Dienstag, 21. Dezember 2010

A Midnight Clear


Almighty and most merciful Father, we humbly beseech Thee, of Thy great goodness, to restrain these immoderate rains with which we have had to contend. Grant us fair weather for Battle. Graciously hearken to us as soldiers who call Thee that, armed with Thy power, we may advance from victory to victory, and crush the oppression and wickedness of our enemies, and establish Thy justice among men and nations. Amen. Das ist jetzt nicht Henry V vor der Schlacht von Azincourt. Das ist General George Patton auf einer Weihnachtskarte (das Gebet ist noch mit Tannengrün geschmückt) an die Soldaten seiner Dritten Armee. George Patton (der schon einmal ➱hier auftauchte) hat jetzt drei Sterne auf seinem Helm, kurz vor Kriegsende wird er noch einen vierten bekommen. Davon hat er nicht mehr viel, weil er heute vor 65 Jahren gestorben ist. Sein Cadillac hatte einen Army Truck gerammt, als er auf dem Weg zur Fasanenjagd war. Die Verschwörungstheorien, dass die Amerikaner einen missliebigen maverick general beseitigen wollten, entstehen umgehend. Hatte er doch gerade die Ansicht geäußert, dass der Feind nicht die Deutschen, sondern die Rote Armee seien. Wäre es nach Patton gegangen, er wäre bis Moskau weiter marschiert.

Die Weihnachtsbotschaft an seine Soldaten wird schon vor Weihnachten verschickt, weil gerade die Schlacht in den Ardennen beginnt, die die Amerikaner Battle of the Bulge nennen. Es gab auch einmal einen Spielfilm gleichen Namens, Sie haben nichts verpasst, wenn Sie den nicht gesehen haben. Das einzig Erwähnenswerte war 1965 ein Übersetzungsschnitzer der wirklich komischen Sorte. Im Film (wie wohl auch damals in der Wirklichkeit) sagt der amerikanische General McAuliffe, als ihn die Deutschen zur Kapitulation auffordern: Nuts! Und er sagte tatsächlich im Deutschen: Nüsse, ich glaube, man hat das nach dem ersten Gelächter der Filmkritiker später geändert. McAuliffe ist eingekesselt, aber er hält Bastogne. Patton holt ihn da raus. Für solche Dinge ist Patton gut, da ist er wie ➱Blücher.

Im Gegensatz zu Blücher, mit dem er viel gemein hat, ist er ein gebildeter Mann. Er kann aber, und das ist er meistens, genau so ordinär sein wie Blücher. Er ist ein Kavallerist wie aus dem Bilderbuch: er ist ein guter Reiter (er war als Fünfkämpfer 1912 bei den Olympischen Spielen), er war Fechtlehrer in der Armee. Polo hat er auch gespielt. Er liebt Pferde, er rettet auch 1945 die berühmten österreichischen Lippizaner vor dem Zugriff der Roten Armee. Er hat das Original der Nürnberger Gesetze in Deutschland gestohlen und der Huntington Library geschenkt. Im Zweiten Weltkrieg trägt er, wie hier auf dem Bild, immer seinen Colt. Mit dem hat er bei dem mexikanischen Abenteuer der US Army den Chef der Leibwache von Pancho Villa erschossen. Er macht seltsame Dinge. Die tausend Puzzleteile seines Lebens kann man zu immer neuen Bildern zusammensetzen. Er wollte von klein auf ein Held werden. Seine Familie bestand nur aus Helden, Soldaten bis zurück zum Unabhängigkeitskrieg. Sein Vater hat den Colonel Mosby gekannt, eine der seltsamsten Figuren des Bürgerkriegs. Die Erzählungen seines Vaters von den Heldentaten des Südstaaten Guerillakämpfers haben den kleinen George schwer beeindruckt.

Er hat eine Renaissance, nachdem sich jahrzehntelang niemand um diesen seltsamen Mann gekümmert hat. Es gibt einen guten englischsprachigen Wikipedia Artikel, und das Internet ist vollgemüllt mit George Smith Patton, Jr. Seiten. Häufig sehr obskure Seiten. Neonazis finden ihn auch gut, weil er angeblich die Nazis und die SS bewunderte. Angeblich geht die Renaissance von Patton auf den Film von 1970 zurück, bei dem ein junger Mann namens Francis Ford Coppola einen Oscar für das Drehbuch erhielt. Aber Patton ist ein sehr kritischer Film, man kann ihn kaum eine Hagiographie nennen. Ich werde den Nachmittag nicht vergessen, als ich ihn im Kino gesehen habe. Er lief in einem Vorstadtkino unter dem Titel Patton: Panzer nach vorn und neben Patton war Rommel auf dem Filmplakat. Das Kino war voll, ich hatte gerade mal noch einen Platz in der dritten Reihe bekommen. Was bei einem zweistündigen Breitwandfilm keine so angenehme Sache ist. Nach einer Stunde hätte ich mich weiter nach hinten setzen können, da war das Kino halb leer. Die Rommel Verehrer hatten beleidigt den Saal verlassen. Die wollten einen Kriegsfilm sehen, kein kritischen Psychogramm eines amerikanischen Generals.

Den heutigen Titel A Midnight Clear habe ich gewählt, weil ich nicht George S. Patton schreiben und die falsche Sorte Leser anlocken wollte (aber Google findet mich eh immer). Er stammt natürlich von diesem Gedicht von Edmund Sears:

It came upon the midnight clear,
That glorious song of old,
From angels bending near the earth,
To touch their harps of gold:
"Peace on the earth, goodwill to men
From heavens all gracious King!"
The world in solemn stillness lay
To hear the angels sing...

