Dienstag, 22. Oktober 2013

Catherine Deneuve


   saison qui chante saison rapide je commence:
Beginnings are hard. Sappho put it simply. Speaking of a young girl Sappho said, You burn me. Deneuve usually begins with herself and a girl together in a hotel room. This is mental. Meanwhile the body persists. Sweater buttoned almost to the neck, she sits at the head of the seminar table expounding aspects of Athenian monetary reform. It was Solon who introduced into Athens a coinage which had a forced currency. Citizens had to accept issues called drachmas, didrachmas, obols, etc. although these did not contain silver of that value. Token coinages. Money that lies about itself. Seminar students are writing everything down carefully, one is asleep, Deneuve continues to talk about money and surfaces. Little blues, little whites, little hotel taffetas. This is mental. Bell rings to mark the end of class. He has a foreskin but for fear of wearing it out he uses another man's when he copulates, is what Solon's enemies liked to say of him, Deneuve concludes. Fiscal metaphor. She buttons her top button and the seminar is over.

Jours: If you asked her Deneuve would say Take these days away and pour them out on the ground in another country. Parts: Seminar meets MonWedFri. Parts of time fall on her and snow wanders slowly through the other afternoons. Deneuve sits in her office looking at the word irony on a page. Half-burnt. You have to wonder. Sappho, Sokrates, is it all mental? These people seem bathed in goodness, yet here come the beautiful dangerous white rapids beating onto them. Knife of boy. Knife of girl. Knife of the little knower. Where is the ironic work that picks threads back from that surface into another design underneath, holding rapids in place? Evening fills the room. Deneuve buttons her coat and closes the office door behind her. 

Staircase is dim and filthy, small dirty deposits on each step. She heads for the Metro. What would Sokrates say. Name the parts. Define each name. Deneuve is turning names and parts over in her mind when she realizes she has ridden the train four stops in the wrong direction. Climbs back up from the platform, stairs are filthy here too, must be a punishment. Hip slams hard into the metal arm of the turnstile. Red sign pasted on it says NO EXIT. Sound is far away. All around her strange lamps burn brightly and human tongues press the night.

Weekends: Weekends are long and white. Snow drifts against the door. Distant threads from the piano downstairs. Deneuve washes her glassware. Dries it. Hours slide. In the hotel room it is dusk, a girl turns, I have to confess something. This is mental. Two parallel red lines of different lengths inch forward, not touching. Catherine Deneuve wird heute siebzig, es ist kaum zu glauben. Was kann man da sagen als Chère Catherine, aujourd’hui est ton anniversaire, je n’ai pas de choses extraordinaires a t’offrir?

Der etwas irritierende Text (um die Photos aus Belle de jour herum) heißt Irony Is Not Enough: Essay On My Life as Catherine Deneuve und ist von der kanadischen Dichterin Anne Carson. Das Geburtstagskind wird in diesem Blog bisher nicht genügend gewürdigt. Irgendwann mache ich das mal wieder gut. Bis dahin könnten Sie ➱hier natürlich Waltz into Darkness lesen. Und natürlich Joyeux anniversaire!

Montag, 21. Oktober 2013

Arkadien


Heute vor 155 Jahren wurde in Paris die Oper Orphée aux enfers von Jacques Offenbach zum ersten Mal aufgeführt. Wir kennen sie als Orpheus in der Unterwelt. Einen Titel daraus kennen Sie alle, selbst wenn Sie nie von dieser opéra bouffon gehört haben. Von manchen Offenbach Opern kennt man ja nur eine Melodie, wie zum Beispiel die ➱Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen. Aus Orpheus in der Unterwelt kommt natürlich die vielleicht berühmteste Melodie der Welt, der ➱Can Can. Doch die Oper Orpheus in der Unterwelt. bietet noch viel mehr. Die französische Nationalhymne kommt darin vor und natürlich Glucks berühmte Arie Che farò senza Euridice (zu dieser Arie gibt es ➱hier einen Post).

Eins der highlights ist auch die kleine Arie des Hans Styx. Der ist der Diener des Höllenfürsten Pluto, er ist ständig betrunken. Man braucht für diese Rolle nicht unbedingt einen Sänger, häufig ist das Couplet mit Eurydice Als ich noch Prinz war von Arkadien auch von Schauspielern gesungen worden. Es gibt eine schöne deutsche Version der Oper (Dirigent Willy Mattes) mit Anneliese Rothenberger bei EMI. Und da singt im zweiten Aufzug des dritten Aktes niemand anders als der unnachahmliche Theo Lingen den Hans Styx. Der originale Text von Jacques Offenbach ist von den Herren Karlheinz Gutheim und Wilhelm Reinking ein wenig verändert worden. Und so singt Theo Lingen:

Als ich noch Prinz war von Arkadien, 
Hatte Soldaten ich und Macht. 
Ich war Stratege und Weltenplaner, 
Den ums Leben man hat gebracht. 
Doch zugleich mit meinem Leben 
verlor ich auch mein Hab und Gut, 
wie gerne würd’ ich dir sonst geben 
mein Königreich, mein Herz, mein Blut.

Als ich noch Prinz war von Arkadien 
Tanzte den Cancan jedermann. 
Er lockerte die müden Wad(i)en 
Und jeder rief: „Ich kann Cancan.“ 
Speziell Paris war drob im Fieber, 
Die Damenherzen wurden schwach.
Der Komponist war kein Pariser, 
Er war aus Köln: Jacques Offenbach

Als ich noch Prinz war von Arkadien, 
War ich der Frauen Ideal. 
Ich konnt’ mich ihrer kaum erwehren, 
Ich hatte stets die Qual der Wahl. 
Jetzt sieht mich keine mehr der Damen, 
Da ich ja nur ein Schatten bin.
Ich bin ein alter Bilderrahmen, 
Das Bildnis selbst, das ist dahin.

Als ich noch Prinz war von Arkadien, 
Spielten wir Fußball in Athen. 
Die Spieler waren Amateure, 
Für Geld zu spielen war obszön. 
Man spielte auch nicht, um zu siegen, 
Der Torwart saß auf einem Stuhl.
Bestechungsgelder blieben liegen,
Man spielte einfach Null zu Null.

Die letzte Strophe wäre ja ein wunderbarer Vorschlag für die Bundesliga. Leider gibt es im Internet keine Aufnahme mit Theo Lingen, nur einen kleinen ➱Schnipsel, der aber nichts von der ganzen Köstlichkeit bieten kann. Da bleibt einem nicht übrig, als die EMI Aufnahme zu kaufen. Gibt es bei Amazon Marketplace ab 1,77€, das sollte uns Jacques Offenbach wert sein. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass auf YouTube eine Prinzessin von Arkadien singt, wenn Sie vor nichts Angst haben, klicken Sie ➱hier hinein. Dagegen ist Florence Foster Jenkins die Callas.

Im französischen ➱Original singt John Styx übrigens nicht von Arkadien, sondern von Böotien:

Quand j’étais roi de Béotie,
J’avais des sujets, des soldats,
Mais, un jour, en perdant la vie,
J’ai perdu tous ces biens, hélas!
Et, pourtant, point ne les envie.
Ce que je regrette en ce jour,
C’est de ne t’avoir pas choisie
Pour te donner tout mon amour
Quand j’étais roi de Béotie!
Si j’étais roi de Béotie,
Tu serais reine sur ma foi!
Je ne puis plus qu’en effigie
T’offrir ma puissance de roi :
La plus belle ombre, ma chérie!
Ne peut donner que ce qu’elle a.
Accepte donc, je t’en supplie,
Sous l’enveloppe que voilà,
Le cœur d’un roi de Béotie!

