Sonntag, 11. April 2021

Prince Philip ✝

Bitte bleiben Sie noch einen Augenblick stehen, sagte der Polizist. Woher wusste der, dass ich Deutscher war? Er fügte dann noch hinzu: Die Königin kommt gleich. Da stand ich nun in Amsterdam vor einem Zebrastreifen und wartete. Dann kam die Königin Juliana, aber die Königin Elizabeth saß auch in der Kutsche. Philip in einer zweiten. Das war das erstemal, dass ich Philip sah. Sieben Jahre später sah ich ihn noch einmal. Das war ein schöner Tag im Mai, als der Professor für englische und amerikanische Literatur Rudolf Haas im Hamburger Audimax ankündigte, dass er seine Vorlesung über die elisabethanische Literatur heute etwas früher beenden würde. Damit Sie alle Zeit haben, die Königin zu sehen, ein Pflichtprogramm für Anglistikstudenten. Die Queen wird wenig später im offenen Mercedes 600 durch die Schlüterstraße fahren, Elisabeth I und Elisabeth II sind hier heute nur zehn Minuten und hundert Meter voneinander entfernt.

Ein Jahr später sah ich Philip wieder. In Kiel, er war zum Segeln gekommen. Hier ist er auf seiner Yacht Bloodhound, die die königliche Familie gebraucht gekauft hatte, neu wäre sie Philip zu teuer gewesen. Philip war ein großer Segler, er hat über die Jahre in verschiedenen Bootsklassen zahlreiche Regatten gewonnen. Auf dem Photo hält er eine weiße Mütze in der Hand, er durfte so etwas tragen, er war Marineoffizier. Der Herr mit der weißen Mütze auf dem Kopf ist der Ministerpräsident Lemke. Der war im Zweiten Weltkrieg auch Marineoffizier, aber vorher hat er die braunen Uniformen der Nazis getragen. Die Google Bilderwelt scheint diese Bilder gelöscht zu haben, aber in meinem Post Signale kann man Lemke noch in SA-Uniform sehen. Der Prinz Philip von Griechenland und Dänemark hat keine dunklen Flecken in seiner Geschichte. Für seine Schwestern, die adlige Nazis heirateten, konnte er nichts. Wir lassen das mal weg, dass Queen Mom immer von Philip als dem Hunnen redete, aber Queen Mom verehrte ja auch Bomber Harris

Im Colloquium von Professor Titelnot diskutierten wir damals wochenlang, welche Bilder wir ihm an die Wände seiner Hotelsuite hängen sollten. Es musste unbedingt Nolde sein, den kann ich zwar nicht ausstehen, aber ich meldete mich freiwillig für die Arbeit des Aufhängens. Wir hatten die Noldes kaum an der Wand, als Philip schon im Zimmer war. Er war sehr nett, aber ich wußte vor Verlegenheit nicht, wo ich hingucken sollte. Also habe ich auf seine Schuhe geguckt. Schöne weinrot-braune hochpolierte Schuhe, wahrscheinlich von John Lobb. Passten in der Farbe prima zu seinem bordeauxfarbenen Rolls-Royce draußen auf dem Hof. 

Es gab zwar immer schöne Frauen in Philips Leben, wie hier seine Freundin Angela Cara Delevingne, die die Tochter eines Viscounts war, aber als er Lisbeth gefunden hatte, blieb er ihr ziemlich treu. Die englische Skandalpresse hat zwar immer etwas Amouröses gefunden, aber an der Verbreitung von Lügen verdienen die Murdochs dieser Welt ihr Vermögen. In der jetzt laufenden Netflix Serie The Crown wird Philip mit dem Profumo Skandal in Verbindung gebracht (Sie könnten jetzt einmal den schönen Post Christine Keeler lesen), aber da ist auch nichts dran.

