Donnerstag, 8. April 2021

so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten


Die deutsche Barockforschung begann für die Germanistik mit dem berühmten Seminar von Julius Petersen im Wintersemester 1927/1928, aus dem eine ganze Generation von Germanisten hervorgegangen ist. Leute wie Wolfgang Kayser, Hans Pyritz, Richard Alewyn, Benno von Wiese und Erich Trunz. Mein erstes Barockseminar war in den sechziger Jahren ein Proseminar Das europäische Drama und Theater des Barock bei dem Hamburger Theaterwissenschaftler Dr Diedrich Diederichsen. Der war auch der Leiter der 1940 gegründeten Theatersammlung, die zu dem Lehrstuhl für Germanistik in Hamburg gehörte. Es hatten sich in dem Sommer nur wenige Studenten (es waren höchstens zwanzig) in sein Seminar verirrt, was sicher ein Fehler war, denn es war ein hervorragendes Seminar. 

Diedrich Diederichsen, mein Wegführer in die Barockliteratur, hat inzwischen endlich einen Wikipedia Eintrag. Sein Sohn, der Jahrzehnte später noch berühmt wurde, hat einen viel längeren Artikel, und das Internet ist voll mit Einträgen über diesen Pop Literaten. Von den Schülern des berühmten Julius Petersen habe ich zwei noch kennengelernt. Bei Erich Trunz habe ich eine Handvoll Vorlesungen gehört, und später habe ich einmal Richard Alewyn gesehen. Ich begleitete damals einen emeritierten Professor, der mir die Universität Bonn zeigte, als er einen Herrn auf der anderen Straßenseite grüßte und mir dann sagte: Das war Richard Alewyn. Ich sagte dem Professor, dass ich Alewyns Buch über das Barocktheater gelesen hätte, woraufhin er mir sagte: Sie müssen seine Schriften mit Vorsicht geniessen. Er ist kein guter Lateiner, und er fährt einen grünen DKW. Kein Wort über die wissenschaftliche Leistung von Alewyn, nur dieser Schmäh mit dem grünen DKW. Was hätte Martin Opitz zu solchem Quatsch gesagt? Das enge Meer der Eitelkeit käme mir in den Sinn, aber Opitz hat das anders gemeint.

Meine erste Begegnung mit der Barockliteratur, die ich hier mal eben dem Post Martin Opitz entnommen habe, hatte für mich als Leser Folgen; es blieb nicht nur bei Opitz, Gryphius, Hoffmannswaldau und Lohenstein (dessen Sophonisbe man im Diederichsens Seminar lesen musste), ich las mich durch ein ganzes Jahrhundert. Aber da war einer, den hatte ich vergessen. Das merkte ich, als ich im Grabbelkasten den biographischen Roman Schönheit der Verwilderung: Das kurze Leben des Johann Christian Günther von Henning Boetius fand. Goethe hat über den Dichter, der nur achtundzwanzig Jahre alt wurde, gesagt: Ein entschiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtnis, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grad, rhythmisch bequem, geistreich, witzig und dabei vielfach unterrichtet; genug, er besaß alles, was dazu gehört, im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervorzubringen, und zwar in dem gemeinen wirklichen Leben. Wir bewundern seine große Leichtigkeit, in Gelegenheitsgedichten alle Zustände durchs Gefühl zu erhöhen und mit passenden Gesinnungen, Bildern, historischen und fabelhaften Überlieferungen zu schmücken. Das Rohe und Wilde daran gehört seiner Zeit, seiner Lebensweise und besonders seinem Charakter oder, wenn man will, seiner Charakterlosigkeit. Er wusste sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten. Die letzten beiden Sätze sind natürlich tödlich und beeeinflussen für lange Zeit das Urteil über das junge Genie.

Der Schriftsteller Klabund war im Jahre 1920 ganz anderer Meinung als Goethe: Wie ein Sturmwind braust Johann Christian Günther (aus Striegau, 1695–1723), der Götterbote einer neuen Zeit, in die deutsche Dichtung. Er schmiedete ihr Er schmiedete ihr die Waffen, mit denen sie später unter Goethe den himmlischen Sieg erfechten sollte. Was wäre der Sturm und Drang ohne Günther? Was Goethe ohne Günther geworden? Er war sein Vorläufer, sein Johannes, der ihm die Wege bereitete. Wie in Frankreich der Vagant François Villon, so steht in Deutschland der ahasverische Wanderer Johann Christian Günther, Student und Vagabund, der Unstete, der Schweifende, am Anfang der neuen Dichtung.

Es gab hier vor fünf Jahren, dem Todestag von Günther, schon einen Post für ihn, der ein Poet im vollen Sinne des Wortes hieß. Suhrkamp hat 1998 eine Werkausgabe mit 1.500 Seiten herausgebracht, mir reichen die 443 Seiten der Ausgabe des Hanser Verlags von 1981, die Herbert Heckmann (Träger des Bremer Literaturpreises 1963) herausgegeben hatte. Bei Zeno finden sich hunderte von Gedichten aus der sechsbändigen Historisch-kritischen Gesamtausgabe, die von Wilhelm Krämer besorgt wurde. Diese ab 1930 erschienene Ausgabe wurde 1964 von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft noch einmal neu aufgelegt.

Und ein Gedicht von Johann Christian Günther habe ich natürlich auch noch. Kurz und knapp, und nach dreihundert Jahren noch ungeheuer lebendig:

Was war das vor ein göttlich Paar?
Wo hat die Welt dergleichen Lüste?
So lacht' ihr Mund, so flog das Haar,
So hüpften die gefüllten Brüste.
Die Sehnsucht schilt den leeren Raum,
Ich weis nicht, was ich selbst begehre.
Der Menschen Leben heist ein Traum,
O wenn doch meins ein solcher wäre!

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