Dienstag, 13. April 2021

Auf dem Strom


Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht mehr wusste, dass Ludwig Rellstab hier vor einem Jahr einen Post hatte. Dass er in den Posts Henriette Sontag und Nachtigallen auftaucht, das wusste ich noch. Ich nehme von seinen Gedichten heute einmal das Gedicht Auf dem Strom. Nicht weil das große Lyrik ist, sondern weil Schubert es vertont hat. Rellstab und Schubert sind sich nicht begegnet, Rellstab hatte seine Gedichte 1825 an Beethoven in Wien geschickt, weil er hoffte, dass der sie vertonen würde: Inneliegend, hochverehrtester Herr, übersende ich Ihnen einige Lieder, die ich für Sie habe copiren lassen; es werden bald noch mehrere in anderem Geschmack folgen. Diese haben vielleicht das Neue, daß sie einen Zusammenhang unter sich bilden, der auf Glück, Vereinigung, Trennung, Tod und Hoffnung auf das Jenseits ahnen läßt, ohne bestimmte Vorfälle anzugeben. – Möchten diese Gedichte Ihnen so viel Liebe abgewinnen, daß Sie sich zur Composition entschließen, und auf diese Art die Verbindung mit einer Handlung eröffneten, die es sich zum Grundsatz gemacht hat, so viel als irgend möglich ist, nur der wahren höchsten Kunst förderlich zu sein und die Begeisterung des Componisten als das erste Gesetz betrachtet, nach dem er schreiben soll. 

Aber der schwerkranke Beethoven vertont die Lieder nicht, sein Sekretär Anton Schindler gibt die Gedichte an Schubert weiter. So schreibt dann Rellstab in seiner Autobiographie: Diese Blättchen sind nicht verloren gegangen; Herr Professor Schindler hat sie mir vor Jahren aus Beethovens Nachlaß zurück gestellt. Einige waren mit Bleistiftzeichen versehen, von Beethovens eigener Hand; es waren diejenigen, welche ihm am besten gefielen, und die er damals an Schubert zur Composition gegeben, weil er selbst sich zu unwohl fühlte. In dessen Gesangscompositionen finden sie sich auch, und einige davon sind ganz allgemein bekannt geworden. Mit Rührung empfing ich die Blättchen zurück, die einen so eigenthümlichen, aber der Kunst fruchtbar gewordenen Weg gemacht hatten, bis sie wieder zu mir zurückkehrten. Zehn Gedichte von Rellstab hat Schubert vertont, Auf dem Strom ist eins davon:

Nimm die letzten Abschiedsküsse,
Und die wehenden, die Grüße,
Die ich noch ans Ufer sende,
Eh' dein Fuß sich scheidend wende!
Schon wird von des Stromes Wogen
Rasch der Nachen fortgezogen,
Doch den tränendunklen Blick
Zieht die Sehnsucht stets zurück!

Und so trägt mich denn die Welle
Fort mit unerflehter Schnelle.
Ach, schon ist die Flur verschwunden,
Wo ich selig sie gefunden!
Ewig hin, ihr Wonnetage!
Hoffnungsleer verhallt die Klage
Um das schöne Heimatland,
Wo ich ihre Liebe fand.

Sieh, wie flieht der Strand vorüber,
Und wie drängt es mich hinüber,
Zieht mit unnennbaren Banden,
An der Hütte dort zu landen,
In der Laube dort zu weilen;
Doch des Stromes Wellen eilen
Weiter ohne Rast und Ruh,
Führen mich dem Weltmeer zu!

Ach, vor jener dunklen Wüste,
Fern von jeder heitern Küste,
Wo kein Eiland zu erschauen,
O, wie faßt mich zitternd Grauen!
Wehmutstränen sanft zu bringen,
Kann kein Lied vom Ufer dringen;
Nur der Sturm weht kalt daher
Durch das grau gehobne Meer!

Kann des Auges sehnend Schweifen
Keine Ufer mehr ergreifen,
Nun so schau' ich zu den Sternen
Auf in jenen heil'gen Fernen!
Ach, bei ihrem milden Scheine
Nannt' ich sie zuerst die Meine;
Dort vielleicht, o tröstend Glück!
Dort begegn' ich ihrem Blick.

In seinem letzten Lebensjahr hatte Schubert zwei Lieder geschrieben, bei denen neben Singstimme und Klavier noch ein weiteres Instrument beteiligt ist, das ist die Klarinette in Der Hirt auf dem Felsen und das Horn in Auf dem Strom. Das Lied wurde im März 1828 in dem einzigen von Schubert selbst veranstalteten Konzert aufgeführt. Schubert saß am Klavier, es sang Schuberts Freund Ludwig Titze. Das Horn, das in der romantischen Literatur als Waldhorn auftaucht, spielte der berühmte Josef Rudolf Lewy, der später noch Hornist bei Richard Wagner in Dresden wurde. Die Aufführung begeisterte die Hörer und wurde einen Monat später in derselben Besetzung wiederholt. Gedruckt erschienen die Noten allerdings erst nach Schuberts Tod mit einer zusätzlichen Violoncello Stimme statt des Horns versehen.

Dafür habe ich hier ein Beispiel, es singt der irische Tenor Robin Tritschler und Louisa Tuck spielt das Cello. Josef Rudolf Lewy hatte 1828 wahrscheinlich ein Horn mit zwei Ventilen benutzt, bei dieser Aufnahme habe ich aber etwas besonderes: Konstantin Timokhine spielt ein Naturhorn, das hört man selten. Und die Schweizerin Regula Mühlemann (die auch einmal Der Hirt auf dem Felsen gesungen hat) singt sehr schön. Und zum Schluss habe ich noch einen kleinen Klassiker aus dem Jahre 1943: Peter Anders mit dem Pianisten Michael Raucheisen und am Horn Hans Berger. 

Wenn Schubert nicht wäre, würde wahrscheinlich niemand mehr über den Dichter Ludwig Rellstab reden, denn das hier ist auch von ihm:

Leise flehen meine Lieder
Durch die Nacht zu dir;
In den stillen Hain hernieder,
Liebchen, komm zu mir!

Flüsternd schlanke Wipfel rauschen
In des Mondes Licht;
Des Verräters feindlich Lauschen
Fürchte, Holde, nicht.

Hörst die Nachtigallen schlagen?
Ach! sie flehen dich,
Mit der Töne süßen Klagen
Flehen sie für mich.

Sie verstehn des Busens Sehnen,
Kennen Liebesschmerz,
Rühren mit den Silbertönen
Jedes weiche Herz.

Lass auch dir die Brust bewegen,
Liebchen, höre mich!
Bebend harr' ich dir entgegen!
Komm, beglücke mich!

Natürlich habe ich auch davon eine Tonaufnahme, es gibt hunderte, aber ich nehme heute einmal die von Werner Güra, der auch Die schöne Müllerin sehr schön gesungen hat.

Keine Kommentare:

Kommentar posten