Dazu sollte man wissen, dass Böotien in der griechischen Antike so viel wie 'ländlich grob, ungebildet‘ bedeutet. Tut es im Französischen heute noch, da ist ein béotien ein Kulturbanause, ein ungebildeter Mensch. Ja, das sind die feinen, kleinen kulturellen Unterschiede. 

Samstag, 19. Oktober 2013

the rockets' red glare: Leipzig 1813


Heute vor zweihundert Jahren ist die Schlacht von Leipzig zu Ende gegangen. Da schreibt der einundsiebzigjährige Blücher nach Hause: Die zwei großen und Schönen Tage sind verlebt. den 18. und 19. Fihl der große Coloß wie die Eiche vom Stuhrm. er der große Tiran hat sich gerettet. aber seine knappen sind in unseren Henden. Man hat die Schlacht eine Völkerschlacht genannt. Es kämpften nicht nur Deutsche mit ihren russischen. österreichischen und schwedischen Verbündeten gegen die Franzosen, es kämpften auch Deutsche gegen Deutsche.

All die Staaten, die dem Rheinbund angehörten und weiterhin Napoleon die Treue hielten (wenn sie nicht wie Teile der sächsischen Armee die Seiten wechselten), mussten dem französischen Kaiser Truppen stellen. Der hatte wenig von seiner ➱Niederlage im vorigen Jahr in Russland gelernt. Soldaten, die er in den Tod schicken kann, bekommt er noch immer. Auf den Bildern, die die Maler von den Schlachten malen - und sie haben dank Napoleon in dieser Zeit genügend zu tun - sieht man meistens nur die Sieger, Monarchen und Generäle. Die Toten und der Schrecken des Krieges werden nicht gemalt, ➱Adolph Menzel ist da eine Ausnahme.

Es war in Leipzig auch eine kleine Einheit von Engländern dabei, die O Battery (The Rocket Troop) der Royal Horse Artillery, die fälschlich in vielen Zeitungen als Brigade oder gar als Corps bezeichnet wird. Korps und Brigade sind etwas viel Größeres als diese kleine englische Einheit von hundertfüfundvierzig Soldaten, die dem schwedischen Kronprinzen zugeordnet ist. Der heißt Jean-Baptiste Bernadotte (ja, der mit der spitzenbesetzten ➱Nachtmütze) und war einmal ein Marschall Napoleons, aber jetzt ist er der Thronfolger für den schwedischen Thron. Er hat zum Leidwesen von Blücher keine große Lust auf diese Schlacht, aber Blücher braucht ihn, da die schwedische Armee mehr Soldaten hat als die schlesische Armee, die er kommandiert.

Der Befehlshaber der englischen rocketeers ist ein Captain Richard Bogue. Man hält seine Truppe anfangs in der Reserve. Dass man ihren Künsten nicht vertraut, das kennen die Artilleristen mit ihren Congreve rockets (benannt nach ihrem Erfinder William Congreve) schon. Wellington mochte diese Einheit, die schon im Spanienkrieg eingesetzt worden war, überhaupt nicht. Ihre umherschwirrenden Raketen treffen alles mögliche, nur nicht das, was sie treffen sollen. In der Schlacht von Quatre Bras (die der Schlacht von ➱Waterloo vorausgeht) verbietet Wellington zum Leidwesen von Captain Whinyates (später General Sir Edward Charles Whinyates, K.C.B., K.H., hier im Bild) den Einsatz der achthundert Raketen: Captain Whinyates having joined the army with the rocket troop, the Duke, who looked upon rockets as nonsense, ordered that they should be put into store, and the troops supplied with guns instead. Colonel Sir G. Wood, instigated by Whinyates, called on the Duke to ask permission to leave him his rockets as well as guns. A refusal. Sir George, however, seeing the Duke was in a particularly good humour', ventured to say, ' It will break poor Whinyates' heart to lose his rockets.' ' Damn his heart, sir ! let my orders be obeyed,' was the answer thundered in his ear by the Duke, as he turned on the worthy Sir George." Aber dann lässt sich der Herzog doch umstimmen, Whinyates darf seine Raketen schießen. Das Ergebnis ist so, wie Wellington es geahnt hat, zwar wird eine französische Artilleriestellung getroffen, aber der größte Teil der Raketen schießt senkrecht in den Himmel. Oder trifft die Artillerie von Captain (später General) Mercer, der den Rückzug Wellingtons decken soll. Der Mann mit dem schönen Vornamen Cavalié wird mit seiner Batterie die Schlacht von Waterloo entscheiden.

Captain Mercer hat den Einsatz der Raketen später so beschrieben: The rocketeers had placed a little iron triangle in the road with a rocket lying on it. The order to fire is given - port-fire applied - the fidgety missile begins to sputter out sparks and wriggle its tail for a second or so, and then darts forth straight up the chaussée. A gun stands right in its way, between the wheels of which the shell in the head of the rocket bursts, the gunners fall right and left… our rocketeers kept shooting off rockets, none of which ever followed the course of the first; most of them, on arriving about the middle of the ascent, took a vertical direction, whilst some actually turned back upon ourselves - and one of these, following me like a squib until its shell exploded, actually put me in more danger than all the fire of the enemy throughout the day.

Captain Richard Bogue ist der ranghöchste englische Offizier auf dem Schlachtfeld von Leipzig. Gut, da ist noch Sir Charles Stewart (hier auf einem Portrait von ➱Thomas Lawrence), der ist zwar General (und hat auch eine glänzende Militärkarriere vorzuweisen, wie sein Spitzname Fightin' Charlie andeutet), aber der ist in seiner Funktion als englischer Sondergesandter am preußischen Hof in Leipzig. Der mischt sich nicht ein. Er hat genug damit zu tun, als Diplomat zwischen Blücher und Bernadotte zu vermitteln. Captain Richard Bogue scheint, wie viele Offiziere der englischen Armee, ein Dandy gewesen zu sein. So weiß eine englische Quelle in der Mitte des Jahrhunderts zu berichten: The commander of the rocket troop, Captain Richard Bogue, was a great favourite with the Prince Regent, by whom he was frequently invited to the Pavilion. He was strikingly handsome; indeed, so handsome was he, that the Brighton belles christened him 'Look and Die'. 

Bogue will sich bei der Schlacht von Leipzig nicht mit seiner Rolle in der Reserve zufriedengeben: Kapitän Bogue wendete sich an General Winzingerode, Kommandeur der militärischen Vorhut des Kronprinzen, gab seinem Wunsch Ausdruck, den Feind zu treffen, und bat um Erlaubnis, einzugreifen. Der General, ein Mann von viel Ritterlichkeit und Anspruchsgeist, erlaubte ihm, als Beschützer einer Schwadron Dragoner, zu folgen. Kapitän Bogue verlor keine Zeit mit dem Angriff auf das Dorf Paunsdorf, das im Besitz von fünf feindlichen Armeen war, um vor der gesamten Einheit ein höchst zerstörerisches Feuer zu eröffnen. Das wurde mit Musketen erwidert und für einige Zeit folgte ein lebhafter Kampf, bis die Feinde außerstande waren, das gut gezielte Feuer von der Brigade des Kapitäns Richard Bogue, zu ertragen, er fiel daraufhin in Verwirrung und begannen, sich zurück zu ziehen. 

