Montag, 20. Februar 2012

Charles Wimar


Wie wird die Sache ausgehen? Wird der Ast halten, den der weiße Trapper mit dem rechten Arm ergriffen hat? Oder wird der böse Indianer noch mit seinem Messer zustossen können? Alle Beteiligten auf dem Bild haben einen leicht irren Blick, die Pferde inklusive. Der Maler dieses Bildes, Charles Deas, verbrachte sein Lebensende in einer Heilanstalt. Man hat das Gefühl, man kann das des Bild schon ansehen. Deas hat 1837 die Indianer Galerie von George Catlin besucht und ist 1840 in den amerikanischen Westen gereist. Und hatte sich auf Bildern von Trappern und Indianer spezialisiert, womit er zu seinen Lebzeiten recht großen Erfolg beim Publikum hatte. Das melodramatische Bild The Death Struggle bringt mich zu einem Zeitgenossen, dem Maler Charles Wimar, der sich auch auf Indianer spezialisierte.

Heute vor 184 Jahren wurde Karl Ferdinand Wimar - der sich in Amerika Charles Wimar nannte - in Siegburg geboren. Man weiß nicht so furchtbar viel über ihn, die Landkarte seines Lebens enthält viele weiße Flecken. Er ist als Jugendlicher mit seinen Eltern nach St Louis gekommen, war aber bald schon wieder zurück in Deutschland. In Düsseldorf, weil die Düsseldorfer Akademie damals führend in Landschafts- und Historienmalerei war. Und natürlich, weil er aus Siegburg kam, wo es noch Verwandte und Bekannte gab, da ist Düsseldorf nicht so weit weg.

Er hat zwar immer wieder geäußert, dass er in Paris oder München studieren wollte, aber er hatte kein Geld für solch hochfliegende Pläne. Er hatte auch nicht das Talent. In der Literatur wird zu Charles Wimar häufig gesagt, dass er in Düsseldorf ein Schüler Leutzes gewesen sei, doch das muss man cum grano salis betrachten. Leutze (den Wimar bewunderte) hat seine Arbeiten gesehen und ihm Ratschläge gegeben - und Wimar hat auch Leutzes Bilder imitiert - aber sein Schüler ist der junge Mann aus Siegburg nicht gewesen. Er wirkte auf die Düsseldorfer ein wenig wie ein Indianer, er hatte langes Haar und einen sehr dunklen Teint, wahrscheinlich inszenierte er sich auch so. Jetzt in Düsseldorf, wo man den Leuten alles über den wilden Westen erzählen konnte, findet er auch sein Thema: Indianer.

Die kamen nicht wie bei ➱Karl Bodmer oder ➱George Catlin aus der eigenen Beobachtung, die kamen aus der Lektüre von James Fenimore Cooper und Gabriel Ferry. Zwar hat er einmal eine Reise entlang des Mississippi mit dem französischen Maler Leon Pomarede gemacht (wenn Sie auf diesen ➱Link klicken, sehen Sie ein Bild von Pomarede), aber seine Kenntnisse von wirklichen Indianern sind doch sehr begrenzt. Insofern ist er ein wenig der Karl May der Indianermalerei. Und wie Karl May eines Tages die Orte besucht, die er beschrieb, ohne sie gesehen zu haben, wird Wimar nach seiner Rückkehr nach Amerika auch Indianerstämme besuchen.

Die Menge seiner Indianerdarstellungen (über drei Viertel seines Werks) ist jedoch in Düsseldorf gemalt - oder dort begonnen und in Amerika fertig gemalt worden. Die Bilder machen ihn in Deutschland berühmter als in der USA. Wenn er etwas anderes malt als Indianer, wie hier die Flatboatmen on the Mississippi, dann kann er natürlich nur hoffen, dass niemand in Düsseldorf je ein Bild von George Caleb Bingham zu Gesicht bekommen hat. Und aus diesem Grund gibt es hier mal eben zum Vergleich ein Bild von Bingham.

Das ist nun sicherlich ein wenig ernüchternd. Es gibt zwar in Amerika Museen, die Bilder von Wimar haben (wie St Louis), aber kein Museum würde für einen Wimar das bezahlen, was man für einen Bingham bezahlen müsste. Wenn noch einer auf dem Markt auftauchen würde. Sagen Sie jetzt bitte nicht, dass die Atmosphäre des Mondlichts so schön getroffen ist. Das sind alles nur Versatzstücke aus dem Malkasten der Düsseldorfer Schule. Wenn Sie ein atmosphärisches Bild eines der großen amerikanischen Flüsse haben wollen, dann werfen Sie einmal einen Blick auf diesen ➱Bingham: Fur Traders Descending the Missouri.

Ich weiß nicht, was für ein Tier das da vorne im Boot ist  - ein Professor der Kunstgeschichte, der einen Vortrag über dies Bild hielt, hat mir einmal gesagt, dass es keine Katze sei - aber geheimnisvolles Tier hin oder her, dies ist ein Bild mit Atmosphäre. Charles Wimar ist nur drittklassig. Wenn's nur das wäre, das wäre nicht weiter schlimm. Drittklassige Maler gibt es im 19. Jahrhundert genug. Aber es gibt etwas, was Wimar zu einem gefährlichen Maler macht.

Und das ist diese Sache mit der Verteufelung der Indianer. Woher haben wir denn unsere Bilder von den bösen Indianern, die nichts anderes zu tun haben, als die armen Siedler zu überfallen? Ja, die Antwort lautet leider: von Charles Wimar. Er ist nicht der einzige, aber in Deutschland hat er einen großen Einfluss auf das Indianerbild des 19. Jahrhunderts, da seine Bilder durch Stiche und Lithographien rasch Verbreitung finden. Unser deutsches Indianerbild - ob nun Karl May oder Karl Wimar - kommt aus der Retorte. Die Ideen zu Bildern wie denen von der Entführung der Töchter von Daniel Boone (oben oberhalb des Mondlicht Bildes) hat Wimar von dem damals ungeheuer populären Gabriel Ferry, den man auch den französischen Cooper genannt hat.

Dieser Indianer ist nicht von Charles Wimar, der ist von Emanuel Leutze. Der heißt Der letzte Mohikaner und wurde auch in Düsseldorf gemalt. Die Idee zu dem Bild hatte Leutze aus der Kölner Zeitung. Die hatte 1850 darüber berichtet, dass ein Indianerhäupting namens George Copway als Delegierter der christlichen Indianer Amerikas an dem dritten Weltfriedenskongress in Frankfurt teilgenommen hatte. Schwupps malt ihn Leutze als Edlen Wilden, ein Rückgriff auf ein Motiv, das zu Ende des 18. Jahrhunderts en vogue war. Zwischen Joseph Wright of Derbys ➱Bild von der trauernden Witwe eines Indianerhäuptlings und Leutzes idealisiertem Ojibwa Indianer namens Kah-ge-ga-gah-bow liegen 65 Jahre, aber der Geist ist der gleiche, Trauer und Untergang. Diese ganze Sache mit dem Noble Savage, die schon Goethe und Schiller begeisterte, ist natürlich eine gefährliche Geschichte. Romantische Titel wie Der letzte Mohikaner suggerieren uns, dass die Indianer längst untergegangen sind. Sind sie aber nicht, die Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner steht noch bevor.

