösen des Preisrätsels gar nicht erst angefangen, hätte ich nicht das Gedicht von Elizabeth Macklin erkannt. Dann hätte ich meine Pfeife geraucht, die ➱Zeit und den Observer gelesen. Aber nicht meine Bibliothek auf der Suche nach Zitaten verwüstet. Ich bin Elizabeth Macklin immer noch dankbar. Und ich habe diesen Post mit der IWC am Handgelenk geschrieben. Falls einer meiner Leser zufällig Elizabeth Macklin kennt, dann möge er ihr doch erzählen, dass es hier einen Blogger gibt, der ein Monster aus hochpoliertem Edelstahl am Arm hat, nur weil ihm die Zeilen Before they became mysterious and quartz, we longed to learn the workings of watches: eternal spring! so gut gefallen haben. Und deshalb gibt es heute ein Gedicht von der Frau, deren Lyrik der The New Yorker 1992 als graceful and halting, quartzlike in precision beschrieb. Es hat den Titel Wise:

I am in awe
of what I feel about you
if I let myself feel.
I have no argument with it.
I want to go on with this
marvel of not having
to disguise a thing:
I’ve gotten wise,
they used to say
in my parents’ generation
in another style,
as wise moved along over time
getting smaller and smaller,
farther outside, and outsized.
Like the music I used to run from the room from
as soon as it started to wail from the hi-fi
before I was ever in love,
eager for the outside opinion.
Desires change over time,
and myself, I am in awe,
and disguise one thing.