Kapitän Bogue nutzte den Moment und wechselte an die Spitze des Dragonergeschwaders und der Feind, der angsterfüllt seine Annäherung bemerkte, drehte um. Die Brigade bestand aus zwei- bis dreitausend Mann, die vor der Raketentruppe kapitulierten, obwohl diese nicht einmal zweihundert Mann zählte. Die Information über diesen Erfolg wurde dem Prinzen übermittelt. Er schickte seinen Dank an Kapitän Bogue für seinen bedeutenden Dienst und forderte zugleich, diese Aktivitäten, fortzusetzen. Der russische General Wittgenstein soll über die Raketen gesagt haben: "Sie sehen wurden sie in der Hölle gemacht und sind bestimmt des Teufels eigene Artillerie." Und ein anderer Augenzeuge schreibt: Mit entsetzlichem Zischen und Toben fahren sie in die dichten Vierecke der Franzosen und sprengen die lichterloh brennenden Männer auseinander. Captain Bogue wird am 18. Oktober durch eine französische Gewehrkugel tödlich verletzt, sein ➱Grab ist (heute immer noch in gutem Zustand) auf dem Friedhof von Taucha.

Die O Battery der Royal Artillery trägt noch immer Leipzig 1813 in ihrem Regimentswappen. Man hat sich der deutschen Rechtschreibung angepasst, die ursprünglichen battle honours lauteten Leipsic. Die schwedische Flagge darf natürlich nicht fehlen. Die Einheit bekommt noch jedes Jahr Post vom schwedischen König und bringt in jedem Jahr bei ihrem battle dinner einen Toast auf ihn aus. Mit Aquavit. In diesem Jahr wird ihr Kommandeur Major Iain Harrop mit einer Abordnung bei den Feierlichkeiten der Zweihundertjahrfeier in Leipzig sein. Die Engländer haben die Schlacht an diesem Tag nicht entschieden, aber Militärhistoriker gestehen ihnen heute eine viel größere Rolle als bisher zu. Denn in den meisten Geschichtswerken werden sie nicht erwähnt, in Blüchers Briefen taucht das neumodische Zeug nicht auf.

Wäre Bogue bei dem Sieg in Paunsdorf bei seiner kleinen Batterie geblieben, wäre ihm wohl nichts geschehen, aber er musste ja unbedingt mit der schwedischen Kavallerie hinter den fliehenden Franzosen hinterher galoppieren. Nach seinem Tod übernimmt der Neffe des Earl of Ilchester, der Leutnant (später General) ➱Thomas Fox-Strangeways, das Kommando der Einheit. Der russische Zar wird ihm dafür noch auf dem Schlachtfeld den Orden der Hl. Anna verleihen. Die Engländer haben in der Völkerschlacht die geringsten Verluste von allen zu ertragen, neben Bogue stirbt der Kutscher James Jenkins, sechs Kanoniere werden verletzt. Und sechs Pferde sind tot, zwanzig verletzt. Doch das ist nichts gemessen an den Opfern, die diese Schlacht fordern wird. Es ist, wie Gneisenau an seine Frau schreibt, ein Schauspiel, wie es das seit Tausenden von Jahren nicht gegeben hat. Auf meilenlangen Strecken liegen die Toten und Verstümmelten. Unser Angriff auf Leipzig war sehr blutig. Das ist wahrscheinlich noch untertrieben.  Eine halbe Million Soldaten haben in diesen vier Tagen hier gekämpft, die Toten werden auf 100.000 bis 120.000 geschätzt.

In Taucha gedenkt man immer noch jedes Jahr am 18. Oktober der Engländer. Auch der schwedische Kronprinz hat die Taten von Captain Bogue nicht vergessen. Aus seinem Hauptquartier in Kiel schreibt er am 6. Januar 1814 an die Witwe von Richard Bogue einen Beileidsbrief und übersendet ihr den Kungliga Svärdsorden (Leutnant Fox-Strangeways bekommt auch einen). Und er lässt ihr eine erhebliche Geldsumme zukommen, er weiß schon, was er den englischen rocketeers an diesem Tag verdankt. Der Brief (und eine Vielzahl anderer Dokumente) findet sich in einem kuriosen Buch: Memoirs and Campaigns of Charles John, Prince Royal of Sweden (London 1814) von einem englischen Militärschriftsteller namens John Philippart. Es ist weniger eine Biographie als eine riesige, konfuse Materialsammlung, ich liebe das Buch. Mein Exemplar hat eine königliche Provenienz, ich habe in dem Post ➱Ernst August schon darüber geschrieben.

Diese Raketen, die William Congreve erfunden hat, müssen wir uns nicht wie richtige Raketen vorstellen, eher wie ➱Feuerwerkskörper (hier gibt es bewegte Bilder), die man zu Silvester verschießt. Sie sind billig in großen Mengen herzustellen, man kann sie leicht in großer Zahl transportieren. Sie sind, wenn wir genau sind, nicht die Erfindung von Congreve. Wellington hatte sie schon kennengelernt, als er noch nicht der Herzog von Wellington war, sondern Colonel Arthur Wellesley hieß und in Indien kämpfte. Da kannten die Engländer diese Waffe noch nicht, aber der Vorläufer der Stalinorgel wird bald bei ihnen Mysorean rocket heißen. Es sind die Inder, die sie erfunden haben und gegen die Engländer einsetzen.

Doch die Engländer, die überall auf der Welt Krieg führen, lernen schnell von ihren Gegnern. William Congreve (der im Gegensatz zu seinem Vater kein Armeeoffizier ist, sein Titel Colonel ist nur ein Ehrentitel) lässt sich aus Indien erbeutete Raketen nach England schicken, um sie nachzubauen und zu verbessern. Man setzt sie überall ein, in Spanien im Kampf gegen Napoleons ➱Marschälle, in Kopenhagen, um die Stadt in Brand zu schießen. Und in Amerika, im Krieg von 1812. Daran denken die Amerikaner wohl nie, wenn sie ihre ➱Nationalhymne singen, die Francis Scott Key nach der Nacht der Belagerung von Fort McHenry geschrieben hat. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die meisten Amerikaner den Text nicht kennen.

Doch in der fünften Zeile, die And the rockets' red glare, the bombs bursting in air heißt, da sind sie, die englischen Congreve rockets. Francis Scott Key hat sie die ganze Nacht beobachten können. William Congreve ist nicht bei der Schlacht von Leipzig dabei gewesen, obgleich das der Artikel im Dictionary of National Biography behauptet, aber er hat natürlich die Presseberichte verfolgt. Und der russische Zar hat ihm nach der Schlacht den Orden des Heiligen Georg verliehen, in Anerkennung der Taten der englischen rocketeers bei Leipzig.

Kurz vor seinem Tod soll er das Schlachtfeld von Leipzig besucht haben. Da lebte er schon verfolgt von seinen Gläubigern in Frankreich. Er konnte seine Beine nicht mehr bewegen, hatte sich aber - Erfinder bis zuletzt - einen Rollstuhl gebaut: Towards the latter part of his life having lost the use of his legs, he had invented a chair or sofa, which enabled him to move himself about his apartment without any assistance; this machine occasionally served him for a bed. Es ist irgendwie eine rührende Vorstellung, wenn der Erfinder der Congreve rockets auf seinem Rollstuhl über das Schlachtfeld geschoben wird.

Freitag, 18. Oktober 2013

18. Oktober 1813


Am 16. Oktober hatte die Schlacht um Leipzig begonnen. Da schreibt Blücher an seine Frau: den 16. habe ich dem Feind vor Leipzig bei dem Dorf Möckern wieder eine Schlacht geliefert, 4.000 Gefangene gemacht, 45 Kanonen, ein Adler und verschiedene Fahnen erobert. Die Schlacht ist noch lange nicht zu Ende. Napoleon, der eines Tages sagen wird Ich wollte der Welt den Frieden geben; aber sie haben mich zu einem Dämon des Krieges gemacht ist noch nicht geschlagen.