Und so wandelt sich jetzt das Bild des Indianers vom Edlen Wilden zur blutrünstigen Bestie. Und unser Karl Ferdinand Wimar aus Siegburg hat entscheidend dazu beigetragen. Zwar ist der Satz, dass nur ein toter Indianer ein guter Indianer ist, noch nicht gefallen, aber er wird kommen.

Sonntag, 19. Februar 2012

Georg Büchner


Lebendiges! Was nützt der tote Kram? soll er in einem Schulheft notiert haben. War es das, was mich schon als Schüler anzog, Büchner zu lesen und einen weiten Bogen um Goethe und Schiller zu machen? Heute ist der 175. Todestag von Büchner, da muss in diesem Blog einmal an diesen Dichter, Naturwissenschaftler und Revolutionär erinnert werden, der nur dreiundzwanzig Jahre alt wurde. Falls wir vergessen haben sollten, welchen Schriftsteller wir einmal gehabt haben.  Die Werke, die Georg Büchner der Welt hinterließ, lassen sich bequem auf zweihundert Seiten drucken. Trotzdem gehört das, was er schrieb, zum Gewaltigsten, was je in deutscher Sprache niedergelegt wurde. Mit diesem lapidaren Satz beginnt Kasimir Edschmid seine Einleitung zu seiner Ausgabe von Georg Büchner Gesammelte Werke. Seine Ausgabe ist allerdings 485 Seiten lang. Was daran liegt, dass hier auch Der Hesssische Landbote, die Übersetzungen von Lucretia Borgia und Maria Tudor und die Briefe abgedruckt sind, das dichterische Werk passt aber bequem auf zweihundert Seiten.

Ein Jahr nur hält die Druckerschwärz', drum lies mich schnell, ich leg dir's gar sehr ans Herz, hat ein Vorbesitzer in das Buch geschrieben. Aber die Druckerschwärze hält natürlich länger. Wir können Büchner heute immer noch lesen. Auch wenn wir keine Kleinstaaterei mehr haben wie in Leonce und Lena, wo der König Peter über das Königreich Popo herrscht und seinen Sohn Leonce so gern mit der Prinzessin Lena von Königreich Pipi verheiratet sehen möchte. Der König Peter möchte so gerne als aufgeklärter Fürst erscheinen. Aber in Wirklichkeit ist er ein lächerliches Relikt des Absolutismus. Den schon die simpelsten Dinge in Verlegenheit bringen: Peter (läuft auf und ab): Was? Was? Die Menschen machen mich confus, ich bin in der größten Verwirrung. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. (Ein Diener tritt auf.) Diener: Eure Majestät, der Staatsrath ist versammelt. Peter (freudig): Ja, das ist's, das ist's. – Ich wollte mich an mein Volk erinnern! Kommen Sie meine Herren! Gehn Sie symmetrisch. Ist es nicht sehr heiß? Nehmen Sie doch auch Ihre Schnupftücher und wischen Sie sich das Gesicht. Ich bin immer so in Verlegenheit, wenn ich öffentlich sprechen soll. (Alle ab)

Da kennen wir einige, die in Verlegenheit sind, wenn sie öffentlich sprechen wollen. Wie peinlich war das, was der Herr Wulff als famous last words ablieferte. Als ich in diesen Tagen Leonce und Lena wieder einmal las, fand ich Dutzende von Beispielen, die die augenblicklichen Ereignisse hätten kommentieren können. Leonce und Lena ist eine Komödie, aber es ist eine gefährliche Sache mit dieser Komödie. Nicht nur im Jahre 1836. Dies ist keine unverbindliche Fröhlichkeit, dies ist eine Politsatire. Nur flüchtig gearbeitet, ein wenig zu schnell hingeworfen, befand Karl Gutzkow und druckte nur Bruchstücke des Werkes im Mai 1839 in seinem Telegraph für Deutschland. Er hätte sonst auch wohl Schwierigkeiten mit der Zensur bekommen, nicht nur im Königreich Popo oder Pipi.

Die Schwierigkeiten des Königs Peter fangen schon morgens an, wenn ihn seine Diener ankleiden: Der Mensch muß denken und ich muß für meine Unterthanen denken, denn sie denken nicht, sie denken nicht. – Die Substanz ist das 'an sich', das bin ich. (Er läuft fast nackt im Zimmer herum.) Begriffen? An sich ist an sich, versteht ihr? jetzt kommen meine Attribute, Modificationen, Affectionen und Accidenzien, wo ist mein Hemd, meine Hose? – Halt, pfui! der freie Wille steht davorn ganz offen. Wo ist die Moral, wo sind die Manschetten? Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung, es sind zwei Knöpfe zuviel zugeknöpft, die Dose steckt in der rechten Tasche. Mein ganzes System ist ruinirt.

Ja, das geht natürlich nicht, dass der freie Wille nicht zugeknöpft ist. Ich verdanke der Theatergruppe meiner Schule eine schöne Textkenntnis, weil ich bei unserer Aufführung von Leonce und Lena (neben meiner kleinen Rolle als Staatsrat) Souffleur war. Wenn jemand seinen Text beherrscht, dann sind es nicht die Germanistikprofessoren sondern die Souffleure. Als ich in einem der schönen Kalender, die das Internet anbietet, las, dass der 19. Februar der 175. Todestag von Georg Büchner ist, dachte ich mir, dass ich über die Stelle schreiben könnte, wo Leonce sagt: Die Luft so scharf und dünn, daß mich friert, als sollte ich in Nankinghosen Schlittschuh laufen. Und dann hätte ich über gelbe Nankinghosen schreiben können. Aber dann fiel mir ein, dass ich das längst getan habe. Lesen Sie es doch noch einmal an dieser ➱Stelle.

Ich werde mich indessen in das Gras legen und meine Nase oben zwischen den Halmen herausblühen lassen und romantische Empfindungen beziehen, wenn die Bienen und Schmetterlinge sich darauf wiegen, wie auf einer Rose. Und wie wäre es, wenn Sie heute einfach einmal Leonce und Lena lesen? Den Text gibt es ➱hier. Das ist vergnüglich, denn am Ende wird alles gut: wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüthe und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestilliren, und wir das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken. Und wenn Valerio Staatsminister wird, dann wird er ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft unter Kuratel gestellt wird, daß wer sich krank arbeitet kriminalistisch strafbar ist, daß jeder der sich rühmt sein Brod im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!

Das ist doch eine schöne Utopie für diesen Sonntag.

