Dienstag, 12. Januar 2010

Generäle


Eigentlich mag Abraham Lincoln sie nicht. Er notiert auf einem Truppenbericht, wonach man so und soviel Generäle und so und soviel Pferde verloren habe, dass es schade um die Pferde sei. I can make more generals but horses cost money. Das sind noch mal Prioritäten. Der erste Oberkommandierende, mit dem Lincoln beim Kriegsausbruch zu tun hat, heißt Winfield Scott. Der ist ein Held. Der erste Dreisternegeneral seit Washington. Niemand ist jemals länger in der US Army gewesen als er. Schon vor einem halben Jahrhundert war er dabei, in dem Krieg von 1812, als die Engländer das Weiße Haus niederbrannten. Aber jetzt geht er auf die 80 zu (der Fürst Pückler ist noch mit 81 als Titular-General beim Krieg der Preußen gegen Österreich gewesen) und schläft ständig in Kabinettssitzungen ein. Er ist auch furchtbar fett geworden, aber er ist als Militär nicht dumm. Er glaubt entgegen der allgemeinen Meinung nicht an einen schnellen militärischen Sieg. Er präsentiert Lincoln den Anaconda Plan, eine Einschnürung des Südens. Die Presse macht ihn lächerlich. Einmal die 130 Kilometer von Washington nach Richmond marschieren, und der Krieg ist zu Ende. Zur ersten Schlacht von Bull Run fahren die Leute noch mit der Kutsche von Washington zum Schlachtfeld. Um wenig später in panischer Flucht die Straßen zu versperren, auf denen die Armee des Nordens flieht. Man wird später, ein wenig kleinlaut, auf den Anaconda Plan zurückkommen.

Lincoln hatte Robert E. Lee den Oberbefehl angeboten, aber der Mann aus Virginia hatte höflich abgelehnt. Der Süden macht ihn zum Dreisternegeneral, aber diese Uniform wird Lee kaum tragen. Massa Robert trägt die Uniform eines Colonels der provisorischen Südstaatenarmee. Der Süden hat Dreisternegeneräle, der Norden ist nicht so spendabel, da kriegt man nur zwei Sterne. Lincoln macht George McClellan zum Oberkommandierenden. Der steht gerne vor dem Spiegel und bewundert sich in seiner Uniform. Er kann auch gut organisieren und eine Armee aufbauen, aber vor einer Schlacht, da hat er Angst. Das weiß Robert E. Lee und seine Virginia Armee wird viele Schlachten gewinnen. Irgendwann wird Lincoln McClellan feuern, aber mit den Nachfolgern Burnside und Hooker hat er auch kein Glück. Burnside wird berühmt für seine buschigen Koteletten, die heute noch sideburns heißen. Nach Hooker sind angeblich Huren hookers genannt worden. Das stimmt nicht ganz, aber der trinkfreudige Hooker hat sehr viele hookers in seinem Camp. McClellan kandidiert bei der nächsten Wahl gegen Lincoln, aber auch da wird er verlieren.

Zu Ende des Krieges kommt Lincoln auf Ulysses S. Grant. Der soll auch ein Trinker sein, aber Lincoln sagt nur Tell me what brand of whiskey that Grant drinks. I would like to send a barrel of it to my other generals. Der Kongress spendiert Grant einen dritten Stern. Ein Jahrhundert später wird man Generälen vier und fünf Sterne verleihen. Und der Kongress wird am 15. März 1978 George Washington nachträglich zum General of the Army befördern, somit bleibt er wegen seines über zweihundertjährigen Dienstalters an der Spitze der Rangliste. Grant wird für den Norden den Krieg gewinnen, aber mit welchen Mitteln. Den preußischen Generalstabschef von Moltke erinnerte der Krieg an die Scharmützel von bewaffneten Pöbelhaufen. Es ist der erste totale Krieg, von der militärischen Finesse, mit der die Südstaatengeneräle ihre ersten Schlachten gewannen, ist nichts mehr zu spüren. Für Mrs. Lincoln ist Grant nur ein Schlachter, der bedenkenlos das Leben seiner Soldaten opfert.

