Donnerstag, 21. Juni 2012

Bachs Cellosuiten


Klangpuristen mögen sich vielleicht am schniefigen Atmen des Interpreten stören, besonders an den leisen Stellen bei Killmayer. Wer aber wollte von einem Künstler verlangen, beim Spiel den Atem anzuhalten? Auch denke man vergleichsweise an den seligen Siegfried Palm, bei dem das Schnaufen manchmal lauter war als die Musik. Der Plattenrezensent, der das sagt, schreibt über einen Cellisten. Gute Cellisten schnaufen. Ich weiß nicht, ob der Peter oder ob Jimmy das gesagt hat, die beide Cello spielten. Aber der Satz mit dem ➱Schnaufen ist mir seit Jahrzehnten im Gedächtnis. Damals habe ich diejenigen bemitleidet, die immer ihr Cello mit sich herumschleppen mussten, während ich mir nur die Noten unter den Arm klemmte, wenn ich zu meiner Klavierlehrerin ging. Aber der Jimmy spricht nach Jahrzehnten immer noch mit Hochachtung von seiner Cellolehrerin. Ich bin meiner Lehrerin auch nicht mehr böse, dass sie mich gequält hat, das war schon richtig. Man sieht es als Teenie nur nicht ein.

Ich hatte mir letztens bei Zweitausendeins dieses Sonderangebot für 8.99 bestellt, Bachs Cellosuiten von André Navarra, wurde im Katalog als Kult beschrieben, aber das bedeutet ja überhaupt nichts mehr. Früher vielleicht, als der Zweitausendeins Versand noch Kult war. Und das Merkheft noch ein Teil der (Sub-) Kultur der Republik war. Aber seit Frau Susemihl gestorben ist und seit Lutz Reinecke den Verlag verkauft hat, taumelt Zweitausendeins wohl dem Untergang entgegen. Symptomatisch dafür ist wohl, dass die CD 2 der Cellosuiten von meinem CD-Player nicht gespielt wurde, vom Computer auch nicht. War irgendwie blöd, wenn man Bachs Cellosuiten einmal zu hören angefangen hat, kann man schlecht damit aufhören.

Sie umfangen einen wie die Dunkelheit, und lassen einen nicht mehr los. Am besten ist es, wenn es draußen schon Nacht und es im Haus ganz still ist. Und wenn man dann das Licht löscht, sich in die Zimmermitte auf den Teppich legt und dem Schnaufen des Cellos lauscht. Wenn Sie jetzt sagen: voll bekifft der CD mit dem Gesang der Buckelwale zu lauschen, tut es auch, kann ich wenig dagegen sagen. Das ist sicher auch ein musikalisches Erlebnis. Ist aber nix gegen Bachs Cellosuiten. Der Herr auf diesem Bild ist Pierre Fournier, seine Aufnahme hat mich ein Leben lang begleitet. Wenn es darum ginge, eine Top Ten der Cellisten zu erstellen, die Bachs Cellosuiten aufgenommen haben, würde ich ihn immer auf einen der ersten Plätze setzen. Mstislav Rostropowitsch hat über Pierre Fournier mon ami, mon idole et mon dieu gesagt. Das ist nett von ihm gewesen.

Yo-Yo Ma und Mischa Maisky kämen auf keinen Fall auf die ersten Plätze, die kämen bei mir gar nicht erst auf die Liste. Weil sie in sind und aggressiv vermarktet werden, um solche Sachen mache ich einen Bogen. Ich kenne beide Aufnahmen, so ist es nicht, ich will sie auch nicht schlecht machen. Wenn ich jetzt sagen würde, dass Mischa Maisky der André Rieu des Cellos ist, dann wäre das sicher fies. Doch ich bin etwas allergisch gegen diese neumodischen Inszenierungen. Ich besitze auch keine CD von Lang Lang. Wenn Sie sich das ➱hier betrachten, dann kann man nur sagen: muss nicht sein. Auch die Aufnahme von Mstislav Rostropowitsch in ➱Vézelay war mir zuviel des Guten. Gut, ich habe es auch im Fernsehen gesehen, und ich habe auch die CD, aber ich würde keine Reklame dafür machen. Und deshalb gibt es hier auch keinen Rostropowitsch als Abbildung. Aber dafür das schöne Tympanon der Kathedrale von Vézelay.

Mein Interesse liegt eher auf den Künstlern, die still und zurückhaltend sind, nicht auf denen, die einen Bach Lite servieren. Und so würde ich Heinrich Schiff jederzeit Mischa Maisky vorziehen, wenn es darum ginge, welche CDs man auf die einsame Insel mitnehmen darf. Meine Liste ist subjektiv, aber neben Pierre Fournier gehört natürlich der Name Pablo Casals. Wenn der nicht mit dreizehn Jahren die Noten (in der Bearbeitung von Friedrich Grützmacher) entdeckt hätte und die nächsten dreizehn Jahre mit dem Üben der sechs Suiten verbracht hätte, hätten die Cellisten des 20. Jahrhunderts dieses Werk vielleicht nie gespielt. Man hatte diese Suiten für akademisches Zeug gehalten, für mechanischen Etüdenkram ohne musikalische Wärme. Man muss sich das einmal vorstellen. Wie konnte ein Mensch sie kalt finden – sie, die Poesie, Wärme und Raumgefühl förmlich ausstrahlen! Sie sind die Quintessenz von Bachs Schaffen, und Bach selbst ist die Quintessenz aller Musik, hat Casals in seinen Lebenserinnerungen gesagt.

Ich finde es cool, wie der leidenschaftliche Pfeifenraucher Casals sogar mit dem Pfeife im Mund Cello spielt. Oder ist das eine Inszenierung für den Photographen? Wirklich cool war ➱Fred Katz in den Zwischenszenen von Jazz On a Summer’s Day. Wenn er mit nacktem Oberkörper einsam in seinem Zimmer sitzt und manchmal bei dem Prélude in G-Dur Takte auslässt, um seine Ziggi zu rauchen. Wenn Sie den Pfeil oben bei Fred Katz oben anklicken, können Sie einen Schnipsel aus dem Film sehen, aber am besten kaufen Sie sich die DVD von dem Film (oder gucken ihn hier). Nicht wegen Bachs Cellosuiten, sondern wegen dem Jazz. Obgleich Bach eigentlich auch Jazz ist. Und damit meine ich jetzt nicht mal ➱Jacques Loussiers Version. Nein, es ist eine abstrakte Musik, abstrakt wie Jazz.

Es hat lange gedauert, bis die Hexenmeister des digitalen remastering die alten Aufnahmen von Casals aus den Jahren 1936 bis 1939 von störenden Nebengeräuschen befreit haben. Ich habe zwei verschiedene Aufnahmen, würde aber die Naxos Version (New restoration by Ward Marston) jederzeit vorziehen. Ja, ich weiß, dass es da eine Diskusion gibt, aber die wird geführt von Leuten, die nicht mehr die Musik hören, sondern die Flöhe husten hören können. Während ich dies hier schreibe, höre ich die zweite CD von André Navarra auf einem billigen Tchibo CD Player, mein sauteures ➱High-End Gerät kann die ja wie gesagt nicht lesen. Diesen kleinen Player (der aber relativ gute Lautsprecher hat) neben mir benutze ich eigentlich nur als Radio, jetzt läuft der Bach da drauf - und es klingt in der Stille der Nacht einfach toll. Anders als Fournier, man muss es auch zwei-, dreimal hören, dann wird die Einspielung von Navarra immer besser. Man hört immer mehr unter der Klangoberfläche.