Samstag, 18. Februar 2012

Bilder vom Tage


Das hier ist das Ende der schottischen Königin Mary Stuart am 18. Februar 1587. An einem 18. Februar ein Jahrhundert früher ist
George Plantagenet, der erste Duke of Clarence, im Tower umgebracht worden. Der 18. Februar scheint ein schlechter Tag für Könige und Herzöge zu sein. Vielleicht stimmt das mit dem Tag nicht so genau, weil die ja damals noch einen anderen Kalender hatten. Aber der Gedanke ist einfach verlockend: Bilder zusammenzustellen, die alle ein Ereignis eines 18. Februars illustrieren. Quer durch die Jahrhunderte. Ich weiß zwar nicht, wozu es gut ist, könnte mir aber vorstellen, dass man etwas Interessantes daraus machen könnte. Der 18. Februar ist übrigens auch der Geburtstag der Cousine von Mary Stuart, die auch Mary hieß. Das ist die Königin, nach der der Cocktail heißt, der zuerst in Harry's Bar serviert wurde.

Hier ist die Zeichnung eines unbekannten holländischen Künstlers aus dem Jahre 1613 noch einmal in besserer Qualität, diesmal hat sie noch einen erklärenden Text. Viele Bilder brauchen einen erklärenden Text, nicht immer sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Deshalb gibt es hier noch einen Text von Pierre de Bourdeille, dem Seigneur de Brantôme: One of the women then tied the handkerchief over her eyes. The Queen quickly, and with great courage, knelt dawn, showing no signs of faltering. So great was her bravery that all present were moved, and there were few among them that could refrain from tears. In their hearts they condemned themselves far the injustice that was being done.
   The executioner, or rather the minister of Satan, strove to kill not only her body but also her soul, and kept interrupting her prayers. The Queen repeated in Latin the Psalm beginning In te, Domine, speravi; non confundar in aeternum. When she was through she laid her head on the block, and as she repeated the prayer, the executioner struck her a great blow upon the neck, which was not, however, entirely severed. Then he struck twice more, since it was obvious that he wished to make the victim's martyrdom all the more severe. It was not so much the suffering, but the cause, that made the martyr.
   The executioner then picked up the severed head and, showing it to those present, cried out: 'God save Queen Elizabeth! May all the enemies of the true Evangel thus perish!'


So kann es ausgesehen haben, aber ist er wirklich dabei gewesen? Er hat die schottische Königin gekannt, kein Zweifel. In seinem Buch Das Leben der galanten Damen (in dem er immer von sich als Brantôme in der dritten Person redet) findet sich seine Begegnung mit Mary: Von da an bewegte er sich über dreißig Jahre lang im Hofleben. Zunächst begleitete er den Herzog von Guise auf sein Schloß; nachdem dann Franz II. gestorben war, geleitete er seine Witwe Maria Stuart im August 1561 auf der königlichen Galeere nach England und hörte ihr letztes Lebewohl an Frankreich. Nach seinem Hofleben und seiner militärischen Karriere ist er jetzt Historiker, allerdings halten seine Zunftkollegen heute nicht so viel von ihm. Aber seine Schilderung ist auf jeden Fall viel glaubhafter als die Version von Donzettis Oper Maria Stuarda (die ja irgendwie auf dem Stück von Schiller beruht). Falls Sie noch keine Aufnahme von dieser Oper haben sollten, empfehle ich die alte Decca Aufnahme mit Huguette Tourangeau als Elizabeth und Joan Sutherland als Mary Stuart. Pavarotti singt da auch. Damals konnte es es noch.

Mein zweites Bild zum 18. Februar ist dieses hier, das wiederum ein historisches Ereignis illustriert, beinahe vierhundert Jahre liegen zwischen den Begebenheiten. Und wie bei dem Bild des holländischen Malers besitzt auch dieses Bild eigentlich eine erklärende Bildunterschrift. Das Gemälde von J. J. Reiner zeigt das Attentat auf Kaiser Franz Joseph I. am 18. 2. 1853. Auf diesem Bild sind sie in der Bewegung alle miteinander verbunden: der ungarische Schneidergeselle, der seinen Kaiser erstechen will, der adlige Adjutant und der brave Bürger, die das verhindern wollen. Der Flügeladjutant Graf Maximilian O'Donnell hat noch nicht zu seinem Säbel gegriffen, mit dem er den Attentäter János Libényi niederstrecken wird, der Fleischer Josef Ettenreich (der für seine Tat geadelt wird) hat den Schneidergesellen noch nicht überwältigt. Es ist ein eingefrorener Moment: der Kaiser, der auf die Mauer gestützt die Parade seiner Truppen beobachtet hat, wendet sich erstaunt um, bevor ihn der Messerstich trifft. Er wird leicht verletzt, sein hoher, gestärkter Uniformkragen verhindert Schlimmeres. Es gibt Augenblicke, da haben steife Kragen Vorteile. Franz Joseph wirkt auf diesem Bild wie ein junger Dandy, wahrscheinlich war sein Kragen noch etwas höher, als ihn das Reglement vorschreibt. Der Attentäter wird wenig später öffentlich hingerichtet, und der Volksmund dichtet:

Auf der Simmeringer Had', hat's an Schneider verwaht
es g'schicht ihm schon recht, warum sticht er so schlecht.
Auf der Simmeringer Had', hat's an Schneider verwaht
mit der Nadel samt dem Öhr, samt dem Zwirn und der Scher'.
Auf der Simmeringer Had', hat's an Schneider verwaht
allen sei es a Lehr, er lebt nimmermehr
Und Leut'ln hurcht's auf, der Wind hört schon auf,
gang er allerweil so furt, wa ka Schneider mehr durt.


Ich weiß nichts über den Maler Johann Josef Reiner (der manchmal auch Rainer geschrieben wird), aber das Bild fasziniert mich. Er sieht aus wie die vorweg genommene pittura metafisica. Es ist aber eigentlich ein Votivbild (links), das ein gewisser Johannes Braunsteiner in Auftrag gegeben hat. Wir sehen im Internet bei diesem Bild immer nur die halbe Wahrheit, die barocke göttliche Dreifaltigkeit ist abgeschnitten. Und schon wird aus einem geheimnisvoll metaphysischen Bild ein mehr oder weniger scheußliches Bild des 19. Jahrhunderts. Das Bild ist durchkomponiert bis ins kleinste Detail, man kann Diagonalen und andere Linien durch das Bild ziehen. Wenn man zum Beispiel die Höhe der Köpfe betrachtet, gibt es eine ganz klare Ordnung nach dem Status der Personen: der Kopf des Herrschers ist am höchsten angeordnet, der des Attentäters am niedrigsten. Und natürlich sollte einem, wenn man nur die untere Hälfte serviert bekommt, diese Wolke zu denken geben. Die da wie eine Art Windhose hinter dem Kaiser mit seiner Dandypose endet und sich dann in den Himmel schraubt. Wenn man nur die untere Häfte des Bildes kennt, macht die Wolke (außer als eine Art Halo für Franz Joseph) keinen Sinn. Auf dem ganzen Votivbild stellt sie natürlich die Verbindung zwischen Kaiser und Gott dar. Weil das Attentat ja durch die göttliche Vorsehung (so die Bildunterschrift) vereitelt wurde. Oder vielleicht doch durch den Schrei einer Frau, die den Attentäter kommen sah.

