Mittwoch, 14. Juni 2017
Flaggentag
Die Dame da rechts heißt ➱Betsy Ross, sie näht mal eben schnell eine Flagge für die drei Herren. Einer von ihnen ist George Washington. Als ich klein war und ➱Briefmarken sammelte, war ich stolz auf diese Marke. Briefmarken bilden einen schön, wenn man jung ist. Ich glaube, ich war der einzige in der Klasse, der wusste, wo Uganda und Tanganjika waren. Es war kein Wissen für die Ewigkeit, viele Staaten, die 1950 Briefmarken herausgaben, sind heute vom Globus verschwunden. Und die schöne Geschichte mit der hübschen Witwe Betsy Ross und der amerikanischen Flagge ist leider auch nicht wahr.
Wahr ist aber, dass der Continental Congress heute vor 240 Jahren beschlossen hat: That the flag of the thirteen United States be thirteen stripes alternate red and white; that the Union be thirteen stars, white in a blue field, representing a new constellation. Und deshalb feiert Amerika heute, wie immer am 14. Juni, seinen Flag Day. Benjamin Franklin hätte ja gerne diese Flagge, die Gadsden Flag heißt, gehabt, aber das hat sich nicht durchgesetzt. Sie wird heute noch von rechtsradikalen Gruppen verwendet. Das ist so ähnlich wie die deutsche Reichskriegsflagge, die letztens sogar vor dem Ballermann in Mallorca gesehen wurde.
Die amerikanische Flagge taucht in der Hymne auf, die der junge Rechtsanwalt Francis Scott Key (ein Vorfahre von ➱F. Scott Fitzgerald) geschrieben hat. Er war im Krieg von 1812 an Bord eines englischen Kriegsschiffes, weil er in Verhandlungen mit den Engländern wegen des Austausches von Gefangenen war. Und er musste die nächtliche Bombardierung von Fort Henry mitansehen. War aber glücklich, dass am Morgen das Star-Spangled Banner immer noch wehte. Und schrieb auf der Rückseite eines Briefumschlags:
O say can you see, by the dawn's early light,
What so proudly we hailed at the twilight's last gleaming,
Whose broad stripes and bright stars through the perilous fight,
O'er the ramparts we watched, were so gallantly streaming?
And the rockets' red glare, the bombs bursting in air,
Gave proof through the night that our flag was still there;
O say does that star-spangled banner yet wave➱
O'er the land of the free and the home of the brave?
Am Morgen hatte man nämlich die ganz große Flagge gehisst (hier bei einer Ausstellung im Jahre 1873), damit die Engländer auch sehen konnten, dass die Amerikaner noch da waren. Dies Photo hat der Admiral George Henry Preble gemacht, der im Jahre zuvor auch eine History of the American Flag veröffentlicht hatte. Die Flagge ist heute (zweimal restauriert) im National Museum of American History, wo sie eine eigene Ausstellung mit dem Titel The Star-Spangled Banner: The Flag that Inspired the National Anthem hat.
Und damit kommen wir noch einmal zur Nationalhymne, die heute in Amerika sicherlich überall gesungen wird. Schwer zu singen. Ich habe im Post ➱Jennifer Warnes einen Link zu einer Blondine namens Sherry Wilkins, die auf einer Wahlveranstaltung von Donald Trump die Hymne singt (klicken Sie ➱hier). Ich habe damals geschrieben, dass sie das O say can you see, by the dawn's early light a cappella sang. Das war falsch, denn es gibt noch ein Amateurvideo von der ➱Veranstaltung, da singt der ganze Saal mit. Das Video zeigt aber auch, wie rührend provinziell und prollig es bei den Veranstaltungen von Trump zugeht.
Die Amerikaner treiben einen Kult mit ihrer Flagge. Wenn amerikanische Soldaten bei der Flaggenparade die Flagge den Boden berühren lassen, werden sie bestraft. Das Gerücht, dass die Army die Flagge verbrennt, die den Boden berührt hat, hat sich lange gehalten. Ist aber nicht wahr. Bei der Bundeswehr ist das anders, da wienert sich die Wachmannschaft mit dem schwarzen Teil der Flagge noch mal die Stiefel. Diese Flagge ist nicht so der Renner, kann man bei ebay schon für sieben Dollar bekommen. Wahrscheinlich ist meine alte Betsy Ross 3-Cent Briefmarke heute mehr wert.
Im letzten Jahr hat Trump gesagt, dass diejenigen, die die amerikanische Flagge verbrennen, mit Gefängnis oder dem Verlust der Staatsbürgerschaft bestraft werden sollen. Die obersten amerikanischen Gerichte sehen das aber als freie Meinungsäußerung. Trump muss noch viel lernen. Zum Beispiel, dass man das Jackett zuknöpft und die Hand aufs Herz legt. Hier muss ihn ➱Melania daran erinnern, die Hand aufs Herz legen. Seinen peinlichsten Auftritt hatte er vor wenigen Wochen auf dem Heldenfriedhof ➱Arlington. Wenn man nicht wüßte, dass er keinen Alkohol trinkt, würde man sagen, dass er besoffen ist. Wahrscheinlich besoffen vor Glück, dass er ein paar Zeilen der Hymne hingekriegt hat. ➱Donald Trump "tanzt" die Hymne: "Wie der betrunkene, senile, alte Onkel", titelte der Stern.
Der Memorial Day ist den Amerikanern sehr wichtig, da sollte man vom Präsidenten verlangen können, dass er mal fünf Minuten still stehen kann, ohne sich zum Affen zu machen. Am ➱Memorial Day des Jahres 1884 hat Oliver Wendell Holmes Jr gesagt: Such hearts--ah me, how many!--were stilled twenty years ago; and to us who remain behind is left this day of memories. Every year--in the full tide of spring, at the height of the symphony of flowers and love and life--there comes a pause, and through the silence we hear the lonely pipe of death. Year after year lovers wandering under the apple trees and through the clover and deep grass are surprised with sudden tears as they see black veiled figures stealing through the morning to a soldier's grave. Year after year the comrades of the dead follow, with public honor, procession and commemorative flags and funeral march--honor and grief from us who stand almost alone, and have seen the best and noblest of our generation pass away.
Den Bürgerkrieg kannte der Mann: man hatte ihn auf dem ➱Schlachtfeld liegen lassen, weil man ihn für tot hielt. War er nicht. Er ist noch Amerikas berühmtester Richter des Supreme Court geworden. Wäre der Leutnant aus dem Harvard Regiment, der im Bürgerkrieg Get down, you fool! zu Abraham Lincoln sagte, heute Oberster Richter, dann würde es Trump wohl schwer haben, das erste Jahr seiner Präsidentschaft zu überstehen. Als Oliver Wendell Holmes neunzig wurde, sagte er einem Reporter: Young man, the secret of my success is that at an early age I discovered that I was not God. Vielleicht sollte mal jemand diesem Donald Trump sagen, dass er nicht Gott ist.