Es ist auch der Titel eines Romanes von William Wharton - das ist der Mann, der Birdy geschrieben hat und damit weltberühmt wurde. Als er den Roman schrieb, war er 52 Jahre alt, aber die Kriegserlebnisse aus der Ardennenschlacht verfolgten ihn immer noch. Die hat er auch in A Midnight Clear hinein geschrieben. Schreiben ist für ihn eine Art Therapie, das weiß er. Er hat Psychologie studiert. Eigentlich ist er jetzt Maler und lebt in unter seinem wirklichen Namen Albert William Du Aime in Paris. Maler in Frankreich zu sein, das war sein Traum, damals in dem kalten Winter in den Ardennen. So gut  der Roman Birdy ist und so effektiv die Verfilmung von Alan Parker war, ich mag A Midnight Clear als Roman lieber. Es ist auch eine Weihnachtsgeschichte, mit viel Schnee, aber es ist auch perfekter Antikriegsroman, komisch und tragisch zugleich.

Montag, 20. Dezember 2010

Bobby Darin


Somewhere beyond the sea,
Somewhere, waiting for me,
My lover stands on golden sands
And watches the ships that go sailing;


Somewhere beyond the sea,
She's there watching for me.
If I could fly like birds on high,
Then straight to her arms I'd go sailing.


It's far beyond a star,
It's near beyond the moon,
I know beyond a doubt
My heart will lead me there soon.


We'll meet beyond the shore,
We'll kiss just as before.
Happy we'll be beyond the sea,
And never again I'll go sailing!


Na ja, große Lyrik ist es nicht gerade. Aber wenn man siebzehn ist und wenn Bobby Darin das sang, dann war das schon was. Dass er in Wirklichkeit eigentlich Walden Robert Cassotto hieß, wusste niemand von uns. Ich hatte die 45er Single von Somewhere Beyond the Sea. Und ich habe sie wahrscheinlich noch irgendwo im Keller. In diesem kleinen Plastikalbum, jeder hatte so eins. Wir schleppten unsere kleinen Alben voller 45er Singles zu jeder Party mit. Partys waren jetzt in den ausgehenden fifties auch neu. In manchen Häusern gab es sogar einen Partykeller. Partykeller hatten immer eine schummrige Beleuchtung, was genau das Richtige für den Klammerblues war. Wenn es keine schummrige Beleuchtung gab, wurde statt einer normalen Glühbirne eine rote Birne eingeschraubt, die man in Photoläden kaufen konnte. Eigentlich waren die für Photolabore gedacht, waren aber auch hervorragend für die Zwecke der körperlichen Nähe bei amerikanischer Musik geeignet.

Wenn ich Bobby Darins Somewhere beyond the sea heute höre, klingt das ein wenig wie Sinatra - und dessen großer Konkurrent war er ja auch einmal. Aber damals hörte niemand von uns Sinatra. Alle Sorten von Bluessängern wie Blind Willie Jefferson, den jungen Harry Belafonte und die französische Existentialismus Muse Juliette, aber definitiv keinen Sinatra. Johnny Hartmann schon, den ich für mich entdeckt hatte, und der mit seinem kleinen (gemessen an Sinatra) Oeuvre ja auch ganz vorzüglich ist. Mit oder ohne John Coltrane an seiner Seite.

Damals war Bobby Darin für uns toll - ich habe mit Rührung im Internet gelesen, dass ihn heute noch Sechzehnjährige toll finden. Vor wenigen Jahren hat es eine Verfilmung seines Lebens gegeben, die natürlich Beyond the Sea hieß. Kevin Spacey, der ein wirklich guter Schauspieler ist, hat den Film gedreht und hat Bobby Darin gespielt. Er hat sogar alle Nummern von Bobby Darin in dem Film selbst gesungen - und gar nicht schlecht. Ich habe den Film mit großer Rührung gesehen, ich habe natürlich mittlerweile auch die DVD. Es wirft einen zurück die fünfziger Jahre, als die Musik Amerikas für uns Kriegsjahrgänge noch etwas bedeutete und das Leben noch vor uns lag.

Bobby Darin ist heute vor 37 Jahren gestorben.

Sonntag, 19. Dezember 2010

Phil Ochs


Er wäre heute siebzig Jahre alt geworden, aber er ist schon lange tot. Andere, die damals auch Protest Songs geschrieben haben, leben noch. Wie zum Beispiel Tom Paxton. Der hat dieses Lied mit dem schönen Refrain geschrieben:

Lyndon Johnson told the nation, 
Have no fear of escalation
I am trying everyone to please
Though it isn't really war, 

we're sending fifty thousand more
To help save Vietnam from Vietnamese.


Und aus den fifty thousand wurden im Refrain zu jeder Strophe mehr, wie auch im wirklichen Leben. Das Lied ist immer noch aktuell. Ich hatte immer geglaubt, dass Phil Ochs das geschrieben hat, und es ist mir auch furchtbar peinlich gewesen, dass ich gestern lesen musste, dass es gar nicht von ihm ist. So kommt man mit Irrtümern durchs Leben. Aber es hätte natürlich genau so gut von ihm sein können, hätte einer seiner topical songs (wie er seine Lieder nannte) sein können. Und der einmal über diese Songs gesagt hat: A protest song is a song that's so specific that you cannot mistake it for bullshit.

I dreamed I saw Phil Ochs last night
alive as you or me 
says I to Phil "You're ten years dead" 
"I never died' says he 
"I never died" says he 
the music business killed you Phil 
they ignored the things you said 
and cast you out when fashions changed 
says Phil "but I ain't dead" 
says Phil "but I ain't dead" 
the FBI harassed you Phil 
they smeared you with their lies 
says he "but they could never kill 
what they could not compromise 
I never compromised" 
"though fashion's changed and critics sneered 
the songs that I have sung 
are just as true tonight as then 
the struggle carries on
the struggle carries on
with the song of freedom rings out loud
from valleys and from hills
where people stand up for their rights
Phil Ochs is with us still
Phil Ochs inspires us still.