Hier ist das Attentat vorbei, auf dieser Lithographie schreitet der leicht verletzte Kaiser über die Bastei und sagt zu den herbeigeeilten Bürgern: Beruhigen sie sich, Ich theile nur das Schicksal meiner tapferen Soldaten in Mailand. Der Schneidergeselle (ob der mal die Uniform des Kaisers genäht hat?) ist längst abgeführt.

Es lohnt sich bei Bildern immer, auf das kleine Detail zu achten. Auch bei diesem Bild links. Das hat nichts mit der Weltgeschichte zu tun, aber auch mit einem 18. Februar. Denn am 18. Februar 1885 erscheint in Amerika Mark Twains Roman The Adventures of Huckleberry Finn. Der Roman, an dem Mark Twain am längsten geschrieben hatte. Immer wieder hat er ihn weggelegt und neu begonnen. Und dann hatte sich die Auslieferung in der letzten Minute noch verzögert als man entdeckte, dass sich da ein Grafiker (der trotz einer ausgelobten Belohnung niemals bekannt wurde) mit der Druckplatte zu einer Illustration des Buches einen obszönen Scherz erlaubt hatte. Und einen kleinen Penis in die Abbildung eingefügt hatte. Das darf natürlich nicht sein, auch in Büchern über kleine Ausreißer auf dem Mississippi muss das Decorum gewahrt bleiben.

Aber selbst am Mississippi werden wir von europäischer Geschichte nicht verschont. Selbst in Huckleberry Finn haben wir abgeschlagene Köpfe (Chop off her head!) und dukes und kings. Auch wenn die nur Kleinkriminelle sind. Huck Finn hält seinem Freund Jim einen kleinen Vortrag über das Wesen der Könige, aus dem wir viel über Könige lernen können: "Don't it s'prise you de way dem kings carries on, Huck?"
 "No," I says, "it don't."
 "Why don't it, Huck?"
 "Well, it don't, because it's in the breed. I reckon they're all alike,"
 "But, Huck, dese kings o' ourn is reglar rapscallions; dat's jist what dey is; dey's reglar rapscallions."
 "Well, that's what I'm a-saying; all kings is mostly rapscallions, as fur as I can make out."
 "Is dat so?"
 "You read about them once -- you'll see. Look at Henry the Eight; this 'n 's a Sunday-school Superintendent to him. And look at Charles Second, and Louis Fourteen, and Louis Fifteen, and James 
Second, and Edward Second, and Richard Third, and forty more; besides all them Saxon heptarchies that used to rip around so in old times and raise Cain. My, you ought to seen old Henry the Eight when he was in bloom. He was a blossom. He used to marry a new wife every day, and chop off her head next morning. And he would do it just as indifferent as if he was ordering up eggs. 'Fetch up Nell Gwynn,' he says. They fetch her up. Next morning, 'Chop off her head!' And they chop it off. 'Fetch up Jane Shore,' he says; and up she comes, Next morning, 'Chop off her head' -- and they chop it off. 'Ring up Fair Rosamun.' Fair Rosamun answers the bell. Next morning, 'Chop off her head.' And he made every one of them tell him a tale every night; and he kept that up till he had hogged a thousand and one tales that way, and then he put them all in a book, and called it Domesday Book -- which was a good name and stated the case. You don't know kings, Jim, but I know them; and this old rip of ourn is one of the cleanest I've struck in history. Well, Henry he takes a notion he wants to get up some trouble with this country. How does he go at it -- give notice? -- give the country a show? No. All of a sudden he heaves all the tea in Boston Harbor overboard, and whacks out a declaration of independence, and dares them to come on. That was his style -- he never give anybody a chance. He had suspicions of his father, the Duke of Wellington. Well, what did he do? Ask him to show up? No -- drownded him in a butt of mamsey, like a cat. S'pose people left money laying around where he was -- what did he do? He collared it. S'pose he contracted to do a thing, and you paid him, and didn't set down there and see that he done it -- what did he do? He always done the other thing. S'pose he opened his mouth -- what then? If he didn't shut it up powerful quick he'd lose a lie every time. That's the kind of a bug Henry was; and if we'd a had him along 'stead of our kings he'd a fooled that town a heap worse than ourn done. I don't say that ourn is lambs, because they ain't, when you come right down to the cold facts; but they ain't nothing to that old ram, anyway. All I say is, kings is kings, and you got to make allowances. Take them all around, they're a mighty ornery lot. It's the way they're raised."

Freitag, 17. Februar 2012

Armory Show


Myers, you will weep when you see what we've brought over, hat Arthur B. Davies zu dem Maler Jerome Myers gesagt. Davies ist der Präsident der Association of American Painters and Sculptors und zusammen mit dem Maler Walt Kuhn organisiert er die Armory Show. Die wurde heute vor 99 Jahren eröffnet, sie war Amerikas Begegnung mit der Moderne. Sie war die erste und zugleich letzte Ausstellung der Association of American Painters and Sculptors. Zuerst sollte sie ja nur eine Ausstellung amerikanischer Kunst sein, aber Davies und Kuhn haben dafür gesorgt, dass die europäische Malerei der Jahrhundertwende repräsentativ vertreten war. Amerika war nicht so ganz darauf vorbereitet, was es da sehen wird. So schreibt Myers: And when I did see the pictures for the first time, my mind was more troubled than my eyes, for Davies had unlocked the door to foreign art and thrown the key away. Our land of opportunity was thrown wide open to foreign art, unrestricted and triumphant; more than ever before, our great country had become an art colony: more than ever before we had become provincials.

Der Entwurf für das Plakat der International Exhibition of Modern Art und das Logo mit der pine tree stammten von Walt Kuhn. Er hatte sich darauf besonnen (Sie können alles über die Entstehung ➱hier in einem Originalbrief lesen), dass dieser Baum einmal die Flagge der amerikanischen Revolution gewesen war. Und eine Revolution sollte auch diese Ausstellung sein, Das wurde sie auch, auch wenn sie von vielen als ein Skandal empfunden wurde. Der Ausstellungsort war das des ehemalige Zeughaus des 69. New Yorker Regiments. Wo jetzt während der Ausstellung in allen (künstlich aus der Riesenhalle abgeteilten Räumen) auch Kiefern standen. Das Zeughaus dient auch heute noch allen möglichen Ausstellungen, wie in den letzten Jahren Ausstellungen von Comics  und Präsentationen von Victoria's Secret Unterwäsche.