Ich weiß nicht, wie viel Einspielungen der Cellosuiten von Bach auf dem Markt lieferbar sind, mir genügen die, die ich habe. Ich habe in den letzten Wochen, während ich anfing, an diesem Post zu schreiben, jeden Tag einige Stunden lang Bach gehört. Und ich weiß immer noch nicht, was ich auf die Insel mitnehmen würde, wenn mich die BBC zu ihrer Sendung Desert Island Discs einladen würde. Fournier und Casals kommen unbedingt auf die Liste, Heinrich Schiff (der bei Navarra studiert hat) und André Navarra können es auch sein. Aber die ultimative Aufnahme? Also mal von Pierre Fournier abgesehen? Meine Antwort wäre ganz simpel: ➱Janos Starker mit der alten Mercury Living Presence Aufnahme.

Zu dem Cellisten Heinrich Schiff möchte ich noch eine kleine Anekdote servieren. ➱Friedrich Gulda hatte für ihn ein Cellokonzert geschrieben und war ihm hinterher sehr böse. Aber hören wir ihn selbst im Interview: Nun kommen Sie auf Ihren Streit mit Heinrich Schiff, dem Cellisten. GULDA: Genau. Diesem Herrn Schiff hab' ich mein Cellokonzert auf den Leib geschrieben. Er hat es des öfteren unter meiner Leitung gespielt, und er sollte es voriges Jahr unter einem anderen Dirigenten in Salzburg spielen. Stattdessen hat er es, um sich Liebkind zu machen und seine Gage zu kriegen, in gemeiner und hosenscheißerischer Weise durch ein ungefährliches Repertoirestück von Haydn ersetzt, damit er in die diversen Arschlöcher hineinkriechen kann und der Herr Karajan ihm nicht bös' ist. Seither verkehre ich nicht mehr mit ihm. Das möchte ich hier in aller Deutlichkeit sagen. Ich habe über den Charakter dieses Herrn sehr viel gelernt, obwohl ich es im Grunde schon vorher wußte. Schöner geht österreichischer Schmäh nicht, das kriegt auch Thomas Bernhard nicht besser hin.

Als letztes wäre da noch Robert Cohens Aufnahme von 1990. Ich weiß nicht mehr, wie ich an diese CD gekommen bin, ich wusste auch nichts über ➱Robert Cohen. Inzwischen bin ich dank des Internets natürlich schlauer, da findet sich auch eine ➱Besprechung der Aufnahme. Sie sehen schon, es gibt eine Vielzahl von Alternativen zu Mischa Maisky und Yo-Yo Ma. Alle Aufnahmen der Cellosuiten klingen anders. Robert Cohens Aufnahme hat den Vorteil, dass sie schon digital aufgenommen und nicht von einer Analogaufnahme transferiert wurde. Die Aufnahmen klingen natürlich anders, weil jeder der Interpreten ein anderes Instrument besitzt. Weil manche das Grundtempo langsamer oder schneller nehmen, manche das Hüpfen und Tanzen der Melodie, andere das Elegische, Melancholische betonen. Weil manche die Wiederholungen spielen, andere sie fortlassen. Und weil wir kein gesichertes Originalmanuskript der ➱Noten besitzen.

Jede Aufnahme der Cellosuiten ist ein eigener Mikrokosmos. Eine Kathedrale von Tönen, die da vor uns aufgebaut wird. Manche Interpreten und Kritiker haben dem Werk einen sakralen Charakter zugeschrieben. Wenn ich sage, dass Musik meine Religion ist, dann sind diese sechs Solo-Suiten meine Bibel, hat Mischa Maisky gesagt. Die Cellosuiten sind häufig (wie Bach überhaupt) in die Nähe des Quasi-Religiösen gerückt worden. Und dann wird immer wieder erzählt, dass Bach als Barockkomponist nur soli deo gloria komponiert hat, ich kann's nicht mehr hören. Und dann sollen die sechs Suiten auch noch die sechs Schöpfungstage symbolisieren. Aber jedes Musikerlebnis kann ein metaphysisches Erlebnis sein, ob man nun an Gott glaubt oder nicht.

Schauen Sie doch mal eben in dieses ➱Video hinein. Gut, werden Sie sagen, sie muss noch ein bisschen üben (Casals spielte sein Leben lang täglich aus den Suiten). Doch die Magie der Töne springt immer über, es ist beinahe gleichgültig, wer das Cello spielt - selbst in dem ➱Mercedes Werbespot mit der quäkenden Stimme von Boris Becker setzt sich das Cello durch. Die junge Dame in dem Video heißt Anna Litvinenko, sie ist erst achtzehn, in ihrer Heimatstadt Miami spielt sie schon im ➱Symphonieorchester.

Sie möchte gerne eine zweite Jacqueline du Pré werden, aber wenn ich an deren trauriges Ende denke, wäre ich da lieber vorsichtig mit solchen Wünschen. Berühmte Cellistinnen hat es immer gegeben, deshalb gibt es da etwas weiter unten einmal ein Bild von Guilhermina Suggia, die jahrelang mit Pablo Casals zusammengelebt hat. Es ist von den englischen Maler Augustus John, dessen Tochter Amaryllis Fleming (Bild) auch eine berühmte Cellistin geworden ist. Amaryllis Fleming war übrigens die Schwester von ➱Ian Fleming, aber das ist eine andere Geschichte.

So nett ich den Teenie aus Miami finden möchte, die Inszenierung stört mich doch etwas. Man muss in dem Alter kein schulterfreies Abendkleid tragen. Es sei denn, man will so enden wie ➱Vanessa Mae oder dieses unbekannte ➱Modell. Seit Man Rays Photo und seit Laura Antonelli in Il Merle Maschio sind ja den sexuellen Phantasien, die das Cello auslösen kann, keine Grenzen gesetzt. Die junge Anna Litvinenko inszeniert sich mit dem YouTube Video, das Ganze ist Kalkül. Ihr Vater ist der erste Cellist des Symphoniorchesters, er wird sein kleines Wunderkind schon dressieren.

Ich würde kein Wort darüber verlieren, wenn der Teenie in Jeans und Rolli auftreten würde, aber so ist es doch etwas degoutant. Es ist die gleiche Chose, die ➱Graham Greene bei der Vermarktung von Shirley Temple beklagte. Wir leben offensichtlich in einer Zeit, wo man nur durch Inszenierungen etwas werden kann. Wenn zwei Tage nach dem Fall der Berliner Mauer Mstislaw Rostropowitsch sich am Checkpoint Charlie auf die Straße setzte und die Bach-Suiten gespielt hat, dann ist das sicher eine schöne Geste. Wahrscheinlich war es aber auch eine PR-Aktion. Hätte ein Berliner Straßenmusikant sich mit seinem Cello an die gleiche Stelle gesetzt, hätte es wohl kein solches Echo in der Weltpresse gegeben. Straßenmusikanten mit einem Cello, die halbwegs gut Bach spielen, bekommen übrigens von mir immer ein Geldstück.