Das ist natürlich auch nicht von Phil Ochs, das ist von Billy Bragg, das Lied beschreibt aber Phil Ochs sehr schön. Er hat in den sechziger Jahren einen großen Einfluss gehabt. Ist sogar einmal in Deutschland aufgetreten, in der Burg Waldeck, wo unsere eigene Bewegung von Liedermachern und Protest Songs anfing. Sogar im sozialistischen Bruderstaat gab es ein wenig davon. Das weiß ich, weil ich mal auf einer Tagung war, wo uns ein Referent stundenlang DDR Songs vorgespielt hat. Ich habe davon wenig behalten, außer einem frechen Lied, das den Aufstieg eines jungen Mädchens im sozialistischen Alltag beschrieb und den Refrain hatte Denn sie wollte immer einen von der Universität, wenn's geht, wenn's geht. Das Beste an der Tagung waren aber nicht die DDR Lieder, sondern Klaus Wellershaus vom NDR. Der war gerade ein Jahr in San Francisco gewesen. Wir haben mit vier Mann Kisten von Langspielplatten aus seinem alten VW Käfer geschleppt, und wussten am Abend beinahe alles über die neue Musik, die jetzt aus Amerika kam. Das war definitiv etwas anderes als die Drei Peheiros, falls Sie sich noch an so unsterbliche Titel wie Waschen ist zum Waschen da erinnern sollten.

Damals hatten die Platten selten eine Textbeilage. Man musste eine Platte wieder und wieder spielen, um den Text eines Songs zu lernen. War eine bessere Übung als vieles im Englischunterricht. Allerdings sangen die Amerikaner nicht das vornehme Englisch, das unser Englischlehrer sprach, und dem gefiel auch gar nicht, was wir uns an Akzenten so angewöhnten. Es natürlich eine der Segnungen des Internets, dass man heute an beinahe alle Songtexte herankommt, die man damals nicht richtig verstanden hat. Und man kann heute natürlich dankbar sein für die vielen guten Phil Ochs Seiten im Net. Auf dieser hier kann man die Texte all seiner Songs finden.

Vieles von ihm kann man heute noch kaufen. Vieles hat auch nichts von seiner Aktualität verloren. Before the days of television and mass media, the folksinger was often a traveling newspaper spreading tales through music. There is an urgent need for Americans to look deeply into themselves and their actions, and musical poetry is perhaps the most effective mirror available. Every newspaper headline is a potential song, hat Phil Ochs einmal gesagt. Und das ist seine Rolle gewesen, da ist er ein legitimer Nachfahre von Woody Guthrie gewesen.

Falls Sie aus irgendeinem Grund Phil Ochs und die Sixties verpasst haben sollten, hätte ich noch zwei Buchempfehlungen für Sie. Beide sind out of print, aber man kann sie bei Amazon Marketplace noch leicht finden. Beide sind in ihrer Art schon kleine Klassiker der Popular Culture und des Protest Songs. Das erste ist David Pichaskes A Generation in Motion: Popular Music and Culture in the Sixties, ich kann es unbedingt empfehlen. Als es 1979 erschien, war es revolutionär, weil sich damals nur wenige ernsthaft mit der Pop Music beschäftigten. Es ist heute noch immer gut. Die zweite Empfehlung ist Victor Grossmann If I had a Song. Eine Geschichte des amerikanischen Lieds, geschrieben in der DDR. Von einem Autor, der als amerikanischer Soldat in der McCarthy in die DDR (of all places!) geflohen war. Das ist natürlich ideologisch voreingenommen, aber dennoch immens lesenswert (wie auch die Autobiographie des Autors).

Und ich drehe jetzt mal die Phil Ochs Platte um. So schön Platten sind, aber da haben CDs einfach einen Vorteil. Natürlich kann man Phil Ochs auch auf CD bekommen, aber ich dachte mir heute morgen, dass das Knistern und Knacken im Hintergrund beim Schreiben die Sixties besser herbei beschwört als der klinisch kalte Klang des CD Players.

Samstag, 18. Dezember 2010

Philip Freneau


Oh! blast this Congress, blast each upstart State,
On whose commands ten thousand warriors wait;
From various climes that dire assembly came,
True to their trust, yet hostile to my fame.
'Tis these, ah! these have ruin'd half my sway,
Disgrac'd my arms, and lead my realm astray.

France aids them now; I play a desperate game,
And sunburnt Spain they say will do the same,
My armies vanquish'd, and my heroes fled,
My people murmuring, and my commerce dead.
My shatter'd navy, pelted, bruis'd, and clubb'd,
By Dutchmen bullied, and by Frenchmen drubb'd.

My name abborr'd, my nation in disgrace,
What should I do in such a mournful case ?
My hopes and joys are vanish'd, with my coin,
My ruined army, and my lost Burgoyne !
What shall I do, confess my labors vain,
Or whet my tusks, and to the charge again ?

But where's my force, my choicest troops are fled,
Some thousands crippled, and a myriad dead;
If I were owned the stoutest of mankind,
And hell with all her rage inspired my mind;
Could I at once with France and Spain contend,
And fight the rebels on the world's green end ?

Yet rogues and savage tribes I must employ,
And what I cannot conquer, will destroy.
Is there a robber close in Newgate hemm'd?
Is there a cut-throat fetter'd and condemn'd ?
Haste, loyal slaves, to George's standard come,
Attend his lectures when you hear the drum.

Your chains I break, for better days prepare,
Come out, my friends, from prison and from care;
Far to the west I plan your desperate way,
There, 'tis no sin, to ravage, burn, and slay;
There, without fear, your bloody trade pursue,
And show mankind what British rage can do.

Ye daring hosts that crowd Columbia's shore,
Tremble, ye traitors ! and exult no more;
Flames I will hurl with an unceasing hand,
Till fires eternal blaze throughout your land;
And every dome and every town expires,
And traitors perish in the unfeeling fires.

But hold - though this be all my soul's desire,
Will my own towns be proof to rebel fire ?
If in revenge my raging foes should come
And burn my London - it would strike me dumb
To see my children and my queen in tears,
And these tall piles come tumbling round my ears.