Der ➱Flag Day wird heute seit 101 Jahren gefeiert. Der Tag ist übrigens auch der 71. Geburtstag von Donald Trump. Also dieses Mannes, der hier die amerikanische Flagge herzt. Vor seinem Club in Palm Peach hatte er ohne Genehmigung die größte Flagge auf dem größten Flaggenmast gehisst: Well, I put up an American flag on the front of the Mar-a-Lago Club, which is a great house, probably the greatest house in America that I turned into a private club very successfully in Palm Beach, Florida. And the flag is very proudly waving, and the town wants me to take it down. Because they say I put it up without a permit and, frankly, had I gone to the town for a permit they wouldn’t have given it to me, probably. But more importantly, I say that you don’t need a permit to put up the American flag. Dieser Präsident hat echte Probleme mit der Flagge, auf seiner Geburtstagskarte für Melanie hat die Flagge nur 39 Sterne. Amerika hat allerdings ein paar Staaten mehr, die Flagge auch einige Sterne mehr. I will fight for the American flag, hat Trump gesagt. Da meinte er nicht die amerikanische Flagge an sich, da meinte er die widerrechtlich große Flagge auf seinem Golfplatz in Kalifonien. Zu große Flaggen, zu große Schlipse, zu großes Ego.
Montag, 12. Juni 2017
Die Brücke von Arcole
Der General Charles Pierre François Augereau, der heute vor 201 Jahren starb, war der Sohn eines Pariser Obsthändlers. Der eine Frau aus München geheiratet hatte. Sie hat mit ihrem Sohn nur Deutsch gesprochen, so wurde Augereau Napoleons einziger Marschall, der perfekt Deutsch sprach. Viel mehr Bildung hat dem kleinen Pierre seine Familie allerdings nicht vermittelt, mit siebzehn war er als Karabinier in dem Garderegiment, das der Bruder des Königs kommandierte, mit neunzehn desertierte er. Auf dem Bild sehen wir ihn mit einem Gewehr, aber das ist nicht die Waffe, die er bevorzugt, er kann mit Degen und Säbel umgehen wie kein zweiter. Wegen eines tödlichen Ehrenhändels kommt er vor das Kriegsgericht, da zieht er die Desertion vor. Sie können alles darüber in den interessanten ➱Memoiren des Generals de Marbot nachlesen.
Augereau war danach im russischen Heer, dann im preußischen Heer, ein kleiner condottierie auf der Flucht vor dem Todesurteil des französischen Kriegsgerichts. Zuletzt war er Fechtlehrer in Neapel. Aber dann kam die Revolution, und Augereau machte Karriere in der Revolutionsarmee. Wurde General, Marschall und Herzog von Castiglione. Den Titel hat er von Napoleon bekommen, weil er die Schlacht von Castiglione mitentschieden hat. Augereau war mutig, besaß aber nicht annähernd die taktische Intelligenz eines ➱Davout.
He was in fact a soldier and nothing else. A buffoon, a brute, and a bonhomme, these three words cover most of his character; and military instinct covers the rest, heißt es in ➱A.G. Macdonells ➱Napoleons and his Marshals. Und er klaute alles, was er in die Finger kriegte. Der Kunsträuber Marschall Soult ist ein kleines Licht gegen ihn (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Kunstraub). Auf diesem rührend naiven Bild (der kleinen Tambourmajor versucht seinen General von dem gefährlichen Angriff abzubringen) sehen wir unseren General bei einer Heldentat: er führt die französischen Truppen zum Sieg gegen die Österreicher über die Brücke von Arcole. Oder auch nicht.
Arcole ist ein Ort, der heute durch seinen ➱Spargel berühmt ist. Aber die Brücke von Arcole? Da war doch mal was. Das war doch ein ganz anderer, der da mit der Fahne in der Hand über die Brücke marschiert ist. Auf diesem Bild von ➱Horace Vernet, das die Brücke von Arcole zeigt, ist Augereau nicht zu sehen. Hier trägt der junge Napoleon die Fahne und zeigt den Truppen, wohin sie marschieren müssen. Augereaus Versuch, über die Brücke zu kommen, war übrigens gänzlich misslungen. Und auch das Bild von Vernet zeigt nicht die Realität. Zwar hatte Napoleon eine Fahne ergriffen, aber weit weg von der Brücke. Es sollte eine symbolische Tat sein. Seine Begleiter stießen ihn zu Boden, damit er nicht von den österreichischen Kugeln getroffen wurde. Der Kaiser landete im Matsch des Sumpfes. Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas.
Es ist nicht so sehr der kleine Fluss Alpona, der Napoleons Truppen aufhält (über den bauen einzelne französische Verbände schon an anderen Stellen Pontonbrücken), es sind diese Sümpfe an den Ufern des Flusses. Aber Sümpfe sind als Sujet der ➱Historienmalerei nicht so recht malerisch. Da muss schon etwas anderes her, so etwas wie dieses ➱Bild von Antoine-Jean Gros mit dem heroischen Napoleon auf der Brücke von Arcole. Der dann gleich an seine Josephine schreibt: Endlich, meine angebetete Josephine, lebe ich wieder auf. Der Tod schwebt nicht mehr vor meinen Augen, aber in meinem Herzen glühen noch Ruhm und befriedigter Ehrgeiz. Der Feind ist bei Arcole geschlagen worden. Da sieht man keine Sümpfe. Und keine verschmutzte Uniform. Das ist wieder einmal ein Beispiel dafür, dass uns die Historienmalerei belügt. ➱Joshua Reynolds hat gesagt: the artist ... must sometimes deviate from vulgar and strict historical truth in pursuing the grandeur of his design. Für Reynolds war die Landschaftsmalerei die höchste Form der Malerei. Er selbst hat keine Historienbilder gemalt.
In den Denkwürdigkeiten aus der Geschichte der österreichischen Monarchie können wir lesen: Treffen bey Arcole. Den 17. November 1796. Das Heer, welches Mantua entsetzen sollte, stand unter dem Commando des Feldzeugmeisters Allvincy. Er ließ von Tyrol her nur eine Diversion machen, und rückte mit der Hauptarmee auf Verona vor. Buonaparte ging mit den Truppen, die er nicht zur Einschließung von Mantua unumgänglich zurücklassen mußte, dem General Allvinzy entgegen. Bey Arcole, das die Oesterreicher besetzt hatten, wurde die französische Avantgarde einen ganzen Tag aufgehalten. Vergebens stellten sich mehrere Generale, und unter diesen Augereau, an die Spitze, um eine kleine Brücke zu forciren. Vier von ihnen wurden verwundet; selbst die Gegenwart des Oberfeldherrn, Buonaparte, der sich der größten Gefahr aussetzte, vermochte nicht, dieß Hinderniß zu überwinden. Am folgenden Tage erbaute man mehrere Brücken; und nun kam es zu dem berühmten Treffen bey Arcole. Es war äußerst hartnäckig und blutig. Die Franzosen fochten mit unglaublichem Muth, aber umsonst war alle ihre Kühnheit. Sie konnten den österreichischen Batterien nicht widerstehen. Endlich kam der General Guieux den Oesterreichern im Rücken heran. Nun erst, mit Einbruch der Nacht, entschied sich die fürchterliche Schlacht zum Vortheil der Franzosen. Allvinzy mußte sich über Bassano zurück ziehen. Der Obelisk hier erinnert immer noch an die Schlacht von Arcole
Dieses Bild von Paul Delaroche haben wir nicht im Kopf, wenn wir an Napoleon und die Alpen denken, wir denken da immer an das Propagandagemälde von ➱Jacques-Louis David. Aber dies Bild entspricht der Wirklichkeit, Napoleon ist auf einem Esel mit der Nachhut über die Alpen gekommen. Die heroische Pose auf dem ➱Bild von David gehört in den Bereich der alternative facts. Wie so vieles in der Malerei, die vorgibt dabei gewesen zu sein. Die Erschießung ➱Maximilians hat anders ausgesehen als bei Manet (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Sah das Schloss von Lissa, in dem Friedrich der Große angeblich Bonsoir, Messieurs sagte, wirklich so aus wie bei ➱Menzel?