Am Morgen des 18. Oktober reitet ein Kriegsfreiwilliger zum Hauptquartier Blüchers: In dem Dorfe Mockau hatte das Blüchersche Hauptquartier übernachtet. Wie ich hinkam, schliefen noch alle. Man würde sich irren, wenn man glaubte, daß in Blüchers Umgebung an diesem Morgen irgendeine Unruhe oder große Eile wahrzunehmen war. Obgleich ein so großer Kampf vor kurzem stattgefunden, obgleich man voraussah, daß dieser Tag ein entscheidender für den ganzen Krieg werden müßte, so war doch davon in der Umgebung des Feldherrn nichts zu spüren. Man stand auf, kleidete sich langsam und bedächtig an, die wenigen Gefäße, die man aufbringen konnte, wanderten nach dem Brunnen, um, von einem zur Reinigung benutzt, schnell von dem Bedienten eines andern ergriffen zu werden; die Fenster wurden geöffnet und an die Wand gelehnt, um als Spiegel zu dienen; der Kaffee wurde in wenigen Tassen herumgereicht; einer trank aus der Unter-, der andere aus der Obertasse. Verwirrungen und Störungen, die manchmal vorkamen, wurden benutzt, um den Gesprächen eine heitere Wendung zu geben, und diese berührten fast gar nicht den großen Gegenstand, der uns so nahe lag. Man unterhielt sich mit vollkommen gleichgültigen, wohl auch lustigen Erinnerungen; ein witziger Einfall ward mit Freuden begrüßt; man konnte glauben, hier eine Anzahl Männer zu sehen, die auf einer belustigenden Reise sich an den mancherlei Verlegenheiten eines zufälligen dürftigen Nachtquartiers ergötzen.

Der Kriegsfreiwillige ist eigentlich ein wenig zu alt, um Soldat zu spielen. Er ist vierzig Jahre alt, er hat auch keinerlei militärische Vorbildung, von Beruf ist er Professor für Philosophie und Naturwissenschaften. Blücher wird ihn immer mit Herr Professor anreden und ihn nicht wie einen einfachen Leutnant behandeln. Der Professor, der am 8. Februar des Jahres seine Studenten in Breslau zum Widerstand gegen Napoleon aufgerufen hatte, geht mit gutem Beispiel voran. Er wird den Freiheitskrieg bis zur Einnahme von Paris mitmachen. Dabei ist es gar nicht seine Freiheit, die hier verteidigt wird: der Mann ist gebürtiger Norweger. Er heißt Henrich Steffens, er wird seine ➱Lebenserinnerungen Was ich erlebte in zehn Bänden zwischen 1840 und 1844 veröffentlichen. Ein Ausschnitt daraus, Adventures on the road to Paris, during the campaigns of 1813-1814, erschien 1848 in London bei John Murray.

Es ist ein langer Weg von Leipzig nach Paris, eine Reise mit dem Heer, angefüllt mit Erlebnissen. Einmal trifft er auf Joseph Görres: Ich war überrascht, als er mich tadelte, daß ich den Krieg mitmachte. »Der Gelehrte«, meinte er, »wäre verpflichtet, sich für sein geistiges Werk zu erhalten.« Mir aber ward unsere Verschiedenheit eben durch diese Ansicht klar. Die Feder war seine Waffe, weniger die meinige; als Kind der Anschauung mußte ich redend und kämpfend mich unmittelbar darstellen und mit meiner Person zahlen. Diese Stelle charakterisiert Steffens eigentlich sehr schön.

Seine Autobiographie glänzt immer wieder durch subtile Beobachtungen, die sich sonst nicht in nüchternen Kriegsbeschreibungen finden. Steffens reitet als Verbindungsoffizier Blüchers (und Gneisenaus, den er wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten schätzt) zu einer Vielzahl von Stäben. Einmal soll er im Auftrag von Gneisenau, dem ständig zaudernden schwedischen Kronprinzen eine Nachricht zutragen: Es kostete mich viele Mühe, ihn zu finden, keiner wußte, wo er war; erst in der Nacht fand ich ihn in Landsberg, in einem ziemlich schlechten Hause, von schwedischen Offizieren umgeben, und ward zu ihm geführt. In einer wüsten, fast leeren Stube lag er auf Matratzen, die auf den Fußboden hingelegt waren; das dunkle Gesicht des Gascogners mit der mächtigen Nase und das stark zurückgehende Kinn stachen ab gegen die weiße Bettwäsche und die mit Spitzen besetzte Nachtmütze. Die Sache mit der spitzenbesetzen Nachtmütze auf dem Kopf von Bernadotte finde ich sehr witzig, Blücher hat nach ➱Waterloo den weichen Hut von Napoleon als Kopfkissen benutzt. Kann man sich Blücher mit einer spitzenbesetzten Nachtmütze vorstellen? Und seine Meinung über Bernadotte, die so ähnlich wie lautet wie wenn dieser Hund von Zigeuner nicht gleich erscheint, dann mag das Himmelkreuzdonner, was auch immer da dreinschlagen, die hätte Steffens wohl auch nicht so formuliert.

Am Ende von Professor Steffens militärischer Karriere steht der feierliche Einzug der Alliierten in Paris: Ich war in einem Hause mit General Gneisenau einquartiert, und gegen Mittag erschien er mit seiner liebenswürdigen Verlegenheit in meiner Stube; ich sah es ihm an, daß er mir etwas zu sagen hatte, was, wie er befürchtete, mir unangenehm sein würde. Erst sprach er von manchem hin und her, von Szenen aus dem Feldzuge, mit Anerkennung von dem wenigen, was ich geleistet hatte, und suchte mich offenbar in eine heitere Stimmung zu versetzen. Endlich konnte er mir doch das Unangenehme nicht verbergen. »Lieber Steffens«, sagte er, »heute nachmittag findet der feierliche Einzug des Kaisers und des Königs von Preußen in Paris statt; die Truppen, die am wenigsten durch den Feldzug gelitten haben, werden sie begleiten, und die Offiziere erscheinen sämtlich in Paradeuniform.« Ich unterbrach ihn schnell und zwar laut auflachend: »Ich kann«, sagte ich, »freilich nicht dabei sein; zur Parade bin ich nicht eingerichtet.« Ich versicherte ihn, daß ich diesen Übelstand nicht einmal bereuen könnte. Ich würde mich still in Paris einschleichen, um nicht als ein Schmutzfleck der stattlichen Garde zu erscheinen. Und so wird er sich Paris nicht in Uniform, sondern als Zivilist erobern.

Wo er zu seinem Erstaunen erkannt wird: Die Richtung, die wir nahmen, war eine durchaus absichtslose; wir hatten aber eben die Gegend und das Théâtre italien erreicht, als ein bescheidener junger Mann uns deutsch anredete. »Darf ich wohl fragen«, sagte er, »ob Professor Steffens der Armee nach Paris gefolgt ist?« »Siehst du«, sagte ich zu meinem Freunde, der doch zu glauben anfing, daß dieses abenteuerliche Hineinreiten in Paris uns in Verlegenheit setzen werde, »daß ich recht hatte?« Der junge Mann war ein Leipziger Kandidat oder Doktor der Medizin, der sich in Paris aufhielt, um unter Cuvier die komparative Anatomie zu studieren. Er folgte uns, verschaffte uns eine wenigstens provisorische Nachtherberge in irgendeinem nahen Hotel und blieb bei uns. Durch den jungen Mann erfuhr ich nun, daß Cuvier seinen Zuhörern erzählte, ich hätte die Wissenschaft und alle Studien aufgegeben und wäre Soldat geworden. Cuvier gehörte zu den ersten, die ich besuchte. Jetzt hat die Wissenschaft den Leutnant Henrich Steffens wieder. Obgleich den das Kriegserlebnis nie verlassen wird. Auf dieser Lithographie nach einer Zeichnung von ➱Franz Krüger trägt er voller Stolz sein Eisernes Kreuz. Und der schwedische Dichter Per Daniel Amadeus Atterbom erinnert sich in ➱Menschen und Städte an Steffens: Steffens ist ein göttlicher Mann; eine unauslöschliche Begeisterung glüht in seiner Brust und leuchtet aus seinen Blicken; unter Locken, die zu erbleichen beginnen (infolge von Mühen und Kümmernissen!), besitzt er die ganze Rührigkeit und das Lebhafte eines Jünglings. Er hat ein sehr edles Aussehen und mehr den Charakter eines Offiziers als den eines Professors; er trägt das Eiserne Kreuz auf der Brust und erinnert sich gern der verflossenen Kriegszeit.