Curs'd be the day when first I saw the sun,
Curs'd be the hour when I this war begun;
The fiends of darkness then inspir'd my mind,
And powers unfriendly to the human kind;
My future years I consecrate to woe,
For this great loss-my soul in tears shall flow.

To wasting grief and sullen rage a prey,
To Scotland's utmost verge I take my way;
With nature's storms eternal concert keep,
And while her billows rage as fiercely weep;
Oh ! let the earth my rugged fate bemoan,
And give at least one sympathizing groan.

Starke Worte, die der Dichter hier in dem fiktiven Selbstgespräch des englischen Königs (George the Third's Soliloquy) findet. Ein König, der die Verbrecher aus dem Gefängnis holt und sie als Soldaten nach Amerika schickt. Ganz so unrichtig sind die Übertreibungen von Freneau ja nicht. Aber dass der König nach Schottland flieht und sich ins Meer stürzt, das ist doch eher Wunschdenken. Doch diese erste Zeile: Oh! blast this Congress, das sitzt. Zuerst hatte er ja nur den General Gage in seinen satirischen Gedichten attackiert, dabei war das ein gemäßigter Mann, der durchaus Verständnis für die revolutionären Amerikaner hatte. Seine Gattin (➱Margaret Kemble) noch viel mehr. Aber dann ist Freneau, den alle als den netten Dichter von The Wild Honeysuckle kennen, immer aggressiver geworden.

Und er kann noch anders. Nachdem die Briten den jungen Kapitän auf einem ihrer gefürchteten Gefängnisschiffe eingesperrt hatten, schreibt er mit The British Prison Ship seine persönliche dichterische Kriegserklärung. But what on captives British rage can do, Another Canto, friend, shall let you know endet er Canto I. Um dann zu erklären:

The various horrors of these hulks to tell, 
These Prison Ships where pain and horror dwell, 
Where death in tenfold vengeance holds his reign, 
And injur'd ghosts, yet unaveng'd, complain ; 
This be my task ungenerous Britons, you 
Conspire to murder those you can't subdue. 
Weak as I am, I'll try my strength to-day 
And my best arrows at these hell-hounds play, 
To future years one scene of death prolong, 
And hang them up to infamy, in song. 

This be my task: Philip Freneau hat jetzt eine Aufgabe. Er wird der Dichter der amerikanischen Revolution (Washington Irving wird ihn später etwas bösartig den kläffenden Köter der Revolution nennen). Das liest heute niemand mehr, damals waren es aber willkommene Propagandaschriften.

Freneau ist noch für ein anderes Thema in der Geschichte der amerikanischen Lyrik wichtig. Er entdeckt den Indianer. Nicht den wirklichen Indianer, sozusagen einen theoretischen Indianer. Der geistert überall herum. Nachdem Rousseau den Naturzustand entdeckt hat, werden jetzt alle Wilden zu edlen Wilden. Dieser edle Wilde (noble savage oder bon sauvage) hat jetzt Konjunktur. Seumes Der Wilde wird zum meistgelesen Gedicht in dieser Zeit. Goethe nennt man in den letzten Jahren seiner Frankfurter Zeit den Huronen, und Schiller - der bestimmt nie einen Indianer gesehen hat - schreibt eine Nadowessische Totenklage. Die sich lange Zeit bei Gymnasiasten im Turnunterricht wegen ihres unfreiwillig komischen Anfangs großer Beliebtheit erfreute.

Freneau macht in seinem bekannten Gedicht The Indian Burying Ground noch etwas anderes: er verknüpft den edlen Wilden mit einem zweiten Komplex, der in der Lyrik jetzt schwer gefragt ist. Und das ist die englische graveyard poetry. Also diese Gedichte, wo englische Landpfarrer bei Anbruch der Nacht auf einem Grabstein sitzen und schwermütig über Leben und Tod nachdenken, wie Grays Elegy Written in a Country Churchyard. Ist jetzt genau so Mode wie der edle Wilde. Und unser Absolvent der Universität, die eines Tages Princeton heißen wird, vermischt jetzt in einem Geniestreich beide Komplexe miteinander. Tote Indianer sind noch edler als edle Wilde. In der Literatur kommt jetzt auch schnell das Motiv des letzten Indianers, The Last of the Mohicans zum Beispiel. In der Literatur siechen sie schon dahin, während sie in der Wirklichkeit noch quicklebendig sind. Und noch kein amerikanischer General The only good Indian is a dead Indian gesagt hat.

Der Princeton Absolvent, Journalist, Dichter und Kapitän Philip Morin Freneau ist am 18. Dezember 1832 im Alter von achtzig Jahren in einem Schneesturm erfroren. That rascal Freneau hatte Washington ihn wutentbrannt genannt, als der ehemalige poet of the revolution ihn attackiert hatte und ihm in seiner National Gazette vorgeworfen hatte, er gebärde sich wie der König von England. Das Abo von der National Gazette hat Washington sofort gekündigt, aber Freneau hat ihn weiter beliefert. Seine National Gazette ist die Plattform für Jeffersons politische Ansichten, und Jefferson wird Freneau in Schutz nehmen: he saved our Constitution which was galloping fast into monarchy. Kaum hat man den Unabhängigkeitskrieg gewonnen, kaum besitzt man eine Verfassung, da bekämpft man sich in Amerika gegenseitig. Jetzt sagt nicht nur Freneaus englischer König Oh, blast this Congress! jetzt sagen es schon Amerikaner in diesem Kampf der Federalists gegen die Republicans. Irgendwie hatte Hobbes mit dem homo homini lupus doch recht.

Freitag, 17. Dezember 2010

Weihnachtszeit


Wir haben, seit ich angefangen habe, diese Akten [...] zu kollationieren, das bekommen, was man einen schönen Winter nennt – erfrischenden, jahreszeitgemäßen Frost, wenig Heulstürme, aber viel Schnee.