Am 9. April 1865 wird Robert E. Lee in Paradeuniform gegenüber Ulysses S. Grant kapitulieren. Grant trägt die Uniform eines einfachen Soldaten, da wird man als General nicht so schnell erschossen. Es ist noch Stroh von der Scheune, in der Grant zuvor geschlafen hatte, an der Uniform. I must have contrasted strangely with a man so handsomely dressed, six feet high and of faultless form, wird Grant später schreiben. Man unterzeichnet die Kapitulationsurkunde im Wohnzimmer des Farmers McLean in Appomattox Court House. Wilmer McLean hatte zuvor in Manassas gewohnt, da wo die erste Schlacht des Bürgerkrieges begann. Er kann sagen, dass der Krieg in seinem Vorgarten begann und in seinem Wohnzimmer endete. Die Nordstaatengeneräle, die bei der Kapitulation anwesend sind, kaufen Wilmer McLean seine ganze Wohnzimmereinrichtung ab, um ein Souvenir dieses Tages zu haben. Robert E. Lees Grundbesitz in Virginia wird 1864 enteignet und wird zum Nationalfriedhof Arlington, der Familie Lees wird zwanzig Jahre später eine Entschädigung von 150.000 $ zugesprochen.

Der General Joshua Lawrence Chamberlain wird die offizielle Kapitulationszeremonie leiten. Chamberlain ist ein gebildeter Mann, Professor am Bowdoin College. In Gettysburg war er als Verteidiger eines Hügels, der Little Round Top heißt, berühmt geworden. Nach dem Krieg wird er Präsident von Bowdoin werden und zum Entsetzen der Studenten eine strenges militärisches Reglement einführen. Bei der Kapitulation behandelt er die Südstaatentruppen mit allen militärischen Ehren, was ihm im Norden viel Kritik einbringt. Der Süden hält ihn für den ritterlichsten Nordstaatengeneral. Mit der chivalry haben sie es ja im Süden, wo alle Generäle ritterliche Gentlemen sind. Mark Twain hat etwas gehässig gesagt, dass Sir Walter Scott am amerikanischen Bürgerkrieg schuld sei. Vielleicht hatte er damit gar nicht Unrecht. George Edward Pickett ist am stärksten von der Scott Lektüre beeinflusst, er soll ausgesehen haben wie eine Kreuzung aus einem Sir Walter Scott Helden und einem Mississsippi gambler. Er wird am dritten Tag von Gettysburg Picketts Charge anführen, den zu einem Mythos gewordenen letzten großen Angriff des Südens in offener Schlacht. Wenn ihm Lee nach dem Blutbad befiehlt, sich mit seiner Division auf einen Gegenangriff vorzubereiten, soll er gesagt haben: General Lee, I have no division. Er hat Lee danach immer gehasst.

Sonntag, 10. Januar 2010

Regenschirme


Es gefällt dem Herzog von Wellington nicht, dass seine Offiziere Regenschirme benutzen. Kein Soldat auf der Welt käme heute auf die Idee, einen Regenschirm aufzuspannen. Das ist gegen alle Regularien aller Armeen. Regenschirme sind etwas für Weicheier, Soldaten sind tough. In meinem Infanteriebataillon wurden die Jeeps vom 1. April bis zum 1. Oktober offen gefahren. Nun sind die im 18. Jahrhundert in England in Mode gekommenen Regenschirme weniger der Ausdruck der Zugehörigkeit zur grünen Insel, wo es immer regnet, als ein unentbehrliches ➱Accessoire eines englischen ➱Dandies. Die sind ja jetzt in England große Mode, es gab sie auch schon in Frankreich, da hießen sie Incroyables, weil niemand glauben wollte, dass man solche Mode tragen kann. Es ist die Zeit der kleinen Gesten.