Er besaß gute Schneider (in den letzten fünfzig Jahren war das John Kent) und viele Uniformen. Hier trägt er die schräge Mütze (im Original grün und weiß) der Royal Irish Hussars. Am liebsten trug er Marineuniformen, als er neunzig wurde, ernannte ihn seine Gattin zum Lord High Admiral, da brauchte er wieder eine neue Uniform. Als seine Frau 1952 unvermutet Königin von England wurde, nahm Philip seinen Abschied von der Royal Navy: Ich war gerade zum Fregattenkapitän befördert worden, hatte damit den interessantesten Teil der Karriere begonnen. Natürlich war ich enttäuscht. Doch dann besann ich mich. Als Ehemann einer Königin, schien mir, war meine oberste Pflicht, nach bestem Vermögen ihr zu dienen. Als er heiratete, hat er auf die Titel eines Prinzen von Griechenland und eines Prinzen von Dänemark verzichtet, erhielt die britische Staatsbürgerschaft und änderte seinen Familiennamen in Mountbatten. Bekam von seiner Frau dann noch die Titel Duke of EdinburghEarl of Merioneth und Baron Greenwich dazu.

Mit sechsundneunzig Jahren hatte Prince Philip seinen letzten offiziellen Auftritt, da hatte er siebzig Jahre seiner Königin gedient. Immer ein Gentleman. Die Premierministerin Theresa May (kann sich noch jemand an die erinnern?) twitterte: As he carries out his final public engagement, I thank the Duke of Edinburgh for a remarkable lifetime of service. I hope the Duke, after 22,219 solo engagements since 1952, can now enjoy a well-earned retirement! Er trug keine Uniform mehr. Die Militärkapelle der Royal Marines spielte die Nationalhymne und For He’s a Jolly Good Fellow. Das war's. Einen wie ihn bekommt England nie wieder. Auch wenn er ruppig sein konnte und eine spezielle Form des englischen Humors hatte, verbarg er immer hinter dieser Fassade einen gebildeten Menschen, der mehrere Sprachen fließend sprach und mehr als zehntausend Bücher besaß. Und Gedichte las.

Dieser Blondschopf im Kostüm eines Ritters ist der vierzehnjährige Philip, als er in seinem schottischen Internat eine kleine Nebenrolle bei der Aufführung von Shakespeares Macbeth hat. Man sieht ihm nicht an, dass er er eine schwere Kindheit hatte. Er ist mit dem Adel von ganz Europa verwandt, aber er hat kein wirkliches Zuhause. Als er in einem Interview nach seiner Kindheit gefragt wurde, sagte er: What do you mean, ‘home’? You get on with it. You do. One does. Das klingt ein wenig nach Becketts Satz You must go on. I can't go on. I'll go on. Er war seinem Lehrer Kurt Hahn von Salem zur British Salem School in Gordonstoun gefolgt, Philips Schwager, der Prinz von Baden, hatte Hahn bei der Ausreise geholfen. Salem und Gordonstoun waren für Philip die glücklichsten Jahre. Drei Jahre nach der Macbeth Aufführung war er in der Royal Navy, wo er mit einundzwanzig der jüngste Leutnant der Royal Navy wurde. Er war kein Engländer, aber sein Onkel Lord Mountbatten hatte dafür gesorgt, dass ihn die Navy aufnahm. Die Engländer scheinen da sehr großzügig zu sein, Adrian Carton de Wiart war acht Jahre in der englischen Armee, bevor jemand merkte, dass der belgische Baron kein Engländer war.

Ich brauche das Photo von dem jungen Blondschopf, denn ich habe ein Gedicht dazu, das Prince Philip As an Actor in Macbeth heißt. Da der derzeitige Poet Laureate Simon Armitage (der einmal Sir Gawain and the Greene Knighte ins Neuenglische übersetzte) noch nicht als Hofdichter zu dem Tod von Philip tätig geworden ist, nehme ich das Sonett von dem Amerikaner Phillip Whidden, das auf der Seite einer relativ obskuren Society of Classical Poets veröffentlicht wurde. Über den Dichter weiß ich nichts, allerdings hat er im Internet eine beeindruckende Seite, auf der wir hunderte seiner Sonette finden. Das Gelegenheitsgedicht über den jungen Blondschopf ist eigentlich gar nicht so schlecht:

He wore a white gold crown wherever he
Was living, Denmark, Greece, and also here
In Scotland and in England. Like a spree
Of happiness, he was a musketeer
Of royal beauty whose blond diadem
Was full of pranks and alpha male-ish fun.
His suffering something to deny, a gem
Worn silently concealed the way a nun
Belies distress, young Philip’s pain was hard
As diamonds inside a regal watch
That keeps to time inerrantly. If scarred,
He never showed it. Platinum the swatch
     Of hair across his forehead, silver gold,
     Was like a future victory foretold.

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