Auch in der Nacht, in der ich jetzt weiterschreibe, schneit es wieder. Unaufhörlich rieselt seit dem Nachmittag das weiße Gewirbel nieder und macht die Erde still, glatt und rein. Wenn ich ans Fenster trete und nach der nächsten Gaslaterne hinübersehe, kann ich mich nur schwer von dem schönen Schauspiel losreißen: von allen Naturerscheinungen bringt der Schneefall (vom warmen Zimmer aus gesehen) die behaglichsten Bilder und Traumminuten mit sich. Der Schnee wärmt. Ich kenne Leute, egoistische Zärtlinge, die es sich behaglich vorstellen, von ihm zugedeckt als haus- und heimatloser, hungriger Wanderer auf der Landstraße müde einzuschlafen und sich aus der ungemütlichen, bitteren Wirklichkeit sanft hinauszuträumen:

Erhebt euch, ihr Täler,
Sinkt nieder, ihr Höhn;
Ihr hindert mich ja,
Meine Liebste zu sehn; –

wie kommt es nur, daß mir das alte welsche Lied, schön wie irgendein deutsches – den ganzen Abend durch nicht aus dem Sinn will? Daß ich es immer von neuem summen muß, während der Schnee fällt, die Täler ausfüllt und die Berge niederdrückt, indem er sich weiß, farblos auf sie legt?

Als ich das bei Wilhelm Raabe in Die Akten des Vogelsangs las, dachte ich mir: diese schöne Stelle merkst du dir. Vielleicht kann man das im Winter noch einmal für den Blog brauchen. Da wußte ich nicht, dass der Winter so schnell kommen würde.

Der Winter in der Literatur ist immer viel schöner als im wirklichen Leben. Wahrscheinlich, weil so vieles in der Literatur schöner ist, als im wirklichen Leben. Sonst brauchten wir vielleicht die Literatur gar nicht. Als die Herren Bouvard und Pécuchet in Flauberts gleichnamigem Roman die Welt (mal wieder) nicht so richtig verstehen heißt es...woraus sie schlossen, daß die äußeren Tatsachen nicht alles bedeuten. Man muß sie vervollständigen durch die Psychologie. Ohne die Einbildungskraft ist die Geschichte lückenhaft. "Lassen wir uns ein paar historische Romane kommen!" Zuerst lasen sie Walter Scott. Es war, als entdeckten sie eine neue Welt. Und dann fasst Flaubert die Romanwelt Scotts auf einer halben Seite am Anfang von Kapitel V zusammen - brillant.

Hilft uns Scott beim Thema Schnee? Gut, er hat gesagt We build statues out of snow, and weep to see them melt, aber gibt es bei ihm so richtig schöne Winterbeschreibungen wie bei Raabe? Der Schnee im Kapitel XXVII von Guy Mannering scheint von der Theaterbühne auf den Helden geworfen zu werden. Und das Weihnachtsgedicht Marmion (Heap on more wood! – the wind is chill; But let it whistle as it will, We’ll keep our Christmas merry still...) kommt ganz ohne Schnee aus. Aber der amerikanische Scott, James Fenimore Cooper, der hat wunderbare Schneelandschaften und eine geradezu holländische Winterstimmung - und in seiner Jugend ist der Staat New York ja noch fest in der Hand der Holländer. Das merkt man in seinem Roman The Pioneers, der beinahe ein holländischen Genrebild ist.

It was near the setting of the sun, on a clear, cold day in December, when a sleigh was moving slowly up one of the mountains in the district we have described. The day had been fine for the season, and but two or three large clouds, whose color seemed brightened by the light reflected from the mass of snow that covered the earth, floated in a sky of the purest blue. The road wound along the brow of a precipice, and on one side was upheld by a foundation of logs piled one upon the other, while a narrow excavation in the mountain in the opposite direction had made a passage of sufficient width for the ordinary travelling of that day. But logs, excavation, and every thing that did not reach several feet above the earth lay alike buried beneath the snow. A single track, barely wide enough to receive the sleigh, denoted the route of the highway, and this was sunk nearly two feet below the surrounding surface.

Seitenlang Schnee. Und natürlich darf bei Cooper als kleine Reverenz an den den Dichter des Winters ein Motto vorweg aus ➱James Thomsons Winter nicht fehlen (obgleich er natürlich auch etwas aus Cowpers The Task hätte nehmen können, da ist auch viel Winter drin). Die Romanautoren machen jetzt den Landschaftsmalern Konkurrenz. Der englische Roman und die englische Landschaftsmalerei entstehen zur gleichen Zeit im 18. Jahrhundert. Und - ut pictora poesis - die Romanautoren (und ihre Leser) haben noch viel Zeit, und so finden lange Landschaftsbeschreibungen ihren Weg in den Roman.

Ausführlich geschilderte Kutschen- oder Schlittenfahrten und viel Schnee finden sich nicht nur bei Cooper, wir finden es auch in Fontanes ➱Roman Vor dem Sturm. Da beginnt die Handlung gleich in einer Kutsche: Draußen umfing sie Nacht und Stille; der Himmel klärte sich, und die ersten Sterne traten hervor. Ein leiser, aber scharfer Ostwind fuhr über das Schneefeld, und der Held unserer Geschichte, Lewin von Vitzewitz, der seinem väterlichen Gute Hohen-Vietz zufuhr, um die Weihnachtsfeiertage daselbst zu verbringen, wandte sich jetzt, mit einem Anflug von märkischem Dialekt, an den neben ihm sitzenden Gefährten. »Nun, Krist, wie wär es? Wir müssen wohl einheizen.« Dabei legte er Daumen und Zeigefinger ans Kinn und paffte mit den Lippen. Dies »wir« war nur eine Vertraulichkeitswendung; Lewin selbst rauchte nicht. Krist aber, der von dem Augenblick an, wo sie die Stadt im Rücken hatten, diese Aufforderung erwartet haben mochte, legte ohne weiteres die Leinen in die Hand seines jungen Herrn und fuhr in die Manteltasche, erst um eine kurze Pfeife mit bleiernem Abguß, dann um ein neues Paket Tabak daraus hervorzuholen. Und von nun an haben wir beinahe nur noch Schnee. Und mit viel liebevoller Detailtreue geschilderte Kutschenfahrten, Kutscher und Pferde werden vom Autor ebenso detailliert geschildert wie die aristokratische Herrschaft. Manchmal ein wenig zu viel des Details, Fontane übt noch, es ist sein erster Roman.