Ob es der tödliche ➱Säbelhieb ist, mit dem der französische Sergeant den Prinzen Louis Ferdinand vom Pferd fetzt, ob Washington den ➱Delaware überquert, ob ➱General Wolfe bei Quebec stirbt, ob der Kaiser im Spiegelsaal von ➱Versailles gekrönt wird: die Maler schaffen eine eigene Wirklichkeit. Und weil Bilder in unseren Köpfen bleiben. Die ➱Geschichtsbücher sind voller Bilder, die uns denken lassen: wir sind dabei gewesen. Und nur ganz selten zeigt ein Historienbild die Wirklichkeit wie hier bei Gérômes ➱7. Dezember 1815, neun Uhr morgens: Die Hinrichtung des Marschall Ney (der Link führt zu einem längeren Post zu unserem Thema). Jean-Léon Gérôme ist dem Realismus verpflichtet, er wird das Aufkommen der Photographie als Kunstform begrüßen, die Impressionisten sind für ihn Vaterlandsverräter.
Aber die Photographie kann uns genauso belügen wie die Historienmalerei, da brauchen wir nur an das Bild von Iwo Jima zu denken. Als man noch mit einer Leica und einem Schwarzweiß Film photographierte, war das Fälschen nicht so leicht. Mit den Digitalkameras ist die nachträgliche Bildbearbeitung ein Klacks. Natürlich können Bilder die Geschichte verdeutlichen, Norman Rockwells Bild der kleinen Ruby Bridges (➱The problem we all live with) hat das gezeigt. Aber Bilder können auch nichts anderes als fake news sein. Wie dieses hier.
Samstag, 10. Juni 2017
Anita Albus
Wenn der Friedhard mir nicht Die Kunst der Künste: Erinnerungen an die Malerei geschenkt hätte, dann wäre Anita Albus an mir vorübergelaufen. Wohl nicht ganz, irgendwann hätte ich ihr Buch über Proust wohl entdeckt. Ein Buch, in dem viel über Sakralbauten steht. Albus hat da etwas aufgenommen, was Proust selbst gesagt hat. Er sagt im letzten Band der Suche nach der verlorenen Zeit, dass sein Werk vielleicht eine Kathedrale sein wird, in der die Gläubigen nach und nach Wahrheiten entdecken und Harmonien, den großen Plan, der dem Ganzen zugrunde lag, erkennen würden. Das letzte Buch über Proust, das ich mir kaufte, war die Biographie von Jean-Yves Tadie, seitdem verlasse ich mich darauf, dass mir Freunde wie Friedhard, Götz oder Jens Burmester Proust Bücher schenken.
Ich war, bevor ich Im Licht der Finsternis: Über Proust las, etwas skeptisch, ob die Autorin dem Thema überhaupt gewachsen sei. Denn wenn man an der Essener Folkwang Schule Graphik studiert und dann Kinderbücher illustriert hat, ist das vielleicht nicht der direkte Weg zu Proust. Ich begann Proust zu lesen, weil mir mein Freund Peter sagte, dass wir Proust lesen müssten. Ich las immer, was er empfahl. Er hat mir vor einem halben Jahrhundert aus Paris den Katalog der Proust Ausstellung mitgebracht, da war ich schon lange durch Prousts gewaltiges Werk durch. Mein Freund Peter, der mich mein ganzes Leben lang mit schönen Büchern beschenkt hat, ist vor wenigen Monaten gestorben. In meinem Kopf ist er noch da, immer wenn ich stumme Selbstgespräche führe, rede ich mit ihm.
Aber die kleinen Essays zu Proust, bei denen ein Kapitel über den Spargel nicht fehlt, die sind schon etwas Besonderes. Ebenso wie der Band Die Kunst der Künste, in dem Albus, die in einem kleinen Schloss in Burgund lebt, ihre Begeisterung für die Kunst der alten Meister zeigt. Also Maler wie Jan van Eyck und Rogier van der Weyden, die sie genau studiert hat. Wenn Sie das malerische Werk von Anita Albus betrachten möchten, dann gibt Ihnen die Kunsthalle Kiel bis zum 27. August dazu Gelegenheit. Und wenn Sie die Malerin, Schriftstellerin und Schlossherrin näher kennenleren möchten, dann hätte ich hier einen schönen ✺Film über Anita Albus. Ich könnte noch mehr zu dem ganzen sagen, aber ich wollte heute mal zeigen, dass ich auch einen kurzen Post schreiben kann.
Wenn Sie noch mehr zu Proust lesen wollen, dann klicken Sie doch diese Posts an: Temps retrouvé, Combray, Marcel Proust, Spargel, Bilder, lettre de lecteur. temps perdu, Tennis, Abendgesellschaft, Schreiben. Und für eine Besprechung der Ausstellung schauen Sie in den Blog von Hannes Hansen.
Mittwoch, 7. Juni 2017
Studienberatung
Ich fragte, ob der Platz am Tisch noch frei wäre. Die Mensa war voll, weil hier gerade die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien stattfand. Der Platz war noch frei, ich bedankte mich und stellte mein Tablett auf den Tisch. Lächelte mein Gegenüber an und las dabei so ganz nebenbei den Namen auf seinem kleinen Namensschild. Fragte ihn dann, ob er derjenige gewesen sei, der 1965 in Hamburg die Einführungsvorlesung in die Anglistik gehalten hätte. Er hatte. Ich sagte ihm, dass das eine der besten Vorlesungen in meinem Studium gewesen sei, und dass ich ihm viel verdanke. Sehr viel. Das hat ihn sehr gerührt. Er hatte sich damals gerade in Hamburg habilitiert, und in diese Vorlesung hatte er alles hineingepackt, was er wusste. Das war wirklich brillant. Er hieß ➱Peter Funke, und wenn er noch lebt, dann wird er in diesem Jahr neunzig. Ich hoffe, dass er noch lebt und dass es ihm gut geht.
Die Vorlesung im Hörsaal D (der mit den Bildern von ➱Kokoschka) war Teil eines Pakets für Erstsemester, es gab dazu noch ein Tutorial, das von einer Examenskandidatin abgehalten wurde, wo alle Fragen des Studiums besprochen wurden. Und dann musste man noch unter der Aufsicht eines Assistenten oder einer Bibliothekarin zehn Stunden Bibliotheksdienst ableisten, da lernte man die Bibliothek kennen. Es war eigentlich die perfekte Sache für den Studienanfang. Ich bin auf das Thema gekommen, weil sich gerade die Schlagzeilen häufen, dass ein Drittel der deutschen Studienanfänger sein Studium aufgibt. Das ist eine traurige Entwicklung. Ist aber bei diesem bescheuerten BA-MA Studium nicht anders zu erwarten. Ich ärgere mich noch immer, dass ich mal bei einem Empfang Frau Erdsiek-Rave, die für Deutschland die Bologna Erklärung unterschrieben hat, aus dem Mantel geholfen habe.