Auch wenn am 16. Oktober die Zeitungen voll von Artikeln über die Schlacht bei Leipzig vor zweihundert Jahren waren und Sie vergeblich etwas dazu in diesem Blog suchten, kann ich versichern: dieser Blogger hat das Ereignis nicht vergessen. Morgen gibt es hier noch einen langen Post. Ich hatte mir zuerst überlegt, ob ich über unsere deutschen freiheitsbewegten Dichter und ihre Kriegsrhetorik schreiben sollte, habe es dann aber gelassen. Zu viele Artikel des Feuilletons behandeln schon diesen Aspekt.

Die Geburtsstunde des deutschen Nationalismus bringt uns ein schwieriges  Erbe. Wir wissen alle, was Goebbels aus der ersten Zeile (Das Volk steht auf, der Sturm bricht los) von Körners Gedicht Männer und Buben gemacht hat. Bei der Recherche im Internet bin ich auf etwas ganz ➱Seltsames gestoßen. Da wird über den Dichter, der Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte schrieb, gesagt: Dichter, die damals zum Kampf gegen die Franzosen aufriefen, werden von linken Antifanten heute verteufelt. So wollten die Roten schon immer den patriotischen Dichter und Freiheitskämpfer Ernst Moritz Arndt als Namensgeber der Uni Greifswald auslöschen, wie die kommunistenfreundliche ZEIT bereits vor Jahren anmahnte. Derartige Versuche der verblödeten Presse und Studentenschaft gehen bis heute weiter! Aber hallo, was ist denn hier los? Die Klatschenkallis laufen offenbar frei herum. Der Blog heißt ➱Politically Incorrect und hat angeblich jeden Tag beinahe 100.000 Besucher. Das Netteste, was ich über so etwas sagen kann, ist die Hoffnung, dass es ein Satire Blog ist.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Büchner


Lebendiges! Was nützt der tote Kram? soll er in einem Schulheft notiert haben. War es das, was mich schon als Schüler anzog, Büchner zu lesen und einen weiten Bogen um Goethe und Schiller zu machen? Heute ist der 175. Todestag von Büchner, da muss in diesem Blog einmal an diesen Dichter, Naturwissenschaftler und Revolutionär erinnert werden, der nur dreiundzwanzig Jahre alt wurde. Falls wir vergessen haben sollten, welchen Schriftsteller wir einmal gehabt haben.  Die Werke, die Georg Büchner der Welt hinterließ, lassen sich bequem auf zweihundert Seiten drucken. Trotzdem gehört das, was er schrieb, zum Gewaltigsten, was je in deutscher Sprache niedergelegt wurde. Mit diesem lapidaren Satz beginnt Kasimir Edschmid seine Einleitung zu seiner Ausgabe von Georg Büchner Gesammelte Werke. Seine Ausgabe ist allerdings 485 Seiten lang. Was daran liegt, dass hier auch Der Hesssische Landbote, die Übersetzungen von Lucretia Borgia und Maria Tudor und die Briefe abgedruckt sind, das dichterische Werk passt aber bequem auf zweihundert Seiten.

Ein Jahr nur hält die Druckerschwärz', drum lies mich schnell, ich leg dir's gar sehr ans Herz, hat ein Vorbesitzer in das Buch geschrieben. Aber die Druckerschwärze hält natürlich länger. Wir können Büchner heute immer noch lesen. Auch wenn wir keine Kleinstaaterei mehr haben wie in Leonce und Lena, wo der König Peter über das Königreich Popo herrscht und seinen Sohn Leonce so gern mit der Prinzessin Lena von Königreich Pipi verheiratet sehen möchte. Der König Peter möchte so gerne als aufgeklärter Fürst erscheinen. Aber in Wirklichkeit ist er ein lächerliches Relikt des Absolutismus. Den schon die simpelsten Dinge in Verlegenheit bringen: Peter (läuft auf und ab): Was? Was? Die Menschen machen mich confus, ich bin in der größten Verwirrung. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. (Ein Diener tritt auf.) Diener: Eure Majestät, der Staatsrath ist versammelt. Peter (freudig): Ja, das ist's, das ist's. – Ich wollte mich an mein Volk erinnern! Kommen Sie meine Herren! Gehn Sie symmetrisch. Ist es nicht sehr heiß? Nehmen Sie doch auch Ihre Schnupftücher und wischen Sie sich das Gesicht. Ich bin immer so in Verlegenheit, wenn ich öffentlich sprechen soll. (Alle ab)

Da kennen wir einige, die in Verlegenheit sind, wenn sie öffentlich sprechen wollen. Wie peinlich war das, was der Herr Wulff als famous last words ablieferte. Als ich in diesen Tagen Leonce und Lena wieder einmal las, fand ich Dutzende von Beispielen, die die augenblicklichen Ereignisse hätten kommentieren können. Leonce und Lena ist eine Komödie, aber es ist eine gefährliche Sache mit dieser Komödie. Nicht nur im Jahre 1836. Dies ist keine unverbindliche Fröhlichkeit, dies ist eine Politsatire. Nur flüchtig gearbeitet, ein wenig zu schnell hingeworfen, befand Karl Gutzkow und druckte nur Bruchstücke des Werkes im Mai 1839 in seinem Telegraph für Deutschland. Er hätte sonst auch wohl Schwierigkeiten mit der Zensur bekommen, nicht nur im Königreich Popo oder Pipi.

Die Schwierigkeiten des Königs Peter fangen schon morgens an, wenn ihn seine Diener ankleiden: Der Mensch muß denken und ich muß für meine Unterthanen denken, denn sie denken nicht, sie denken nicht. – Die Substanz ist das 'an sich', das bin ich. (Er läuft fast nackt im Zimmer herum.) Begriffen? An sich ist an sich, versteht ihr? jetzt kommen meine Attribute, Modificationen, Affectionen und Accidenzien, wo ist mein Hemd, meine Hose? – Halt, pfui! der freie Wille steht davorn ganz offen. Wo ist die Moral, wo sind die Manschetten? Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung, es sind zwei Knöpfe zuviel zugeknöpft, die Dose steckt in der rechten Tasche. Mein ganzes System ist ruinirt.

Ja, das geht natürlich nicht, dass der freie Wille nicht zugeknöpft ist. Ich verdanke der Theatergruppe meiner Schule eine schöne Textkenntnis, weil ich bei unserer Aufführung von Leonce und Lena (neben meiner kleinen Rolle als Staatsrat) Souffleur war. Wenn jemand seinen Text beherrscht, dann sind es nicht die Germanistikprofessoren sondern die Souffleure. Als ich in einem der schönen Kalender, die das Internet anbietet, las, dass der 19. Februar der 175. Todestag von Georg Büchner ist, dachte ich mir, dass ich über die Stelle schreiben könnte, wo Leonce sagt: Die Luft so scharf und dünn, daß mich friert, als sollte ich in Nankinghosen Schlittschuh laufen. Und dann hätte ich über gelbe Nankinghosen schreiben können. Aber dann fiel mir ein, dass ich das längst getan habe. Lesen Sie es doch noch einmal an dieser ➱Stelle.