Wenn Napoleon (der gar nicht so klein war, wie ihn ein Übersetzungsfehler gemacht hat) auf manchen Bildern eine Hand in der Weste hält, dann ist das kein Zeichen einer Magenkrankheit (oder der Milz, der Leber etc.). Dandies nehmen in dieser Zeit solche Posen an. Und Dandies tragen Regenschirm. Der Herzog von Wellington übrigens auch, sein Schirm ist etwas kleiner und eleganter als der gewöhnliche Regenschirm, aber er hat ihn ständig am Sattel seines Pferdes. Wellington ist selbst ein eleganter Mann, aber wenn er irgendetwas hasst, dann sind es die jungen reichen Dandies, die sich jetzt in den Garderegimentern breitmachen. Die haben ein halbes Dutzend Diener dabei, Stallknechte für die Fourage. Haben eigene Köche und speisen besser als ihr Feldherr. Manche haben einen Packwagen für ihre Garderobe. Ein Dandy muss ja im Feld auch immer elegant gekleidet sein. Es gibt Gardeoffiziere, die sich ihre Hundemeute aus England nachkommen lassen, um Fuchsjagden in den Pyrenäen zu veranstalten. Wird natürlich etwas peinlich für die Gentlemen, wenn der verfolgte Fuchs in die französischen Linien hinein flieht.

Wellington hasst diesen ganzen Ärger, den ihm die Gentlemen der Garde machen. Obgleich er weiß, dass er genau so wäre, wenn er noch so jung wäre. Aber jetzt ist er der englische Oberkommandierende, da beschränkt sich sein Dandyismus auf neue Bestellungen von eleganten Reitstiefeln in London (natürlich bei ➱Hoby, dem Hoflieferanten, der bei seinem Tode ein Millionenvermögen hinterlässt) und neuen Hosen und Röcken bei seinem Schneider. Stiefel heissen noch heute nach ihm, allerdings sind das Gummistiefel. Und die green Wellie brigade ist nichts Militärisches, das sind die Sloane Ranger, die außerhalb Londons in der Uniform der Landedelleute herumrennen. Uniform trägt Wellington kaum, jeder in der Armee weiß, wer er ist. Er lässt es auch zu, dass in der Armee nicht mehr so streng auf die Einhaltung der Bekleidungsvorschriften geachtet wird, die Armee ist ihm dankbar dafür. Aber nun die Regenschirme. Wellington hasst den Regen auch, I never get wet when I can help it. Aber bei Waterloo trägt er ein blaues Cape über seiner Zivilkleidung, keinen Regenschirm, lediglich die goldene Schärpe eines spanischen Feldmarschalls deutet etwas Militärisches an. Dennoch erkennt man ihn auch im Pulverdampf, auch wenn man ein Franzose ist. Als er einen vorbeireitenden Offizier zu Ende der Schlacht nach etwas fragt, bekommt er die Antwort: Je suis desolé, monsieur le Duc, mais je ne parle pas un mot d'anglais.

In der Schlacht von Bayonne schickte er einen Offizier zur Garde, um ihr mitteilen zu lassen (und dies ist nach einer alten Übersetzung von Captain Gronows Memoiren zitiert): Lord Wellington ist nicht damit einverstanden, daß Regenschirme aufgespannt werden, solange unsere Truppen im feindlichen Feuer stehen; er wünscht nicht, daß die Gentlemansöhne sich in den Augen der ganzen Armee lächerlich machen. Ein paar Tage später wird der Kommandeur der Garde gerüffelt: Seine Lordschaft bemerkte scharf: Wenn die Herren von der Garde in St. James Dienst tun, mögen sie meinetwegen zu ihrer Uniform Regenschirme tragen, wenn sie Lust haben; aber im Felde ist das nicht nur lächerlich, sondern geradezu unmilitärisch. Aber irgendwie hat sich das in der Armee bis zur Schlacht von Waterloo noch nicht herumgesprochen. Einer von Wellingtons Generälen (Sir Thomas Picton) trägt einen großen schwarzen Schirm, und in den Erinnerungen eines französischen Sergeanten findet sich der Satz: und dann klappten sie ihre Schirme zu, hängten ihn an den Sattel und galoppierten auf uns los.