Die Engländer setzen auf das Tutorial, es ist ja auch eine gute Sache. Wenn Sie die Krimis aus der Serie ➱Lewis verfolgen, dann wissen Sie, dass da immer Studenten oder Professoren zum Tutorial müssen. Vielleicht haben Sie auch den wunderbaren Film ➱Educating Rita gesehen, wo der akademische Unterricht ein wenig umgedreht wird und die Studentin (Julie Walters) ihren ständig besoffenen Dozenten (➱Michael Caine) erzieht. Und ihm die Haare schneidet.
Die ständige Anwesenheit widerspricht natürlich meinem Liebling, dem ➱Spagatprofessor, der seine Studenten per E-Mail betreut. Der darf weiterhin in Bayern wohnen und für anderthalb Tage nach Kiel kommen. Andersherum hätte er es schwer, also, wenn er in Bayern Professor wäre und in Kiel wohnte. Da achtet das bayrische Kultusministerium schon darauf, dass seine Beamten ihren Wohnsitz so nehmen, dass ihnen eine ordnungsgemäße Erledigung ihrer Aufgaben möglich ist. Aber auch im Hochschulgesetz des Landes, das ihm sein Gehalt bezahlt, finden sich die Sätze: Die Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer nehmen die ihrer Hochschule jeweils obliegenden Aufgaben in Wissenschaft und Kunst, Forschung, Lehre, Weiterbildung sowie Wissens- und Technologietransfer in ihren Fächern nach näherer Ausgestaltung ihres Dienstverhältnisses selbständig war; in der Vorlesungszeit ist die persönliche Anwesenheit am Dienstort in der Regel an mindestens drei vollen Tagen pro Woche in der Zeit von Montag bis Freitag erforderlich.
Der erwähnte Professor ist einmal eine Woche lang im Seminar gewesen. Da stand für den Montagmorgen eine Besprechung mit Vertretern des Kultusministeriums über die Staatsexamensordnung an. Er eröffnete die Sitzung mit der Erklärung, dass er das ganze Wochenende gearbeitet hätte. Was zuerst ungläubiges Staunen und dann ein gehässiges Gelächter hervorrief. Mein Spagatprofessor referierte dann die Neuerungen der neuen Ordnung, musste sich dann aber in den nächsten halben Stunde sagen lassen, dass er nichts, aber auch gar nichts, verstanden hätte. Dann griffen die beiden Vertreter des Kultusministeriums in die Diskussion ein - und nun geschah etwas ganz Peinliches: sie hatten die Examensordnung, die sie selbst gemacht hatten, auch nicht verstanden. Dieser Montagmorgen erschien mir mit seiner Realsatire als der Höhepunkt universitären Unsinns. Ich habe einmal mit vier Kollegen in einer Studienreformkommission in einem Vierteljahr eine Studienordnung erarbeitet, die zwanzig Jahre gehalten hat. Und sie passte auf eine Seite DIN A4. So etwas darf heute nicht mehr sein.
Der Begriff des Spagatprofessors fiel öffentlich wohl zuerst 1982 in einer Rede von Hans Wallow (SPD) im Bundestag, wo er auch noch sagte: Aber trotzdem bin ich der Meinung, daß wir gesetzliche Regelungen über die Nebentätigkeit von Professoren brauchen und daß die Residenzpflicht von Professoren vorgesehen werden sollte. Das schafft nämlich auch mehr Studienplätze und Zeit für die Lehre. Der Begriff Spagatprofessor hat sich damals aber nicht so durchgesetzt, als Hugo Egon Balder vor Jahren in einer Rateshow nach dem Spagatprofessor fragte, wusste niemand, was das war. Viele amerikanische Universitäten verlangen übrigens von ihren Professoren, dass sie auf dem Campus wohnen.
Natürlich gibt es auch Spagatprofessoren, die in ihrer Universität die ganze Woche erreichbar sind, und die ihren Beruf ernst nehmen. Aber von denen soll hier nicht die Rede sein, sondern von diesen Typen, die ihre Studenten per E-Mail betreuen. Und die die Frankfurter Rundschau vor vielen Jahren einmal als den Tod der Universität bezeichnete. Unsere Spagatprofessoren haben pro forma eine Adresse am Universitätsort, irgendein billiges Zimmer in einer schlimmen Gegend. Ein Taxifahrer hat mich mal gefragt, ob die Spagatprofessorin Frau X wirklich bei uns Professorin sei. Die wohnte am Südfriedhof in einem heruntergekommenen Haus, in dem nur Rauschgiftsüchtige und Kleinkriminelle wohnten. Er hätte sich geweigert, sie dahin zu fahren und hätte sie hundert Meter davor abgesetzt. Ja, sie wohnte da wirklich in dem versifften Haus. War aber ganz selten bei den Ratten, Flöhen und Fixern, weil sie ja Spagatprofessorin war.
Dass solche Leute, die den Begriff der Freiheit von Forschung und Lehre dahin umdeuten, dass sie von Forschung und Lehre befreit sind, ihre Studenten nicht richtig betreuen können, liegt auf der Hand. In der Anlehung an die DDR Terminologie sind sie die neuen Reisekader. Das war früher anders, da gab es seriöse Leute wie Peter Funke. Der gleich nach der hervorragenden Vorlesung einen Ruf nach Bielefeld bekam (und auch dieses Buch geschrieben hat). Er war 33 Jahre lang der Vorsitzende der Deutsch Britischen Gesellschaft in Bielefeld, und er engagierte sich nach dem Zusammenbruch der DDR in seiner Geburtsstadt Dresden für den Aufbau des Instituts für Anglistik und Amerikanistik und für die Ausbildung von Englischlehrern an sächsischen Schulen.
Dafür hat er das Bundesverdienstkreuz bekommen, das mein vielzitierter Spagatprofessor natürlich nie bekommt.
Als Peter Funke pensioniert wurde, widmete er sich der Erforschung des Werkes seiner Tante, der Malerin Helene Funke. Was vor zehn Jahren zu einer großen ➱Retrospektive einer beinahe vergessenen Malerin führte.
Die Uni Hamburg hatte vor einem halben Jahrhundert eine Dame für die Studienberatung. Sie hatte einen Doktortitel und war sehr damenhaft. Sie machte die Studienberatung für alle Fächer. Man sagte ihr, welche Fächer man studieren wollte, sie legte dann mehre Folien übereinander und diktierte mir meinen Stundenplan. Das dauerte keine zwei Minuten, und es endete mit dem Satz: Wenn Sie sich ein wenig beeilen, schaffen Sie es noch zum Audimax, um die Vorlesung von ➱Walter H. Sokel zu hören. Habe ich geschafft. An meinem Seminar hatten wir Jahrzehnte später eine etwas ausführlichere Beratung: in der Woche vor dem Semesteranfang gab es jeden Vormittag einstündige Studienberatungen. Mal kamen drei, mal kamen dreißig, und nach einer Stunde wurde man von einem Kollegen abgelöst. So hat der ➱Dr Hilarius mich damals gefunden. Die Studenten bekamen Studienordnungen und ein Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis, es ist immer gut, wenn man etwas Gedrucktes mit nach Hause nehmen kann. Was auch schon ein Studiosus in einem Theaterstück erkennt:
Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen!
Ich denke mir, wie viel es nützt
Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen.