Ich hätte, bevor ich dies alles schrieb, in The Classical Good CD&DVD Guide schauen können, der von der Redaktion des englischen Magazins Gramophone herausgegeben wird. Die Rezensenten von Gramophone (über die sich schon Glenn Gould in einer Parodie lustig machte) sind ja ebenso wie The Penguin Guide of Compact Discs häufig das letzte Wort in Sachen Schallplattenkritik. Und was sagen die zu Mischa Maisky und Yo-Yo Ma? Sie mögen die Aufnahmen auch nicht. Sie mögen auch Rostropowitsch nicht so besonders und empfehlen eher die Interpreten wie Pierre Fournier, die ich auch empfohlen habe. Da bin ich aber froh.

Und dann hätte ich noch eine kleine Überraschung, eine Aufnahme, die ich schon ein halbes Dutzend mal gekauft und verschenkt habe. Bei dieser Aufnahme der Cellosuiten heißt der Interpret Henk van Twillert. Was er da im Kasten neben sich hat, ist allerdings kein Cello, das ist ein Yamaha Bariton Saxophon. Klingt aber wirklich toll. Mit einem Fagott würde es natürlich auch gehen, wie dieses ➱Video zeigt. Und da ich gerade das Fagott erwähne, lesen Sie doch einmal das schöne Gedicht von Raynette Eitel mit dem Titel ➱Bassoon. Es hat ja immer wieder Versuche gegeben, die Cellosuiten auf anderen Instrumenten zu spielen. Zum Beispiel auf einer Bratsche.

Das bringt mich zum Schluss, damit das Ganze nicht zu abgehoben und highbrow wird, zu einem Bratscherwitz. Die Bratscher sind im Orchester nie so recht angesehen, es ist erstaunlich, wie viel Witze es über sie gibt. Das Internet ist voll davon, es gibt sogar einen Wikipedia Artikel über Bratscherwitze. Der wirklich blöde Bratscherwitz geht so: Ein Bratschist möchte gerne Bachs Cellosuiten studieren... Hier könnte der Witz schon aufhören, denn es gibt Orchestermusiker, die angesichts dieses ungeheuerlichen Verlangens schon lachen. Aber lesen Sie doch ➱hier weiter. Über Cellisten werden keine Witze gemacht.

Und ganz zum Schluss habe ich noch ein kleines Gedicht. Was zwar nicht von der Qualität der Lyrik von ➱Raynette Eitel ist, aber es ist für unser Thema schlichtweg wunderbar. Geschrieben wurde es im Jahre 2004 von einer Anonyma namens Zoe, ich habe es im ➱Hi-Fi Forum gefunden:

Habe nun ach mich durchgekauft,
durch alle Disks mich durchgerauft,
alle diese diapasons d'or gehört,
auf denen mehr oder weniger geröhrt,
am meisten wohl der Beschi,
der klingt dass man glaubt man hört einen Kontrabass, 

aufgeblasen, HIghestFI, nicht meine Rass,
dann der Rostropowitsch in Burgund, 

o hätt ich nur die Flaschen gekauft, so schön rund
anstatt der Silberlinge,
dann der Bylsma auf seinem vielgelobten Strad, 

O wär ich lieber an den Strand...
und Wispelwey etwas dry
dann der Fournier, er mittelschwer, 

viel Bass, den ich hass,
eleganter schon der Yo Yo MA, 

ganz gut für den Bach,
nur etwas flach,
Da sitz ich nun ich armer Tor
zieh ich doch den Casals vor,
(trotz aller Einwände)
und den hatte ich als erstes



post scriptum: Ein Leser beklagte, dass ich Maria Kliegel nicht erwähnt hätte. Das tut mir sehr leid. Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte. Kann ich das wieder gutmachen, wenn ich sage, dass ihre Aufnahme der Suiten 2003 bei Naxos (2 CDs) eine der wunderbarsten Aufnahmen überhaupt ist? Dass ich die Aufnahme von Victor Yoran besitze, habe ich überhaupt nicht gewusst, ich habe sie letztens beim Aufräumen gefunden. Kann man auch unbedingt empfehlen.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Erwin Chargaff


Du solltest mal Erwin Chargaff lesen, sagte mir Peter. Das ist Jahrzehnte her. Ich muss gestehen, ich wusste damals nicht, wer Erwin Chargaff war. Jetzt weiß ich es, ich habe mittlerweile beinahe alles von ihm gelesen. All diese schönen Ausgaben von Klett-Cotta, sie stehen alle nebeneinander im Regal. Die größere Hälfte von ihnen habe ich im Grabbelkasten gefunden. Klett-Cotta Titel landen immer im Grabbelkasten. Außer Ernst Jünger. Erwin Chargaff ist heute vor zehn Jahren gestorben. Ich nehme das einmal zum Anlass, den Rat meines Freundes an meine Leser weiterzugeben: Lesen Sie Erwin Chargaff!

Der Peter stand Erwin Chargaff vom Beruf her näher als ich, weil er Medizinprofessor war und weil Chargaff Biochemiker war. Ein Fach, von dem Literaturwissenschaftler wie ich ja wenig Ahnung haben. Da hatte C.P. Snow mit seiner These von den Two Cultures schon recht. Aber neben dem Biochemiker Chargaff, der eigentlich den Nobelpreis anstelle von Crick und Watson hätte kriegen müssen, gibt es noch einen zweiten Chargaff. Und das ist der Essayist Erwin Chargaff. Der Mann, der in den zwanziger Jahren alle Vorlesungen von Karl Kraus gehört hat, den er als seinen einzigen Lehrer bezeichnet hat. Der hat den Nobelpreis ja leider auch nicht bekommen, obgleich er mehrfach von seinen Freunden dafür vorgeschlagen wurde.

Zu Karl Kraus fällt mir gerade beim Schreiben ein, dass ich einmal (es war 1964 in Hannover) eine Karte für Die letzten Tage der Menschheit gekauft hatte. Wegen dem Qualtinger. Der Beethovensaal, in den beinahe achthundert Leute gehen, war so gut wie leer. Dreizehn Leute habe ich gezählt, die sich quer über den leeren Saal verteilten. Und dann kam Helmut Qualtinger. Blickte einmal durch den Saal. Wenn ich Qualtinger gewesen wäre, wäre ich jetzt wieder gegangen. Aber der Qualtinger lässt sich die Enttäuschung über die geringe Zuschauerzahl mit keiner Miene anmerken, er bittet die Zuschauer im schönsten Wienerisch, dass wir uns doch um ihn herum in die erste Reihe setzen möchten, san’s kommod. Setzt sich dann auf die Bühnenkante, zum Greifen nahe und rezitiert das ganze Stück von Karl Kraus, ganz privat und ohne den Text zu konsultieren. Das war cool. Ich werde das nie vergessen. Immer wenn ich den Namen Karl Kraus höre, muss ich an diesen Abend im Bethovensaal denken.