Napoleon hat keinen Parapluie, der lässt sogar seinen Hut auf dem Felde zurück. Blücher behält diesen Hut, nicht weil er ein Andenken an Napoleon haben will, nein, weil er so schön weich ist. Den kann man prima als Kopfkissen in der Kutsche gebrauchen. Nach der Schlacht hat Blücher Wellington umarmt, geküsst und gesagt Mein lieber Kamerad! Quelle affaire! Das quel affaire sei das einzige Französisch, das Blücher gekonnt hätte, bemerkt Wellington später maliziös. Obgleich das nicht so sein kann, einige Zeit später unterhalten sich die beiden Herren lange in der Sprache des gemeinsamen Feindes. Etwas mehr als quelle affaire muss es bei Blücher doch gewesen sein. Je sens un éléphant là, sagt Blücher zu Wellington und deutet auf seinen Bauch. Er glaubt, dass er von einem französischen Grenadier geschwängert sei. Wellington kennt das schon, er macht so etwas wie noncommittal noises. Darin sind Engländer ja gut. Es steht nicht in den verherrlichenden Büchern über den Fürsten von Wahlstatt, aber der Marschall Vorwärts hat immer wieder Phasen wo er schlichtweg verrückt ist. Glücklicherweise ist das bei Waterloo auch so. Da glaubt er, dass die Erde glüht und er seinen Fuß nicht auf den Boden setzen kann. Vielleicht lässt er deshalb seine bei Ligny geschlagene Armee nicht ruhen und kommt Wellington zu Hilfe. Blücher war manchmal etwas verrückt, seine Spielsucht ließ ihn Haus und Hof verspielen, aber dumm war er nicht. Er hat in seinen Briefen und Aufzeichnungen eine höchst eigene Orthographie, aber diese schriftlichen Zeugnisse zeigen doch große Vernunft. Er hat nicht die Bildung Napoleons, aber dafür hat er jetzt seinen Filzhut.

Die Offiziere der englischen Garderegimenter werden sich an Wellingtons Befehl aus dem Jahre 1813 halten. Einmal im Jahr marschieren sie durch London, in dunklen Anzügen, einen schwarzen Bowler auf dem Kopf. Und einen schwarzen Schirm, geschultert wie ein Gewehr. Was braucht ein officer and gentleman (den Begriff gab es ja mal, bis er durch einen Richard Gere Film etwas entwertet wurde) mehr? Captain ➱Rees Howell Gronow, dem das 19. Jahrhundert so viele wunderbare Anekdoten verdankt, ist zur Zeit der Schlacht von Waterloo eigentlich schon wieder Zivilist. Aber er reist nach Brüssel und ist rechtzeitig zur Schlacht auf den Feldern zwischen ➱Waterloo und ➱La Belle-Alliance. Ohne Uniform und ohne Schirm. Aber rechtzeitig genug, um die Worte Guards, get up and charge! zu vernehmen. In seinen Memoiren verwirft er auch, dass Wellington Ich wollte es wäre Nacht oder die Preußen kämen gesagt hat. Nach ihm sollte es folgendermaßen in den Geschichtsbüchern heißen: Der Herzog saß unbeweglich auf seinem Schlachtroß. Ich hörte, wie er Oberst Stanhope nach der Zeit fragte. Stanhope zog die Uhr und erwiderte, es sei zwanzig Minuten nach vier. Der Herzog versetzte: Die Schlacht ist mein! Und wenn die Preußen kommen, so ist der Krieg zu Ende. Obgleich Gronow, damals noch Unterleutnant, nicht immer sehr verlässlich ist, aber in diesem Punkt wird seine Version der Geschichte stimmen.