Es war ein schönes System. Wir hatten damals auch beinahe alle offene Türen, die signalisierten, dass Studenten auch außerhalb der Sprechstunden jederzeit hereinkommen konnten. Also nicht dieses Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen? wie in dem oben zitierten Theaterstück. Aber sie ahnen schon, was kommt. Das alles können sich Studenten in kleinen Gruppen zu Hause auch aneignen, verkündete eine frischgebackene Professorin, die das Rad wieder einmal neu erfinden wollte. Können sie nicht, sagte ich. Aber das war das Ende der Tutorials. Und offene Türen gibt es da heute auch nicht mehr.
Im Paragraphen 48 des Schleswig-Holsteinischen Hochschulgesetzes steht: Die Hochschule unterrichtet Studieninteressierte und Studierende über Studienmöglichkeiten sowie über Inhalte, Aufbau und Anforderungen eines Studiums. Dies geschieht durch eine zentrale Studienberatung. Bin ich vor Jahrzehnten mal gewesen, als Studi getarnt. Mit Jeans und versifften Klamotten, Bart hatte ich sowieso. Weil mir Studenten erzählt hatten, dass die zentrale Studienberatung den größten Unsinn erzählt. Tat sie. Manche Unis haben ein Beratungsportal im Internet. Aber Computer helfen nicht viel bei all diesen Dingen von Beratung und Einführung, die werden überschätzt. Jeden Morgen, wenn ich früher in die Uni kam, stieß ich auf eine Horde Japaner, die vor dem Sprachlabor darauf warteten, dass das um acht geöffnet wurde. Als ich dem stellvertrenden Leiter des Sprachlabors mal sagte, dass die Japaner doch fleißige Studenten seien, sagt er mir: Ih, bewahre, die kommen nur zum Pornogucken hierher. Offensichtlich gehören Pornos zur japanischen Kultur. Wenn etwas zur ➱Kultur gehört, dann darf man dagegen nichts sagen.
Für Studienberatungen, Tutorials und Einführungsvorlesungen braucht man Wissenschaftler, die etwas davon verstehen. Und die auch immer für eine face to face communication erreichbar sind. Eine Beratung per Telephon ist vollständiger Tinnef. Das mag die Telephonfürsorge tun, aber nicht eine Universität. Das sokratische Prinzip des Geschrächs ist niemals ein Auslaufmodell gewesen. Der Professor, bei dem ich als Assistent anfing, war vielleicht wissenschaftlich keine so große Leuchte. Aber er war immer für seine Studenten da, die konnten ihn bei Problemen noch nachts um elf anrufen. Und er war ein guter Prüfer. Bei dem selbst der Klaus von der DKP seine Eins im Staatesexamen kriegte. Und ➱Dodo, die Schwester von ➱Heide Simonis, die ihn mehrfach vor das Oberlandesgericht Schleswig gezerrt hatte, kriegte auch ihre verdiente Eins. Der Klaus ist nicht in den Schuldienst gekommen, weil er in der DKP war. Er wäre bestimmt ein guter Lehrer geworden. Bestimmt besser als ➱Björn Höcke.
Wenn heute jemand zur Uni kommt, voller Idealismus, und sagt: Ich bin dabei mit Seel und Leib; Doch freilich würde mir behagen Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib An schönen Sommerfeiertagen, dann bekommt er keine Studienberatung, dann bekommt er eine Checkliste. Und gegen Freiheit und Zeitvertreib an schönen Sommerfeiertagen ist nichts einzuwenden. Dafür hat Herr ➱Albig ja die Anwesenheitspflicht in den Lehrveranstaltungen abgeschafft (hier eine Graphik des Asta der Uni Kiel). Der Student heute ist ein virtuelles Wesen, das credit points sammelt.
Unser Studiosus wendet sich zwecks Studienberatung an einen berühmten Gelehrten: Ich bitt Euch, nehmt Euch meiner an! Ich komme mit allem guten Mut, Leidlichem Geld und frischem Blut; Meine Mutter wollte mich kaum entfernen; Möchte gern was Rechts hieraußen lernen. Aber er hat schon gewisse Zweifel, ob er an der Uni richtig ist: Aufrichtig, möchte schon wieder fort: In diesen Mauern, diesen Hallen Will es mir keineswegs gefallen. Es ist ein gar beschränkter Raum, Man sieht nichts Grünes, keinen Baum, Und in den Sälen, auf den Bänken, Vergeht mir Hören, Sehn und Denken. Das hat er schon begriffen, dass die Uni aus nichts anderem besteht als aus Mensa, Fahrradständern, Photokopierern und dem Sekretariat. Die Fahrradständer und den Photokopierer kennt unser Studiosus noch nicht, denn er ist direkt aus Goethes ➱Faust in unseren Text gewandert. Was er nicht weiß ist, dass sein Gegenüber garnicht der Dr Faust ist, sondern ein gewisser Mephistopheles. Und dann folgt die berühmteste Studienberatung der deutschen Literatur. Die den Studiosus seufzen lässt: Mir wird von alledem so dumm, als ging, mir ein Mühlrad im Kopf herum.
Im Jahre 2007 haben Wilma Pradetto und Thomas Schadt den Grimme Preis für ihren Dokumentarfilm Beruf Lehrer bekommen, und das völlig zu Recht. Sie haben ein halbes Dutzend Lehrer aller Altersgruppen monatelang bei ihren Unterrichtserfahrungen gefilmt. Die ARD schob den Film auf eine Sendezeit kurz vor Mitternacht. Es gab ihn mal im Internet, aber da ist er inzwischen verschwunden. Das Gute verschwindet immer aus dem Internet, der Müll bleibt. In dem Film sagt ein Lehrer (ich zitiere das sinngemäß): Die Kultusminister, das sind doch alle schlaue Leute. Ich wünschte mir, dass jeder Kultusminister einmal eine Woche lang an einer Schule unterrichtet. Ja, warum nicht. Das möchte ich sehen. Ich könnte wetten, dass die Kultusminister und ihre Staatssekretäre und ihre Referenten und Referentinnen damals nie den 90-minütigen Film Beruf Lehrer gesehen haben. Ich möchte wirklich mal sehen, dass sich der neue Amtsinhaber (nein, nicht mehr Frau ➱Wende und nicht die Gattin von Olaf Scholz) mal Jeans und ein Kapuzenshirt anzieht und sich als weiblicher Harun al Raschid in die Uni traut. Einen Monat lang. Und zur Studienberatung geht.
Aber nicht bei jemandem klopft, bei dem Dr Heinrich Faust oder Dr Mephisto an der Tür steht.
Dienstag, 6. Juni 2017
Komische Oper
Wenn ich etwas Fröhliches brauche, dann lege ich den Two-Hump Ride von Jeanie Bryson auf. Ich bin ein großer Jeanie Bryson Fan. Achim Körnig, von dem ich alles auf CD habe, was er früher mal in München in seiner Sendung ➱'round Midnight gesendet hat, offensichlich auch. Wenn ich zu faul bin, um zum CD Player zu gehen, dann nehme ich die ➱You Tube Version. Wenn man die anklickt, wird einem auch Mr Bean angeboten, wie er ➱Freude schöner Götterfunke singt. Ist witzig. Es gibt schon witzige Sachen bei YouTube.
