Mein erstes Seminar über die deutsche Literatur des Barock an der Uni Hamburg war in den sechziger Jahren das Proseminar Das europäische Drama und Theater des Barock bei dem Hamburger Theaterwissenschaftler Dr Diedrich Diederichsen, dessen Sohn als Pop Literat berühmt wurde. Ich habe den Sommer in Hamburg und meine schöne Nachbarin in der Hinterhofkaserne in St Pauli schon in den Post Vergil hineingeschrieben. In den Vorlesungen im Audimax saßen tausende von Studenten, aber in Diederichsens Seminar hatten sich nur wenige Studenten (es waren höchstens zwanzig) verirrt. Was sicher ein Fehler war, denn es war ein hervorragendes Seminar. Meine erste Begegnung mit der Barockliteratur hatte für mich als Leser Folgen; es blieb nicht nur bei der Lektüre von Opitz, Gryphius, Hoffmannswaldau und Lohenstein (dessen →Sophonisbe man in Diederichsens Seminar lesen musste), ich las mich durch ein ganzes Jahrhundert deutscher Dichtung. Den genialischen Johann Christian Günther (der hier die Posts ein Poet im vollen Sinne des Worte und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten hat) entdeckte ich erst Jahre später.
Den am zweiten April 1628 geborenen Komponisten und Dichter Constantin Christian Dedekind entdeckte ich erst vor ein paar Tagen bei der Suche im Internet. Er ist als Dichter auch nicht so berühmt wie all die Autoren, die bei mir inzwischen einen Post bekommen haben. Ein Gedicht, das Wandel der Zeit heißt, hat überlebt, weil es heute manchmal noch ✺gesungen wird. Es erschien 1665 in Dresden in dem Sammelband Aelbianische Musen-Lust: in einhundertundfünfundsiebenzig unterschiedlicher berühmter Poeten auserlesenen, mit ahnmuthigen Melodeien beseelten, Lust-, Ehren-, Zucht- und Tugend-Liedern bestehende. Da das Buch bei Ihnen wahrscheinlich nicht im Bücherregal steht, gibt es den Text heute hier.
Von Constantin Christian Dedekind ist allerdings nur die Melodie des Liedes, der Verfasser des Textes ist der Barockdichter Andreas Tscherning, den man einmal den deutschen Horaz genannt hat. Den Namen hat er wohl bekommen, weil er auch →Liebesgedichte geschrieben hat. Ich habe hier den Zeitenwandel mit allen Strophen, weil man das Gedicht kaum im Netz findet:
Wir sind ein Traum der Zeiten,
Ein Bild der Eitelkeiten,
Der Tage Maß besteht
Wie Rauch der bald zerrinnet,
Wie Schatten, der beginnet
Und bald vorübergeht
Es pflegen zwar die Winde,
Des Äolus Gesinde,
Im Fluge fortzuziehn.
Geschwind ist eine Welle,
Auch Pfeile fliegen schnelle,
die Zeit schleicht eher hin.
Dies Wesen so wir treiben,
Ist unbeständigs Bleiben,
Wir wallen ab und zu.
Bald wirft uns Furcht darnieder,
Bald bringt uns Hoffnung wieder,
Wir wechseln Streit und Ruh.
O selig, wer die Sachen
Der Erde kann verlachen!
Wer bloß auf diese Zeit
Ihm Hoffnung weiß zu geben,
Der führt ein totes Leben
Und stirbt in Traurigkeit.
Unser Dichter kann mehr als dieses recht einfache Lied, vielleicht lesen Sie einmal Tschernings berühmtes Gedicht →Melancholey Redet selber, das ist schon heavy stuff. Man kann dem Blogger, der den Text abgetippt und ins Netz gestellt hat, nur dankbar sein. Das Gedicht, das wenige Jahre nach Robert Burtons Anatomy of Melancholy erschien, ist irgendwie immer noch modern. Einer von Tschernings Zeitgenossen hat ihn Martin Opitz gleichgestellt (Hic erit Opitio par, nisi major erit), aber das ist wohl etwas übertrieben.
Noch mehr deutsche Barocklyrik in den Posts: Martin Opitz, Gänsemarkt, Simon Dach, Leserschwund, Zacharias Lund, Fruchtbringende Gesellschaft, der Torstenssonkrieg, Johann Rist, Frühling, Frisia non cantat, so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten, ein Poet im vollen Sinne des Worte, Petrarca, Poetry trumps Trump, porentief rein, Frühlingsanfang
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