Samstag, 9. Januar 2010

Segelboote


Im Jahre 1959 lieferte die Bootswerft Abeking und Rasmussen in Lemwerder an einen gewissen Donald O. Stone, New Jersey, das Boot Rolling Stone V. Zu dieser Zeit belieferte die renommierte Werft an der Unterweser den ganzen amerikanischen Geldadel an der amerikanischen Ostküste. Besonders beliebt war die Segelyacht des Typs Concordia, ein Juwel der Bootsbaukunst, wie Elizabeth Meyer sie genannt hat. Elizabeth Meyer ist die Enkelin von Agnes Meyer, die die Mäzenin von Thomas Mann war, als er im amerikanischen Exil lebte. Thomas Mann hat auch in einem A+R Boot gesessen. Die Familie Pringsheim, deren Tochter Katja er geheiratet hatte, hatte 1914 zwei A+R Jollen gekauft (Baunummern 369 und 370). Elizabeth Meyer hat das Wrack der Endeavour gekauft und restauriert. Die Endeavour war eine Yacht der J Klasse, die größten und schönsten Yachten der dreißiger Jahre. Wahrscheinlich hat William Carlos Williams diese Boote vor Augen gehabt, als er sein Gedicht The Yachts schrieb.

Donald O. Stone hatte keine Concordia bestellt, sondern einen 45,5 Fuß Motorsegler. Für die Rolling Stone V wurde 1960 noch ein Beiboot gebaut, 3 Meter lang, Mahagoni geklinkert. Es hatte den Namen No Moss. Das ist ein seltsamer Name für ein Boot. Er macht nur Sinn, wenn man das englische Sprichwort A rolling stone gathers no moss kennt. Also Rolling Stone und No Moss, offensichtlich hatte Mr. Stone Humor. Er hat aber das Mahagoniboot nie abgeholt, es wurde weiterverkauft und landete eines Tages bei meiner Familie. Niemand wußte, dass es mal No Moss geheißen hatte, bei uns hieß es F 47. Die laufende Nummer des Fischereivereins. Es besaß eine A+R Plakette, was in Bootsbesitzerkreisen so etwas wie ein Rolls-Royce Kühler ist. Die Baunummer war 5480. Man konnte es als Ruderboot benutzen, so wie Thomas Mann das Boot der Pringsheim benutzt hatte, es hatte aber auch eine Notbesegelung. Vier Quadatmeter, Luggertakelung. Kapitän Hugo Gottsmann hat mir auf dem Boot das Segeln beigebracht.

Hugo Gottsmann war als Kapitän eines Segelschiffes um Kap Hoorn gefahren, das machte ihn nicht nur zu einem Kap Hoornier, sondern zu einem Albatros. Heute gibt es niemanden mehr, der sich Albatros nennen kann, sie sind alle tot. Die Internationale Bruderschaft der Kapitäne auf großer Fahrt, Kaphoorniers hat sich 2003 aufgelöst. Die Romantik der stolzen Großsegler, die schon im Sterben begriffen war, als Joseph Conrad über sie schrieb, ist endgültig dahin. Wenn einem ein Albatros wie Hugo Gottsmann mit einem Tauende in der Hand bei jedem falschen Griff auf die Finger gekloppt hat, dann hat man Segeln gelernt.

Heute baut A+R keine eleganten Mahagoniyachten mehr, heute bauen sie scheußliche Motoryachten für irgendwelche Scheichs. In den Häfen der amerikanischen Ostküste liegen noch immer Concordia Yachten, von ihren Besitzern sorgfältig gepflegt. Segelschiffe können sehr alt werden. Die von Jamsettjee Bomanjee 1817 gebaute englische Tricomalee schwimmt immer noch, das älteste Segelschiff der Welt. Die Engländer haben sie in Bombay bauen lassen, weil sie all ihr Holz für die Kriegschiffe im Kampf gegen Napoleon verbraucht hatten. Was tut man nicht alles, damit man Britannia rule the waves singen kann.

Freitag, 8. Januar 2010

Sonett


er hat am anfang keine wahl,
als seinen onkel zu erschlagen
und mag es wiederum nicht wagen:
das leben wird für ihn zur qual.

er hätt' ophelia lieben sollen,
sie war doch immer für ihn da,
und dass sie für ihn starb, nun ja,
das konnt' er eigentlich nicht wollen.

mit handeln zögert er im leben
und bringt so seiner umwelt tod
doch angesichts der letzten not
sind wir bereit, ihm zu vergeben?

er hat zu früh mit denken sich verzehrt
sonst hätt' er sich wohl königlich bewährt.