Und was wollen Sie denn noch? herrscht der Herr mit dem zu langen dunkelblauen Schlips die Dame an. Er hat gerade den Herrn mit dem hellblauen Schlips rüde beiseite gedrängelt. Man kann es verstehen, er will schnell in die erste Reihe des Opernhauses, er ist ein großer Opernfreund. Und er ist ein Freund von Pavarotti. Hat er dem italienischen Präsident gesagt: Through the ages your country has been a beacon of artistic and scientific achievement. That continues today, from Venice to Florence, from Verdi to Pavarotti, friend of mine, great friend of mine.
Der aus einer alten adligen Familie stammende Präsident Paolo Gentiloni war so höflich, ihn nicht darauf hinzuweisen, dass Pavarotti seit zehn Jahren tot ist. Und Donald Trump schien da auch schon vergessen zu haben, dass Pavarottis Familie ihm verboten hatte, Pavarottis ➱Nessun Dorma als ➱Wahlkampfhymne zu gebrauchen. Ich habe ➱hier einen interessanten Artikel über Puccini, ➱Faschismus und Donald Trump von Brian Wise, dem Musikkritiker des Guardian. 1922 hatte Puccini dem Librettisten von Turandot geschrieben, dass Mussolini von Gott für die Rettung Amerikas gesandt worden sei.
Für eine Oper über Donald Trump würde sich eigentlich der amerikanische Komponist John Adams anbieten, der die Oper ➱Nixon in China geschrieben hat. Aber der hat das, als er darauf angesprochen wurde, kategorisch ➱abgelehnt: Er ist ein Soziopath, besitzt kein Einfühlungsvermögen und ist ein Manipulierer, hat er über Trump gesagt. Doch seit einigen Tagen gibt es doch eine kleine Oper über Trump im Internet.
Ist nicht ganz durchkomponiert, eher etwas Improvisiertes. Hat seine Basis in Puccini (aber nicht in Turandot). Nennt sich: Real Fake News: vs Trump (Rossini Edition). Es singen Rebecca Nelsen aus Wien und der junge Eric Stoklossa aus Dresden. Das müssen Sie unbedingt ➱hier anklicken, es garantiert einen fröhlichen Tag. Nicht unbedingt für Donald Trump, aber der kann eh kein Italienisch.
Sonntag, 4. Juni 2017
Pfingsten
Pfingsten ist ein christliches Fest, an dem die Ausgießung des Heiligen Geistes an die in Jerusalem versammelten Jünger gefeiert wird, wie es die Apostelgeschichte (2,1-4) berichtet. In der älteren Kunst wird die Herabkunft des Heiligen Geistes in Gestalt einer Taube oder im Bild von Feuerzungen über den Häuptern dargestellt. Mit der Aussendung des Heiligen Geistes, der die Apostel andere Sprachen sprechen und verstehen lässt, beginnt die Verkündigung der Heilsgeschichte. In den Postkarten findet sich diese christliche Ikonographie nicht, sie gestalten ausschließlich - soweit dies von uns überprüft werden konnte - säkulare Motive, die freilich zuweilen christliche Vorstellungen des Pfingstfestes aufnehmen: Es ist die Natur, die vom Hauch Gottes, vom "Lebensodem" bzw. vom "Pfingstgeist" belebt wird; der Spaziergang in die erblühende Natur, in den "grünen Dom der Wälder," tritt dem Kirchgang an die Seite. Das steht auf der wirklich schönen Seite vom ➱Goethezeitportal. Dort findet sich auch das Gedicht Pfingstbestellung aus dem Jahre 1932 von Joachim Ringelnatz, das ich mal eben zitieren möchte:
Ein Pfingstgedichtchen will heraus
Ins Freie, ins Kühne.
So treibt es mich aus meinem Haus
Ins Neue, ins Grüne.
Wenn sich der Himmel grau bezieht,
Mich stört`s nicht im geringsten.
Wer meine weiße Hose sieht,
Der merkt doch: Es ist Pfingsten.
Nun hab ich ein Gedicht gedrückt,
Wie Hühner Eier legen,
Und gehe festlich und geschmückt —
Pfingstochse meinetwegen —
Dem Honorar entgegen.
Es ist noch viel mehr als dies auf der Seite, massenhaft Pfingstgedichte und Postkarten. Der geschmückte Pfingstochse ist als Volksbrauch beinahe ausgestorben. Und von dem Pfingstochsen mit den weißen Hosen, von dem Ringelnatz redet, spricht heute auch nimand mehr. Das heißt heute overdressed.
Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingstfest, auch wenn sich der Himmel grau bezieht. Hier oben regnet es, und den Flohmarktbesuch spare ich mir heute. Und weiße Hosen ziehe ich auch nicht an.
Freitag, 2. Juni 2017
Benno Ohnesorg
Heute vor fünfzig Jahren wurde der Student Benno Ohnesorg in Berlin von dem Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Oder sollten wir sagen ermordet? Kurras, der auch von der Stasi bezahlt wurde, sammelte Waffen, verbrachte den größten Teil seiner Freizeit auf dem Schießstand. Der schießwütige Oberwachtmeister galt als einer der besten Schützen der Westberliner Polizei. Als sein Sohn zehn wurde, soll er ihm eine Pistole geschenkt haben. Wenn man sich seine Lebensgeschichte anschaut, kann man nur staunen, dass solche Menschen im Staatsdienst waren. Der Tod von Ohnesorg war der traurige Höhepunkt der Demonstrationen gegen den Besuch des persischen Schahs. Es war ein Ereignis, das die Republik veränderte.
Zusammen mit den Bremer Schülerunruhen 1968, die der Bremer Polizeipräsident Erich von Bock und Pohlach niederknüppeln ließ, markiert das tragische Berliner Ereignis mit seiner Polizeiwillkür und den Prügelpersern den Beginn einer Radikalisierung der Studenten: Wir haben die Bilder im Fernsehen nicht für möglich gehalten. Diese sogenannten Jubelperser, die mit langen Latten, ohne von der deutschen Polizei daran gehindert zu werden, auf die Demonstranten eingeprügelt haben. Es herrschte absolutes Entsetzen, daß so etwas möglich ist in Deutschland, hat Malte Goosmann gesagt. Er war damals siebzehn, kam aus einer sozialdemokratischen Familie, seinen Opa hatten die Nazis 1933 aus dem Schuldienst entlassen. Malte Goosmann musste 1968 bei den Bremer Schülerprotesten, denen sich auf die Arbeiter der Bremer Werften anschlossen, einfach dabei sein. Er ist später noch Schulleiter eines Bremer Gymnasiums geworden.
Mit Hermann Rademann, dem Wortführer der Schülerbewegung, der den Bürgermeister Koschnik öffentlich herausforderte und in die Knie zwang, war ich auf der Schule und in der ▹Evangelischen Jugend gewesen. Er ist zwanzig Jahre später elendiglich an seiner Rauschgiftsucht gestorben. Der Erfolg vom Januar 1968 und seine kleine Rolle in Zadeks Film Ich bin ein Elefant, Madame waren ihm zu Kopf gestiegen. Als ich ihn einmal bei Dr ▹Otto Proksch traf, tat er zuerst so, als würde er mich nicht kennen. Da war er, wie viele 68er Revolutionäre, schon weit weg von der Welt. Vielleicht war er auch ein Opfer von 1968.