Die letzten Tage der Menschheit ist ein Titel, der von Erwin Chargaff sein könnte. Versuchsstation des Weltuntergangs hat er immerhin schon als Titel eines Kapitels in Das Feuer des Heraklit verwendet. Er ist mit den Jahren immer düsterer und desillusionierter geworden. Der Mann, der die Formel für die DNA Struktur entdeckte, wurde immer desillusionierter von dem Weg, den die Wissenschaft genommen hat. Den Satz von Kierkegaard, Alles Verderben wird zuletzt von den Wissenschaften ausgehen, hat er genüsslich zitiert. Wahrscheinlich war das Schreiben für ihn ein Ausweg, um nicht in tiefste Depressionen zu verfallen. Und wo fand der Mann, der nach dem Tod seiner Frau aufgehört hatte zu schreiben, seinen Trost?

Bei Michel de Montaigne: Ich lese gerade, zum fünften Mal, die 'Essais' von Montaigne, das sind über tausend Seiten. Was er vor vierhundert Jahren schrieb, daran hat sich nichts geändert: Wie verblendet die Menschheit ist. Er sagt, der Mensch soll ruhig leben, sich nicht zu viele Gedanken machen. Und er soll von den Tieren, den glücklichsten Lebewesen, lernen: Die übertreiben nichts, sondern tun nur, was notwendig ist. Und der Mensch soll auch Angst und Krankheit akzeptieren. Denn Menschen, die nie Trauer empfunden haben, sind keine Menschen. Ich bin sehr gegen die Abschaffung des menschlichen Schicksals. Schicksal gehört zum Menschsein, das kann man nicht besiegen durch den Arztbesuch, durch Medikamente.

Chargaff ist nicht nur ein Wissenschaftler, er ist auch ein glänzender Essayist. Ein legitimer Erbe von Karl Kraus. Manchmal sind es nur Nebenbemerkungen wie ein Satzanfang Die tiefsinnige deutsche Sprache - sie verfällt immer mehr in Tiefsinn, wie ihre Sprecher leerer werden, und bald wird man sie überhaupt nicht mehr hören - also die hinterhältige deutsche Sprache... Und dieser hinterhältigen Sprache weiß er sich zu bedienen. Auch als er aufgehört hatte zu schreiben, war er noch überall zu lesen. Und er wird immer zu lesen sein und immer lesenswert sein, auch wenn Leute es vorziehen, statt Erwin Chargaff diesen Richard David Precht zu lesen. Ich habe im Internet das Interview wieder gelesen, das der Stern ein Jahr vor Chargaffs Tod mit ihm geführt hatte. Es war mir, als hätte ich das gestern gelesen, ich habe nichts davon vergessen, es ist sowieso erstaunlich, wie viel von Chargaff bei mir hängengeblieben ist. Von Das Feuer des Heraklit, das man als eine Art Autobiographie nehmen kann, bis zu dem Kapitel über die späten Gedichte von Hölderlin in Zeugenschaft.

Glücklicherweise kann man noch alle seine Bücher antiquarisch finden, viele sogar sehr preiswert. Ich wiederhole mich jetzt, wenn ich sage Lesen Sie Erwin Chargaff! Aber da wiederhole ich mich gerne, man kann es gar nicht häufig genug sagen.

Dienstag, 19. Juni 2012

Günstlinge


"My father is deceas'd. Come, Gaveston,
And share the kingdom with thy dearest friend."
Ah, words that make me surfeit with delight!
What greater bliss can hap to Gaveston
Than live and be the favourite of a king!
Sweet prince, I come! these, thy amorous lines
Might have enforc'd me to have swum from France,
And, like Leander, gasp'd upon the sand,
So thou wouldst smile, and take me in thine arms.
The sight of London to my exil'd eyes
Is as Elysium to a new-come soul:
Not that I love the city or the men,
But that it harbours him I hold so dear,—
The king, upon whose bosom let me lie,
And with the world be still at enmity.
What need the arctic people love star-light,
To whom the sun shines both by day and night?
Farewell base stooping to the lordly peers!
My knee shall bow to none but to the king.
As for the multitude, that are but sparks,
Rak'd up in embers of their poverty,—
Tanti,—I'll fawn first on the wind,
That glanceth at my lips, and flieth away.


Der hier den Brief des englischen Königs liest, heißt Piers Gaveston. König Edward II wird seinen Günstling zum Earl of Cornwall machen. Angeblich sind die beiden schwul. Behauptet auf jeden Fall Christopher Marlowe in seinem Theaterstück Edward the Second, aus dem die obigen Zeilen sind. Und natürlich auch dieser viktorianische Produzent von Hochglanzkitsch, ein Maler namens Marcus Stone. Die meisten Historiker glauben nicht so recht an diese Geschichte.

Piers Gaveston wurde heute vor 800 Jahren hingerichtet, er war keine dreißig Jahre alt. Sein Nachfolger als Günstling des Königs war ein  gewisser ➱Hugh Despenser, dessen Leben für ein Dutzend Hollywoodfilme ausreichen würde. Mindestens. Auch er wird eines Tages hingerichtet. Gevierteilt, geköpft und aufgehängt, ich weiß nicht in welcher Reihenfolge. Es ist gefährlich in dieser Zeit ein Günstling des Königs zu sein. Es geht sowieso sehr wenig aristokratisch und zivilisiert zu im England dieser Zeit. Ein Jahr nach Hugh Despenser kommt auch der gerade abgesetzte König Edward II unter ungeklärten Umständen zu Tode.

Sein Sohn Edward III (der Vater der ➱schwarzen Prinzen) wird das Chaos aufräumen, das ihm sein Vater hinterlassen hat. Er wird dafür sorgen, dass der Geliebte seiner Mutter ➱Roger Mortimer (der die Macht in England an sich gerissen und wahrscheinlich den Mordbefehl für Edward II gegeben hatte) zu Tode kommt. Seine Mutter ➱Isabella verschont er. Hätte er vielleicht besser neben Roger Mortimer an den Galgen hängen lassen sollen. Ihren Spitznamen die Wölfin von Frankreich hat sie sich redlich verdient. Edward III wird seinem armen Vater in der Kathedrale von Gloucester ein großartiges Grabmal bauen lassen.

I greatly lament that I have utterly failed my people, but I could not be other than I am, soll Edward II bei seiner erzwungenen Abdankung gesagt haben. Aber so ganz verbürgt ist das auch nicht. Ebensowenig wie die Autorenschaft an dem Gedicht De Le Roi Edward, le Fiz Roi Edward, Le Chanson Qe Il Fist Mesmes, obgleich da im Titel steht, dass er es selbst geschrieben hat (qe il fist mesmes). Es ist als Lament of Edward II bekannt geworden - sollte aber auf keinen Fall mit ➱Edward's Lament verwechselt werden:

En temps de iver me survynt damage.
Fortune trop m'ad traversé:
Eure m'est faili tut mon age.
Bien sovent l(e)ay esprové:
Pener me funt cruelement —
E duint qe bien l'ai deservi.
Lour fausse fai en parlement
De haut en bas me descendi.