Ein Jahr vor der Ausstellung hatte Arthur B. Davies den Katalog der Kölner Sonderbund Ausstellung in die Hände bekommen und hatte sofort Walt Kuhn (der einmal in München studiert hatte) nach Deutschland geschickt. Der kam am letzten Tag der Ausstellung in Köln an, als man schon begonnen hatte, die Ausstellung abzubauen. Doch was er sah, bestärkte ihn in dem Gedanken, die Konzeption dieser Ausstellung zu übernehmen. Kuhn reiste danach nach Paris weiter und besuchte dann zusammen mit Arthur B. Davies (den er per Telegramm nach Europa gerufen hatte) die Londoner Second Post-Impressionist Exhibition Ausstellung, die von Roger Fry organisiert worden war (von dem auch der Terminus Post-Impressionism stammte). Zuvor hatte das Organisationsgenie Kuhn aber dafür gesorgt, dass ein großer Teil der Kölner Ausstellung nicht an die Leihgeber zurück wanderte, sondern gleich nach New York verschifft wurde. Mit ein klein wenig Nationalstolz kann man heute sagen, dass ohne die Kölner Ausstellung (und natürlich ohne Walt Kuhn) nichts aus der Armory Show geworden wäre.

Man muss nicht nur ein gutes Auge und einen Kunstverstand haben, wenn man eine Ausstellung organisiert, man muss auch gute Beziehungen haben. Zu Künstler, zu Kunsthändlern und natürlich zu denjenigen, die das Geld haben. Walt Kuhns Freund John Quinn wird für die Armory Show eine der wichtigsten Persönlichkeiten werden, nicht nur, weil er mit der stolzen Summe von 5.808,75 Dollar der größte Käufer der New Yorker Exponate ist. Nein, der New Yorker Rechtsanwalt John Quinn arbeitet auch von Beginn an als unbezahlter juristischer Berater der Ausstellung. Und er schaffte es, den Kongress zu überzeugen, ein Gesetz von 1909 zurückzunehmen, das den Erwerb von ausländischer zeitgenössischer Kunst mit hohen Zöllen belegte.

Er ist ein erstaunlicher Mann gewesen: Sammler der Manuskripte von Joseph Conrad, juristischer Berater von James Joyce, Freund von Ezra Pound und T.S. Eliot und Mäzen von William Butler Yeats. Aus Dank für seine Leistungen darf er am 17. Februar 1913 auch die Ausstellung eröffnen. Da wird er sagen: It was time the American people had an opportunity to see and judge for themselves concerning the work of the Europeans who are creating a new art. Aber er wird auch auf die neue amerikanische Kunst eingehen: The members of this association have shown you that American artists - young American artists, that is - do not dread, and have no need to dread, the idea or culture of Europe. They believe that in the domain of art only the best should rule. This exhibition will be epoch making in the history of American art. Tonight will be the red-letter night in the history not only of American but of all modern art. The members of the Association felt that it was time the American people had an opportunity to see and judge for themselves concerning the work of the Europeans who are creating a new art. Now that the exhibition is a fact, we can say with pride that it is the most complete art exhibit that has been held in the world during the last quarter century.

Dies war nicht die Stimme Amerikas, die Stimme Amerikas war eher Teddy Roosevelt, der that's not art sagte. Er hatte die Ausstellung am 4. März besucht, das war eine kleine politische Demonstration, denn an dem Tag wurde Woodrow Wilson als Präsident vereidigt. Gegen den hatte er gerade die Wahlen verloren, da nimmt er jede Gelegenheit wahr, Woodrow Wilson zu brüskieren. Er hat dann auch noch eine Ausstellungsbesprechung veröffentlicht, relativ moderat und ausgewogen (man ist ja Politiker), aber letztlich ist er ein Kunstbanause. In dem Punkt spricht er den meisten seiner Landsleute aus der Seele. Wenn Politiker über Kunst reden, dann orientieren sie sich gerne am gesunden Volksempfinden. Von Woodrow Wilson sind keine Äußerungen über die Armory Show bekannt. Es gibt allerdings das Gerücht, dass Bilder seiner Ehefrau Ellen Axson Wilson in der Ausstellung gehangen hätten. Es wäre durchaus möglich (obgleich sie nicht im Ausstellungskatalog auftaucht), sie war immerhin eine ganz passable Malerin. Hatte sich sogar 1913 im Weißen Haus ein kleines Malstudio einrichten lassen.

Es stehen nicht nur Kiefernbäume in der Halle, natürlich gibt es neben den Gemälden auch Plastiken von Bildhauern. Auch von deutschen Bildhauern, Walt Kuhn hatte Wilhelm Lehmbruck in Köln getroffen und ihn überredet, zwei Plastiken in die New Yorker Ausstellung zu geben. Eine davon hatte es dem dilettierenden Kunstkritiker Teddy Roosevelt besonders angetan: Admirers speak of the kneeling female figure by Lehmbruck—I use “female” advisedly, for although obviously mammalian it is not especially human—as “full of lyric grace,” as “tremendously sincere,” and “of a jewel-like preciousness.” I am not competent to say whether these words themselves represent sincerity or merely a conventional jargon; it is just as easy to be conventional about the fantastic as about the commonplace. In any event one might as well speak of the “lyric grace” of a praying mantis, which adopts much the same attitude; and why a deformed pelvis should be called “sincere,” or a tibia of giraffe-like lengths “precious,” is a question of pathological rather than artistic significance. This figure and the absurd portrait head of some young lady have the merit that inheres in extravagant caricature. It is a merit, but it is not a high merit. It entitles these pieces to stand in sculpture where nonsense rhymes stand in literature and the sketches of Aubrey Beardsley in pictorial art. Heute ist man in der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen Dresden glücklich, dass man einen Steinguss dieser Plastik besitzt, die als eins der wichtigsten Werke von Lehmbruck gilt.

Dass die gerade gegründete Association of American Painters and Sculptors auf Arthur B. Davies als Präsidenten gekommen war, mag heute erstaunen. Denn als Künstler gehörte er zwar zu der Ashcan School, hatte aber mit Malern wie John Sloane oder George Bellows wenig gemeinsam. Seine Kunst ist eher in einem märchenhaften Never Never Land mit weißen Einhörnern angesiedelt. Sein großes Vorbild ist der Franzose Puvis de Chavannes (von dem er auch 15 Werke ausstellt), der für mich einer der schrecklichsten Maler des 19. Jahrhunderts ist. Aber Davies besitzt ebenso wie Walt Kuhn ein großes Organisationstalent und hat Beziehungen zu Amerikas Geldadel, der im Gilded Age reich geworden ist. Davon abgesehen führte er still und verschwiegen ein Doppelleben, seine Frau und seine Kinder haben erst nach seinem Tod erfahren, dass er noch eine zweite Familie mit Frau und Kindern hatte. Ein Kritiker hat ihn einmal als den erfolgreichsten Bigamisten des Jahrhunderts bezeichnet. Wahrscheinlich muss man Bigamist sein, um Einhörner zu malen.