Elvis


Wenn man König ist, hat man ein großes Anwesen. Das kann man Graceland nennen, oder Neverland oder Xanadu. Wenn man das Anwesen geerbt hat, kann man ihm keinen neuen Namen geben. Dann heißt es weiterhin Balmoral oder Buckingham Palace, und man darf es nicht Disneyland taufen. Wenn man König ist, hat man keinen Nachnamen, dann heißt man nur Elvis oder Elisabeth. Wenn man kein ganz so richtiger König ist, dann heißt man Lotto King Karl oder Michael Jackson, the King of Pop. Wenn man König ist, fährt man ganz große Automobile. Wenn man König von Graceland ist, kommt die Karosserie der Autos bestimmt nicht von Mulliner Park Ward. Wenn man König von Graceland oder Neverland ist, nimmt man ganz viele Drogen. Die bringen einen dann um, nur nicht den König von Graceland. Der ist unsterblich. Wenn man König von England ist, nimmt man nur einen Gin Tonic zu sich. Bestenfalls schmiert man sich wie Philip die gichtigen Knöchel mit Butazolidin ein, mit dem man vorher die lahmen Pferde kuriert hat. Zusammen mit einem Single Malt reicht das auch für einen Trip. Wenn man König von Graceland ist, hat man beinahe so viel Diener wie der König von England. Aber man hat viel mehr Fans. Wenn man als König auf der Bühne lasziv mit der Hüfte wackeln kann, kriegt man ganz viele Frauen. Auch blonde Schnuckelchen wie ➱Cybill Shepherd. Wenn man nur den Moonwalk kann, kriegt man überhaupt keine Frauen und muss die Tochter vom König von Graceland heiraten. Wenn man König von England ist, wird man General und Admiral und Ehrenoberst vieler Regimenter. Der König von Graceland ist nur Private First Class, aber er darf soviel Phantasieuniformen tragen, wie er will.

Der King wird heute 75. Wenn Sie ihn sehen: don't step on his blue suede shoes!

Santa Claus


Der Dreikönigstag ist vorbei, wir können die Tannenbäume aus dem Wohnzimmer räumen. Auch die Krippen, in denen die Figuren der drei magi schon Weihnachten standen. Eigentlich hätte sie erst gestern ankommen dürfen. Es gibt immer wieder Verwirrung mit Weihnachten. Eine der ärgerlichsten Geschichten, die jedes Jahr wieder auftaucht, ist die, dass Amerikas Santa Claus von Coca Cola erfunden wurde. Vermeldete Weihnachten 2009 im NDR II der angebliche Experte des Senders, der alle Alltagsfragen recherchiert. Not so, möchte man ihm entgegen. Die Recherche von vielen angeblichen Experten fängt ja heute bei Google an und hört bei Wikipedia auf.

Amerikas Santa Claus hat seine Wurzeln bei den Holländern. Wenn die schon ihr Neu Amsterdam an den Herzog von York verkauft hatten, so sind sie doch überall in dem neuen York geblieben. James Fenimore Coopers Littlepage Novels (von Arno Schmidt ins Deutsche übersetzt) künden davon. Die Holländer behalten alte Bräuche bei, wie das Schlittschuhlaufen auf dem Hudson. Und den Heiligen Nikolaus. Der heisst im Holländischen Sinterklaas (im Bremischen Sünnerklaus), und von Sinterklaas zu Santa Claus ist es ja nicht weit. Die erste Beschreibung von Santa Claus als einem quirligen kleinen Mann, mit weissem Bart, Bäuchlein und Tabakspfeife, finden wir 1823 in dem anonymen Gedicht A Visit from St. Nicholas, auch unter seiner ersten Zeile The Night before Christmas bekannt. Man nimmt als Verfasser einen Professor namens Clement Clarke Moore an. Dies ist einhundert Jahre, bevor angeblich Coca Cola Santa Claus erfindet. Schon zwei Jahre zuvor hatte es ein Gedicht Santeclaus von William Gilley gegeben, aber da ist Santa noch ganz in Fell gehüllt.