Das geht jetzt noch 15 Strophen lang weiter, wenn Sie wollen, können Sie es ➱hier lesen. Edward II ist heute nicht ganz vergessen, es gibt einen ➱Blog, in dem wir lesen können: Edward is one of England's most maligned kings, and I'm trying to salvage his reputation here and correct some of the misconceptions about him...while remaining as fair and objective as possible! Wofür Blogger nicht alles gut sind.

Montag, 18. Juni 2012

La Belle-Alliance


Viel mehr war da wohl nicht, ein Gehöft an der Straße von Brüssel nach Genappe, das den Namen La Belle-Alliance hat. Nach der Schlacht vom 18. Juni 1815 waren eine Vielzahl von Künstlern unterwegs, um das Haus abzubilden, das plötzlich berühmt geworden war. Ursprünglich ein Gehöft, war es irgendwann eine kleine Kneipe geworden, die am Sonntagmorgen ihren berühmtesten Gast im Schankraum hatte. Einen gewissen Napoleon Bonaparte. Der hat nämlich angeblich hier übernachtet und morgens um acht mit einigen seiner Generäle gefrühstückt. Wenigstens war es hier trocken, es hat die ganze Nacht geregnet. Der Rest seiner Armee ist klitschnass, seine Gegner natürlich auch. Aber ist Napoleon wirklich hier gewesen? In seinen Memoiren, die er im Exil von St Helena diktiert, spricht er davon, dass er das Frühstück um acht Uhr in seinem Zelt eingenommen hat.

So schön diese Geschichte ist, mit der der Feldherr betont, dass er das einfache Leben seiner Soldaten teilt, sie ist leider nicht wahr. Ebenso wenig wie die Geschichte mit dem Hauptquartier Napoleons im Gasthaus Belle-Alliance. Napoleon war in der Nacht hier, in dem Gehöft von Le Caillou. Das Haus ist heute ein ➱Museum, man hat es wieder aufgebaut, weil die Preußen es nach der Schlacht von Waterloo abgefackelt hatten. Das war natürlich eine symbolische Handlung. La Belle-Alliance wurde nicht angezündet.

Auf dieser farbigen Aquatintaradierung von Joseph Constantine Stadler (der für den berühmten ➱Ackermann arbeitete), die eine Woche nach der Schlacht entstanden sein soll, ist man immer noch dabei, die Toten zu beerdigen. Dennoch hat die ganze Szene etwas romantisch Pittoreskes, wie es der Engländer liebt. Das Bild oben ist (einschließlich der Löcher im Dach) viel ernüchternder. Jedoch kann man auf dem Bild nicht diesen kleinen Höhenrücken erkennen, der Wellington am Vortag darüber nachsinnen ließ, ob er hier sein Hauptquartier aufschlagen sollte. Allerdings hatte sein Generalquartiermeister Colonel DeLancey sich gegen La Belle-Alliance entschieden und war anderthalb Kilometer weiter nach Norden geritten. Wellington, gerade auf dem Rückmarsch von Quatre-Bras, guckt sich die Gegend noch einmal an und gibt dann den Plan auf, die Schlacht hier zu schlagen. Die nächste Hügelkette ist genau so gut. Soll Napoleon Belle-Alliance haben.

Am gleichen Morgen um zehn Uhr schickt der Marschall Blücher aus Wavre einen Brief an Wellington (genau genommen an den General von Müffling, den preußischen Verbindungsoffizier in Wellingtons Stab): E.H. ersuche ich namens meiner dem Herzog Wellington zu sagen, daß, so krank ich auch bin, ich mich dennoch an die Spitze meiner Truppen stellen werde, um den rechten Flügel des Feindes sogleich anzugreifen als Napoleon etwas gegen den Herzog unternimmt. Er glaubt zwar nicht ganz, dass Napoleon wirklich an diesem Sonntagmorgen die Schlacht sucht, marschiert aber sicherheitshalber schon einmal los. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er die Schlacht von Wavre zwei Tage zuvor gerade mal eben überlebt hat. Aber er kann nicht ruhen, sein sporadisch auftauchendes Irresein hat ihn wieder einmal ergriffen, er glaubt, dass der Boden unter seinen Füßen siedendheiß ist.

Knapp 20 Kilometer südlich von Wavre ist der Marschall Grouchy dabei, ein verspätetes Frühstück einzunehmen. Es werden leckere Erdbeeren mit Sahne serviert, dazu gibt es Champagner. Er hört den Kanonendonner in der Ferne, die Schlacht von Waterloo hat begonnen. General Gérard fordert ihn auf, sofort in Richtung des Kanonendonners zu marschieren, aber Grouchy (hier auf einem Jugendbild) hat jetzt erst einmal die Erdbeeren im Kopf. Und das eine Wort, das er aus den widersprüchlichen Befehlen seines Kaisers herausgehört hat. Und das heißt Wavre, da will er hin. Er soll Blücher vernichten. Doch als er endlich Wavre erreicht, ist da nur noch der General Thielmann mit der Nachhut, Blücher ist längst auf dem Schlachtfeld von Waterloo.

Oder Belle-Alliance. So soll die Schlacht heißen, sagt Blücher. Da haben sich Wellington und Blücher auch in der Nacht getroffen. Wie auf diesem rührend naiven Bild im National Army Museum. Das Wirtshaus hat plötzlich drei Schornsteine bekommen, so viele waren es bei Stadler nicht. Aber immerhin hat der Maler die Sache mit dem Mond richtig hinbekommen, Vollmond ist am 21. Juni. Auf dem Bild von dem sagenumwobenen Treffen zwischen Blücher und Wellington von ➱Daniel Maclisle für das House of Parliament (14 Meter mal 3,70) ist von La Belle-Alliance kaum noch etwas übrig, so verändern die Maler die Wirklichkeit.

Aber hat das Treffen wirklich vor dem Wirtshaus von La Belle-Alliance stattgefunden? Es gibt Historiker, die das bezweifeln und das Treffen auf die Straße zwischen Ronsomme (Napoleons letztem Hauptquartier) und Belle-Alliance verlegen. Auf dieser von dem Schützenkönig Friedrich Wilhelm Tschirner 1815 gestifteten ➱Schützenscheibe knutscht Wellington in roter Uniform (er trug einen blaue!) gerade Blücher ab. Wir wissen, das kann nicht sein. Ein reservierter Engländer wie Wellington knutscht nicht. Blücher umarmt in diesen Tagen häufig. Am Vortag bekommt das Sir Henry Hardinge leidvoll zu spüren. Blücher umarmt ihn mit den Worten Mein lieber Freund, obwohl Hardinge gerade der halbe Arm amputiert wurde. Blücher fügt dann noch den Satz Ich stinke etwas hinzu. Sein Arzt hat ihn mit einem Gemisch von Branntwein, Gin, Rhabarber und Knoblauch eingerieben, um die Blutergüsse zu bekämpfen, die er sich zugezogen hatte, als nach dem Sturz sein Pferd auf ihn gefallen war.