Wir sitzen als Leser mit Lewin von Vitzewitz in der Kutsche. Aber wir können die Unbilden der Witterung leicht ertragen, weil wir als Leser in zwei Räumen zu Hause sind. Einmal in der Kutsche, die in der Winternacht nach Hohen-Vietz fährt und einmal in unserem warmen Wohnzimmer. Die Raumerfahrung eines Romans ist für den Leser eine Erfahrung der Differenz. George Orwell hat diese Differenz der Räume einmal sehr nett in seinem Essay Decline of the English Murder beschrieben.

It is Sunday afternoon, preferably before the war. The wife is already asleep in the armchair, and the children have been sent out for a nice long walk. You put your feet up on the sofa, settle your spectacles on your nose, and open the News of the World. Roast beef and Yorkshire, or roast pork and apple sauce, followed up by suet pudding and driven home, as it were, by a cup of mahogany-brown tea, have put you in just the right mood. Your pipe is drawing sweetly, the sofa cushions are soft underneath you, the fire is well alight, the air is warm and stagnant. In these blissful circumstances, what is it that you want to read about? Naturally, about a murder. Es könnte natürlich auch das Schottland von Sir Walter Scott sein oder die großen Wälder des Staates New York von James Fenimore Cooper, aber auf keinen Fall ein Roman, der in einem geheizten englischen Wohnzimmer spielt. Wir wollen jetzt eine andere Welt.

Wilhelm Raabe weiß das mit den beiden Welten, deshalb fügt er in Klammern vom warmen Zimmer aus gesehen in den Satz von allen Naturerscheinungen bringt der Schneefall die behaglichsten Bilder und Traumminuten mit sich ein. Und wir lesen es gerne. Und denken nicht daran, ob wir am Morgen mit unseren neuen Winterreifen wieder aus der kleinen Schneewächte herauskommen, die sich in der Nacht um unser Auto gebildet hat. Diese Probleme haben Romanautoren nicht.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Karl Gutzkow


Auf weißem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Walde Wally, ein Bild, das die Schönheit Aphroditens übertraf, da sich bei ihm zu jedem klassischen Reize, der nur aus dem cyprischen Meerschaume geflossen sein konnte, noch alle romantischen Zauber gesellten: ja selbst die Draperie der modernsten Zeit fehlte nicht, ein Vorzug, der sich weniger in der Schönheit selbst als in ihrer Atmosphäre kundzugeben pflegt. Welche natürliche und ihr doch so vollkommen gegenwärtige Koketterie auf einem Tiere, von dem sie wahrscheinlich selbst nicht wußte, daß es blind war! Wally gab sich das Ansehen, als wäre sie mit ihrer Situation verschwistert; aber nichts ist so reizend, als wenn durch irgendeine fast gelungene Affektation, durch die ganze Haltung eines innerlich mehr reflektierten wie angebornen Wesens einige kleine Lichtritzen schimmern und für den Mann, welcher sie sehen kann, die versteckten Erleichterungen einer sich einbohrenden Neigung werden. Aber von den zahlreichen Kavalieren, welche Wally umgaben, sahe diese kleinen Lücken der Furcht edler Weiblichkeit niemand. Jene, die Lücken der Furcht, kannte vielleicht der Jockei, der auch wußte, daß die weiße Stute blind war. Aber die übrigen hingen nur wie der Eisenfeilstaub am Magnet, wie die Nachahmung am Genie, wie das Ordinäre am Wunderbaren. Courths-Mahler, höre ich Sie stöhnen. Ja und Nein. Es ist Karl Gutzkow, der Anfang von Wally, die Zweiflerin. Hat er in wenigen Wochen geschrieben. Kaum war's erschienen, da war es auch schon verboten und der Autor im Gefängnis. Aber man redete jetzt über ihn in all den deutschen Kleinstaaten. Laut Beschluss des Deutschen Bundestages (den gab es schon einmal) vom Dezember 1835 wird das Junge Deutschland (ein Begriff, den Ludolf Wienbarg bekanntgemacht hatte) eine literarische Schule genannt, zu der behördlich Heinrich Heine, Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt gezählt werden. Die werden natürlich auf Metternichs Geheiß gleich mit verboten.

Da hat der Dr Gutzkow etwas angerichtet. 1835 hatte Gutzkow noch etwas anderes veröffentlicht, nämlich ein Theaterstück namens Dantons Tod, das ihm ein junger Medizinstudent namens Georg Büchner geschickt hatte. Dieser Gutzkow wirbelt die deutsche Literatur des Vormärz, wie wir die Zeit heute nennen, jetzt ganz schön durcheinander. Was in der Wally wie ein schmalziger Liebesroman daher kommt, ist hochpolitisch. Das Junge Deutschland wird natürlich auch erwähnt. Und vielleicht ist Wally  auch der erste Frauenroman der deutschen Literatur. Und er enthält natürlich Skandalöses. Die Beschreibung einer nackten Frau im zweiten Buch. 