Die nächste Phase im Entstehungsprozess von Santa Claus wird durch den Deutschen Thomas Nast markiert, der zur Zeit des Bürgerkrieges der berühmteste politische Karikaturist der nicht mehr Vereinigten Staaten geworden war. Lincoln soll gesagt haben, dass die Zeichenfeder von Nast eine ganze Division wert sei. Nast hat die Figur des Uncle Sam geprägt und die Tiersymbole für Demokraten und Republikaner (Esel und Elephant) erfunden. Und die ersten Bilder von Santa Claus 1863 gezeichnet, der während des Bürgerkrieges von seinem Schlitten herab Frontsoldaten beschenkt. Diese Figur hatte viele Züge des pfälzischen Belz-Nickels. Nast hat Santa auch 1874 in Öl gemalt, wie man im Strong Museum in Rochester sehen kann. Die Firma Coca Cola gibt es da immer noch nicht.

Schon 1927 beklagte die New York Times die Einfaltslosigkeit und Standardisierung von Santa Claus. Dieses Standardisierung nahm der Werbezeichner Haddon Sundblom von der Coca Cola Company ab 1931 für seinen Santa Claus gerne auf. Aber erfunden hat Coca Cola den Weihnachtsmann nun wirklich nicht.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Kleider machen Leute


Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts besuchte der Herzog von York (der spätere König George VI) mehrfach Amerika. Er trug dabei einen grauen Zweireiher mit Kreidestreifen. Wahrscheinlich von Davies&Sons, dem Schneider, der schon seinen Vater eingekleidet hatte (und ein Jahrhundert zuvor Lord Nelson). Der Kreidestreifen Zweireiher erregte grosses Aufsehen in Amerika, alle Hollywood Schauspieler liessen sich in den dreißiger Jahren so etwas in London anfertigen. Nicht mehr bei Davies&Sons, sondern bei Frederick Scholte in der Cork Street, dem berühmtesten Schneider der dreissiger Jahre. Der hatte den drape look erfunden, abgeschaut von den Uniformen der Gardeoffiziere, breite Schultern, schmale Taille.

Aber nicht nur Hollywood Stars wie Gary Cooper, Clark Gable und Fred Astaire trugen diese Zweireiher. Der Anzug wurde auch die Uniform der amerikanischen Gangster, bei denen wurden die Revers, die Schultern und die Streifen noch breiter (der amerikanische Gangsterfilm hat auch noch zur Verbreitung dieses Looks beigetragen). Die amerikanische Zeitschrift Esquire hat vor Jahren als ein sartorial besonders abschreckendes Beispiel eines Gangsters im Zweireiher ein Photo von Adolf Hitler im Kreidestreifen Zweireiher abgedruckt.

Die nächsten, die den Zweireiher tragen werden, sind die schwarzen amerikanischen Jazzmusiker. Die überdimensionierten Anzüge werden zu einer Art Identitätsgewinnung und zu ihrem Markenzeichen. Das lässt sich noch steigern, wenn Anfang der vierziger Jahre die sogenannten zoot suits aufkommen, getragen von jungen Farbigen und jungen Latinos an der Westküste. Definitiv mehrere Nummern zu gross, die Jacketts reichen manchmal bis zu den Kniekehlen. So viel Stoffverbrauch gilt in Kriegszeiten, wo alles rationiert wird, als unpatriotisch. Es wird in Los Angeles und San Francisco zu den zoot suit riots kommen. Erstaunlich, was ein englischer Adliger mit einem zweireihigen Anzug alles anrichten kann.