Ich werde mich indessen in das Gras legen und meine Nase oben zwischen den Halmen herausblühen lassen und romantische Empfindungen beziehen, wenn die Bienen und Schmetterlinge sich darauf wiegen, wie auf einer Rose. Und wie wäre es, wenn Sie heute einfach einmal Leonce und Lena lesen? Den Text gibt es ➱hier. Das ist vergnüglich, denn am Ende wird alles gut: wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüthe und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestilliren, und wir das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken. Und wenn Valerio Staatsminister wird, dann wird er ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft unter Kuratel gestellt wird, daß wer sich krank arbeitet kriminalistisch strafbar ist, daß jeder der sich rühmt sein Brod im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!

Das ist doch eine schöne Utopie für diesen Sonntag.

Sie haben das natürlich gemerkt, heute ist gar kein Sonntag. Heute ist auch nicht der 175. Todestag von Georg Büchner, heute ist Büchners zweihundertster Geburtstag. Dies ist der Post vom 19. Februar 2012. Aber da mir gerade nichts Neues zu Büchner einfiel, und ich auch nicht über Werke wie Woyzeck, Lenz oder Dantons Tod schreiben wollte, weil das nicht so fröhlich ist, da dachte ich mir: kopiere den Post.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Burbapple


Das hier gab es schon, das Burberry Verhüterli für das iPhone ist nicht unbedingt neu. Aber neu ist, dass die Chefin von Burberry jetzt zu Apple wechselt. Die Amerikanerin Angela Ahrends war die erste Frau, die es in die Liste der Topverdiener des Königreichs geschafft hatte. Wird Apple ihr mehr als die 16.9 Millionen Pfund Sterling zahlen, die sie bei Burberry bekommen hat? Gibt es in Zukunft iPads und Computer im Burberry Karo? Wird die Qualität von Apple auch so schrottig wie die Qualität von Burberry?

Die Frau, die den Aktienkurs von Burberry verdreifacht hat, hat auch dafür gesorgt, dass Burberry auf kein Produkt mehr Made in England schreiben kann. Beinahe alle Burberry ➱Fabriken in England sind geschlossen worden. Burberry war einmal der Inbegriff des Made in England, es war auch der erste Markenname, den das Oxford English Dictionary als Begriff aufnahm. Und so kann man noch heute lesen:

Burberry Pronunciation: /ˈbəːb(ə)ri/
noun (plural Burberries) trademark
a kind of lightweight belted raincoat, typically beige in colour, with a distinctive tartan lining.
Origin: early 20th century: from Burberrys Ltd, the name of the manufacturer

Ich habe hier zwei interessante Pressestimmen. Die erste ist ein ➱Interview, das die Welt am Sonntag 2010 mit Frau Ahrends führte:

   Welt am Sonntag: Frau Ahrendts, ich war vergangene Woche in London im Burberry Shop. Eine ältere, englische Lady starrte kopfschüttelnd auf die Schlangenlederstiefel im Dominastil und die mit Nieten besetzten Jacken in der Auslage. Bevor sie den Laden verließ, waren ihre letzten Worte: "Was ist bloß aus Burberry geworden?"
   Angela Ahrendts: (grinst) Das kann ich Ihnen sagen: eine aufregende, moderne, innovative Luxusmodemarkte.
   Welt am Sonntag: In den vergangenen hundert Jahren war Burberrys Kernzielgruppe die Upperclass, die in karierten Burberry-Mänteln über ihren Landsitz spazierte. Diese Kunden dürften Sie wohl vergrault haben.


   Ahrendts: Einige Kunden haben wir sicher verloren, das stimmt. Aber wir sind eine globale Marke mit einem Milliardenumsatz. Den nimmt man nicht allein in einem Land oder mit einer Altersgruppe ein. Die wichtigsten Wachstumsmärkte weltweit sind heute Länder wie China, Indien oder Brasilien. Dort sind unsere Kunden durchschnittlich wesentlich jünger als in Europa. Wir versuchen, mit unserer Marke eine breitere Kundenbasis anzusprechen und zu begeistern.
   Welt am Sonntag: Was hätten Sie der älteren Dame denn gesagt, wenn Sie im Geschäft gewesen wären?
   Ahrendts: Dass kein Grund zur Panik besteht, weil wir die traditionellen Burberry-Produkte wie zum Beispiel die Trenchcoats noch immer in der gleichen Fabrik in England, mit der gleichen hohen Qualität herstellen und in unseren Läden verkaufen. Aber was wir in unseren Schaufenstern und Werbekampagnen zeigen, sind unsere innovativen Produkte, mit denen wir eben alle Altersgruppen anlocken wollen. 


Sie haben das richtig gelesen, dass kein Grund zur Panik besteht, weil wir die traditionellen Burberry-Produkte wie zum Beispiel die Trenchcoats noch immer in der gleichen Fabrik in England, mit der gleichen hohen Qualität herstellen. Da bietet sich doch der Kalauer an, wen will Frau Ahrends verapplen? Ich nehme an, dass die sprichwörtliche ältere, englische Lady (die sicher etwas vornehmer ist als die wunderbare Granny von dem Cartoonisten Giles, die da oben als Granny Britannia abgebildet ist) inzwischen vor Gram gestorben ist. Ich habe nie so richtig gewusst, was Genesis damals meinten, als sie ihr Album Selling England by the Pound betitelten, aber ich nehme mal an, dass sie so etwas meinten.

Meine zweite Pressestimme ist ein ➱Artikel im Observer von der Journalistin und Romanautorin Carole Cadwalladr. Es genügt eigentlich, die Überschrift zu lesen: The hypocrisy of Burberry's 'Made in Britain' appeal. How has the 'luxury brand' got the audacity to trade on its pride in Britishness when most of its clothes are made abroad? Das ganze Konzept der Englishness muss neu überdacht werden. In den fünfziger Jahren, als der Franzose Pierre Daninos (dessen Bruder übrigens der Chef der Firma ➱Facel Vega war, die diese tollen Autos baute) seinen englischen Major Thompson die Franzosen entdecken ließ, da sah der Engländer auf dem Schutzumschlag des Buches noch so aus. Und so sieht er in unseren Gedanken immer noch aus.

Wir müssen davon Abstand nehmen, niemand trägt mehr elegante Glencheckanzüge mit einer Nelke im Knopfloch. Die Zeiten ändern sich. Sind nicht diese Engländer das neue England? Was ist aus Tony Blairs Cool Britannia geworden? Die englischen football hooligans haben sich seit den späten siebziger Jahren mit Luxusklamotten verkleidet. Ich glaube, Pringle war die erste Marke, die sie trugen. Das war sehr rufschädigend für die Firma. Das Phänomen, dass sich die Subkultur der heiligen Kühe des Kommerzes bemächtigt, traf dann auch Burberry:

In the mid-1990s, the casual subculture experienced a massive revival, but emphasis on style had changed slightly. Many football fans adopted the casual look as a kind of uniform, identifying them as different from the ordinary club supporters. Brands such as Stone Island, Aquascutum, Burberry and CP Company were seen at nearly every club, as well as classic favourites such as Lacoste, Paul & Shark and Pharabouth. In the late 1990s, many football supporters began to move away from the brands that were considered the casual uniform, because of the police attention that the casual styles attracted; several designer labels also withdrew designs from sale after they became common casual uniforms.