Amerikas Begegnung mit der europäischen Moderne wird zu einer großen Show. Die Ausstellung, die noch nach Boston und Chicago wandern wird, ist gut besucht. Vor allem an den Tagen, an denen der Eintritt frei ist. Die Kunstpostkarten von 57 verschiedenen Kunstwerken sind schnell ausverkauft. Die Presseberichterstattung ist - wie immer - sehr unterschiedlich. Noch vor Ausstellungseröffnung hatten die New York Times und die New York Sun mit Schlagzeilen wie It Will Throw a Bomb Into Our Art World and a Good Many Leaders Will be Hit oder Cubist, Futurists, and Post Impressionists Win First Engagement, Leaving the Enemy Awestruck eine Kriegsmetaphorik in die Kunstdiskussion gebracht.

America's first art war hatte begonnen. Gertrude Stein, die als Freundin Picassos natürlich für die moderne Kunst eintritt, wird in einem Spottgedicht verhöhnt:

I called the canvas 'Cow with cud'
And hung it on the line,
Altho' to me 'twas vague as mud
'Twas clear to Gertrude Stein


Wenn hier Getrude Stein genannt wird, so sollten noch eine Anzahl anderer Frauen genannt werden. Wie die Galeristin Clara Davidge (Tochter eines Bischofs) oder die Society Lady Mabel Dodge. Und viele andere. Ohne die kunstinteressierten oder schwerreichen Frauen wäre es vielleicht nichts mit der Armory Show geworden. In einem Resumé der Armory Show schrieb der amerikanische Kunstkritiker Meyer Shapiro Jahrzehnte nach dem Ereignis: Women, it is worth noting, were among the chief friends of the new art, buying painting and sculpture with a generous hand. Art as a realm of finesse above the crudities of power appealed to the imaginative, idealistic wives and daughters of magnates occupied with their personal fortunes . . . At this moment of general stirring of ideas of emancipation, women were especially open to manifestations of freedom within the arts. Emanzipation und Mäzenatentum gehen jetzt Hand in Hand. Auf jeden Fall für die, die es sich leisten können.

In dem Streit um den richtigen Weg der Kunst gab nicht nur Häme von der Presse - obgleich das Organisationskomitee auch mit beleidigenden Artikeln zu leben wusste. Besser eine schlechte Presse als gar keine Presse. Der Erfolg der Ausstellungen der Eight im Jahre 1908 und die Exhibition of Independent Artists 1910 kam wohl nur durch die Presse zustande, das hatte man schon gelernt. Einen Mitstreiter hatten die Organisatoren der Armory Show in der New York Sun. Die Zeitung, die ja heute noch berühmt ist durch ihren Artikel Yes, Virginia, there is a Santa Claus, trat mit glühenden Artikeln für die neue Kunst ein. Wenn Sie alles über die Publikumsreaktionen wissen wollen, dann sollten Sie dies vorzügliche Paper von Kristen M. Osborne lesen.

Und damit bin ich auch schon bei meinen Literaturhinweisen. Denn wenn ich jetzt nicht aufhöre, schreibe ich noch die ganze Woche an diesem Thema weiter. Normalerweise mäkle ich ja an Wikipedia Artikeln herum. Heute nicht, der deutsche Artikel zur Armory Show ist hervorragend! Wenn Sie noch mehr wissen wollen, dann gibt es nur das Buch von Milton W. Brown The Story of the Armory Show (enthält auch einen vollständigen Katalog aller Exponate). Auf dieser Seite der University of Virginia gibt es viele Abbildungen aus der Armory Show. Und wenn es noch etwas mehr an amerikanischer Kunst sein darf, dann sollten Sie Robert Hughes' American Visions: The Epic History of Art in America lesen. Frech und fetzig geschrieben, keinen Augenblick langweilig, hervorragend illustriert.

Man weiß nicht, wie viele Amerikaner - begeistert oder hasserfüllt - die Ausstellung gesehen haben. Die Besucherzahlen, mit denen Historiker jonglieren, schwanken zwischen Hunderttausend und einer Viertelmillion. Am Ende der Ausstellung marschiert das Ausstellungskomitee voller Stolz zu den Klängen von fife and drum durch die Ausstellungshalle, man glaubt einen Sieg für die moderne Kunst errungen zu haben. Als beim Festbankett am Abend einer der Gäste ironisch einen Toast auf die akademische Malerei ausbringen will, bringt John Quinn den Anwesenden die Worte des Captain John W. Philip vom Schlachtschiff Texas in Erinnerung. Der hatte seiner Mannschaft, als sie die Versenkung des spanischen Schiffes Vizcaya bejubelte, zugerufen: Don't cheer, boys; the poor devils are dying. Der Spanisch-Amerikanische Krieg ist noch nicht so lange her, an den kann man sich noch erinnern. Da war Teddy Roosevelt mit seinen Rough Riders noch ein Kriegsheld, jetzt ist er dilettierender Kunstkritiker. Die Kriegsmetaphorik, mit der die New Yorker Zeitungen die Ausstellung eröffnet haben, wird bleiben. Vielleicht ist es von besonderer Symbolik, dass der Ausstellungsort die Armory, ein Zeughaus, ist.

Ein Jahr später beginnt der Erste Weltkrieg. Wenn Künstler in Europa Glück haben, dann dürfen sie im Krieg Tarnbemalung auf Flugzeugflügel malen wie Paul Klee. Der Krieg ist nicht nur der Vater aller Dinge, dieser Krieg gebiert auch die moderne Kunst. Sagt Modris Eksteins in seinem Buch The Rites of Spring: The Great War and the Birth of Modern Age. Es ist ein gefährlicher Gedanke, aber an Eksteins Kulturgeschichte ist etwas dran.

Die Bilder von amerikanischen Malern im Text waren alle Teil der über anderhalbtausend Ausstellungsstücke der Armory Show. Es sind von oben nach unten: ◻Albert Pinkham Ryder, den Davies persönlich durch die Ausstellung führte, in der zehn Bilder von ihm hingen ◻William Glackens  ◻George Bellows  ◻Charles Sheeler, dessen Bilder eher durch Zufall in die Ausstellung gelangten  ◻Arthur B. Davies ◻Alfred Henry Maurer  ◻John Sloan  ◻John Marin.