Bei festlichen Anlässen ist festliche Kleidung angebracht. Adolf Hitler hat bei seiner Amtseinführung als Reichskanzler nicht seine Phantasieuniform getragen, sondern brav den ➱Cutaway angezogen. Der ist für Diplomaten weltweit noch immer die Standarduniform (der Stresemann, benannt nach dem deutschen Aussenminister hat sich da nicht ganz durchgesetzt) bei feierlichen Anlässen am Tage. Auch amerikanische Präsidenten haben den lange am Tage der Inauguration getragen. Eisenhower trug da noch einen Zylinder. Und auch John F. Kennedy, der Hüte hasste, hat zur Amtseinführung einen Zylinder getragen. Willy Brandt hat 1972 in der Eile die falschen Sachen aus dem Kleiderschrank geholt. Er präsentierte der Presse sein Kabinett in den Hosen, die zu einem Cutaway gehören, kombiniert mit der Jacke eines Fracks. Das hat sich aber nicht durchgesetzt. Sozialdemokraten haben es ja nicht so mit den pompösen Kleidungsstücken. Gustav Heinemann begnügte sich immer mit dem schwarzen Anzug, und Wolfgang Thierse beendete als Bundestagspräsident die Tradition, dass der Präsident die Legislaturperiode im Cutaway eröffnet. Und Wilhelm Kaisen wäre nie im Leben in einen geliehenen ➱Frack gestiegen. Ausser zur Bremer Schaffermahlzeit, da ist das vorgeschrieben, die achten noch auf Tradition. Aber Wilhelm Kaisen ist da in seinem schwarzen Anzug mit einem silbernen Schlips hingegangen, sie haben ihn trotzdem reingelassen.

Der erste Präsident Amerikas, ➱George Washington, wollte mit den aristokratischen Traditionen brechen. Seine Uniform aus dem Revolutionskrieg wollte er, der jetzt ein Bürger und kein General mehr war, nicht anziehen. Seinen Londoner Schneider, der ihm bisher die Anzüge gemacht hatte, konnte er jetzt als frisch gebackener Amerikaner guten Gewissens auch nicht mehr beschäftigen. Er ließ sich von einem amerikanischen Schneider einen Anzug aus einem grobgewirkten amerikanischen Stoff machen. In braun, nicht in scharlachrot oder königsblau. Trug allerdings schwarze Schuhe mit einer silbernen Schnalle zu den weissen Kniebundhosen. Die amerikanische Demokratie beginnt mit einem vestimentären Symbol, dem braunen Anzug aus homespun. Für die Reise nach New York musste sich George Washington hundert Dollar leihen. Großgrundbesitzer und Millionäre aus dem Süden haben nie Bargeld. Im späteren Leben ist Washington dann doch zu der Farbe der Diplomatie (und der Farbe seiner Uniform aus dem Revolutionskrieg) zurückgekehrt und hat dunkelblaue Jacketts über gelben Westen getragen.

Soviel bürgerliche Zurückhaltung mag sich der Prince of Wales, der George IV werden wird, nicht auferlegen. Für seine Krönungsfeierlichkeiten beschäftigt er alle Schneider Londons. Die Schneiderrechnungen belaufen sich auf zweistellige Millionenbeträge. Wird alles von den Franzosen bezahlt, die haben den Krieg verloren. George möchte ein grosser Dandy sein, wie sein Freund ➱Beau Brummell. Aber die Freundschaft zu dem arbiter elegantiarum steht auf der Kippe. Zwar glaubt Brummell noch I made him what he is, and I can unmake him. Aber spätestens, seit er bei einem Empfang, zu einem Nebenstehenden gewandt, gesagt hat: Alvanley, who is your fat friend? ist sein Schicksal besiegelt. Sein fat friend verbannt ihn vom Hofe.

Brummell, der die schlichte, zurückhaltende Eleganz erfunden hat, wird die sartorialen Missgriffe seines ehemaligen Freundes missbilligend beobachten. Vor allem, wenn George IV zum ersten Mal Schottland besucht. In einem Kilt, den er über rosa Strumpfhosen trägt. ➱Sir Walter Scott, der den König in Edinburgh begrüsst, muss sich angesichts dieses Anblicks sehr beherrschen. Vielleicht ist der fette George die Vorlage für ein Märchen von ➱Hans Christian Andersen gewesen, in dem es heißt: Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf hübsche Kleider hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Er wird, zu Recht, das Opfer von Betrügern, bis endlich ein kleines Kind sagt Aber er hat ja nichts an! Hüten wir uns vor den Betrügern, die uns überteuertes Zeug anschnacken wollen, ob sie nun in Mailand sitzen und Armani heißen oder ob sie in der Savile Row sitzen und Huntsman heißen.