Frau Ahrends kehrt in ihr Heimatland zurück, ein Land mit einer maroden Wirtschaft. Bevor wir uns Sorgen darüber machen, was aus Burberry und was aus Apple wird, sollten wir einfach diesen ganzen eitlen Tand aus unseren Gedanken verbannen. Und was hilft uns dabei mehr als einer unserer deutschen Barockdichter? Für dergleichen sind unsere Barockdichter ja immer gut. Und so gebe ich Frau Angela Ahrends mal das Gedicht Es ist alles eitel von Andreas Gryphius mit auf den weiteren Lebensweg.

Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind't.
Noch will was ewig ist kein einig Mensch betrachten!


Lesen Sie auch: ➱['bɜ:bərᴗi] und ➱Trenchcoats

Dienstag, 15. Oktober 2013

Sakralbauten


Bevor man ad maiorem dei gloriam in schwindelerregende Höhen baute, baute man erst einmal Flachdächer. Sozusagen sakrale Schuhkartons. Die Konstantinbasilika in Trier ist ein schönes Beispiel dafür. In ihrer architektonischen Einfachheit ist sie ungeheuer eindrucksvoll. Ich finde sie viel beeindruckender als den Trierer Dom, der die älteste Bischofskirche in Deutschland ist. Nur wenn eine Kathedrale eine Bischofskirche ist, darf sie sich Dom nennen, damit wir das mal eben geklärt haben.

Bischöfe haben immer darauf geachtet, dass sie die schönsten und größten Kirchen haben. Als sei der Kathedralenbau eine olympische Disziplin: citius, altius, fortius. Da befindet sich der Herr Tebartz-van Elst seit dem Mittelalter in guter Gesellschaft. Wobei wir allerdings bedenken müssen, dass er ja keine Kathedrale baut, sondern nur ein besseres Gemeindehaus. Das auch noch potthässlich aussieht. Für das Geld, das er bisher verjuxt hat, hätte man im Mittelalter eine ganze Kathedrale gebaut. Das Bild zeigt den Limburger Dom wie ihn der Engländer George Clarkson Stanfield im 19. Jahrhundert sah. Das Bild zierte vor Jahren auch eine deutsche ➱Briefmarke.

Die Basilika in Trier, die von außen ein wenig wie ein Industriebau der zwanziger Jahre aussieht, steht in einem großen Gegensatz zu den prächtigen Kathedralen der französischen Gotik. Dass sie innen so bauhausmäßig karg ist, liegt daran, dass man bei der Wiederherstellung nach dem Brand im Jahre 1944 auf jede Art von historisierenden Ornamenten (die sich im 19. Jahrhundert noch fanden) verzichtet hat. Und vielleicht auch daran, dass es eine evangelische Kirche ist. Die haben es nicht so mit dem Zierrat.

Kathedralen sind Bauwerke der Macht, Macht des Bischofs, Macht des Königs. Bei denen man nicht wie Brecht fragen darf: Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Man darf auch nicht nach den Kosten fragen, weil dies ja Sakralbauten sind. Die ja das Symbol der Gottesstadt sind, des himmlischen Jerusalems. Darin sind sich die mittelalterlichen Autoren einig, die im Zweifelsfall immer die ➱Offenbarung des Johannes zitieren. Wenn man für etwas viel Geld ausgibt, dann soll das auch eine Bedeutung haben.

Die unbeantworteten Fragen nach den Kosten bleiben, nicht nur in Limburg, auch schon tausend Jahre früher. So sagt Hans-Egon Müller in seinem Buch Notre Dame von Chartres: Über Sinn und Geist der gotischen Architektur: Sehr oft wird danach gefragt, wie hoch sich die Baukosten einer gotischen Kathedrale etwa belaufen haben, und woher die zweifellos gewaltigen Summen kamen, die dafür aufgebracht werden mußten. Bezüglich der Baukosten haben mehrere Autoren Vergleichsrechnungen angestellt, die jedoch mit allen möglichen Unsicherheitsfaktoren belastet sind. Auch die Frage nach der Herkunft des Geldes läßt sich nicht in allen Einzelheiten beantworten. Und damit sind wir natürlich genau so schlau wie zuvor.

Es ist ja nicht der Geist der Gotik, der die ➱Kathedralen baut, es sind Baumeister und sogenannte Bauhütten. Der neue Typus des Architekten, derjenige, dem wir St. Denis und die späteren Kathedralen verdanken, ist der Hüttenmeister, der über den Bereich des Handwerklichen hinaus das Ansehen eines schöpferischen Künstlers genießt und dem damit eine ungleich größere Achtung entgegengebracht wird als den Steinmetzen der vergangener Jahrhunderte, sagt ➱Nikolaus Pevsner in Europäische Architektur: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Und er sagt zu Anfang des Kapitels über die Früh- und Hochgotik: Der unbekannte Meister von St. Denis darf ohne Zögern als Schöpfer der Gotik bezeichnet werden. Der das ganze im Übrigen schnell vollendet hat, nach knapp vier Jahren ist Saint-Denis fertig. Ganz fertig sind diese Bauten ja nie, beim Kölner Dom hat es bis 1880 gedauert.

Im ➱Limburg baut man auch schon seit drei Jahren, allerdings ist das Gebäude nicht so groß und nicht so großartig wie die Abteikirche von Saint-Denis, die eine Grundfläche von 108 mal 39 Metern hat. Man muss aber sagen, dass Tebartz-van Elst fleißig an der Vergrößerung der Grundfläche seines Komplexes arbeitet. Waren 2008 nur 147 Quadratmeter geplant (also eine größere Altbauwohnung), so änderte sich die Planung (bei angeblich gleichen Kosten) noch im gleichen Jahr auf 475 Quadratmeter. Um dann auf 1.350 Quadratmeter zu steigen.

Über die mittelalterlichen Bauhütten wissen wir ein wenig, weil wir hier doch einige historische Dokumente besitzen. Und Dank des ➱Bauhüttenbuchs (ca. 1235) des Villard de Honnecourt aus der Picardie können wir einen kleinen Einblick in die Tätigkeit eines mittelalterlichen Baumeisters bekommen. Neben Wilhelm von Sens, der die Kathedrale von Canterbury baut (und der das Vorbild für den Baumeister in Ken Follets Roman Die Säulen der Erde ist), bleibt Villard de Honnecourt einer der wenigen, die wir namentlich kennen. Obgleich die Tätigkeit der Baumeister schon geschätzt wird. Vielleicht nicht von jedermann, so beklagt sich ein Priester, dass die Hüttenmeister zwar viel höhere Löhne als die Steinmetze bekämen, aber nur mit einem Stab in der Hand umherliefen und Anweisungen gäben. Et nihil laborant, fügt er hinzu, sie selbst tun nichts. Ein französischer König scheint jedoch anderer Meinung zu sein, wird er doch Pate des jüngstgeborenen Sohnes eines Hüttenmeisters und setzt eine beträchtliche Summe aus, damit der einmal ein Universitätsstudium ergreifen kann.

Ebenso wenig wie Tebartz-van Elst genau Buch über die Bautätigkeiten führt, tun dies die meisten Bauherren des Mittelalters. Der erste Bauherr, von dem wir etwas über die Bauarbeiten an einem großen Sakralbau erfahren, ist der Abt Suger von Saint-Denis. Der Freund und Berater zweier Könige ist ein mächtiger Mann, er ist von ganz unten nach ganz oben gekommen: er wird Regent von Frankreich, als Ludwig VII zu seinem Kreuzzug aufbricht. Er ist auch ein klein wenig eitel. Erwin Panofsky hat das in seinem wunderbaren Aufsatz Abbot Suger of St-Denis schön formuliert: There is no denying, in spite (or, rather, because) of his persistent protestations to the contrary, that Suger was animated by a passionate will to self-perpetuation. To put it less academically: he was enormously vain und As a 'beggar lifted up from the dunghill' Suger was naturally not free from that arch-weakness of the parvenu, snobbery. Es liegt mir jetzt völlig fern, irgendwelche Vergleiche mit dem Kirchenfürsten von Limburg anzustellen.