Wasserwerfer und Knüppel waren für Bremen damals neu, in den Universitätsstädten kannte man das ansatzweise schon. In Kiel sah die Polizei besonders abschreckend aus. Während die Bremer und Hamburger Polizei ein beinahe vornehmes dunkles Blau trugen, trägt die schleswig-holsteinische Polizei eine grau-grünliche Uniform, die mit Knobelbechern und Koppel den Naziuniformen sehr ähnlich sieht. Auf meiner ersten Demonstration gegen die NPD vor dem Kieler Eichhof musste ich fassungslos mitansehen - ja, so naiv war man damals - dass die Staatsmacht mit aller Gewalt die Neonazis schützte und uns harmlose und idealistische Demonstranten verprügelte.
Das geschieht jetzt überall in Deutschland, mehr als Prügeln fällt dem Staat nicht ein. Und für die Zeitungen Axel Springers, die damals die deutsche Meinung bestimmten, sind wir keine harmlosen und idealistischen Demonstranten. Wir sind der Studententerror. El sueño de la razón produce monstruos. Die Hilflosigkeit der Polizei macht ihre Strukturkrise offenbar. Die Polizei hat in ihrer Führungsspitze zu viele Offiziere, die ihre Planstelle einem Parteibuch der Nazis verdanken und seitdem nichts in Bezug auf Menschenführung dazu gelernt haben. Erich von Bock und Polach war zuvor SS-Standartenführer gewesen. Vor ihm war der ehemalige SS-Sturmbannführer Karl Schulz, der Adjudant von Karl Nebe, Bremer Kripochef gewesen. Muss man mehr dazu sagen?
Fasce heißt Rutenbündel. Rutenbündel, wie sie zu öffentlichen Auspeitschungen benutzt wurden, wurden im alten Rom den Likturen, den Polizeipräsidenten vorangetragen; und von diesem Brauch leiteten die italienischen Anhänger Mussolinis 1920 ihren Namen 'Faschisten' ab. Faschismus heißt, ganz wörtlich, Prügelherrschaft. Ein faschistischer Staat ist ein Staat, der seine Untertanen mit Prügeln regiert und das auch ganz offen proklamiert. Eine faschistische Partei ist eine Partei, die den Prügelstaat will. Wie sie sich nennt, ist dabei gleichgültig. Sie kann sich auch NSDAP nennen; auch CDU oder SPD. Prügel müssen immer her, wenn es keine Argumente mehr gibt. Eine herrschende Klasse braucht den Prügelstaat immer dann, wenn sie ihre Herrschaft mit Vernunftgründen nicht mehr rechtfertigen kann. Das steht in keinem kommunistischen Flugblatt aus den 68er Jahren, das schreibt Sebastian Haffner vier Wochen nach dem Tod von Benno Ohnesorg in der Zeitschrift Konkret.
Dass der Tod von Benno Ohnesorg ein Einzelfall blieb, ist eigentlich ein Wunder. Wir hatten glücklicherweise in Deutschland kein Kent State Massaker. Auf meinem Schreibtisch liegt ein großer gelber Kugelschreiber, Kent State steht mit schwarzen Lettern darauf. Professor ▹Sandy Marovitz hat ihn mir geschenkt. Er erinnert mich immer an diesen wunderbaren Melville-Spezialisten, aber er weckt auch andere Erinnerungen. Es geht weltweit damals nicht anders zu als bei uns. Vielleicht sind Kurras, von Bock und Polach und Nguyên Ngoo Loan (Bild) eine Person.
Wenn jetzt der Verteidigungsfall eintreten würde, dann hätte ich als Polizeipräsident automatisch den Rang eines Generals, sagte mir Bock und Polach. Er saß neben mir ihm Auto. Ich hatte als junger Leutnant das Unglückslos gezogen: ich musste ihn in Bremen abholen und zu unserem Bataillonsball bringen. Er wurde da jedes Jahr eingeladen. Nicht weil er der Bremer Polizeipräsident war. Nein, weil er schöne Töchter hatte, beauties and the beast. Er hatte all seine ▹Kriegsorden an einer kleinen silbernen Kette an seinem Smokingrevers und lebte während der ganzen Fahrt in der Dunkelheit seine Militärphantasien aus. ▹Klaus Theweleit hätte seine Freude an dem Monolog gehabt. Es war noch einige Jahre hin bis 1968, aber von Bock und Polachs Ruf war schon zerstört. In dem Bestechlichkeitsprozeß von 1960 konnte er nicht erklärten, weshalb er und all seine Kinder plötzlich kostenlos einen Mercedes-Benz fuhren. Er wurde zwar freigesprochen, musste aber seine Amtsgeschäfte anderthalb Jahre ruhen lassen. Und wurde in einem Disziplinarverfahren zu einer dreijährigen Gehaltskürzung verurteilt. Ich habe meinem Vater nie erzählt, wen ich da am Wochenende in seinem blauen Admiral kutschiert habe.
Der Berliner Polizeipräsident Erich Duensing hatte zur Bekämpfung der Studenten die sogenannte Leberwursttaktik erfunden: Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie am Ende auseinanderplatzt. Das ist so ähnlich wie die von Bock und Polach ausgegebene Devise: Draufhauen, draufhauen, nachsetzen. Beiden Herren ist als Denkmuster völlig fremd, was der Oberrat im Bonner Polizeipräsidium Tonis Hunold fordert: Wenn durch Besonnenheit, Gelassenheit und Duldsamkeit sich etwas mehr menschliches Denken in den polizeilichen Vorstellungen durchsetzt und hierdurch Provokationen und somit Eskalationen verhindert werden, entspricht ein solcher bewusster Verzicht auf Reaktion eher der freiheitlichen, demokratischen Ordnung, als wenn durch überkommenes Prestigedenken die Voraussetzungen zum harten polizeilichen Einsatz geschaffen werden.
Meine subjektive Geschichte der Bremer Unruhen von 1968, die Peter Zadek in seinem Film Ich bin ein Elefant, Madame verarbeitete, steht schon in dem langen Post ▹Heinrich Hannover. Und in den Posts ▹Mai-Unruhen und ▹F.C. Delius steht auch noch etwas zu 1968. Der Schriftsteller Uwe Timm war mit Benno Ohnesorg befreundet, hatte mit ihm über ▹Camus diskutiert. Er hat über Ohnesorg die Erzählung Der Freund und der Fremde geschrieben, aus der Sie ▹hier einen Teil lesen können. Das wäre meine Leseempfehlung für den heutigen Tag.
Meine Arbeit über ▹Joseph Conrads Erzählung ▹Typhoon, die ich 1966 schrieb, habe ich natürlich rechtzeitig bei Professor ▹Peter Nicolaisen abgegeben. Mir gefiel der Kapitän McWhirr in der Geschichte, über den der Erzähler sagt: Having just enough imagination to carry him through each successive day. Aber McWhirr macht genau das Richtige in der schwierigsten ▹Situation, in die ein ▹Kapitän geraten kann. He is the product of twenty years of life. My own life, hat Conrad über seine Romanfigur gesagt. Es wäre schön gewesen, wenn wir 1968 Politiker mit der Charakterfestigkeit von Kapitän McWhirr gehabt hätten. In meine Hausarbeit musste ich damals unbedingt eine kleine Anekdote hineinschmuggeln, die Thomas Mann in Meerfahrt mit Don Quijote erzählt: Iwan Gontscharow wurde während eines Sturmes auf hoher See vom Kapitän aus seiner Kajüte geholt: er sei ein Dichter, er müsse das sehen, es sei großartig. Der Verfasser des 'Oblomow' kam an Deck, sah sich um und sagte: "Ja, Unfug, Unfug.“ Dann ging er wieder hinunter.