Wellington möchte die Schlacht lieber nach seinem Hauptquartier Waterloo nennen. In Preußen wird sie noch lange die Schlacht von Belle-Alliance heißen. Blücher fand den Namen so schön symbolisch, eine belle alliance zwischen England und Preußen. Ein Jahr nach der Schlacht erscheint Walter Scotts Paul's Letters to his Kinsfolk. Und da können wir eine ganz andere Bedeutung des Namens finden:

The march and advance of the Prussians crossed the van of the British army, after they had attacked the French position, about the farm-house of La Belle Alliance, and there, or near to that spot, the Duke of Wellington and Prince-Marshal Blucher, met to congratulate each other upon their joint success and its important consequences. The hamlet; which is said to have taken its name from a little circumstance of village scandal, came to bear an unexpected and extraordinary coincidence with the situation of the combined armies, which inclines many foreigners even now to give the fight the name of the Battle of La Belle Alliance. Here, too, the victorious allies, of both countries exchanged military greeting,— the Prussians halting their regimental band to play 'God save the King' while the British returned the complimient with three cheers to the honour of Prussia.

Hinter village scandal gibt es ein Zeichen für eine Anmerkung(*), und diese lautet: A woman who resided here, after marrying two husbands in her own station of creditable yeomanry, chose to unite herself, upon her becoming a second time a widow, to her own hind or ploughman; and the name of La Belle Alliance was bestowed on her place of residence in ridicule of this match. Belle-Alliance ist also ironisch gemeint, ist eine Mesalliance. Wenn das der Blücher gewusst hätte, hätte er vielleicht nicht auf dem Namen bestanden. Muss die Geschichte umgeschrieben werden? Der französische Wikipédia Artikel zu ➱La Belle-Allliance ist zwar sehr informativ, wirft aber leider mehr Fragen auf als er beantwortet. Dieser Post auch. Das Haus, das ➱La Belle-Alliance heißt, steht immer noch. Es hat aber seit dreißig Jahren den Namen Le Rétro und ist eine Disco, Einlass ab 22 Uhr.

Waterloo in diesem Blog:➱Waterloo, ➱Stendhal, ➱Briefe, ➱Sigrid Combüchen. ➱Regenschirme

Sonntag, 17. Juni 2012

Wundliegen


Die einen laufen sich einen Wolf wie Podolski (hat man aber nicht gemerkt), die anderen liegen sich wund. Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wundliegt und mal gewendet werden muss. Herrlich solche Sätze! Ein wenig Würze für ein langweiliges Spiel. Da hilft doch Dr. Scholls Wundpflaster sofort. Fußball ist nicht mehr das, was er mal war. Aber die Sprüche bleiben. Also jetzt nicht diese Sprüche, für die ein Reporter sofort einen Euro in das Phrasenschwein der Redaktion zahlen muss. Manche Sprüche haben auch eine doppelte Bedeutung, wie zum Beispiel Müller zu Lahm. Manche machen Geschichte wie Schalke 05 von Carmen Thomas, ich glaube, dass man das mit dem Wundliegen auch noch lange zitieren wird. Ich mag den Gomez sowieso nicht.

Ich möchte heute einmal kurz an ein Fußballspiel erinnern, das vor 42 Jahren im Aztekenstadion in Mexiko stattfand. Es hat den Namen Jahrhundertspiel bekommen. Da sah die Welt des Fußballs noch etwas anders aus. Da gab es noch keine Rauten und Viererketten, da wurde noch 2-3-5 gespielt, wie der Fußballgott das angeordnet hatte. Für mich war die Welt des Fußballs auch noch greifbarer, weil ich damals noch jede Woche in einer Unimannschaft Fußball spielte. Wunderbare Sprüche von Reportern gab es damals aber auch schon. Ernst Hubertys Spruch: ausgerechnet Schnellinger! beim 1:1 Ausgleich ist auch berühmt geworden. Er meinte damit nicht, dass sich Schnellinger vorher wundgelegen hatte, nein Schnellinger spielte in Italien und schoss jetzt gegen Italien sein einziges Länderspieltor. Schnellinger war einer der ersten deutschen Profis, die im Ausland spielten. ➱Fiffi Gerritzen von Preußen Münster und Uwe Seeler hatten Angebote aus dem Ausland abgelehnt und blieben bei ihren Vereinen.

Und dann war da noch der unübertroffene Radiosprecher Kurt Brumme. Der im Radio über die Versuche der Italiener, die 1:0-Führung durch ihren Star Boninsegna durch Verzögerungen über die Zeit zu schleppen, sagte: Mein Gott, ist das ein Fußballspiel hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder. Unglücklicherweise schoss der scheintote Burgnich (auf dem Bild oben rechts) in der 98. Minute das 2:2 Ausgleichstor. Brumme hat einmal über seine Tätigkeit gesagt: Ein Hörfunkreporter muss Stimme haben. Er muss einen Wortschatz haben und Talent zum Schildern haben. Er muss eine schnelle Auffassungsgabe haben und das sehr schnell und präzise, bunt und verständlich und korrekt. Er muss unparteiisch und objektiv wiedergeben können. Die Emotion können sie nicht rauslassen, wenn ein Tor fällt, dann schlägt Ihnen das Herz ein bisschen höher, das ist eben das Salz in der Suppe, wenn wir über Fußball sprechen.

Das kriegen Hörfunkreporter wie Brumme und Werner Hansch hin, aber auf der anderen Seite haben wir beim Fernsehen unerträgliche Schnarchnasen wie Heribert Faßbender, den Kerner, diese Müller-Hohenstein und jetzt diesen nerd Opdenhövel. Da sehnt man sich noch nach dem Duo Delling und Netzer zurück. Aus dem Jahrhundertspiel in Mexiko, das Deutschland in der Verlängerung mit 3:4 verlor, kann man hier einen kleinen ➱Teil sehen.

Und heute? Heute drückt Jay mal den Außenseitern den Daumen. Nicht den Jungens von ➱Jogi Löw sondern den Dänen. Ich habe schon die große Streichholzschachtel von Tordenskjold hervorgeholt. Knallrot. Auf der Rückseite steht: We are red, we are white, we are Danish Dynamite. Damit habe ich mir eben die Pfeife angezündet, dann muss das für die Dänen einfach klappen. Hat ja 1986 in Mexiko auch geklappt, da war der heutige Trainer von Dänemark noch Kapitän der dänischen Nationalmannschaft. Und wer war damals der Trainer? Kein anderer als Sepp Piontek, der vorher bei Werder Bremen war. Da muss man als Buten-Bremer ja für die Dänen sein. Und wer hat die Griechen damals zur Europameisterschaft geführt? Natürlich jemand, der nur mit Werder Bremen assoziiert wird. Die Griechen spielen ja noch heute mit dem Rehakles-Konzept. Ach, wäre das schön, wenn die deutsche Nationalmannschaft Otto Rehagel zum Trainer hätte.