In seinen Schriften wird Suger uns versichern, dass das ➱Endergebnis tam forma quam materiam mirabile sei (der Bischof von Limburg sollte sich diesen Satz gut merken, vielleicht kann er ihn noch mal gebrauchen). Und er fügt, Ovid zitierend, noch hinzu: ut a quibusdam dici possit: 'materiam superabat opus'. Wir erfahren auch, dass er selbst mit den Zimmerleuten in den Wald geht, um das passende Holz zu suchen: Eines Nachts besann ich mich nach der Rückkehr von der Frühmette im Bette, ich müsse doch persönlich in alle Teile unserer Wälder eindringen und sie nach allen Richtungen durchstreifen, um Verzögerung und Arbeit zu ersparen, wenn die Stämme hier gefunden werden könnten. Wir unterdrückten alle anderen Sorgen und eilten am frühen Morgen mit den Zimmerleuten und Holzfällern in den Wald von Iveline.


Der Abt Suger sorgt auch dafür, dass man ihn nicht vergisst. Zahlreiche Inschriften - die wir zur Ehre Gottes und der Heiligen vergolden ließen - bezeugen im Inneren der Kirche, dass er, Sugerius, dies hier gebaut hat. Wenn es natürlich auch alles ad maiorem dei gloriam gebaut ist, spricht doch doch ein kaum kaschierter Stolz aus den ➱Zeilen an der Westfront der Kirche:

Portarum quisquis attollere quaeris honorem,
Aurum nec sumptus, operis mirare laborem.
Nobile claret opus, sed opus quod nobile claret,
Clarificet mentes ut eant per lumina vera
Ad verum lumen, ubi Christus janua vera.
Quale sit intus determinat aurea porta
Mens hebes ad verum per materialia surgit, 

Et demersa prius hac visa luce resurgit.

Suger erwähnt allerdings in all seinen Schriften mit keinem Wort, wer denn der Baumeister gewesen ist, der ihm ad maiorem dei gloriam dies erste Bauwerk der abendländischen Gotik gebaut hat. Da gibt es zwar einen Satz wie: Drei Jahre lang, Sommer und Winter, betrieben wir eifrig unter großem Kostenaufwand und mit Hilfe zahlreicher Handwerker die Vollendung des Werkes. Aber das ist es auch schon. Die genauen Baukosten finden natürlich auch keinerlei Erwähnung. Das versteht sich von selbst.

Das hier ist der Heilige Dionysius, der erste Bischof von Paris. Als man ihn auf dem Montmartre enthauptet hatte, hat er seinen Kopf genommen und bis zu der Stelle getragen, wo er begraben sein wollte. Sagt die Legende. An der Stelle steht natürlich auch die Basilique de Saint-Denis. Und wenn der Abt Suger auch ein klein wenig eitel ist, dann beweist er mit seiner Lebensführung doch, dass er seiner geistlichen Stellung würdig ist: Er wohnte in einer ganz kleinen Zelle und schlief auf einem Strohbette, das am Tage durch eine schöne Decke verborgen, bei Nacht aber mit einer rauhen wollenen Decke bedeckt war. Als er im J. 1152 sein Lebensende nahe fühlte, ließ er sich in den Capitelsaal bringen, und bat daselbst seine Mitbrüder auf den Knieen um Verzeihung für alle Versäumnisse und Fehler, die er sich während seiner dreißigjährigen Amtsführung hatte zu Schulden kommen lassen. Sein Leichenbegängniß war fürstlich; der König mit seinem Hofstaat und viele Bischöfe verherrlichten dasselbe. Das ist aus einem Heiligenlexikon aus dem Jahre 1858, man muss wohl nicht alles wörtlich nehmen, was da steht. Das mit dem fürstlichen Leichenbegängnis ist allerdings wahr.

Suger von Saint-Denis wurde in seiner Kirche begraben. Wie beinahe alle Könige Frankreichs. Während der Französischen Revolution wurde sein Grab geplündert (wie die Gräber der Könige), seine Überreste wurden in einem Massengrab außerhalb der Kirche beerdigt. Der französische Maler Hubert Robert hat das in seinem Bild La Violation des caveaux des rois dans la basilique de Saint-Denis festgehalten. Ich weiß jetzt nicht, ob man zu dieser Grabschändung jetzt Liberté, Égalité, Fraternité sagen soll oder sic transit gloria mundi.

Natürlich habe ich das heute nicht ohne Bezug auf den Herrn Tebartz-van Elst geschrieben, jenen Mann, der Designerbrillen trägt, und an dessen BMW mit den abgedunkelten Scheiben die Nummernschilder ständig gewechselt werden. So etwas hatte ➱James Bond in seinem Aston Martin auch. Der Vorgänger von Franz-Peter Tebartz-van Elst fuhr einen alten Golf und überließ, horribile dictu, seinen bischöflichen Amtssitz den Asylbewerbern. Wenn ich die Eitelkeit von Suger betont habe, so muss man natürlich sagen, dass er ein großer Mann gewesen ist. Obgleich er körperlich klein war: Corpore, gente brevis, gemina brevitate coactus In brevitate sua noluit esse brevis schrieb ein Freund nach seinem Tod. Der Mann, der sich weigerte, ein kleiner Mann zu sein, hat sich nicht nur um seine Gemeinde, sondern um ganz Frankreich verdient gemacht. Man hat ihn wegen seines segensreichen Wirkens auch pater patriae, den Vater des Vaterlandes genannt. Insofern stimmt der Vergleich mit dem Limburger Bischof an keiner Stelle, der ist kein großer Mann. Er hat auch keinerlei Verdienste.

Wenn Sie jetzt noch mehr über Suger von Saint-Denis und den Beginn der Gotik wissen wollen, hätte ich natürlich etwas für Sie. Zuerst einmal bewegliche Bilder, es gibt ➱hier einen sehr informativen Film mit dem Titel Giganten der Gotik. Und ➱hier eine kleine Besichtigungstour durch die Kathedrale. Die Schriften von Suger (Ausgewählte Schriften: Ordinatio. De consecratione. De administratione) sind, herausgegeben von Andreas Speer und Günther Binding, bei der ➱Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen. Erwin Panofskys Aufsatz Abbot Suger of St-Denis ist in dem Sammelband Meaning in the Visual Arts abgedruckt. Er war zuerst 1946 als Einleitung zu den von Panofsky edierten Schriften Sugers erschienen.

Einer der wenigen Kunsthistoriker, der konsequent die Baubedingungen im Mittelalter untersucht hat, ist ➱Martin Warnke mit seinem Buch Bau und Überbau. Soziologie der mittelalterlichen Architektur nach den Schriftquellen. Wenn man so will, beantwortet das Buch manche Fragen, die Bertolt Brecht in seinem Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters stellt. Das Buch Die gotische Kathedrale von Otto von Simson (1968 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen) bleibt ein Klassiker der Kunstgeschichte. Und auch Hans Jantzens kleinen Band (in der Reihe rowohlts deutsche enzyklopädie) Kunst der Gotik: Klassische Kathedralen Frankreichs: Chartres, Reims, Amiens, kann man noch mit Gewinn lesen. Und gegen den Wikipedia Artikel zur Gotik will ich auch nichts Böses sagen.