Montag, 13. April 2026

Gedichte in Prosa


Emil Servatius Gött, der am 13.4.1908 im Alter von vierundvierzig Jahren in Freiburg starb, hatte mal eine gewisse Berühmtheit. Er war Vegetarier und Anhänger der Lebensreform Bewegung, er hatte ein kleines Landgut gekauft, das er ökologisch bewirtschaftete. Gött war ein Freund von dem berühmten Emil Strauß, der nach Götts Tod auch seine Gedichte herausgab. Ob die heute noch Bestand haben, weiß ich nicht. Aber seine Aphorismen, die 1911 bei Beck in München erschienen sind, werden von Literaturkritikern immer wieder erwähnt. Götts Gedichte sind auch im gleichen Jahr bei Beck erschienen. Ich picke mir mal eins heraus, das sich unter der Unterschrift Gedichte in Prosa bei seinen Gedichten findet. So etwas hatten wir hier noch nicht. Gött ist nicht der erste und nicht der letzte, der Prosagedichte geschrieben hat, aber heute soll uns dieses Liebesgedicht genügen:

Dein Auge, Mädchen . . .

Dein Auge, Mädchen, hat etwas Suchendes, aber es hüpft nicht unruhig umher, sondern es wartet. Es gleicht einer Blüte, die befruchtet sein will. Sie öffnet sich weit, durstend nach dem Trank, den sie nicht sieht, nicht einmal kennt, den sie nur erwartet, sie strahlt ihm entgegen, aber sie läuft nicht hin und her.

Deine Hand hat etwas Tastendes; auch sie sucht; aber sie streichelt nur über die Dinge, sie kennt nicht den harten Griff, der den Affen und seinen Vetter kennzeichnet.

Dein Mund hat etwas Horchendes; er schwatzt nicht viel; er ist glücklich, wenn er plaudern darf – am liebsten über Dinge, die etwas Verschwiegenes an sich haben, an schämig sich enthüllende Rätsel rühren; er ist aber auch zufrieden, wenn er schweigen kann. Er horcht dann mit dem feinen Ohre zusammen. Nein, es horcht dann alles: Ohr, Auge, Mund und Hand, und unter der blassen Haut schimmert eine sanfte Glut.

Ich möchte dir sagen, daß ich dich darum liebe – aber ich darf es nicht, darf diese Glut nicht dunkler färben. Doch ich sehne mich vielleicht mehr als du nach dem Augenblick, wo du die Arme in seligem Zittern um den Nacken eines geliebten Mannes werfen darfst. Nicht

um den meinen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen