Dienstag, 6. April 2021

Laura de Sade


Am 6. April des Jahres 1348 hat der Dichter Petrarca seine Laura gesehen: Laura erschien meinen Augen zum ersten Mal in meiner ersten Jünglingszeit, im Jahre des Herrn 1327, am sechsten Tag des Monats April, in der Kirche der heiligen Klara zu Avignon. Er schreibt hunderte von Sonetten auf die Geliebte. Er versucht sie zu beschreiben, sie zu gewinnen. Wir wissen, dass das selten gelingt, wie hier in Magrittes Bild La Tentative de l'impossible, wo ein Maler eine Frau nicht auf die Leinwand, sondern in die dreidimensionale Wirklichkeit des Raumes zu malen versucht.

Aber was Magrittes Maler gelingt, gelingt Petrarca nicht. Er kriegt sie nicht, seine Laura, sie heiratet einen Grafen Hugues de Sade. Jahrhunderte später wird der Onkel des Marquis de Sade ein Buch über diese Laura schreiben, und den Marquis lässt der Gedanke nicht los, dass er mit Petrarcas Liebesobjekt verwandt ist: Laura verdreht mir den Kopf, ich bin wie ein Kind. Nachts träume ich von ihr ... es war um Mitternacht, und plötzlich erschien sie mir. Ihre Augen hatten noch das gleiche Feuer wie damals, als Petrarca sie rühmte: 'Komm zu mir. Kein Leid, kein Kummer, keine Unruhe sind in dem unendlichen Raum, in dem ich wohne. Habe den Mut, mir zu folgen.' Es ist  nicht so ganz sicher, ob diese Laura, die dem Grafen de Sade elf Kinder schenken wird, wirklich Petrarcas Laura gewesen ist, aber der Marquis de Sade hat fest daran geglaubt. So stammt durch einen bizarren Einfall der Natur der Mann, der in der Liebe nur das Tierische sah, von der Frau, für die der göttliche Petrarca die reinste und edelste Glut empfand, schreibt ein französischer Schriftsteller.

Der englische Dichter Sir Philip Sidney (der hier schon einen Post hat) wird von dem Italiener die Form des Sonetts übernehmen, in seinem Gedichtzyklus Astrophel and Stella sind über hundert Sonette (Sie finden alle Gedichte mit Kommentaren in diesem Blog); manche ähneln in ihren Themen den Sonetten von Petrarca, in vielen setzt er sich von ihm ab. Seine Laura heißt Stella, aber sie ist eine wohl eher eine literarische Phantasiefigur. Vielleicht war es seine Jugendliebe Lady Penelope Devereux, aber das weiß man nicht so genau. Sidney fühlt sich in dem neuen Medium Sonett nicht immer zuhause, wie er in dem ersten Sonett schreibt:

But words came halting forth, wanting invention’s stay;
Invention, Nature’s child, fled step-dame Study’s blows;
And others’ feet still seem’d but strangers in my way.

Doch in dieser Schreibkrise kommt ihm seine Muse zu Hilfe: Fool,’ said my Muse to me, ‘Look in thy heart and write. Und so beginnt er dann zu schreiben: einhundertacht Liebessonette. Und macht sich ein wenig über Petrarca und Konsorten lustig, die die Qualen ihrer Liebespein in Verse bringen:

Some lovers speak when they their Muses entertain,
Of hopes begot by fear, of wot not what desires: 
Of force of heav'nly beams, infusing hellish pain: 
Of living deaths, dear wounds, fair storms, and freezing fires. 
Some one his song in Jove, and Jove's strange tales attires, 
Broidered with bulls and swans, powdered with golden rain; 
Another humbler wit to shepherd's pipe retires, 
Yet hiding royal blood full oft in rural vein. 
To some a sweetest plaint a sweetest style affords, 
While tears pour out his ink, and sighs breathe out his words: 
His paper pale despair, and pain his pen doth move. 
I can speak what I feel, and feel as much as they, 
But think that all the map of my state I display, 
When trembling voice brings forth that I do Stella love.

Mit dem of wot not what desires in der zweiten Zeile persifliert Sidney eine bei Petraca immer immer vorkommende Formel des Selbstzweifels, wie zum Beispiel in dem Vers ch‘i’ medesmo non so quel ch'io mi voglio, den Martin Opitz mit Ich weis nicht was ich wil ich wil nicht was ich weis übersetzt hat. Sidney hat seinen Petrarca schon genau gelesen. Den Druck seiner Liebesgedichte hat Sidney nicht mehr erlebt, es war ihm wohl auch nicht so wichtig. Der vollständige Text erschien zum erstenmal 1598 in seinem Hauptwerk Arcadia, das von seiner dichtenden Schwester, der Gräfin Pembroke, herausgegeben wurde.

Petrarca und seine Laura sind hier schon häufig erwähnt worden. Zuletzt am 6. April 2020 in dem Post Petraca (ancora una volta). Und in den Jahren davor in den Posts: 


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