Das Auge staunt; ein Entzücken lähmt die Zunge. Zur Linken aber schwillt aus den Sonnennebeln heraus ein Bild von bezaubernder Schönheit: Sigune, die schamhafter ihren nackten Leib enthüllt, als ihn die Venus der Medicis zu bedecken sucht. Sie steht da, hülflos, geblendet von der Torheit der Liebe, die sie um dies Geschenk bat, nicht mehr Willen, sondern zerflossen in Scham, Unschuld und Hingebung. Sie steht ganz nackt, die hehre Gestalt mit jungfräulich schwellenden Hüften, mit allen zarten Beugungen und Linien, welche von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten. Und zum Zeichen, daß eine fromme Weihe die ganze Üppigkeit dieser Situation heilige, blühen nirgends Rosen, sondern eine hohe Lilie sproßt dicht an dem Leibe Sigunens hervor und deckt symbolisch, als Blume der Keuschheit, an ihr die noch verschlossene Knospe ihrer Weiblichkeit. Alles ist ein Hauch an dem Auge, ein stummer Moment, selbst in dem klugen Auge des Hundes, der die Bewegungen verfolgt, welche der Blick seines Herrn macht. Das Ganze ist ein Frevel; aber ein Frevel der Unschuld. Hui, da lecken sich die Zensoren in ihrer Entrüstung aber die Lippen. Einen Frevel der Unschuld kann man natürlich nicht durchgehen lassen.

Karl Gutzkow hat furchtbar viel geschrieben, viele, viele Theaterstücke und lange Romane. Ich habe nicht so viele neunbändige deutsche Romane gelesen. Heinrich Albert Oppermanns Hundert Jahre habe ich natürlich gelesen, weil Arno Schmidt den empfohlen hat. Fängt in Hoya an und geht dann in die ganze Welt, hundert Jahre lang von 1770 bis 1870. Gutzkow kommt auch drin vor. Der hat auch neunbändige Romane geschrieben. Und genau so wie Arno Schmidt den Rechtsanwalt aus Hoya wieder entdeckt hat, hat er auch den schon vergessenen Gutzkow wieder aus der Rumpelkammer der vergessenen deutschen Autoren herausgeholt. Und einem ganzen Essayband den Titel eines Gutzkow Romans gegeben: Die Ritter vom Geist. Erstaunlicherweise erwähnt der Wikipedia Artikel Arno Schmidt überhaupt nicht. Kaum hat man einen Vergessenen hervorgekramt, vergisst man einen anderen.

Es gibt seit einigen Jahren ein neues Interesse an Gutzkow, es gibt sogar ein Gutzkow Editionsprojekt. Und Zeno hat Wally, die Zweiflerin, Die Ritter vom Geist und Der Zauberer von Rom gespeichert. Die beiden letzten sind neunbändig. Nicht alles, was er schreibt, ist gut. Er schreibt zu viel. Aber inmitten von Müll und Kitsch gibt es funkelnde Edelsteine, brillante Formulierungen, scharfsinnige Aperçus. Ein Satz wie Aber die übrigen hingen nur wie der Eisenfeilstaub am Magnet, wie die Nachahmung am Genie, wie das Ordinäre am Wunderbaren reißt in dem Absatz oben alles wieder heraus. Gutzkow erfindet auch vieles neu, wie den Nebeneinander-Roman. Würde er weniger schreiben und mehr an dem Geschriebenen feilen, hätte er ein ganz Großer werden können. Aber er kann nicht weniger schreiben, er schreibt zum Überleben, er braucht das Geld. Er hat keinen reichen Onkel wie Heinrich Heine.

Arno Schmidts Hörspiel-Essay Die Ritter vom Geist von 1965 (gleich der erste in dem gleichnamigen Band) ist sicherlich die beste Einführung in Leben und Werk dieses seltsamen Geistes. Das Schönste zu Gutzkow ist aber eine kleine Anekdote, von der ich nicht weiß, ob sie wahr ist. Aber se non è vero, è ben trovato. In dieser Anekdote stapft Gutzkow in Weimar nächtens leicht angeschickert an dem Denkmal vorüber, das Goethe und Schiller einträchtig Hand in Hand zeigt. Und er reckt seine Faust zu den beiden Olympiern und ruft: Aber neunbändige Romane habt ihr nicht geschrieben! Das musste mal gesagt werden.


Mittwoch, 15. Dezember 2010

George Romney


Seine Emma hat ihn berühmt gemacht, und als dieses Bild entsteht, da ist er für einen Augenblick richtig berühmt und gefragt. Da profitiert er natürlich davon, dass es mit Sir Joshua Reynolds gesundheitlich bergab geht und Thomas Gainsborough so früh stirbt. Denn, wenn wir ehrlich sind, auf deren Höhepunkt ist dieser George Romney kein Konkurrent für sie. Emma (die er mehr als vierzig Mal gemalt hat) ist Emma Hart, die spätere Lady Hamilton, die wir aus der menage à trois mit Admiral Nelson kennen. Moralische Überlegungen zur Promiskuität machen sich die Maler nicht, jetzt, wo so viele Frauen von Straßenmädchen zur Lady aufgestiegen sind. Whether the Charmer sinner it, or saint it, / If Folly grows romantic, I must paint it sagt Alexander Pope in seiner berühmten Epistle to a Lady (wo er in Zeile zwei den netten Satz bringt: Most Women have no Characters at all).

Auch wenn Thomas Gainsborough und Joshua Reynolds nicht mehr die Szene der Portraitmalerei und der swagger portraits beherrschen, es gäbe genügend andere. Manche brauchte nicht zu Romney zu gehen, man könnte genau so gut zu Benjamin West oder John Singleton Copley gehen. Zu John Hoppner, Alan Ramsay, Henry Raeburn, Thomas Lawrence oder Joseph Wright of Derby. Oder zu den vielen Ausländern, die jetzt in London gut daran verdienen, dass die neu entstandene upper middle class sich unbedingt portraitieren lassen muss. Wie zum Beispiel Angelika Kauffmann, die so schwer in Joshua Reynolds verliebt war und soviel Pech in Liebesdingen hatte.