Donnerstag, 16. Februar 2012

Hochwasser


Vor fünfzig Jahren gab es in der Nacht vom 16. zum 17. Februar in Norddeutschland eine verheerende Flutkatastrophe, die hauptsächlich Hamburg betraf. Als damals junger "Zeitzeuge" schlage ich dazu einmal einige Seiten aus meinen Jugenderinnerungen auf:

Februar 1962, es ist kalt und windig. Na ja, eigentlich ist es schon ein Sturm, aber Bremer, die so etwas das ganze Jahr über gewöhnt sind, neigen bei Windstärke 9 oder 10 noch nicht zu Übertreibungen.. Ich sitze mit Charlie bei Konnie Krämer im Fährhaus am Utkiek. Die Kneipe hat der Konnie schon dichtgemacht, aber uns schenkt er noch ein Bier ein, geht aufs Haus. Konnie braucht uns noch. Die Weser ist beunruhigend hoch, das vom Sturm herein gedrückte Wasser fließt nicht ab. Eigentlich sollte jetzt Ebbe sein, aber die Weser ist schon auf der normalen Fluthöhe, Meter über dem Ebbepegel. Die Nacht ist blauschwarz, die Wolken fegen nur so dahin. In drei Tagen ist Vollmond, das ist bei dieser Wetterlage schlecht. Das hat jetzt nichts mit Deichromantik à la Schimmelreiter zu tun. Das bedeutet eine Springflut. Und dies ist kein Sturm mehr, dies ist schon ein Orkan. Wir schrauben mit Konnie zusammen die eisernen Platten vor die Kellerluken, dichten alles mit Säcken und gefettetem Tauwerk ab. Auch die Eingangstür, die einen Meter höher liegt.

Wir trinken noch ein Bier. Das kommt nicht bis hier, sagen wir, und klettern hinten durch ein Hoffenster aus dem Haus. Nachts will ich noch meinen üblichen Weserspaziergang mit dem Hund machen, da steht die Strandstraße schon unter Wasser. Das geschieht häufiger, das ist noch keine Gefahr. Wir alle wissen noch nicht, was in der Nacht noch kommt. Hamburg wird es schlimmer treffen als Bremen, dies sind die Stunden des Mythos von Helmut Schmidt, der seinen Bürgermeister Paul Nevermann entmachtet und mit dem Herbeiordern von NATO-Kräften gegen alles verstößt, was in der Verfassung steht. Aber vielleicht muss es dieser Mann in diesem Augenblick sein, das Fernsehen wird ihn lieben. Überall an der Deutschen Bucht wird es kleine Helden geben, die im richtigen Moment das Richtige tun und größeren Schaden verhindern. Sie alle kommen nicht ins Fernsehen, nur Helmut Schmidt. Die Hochwasser von 1976, 1981 und 2007 werden höher sein als das von 1962. Und man wird diese Sturmfluten auch ohne Helmut Schmidt überstehen. Für die beteiligten Bundeswehrkräfte wird es 1962 einen Orden geben, der so genannte Sandsackorden wird der erste Orden sein, den die junge Bundeswehr verleiht. In Bremen-Huchting wird es große Schäden geben, wir kommen in Vegesack mit Schrammen davon.

Am nächsten Morgen haben wir schulfrei, das kommt durchs Radio. Peter und ich fahren mit dem Bus nach St. Magnus, um uns das Ausmaß der Überschwemmung anzusehen. Der Admiral Brommy Weg steht unter Wasser und die Lesumwiesen auch. Das ist bei jedem Hochwasser so, die Wiesen hinter den Deichen sind eigentlich Sollbruchstellen. Gefährlich wird das erst in der Zukunft, wenn man sinnlos an allen Nebenflüssen Sperrwerke einrichtet und den Fluß durch Vertiefungen noch weiter kanalisiert. In Grohn schippt Kapitän Janssen Wasser aus seinem Keller und die umstehenden Gaffer beschweren sich, dass sie dabei nass werden. Ich verdrücke mich mit Peter schnell, bevor Hein Janssen mich erkennt, sonst sind wir auch noch mit Schippen dran.

Wenn dies schon komisch ist, dann kann man das noch steigern. Als wir zur Strandstraße kommen, steht da schon unsere halbe Schule vor dem Haus des Direx neben dem Ruderverein. Den hatte die Polizei nachts noch aufgefordert, das schöne Haus zu verlassen, das der Architekt Ernst Becker-Sassenhof in den zwanziger Jahren gebaut hat. Hat er nicht getan, er glaubte nicht daran, dass das Wasser noch steigen würde. Immerhin hat er vorsichtshalber die Abiturarbeiten mit nach oben genommen. Jetzt ist das ganze Lehrerkollegium damit beschäftigt, klitschnasse Teppiche und feuchte Sessel aus dem Erdgeschoss zu räumen und auf das Gelände des Rudervereins zu tragen. Schüler geben gute Ratschläge, vor allem jenen Lehrern, die zwei linke Hände haben. Davon gibt es mehrere. Kein Schüler fasst mit an. Irgendwie sind alle der Meinung, dass dieser Schaden auch eine Strafe für Dummheit ist. Konnie Krämer wird kein Weserwasser in Keller und Kneipe haben, jeder, der hier wohnt ist Hochwasserprofi, mit Ausnahme des Direktors des Gymnasiums. Ich verstehe es nicht, der Mann ist pädagogisch versiert und er ist ein erstklassiger Verwaltungsfachmann. Und dann so was. Ich vermute, dass es daran liegt, dass er Wagner Liebhaber ist, er soll sogar einmal im Jahr nach Bayreuth fahren. Wagner Liebhaber sind nicht von dieser Welt. Vielleicht hat er ja im Sturm den Fliegenden Holländer gehört.


Dienstag, 14. Februar 2012

Valentine


Die schöne und eigensinnige (eigentlich ist das jetzt doppelt gemoppelt, welche schöne Frau ist nicht eigensinnig?) Bathsheba Everdene hatte eine Valentinskarte für den kleinen Teddy Coggan gekauft. Sie hatte die schon beinahe vergessen, aber dann am Tag vor dem Valentinstag fällt es ihr ein: Dear me -- I had nearly forgotten the valentine I bought yesterday," she exclaimed at length. Ihre Haushälterin Liddy Smallbury (about Bathsheba's equal in age, and her face was a prominent advertisement of the light-hearted English country girl) scherzt noch, dass Bathsheba die Karte ja auch an den Gentleman Farmer Mr. Boldwood schicken könne. Aus dem Scherz wird Ernst. An dem Text, der zuerst für den kleinen Teddy Coggan gedacht war: The rose is red, The violet blue, Carnation's sweet, And so are you, ist ja nichts auszusetzen. Wenn Bathsheba nur nicht dieses Siegel in den Siegellack gedrückt hätte, auf dem Marry Me steht.

Im Film, aus dem dieses Bild stammt, sieht die Karte etwas anders aus. Die Schrift im Siegellack war ja so klein, dass kein Zuschauer das hätte lesen können. Der Film heißt (wie der ➱Roman von Thomas Hardy) Far from the Madding Crowd, und Julie Christie spielt die Bathsheba Everdene. Wenn Sie jetzt die DVD kaufen (die deutsche Version heißt Die Herrin von Thornhill), dann sehen Sie zu, dass Sie genügend Taschentücher zur Hand haben.