Dieses Unfug, Unfug gilt auch für vieles von 1968. Nicht für den Tod von Benno Ohnesorg, das war eine Tragödie. Alles, was an dem Tag wirklich geschah, ist in Berlin ▹vertuscht worden. Der Todesschütze Kurrass wurde zweimal angeklagt und zweimal freigesprochen. Die Angehörigen von Benno Ohnesorg, seine Frau und ein Sohn Lukas haben niemals eine Wiedergutmachung erhalten. Und das bleibt eine Schande.
Wenn jetzt der Verteidigungsfall eintreten würde, dann hätte ich als Polizeipräsident automatisch den Rang eines Generals, sagte mir Bock und Polach. Er saß neben mir ihm Auto. Ich hatte als junger Leutnant das Unglückslos gezogen: ich musste ihn in Bremen abholen und zu unserem Bataillonsball bringen. Er wurde da jedes Jahr eingeladen. Nicht weil er der Bremer Polizeipräsident war. Nein, weil er schöne Töchter hatte, beauties and the beast. Er hatte all seine ▹Kriegsorden an einer kleinen silbernen Kette an seinem Smokingrevers und lebte während der ganzen Fahrt in der Dunkelheit seine Militärphantasien aus. ▹Klaus Theweleit hätte seine Freude an dem Monolog gehabt. Es war noch einige Jahre hin bis 1968, aber von Bock und Polachs Ruf war schon zerstört. In dem Bestechlichkeitsprozeß von 1960 konnte er nicht erklärten, weshalb er und all seine Kinder plötzlich kostenlos einen Mercedes-Benz fuhren. Er wurde zwar freigesprochen, musste aber seine Amtsgeschäfte anderthalb Jahre ruhen lassen. Und wurde in einem Disziplinarverfahren zu einer dreijährigen Gehaltskürzung verurteilt. Ich habe meinem Vater nie erzählt, wen ich da am Wochenende in seinem blauen Admiral kutschiert habe.
Der Berliner Polizeipräsident Erich Duensing hatte zur Bekämpfung der Studenten die sogenannte Leberwursttaktik erfunden: Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie am Ende auseinanderplatzt. Das ist so ähnlich wie die von Bock und Polach ausgegebene Devise: Draufhauen, draufhauen, nachsetzen. Beiden Herren ist als Denkmuster völlig fremd, was der Oberrat im Bonner Polizeipräsidium Tonis Hunold fordert: Wenn durch Besonnenheit, Gelassenheit und Duldsamkeit sich etwas mehr menschliches Denken in den polizeilichen Vorstellungen durchsetzt und hierdurch Provokationen und somit Eskalationen verhindert werden, entspricht ein solcher bewusster Verzicht auf Reaktion eher der freiheitlichen, demokratischen Ordnung, als wenn durch überkommenes Prestigedenken die Voraussetzungen zum harten polizeilichen Einsatz geschaffen werden.
Tonis Hunold wird beim Sternmarsch auf Bonn im Mai 1968, der damals größten Demonstration in Deutschland, der Einsatzleiter sein. Und es passiert nichts. Keine Gummiknüppel, keine Wasserwerfer. Stattdessen De-Eskalation, Flugblätter werden von Polizisten an die Bevölkerung verteilt, auf denen steht, dass Demonstrationen ein Grundrecht der Demokratie sind.
Im Juni 1966 wohne ich in Kiel im vierten Stock eines Hauses am Schrevenpark. Man hat hier einen schönen Blick, der Himmel ist nahe. Eigentlich sollte ich meine Proseminararbeit über Joseph Conrad schreiben und nicht so viel in den Himmel schauen. Oder nicht so häufig den vom Grünspan überzogenen Turm der Lutherkirche zeichnen. Aber der Ausblick ist zu verführerisch, bei jedem Wetter. Aus mir wird kein ▹John Constable, aber die Wolken kann ich stundenlang anschauen. Eines Nachmittags sehe ich unten am Eingang des Parks einen großen schwarzen Hund. Ich weiß nicht, was das für eine Rasse ist. Er ist so groß wie ein Irish Wolfhound, aber er hat glattes schwarzes Fell. Der Hund tut niemandem etwas, er steht nur da. Nach zwanzig Minuten kommt die Polizei und guckt den Hund an. Nach zehn Minuten Palaver mit seinem Kollegen holt ein Polizist seine Pistole aus der Pistolentasche und erschießt den Hund. Drei Schüsse. Einfach so, ohne Grund. Diese Szene, dieses sinnlose Töten, bekomme ich nie wieder aus dem Kopf. Wie das Photo von Nguyên Ngoo Loan. Ein Jahr später wird Benno Ohnesorg erschossen.
Meine subjektive Geschichte der Bremer Unruhen von 1968, die Peter Zadek in seinem Film Ich bin ein Elefant, Madame verarbeitete, steht schon in dem langen Post ▹Heinrich Hannover. Und in den Posts ▹Mai-Unruhen und ▹F.C. Delius steht auch noch etwas zu 1968. Der Schriftsteller Uwe Timm war mit Benno Ohnesorg befreundet, hatte mit ihm über ▹Camus diskutiert. Er hat über Ohnesorg die Erzählung Der Freund und der Fremde geschrieben, aus der Sie ▹hier einen Teil lesen können. Das wäre meine Leseempfehlung für den heutigen Tag.
Meine Arbeit über ▹Joseph Conrads Erzählung ▹Typhoon, die ich 1966 schrieb, habe ich natürlich rechtzeitig bei Professor ▹Peter Nicolaisen abgegeben. Mir gefiel der Kapitän McWhirr in der Geschichte, über den der Erzähler sagt: Having just enough imagination to carry him through each successive day. Aber McWhirr macht genau das Richtige in der schwierigsten ▹Situation, in die ein ▹Kapitän geraten kann. He is the product of twenty years of life. My own life, hat Conrad über seine Romanfigur gesagt. Es wäre schön gewesen, wenn wir 1968 Politiker mit der Charakterfestigkeit von Kapitän McWhirr gehabt hätten. In meine Hausarbeit musste ich damals unbedingt eine kleine Anekdote hineinschmuggeln, die Thomas Mann in Meerfahrt mit Don Quijote erzählt: Iwan Gontscharow wurde während eines Sturmes auf hoher See vom Kapitän aus seiner Kajüte geholt: er sei ein Dichter, er müsse das sehen, es sei großartig. Der Verfasser des 'Oblomow' kam an Deck, sah sich um und sagte: "Ja, Unfug, Unfug.“ Dann ging er wieder hinunter.
Dieses Unfug, Unfug gilt auch für vieles von 1968. Nicht für den Tod von Benno Ohnesorg, das war eine Tragödie. Alles, was an dem Tag wirklich geschah, ist in Berlin ▹vertuscht worden. Der Todesschütze Kurrass wurde zweimal angeklagt und zweimal freigesprochen. Die Angehörigen von Benno Ohnesorg, seine Frau und ein Sohn Lukas haben niemals eine Wiedergutmachung erhalten. Und das bleibt eine Schande.
Abonnieren
Posts (Atom)













