Seit Sir Joshua den grand style ausgerufen hat, wird der Alltag pathetisch, jeder kleine Landadlige wird großartig. Und so etwas da links, das kriegt Romney leicht hin. Sieht eindrucksvoll aus. Soll es ja auch. Aber täuschen wir uns nicht, so großartig ist das nicht. Einen Admiral (oder General) vor einen dramatischen Himmel stellen, das können die Portraitmaler jetzt alle. Die meisten haben ja auch ein Studio. Eher eine kleine Fabrik, in der Spezialisten beschäftigt werden. Lehrlinge, Schüler, Assistenten. Für das, was der Meister nicht kann oder wozu er keine Lust hat. Einer malt Wolken, einer die Landschaft, andere sind für Uniformen und Kostüme da. Und dann gibt es noch Spezialisten für Wauwis und für Pferde. Der Meister malt meistens nur den Kopf und den Umriss der Figur. Die Pose kann man vorher aus einem Musterbuch wählen. Man kann auch wählen, ob man mit oder ohne Hut gemalt werden will. Manchmal führt das zu Doppelbestellungen, es gibt ein Bild von Reynolds, wo der Dargestellte einen Hut unter dem Arm und einen zweiten auf dem Kopf trägt. Ich weiß, das klingt alles ein wenig demoralisierend, falls Sie bis eben noch an das Originalgenie geglaubt haben. Aber die Engländer setzen mit diesem Studiosystem nur etwas fort, was die Holländer ein Jahrhundert zuvor schon perfektioniert haben. Die hatte ja auch schon ein Jahrhundert zuvor ein selbstbewusstes Bürgertum, das sich unbedingt auf Leinwand verewigt haben wollte.

Und die Kundschaft entscheidet sich bei der Auswahl nicht danach, ob Romney, Reynolds, Raeburn oder Ramsay der größere Künstler ist. Die haben essentiellere Fragen: kann er gut Uniformen (Abendkleider, Hunde, Pferde - was Sie wollen) malen? Wie teuer ist der Quadratmeter? Kommt er ins Haus? Serviert er guten Champagner in seinem Studio? Das Publikum fragt leider nicht: Hält die Farbe? Denn Englands führender Portraitist Joshua Reynolds hat leider diesen Hang zu Experimenten mit der Zusammensetzung der Farben (und viele Maler in dieser Zeit werden ihm leider darin folgen). Manchmal ist die Farbe schon von der Leinwand gefallen, wenn das Portrait per Kutsche zum Landsitz geliefert wird. Das Ganze ist ja kein kein ganz billiger Spaß, das so genannte kit-kat Portrait (nur Kopf und Schultern) kostet bei Reynolds in der Mitte des Jahrhunderts dreißig guineas, ein Vierteljahrhundert später schon hundert. Selbst wenn Reynolds seiner Kundschaft versichert: Old good pictures crack, das Ganze ist nicht gut fürs Geschäft. Sir Walter Brackett, ein enttäuschter Kunde, wird den schönen Vierzeiler dichten:

Painting of old was surely well designed
To keep the features of the dead in mind,
But this great rascal has reversed the plan,
And made the pictures die before the man.


Mr und Mrs Bowles wollen ihre Tochter Jane gerne von George Romney malen lassen, werden aber von dem Kunstsammler und Amateurmaler Sir George Beaumont überredet, doch zu Reynolds zu gehen. Aber seine Farben verblassen, sagt das Ehepaar Bowles. Macht nix, entgegnet Sir George: No, matter, take the chance; even a faded picture from Reynolds will be the finest thing you can have. Und er empfiehlt Oldfield Bowles, Reynolds zum Abendessen einzuladen: the little girl was placed next to Sir Joshua at the dessert, where he amused her so much with stories and tricks that she thought him the most charming man in the world. … The next day she was delighted to be taken to his house, where she sat down with a face full of glee, the expression of which he caught at once and never lost.

In dem Konkurrenzkampf mit Romney hat Reynolds seinem Kollegen etwas voraus, er ist ein Gentleman und besitzt all die social graces, die in diesem Jahrhundert in der neu entstandenen bürgerlichen Gesellschaft so wichtig sind. Romney dagegen ist schwierig, ein Hypochonder, wie er im Buch steht. Neurotisch, häufig moros und depressiv. Er hat seine Frau und seine Kinder in Kendal sitzenlassen, um in London erfolgreich zu sein. Wenn seine Dämonen ihn im Alter übermannen, kehrt er nach Kendal zurück. Nach vierzig Jahren. Und seine Frau schmeißt ihn nicht raus, verstehe einer die Frauen.

Natürlich kann Romney auch kleine Kinder malen, wie das Bild von der kleinen Juliana Willoughby zeigt. Eine Schönheit in Pastelltönen für die Postkarte, heute noch ein beliebtes Motiv für tausenderlei Kunstdrucke. Aber lebt sie? So wie die kleine Jane Bowles von Reynolds? Oder wie die kleinen Bowdens von John Hoppner? Und ein Bild wie das, das Copley von seinem Halbbruder malt, kriegt er erst recht nicht hin. Denn je größer die Zahl der Aufträge wird, desto mehr erkennt Romney seine Grenzen. Er hat ein Talent, aber er hat keine richtige Ausbildung gehabt, sieht man einmal von der Europareise und seinem Rom Aufenthalt ab, wo er viel lernen konnte.

Es ist eine oberflächliche Kunst. Die Tiefe von Reynolds und Gainsborough erreichen seine Portraits nie. Romney ist der Maler der Schickeria, mehr nicht. Ich mag ihn nicht. Aber als ich las, dass er heute vor 276 Jahren geboren wurde, dachte ich mir, ich schreibe mal eben einen kleinen gehässigen Artikel. Bevor ich mich den wichtigen Dingen zuwende. Und die wichtigen Dinge heißen jetzt natürlich Weihnachtspäckchen packen und Weihnachtskarten schreiben.