Als Thomas Hardys Roman Far from the Madding Crowd 1874 erschien, waren Valentinskarten in England offensichtlich schon gang und gäbe. Bei uns nicht. Es sind englische Auswanderer gewesen, die den Valentinstag in Amerika heimisch gemacht haben. Über die amerikanischen Besatzungssoldaten ist er dann nach dem Krieg zu uns gekommen, zur großen Freude der Floristen und der Süßwarenindustrie. Und wenn Sie heute eine Valentinskarte verschicken, dann seien Sie vorsichtig, was Sie da drauf schreiben. Marry Me ist gefährlich. Denn mit dem Sergeant Troy hier wird Julie Christie nicht glücklich, da hätte sie doch lieber Mr Boldwood nehmen sollen. Oder Gabriel Oak, der sie immer geliebt hat. Aber am Ende wird alles gut. Das ist das Schöne an Romanen.

Montag, 13. Februar 2012

Waylon Jennings


Wenn Sie dies ➱hier anklicken: da ist Waylon Jennings mal wieder auf einem Höhepunkt, wenn er Good Hearted Woman mit Willie Nelson, Johnny Cash und Kris Kristofferson singt. The Highwaymen nannten sie sich, sie hatten großen Erfolg. Soviel Berühmtheiten hat man ja selten in einer Country Music Band. Meine erste LP von Waylon Jennings, der heute vor zehn Jahren starb, war Wanted! The Outlaws mit seiner Frau Jessi Colter, Willie Nelson und Tompal Glaser. Die schaffte es gleich zur Number One der Country Charts (Good Hearted Woman war da auch mit drauf). Willie Nelson und er waren jetzt die ➱Outlaws, weil sie Texaner waren und gegen das Nashville Establishment rebellierten. Es war die wohl erfolgreichste Rebellion in der Country Music.

Was mir damals am besten von Waylon Jennings (neben WWII mit Willie Nelson) gefiel, war das Album White Mansions. Lange bevor die mit Recht von der Kritik gefeierte ➱TV-Serie von Ken Burns über den Bürgerkrieg im Fernsehen lief - deren Musikauskopplung von herzzerreißend a capella oder sparsam orchestrierten Bürgerkriegssongs es ja auch in die Charts schaffte - hatte die C&W Musik das Thema schon für sich entdeckt. ➱White Mansions: A Tale from the American Civil War hieß das Album (➱hier ganz zu hören), das 1978 erschien. Drei Jahre später folgte Poco mit einem tie-in, das Blue and Gray hieß, aber die Musik dieser Band (die Robert Christgau einmal the most overrated underrated group in America nannte) war das übliche Gemisch aus Rock und Weichspüler. Wenn man nicht genau auf die Texte von Rusty Young hörte, merkte man gar nicht, dass dies etwas mit dem Civil War zu tun hatte.

In dem Schallplattencover steckte ein 28-seitiges Booklet, das von seinem Layout her, mit alten Photographien aus dem Bürgerkrieg und den neuen Texten dieser Civil War Opera, hervorragend gemacht war. Vier Stimmen und ein Chor schwarzer Sklaven (Rodena Prestons Voices of Deliverance) sprechen und singen die Geschichte vom Untergang des Old South: Waylon Jennings als The Drifter ist der Erzähler dieses epischen Stoffes. Seine Frau ➱Jessi Colter sang eine Southern Belle, John Dillon (von Ozark Mountain Daredevils) einen Südstaaten Gentleman und Steve Cash einen Vertreter des white trash. Damit haben wir natürlich alle Südstaaten-Stereotype zusammen, aber stereotyp ist nichts an dieser Platte. Dies sind die Outlaws, die Nashville-Rebellen, die hier eine revisionistische, kritische Version der immer wieder gleichen Geschichte vortragen. Zeilen wie Southern pride - it's just stubborn blindness werden 1978 nicht jedem Amerikaner gefallen haben. Vielleicht auch heute noch nicht.

White Mansions ist ein concept album, es ist nicht das erste in der Geschichte der amerikanischen populären Musik. Wenn man so will, sind wahrscheinlich Woody Guthries Dust Bowl Ballads das erste concept album (auch wenn die Platten mehr wie eine Musikbegleitung zu Steinbecks Grapes of Wrath wirkten). Der Mann, der das Konzept für White Mansions hatte und alle Songs schrieb, war Paul Kennerley. Kein Texaner, ein Engländer aus London (vielleicht hat der auch Eric Clapton mitgebracht, der hier an Dobro und Slide Guitar zu hören ist). Er hat übrigens auch das concept album The Legend of Jesse James gemacht. Und war mal mit ➱Emmylou Harris verheiratet.

Man kann White Mansions auch als Kulturdokument des New South sehen. Auf jeden Fall weist der Professor ➱James C. Cobb aus Georgia der Country Music eine sinnstiftende Rolle bei der Neudefinierung der Südstaatenkultur zu. Erstaunlicherweise deutet er in mehreren Schriften auch die Figur des redneck zu einer positiven Figur um. Es verändert sich etwas im Süden. Das Bild, das uns der Engländer Alan Parker in Mississippi Burning gegeben hat, ist längst Vergangenheit. Die C&W Music wird eine wichtige Rolle in der Veränderung der Gesellschaft spielen. Natürlich wird es eines Tages auch einen Cowboy aus der Retorte wie Garth Brooks geben, aber es wird auch Alison Krauss und ➱Lyle Lovett geben. All diese Bewegungen, denen man ein Etikett wie independent country, new country, progressive country, alternative country verpasst hat, werden Erben der Outlaw Bewegung sein.

Die Platte war übrigens damals kein Erfolg. Finanziell erfolgreich war Waylon Jennings mit I've Always Been Crazy und dem Duett-Album Waylon & Willie. White Mansions ist zu einem Sammlerstück geworden. Falls außer mir noch jemand eine besitzt: sie ist heute mehr wert als 1978. Natürlich gibt es sie inzwischen als CD. Ist aber nicht das selbe, das Booklet dieses Gesamtkunstwerks ist viel zu klein. White Mansions klingt auch heute immer noch gut. Es ist niemals larmoyant oder pathetisch, es ist zwar die Südstaatenversion des Bürgerkrieges, aber es ist nicht die Kitschversion wie Fackeln im Sturm.

Oh Dixie, hang your head and cry
You have seen so many children die
You had courage and you had pride
But the Union could never see your side, at all

Oh, oh, oh, not at all
Oh Dixie, now the land is scarred,
The States are bleeding
They're wounded and marred
Mister Lincoln isn't here to lend a hand
Now he's gone and bitter hate rules the land.
You're done

Oh, oh, oh Dixie, you're done
Oh Dixie, oh Dixie, now you're done
Oh Dixie, oh Dixie, oh Dixie, now you're done.
Oh Dixie, oh Dixie, oh Dixie, now you're done.