Für die Engländer bin ich natürlich auch. Haben Sie gesehen, dass die mit Joe Hart wieder einen richtig guten Torwart haben? Gute Torwarte kannte man in England ja schon gar nicht mehr. Wird schon mit Peter Shilton verglichen, Sportjournalisten sind mit solchen Vergleichen ja schnell bei der Hand. Wie Scholl mit dem Wundliegen. Da hat er was angerichtet. Ich hör' jetzt mal lieber auf, sonst sage ich noch was gegen Gomez. Oder schreibe seitenlang über Torwarte. Ich lass das lieber und verweise auf die Posts ➱silvae: Goalies und ➱silvae: Bert Trautmann. Und auf das schöne Zitat von Tom Stoppard (aus Professional Foul, dem philosophischsten Theaterstück über den Fußball): Maybe Napoleon was wrong when he said we were a nation of shopkeepers. Today England looked like a nation of goalkeepers...

Und wenn Ihnen der ganze moderne Fußball zu langweilig geworden ist, dann schauen Sie doch mal eben in den Film ➱Fimpen von Bo Widerberg hinein. Oder lesen Sie einen schönen alten Post über das Spiel mit dem fote-ball wie zum Beispiel:

➱silvae: Belfast Boy
➱silvae: Hannover 96
➱silvae: Uns Uwe
➱silvae: Fußballpoesie

Samstag, 16. Juni 2012

John Peter Russell


Das ist der Maler Vincent van Gogh, gemalt von seinem australischen Kollegen John Peter Russell. Vincent van Gogh schätzte den Maler (der heute vor 154 Jahren geboren wurde) sehr. Auch andere Maler wie Matisse und Monet bewunderten ihn. Irgendwann hat ihn jemand als the lost Impressionist bezeichnet. In John Rewalds Standardwerk History of Impressionism wird er erstaunlicherweise nicht erwähnt. Russell hatte es (wie ➱Gustave Caillebotte) nicht nötig, sein Geld als Maler zu verdienen, er besaß ein großes Vermögen. Mit Caillebotte hat er noch etwas gemein, er liebte Segelboote und das Segeln. Nach dem Tod seiner Frau Marianna Antoinetta Mattiocco, die das Modell von Rodin gewesen war, hat Russell den größten Teil seiner Bilder vernichtet und ist zuerst Neuseeland und dann nach Australien gezogen.

Obgleich er bei seinen Malerkollegen in Frankreich beliebt war, ist er nach seinem Tod völlig in Vergessenheit geraten. Was auch daran liegen mag, dass er seine Bilder kaum auf Ausstellungen geschickt hat - und eben mehr als vierhundert Ölbilder und Aquarelle zerstört hat. Man weiß auch nicht, ob seine Sammlung von Impressionisten geblieben ist. Seine Tochter hat dem Louvre nach seinem Tod einundzwanzig Bilder geschenkt.

Anlässlich dieses Portraits des jungen amerikanischen Malers Dodge MacKnight schrieb van Gogh an Russell: You know I thought and think such a great deal of those [works] of yours. I don’t gainsay that your portraits are more serious and higher art, but I think it meritory in you and a rare quality that together with such perfection as appeared to me in the Fabian and Macknight portraits you are at the same time able to give a scherzo, the adagio con espressione, the gay note, in one word together with more manly conceptions of a higher order. And so I heartily hope that you will continue to give us simultaneously both the serious and elaborate works and those aforesaid scherzos. Let them say if they like that you are not always serious or that you have done work of a lighter sort – so much the worse for the critics and the better for you.

Das Portrait von Dodge MacKnight ist vor fünf Jahren für 228.000 Dollar verkauft worden. Noch nie hatte ein Bild von Russell so viel bei einer Auktion erbracht. Für das, was die Sammler heute für einen van Gogh bezahlen, könnte man wahrscheinlich all die irgendwo noch verstreuten Bilder von Russell aufkaufen. Your works will live, I am certain. One day you will be placed on the same level with our friends Monet, Renior, and Van Gogh, hatte ihm Rodin einst geschrieben. Ist das für den lost Impressionist wahr geworden? Bei den Marktpreisen auf jeden Fall nicht.

Das mit der Entwicklung der Preise ist eine absurde Sache. Ich ärgere mich über manches, was ich vor dreißig, vierzig Jahren nicht gekauft habe. Die Zeichnung von Leonard Baskin, für den ich mal schwärmte. Der Piranesi, der eigentlich wirklich billig war - aber ich konnte den widerlichen Händler nicht ausstehen. Das tolle dänische Bild mit dem roten Haus in einer Verkaufsausstellung dänischer Künstler. Und und und. Aber all die Bilder, die ich nicht gekauft habe, habe ich noch photographiert im Kopf.

Das hier ist kein John Peter Russell. Das Bild habe ich gerade bei Ebay ersteigert. Ist von einem schwedischen Maler und hat mich einen Hunni gekostet. Aber es gefällt mir, weil es so sommerlich lichtdurchflutet ist. Der Künstler soll sogar, versicherte mir der Händler, in Schweden ein bekannter Maler gewesen und in mehreren schwedischen Museen vertreten sein. So etwas interessiert mich nun überhaupt nicht. Meine schönsten Bilder sind von unbekannten Künstlern. Und das da unten (inzwischen im Internet verloren gegangen) fand ich auch sehr schön, eine dänische Hafenlandschaft, ein wunderbares Licht. Und hervorragend gemalte Kühe. Nicht ganz ➱Thomas Herbst aber immerhin. Aber das Bild bleibt leider nicht bei mir, das kriegt Heike heute zum Geburtstag.

Freitag, 15. Juni 2012

Black Prince


Als ich noch klein war, habe ich alle möglichen Rittergeschichten gelesen. Noch bevor ich den ersten Prinz Eisenherz Comic in die Hand bekam. Es war mir egal, ob da Gunter, Giselher, Hagen von Tronje oder Ritter mit seltsamen Namen wie Galahad, Mordred oder Ywein drin vorkamen. Es waren die Ritter, Räuber- und Gespenstergeschichten, vor denen Goethe die Amerikaner warnte. Sie spielten in einem Niemandsland irgendwo zwischen dem Niederrhein und Irland, es war eigentlich egal wo. Aber es gab immer viel Wald, der mit Drachen und Feen, die meistens Morgan le Fay hießen, bevölkert war. Und immer wieder Ritter mit einem Zauberschwert, die ihre Rüstung anlegten, aufs Pferd stiegen und in den Wald hineinritten. Schöne Frauen kamen da auch drin vor, aber die interessierten mich damals noch nicht so sehr.

Eines Tages las ich in einem bebilderten Geschichtsbuch, dass es in England einmal einen schwarzen Prinzen gegeben hätte, das war ungewöhnlich. Parzivals Halbbruder Feirefiz war halb schwarz und halb weiß. Das war auch schwer vorstellbar (auch für mittelalterliche Illustratoren, die ihn gemeinhin als gefleckt darstellten), aber wie stellt man sich einen schwarzen Prinzen vor? So wie die amerikanischen Besatzungssoldaten, die weiße Helme trugen, auf denen MP stand? Das waren die einzigen Schwarzen, die ich bisher gesehen hatte. Die Sache mit dem schwarzen Prinzen, der Edward heißt und Prinz von Wales, Herzog von Cornwall und Prinz von Aquitanien war, blieb mir immer ein Rätsel. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass niemand so recht weiß, warum er der schwarze Prinz genannt wurde. Das ist sehr beruhigend. Es muss noch Geheimnisse geben.

Er war William Shakespeare kein Theaterstück wert, sein Sohn Richard II allerdings schon. In Richard II wird er einmal erwähnt als the Black Prince, that young Mars of men. Und in Henry V bekommt er einige Zeilen mehr, wenn der König von Frankreich über ihn sagt:

And he is bred out of that bloody strain 
That haunted us in our familiar paths:
Witness our too much memorable shame
When Cressy battle fatally was struck,
And all our princes captiv'd by the hand
Of that black name, Edward, Black Prince of Wales;

Er kommt über Frankreich wie die schwarze Pest und schlägt die Franzosen in allen Schlachten. Das mit der schwarzen Pest stimmt übrigens, sie sucht Frankreich zur gleichen Zeit heim wie der schwarze Prinz. Wir sind im Hunderjährigen Krieg, es geht um die Vormachtstellung in Europa. Und Edwards Vater hat als Plantagenet Ansprüche auf den französischen Thron (deshalb sind auch die Lilien auf dem englischen Wappen). Dass sich englische Könige nicht mehr King of France nennen, endet erst mit der Französischen Revolution. Genau genommen 1807, wenn der letzte Stuart Pretender Henry Benedict Stuart stirbt. Der unterschrieb bis zu seinem Tode mit King of England, Scotland, France and Ireland. Irgendwie absurd.

Der erste, der Edward of Woodstock nach seinem Tod in die Literatur schreibt, ist jemand, der gemeinhin als Chandos Herald bezeichnet wird. Wir kennen seinen Namen nicht, wir wissen nur, dass er ein Herold von Sir John Chandos war, einem der engsten Freunde des schwarzen Prinzen. Ein Hofbeamter, der wohl aus dem Hennegau stammte und das Gedicht auf Französisch schreibt (Mittel-Französisch, um genau zu sein). Das sieht dann so aus:

Ore veu home du temps jadys
Que ceux qui faisoient beaux ditys.
Estoient tenu pur aucteur.
Ou pur ascune amenceueur
De moustrer les bons conissance
Pur prendre en lour coers remembrance


Wenn man Französisch kann und sich den Text scharf anguckt, dann kann man das erstaunlicherweise lesen, es ist das gleiche Französisch, das Montaigne schreibt. Aber ich zitiere den Anfang von ➱La Vie du Prince Noir mal eben in einer englischen Prosaübersetzung:

In times of yore it was seen that they who fashioned fair poems were in sooth esteemed as authors or in some sort recorders to show knowledge of the good, in order to draw remembrance of good from their hearts and to receive honour. But it is said, and truly, that there is naught that does not dry up, and that there is no tree that does not wither, excepting one only, the tree of life: and this tree, moreover, buds and flowers in this life in all parts. On this I will dwell no longer, for although such writers are held of no account, and a chatterer, a liar, a juggler, or a buffoon who, to raise a laugh, would grimace and make antics, is more esteemed than one who had skill to indite — for, without gainsaying, such a one is ill received at court nowadays — but albeit they who set forth the good are held in no estimation, yet ought men not to refrain from making and remembering fair poems — all such as have skill thereto; rather they should enter them in a book, that after their death true records may be kept; for to relate the good is verily alms and charity, for good was never lost without return at some time. Wherefore, incited by my desire, I wish to set my intent on making and recording fair poems of present and past times.

Es ist eine kleine Dichtungstheorie und gleichzeitig eine Abrechnung mit der schriftstellerischen Konkurrenz, die uns hier geliefert wird, bei der es darum geht beaux ditys zu schreiben. Und dann kommt unser Höfling doch zur Sache: Now it is high time to begin my matter and address myself to the purpose which I am minded to fulfil. Now, may God let me attain to it, for I wish to set my intent on writing and recording the life of the most valiant prince of this world, throughout its compass, that ever was since the days of Claris, Julius Caesar, or Arthur, as you shall hear, if so be that you listen with good will: it is of a noble Prince of Aquitaine, who was son of the noble and valorous King Edwards and of Queen Philippa, who was the perfect root of all honour and nobleness, of wisdom, valour, and bounty.

Die Historiker haben sich wenig um den ➱schwarzen Prinzen gekümmert (obgleich er in der populären Kultur immer weitergelebt hat, bis in die Welt des Films und des Computerspiels), aber mit dem most valiant prince of this world und dem perfect root of all honour and nobleness, of wisdom, valour, and bounty wären sie wohl nicht einverstanden. Von einer Zierde für das Rittertum redet da niemand, er ist nicht jemand wie Guillaume le Maréchal oder ➱Pierre de Terrail. Er ist eher einer der vielen mittelalterlichen Schlagetots, der auch Frauen und Kinder nicht verschont. Für sein Leben nach dem Tod hat er Vorsorge getroffen, sein ➱Grabmal in der Canterbury Cathedral hatte er rechtzeitig in Auftrag gegeben. Der hier so nett lächelnde junge Mann ist James Purefoy, er war gestern schon mal hier im Blog, da spielte er Beau Brummell. In diesem Film (A Knight's Tale) ist er Edward. Und ein netter Edward noch dazu, hat nichts mit dem historischen schwarzen Prinzen zu tun. Und so lebt er irgendwie immer weiter, ich habe ihn auch in irgendeinem dieser Diskussionsforen, wo die Blinden von der Farbe reden, gefunden. Da steht schlicht: Hallo! Ich finde, der Schwarze Prinz gilt als eine faszinierende Persönlichkeit, die zumindest eine hätte werden können, wenn er nicht krank geworden wäre.

Edward Plantaganet, ein Prince of Wales, der nicht König wurde, wurde heute vor 682 Jahren geboren. Was ihn überdauert hat, ist der Hosenbandorden, den er gestiftet hat. Und sein Grabmal in der Kathedrale von Canterbury. Die Viktorianer mit ihrer morbiden Faszination für die Farbe ➱Schwarz haben den Fürsten schwarz angemalt, sodass man ein Jahrhundert glaubte, er sei wirklich schwarz. Aber dann hat man eines Tages die Farbe abgekratzt, jetzt liegt er da in vergoldeter Bronze.

Such as thou art, sometime was I.
Such as I am, such shalt thou be.
I thought little on th'our of Death
So long as I enjoyed breath.
But now a wretched captive am I,
Deep in the ground, lo here I lie.
My beauty great, is all quite gone,
My flesh is wasted to the bone.